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Was den einen Erholung vom Alltag ist, wird für die anderen zu einer alltäglichen Belastung: Weltweit explodieren die Touristenzahlen, in den letzten 15 Jahren haben sich die Einnahmen der Branche mehr als verdoppelt, in Mallorca kamen im Juli 2016 1,8 Millionen Besucher auf 900000 Einheimische. Diese protestierten – als Touristen verkleidet – in Tennissocken und mit umgehängter Kamera. Damit griffen sie zwei Aspekte auf, die rund um das historisch junge Phänomen Massentourismus seit je zentral sind: ästhetische Abgrenzung (schlecht angezogene Touristen sind immer die anderen) und das Faszinosum Urlaubsfotografie.
Auf den Spuren von Twain, Barthes und Enzensberger besichtigt Marco d’Eramo unser touristisches Zeitalter. Warum verrenken wir uns, um uns – notfalls unter Einsatz eines Selfie-Sticks – vor Bauwerken abzulichten, die wir »in echt« weniger beeindruckend finden als im Reiseführer? Was zeichnet ihn aus, den touristischen Blick? Und wie verändert der Tourismus Destinationen wie Las Vegas, Paris oder Venedig? Eine essayistische Tour d’Horizon, nach deren Lektüre Sie Sehenswürdigkeiten mit anderen Augen sehen werden.
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Seitenzahl: 452
Veröffentlichungsjahr: 2018
Marco d’Eramo
Die Welt im Selfie
Eine Besichtigung des touristischen Zeitalters
Aus dem Italienischen von Martina Kempter
Suhrkamp
Inhalt
1. Die wichtigste Industrie des Jahrhunderts
2. Die schönste Kanalisation der Welt
3. Tripadvisor, gez. Mark Twain
4. Tourismen à la carte
5. Kurzer Zwischenruf aus der Terraforschung
6. Tourist City
7. Gut gemeinter Städtemord
8. Lijiang oder die Erfindung der Authentizität
9. Weiter von Las Vegas lernen
10. Die Zonierung der Seele
11. Hoch lebe die Entfremdung ! Oder : Häuten wir die hegelsche Zwiebel
12. Die Sehnsucht nach dem Anderen
13. Die Welt zur freien Verfügung
14. Die Menüs des Lebens
15. Eines Tages vielleicht
16. Postskriptum
Anmerkungen
Bibliografie
Register
Die Welt im Selfie
1.
Die wichtigste Industrie des Jahrhunderts
Rom : Im August treiben durch die menschenleere Stadt nur Scharen erhitzter Touristen, vertieft in ihre anstrengende Pflicht : die Gesichter puterrot, Plastikflaschen in der Hand. Die Rollläden sind heruntergelassen, die Straßen von den Obdachlosen in Beschlag genommen, die dort auch tagsüber schlafen. Über allem weht ein Hauch von Verlassenheit, als hätte ein Rattenfänger von Hameln alle Einwohner mit sich fortgeführt. So zeigt sich uns die Touristenstadt ganz unverstellt : eine leere Hülle, eine Theaterkulisse.
»Touristenstadt« ist ein dermaßen gängiger Begriff, dass er fast schon abgegriffen wirkt. Dabei hat vor der unseren noch keine Kultur je etwas kennengelernt, das man als »Touristenstadt« bezeichnen könnte, ist diese als solche doch eine absolute Neuigkeit der Moderne. Wie der Sport oder die Werbung zählt der Tourismus zu jener Kategorie von sozialen Phänomenen, die allgegenwärtig und vertraut, aber immer noch und in jedem Fall unverdaut und unverarbeitet sind : Sie entziehen sich der Befragung, Reflexion prallt an ihnen ab. Wie über den Sport und die Werbung gibt es inzwischen zwar auch über den Tourismus eine schier unerschöpfliche Literatur, aber die begriffliche Bearbeitung bleibt fragmentarisch : Texte ohne Zahl, aber die neuen Ideen sind winzige Klümpchen in einem riesigen Komposthaufen. Und die wirklich originellen Beiträge lassen sich an den Fingern einer Hand abzählen.
Da der Tourismus sogar noch wichtiger ist als der Sport und die Werbung, kann man durchaus so weit gehen, unsere Epoche als »Zeitalter des Tourismus« zu bezeichnen, so wie man vom Zeitalter des Stahls oder dem Zeitalter des Imperialismus gesprochen hat. Wenn der Tourismus nun aber für eine ganze Epoche, nämlich unsere, bezeichnend ist, so hat diese Epoche, wie alle anderen, irgendwann ihren Anfang genommen und wird irgendwann auch ihr Ende finden, die Bezeichnung enthält insofern also auch eine Zukunftsprognose, die es zu verifizieren gilt.
Wenn ich unsere Epoche als »Zeitalter des Tourismus« bezeichne, ist das nicht einfach nur so dahergesagt. Auf Anhieb lassen sich dafür zwei Gründe anführen (andere werden später folgen).
1.) Zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit war in unserer Zeit die Forderung nachReisefreiheit der Auslöser für den Zusammenbruch eines großen Herrschaftsgefüges (analog zur Ermordung des Erzherzogs Franz Ferdinand von Habsburg für den Ausbruch des Ersten Weltkrieges). Wenigen ist bewusst, dass die Verkettung von Ereignissen, die letztlich zum Fall der Berliner Mauer führte, im Sommer 1989 von der Entscheidung der ungarischen Behörden in Gang gesetzt wurde, die Schlagbäume an der österreichischen Grenze zu heben, mit der Folge, dass 13 000 Touristen aus der DDR die Grenze passierten. Die DDR-Behörden genehmigten daraufhin keine Reisen nach Ungarn mehr, aber sogleich strömten Tausende Menschen in die westdeutschen Botschaften in Prag und Warschau, um von dort aus in die BRD zu gelangen. Bis die Regierung sich am 9. November gezwungen sah, Hunderttausenden vor der Mauer wartenden Bürgern die Erlaubnis zu erteilen, in den Westen zu gehen, und damit den Prozess, der nicht einmal zwei Jahre später zum Zusammenbruch der Sowjetunion führen sollte, unumkehrbar machte. Noch fünfzig Jahre zuvor wäre es undenkbar gewesen, dass ein Regime, das über Atomwaffen und einen gewaltigen Militärapparat verfügte, sich durch die Forderung nach Reisefreiheit hätte in die Knie zwingen lassen !
Welch politische Schlüsselstellung der Tourismus in unseren Gesellschaften errungen hat, verdeutlicht auch das Aufkommen von »Terror gegen den Tourismus«. In zweifacher Hinsicht : Zum einen, wenn Touristen ermordet werden, wie in Ägypten am 17. November 1997, als beim Totentempel von Königin Hatschepsut in Luxor 62 Menschen, darunter 58 Touristen, getötet wurden, oder wie in Indonesien am 12. Oktober 2002, als in zwei Lokalen auf Bali 202 Menschen, darunter 164 Touristen, durch Bomben ums Leben kamen ; oder beim Anschlag auf das Nationalmuseum von Bardo in Tunis, dem am 18. März 2015 24 Menschen, darunter 21 Touristen, zum Opfer fielen ; oder auch bei der Explosion in einem russischen Flugzeug, das am 31. Oktober 2015 224 Touristen aus dem ägyptischen Badeort Scharm el Scheich nach Hause befördern sollte ; bei dem Selbstmordattentat in Sultanahmet in der Nähe der Blauen Moschee im Herzen des touristischen Istanbul, bei dem am 12. Januar 2016 zehn Menschen, allesamt Touristen, ihr Leben ließen, oder bei dem Anschlag auf dem Boulevard La Rambla in Barcelona am 17. August 2017 mit 14 Toten und 130 Verletzten.1 Zum anderen zeigt sich der »Terror gegen den Tourismus« darin, dass touristische Attraktionen wie Denkmäler, Tempel, Ausgrabungsstätten, Zitadellen zerstört werden. Die Liste solcher Zerstörungen ist endlos lang und verlängert sich mit jedem Tag : Man denke nur an die beiden Buddha-Statuen von Bamiyan in Afghanistan, 2001 in die Luft gesprengt von den Taliban ; das Minarett der Großen Moschee von Samarra im Irak, demoliert 2005 ; die Baudenkmäler und Mausoleen von Timbuktu in Mali, zerstört 2012 ; die Entwicklung beschleunigt sich nochmals im Jahr 2015, als das römische Amphitheater von Bosra und die antike Stadt Palmyra in Syrien sowie die Stadtanlage von Baraqisch im Jemen beschädigt und die herrlichen assyrischen Ruinen in Nimrud und Hatra im Irak zerstört wurden. Und im Januar 2017 wurde in Palmyra ein weiteres Amphitheater gesprengt … Die touristischen Sehenswürdigkeiten sind das Ziel von Anschlägen, weil sie symbolischen Wert besitzen, ja Sinnbilder der Werte sind, die die Terroristen bekämpfen ; aber zerstört werden sie auch, um dem Feind ökonomische Ressourcen zu entziehen, werden durch sie doch stetig wachsende Einnahmen generiert.
2.) Und so kommen wir zum zweiten Grund, weshalb der Tourismus unserer ganzen Epoche seinen Stempel aufgeprägt hat. Er liegt auf der Hand : Der Tourismus ist zur wichtigsten Industrie dieses neuen Jahrhunderts geworden.
***
Laut der Weltorganisation für Tourismus (UNWTO) beliefen sich die Erträge aus dem internationalen Reisegeschäft 2016 auf 1,4 Billionen US-Dollar.2 Und allerorten wird der internationale Tourismus noch übertroffen vom lokalen : Nach New York kamen 2017 neben 12,6 Millionen ausländischen 49,2 Millionen Besucher aus den Vereinigten Staaten selbst.3 Frankreich vereinnahmt aus dem heimischen Tourismus mehr als doppelt so viel (108,1 Milliarden Euro) wie mit Touristen aus dem Ausland (50,8 Milliarden Euro ; Daten für das Jahr 2016),4 und doch ist es das Land mit den meisten ausländischen Besuchern : 2016 kamen dorthin 82,6 Millionen Besucher aus dem Ausland, gegenüber je 75,6 Millionen in den USA und in Spanien, 59,3 in China, 52,4 in Italien.5 In den Vereinigten Staaten beliefen sich die Umsätze aus dem internationalen Tourismus 2016 auf 153,7 Milliarden Dollar, während die aus dem heimischen Tourismus bei 836,6 Milliarden Dollar (mehr als das Vierfache) lagen.6 Berechnungen zufolge beträgt der globale Umsatz mit Tourismus ungefähr das Fünffache von dem des internationalen Tourismus und beläuft sich auf 7600 Milliarden Dollar (10 Prozent des weltweiten BIP bzw. eineinhalbmal so viel wie das BIP Japans, der drittstärksten Wirtschaftsmacht der Erde) und umfasst 292 Millionen Arbeitsplätze (rund 10 Prozent sämtlicher Arbeitsplätze).7
Die Bedeutung des Tourismus für die nationalen Ökonomien lässt sich schwerlich überschätzen. In Europa leistete der Tourismus 2016 einen (direkten und indirekten) Beitrag zum europäischen BIP in Höhe von 10,2 Prozent. In Spanien trägt der Tourismus sogar mit 14,2 Prozent zum BIP und mit 14,5 zur Beschäftigung bei, in Frankreich mit 8,9 Prozent zum BIP und mit 9,9 zur Beschäftigung, in Italien mit 11,1 Prozent zum BIP und mit 12,6 zur Beschäftigung (Zahlen für 2016).8 Allgemeiner lässt sich sagen, dass der Tourismus in denjenigen Ländern oder Städten eine abnorme Bedeutung hat, in denen die Zahl der Besuche aus dem Ausland die Zahl der Einwohner übersteigt (wie das in Frankreich, Spanien, Griechenland, Portugal, aber auch in der Tschechischen Republik der Fall ist). Wenn im Übrigen die Finanzmetropole London während der großen Krise 2008 / 09 nicht allzu sehr unter der Rezession gelitten hat, so deshalb, weil der Wertverlust des Pfund zu einer Zunahme des Fremdenverkehrs aus dem Ausland führte und die finanziellen Verluste der City bei der Beschäftigung und den Einkünften wieder wettmachte.
Tatsächlich muss man zum direkten Umsatz sämtliche mit dem Tourismus verbundenen Wirtschaftszweige hinzurechnen. Unter direktem Umsatz versteht man dabei die Beherbergungs- und fast die ganze Verpflegungsindustrie sowie den Umsatz, der mit dem Transport von Touristen erzielt wird. So beliefen sich beispielsweise die Einkünfte aus dem internationalen Flugverkehr 2016 auf 709 Milliarden US-Dollar.9 Neben diesen Industrien, die vollumfänglich zur Kategorie »Tourismus« gehören, gilt es weitere zu berücksichtigen : zunächst die Flugzeugbauindustrie (und die Flughafenindustrie), die zum Großteil für den Tourismus arbeitet, sodann den Schiffsbau (von Kreuzfahrtschiffen und Privatwasserfahrzeugen). Vom Tourismus speist sich auch ein Gutteil der Automobilindustrie, des Bauwesens (Zweitwohnsitze, Hotels, Touristenresorts) sowie des Straßen- und Autobahnbaus (letztlich also auch der Zement- und der Stahlindustrie). Natürlich ist der Wohnungsbau nicht als eine vom Tourismus abhängige Industrie entstanden (es gibt ihn schon ein paar Jahrtausende länger), es lässt sich jedoch nicht ohne Weiteres einschätzen, wie viele Gebäude weniger ohne den Tourismus gebaut würden. Um die kolossale Dimension der touristischen Bauspekulation festzustellen, braucht man in Spanien bloß die andalusische Küste mit ihren scheußlichen seriellen Betonburgen oder in der Türkei an der Ägäis entlangzufahren, wo endlos lange Reihen verwahrloster und oft leerstehender sitesi auf Käufer, meist nach Deutschland emigrierte Türken, warten. Vom Tourismus konzeptionell ebenfalls unabhängig ist die Luftfahrtindustrie, aber auch hier ist schwer zu ermitteln, wie viele Flugzeuge weniger unterwegs wären, wenn es den Tourismus nicht gäbe. Es wäre interessant, für den Tourismus ein Leontief-Modell aufzustellen.
Weiterhin gibt es die Souvenir-, Postkarten-, Reiseführer- und Landkartenindustrie … Von anderen, weniger respektablen Industrien, die nur dank dieses Sektors der Weltwirtschaft existieren, ganz zu schweigen. Es handelt sich inzwischen um eine ganze Galaxie von Firmen und Institutionen (Reisebüros, Hotelketten, Reisebuchverlagen, lokalen Tourismusinformationsstellen, Werbeagenturen, ganze staatliche Abteilungen und örtliche Behörden, eigens eingerichtete Bank-Servicestellen mit dem Auftrag, Kredite zur Urlaubsfinanzierung einzuräumen und zu verkaufen, Immobilienunternehmen – die Liste ließe sich endlos fortsetzen), die Stephen Britton »tourism production system«, den touristischen Produktionsapparat, genannt hat.10
Gerade weil er eine so gewichtige Infrastruktur (und einen solchen »Überbau«) mitbringt, ist der Tourismus auch der größte Umweltverschmutzer : Der UNWTO zufolge verursacht allein der touristische Luftverkehr fünf Prozent der globalen menschlichen Kohlenstoffemissionen, und wenn die aktuelle Entwicklung sich fortsetzt, werden im Jahr 2035 die touristischen Kohlenstoffemissionen um 130 Prozent angestiegen sein :11 Aus diesem Grund wird immer häufiger ein »nachhaltiger Tourismus« beschworen, ein ebenso widersprüchlicher Begriff wie »nachhaltige Entwicklung«.
Aber das CO ist nur ein kleiner Aspekt der gesamten durch den Tourismus verursachten Umweltzerstörung. Man denke nur an den Wintertourismus : Auf Skiern unter Ausnutzung der reinen Schwerkraft und des Reliefs unserer Erde eine verschneite Piste hinunterzugleiten, ist eine der anmutigsten Bewegungen, die sich der Mensch vorstellen kann. Damit sich diese nahezu immaterielle Eleganz verwirklichen kann, bedarf es der Errichtung imposanter Liftanlagen und des Einsatzes von Schneekanonen (denn bei der Abfahrt führt jeder Skiläufer Schnee mit sich nach unten ; selbst ohne globale Klimaerwärmung und wenn Schnee meterweise fiele, würde der »natürliche« Schnee niemals ausreichen). Man braucht Straßen, die Täler durchschneiden, damit man zu den Skistationen gelangt, außerdem Gebäude en masse, so dass aus einstmals im Winter verlassenen und stillen Landstrichen heute kleine lärmige Städte geworden sind, bewohnt von Zehntausenden Menschen, die Elektrizität, Toiletten, Wasser, Verpflegung benötigen und dadurch die Landschaft und das Klima verändern. Wenn man im Sommer in den Bergen wandert, sieht man die Verwüstungen, welche die Winterpisten dort hinterlassen. Fakt ist, dass unser Begriff von Industrie (und mithin von Finanzwirtschaft) obsolet geworden ist : Nach wie vor gehen wir davon aus, die »echte Industrie« sei der Bergbau, die Eisenindustrie, die Schiffswerften, die Autofabriken, kurzum : Kohle, Strom, Stahl, und im Tourismus sehen wir, im Gegensatz zur »echten« Struktur, zur realen Ökonomie, einen »postmodernen«, lediglich »aufgesetzten« Schnörkel.
In Wahrheit ist gerade der Tourismus die schwerste, die wichtigste Industrie des 21. Jahrhunderts : Er bringt den größten Cashflow hervor und zeigt uns, wie absurd die Gegenüberstellung von modern und postmodern ist, denn insofern er »überflüssig« ist, gehört der Tourismus von Rechts wegen zur Postmoderne, aber seine mit Autos, Stahl, Flugzeugen, Schiffen, Zementwerken verbundene Materialität verortet ihn inmitten der industriellen Schwergewichtigkeit der Moderne.
***
Erinnern wir uns, dass der Tourismus im modernen Verständnis eine Erfindung des 19. Jahrhunderts ist und dass er seinen Boom im vergangenen Jahrhundert erlebte. In Schwung kam er im 19. Jahrhundert dank der unglaublichen Revolution des Verkehrs- und Kommunikationswesens (Eisenbahn und Dampfschifffahrt, Telegrafie), aber erst im 20. Jahrhundert hat sich unsere Gesellschaft zu einer vollwertigen »touristischen Gesellschaft« entwickelt. Im 19. Jahrhundert sehen wir mit dem Unternehmen von Thomas Cook das erste Reisebüro entstehen. Auf Thomas Cook (1808-1892) geht die erste organisierte Exkursion (1841) zurück, die erste Gruppenreise (1845), die erste organisierte Reise um die Welt (1872) zum Preis von 200 Guineen und in 222 Tagen (unter anderem erfand Thomas Cook 1874 auch eine Vorform der späteren Travellerschecks).12 Zur selben Zeit entstand die Industrie der Reiseführer, von denen einige sogar zum Synonym für diese Sorte Bücher wurden, etwa die Reihe des Deutschen Karl Baedeker oder andere ziemlich berühmte, wie die des Engländers John Murray III. (sein Vater John Murray II. war der Verleger von u. a. Jane Austen sowie Lord Byron und dachte sich für die Reiseführer seines Filius den Begriff Handbook aus). Auf Murrays Reiseführer gehen auch die Sterne zur Kennzeichnung besonders interessanter Orte zurück.13
Von Anfang an ließ die Mobilität, die durch die neuen Verkehrsmittel immer breiteren Bevölkerungskreisen zuteilwurde, eine Entwertung des Reisens befürchten. In der Ausgabe des Blackwood’s Edinburgh Magazine vom August 1848 eröffnete ein Artikel mit dem Titel »Modern tourism« folgendermaßen :
Die Vorzüge von Eisenbahn und Dampfschifffahrt sind über die Maßen gepriesen worden, und wir möchten ihren Nutzen nicht in Abrede stellen. Ohne Zweifel bringen sie uns in einer für unsere Eltern noch unvorstellbaren Geschwindigkeit von einem Ort zum anderen […]. Zweifellos sind sie für den Reisenden, der innerhalb von zwei Wochen nach Amerika gelangen möchte, wirklich bequem […]. Doch haben sie unsere Generation mit einer grausamen Geißel geschlagen : Sie haben Europa mit Touristen überzogen …14
Die Eisenbahn, schrieb John Ruskin 1849, »verwandelt den Menschen aus einem Reisenden in ein lebendiges Paket« ; ein französischer Zeitgenosse Ruskins befand, der Bahnreisende kenne kaum »die Namen der Städte, die er passiert hat, und nur flüchtig erkennt er sie an den Türmen der berühmtesten Kathedralen, welche ihm wie die Bäume einer weit entfernten Chaussee erscheinen«. Der Metapher vom »Touristen als Postpaket« war in den folgenden eineinhalb Jahrhunderten großer Erfolg beschieden.15
Auf damals geht die Unterscheidung zwischen dem »Reisenden« und dem »Touristen« zurück, wobei ersterem eine positive, letzterem eine negative Bedeutung vorbehalten ist : 1871 schrieb der englische Geistliche Robert Kilvert in sein Tagebuch : »Wenn mir etwas ganz besonders zuwider ist, dann, wenn man gesagt bekommt, was man bewundern soll, und mit dem Zeigestock darauf gestoßen wird. So ist von allen Schädlingen der Tourist der schädlichste.«16 Noch heute sprechen wir von »Touristenhorden«. Und nicht zufällig wurde der Begriff in Frankreich 1872 von Joseph Arthur de Gobineau geprägt, der wegen seines Essai sur l’inégalité des races humaines als Begründer der rassistischen Theorien gilt : »An Bord des Schiffes […] befand sich auch eine Gruppe von jenen Herdenvieh-Reisenden, die die Mode jedes Jahr aus ihren Gehegen aufscheucht, weil sie, wie sie angeben, eine Orientreise machen wollen.«17 Allerdings benutzte bereits sieben Jahre zuvor ein Engländer, den Daniel Boorstin anführt, solche Begriffe wie »Herden, Rudel, Schwärme« (droves, herds, flocks) zur Beschreibung von Touristen in italienischen Städten und verglich den Reiseführer mit einem Schäferhund.18
Die Verachtung für die Massen kleidet sich in einen wohlfeilen Aristokratismus, wie ihn Evelyn Waugh 1930 treffend formuliert : »Im Ausland sieht sich jeder Brite bis zum Beweis des Gegenteils gern als Reisender, nicht als Tourist.«19
Diese soziale Geringschätzung ist einem Mechanismus geschuldet, den Pierre Bourdieu in seinem soziologischen Seminar regelmäßig anführte. Demnach manifestiert sich der Klassenkampf oft in Form einer zeitlich gestaffelten Aufholjagd : Aufzuholen gilt es erst bei der mittleren, später bei der höheren Schulbildung ; zunächst erhielten nur die herrschenden Klassen eine Schulbildung, dann die wohlhabenden ; schließlich wurde die Schule zur »Pflicht«, und ihre Dauer verlängerte sich ; aufzuholen gilt es beim Kauf von Automobilen, die zunächst nur einigen wenigen vorbehalten sind, dann in die Reichweite fast der gesamten Bevölkerung kommen ; aufzuholen gilt es beim Genuss von Urlaub. Aber im Übergang vom Privileg einiger weniger zur sozialen Praxis der Mehrheit ändert sich bei jeder dieser sozialen »Errungenschaften«, jeder dieser rattrappages das Vorzeichen und der Wert. So stellte früher einmal die Abiturprüfung am humanistischen Gymnasium das Eintrittszeugnis zur herrschenden Klasse dar (nur wer die Prüfung bestanden hatte, konnte in Italien beispielsweise die Laufbahn des Offiziersanwärters in der Armee einschlagen), aber mit der Massenuniversität kann nicht einmal mehr der Hochschulabschluss diesen Zugang garantieren. Die Aufholjagd löst Bourdieu zufolge die Entwertung der (inflationär ausgestellten) Bildungstitel aus.20 Allgemeiner gesprochen, verliert jede soziale Praxis bei ihren Nutznießern desto mehr an Wertschätzung, je weitere Verbreitung sie in der »Masse« findet :
Die allen Arten sozialer Prozesse zugrunde liegende Dialektik von »déclassement« und »reclassement«, von Abstufung und Umstufung, impliziert zwingend, daß alle beteiligten Gruppen in dieselbe Richtung rennen, den Blick auf dieselben Ziele und dieselben Eigenschaften und Merkmale gerichtet – nämlich jene, die durch die Gruppe an der Spitze vorgegeben werden, den nachfolgenden Gruppen aber per definitionem unerreichbar sind, insofern sie, was sie an und für sich auch immer sein mögen, durch ihre distinktive Seltenheit ausgezeichnet und umgewandelt sind und sie, einmal vermehrt, verbreitet und auch für Gruppen mit niedrigerem Rang zugänglich, nicht mehr das sind, was sie unter Voraussetzung ihrer Seltenheit sind.21
Im Zuge dieser Dynamik wandelt sich die »Sommerfrische« zum »Urlaub«. Die Etappen zunehmender Geringschätzung der »Touristen« durch die »Reisenden« spiegeln die Ausbreitung der Vergnügungsreise wider, die erst von der Aristokratie aufs Bürgertum (19. Jahrhundert), dann vom Bürgertum aufs Proletariat (20. Jahrhundert) übergreift. Bereits 1902 schrieb ein gewisser A. I. Shand in seinen Reisen in der guten alten Zeit. Persönliche Reminiszenzen an den Kontinent, wie er vor vierzig Jahren war, verglichen mit den Erfahrungen der Gegenwart : »Touristen waren damals vergleichsweise selten, und den reisenden Pöbel von heute [cheap trippers] gab es noch nicht.« Ja mehr noch : »Die Sommerfrische Europas (die Schweiz) ist jetzt überschwemmt mit Sightseeing-Touristen ; die heiligen Stätten, wo früher noch unangefochten urtümliches Chaos und Finsternis walteten, sind nunmehr entweiht und vulgär geworden.«22
Bereits seit dem Ende des 16. Jahrhunderts war eine »Vergnügungs- und Bildungsreise« für die Sprösslinge aus den Adelshäusern Vorschrift (und Privileg). Wie uns Francis Bacon in seinem zweiseitigen Essay mit dem Titel Über das Reisen (1625) mitteilt, war es im Hinblick auf die später so genannte Grand Tour für einen jungen Mann unerlässlich, die Sprachen der Länder, die er besuchen wollte, vorab zu erlernen ; außerdem sollte ihn ein ortskundiger Tutor, auch zur Überwachung seiner Fortschritte, begleiten. Die gesellschaftliche Klasse des Lesers, an den sich der Philosoph und Großsiegelbewahrer Bacon wendet, geht aus seinen Ratschlägen klar hervor :
Was man sehen und studieren soll, sind die Höfe der Fürsten, zumal, wenn sie gerade Gesandte empfangen ; die Gerichtshöfe, während Sitzungen abgehalten und Rechtsfälle verhandelt werden ; im gleichen Fall Kirchenversammlungen ; die Kirchen und Klöster nebst den darin enthaltenen Denkmälern ; die Wälle und Befestigungen von Haupt- und anderen Städten ; desgleichen die Häfen und Buchten ; alte Kunstwerke, Ruinen, Büchereien, Hochschulen, Streitgespräche und Vorlesungen, wo es deren gibt ; Handels- und Kriegsflotten ; Prachtbauten und Lustgärten in der Nähe großer Städte ; Rüstkammern, Zeughäuser, Pulverkammern, Wechselbanken, Börsen, Reit-, Fecht- und Kriegsübungen und dergleichen mehr ; ferner Schauspiele, doch nur solche, welche Leute von Stand zu besuchen pflegen ; Schatzkammern für Juwelen und Staatsgewänder ; Kunstkammern und Seltenheiten, eben alles, was sonst in den besuchten Orten Merkwürdiges vorhanden ist und wonach die Erzieher oder Hofmeister sich sorgfältig erkundigen sollten. Was Prachtaufzüge, Masken, Festlichkeiten, Hochzeiten, Begräbnisse, Hinrichtungen und ähnliche Schauspiele anbelangt, so soll man den Geschmack daran nicht unnötig wecken, sie jedoch nicht gänzlich außer acht lassen.23
Die Grand Tour war für den Adel des 18. Jahrhunderts mehr oder minder eine Pflichtübung. Für einen Adligen aus dem Piemont wie Vittorio Graf Alfieri (1749-1803) bedeutete sie den Besuch von Mailand, Florenz, Rom, außerdem Paris, London, St. Petersburg, Spanien, Portugal, Deutschland, Holland.24
In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts war die Grand Tour so verbreitet, dass sie der Bannstrahl Adam Smiths (1723-1790) traf, der sie in seinem Hauptwerk The Wealth of Nations vernichtend kritisierte :
In England wird es immer üblicher, junge Menschen unmittelbar nach Schulabschluß auf Reisen ins Ausland und nicht auf eine Universität zu schicken. […] Gewöhnlich erwirbt [der junge Mann] sich auf seinen Reisen einige Kenntnis in ein oder zwei Fremdsprachen, die aber selten ausreicht, die Sprachen hinlänglich zu sprechen oder zu schreiben. Andererseits kehrt er häufig überheblicher, ohne feste Grundsätze, haltloser und unfähiger, ein Studium oder eine Berufsausbildung ernsthaft zu betreiben, zurück, als wenn er diese kurze Zeit zu Hause geblieben wäre. Wenn jemand in so jungen Jahren reist und die kostbarsten Jahre seines Lebens, der Obhut und Kontrolle der Eltern und Verwandten entzogen, in höchst liederlichem Müßiggang zubringt, so kann sich jeder gute Ansatz einer früheren Erziehung weder festigen noch entwickeln, ja, er wird fast notgedrungen geschwächt oder im Keime erstickt […]. Ein Vater, der seinen Sohn ins Ausland schickt, hat wenigstens für kurze Zeit Ruhe vor einem Sohn, der unbeschäftigt ist, sich vernachlässigt und zu einem Nichtstuer wird.25
Adam Smith steht am Anfang einer langen Reihe strenger Sittenrichter, die mit Worten geißeln, was sie durch ihr Tun billigen : Er hatte nämlich bei dem ungemein wohlhabenden Herzog von Buccleuch eine Erzieherstelle angetreten, nur um im Januar 1764 dessen Sprössling Henry Scott auf die europäische Grand Tour begleiten zu können, was ihm erlaubte, zweiunddreißig Monate auf dem Kontinent zu verbringen und mit den bedeutendsten Ökonomen seiner Zeit zusammenzutreffen.
Bei seiner Kritik an der Grand Tour vernachlässigte Smith ein Schlüsselelement : dass nämlich das Kapital der Spieler im gesellschaftlichen Spiel (ihr »Einsatz«) nicht nur ein ökonomischer, sondern auch ein symbolischer und sozialer ist, und dass diese beiden Formen von Kapital wesentliche Trümpfe im Spiel darstellen. Aus diesem Grund nehmen die herrschenden Schichten oft Ausgaben ohne unmittelbaren ökonomischen Nutzen auf sich, handelt es sich doch um regelrechte Investitionen, die ökonomisches Kapital in symbolisches Kapital verwandeln. Dieser Investition hingegen durchaus bewusst war sich ein illustrer Zeitgenosse von Adam Smith, »Doktor« Samuel Johnson (1709-1784), dem zufolge »ein Mann, der nicht in Italien gewesen ist, sich stets seiner Unterlegenheit bewusst ist, da er nicht gesehen hat, was dem Vernehmen nach ein jeder einfach gesehen haben muss. Das große Ziel eines jeden Reisenden ist es, die Küsten des Mittelmeeres zu sehen.«26
In Bourdieus Begriffen bestätigt Samuel Johnson hier, dass die Italienreise im 18. Jahrhundert für eine Person comme il faut einen unverzichtbaren Bestandteil des symbolischen Kapitals darstellt, da der, dem sie fehlt, »sich stets seiner Unterlegenheit bewusst ist« : Die Reise ihrerseits erfordert Ressourcen (ökonomisches) und Beziehungen (soziales Kapital), wie sie eine distinguierte Person ausmachen.
Ein Rat, den man den abreisebereiten Sprösslingen unermüdlich mit auf den Weg gab, lautete, stets einen Zeichenblock bereitzuhalten, um Landschaften oder spektakuläre Anblicke, denen sie auf der Reise begegneten, zeichnerisch (mit Tempera- oder Aquarellfarben) festhalten zu können, was den Effekt hatte, dass die Reisenden bei allem, was sie beobachteten, das »Malbare« privilegierten. So kam es zur Entstehung der Kategorie des »Pittoresken« (wörtlich »was sich zum Malen eignet«), die zu einem wesentlichen (und später eher belächelten) Kriterium des künftigen Tourismus werden sollte.
Vielleicht ist es nützlich anzumerken, dass in den bald drei Jahrhunderten, in denen sich das Ritual der Grand Tour herausbildete, das europäische Verlagswesen eine üppige Produktion von Reiseführern avant la lettre herausbrachte, mit einem allerdings grundlegenden Unterschied im Vergleich zu den Handbooks von Murray und Baedeker aus dem 19. und den Michelin- und Lonely-Planet-Führern aus dem 20. Jahrhundert : Während die Reiseführer seit der Mitte des 19. Jahrhunderts (also seit der Revolution der Verkehrsmittel) die Reiseziele (Orte, Sehenswürdigkeiten) beschreiben, wird in denen aus früheren Jahrhunderten vor allem eine Methode empfohlen. Wie den Titeln zu entnehmen, handelt es sich eher um Handbücher als um Reiseführer, um Bücher zur »Bildung« oder Belehrung :
A Booke Called the Treasure of Travellers (William Bourne, 1578), A Direction for Travellers (Justus Lipsius, 1592), Instructions for Forreine Travell (James Howell, 1642), Directions for Seamen Bound for Voyages (Laurence Rooke, 1665), De L’Utilité des Voyages et l’advantage que la recherche des Antiquités procure aux savants (Baudelot de Dairval, 1686), General Heads for the Natural History of a Country Great or Small, Drawn out for the Use of Travellers and Navigators (Robert Boyle, 1692), Brief Instructions for Making Observations in All Parts of the World (John Woodward, 1696), The Method of Inquiry into the State of Any Country (William Petty, Marquis of Lansdowne [1737-1805]), Essai d’instructions pour voyager utilement (Jean Fréderic Bernard, 1715), Instructions for Travellers (Josiah Tucker, 1757).27
Der Unterschied zwischen den »Handbüchern« der Grand Tour und den modernen »Reiseführern« klärt uns darüber auf, welches Bild sich die Autoren jeweils von ihren Lesern machten : In den Handbüchern ging es darum, den Blick des Reisenden, der einem vorschwebte, auf bestimmte Gegenstände und Ereignisse zu lenken, da die einzelnen Reiseziele ohnehin feststanden ; man erklärte das Wie, nicht das Wohin des Reisens und Schauens ; in den Reiseführern hingegen erklärte man, wohin man gehen sollte, wie man am besten hinkam und zu welchem Preis (während man sich früher niemals zu einem solch vulgären Thema herabgelassen hätte), denn wie man vermutete, waren es genau diese Angaben, die dem Reisenden fehlten. Zwischen den Handbüchern und den Reiseführern liegt derselbe Unterschied wie zwischen der Aristokratie, an die sich erstere, und dem Bürgertum, an das sich letztere wandten.
Hier ist mit Händen zu greifen, wie sich Inhalt und Bedeutung der Praktiken verändern, die die aufholenden Schichten von den eingeholten Schichten entlehnen. Als das aufstrebende Bürgertum zu Beginn des 19. Jahrhunderts dem Adel in der Praxis der Grand Tour nacheiferte, um sich das kulturelle Kapital anzueignen, das aus der großen Reise erwuchs, verwandelte sich die Tour in etwas anderes, genauso wie sich die Texte mit Ratschlägen und Vorschriften für die jungen adligen Reisenden in Reiseführer verwandelten. Die Aufholjagd kommt nie ans Ende, und mit jeder Etappe verändert sich die verfolgte Praxis. In den angelsächsischen Ländern wird bis zum heutigen Tag eine Form von Grand Tour praktiziert : in Großbritannien in Gestalt des gap year, einer einjährigen Pause zwischen Gymnasium und Universität, dafür vorgesehen, um die Welt zu bereisen, während die Big OE (Overseas Experience) in Neuseeland länger dauert und einer Phase nach dem Universitätsstudium zugeordnet ist.28
Die Dynamik der Aufholjagd zwischen Bürgertum und Adel reproduziert und wiederholt sich innerhalb der verschiedenen Schichten des Bürgertums selbst. Dabei umweht das bürgerliche Aufholen von Anfang an eine Verachtung, die für die beiden nachfolgenden Jahrhunderte kennzeichnend ist : 1817 rümpft Stendhal (der nicht einmal adlig war) die Nase über die vielen Ausländer auf dem Spazierweg im Parco delle Cascine in Florenz, »verstopft von sechshundert Russen oder Engländern. Florenz ist ein Museum voller Ausländer, die ihre eigenen Gepflogenheiten dorthin verpflanzen.«29
Diese Haltung finden wir bei unzähligen späteren Schriftstellern und Leitartiklern wieder : sich von der eigenen Herkunftsschicht freizuspielen durch eine Neubewertung des eigenen kulturellen Kapitals (welches darin bestehe, das Gesehene wirklich zu sehen und zu verstehen) und die Abwertung der anderen (bzw. ihres Unvermögens, wirklich zu sehen, was sie vor Augen haben, oder es vielleicht zu sehen, aber nicht zu begreifen).
Nach derselben Methode und erst nachdem der bezahlte Urlaub als Ergebnis großer sozialer Konflikte allmählich zu einem nahezu universellen Recht geworden war, wurde das frühere Privileg einiger weniger, bis dahin »Sommerfrische« genannt, zu einer verbreiteten sozialen Praxis, aber unter neuem Namen und mit neuer Bedeutung : »Ferien«. Die Verbreitung des bezahlten Urlaubs geht mit der Herausbildung des Tourismus Hand in Hand. In Frankreich erhielten als Erste die Offiziere der Armee bezahlten Urlaub, gefolgt 1858 von den Staatsbeamten (vierzehn Tage Urlaub ohne Gehaltseinbuße). In Deutschland kamen 1908 bereits 66 Prozent der in der Privatwirtschaft Angestellten in seinen Genuss.30 Aber zur wirklichen Kehrtwende kam es 1936 mit dem Gesetz der französischen Volksfront, das jedermann vier Wochen bezahlten Urlaub garantierte und damit die Praxis der »Ferien« auf die gesamte Arbeiterklasse ausdehnte. Erst die Ferien für alle ermöglichten der Bevölkerungsmehrheit das Reisen.
Je massenhafter der Tourismus tatsächlich praktiziert wird, desto mehr verfängt Gobineaus alte Stigmatisierung, denn der Tourist unterliegt zwei unerbittlichen Beschränkungen – des Geldes und der Zeit –, durch die ihm verwehrt bleibt, dass er sich mit Muße dem Reisen und der Besichtigung hingibt : Die Eile, das hit and rungehören untrennbar zum konventionellen Bild des Massentourismus dazu. Während die beschränkten Mittel natürlich stärkeren Zwang auf die urlaubenden Proletarier ausüben (und die ihnen zur Verfügung stehende Zeit verkürzen, weil jeder Reisetag kostet), betrifft die Zeitknappheit wiederum auch die neue herrschende Klasse, die im Unterschied zu den alten Eliten unermüdlich arbeitet : »Man ist sich heute im allgemeinen kaum dessen bewußt, was für ein einzigartiges und erstaunliches Phänomen eine ›arbeitende‹ Oberschicht darstellt«, schreibt Norbert Elias in Über den Prozeß der Zivilisation : »Warum unterwirft sie sich diesem Zwang, obgleich sie doch […] ›herrscht‹ und also kein Übergeordneter es von ihr verlangt ?«31 Wo ein viel beschäftigter Staatsmann wie Otto von Bismarck drei Monate pro Jahr auf dem Lande verbringen konnte, sind die heutigen Oligarchen stolz darauf, an sieben Tagen in der Woche vierzehn Stunden pro Tag zu arbeiten. Aber auf diese Weise werden sie niemals in den Genuss der Muße von »Reisenden« kommen, werden auch sie dem Proletarierschicksal, »Touristen« zu sein, nicht entrinnen.
In keiner touristischen Situation ist der ökonomische Zwang so augenfällig, so zur Schau gestellt und so verinnerlicht wie auf dem Campingplatz. Im Tourismus der Arbeiter wird das Campen zur Massenpraxis : Der erste organisierte Campingplatz, von dem man Kenntnis hat, wurde 1894 in Howstrake auf der Isle of Man eröffnet – zehn Jahre später standen darauf bereits 1500 Zelte –, aber erst mit der Verbreitung des Automobils und des Arbeiterurlaubs griff das Camping massenhaft um sich : 2015 zählten die knapp 30 000 Campingplätze der Europäischen Union 247 Millionen Übernachtungen.32 Auf der Skala der Verachtung, die den Tourismus im Zeitalter seiner Proletarisierung unauslöschlich befleckt, steht der Camper ganz unten. Wenn auch die Angehörigen der Industriebetriebe, die Arbeiter, Touristen werden, dann wird der Tourismus selbst zur »Industrie« (Touristikindustrie) und fällt unter die Kategorie des »Massenkonsums«, wird Bestandteil der »Massenkultur«, der man folglich getrost den verächtlichen Blick der Frankfurter Schule auf den »entfremdeten Konsum« anhängen kann.
Ohne zwei weitere zugehörige »Vermassungen«, die des Automobils und die des Fliegens, hätte der Tourismus jedoch nicht wirklich zum Massenphänomen werden können. Erst mit der Verbreitung des »Kleinwagens« (auch hier wieder die soziale Verachtung !) im Europa der fünfziger und sechziger Jahre des 20. Jahrhunderts und später mit den Billigflügen (die sich endgültig in den neunziger Jahren durchsetzten) wurde der Tourismus – speziell der internationale – zum richtiggehenden Massentourismus. In diesem Sinne ist die touristische Weltrevolution ein Phänomen der Nachkriegszeit :
Zwischen 1950 und 1992 hatte der internationale Tourismus, gemessen an der Zahl von Ankünften, jährliche Wachstumsraten von 7,2 Prozent. In den zehn Jahren von 1980 bis 1990 stiegen die Einkünfte aus dem internationalen Tourismus um 9,2 Prozent pro Jahr an, weit höher als die Wachstumsrate des Welthandels insgesamt.33
»1951 wurde Griechenland lediglich von fünfzigtausend Touristen besucht ; zehn Jahre später war die Zahl auf eine halbe Million angestiegen und 1981 auf fünfeinhalb Millionen«34 – 2015, so ließe sich anfügen, waren es dann bereits 23,1 Millionen.
Insgesamt gab es 1950 25,3 Millionen internationale Reisende ; 1960 69,3 Millionen ; 1970 158,7 ; 1980 204 ; 1990 425 ; 2000 753 ; 2010 946 Millionen ; 2015 eine Milliarde und 186 Millionen (Daten der World Tourism Organization). Wie man sieht, verdoppelt sich in den ersten zwanzig Jahren die Zahl der Reisenden alle zehn Jahre, während dieselbe Zahl sich in den letzten 63 Jahren insgesamt verfünfzigfacht hat ! (In den zehn Jahren zwischen 2000 und 2010 haben wir wegen zweier außergewöhnlicher Ereignisse einen Zuwachs um »nur« 25 Prozent : einmal wegen des 11. Septembers 2001 und dann wegen der Wirtschaftskrise der Jahre 2007 ff.))
Mit den Billigflügen hat sich der Tourismus globalisiert : Während in den fünfziger Jahren die fünfzehn wichtigsten Destinationen 98 Prozent der internationalen Reisen absorbierten, lag das Verhältnis 1970 bei 75 und sank dann bis 2007 auf 57 Prozent. Daran, dass der Tourismus inzwischen global ist, besteht kein Zweifel : Eine Milliarde und 186 Millionen Reisen pro Jahr bedeuten, dass einer von sieben Menschen Auslandsreisen unternimmt : eine monströse Flut, eine Horde, der ein jeder von uns wohl oder übel angehört. Zählte man zu guter Letzt auch noch Reisende im jeweils eigenen Land hinzu (deren Zahl man ermittelt, indem man die Anzahl der internationalen Touristen mit dem Faktor 4 multipliziert), so hätte man vor sich ein Bild der ganzen Menschheit in immerwährender, rastloser Betriebsamkeit.
2.
Die schönste Kanalisation der Welt
Bei seiner Erfindung im 19. Jahrhundert glich der Tourismus jedoch keineswegs dem heutigen, auch wenn die Einstellung der Touristen von damals jener der aktuellen ganz ähnlich war. Was im 19. Jahrhundert für eine (nützliche, angenehme, lehrreiche) Sehenswürdigkeit gehalten wurde, wird heute eher übergangen oder sogar gemieden, und dennoch zeigt sich in diesem Umstand nicht nur eine Distanz, sondern auch eine Nähe. Einige Beispiele : Vor allem nach der Weltausstellung 1867 (auf die wir bei Gelegenheit noch zurückkommen werden) entwickelte sich die Kanalisation von Paris zu einer unwiderstehlichen Touristenattraktion. In einem Artikel in der Zeitschrift Illustrated London News hieß es 1870 : »Zu den Pariser Attraktionen, die Besucher aus der Provinz und dem Ausland unbedingt besichtigen möchten, zählen die riesigen Abwasserkanäle unter der Stadt.«36 Die Besichtigungstouren hatten solch starken Zuspruch, dass die Teilnehmer gebeten wurden, auf Taschendiebe zu achten. Nicht nur das, sondern in den Illustrationen zum Artikel sind die Boote, die diese Kanäle beim Schein von Petroleumlampen befahren, voll besetzt mit weiblichen Besucherinnen, als verheiße ihnen der Untergrund Zerstreuung : Die Faszination für die Unterwelt, sowohl im wörtlichen als auch im übertragenen Sinn, für underworld wie demi-monde, lag in der Luft, und der Roman Aufzeichnungen aus dem Untergrund von Fjodor Dostojewski war drei Jahre vor der Pariser Expo des Jahres 1867 erschienen. In seinem Buch Les odeurs de Paris von 1867 schrieb Louis Veuillot :
Leute, die alles gesehen haben, sagen, dass diese Kanalisation vielleicht den schönsten Anblick der Welt bietet : Das Licht fängt sich darin, der Schlamm sorgt für milde Temperaturen, man fährt mit Booten herum, geht auf Rattenjagd, arrangiert Begegnungen – und hat dort auch schon manche Verlobung gefeiert.37
Was uns mit unseren empfindlichen Touristennasen am meisten verwundert, ist, dass all diese vornehmen Damen mit Hütchen, die auf Booten in die Pariser Kanalisation ausschwärmen, nicht ganz benommen sind vom Gestank (aber dies würde uns zur Untersuchung eines weiteren großen Prozesses führen, der wie alle für die Moderne charakteristischen Phänomene im 19. Jahrhundert einsetzte und im 20. Jahrhundert völlig ausgereift war, nämlich der Prozess der »Deodorierung« sowohl des städtischen Raums als auch des Raums des Bürgers). Ende des 19. Jahrhunderts war der »üble Geruch« bereits ein untrügliches soziales Kennzeichen (»Arme« und »Wilde« waren längst als »übelriechend« abgestempelt), aber die Nasen waren noch nicht so heikel, als dass sie den Geruch der Kanalisation bemerkt hätten.
Die Vorstellung, ein Kanalisationssystem könne den »schönsten Anblick der Welt« bieten, mutet schon an sich bizarr an, daher habe ich es ausprobiert und den von der Stadt Paris (aber nicht den touristischen Stadtführern) recht stark beworbenen Besuch wiederholt, aber es war eine gewaltige Enttäuschung : Der Zugang ist in der Nähe des Pont de l’Alma, doch sobald man sich im Untergrund befindet, bekommt man praktisch nur noch Fototafeln mit Beschreibungen der Kanalisation zu sehen und macht einen kleinen, wenige zehn Meter langen Rundgang ; von wegen an einem unterirdischen Fluss entlanggehen !
Ein weiteres Besucherziel war das Gefängnis (erinnern wir uns an Bacons Rat, sich Hinrichtungen auf fremdem Boden möglichst nicht entgehen zu lassen). 1781 schrieb (der während der Schreckensherrschaft zwölf Jahre später guillotinierte Girondist) Jacques Pierre Brissot :
Ich möchte, daß man von Zeit zu Zeit die Geister durch eine verständige Rede über die Erhaltung der gesellschaftlichen Ordnung und über die Nützlichkeit der Strafen belehrt und dann die Jungen wie die Erwachsenen zu den Minen, zu den Zwangsarbeiten führt, damit sie das schreckliche Schicksal der Geächteten betrachten. Diese Wallfahrten wären nützlicher als jene, welche die Türken nach Mekka führen.38
Und Michel Foucault kommentiert :
Nachdem im 17. Jahrhundert der Gefangenenbesuch erfunden oder neu entdeckt worden ist, mit dem der Mitleidige den Schmerz des Häftlings teilen wollte, denkt man nun daran, daß Kinder im Gefängnis lernen sollen, wie die Wohltätigkeit des Gesetzes sich gegenüber dem Verbrechen auswirkt : lebende Lektion im Museum der Ordnung.
Wie sich die Verhältnisse doch geändert haben ! Heutzutage sind die einzigen Gefängnisse, die man besichtigt, die aufgelassenen, etwa die Strafanstalt von Alcatraz, Pflichtziel eines jeden San-Francisco-Touristen. In ein Gefängnis im laufenden Betrieb, voll Inhaftierter, hineinzukommen, weiter vorzudringen als bis in den Besucherraum und die Abteilungen und Zellen zu besichtigen ist heute hingegen praktisch unmöglich : Nur Parlamentariern ist der Besuch gestattet ; und im Übrigen, selbst wenn wir hineingelangten, kämen wir uns vor wie Schaulustige. So wie ein Außenstehender realistischerweise nie die Gelegenheit haben wird, eine Fabrik bei laufendem Betrieb zu besichtigen. Tatsächlich kommt einem Foucaults Bemerkung in den Sinn : »Das Gefängnis ist eine etwas strenge Kaserne, eine unnachsichtige Schule, eine düstere Werkstatt, letztlich nichts qualitativ Verschiedenes.«39
Davon abgesehen, war das 19. Jahrhundert begierig, die »wilde«, »primitive« Seite der Menschheit kennenzulernen. Seit Jahrhunderten wurden die Eingeborenen aus »gerade entdeckten« fernen Ländern als Kuriositäten nach Europa gebracht. Davon erzählt uns bereits Michel de Montaigne in »Des cannibales«, einem denkwürdigen, unseren Kulturrelativismus begründenden Kapitel seiner Essais :
Nun finde ich aber, […] daß nach dem, was mir berichtet ist, man bei der Nation [der Ureinwohner der Antillen] nichts Wildes oder Barbarisches antrifft und weiter nichts daran ist, als daß jedermann dasjenige barbarisch nennt, was nicht Sitte in seiner eigenen Heimat ist […].40
Doch nicht so, wie Montaigne Menschen aus fernen Ländern betrachtete, sondern in einem ganz anderen Sinn wurde im frühen 19. Jahrhundert die Afrikanerin Saartjie Baartman (1789-1815), ein Mädchen aus der Ethnie der Khoikhoi, in halb Europa herumgereicht. Gesäß und Schamlippen der als »Venus der Hottentotten« bezeichneten Frau erregten zwanghafte Neugier, und ihre sterblichen Überreste (ihr Skelett und zwei Formalingefäße, eines das Gehirn, das andere die weiblichen Geschlechtsteile enthaltend) wurden erst im Jahr 2002 nach Südafrika heimgeführt : Ihre Odyssee erzählt mitreißend Stephen Jay Gould in The Flamingo’s Smile : Reflections in Natural History (1985).41
In Saartjies armem Körper verband sich das Exotische mit dem Abnormen, er entzündete Abscheu zugleich mit uneingestandener Anziehung, vergleichbar dem Schauder, der uns beim Fauchen eines Raubtiers überkommt. Er weckte ähnliche Neugier wie die Schlangen, Krokodile, Raubkatzen und Elefanten, die im Zeitalter des Kolonialismus und der überseeischen Eroberungen in sämtlichen sozialen Klassen in den Köpfen Einzug hielten. Damals entstand der »Zoo« für das breite Publikum, eine Institution, die nur relativ kurz Bestand hatte. 1828 wurde den Parisern in der Ménagerie im Jardin des Plantes zum ersten Mal eine Giraffe vorgeführt. 1847 öffnete der Zoo im Londoner Regent’s Park seine Pforten für das Publikum. Ab 1858 wurden in Paris am Rand des Bois de Boulogne der Jardin d’Acclimatation eingerichtet.
Doch der erste, der das Konzept des Menschenzoos (vielmehr, nach seinem ausdrücklichen Vergleich, des »menschlichen botanischen Gartens«) ausformulierte, war Joseph-Marie de Gérando (1772-1842), der in seinen Considérations sur les diverses méthodes à suivre dans l’observation des peuples sauvages (1800) dem Wunsch Ausdruck verlieh, die Forschungsreisenden würden ganze Familien nach Europa bringen :
Vor allem wäre wünschenswert, sie könnten eine ganze Familie dazu bewegen, ihnen hierher zu folgen. Die einzelnen Familienmitglieder wären dann weniger in ihren Gewohnheiten gefangen, litten weniger unter den Entbehrungen und würden ihren natürlichen Charakter besser bewahren. Sie würden leichter einwilligen, sich bei uns niederzulassen, und die Beziehungen, die sie untereinander hätten, würden das Schauspiel ihres Lebens für uns sowohl interessanter als auch nützlicher gestalten. Wir hätten im Kleinen das Abbild der Gesellschaft, der man sie entzogen. Genauso wenig gibt sich der Naturkundler damit zufrieden, einen Zweig, eine schnell getrocknete Blüte mitzubringen ; vielmehr versucht er, die Pflanze zu transportieren, den ganzen Baum, um diesem in unserer Erde ein zweites Leben wiederzugeben.42
Die Idee wurde vom ersten Direktor des Jardin d’Acclimatation aufgegriffen. Geoffroy de Saint-Hilaire, auf der Suche nach Attraktionen zur Sanierung seiner prekären Finanzen, organisierte 1877 zwei »Völkerschauen«, in denen er den Parisern Nubier und Eskimos präsentierte :
Das Spektakel wurde ein Kassenschlager. Der Zoologische Garten konnte seine Besucherzahl verdoppeln, die im selben Jahr die Millionengrenze erreichte […] Dreißig solcher ›ethnologischer Ausstellungen‹ […] organisierte der Jardin Zoologique d’Acclimatation zwischen 1877 und 1912.43
Man beachte, dass man sich von den »Wilden« innerhalb von zoologischen Gärten ein Bild macht. In den Pariser Weltausstellungen der Jahre 1878 und 1889 (mit dem neuen Eiffelturm als Clou) bildete ein »Negerdorf« mit 400 »Eingeborenen«-Statisten eine der Hauptattraktionen ; in der Ausstellung von 1900 mit ihren 50 Millionen Zuschauern gab es nachgebaute Dörfer und das berühmte »lebende« Diorama über Madagaskar, weitere Dörfer außerdem in den Kolonialausstellungen in Marseille 1906 und 1922 sowie in Paris 1907 und 1931. In Italien wurde der erste moderne Menschenzoo 1884 auf der Turiner Expo abgehalten.44 Aber noch 1958 wurde auf der Weltausstellung in Brüssel ein »Kongolesisches Dorf« präsentiert.
***
Ein letztes, heute gemiedenes Reiseziel des 19. Jahrhunderts zeigt uns Mark Twain auf, der 1869 ein für jeden am Tourismus Interessierten grundlegendes Buch verfasst hat : Innocents Abroad, sein zu Lebzeiten mit über 100 000 verkauften Exemplaren, davon 70 000 im ersten Jahr nach Erscheinen, meistverbreitetes Werk. Heute erinnern wir uns vor allem an Twains Romane, doch die Zeitgenossen erwarben weitaus lieber seine Reisebücher : So verkauften sich von Adventures of Tom Sawyer »nur« 24 000 Exemplare, von The Prince and the Pauper »nur« 18 000.45
Innocents Abroad ist der Bericht über eine Kreuzfahrt an Bord der Quaker City, die erste (1867), die in den Vereinigten Staaten organisiert wurde, um den Alten Kontinent zu besuchen.46 Das Schiff legte in Marseille an, die Kreuzfahrtreisenden besuchten Paris und Lyon, dann Landung in Genua und Besuch von Mailand, Comer See, Padua, Verona und Venedig. Eine Landung in Livorno diente dem Besuch von Florenz und Pisa, in Civitavecchia, um Rom zu sehen, des Weiteren legte man in Athen, Konstantinopel, Smyrna, im Heiligen Land, der Pyramiden wegen in Ägypten sowie in noch weiteren Häfen an, ehe man in die Vereinigten Staaten zurückkehrte.
Als er sich auf der Quaker City einschiffte, war Samuel Clemens (so Twains echter Name) zweiunddreißig Jahre alt und ein erfahrener Reisender : Erst im Vorjahr
war er auf den Salomon-Inseln gewesen, die er kreuz und quer bereist hatte, bevor er im August 1866 nach San Francisco zurückkehrte ; er hatte eine Vortragsrundreise über Virginia City, Carson City und schließlich zurück nach San Francisco unternommen ; ferner eine Schiffsreise durch die Landenge von Panama nach New York, eine beschwerliche Reise auf einem Schiff, das von der Cholera gebeutelt wurde ; und schließlich eine zweimonatige Reise von New York nach Saint Louis, Hannibal und Keokuk.47
Mark Twain steht also am »Beginn dessen, was man als Touristisches Zeitalter bezeichnen kann«.48 Tatsächlich war
die Welt bereits ins Zeitalter des Tourismus eingetreten und sollte lange Zeit darin verbleiben. Als Hawthorne 1860 Rom verließ, besichtigten gerade etwa tausend amerikanische Touristen die dortigen Sehenswürdigkeiten […]. Vierzig Jahre später waren es schon 40 000 und hatten die Amerikaner den Engländern endgültig den Rang als typische Italientouristen abgelaufen.49
Mit Innocents Abroad legt uns Mark Twain Rechenschaft ab »über die Entstehung des Touristischen Zeitalters, das er zu gleichen Teilen schuf, definierte und prototypisch verkörperte«, und er liefert uns ein Zeugnis und zugleich eine Satire über die Revolution des organisierten Tourismus in seinen Anfängen :
Durch die Bezeichnung der Reise als »The New Pilgrims’ Progress« [Neue Pilgerreise] wollte Mark Twain sich nicht über ihre historische Bedeutung lustig machen. Ob mit oder ohne seine Gesellschaft, jene Exkursion war denkwürdig. Die erste Invasion auf dem Alten Kontinent durch eine amerikanische »organisierte Tour« war ein so unerhörtes Ereignis, dass das Dampfschiff mit seinen Passagieren Staunen auslöste – und Argwohn. In Livorno hielten die örtlichen Behörden das Schiff mehrere Tage im Hafen fest, denn so etwas hatten sie noch nie gesehen, und sie befürchteten dunkle, verborgene Absichten. Nicht zu Unrecht war ihnen die Sache nicht ganz geheuer. Die Quaker City transportierte die Vorhut der größten und reichsten Invasion von Freizeitbesuchern in der Geschichte. Die Amerikaner kamen, um Europa in einen einzigen, riesengroßen Rummelplatz zu verwandeln. Um jede Gemäldegalerie und Kirche, jedes große und kleine Gebäude in eine Hausfrauenattraktion zu verwandeln.50
Nicht nur Gebäude, Museen und Kirchen. Während seines Parisaufenthaltes bietet uns Mark Twain die Besichtigung eines Ortes, den zu betreten heute niemand im Traum einfallen würde :
Als nächstes besuchten wir die Morgue, das Leichenschauhaus, jenen entsetzlichen Sammelplatz für die Toten, die unter geheimnisvollen Umständen sterben und die Frage nach der Art und Weise ihres Fortgangs als düsteres Rätsel hinterlassen. Wir standen vor einem Gitter und schauten hindurch in einen Raum, der ringsumher mit der Bekleidung toter Menschen vollgehängt war ; grobe Blusen, wasserdurchtränkt ; die zarten Kleidungsstücke von Frauen und Kindern ; vornehme Kleidungsstücke, zerschnitten und durchbohrt und rotgefleckt ; ein zerdrückter und blutiger Hut. Auf einem schrägstehenden Stein lag ein ertrunkener Mann, nackt, aufgedunsen, dunkelrot ; er hielt das Stück eines abgebrochenen Busches mit einem Griff umklammert, den der Tod hatte so versteinern lassen, daß menschliche Kraft ihn nicht lösen konnte – stummer Zeuge des letzten verzweifelnden Versuches, das Leben zu retten, das bar jeder Hilfe zum Ende bestimmt war. Ein Wasserstrahl rieselte unaufhörlich über das gräßliche Gesicht hinab. Wir wußten, daß der Körper und die Bekleidung zur Identifizierung durch Freunde dalagen, aber doch fragten wir uns, ob irgend jemand jenen abstoßenden Gegenstand lieben oder um seinen Verlust trauern könnte. Wir wurden nachdenklich und hätten gern gewußt, ob vor einigen vierzig Jahren, als die Mutter dieses grausigen Etwas es auf den Knien gewiegt und geherzt und geküßt und mit glücklichem Stolz den Vorübergehenden gezeigt hatte, jemals eine prophetische Vorahnung dieses fürchterlichen Endes in ihrem Bewußtsein aufgeblitzt war ? Ich fürchtete fast, daß die Mutter oder die Gattin oder ein Bruder des toten Mannes kommen könnten, während wir dastanden, aber nichts dergleichen geschah. Es kamen Männer und Frauen, und manche schauten begierig hinein und preßten die Gesichter gegen das Gitter ; andere blickten nur flüchtig auf den Leichnam und wandten sich mit enttäuschtem Blick ab – Menschen, so dachte ich, die starke Erregungen zum Leben brauchen und die die Schaustellungen des Leichenschauhauses regelmäßig besuchen, gerade wie andere Leute allabendlich zu Theateraufführungen gehen.51
***
Da haben wir’s : Manche Leute gingen allabendlich ins Leichenschauhaus. So wie unsereins ins Kino oder eine Pizza essen geht. Leute, die die Menschenzoos, die Kanalisation, das Gefängnis besichtigten. »Um die Jahrhundertwende wurden den Parisbesuchern Touren durch die Kanalisation, ins Leichenschauhaus, zu einem Schlachthof, einer Tabakfabrik, der staatlichen Münzprägeanstalt, der Wertpapierbörse, einer Sitzung des Verfassungsgerichts geboten«52 – zumindest teilweise befolgte man noch Bacons Reisehinweise. Weshalb sucht der heutige Tourist diese Orte nicht mehr auf, ja meidet sie sogar ? Unter anderem, weil der Tourismus damals noch am Anfang stand, in gewisser Weise noch urwüchsig war, noch nicht gezähmt oder keimfrei gemacht.
Die Zoos (ob mit oder ohne Menschen) wurden durch den Tourismus selbst als Touristenattraktion herabgestuft : Wenn man leicht in ein Massai-Naturschutzgebiet in Kenia gelangt und dort Löwen und Elefanten in ihrer natürlichen Umgebung beobachten kann, werden unsere heimischen zoologischen Gärten zu einem Ort, wo man einmal im Leben mit seinen Kindern hingeht und damit genug. Erinnern wir uns, dass die zoologischen Gärten, genauso wie die Weltausstellungen, dafür gedacht waren, ferne Länder zu besuchen, exotische Tiere (und Völker) zu sehen, ohne selbst den Ort wechseln zu müssen. Solche Arten des Reisens, ohne sich in die Ferne zu begeben, sind nie ganz verschwunden, wie man an den 47 Hektar des Beijing World Park (und seinen Nachahmern) sehen kann, der seit 1993 seinen jährlich eineinhalb Millionen Besuchern 109 Sehenswürdigkeiten in verkleinertem, aber nicht einmal allzu kleinem Maßstab bietet (Tadsch Mahal, Eiffelturm, den Londoner Tower, die Piazza San Marco, den Roten Platz, den Schiefen Turm von Pisa, den japanischen Kaiserpalast Katsura, das World Trade Center von New York …), außerdem 100 Statuen, von der Venus von Milo bis zum David von Michelangelo. Berühmt wurde dieser Park im Jahr 2004 durch den schönen Film The World des Regisseurs Jia Zhangke, der die Geschichte des dort arbeitenden Servicepersonals, alles Zugewanderte vom Land, erzählte.
Obsolet geworden ist der Tourismus sur place aber auch, was die »Wilden« betrifft. Wir brauchen sie nicht mehr in unsere Zoos zu stecken, auch wenn die Faszination für die »Primitiven« immer noch dieselbe ist wie jene, die Berenice M. Goetz 1952 im National Geographic zum Ausdruck brachte : »Da ich für eine Ölfirma in Bogotá zu tun habe, plane ich noch eine Tour in den Dschungel [wilderness] […], abgesehen von einer Begleitmannschaft von Indianern, gehe ich alleine los : Primitive Völker sind ein Steckenpferd von mir [primitive peoples are a hobby of mine]«.53 In Pevas, einem peruanischen Dorf am Amazonas östlich von Iquitos, habe ich selbst Indioaktivisten gesehen, die ihre Blue-jeans, T-Shirts und Brillen ablegten und sich die Haut bemalten ; als ich sie nach dem Grund fragte, gaben sie mir die schlagende Antwort : »Am Mittwoch kommt das Touristenboot.« Als ich einige Jahre zuvor, Tausende Kilometer entfernt, im Dorf Yapsie am Sepik (dem Fluss, der in Papua-Neuguinea dem Amazonas entspricht) die durchweg wie wir gekleideten Einheimischen fragte, ob sie den Kopfschmuck aus den anthropologischen Büchern denn noch bei manchen rituellen Anlässen trügen, fiel die Antwort noch deutlicher aus : »Wir setzen ihn nur auf, wenn die Leute vom ›National Geographic‹ kommen.« Heute muss man die wenigen noch verbliebenen »Wilden« an Ort und Stelle aufsuchen, man braucht ihnen kein Habitat in einem städtischen Menschenpark mehr einzurichten. Dies zum Beweis dafür, dass der Tourismus ein nichtlineares Phänomen ist und Rückkopplungsprozesse auslöst, also selbst Reiseziele auslöscht, neu schafft und verändert.
Wie bei den Verfassern des Buches Menschenzoos in der Schlussbetrachtung durchscheint (und bereits im französischen Untertitel De la vénus noire aux reality shows anklingt), sind Menschenzoos, Kanalisationen, Gefängnisse und Leichenschauhäuser heute jedoch auch aus einem subtileren Grund nicht mehr gefragt : Man braucht sich nur das Verhältnis zwischen Menschenzoos und Realityshows klarzumachen. Während die Menschenzoos den »abnormalen« Anderen in einem »normalen« Umfeld (location) inszenieren, machen die Realityshows das Gegenteil : Sie inszenieren einen »normalen« Anderen in einer abnormalen, sogar exotischen Umgebung, wie etwa in Survivors oder L’isola dei famosi, gedreht in Santo Domingo, später in Honduras. Außerdem handelt es sich sowohl bei den Menschenzoos als auch bei den Settings der Realityshows immer um einen geschlossenen Raum. Und schließlich ist bei beiden das Moment des Voyeurismus nicht zu vernachlässigen.54
Diese Beobachtung bringt uns zu etwas Grundsätzlicherem : Die Behauptung, wir gingen nicht mehr jeden Abend ins Leichenschauhaus, trifft nicht zu. In Wahrheit reizt es uns nach wie vor, Leichen zu sehen, dem Tod (anderer) ins Auge zu blicken, nur dass unsere Anziehung aseptischer daherkommt. Wir folgen ihr, wenn wir (wie seit 1995 bereits vierzig Millionen Menschen weltweit) in die Ausstellung Körperwelten gehen, in der echte Leichen, aber in Plastik gegossen (»plastiniert«), gezeigt werden, die man zuvor gehäutet hat, um die Muskeln, Bänder, Organe besser ins Licht zu rücken (die Leichen stammen allesamt von Personen, die den eigenen Körper »gespendet« haben), auch wenn unter all diesen Körpern in »Alltagsposen« kurioserweise kein Einziger ist, der nicht drahtig und voller Spannkraft wäre(post mortem).55
»Virtuelle« Leichenschauhäuser besuchen wir gewissermaßen auch, wenn wir uns die Fernsehserie CSI : Crime Scene Investigation anschauen, in welcher der Sektionssaal der meistgefilmte Ort ist und die sezierten Leichen mit zu den beliebtesten Figuren gehören. Zwar gehen wir als Touristen nicht mehr in die Kanalisation oder in die Gefängnisse, aber nur, weil wir sie ständig im Film, im Fernsehen und in den Serien aufsuchen. Fernsehen und Kino haben den Tourismus im großen Stil beeinflusst, nicht nur, weil sie Besuchsziele publik machen (man braucht nur daran zu denken, wie die Westernfilme die Besucherzahlen des Monument Valley in Arizona angekurbelt haben), sondern auch insofern, als sie uns den Besuch anderer Ziele abnehmen. Auf diese Weise üben sie einen zwar indirekten, aber zugleich starken Einfluss darauf aus, was überhaupt als touristisches Ziel zu gelten habe, und sorgen dafür, dass Attraktionen aus den Reiseführern verschwinden und andere hineinkommen (oder neu geschaffen werden).
Einen weiteren grundlegenden Aspekt haben Film und Fernsehen auf der einen und Tourismus auf der anderen Seite miteinander gemeinsam : Sowohl Film und Fernsehen als auch der Tourismus sind ganz wesentlich visuelle Erfahrungen. Der Vorherrschaft des Sehsinns gegenüber Geruch-, Tast-, Geschmack- und Gehörsinn hat der Soziologe John Urry ein ganzes Buch56 gewidmet, in dem er zeigt, dass die Herausbildung des »touristischen Blicks« ein kollektiver und nichtlinearer Prozess ist.57 Mit der Zeit verschärft sich dieser Prozess der Konzentration auf den Sehsinn. Die anderen Sinneswahrnehmungen werden von den Touristen immer mehr als störend empfunden : Die Geräusche finden sie laut und nervig, die Gerüche widerlich, die Menschen schmutzig oder zerlumpt. Deshalb reisen sie »in Bussen wie in über der Menge schwebenden Raumschiffen ; eingeschlossen in ihre Raumkapseln, abgeschottet gegen Gerüche und Menschen, schauen sie aus den Fenstern und sehen wie auf einem Bildschirm die Stadt, reduziert auf einen Kurzfilm«.58 Und während der Tourismus immer »visueller« wird, wird das Kino immer realistischer (durch 3-D-Brillen, die Projektion auf mehrere Leinwände rings um den Zuschauer, den Stereoton). Tourist und Zuschauer nähern sich in ihrem Erleben immer mehr, ja bis zur Deckungsgleichheit an : Beispielsweise finden die Touristen, die sich das echte Rafting im Grand Canyon in Arizona nicht zutrauen, im zehn Kilometer entfernten Tusayan, der Stadt am Eingang zum Canyon, »ein Imax-Kino mit 525 Plätzen, in dem auf einer 21-Meter-Leinwand und in Sechs-Kanal-Dolby-Stereo ein 34-minütiger Film gezeigt wird, der dich in ein Flugzeug setzt oder dich im Kanu den Fluss hinunterfahren lässt«.59
3.
Tripadvisor, gez. Mark Twain
Aus Innocents Abroad erfahren wir nicht nur etwas über die Vergangenheit, sondern auch über unsere Gegenwart. Auf den Seiten des Buches wird tatsächlich andeutungsweise eine Antwort auf die Frage gegeben : Was genau treibt den Touristen an ? Was bringt ihn dazu, fürs Reisen keine Kosten und Mühen zu scheuen ? Sich in der einzigen kurzen Erholungszeit, die ihm vergönnt ist, zu verausgaben ? Was hat er davon ?
Mark Twain beantwortet diese Fragen indirekt, wenn er schreibt :
Binnen kurzer Zeit jagten wir durch die Pariser Straßen und erkannten entzückt gewisse Namen und Orte wieder, mit denen uns Bücher schon längst vertraut gemacht hatten. Es war wie das Wiedersehen mit einem alten Freund, als wir an einer Straßenecke »Rue de Rivoli« lasen ; wir erkannten den riesigen Louvre im Original genau so gut, wie wir sein Bild kannten.60
Oder :
Wir gingen uns die Kathedrale Notre-Dame ansehen. Wir hatten schon vorher von ihr gehört. Es überrascht mich manchmal, wenn ich bedenke, wieviel wir tatsächlich wissen und wie intelligent wir sind. Wir erkannten sofort das monumentale, alte gotische Bauwerk ; es sah aus wie auf den Abbildungen.61
Der Paristourist Twain sucht eine Bestätigung dessen, was er gelesen hat, eine Gegenprobe zu den Bildern, die er in den Zeitungen gesehen hat, von Abbildungen kennt. Wie bereits Doktor Johnson 1773 in einem Brief bemerkt hatte : »Der Nutzen des Reisens besteht darin, die Vorstellung vermöge der Wirklichkeit zu regulieren und, anstatt sich die Dinge auszudenken, wie sie sein könnten, sie zu sehen, wie sie sind.«62 Der Nutzen des Reisens besteht im Vergleichen (folglich Abgleichen, Korrigieren, Modifizieren) des Gesehenen mit dem, was man sich zuvor vorgestellt hatte.
