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In dem Jahr, als die Welt ihre Farben schon lange vor dem November verlor und niemand außer mir es bemerkte, traf ich einen Mann, der etwas ganz Besonderes verkaufte. Sein Laden war unscheinbar und schwer zu finden. Nur mit der Hilfe eines Schneehasen kam ich auf seine Spur. Zusammen machten wir uns auf die Suche nach den verschwundenen Farben.
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Seitenzahl: 38
Veröffentlichungsjahr: 2016
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Marie Grünberg
Die Welt in grau
Eine kurze Geschichte
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
Die Welt in Grau
Impressum neobooks
Schon immer war der November mein Lieblingsmonat. Die Zeit im Jahr, in der sich alle anderen am liebsten nach drinnen verkrochen, vor dem Kamin saßen, um zu lesen, die Regenschirme nicht aus der Hand gaben und wenn sie doch rausgingen, die Jacken fest um sich zogen, hatte schon immer mein Herz erwärmt. Im Oktober war die Welt noch bunt, der November aber brachte all die unterschiedlichen Grautöne hervor, die sonst kein Monat hatte. Je trüber, nebeliger und nasser die Novembersuppe war, desto besser war meine Laune. Vielleicht hatte es ein wenig mit dem Wissen zu tun, dass dem November der Dezember folgte, der Monat der Lichter und Gemütlichkeit. Vielleicht damit, dass kein anderer den November wirklich mochte. Egal woran es lag, ich liebte den November. Während andere versuchten dem Grau mit bunten Mützen und Socken zu begegnen, passte ich mich an und verschwand beinahe im Nebel. Sogar meine Träume wurden in diesem Monat grau und trüb. Manche von ihnen wiederholten sich sogar jedes Jahr. Es gibt Novemberträume, an die ich mich auch jetzt, viele Jahre später noch so klar erinnern kann, als hätte ich sie erst in der letzten Nacht geträumt. Einer der ältesten Träume führte mich auf einer Kopfsteinpflasterstraße einen Hügel hinauf. Links und rechts der Straße sind zunächst Gärten mit Hecken und kleinen Bäumen. Später, je weiter ich die Straße hinauf gehe, sind es nur noch weite Wiesen mit unklaren Formen. Der Himmel ist dunkelgrau und am Ende der Straße steht ein gewaltiger Baum, von dem eine unbestimmte Gefahr für mich ausgeht. An viel mehr Details erinnere ich mich nicht. Ich weiß nur noch, dass am Stamm des Baumes eine silberne Plakette angebracht war, in die jemand die Zahl 18 eingraviert hatte.
Sobald meine Träume, die in elf von zwölf Monaten bunt und farbenfroh sind, beginnen sich grau zu färben, weiß ich, der November ist da. Ich muss nicht einmal auf einen Kalender schauen, um das zu wissen. In einem Jahr begann der November jedoch besonders früh, es dauerte nur eine Weile, bis ich das bemerkte. Die letzten Wochenwaren stressig gewesen und zwischen Nachtschichten und Überstunden war mein Zeitgefühl völlig verloren gegangen. Dass ich nur wenig Schlaf bekam, tat sein Übriges dazu. Ich fühlte mich müde, erschlagen und erschöpft. Das änderte sich auch nicht, als sich das Arbeitspensum wieder normalisierte. Auch nach dem ich einige Nächte lang genug Schlaf bekommen hatte, wurde ich nicht wacher. Wenn morgens der Wecker klingelte, hatte ich das Gefühl gerade erst eingeschlafen zu sein. Und spätestens eine Stunde nachdem ich mich aus dem Bett gequält hatte, waren meine Reserven aufgebraucht und ich saß nur noch wie ein Gespenst vor meiner Arbeit. Ich schaffte nichts. Wörter, die ich las, blieben ohne Bedeutung. Meine Augen nahmen sie gerade noch wahr, aber was sich hinter ihnen verbarg, war ein Rätsel für dessen Lösung ich keine Kraft mehr hatte.
