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Seinen Träumen zu folgen kann gefährlich sein. Davon kann Richard Stone ein Lied singen. Auf der Suche nach dem Ursprung eines seltsamen Lichtes bricht er in ein leerstehendes Haus ein und trifft den Tod. Der heißt Cornelius, kann hervorragend kochen und ist auch sonst ganz anders, als Richard sich den Tod immer vorgestellt hat. Statt schwarzer Kutte und Sense, bunte Steine und Ringelsocken. Statt dem Ende allen Lebens ein neuer Anfang für ihn. Kann Richard Fuß fassen in einer Welt, die ihm bisher unbekannt war oder wird sich alles nur als Traum herausstellen?
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Seitenzahl: 122
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Marie Grünberg
Fenster mit Licht
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Inhaltsverzeichnis
Titel
1. Häuser, Viertel und Spione
2. Licht, Pläne und Fußball
3. Fenster, Stimmen und Kopfschmerzen
4. Sehen, Hören und Seelen
5. Menschen, Familien und Schatten
6. Fragen, Bruchstücke und Wimpern
7. Zelle, Treppe und Tod
8. Katze, Kittel und Dusche
9. Nacht, Sterne und Steine
10. Raute, Puzzle und Pfote
11. Cornelius, Sammler und Talente
12. Risse, Erschaffer und Respekt
13. Küche, Lachs und Wärme
14. Rasen, Gleichheit und Musik
15. Hilfe, Hunger und Halunken
16. Lesen, Verfolgung und Kribbeln
17. Hass, Methoden und Mitternacht
18. Mitte, Lehren und Glockengeläut
19. Blitz, Zerfall und Verrat
20. Gefunden, Tee und Urgroßväter
21. Tränen, Zimt und Schokoladenkekse
22. Nelken, Leere und Dunkelheit
23. Traum, Folie und Einsamkeit
24. Phantasie, Klopfen und Leben
Nachgedanken
Zum Buch
Impressum
Impressum neobooks
Richard Stone fuhr gemächlich durch die nachmittäglich verlassenen Straßen seiner Stadt. Er war auf dem Weg zur Arbeit in der Fabrik, hatte es aber nicht besonders eilig. Seit einigen Wochen beschäftigte ihn etwas entlang seiner Strecke und er hatte sich angewöhnt, früher als notwendig aufzubrechen. Gerade radelte er die lange Prachtstraße entlang, die ihn zum östlichen Stadttor und dann aus der Innenstadt hinausführte. Links und rechts der Straße gab es einen hellen gepflasterten Fußweg, auf dem weder Müll noch Hundehaufen zu sehen waren. Dahinter lagen kleine Vorgärten - Grünflächen mit akkurat getrimmten Grashalmen, die wie Teppiche wirkten. Unkraut gab es in diesen Gärten nicht, Blumen nur in kleinen Kübeln neben den Gartentoren. Die Stadtvillen an dieser Straße wirkten pompös, aber in Richards Augen waren sie nichts Besonderes. Eine glich der anderen ebenso, wie die frisierten Pudel auf den Vortreppen. Sie waren groß, weiß und blendeten ihn im Sonnenlicht. Mit der Zeit hatte er gelernt, die Häuser an winzigen Details zu unterscheiden. Wäre jemand auf die aberwitzige Idee gekommen, ihn nachts zu wecken und danach zu fragen, hätte er mit Sicherheit jedem Haus den richtigen Pudel zuordnen können. Menschen sah er in diesem Teil der Stadt nur selten. Am Abend brannte in einigen Fenstern Licht, doch einen der Hausbewohner zu Gesicht zu bekommen, grenzte schon an ein kleines Wunder. Die Herrschaften dieser Häuser zählten zur obersten Schicht der Stadt. Sie saßen in ihren schicken Büros vor Fenstern, die einen Blick über die Innenstadt boten, tranken Unmengen von Kaffee und schoben Zahlen und Namen hin und her als wären es Murmeln auf einer Schnur und keine Schicksale einzelner Menschen. Jedenfalls stellte Richard sich das so vor.
Dank seines Arbeitgebers fuhr er die Strecke entlang der Villen jetzt seit zwei Jahren. Und erst heute fiel ihm auf, dass er dort auch noch nie Kinder gesehen hatte. Pflanzten die Reichen sich nicht fort oder hatten sie ihre Kinder irgendwo sicher verwahrt und weggeschlossen, fernab von den Gefahren, die das Leben in der Stadt mit sich brachte? Immer wieder kam es vor, dass eine der gepanzerten Kolonnen, mit denen man Nahrungsmittel und andere Güter in die Innenstadt brachte, von hungernden Menschen aus den Randbezirken überfallen wurde. Immer wieder rotteten sie sich zusammen und zogen mit notdürftig zusammengeschusterten Waffen ausgerüstet in den Kampf. Meist endeten diese Überfälle mit dem Verschwinden der Angreifer und ohne dass man in der Innenstadt etwas davon mitbekam oder darüber sprach. Die Nachrichten dort waren noch weit stärker kontrolliert als in den mittleren Bezirken, wie Richard einmal feststellte, als er in der Fabrik eine Zeitung aus der Innenstadt in die Hände bekam. Aus den Radios und Fernsehern schallte außer Musik und Sport immer nur dieselbe Propaganda. Er konnte sie längst ausblenden oder mit seinen eigenen Gedanken übertönen.
Vorher hatte er auf dem Weg zur Fabrik die Außenbezirke der Stadt durchqueren müssen, wo man ihn oft genug überfallen oder durch einen Straßenkampf aufgehalten hatte. Er war so oft zu spät oder gar nicht gekommen und hatte in der Zeit wenigstens zwanzig fabrikeigene Fahrräder verloren, dass er kurz vor dem Rauswurf stand. Dann war endlich die Sondererlaubnis zum Durchqueren der Innenstadt für ihn gekommen, die sein Vorgesetzter ihm durch Beziehungen beschafft hatte. Seitdem konnte er bei Tag und Nacht durch das von der Stadtmauer umgebene Zentrum fahren, zu dem normalerweise niemand aus den äußeren Bezirken Zugang hatte.
Gerade fuhr er am Bäcker vorbei, einem der letzten Häuser vor der Stadtmauer, der den süßen Duft von frischen Brötchen und Kuchen über die Straße verströmte. Er liebte den Duft und sehnte sich nach einem Stück Apfelkuchen, wie er ihn als Kind oft gegessen hatte. Damals war die Stadt noch ungeteilt gewesen. Hätte er seiner Sehnsucht nachgegeben, hätte man ihn aber sofort verhaftet, da er nur eine Erlaubnis zum Durchqueren der Innenstadt hatte. Anhalten durfte er dort nur im allergrößten Notfall.
Schon kam die Mauer näher, die beide Viertel trennte und er verkrampfte sich ein wenig. Zu dieser Tageszeit war das Stadttor weit geöffnet, aber wie so oft war außer Richard niemand unterwegs und die Wachen winkten ihn durch das Fenster ihres Wachhäuschens einfach vorbei. Auch wenn die Wachposten oft wechselten, kannten ihn inzwischen viele und machten sich nur noch selten die Mühe seine Papiere zu kontrollieren. Wenn es überhaupt dazu kam, dann nur, wenn er die Innenstadt betreten wollte, nicht wenn er sie verließ. Trotzdem war es für ihn immer wieder ein heikler Moment, wenn er eines der Stadttore passierte, egal in welche Richtung.
Anfangs hatte man ihn noch täglich kontrolliert. Manche Wachen hatten die Rechtmäßigkeit seiner Erlaubnis bezweifelt und ihn sogar zurückgeschickt, mehr als einmal hatte man ihn verhaftet. Aber das gehörte der Vergangenheit an. Inzwischen fuhr er den Weg unbehelligt und kannte die Strecke längst auswendig. Die Häuser hatten sich in diesen beiden Jahren kaum verändert. Die Domizile der Privilegierten wurden gepflegt, die Unterkünfte der Mittelschicht wurden repariert und die Hütten der Armen und Ausgestoßenen zerfielen immer weiter. Die Menschen in den Randbezirken hausten in Ruinen und Höhlen mit nur wenig Hoffnung auf einen sozialen Aufstieg.
Die Straßen, die ihn durch das Stadtzentrum führten, fand Richard wenig interessant. Die Viertel seiner Schicht waren ihm viel lieber. Die Wohnhäuser waren vom Baustil nicht alle gleich und beinahe alle waren in verschiedenen Farben gestrichen. Es gab bunte Gardinen, wilde Büsche und Bäume und viele Gärten, in den Gemüse angebaut wurde und Blumen aller Arten wachsen durften. Hätte sich jemand für seinen Weg interessiert und nach einem bestimmten Haus auf seiner Strecke gefragt, hätte er genau sagen können wie es aussah, wie viele Fenster es hatte, welche Gardinen in den Fenstern hingen und wo eine Katze im Fenster saß und die Vögel beobachtete. Er war sicher, den Weg auch mit geschlossenen Augen fahren zu können, aber die Spitzel der Regierung verhinderten das. Jedes merkwürdige Verhalten wurde sofort gemeldet und führte nicht selten dazu, dass eine Wohnung oder ein Arbeitsplatz frei wurde.
In diesem Bereich der Stadt, kurz hinter dem östlichen Stadttor, gab es jedoch weniger Agenten als üblich. Es war ein ruhiges Viertel, in dem es außer einem Trödelladen und einem kleinen Konsum, in dem Gemüse aus den Gärten und selbstgemachte Marmeladen oder Socken angeboten wurden, nur Wohnhäuser und eine kleine Schule gab. Wenn er hier etwas tat, das nicht der Norm entsprach, kümmerte sich kaum jemand darum. Auch deshalb fuhr Richard heute einen Teil der Strecke besonders langsam. Auf seiner letzten Fahrt zur Arbeit war es ihm wieder aufgefallen. Nur aus dem Augenwinkel heraus hatte er etwas gesehen, das seine Neugier entfacht hatte. Auf dem Rückweg hatte er schon nicht mehr daran gedacht, obwohl er sich fest vorgenommen hatte, danach Ausschau zu halten.
Er rollte an einem kleinen Park vorbei, in dem sonst oft Kinder spielten, der zu dieser Zeit aber ebenfalls verlassen dalag. Manchmal hielt er dort nach der Arbeit an, um die Reste seines Essens mit den Mauerbewohnern zu teilen, ihren Geschichten zu lauschen oder einfach nur die Ruhe zu genießen. Hin und wieder brachte er auch Dinge aus der Fabrik für die Mauerleute mit, die für andere keinen Wert mehr hatten. Unter ihnen gab es viele Tüftler und Erfinder, die für jede Schraube dankbar waren. Wie viele von ihnen wirklich in der Stadtmauer lebten, konnte Richard nicht sagen, da er bisher nur wenige von ihnen zu Gesicht bekommen hatte. Es gab unheimliche Geschichten über sie und die Regierung verfolgte sie unbarmherzig. Sie versteckten sich direkt unter den Füßen der Regierung und Richard wusste nicht, ob sie in der Mauer toleriert wurden oder einfach nur noch niemand gemerkt hatte, dass sie dort lebten. Für ihn waren sie einfach Menschen wie alle anderen auch, die jedoch ein etwas anderes, schwierigeres Leben gewählt hatten. Er hatte sogar Gerüchte darüber gehört, dass unter ihnen ehemalige Regierungsmitglieder ebenso wie Regimegegner zu finden waren.
Beim ersten Haus hinter dem Park wurde er noch langsamer und schaute gebannt auf die linke Häuserreihe. Da kam es. Dieses eine unbewohnte Haus, dessen Tür zugemauert war und dessen Fenster im Erdgeschoss man mit Brettern vernagelt hatte. Die Fenster im zweiten und dritten Stock waren dagegen ungeschützt. Einige standen offen, andere hatte man mit Steinen eingeworfen. Richard sah sich angespannt um. Es war niemand auf der Straße außer ihm, ein kleiner Schlenker mit dem Fahrrad würde nicht auffallen. Also konzentrierte er sich auf die oberste Fensterreihe des verlassenen Hauses. Im ersten Fenster war noch nichts zu sehen, da fuhr er plötzlich durch ein kleines Schlagloch und musste seine Aufmerksamkeit nach vorn richten. Als er wieder zur Seite schaute, war nur noch ein kleiner Teil vom zweiten Fenster in seinem Blickfeld. Wieder sah er für einen kurzen Augenblick das Licht, das Leuchten einer Lampe in einem Haus, das unbewohnt und zugesperrt war und sicher schon lange nicht mehr mit Strom und Wasser versorgt wurde.
Wie es kam, dass dort trotzdem Licht brannte, war ein Rätsel für Richard, das seinen Kopf zum Glühen brachte. Ganz sicher war er sich natürlich nicht. Die Sonne hatte noch am Himmel gestanden, als er an dem Haus vorbeigefahren war. Vielleicht hatte er nur eine Spiegelung im Glas des Fensters gesehen. Vielleicht war es eine optische Täuschung gewesen, die seine Neugier weckte. Doch etwas hatte er in diesem Fenster gesehen und daran kam ihm etwas merkwürdig vor. Während das Haus mit dem seltsamen Licht im Fenster langsam hinter ihm zurückblieb, dachte er noch eine Weile darüber nach. Doch als er mit seinem Fahrrad auf den Hof der Fabrik fuhr, hatte er das Licht vergessen. Selbst in den langen Stunden, in denen er am Fließband stand, seiner Arbeit nachging und den Geschichten seiner Kollegen zuhörte, dachte er nicht einmal an das Licht.
So ging das schon seit einigen Wochen. Er fuhr zur Arbeit, ging in Gedanken seine Einkaufsliste oder die Details seiner Schicht durch und dachte nicht an das Licht. Sobald er aber das östliche Stadttor durchquerte, erinnerte er sich an das Fenster, sah immer wieder auf die linke Seite, bis das Haus endlich kam und er zum Fenster hinaufschauen konnte. Doch immer kam etwas dazwischen, sodass er nie mit Sicherheit sagen konnte, ob er das Licht wirklich gesehen hatte, ob es eine Lampe gewesen war, die leuchtete oder etwas anderes das Licht verursachte. Einige Meter grübelte er noch, aber dann kam ihm wieder die Arbeit in den Sinn und spätestens an seinem Arbeitsplatz, an einem der zahlreichen Fließbänder, dachte er nicht mehr daran. Auf dem Nachhauseweg fiel ihm das Licht erst wieder ein, wenn er die Innenstadt längst hinter sich gelassen hatte. Nie hielt er an, um vor dem Haus stehenzubleiben und sich das Fenster genauer anzusehen. Der Gedanke kam ihm zwar ein paar Mal, aber immer erst, wenn er schon am Fenster vorbeigefahren war. Dann nahm er sich das Anhalten für den nächsten Tag vor und vergaß es wieder.
Nach fast zwei Monaten war Richard mit seinen Beobachtungen noch nicht weitergekommen. Das Licht war immer da, egal ob morgens oder abends, ob die Sonne schien oder sich hinter Wolken verbarg. Nur bei Regen hatte er es noch nie gesehen. Deshalb beschloss er an seinem nächsten freien Wochenende in das Haus einzubrechen und einfach nachzusehen, was es mit dem Licht auf sich hatte. Einbruch allerdings klang in seinen Ohren so unlauter. Dabei wollte er doch nichts stehlen, nur kurz hineingehen und nach der Quelle des Lichts suchen. Er würde das Haus also nur besuchen, nicht einbrechen.
Nachdem er dieses kleine moralische Problem gelöst hatte, begann er einen Plan zu schmieden. Durch die Haustür, die an der Frontseite des Hauses lag, kam er nicht hinein, so viel war ihm schon klar. Auch die Fenster im Erdgeschoss auf der Straßenseite waren keine Option. Sie waren fest vernagelt und es würde zu viel Aufmerksamkeit auf sich ziehen, wenn er mitten am Tag versuchen würde die Bretter zu lösen. Und Aufmerksamkeit war genau das, was er vermeiden wollte. Er würde also durch den löchrigen Zaun, der das Haus und seinen verwilderten Garten umgab, schlüpfen müssen, um auf der Rückseite einen Weg ins Innere des Hauses zu finden.
Sein Fahrrad ließ er an dem Tag am besten zu Hause. Die Diebstahlrate war in diesem Viertel zwar nicht sehr hoch, trotzdem wollte er es nicht riskieren, seinem Chef einen weiteren Verlust erklären zu müssen. Und wo sollte er es verstecken? Jeder entlang dieser Strecke kannte ihn und sein grünes Werksfahrrad. Wenn es irgendwo stand, war klar, dass er in der Nähe zu finden war. Das war ihm zu riskant. Von seinem Wohnhaus bis zu diesem Grundstück war es nur eine halbe Stunde Fußweg, das war für ihn ein Klacks. Einzig die Tatsache durch das Stadtzentrum zu laufen bereitete ihm Sorgen. Sein Passierschein galt zwar für jede Art der Durchquerung - Laufen, Fahrradfahren, Reiten, ja sogar Fliegen war erlaubt. In den seltenen Fällen, die ihn zwangen, zu Fuß zur Arbeit zu gehen, hatte man ihn aber jedes Mal kontrolliert und das würde seinen ganzen Plan über den Haufen werfen. Einen anderen Weg gab es jedoch nicht, es sei denn, er wollte durch die Außenbezirke der Stadt wandern und das war selbst am helllichten Tag gefährlich. Die Gefahr der Kontrolle erschien ihm da als das weitaus kleinere Übel, also würde er dieses Risiko eingehen. Sollte man ihn wirklich kontrollieren, würde er seinen Plan einfach an einem anderen Tag umsetzen.
Lange überlegte er auch, zu welcher Tageszeit er dem Haus einen Besuch abstatten sollte und entschied sich letztlich für die Nachmittagsstunden des Samstags, wenn alle egal zu welcher Schicht sie gehörten, vor dem Fernseher saßen und Fußball schauten. Seine Mannschaft spielte an dem Wochenende bereits am Freitagabend, da würde er nichts verpassen.
