Die Welt ohne uns - Alan Weisman - E-Book
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Alan Weisman

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Beschreibung

Was wäre, wenn wir Menschen von einem Tag auf den anderen verschwinden würden? Zum Beispiel morgen. Ein ungeheures Gedankenexperiment! Alan Weisman entwirft das Szenario einer unbevölkerten Erde – gestützt auf das Wissen von Biologen, Geologen, Physikern, Architekten und Ingenieuren und mit atemberaubender Phantasie. Schritt für Schritt vollzieht Weisman nach, wie die Natur unseren Planeten zurückerobert, und führt dem Leser dabei zweierlei vor Augen: was der Mensch in Jahrtausenden zu schaffen vermochte und über welch unerhörte Macht die Natur verfügt.

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Veröffentlichungsjahr: 2012

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In Erinnerung an Sonia Marguerite in unvergänglicher Liebe aus einer Welt ohne dich

Vollständige E-Book-Ausgabe der im Piper Verlag erschienenen Buchausgabe

7. Auflage Juli 2012

ISBN 978-3-492-95993-3

© 2007 Alan Weisman Titel der amerikanischen Originalausgabe: »The World Without Us«, Thomas Dunne Books, ein Imprint von St. Martin’s Press, New York 2007 © der deutschsprachigen Ausgabe: 2007 Piper Verlag GmbH, München Umschlaggestaltung: semper smile, München Umschlagabbildung (Montage): Vanni Archive / Corbis

 Das Firmament blaut ewig, und die Erde  Wird lange fest stehn und aufblühn im Lenz.  Du aber, Mensch, wie lange lebst denn du?

 Das Trinklied vom Jammer der Erde (nach Li-Tai-Po/Hans Bethge) 

Vorspiel

Eines Junimorgens im Jahre 2004 saß Ana María Santi gegen den Pfahl einer ausladenden Überdachung aus Palmblättern gelehnt. Sie betrachtete missbilligend eine Ansammlung ihrer Nachbarn und Freunde – der Bewohner des Dorfes Mazáraka am Río Conambu, einem Nebenfluss des Amazonas in Ecuador. Vom Haar abgesehen, das auch nach siebzig Jahren noch dick und schwarz war, erinnerten Ana Marías Züge ansonsten an eine vertrocknete Hülsenfrucht. Ihre grauen Augen blickten bleich aus den tiefen Runzeln ihres Gesichts. In einem Dialekt, der eine Mischung aus Kichwa und Zápara, einer fast untergegangenen Sprache, war, schalt sie ihre Nichten und Enkelinnen. Eine Stunde nach Einbruch der Dämmerung waren diese Frauen wie alle anderen Einwohner des Dorfes, mit Ausnahme von Ana María, längst betrunken.

Der Anlass war ein minga, Amazoniens Spielart des Scheunenbaus. Vierzig barfüßige Zápara-Indianer, etliche mit bemalten Gesichtern, saßen in einem dichten Kreis auf Bänken aus Baumstämmen. Um sich in die richtige Stimmung zu bringen, hinaus in den Wald zu gehen, ihn zu roden und niederzubrennen, damit Ana Marías Bruder ein neues Maniokfeld anlegen konnte, schütteten sie literweise chicha in sich hinein. Sogar die Kinder schlürften das milchige, saure Bier aus Maniokbrei, das mit dem Speichel der Zápara-Frauen gegoren wird, weshalb sie den ganzen Tag die Knollen kauen. Zwei Mädchen, die sich Gräser ins Haar geflochten hatten, drängten sich durch die Menge, füllten die Chicha-Becher auf und gaben Schalen mit Welssuppe aus. Den Älteren und den Gästen servierten sie große Stücke gekochtes Fleisch, dunkel wie Schokolade. Doch Ana María Santi, die Älteste der Anwesenden, aß nichts davon.

Während der Rest der Menschheit mit großen Schritten ins neue Jahrtausend stürmte, waren die Zápara noch kaum in der Steinzeit angekommen. Wie die Klammeraffen, die sie als ihre Ahnen ansahen, nutzten die Zápara die Bäume als Lebensraum: Mit Lianen banden sie Palmstämme zusammen, die Dächer aus geflochtenen Palmwedeln trugen. Bis zur Einführung des Manioks waren Palmherzen ihr wichtigstes Gemüse gewesen. Ihren Eiweißbedarf deckten sie, indem sie mit Netzen auf Fischfang gingen oder Tapire, Nabelschweine, Wachteln und Hokkos, eine südamerikanische Vogelart, mit Bambuspfeilen und Blasrohren jagten.

Das tun sie auch heute noch, doch gibt es kaum noch Wild. Als Ana Marías Großeltern jung waren, sagt sie, habe der Wald sie mühelos ernährt, obwohl die Zápara damals einer der größten Stämme im Amazonasgebiet waren. Rund 200000 Stammesmitglieder lebten in Dörfern an den benachbarten Flüssen. Dann geschah etwas in einem fernen Land und nichts in ihrer Welt – oder der irgendeines anderen Menschen – war mehr wie vorher.

Henry Ford hatte mit der Erfindung des Fließbands die Massenproduktion von Automobilen möglich gemacht und damit die Nachfrage nach luftgefüllten Schläuchen und Reifen derart angekurbelt, dass profitorientierte Weiße jeden schiffbaren Strom Amazoniens auf der Suche nach Gummibäumen und potenziellen Arbeitskräften befuhren. In Ecuador halfen ihnen dabei die Hochland-Kichwas, die einst von spanischen Missionaren bekehrt worden waren und nun die heidnischen Zápara aus der Tiefebene an Bäume ketteten und zur Arbeit zwangen, bis sie an Erschöpfung starben, während sie die Zápara-Frauen und -Mädchen wie Vieh behandelten, vergewaltigten und ermordeten.

In den 1920er Jahren richteten neue Gummiplantagen in Südostasien den Markt für den wilden Kautschuksaft aus Südamerika zugrunde. Die wenigen Hundert Zápara, denen es gelungen war, sich während des Völkermords zu verstecken, blieben in ihren Schlupfwinkeln. Einige gaben sich als Kichwas aus und lebten unter den Feinden, die nun ihr Land besetzt hatten. Andere flüchteten nach Peru. Ecuadors Zápara galten offiziell als ausgestorben. Nachdem Peru und Ecuador 1999 lange währende Grenzstreitigkeiten beigelegt hatten, stieß man auf einen peruanischen Zápara-Medizinmann, der im Dschungel Ecuadors unterwegs war. Er sei hier, sagte er, um endlich seine Verwandten wiederzusehen.

Die wiederentdeckten Zápara Ecuadors wurden eine anthropologische Sensation. Der Staat erkannte ihre territorialen Rechte an, auch wenn diese nur noch einen winzigen Bruchteil ihrer einstigen Gebiete betrafen, und die UNESCO unterstützte die Wiederbelebung ihrer Kultur und die Rettung ihrer Sprache. Damals wurde sie nur noch von vier Menschen gesprochen, unter ihnen auch Ana María Santi. Der Wald, wie sie ihn einst gekannt hatten, war weitgehend vernichtet: Von ihren Unterdrückern, den Kichwas, hatten sie gelernt, Bäume mit Macheten zu fällen und die Stümpfe zu verbrennen, um Maniok anzubauen. Nach jeder Ernte müssen die Felder mehrere Jahre brachliegen. So weit das Auge reicht, wird dann das hohe Blätterdach der Maniokpflanzen von dürrem Zweitwuchs in Gestalt von Lorbeer, Magnolien und Palmen verdrängt. Maniok war jetzt ihre wichtigste Erntefrucht und wurde den ganzen Tag in Form von chicha konsumiert. Aber die Zápara hatten überlebt und waren im 21. Jahrhundert angekommen. Zwar jagten sie noch, doch wanderten sie oft tagelang, ohne Tapire oder auch nur eine Wachtel zu finden. In ihrer Not erlegten sie Klammeraffen, deren Fleisch einst tabu gewesen war.

Abermals stieß Ana María die Schale fort, die ihr von ihren Enkelinnen angeboten wurde, die Schale mit schokoladenfarbenem Fleisch, aus der eine winzige, daumenlose Pfote herausragte. Mit ihrem knotigen Kinn wies sie auf das verschmähte Affenfleisch.

»Wenn wir jetzt so weit sind, dass wir unsere Ahnen essen«, fragte sie, »was bleibt uns dann noch?«

Auch uns beschleicht in jüngerer Zeit eine Ahnung von dem, was Ana María bewegt.

Vor noch nicht allzu langer Zeit sind die Menschen nur knapp der atomaren Katastrophe entgangen. Mit etwas Glück wird es uns vielleicht gelingen, diese und andere Gefahren der Massenvernichtung auch in Zukunft zu vermeiden. Heute müssen wir uns jedoch fragen, ob wir den Planeten – uns eingeschlossen – nicht unbeabsichtigt vergiftet oder überhitzt haben. Wasser und Boden sind belastet und verschwendet, sodass es von beidem weit weniger gibt als früher. Tausende von Arten haben wir ausgelöscht, die wahrscheinlich auf immer verloren sind. Unser ganzer Planet könnte eines Tages, so warnen die Experten, einem verwahrlosten Brachland ähneln, wo neben dem Unkraut nur noch Ratten und Krähen gedeihen. Wann ist, wenn es zu dieser Entwicklung kommen sollte, der Punkt erreicht, wo auch wir trotz unserer viel gerühmten Intelligenz nicht mehr zu den überlebenden Arten zählen?

Wir wissen es nicht. Jede Hypothese leidet unter unserem hartnäckigen Widerstand, den schlimmsten Fall ins Auge zu fassen. Unser natürlicher Selbsterhaltungstrieb lässt uns die Vorboten von Katastrophen leugnen, verdrängen und ignorieren, falls sie uns nicht vor Angst lähmen.

Wenn uns dieser Trieb so täuscht, dass wir warten, bis es zu spät ist, sieht es schlecht für uns aus. Stärkt er unseren Widerstandswillen angesichts sich mehrender Zeichen, wäre es von Vorteil. Mehr als einmal hat eine töricht scheinende Hoffnung in schier aussichtsloser Lage kreative Kräfte entfesselt und die Betroffenen vor dem Verderben gerettet.

Lassen wir uns also auf ein kreatives Experiment ein: Nehmen wir an, der schlimmste Fall sei eingetreten. Die Vernichtung der Menschheit wäre eine vollendete Tatsache. Kein atomares Desaster, kein Asteroideneinschlag oder irgendein anderes Ereignis, das katastrophal genug ist, um uns Menschen auszulöschen und das, was bleibt, vollkommen zu verändern. Auch kein düsteres Umweltszenario, das uns – und mit uns viele andere Arten – in den schleichenden Untergang treibt.

Vielmehr das Bild einer Welt, in der wir alle plötzlich verschwinden. Morgen zum Beispiel.

Unwahrscheinlich vielleicht, aber in einem Gedankenexperiment durchaus möglich.

Schauen Sie sich die Welt von heute an. Ihr Haus, Ihre Stadt. Die Umgebung, das Pflaster auf dem Sie stehen, der Erdboden darunter. Lassen Sie alles, wie es ist, aber nehmen Sie die Menschen aus diesem Bild heraus. Löschen Sie uns einfach aus. Was bleibt? Wie würde die Natur reagieren, wenn sie plötzlich vom Einfluss der Menschen befreit wäre? Wie schnell würde oder könnte sie in den Zustand zurückkehren, in dem sie sich befand, bevor wir unsere Maschinen in Gang setzten?

Wie lange würde es dauern, bis die Erde wieder so aussähe wie sie war, bevor Adam und Eva auf der Bildfläche erschienen? Könnte die Natur jemals all unsere Spuren auslöschen? Wie würde sie unsere riesigen Städte und Straßen verschwinden lassen? Oder gibt es Dinge, die sich nie wieder rückgängig machen lassen?

Was ist mit unseren erhabensten Schöpfungen – unserer Architektur, unserer Kunst, den Manifestationen unseres Geistes? Sind sie wirklich zeitlos, zumindest zeitlos genug, um fortzubestehen, bis sich die Sonne ausdehnt und unsere Erde zu Asche verbrennt?

Und könnten wir selbst danach irgendeine schwache, überdauernde Spur im Universum hinterlassen, ein letztes Nachglühen, ein Echo der irdischen Menschheit, ein interplanetarisches Zeichen, dass wir hier waren?

Um eine Ahnung davon zu bekommen, wie die Welt ohne uns sein wird, müssen wir unter anderem die Welt betrachten, wie sie vor uns war. Nun sind wir keine Zeitreisenden, und die fossilen Funde liefern nur ein lückenhaftes Bild. Doch selbst wenn diese Funde keine Lücken aufwiesen, wäre die Zukunft kein perfektes Spiegelbild der Vergangenheit. Schließlich haben wir einige Arten so gründlich ausgerottet, dass sie – oder ihre DNS – wohl keine Chance auf Wiedergeburt haben. Da unser Handeln teils unwiderrufliche Folgen hat, wird der Planet nach unserem Fortgang nicht derselbe sein, der entstanden wäre, wenn wir uns nie entwickelt hätten.

Vielleicht wäre er aber auch nicht gar so verschieden. Die Natur hat in der Vergangenheit schon immer Verluste erlitten und die leeren Nischen wieder aufgefüllt. Selbst heute gibt es noch ein paar irdische Flecken, wo wir mit allen Sinnen ein lebendiges Echo jenes Paradieses wahrnehmen können, das der Planet vor unserer Ankunft darstellte.

Wenn wir schon träumen, warum dann nicht auch davon, wie die Natur zu ihrem Recht kommen könnte, ohne dass wir abtreten müssten? Schließlich sind auch wir nur Säugetiere. Jede Lebensform trägt zu dem bunten, vielgestaltigen Erscheinungsbild der Erde bei. Könnte dann nicht unser Verschwinden den Planeten auch ein Stück ärmer machen? Wäre es denkbar, dass die Erde, statt einen tiefen Seufzer der Erleichterung auszustoßen, uns ein bisschen vermissen würde?

1Ein Echo des Paradieses

Vielleicht haben Sie noch nie von der Puszcza Białowieska gehört. Doch wenn Sie irgendwo in dem gemäßigten Klimastreifen aufgewachsen sind, der große Teile von Nordamerika, Japan, Korea, China, Russland, etlichen ehemaligen Sowjetrepubliken, der Türkei sowie Ost- und Westeuropa mit den britischen Inseln umfasst, wird diese Landschaft eine vage Erinnerung in Ihnen wecken.

Puszcza ist ein altes polnisches Wort, das »Wildnis« oder »Urwald« bedeutet. Zu beiden Seiten der polnisch-weißrussischen Grenze gelegen, enthält dieses 1500 Quadratkilometer umfassende Gebiet den letzten intakten Flachlandurwald Europas. Denken Sie an den geheimnisvoll-nebligen Wald, der sich vor Ihrem inneren Auge auftat, wenn Ihnen jemand in der Kindheit Grimms Märchen vorlas. Hier ragen Eschen und Linden fast fünfzig Meter empor und beschatten mit ihren mächtigen Wipfeln ein feuchtes, undurchdringliches Unterholz von Hainbuchen, Farnen, Grauerlen und Pilzen mit tellergroßen Hüten. Eichen, auf denen sich das Moos eines halben Jahrtausends versammelt, nehmen so imposante Aus- maße an, dass Buntspechte ihre Fichtenzapfen in die tiefen Risse der acht Zentimeter starken Rinde klemmen können. Über dem Wald liegt schwer und kühl eine Stille, die nur selten vom Krächzen eines Tannenhähers, dem leisen Ruf eines Kauzes oder dem Heulen eines Wolfs unterbrochen wird.

Aus den Tiefen des Waldes dringt der Duft des Moders, der sich seit unvordenklichen Zeiten angesammelt hat, und ruft dem Besucher den Ursprung aller Fruchtbarkeit ins Gedächtnis. In diesem Urwald verdankt das Leben seine ganze Fülle all dem, was tot ist. Fast ein Viertel der organischen Masse oberhalb des Erdbodens befindet sich in unterschiedlichen Stadien des Zerfalls – mehr als hundert Kubikmeter verfaulender Baumstämme und Äste pro Hektar, von denen sich Tausende von Arten ernähren, Pilze, Flechten, Borkenkäfer, Maden und Mikroorganismen, die man in den ordentlichen, bewirtschafteten Forsten, die wir üblicherweise als Wälder bezeichnen, vergebens sucht.

Alle diese Arten füllen nach ihrem Tod die Speisekammer des Waldes, aus der sich Wiesel, Baummarder, Waschbären, Dachse, Otter, Füchse, Luchse, Wölfe, Rehe, Elche und Adler ernähren. Hier treffen wir mehr Arten an als irgendwo sonst auf dem europäischen Kontinent – obwohl es keine schützenden Berge oder Täler gibt, um besondere Nischen zu bilden. Der Bialoweza-Urwald ist nichts anderes als ein Rest eines Waldgebietes, das sich einst im Osten bis Sibirien und im Westen bis Irland erstreckte.

Dass mitten in Europa ein Stück biologisches Altertum in so ursprünglicher Form erhalten blieb, ist einem besonderen Umstand zu verdanken. Im 14. Jahrhundert erklärte der litauische Großfürst Wladislaw Jagiello, nachdem er sein Großfürstentum mit dem Königreich Polen vereint hatte, den Wald zum königlichen Jagdrevier. Jahrhundertelang änderte sich nichts an diesem Status. Als die polnisch-litauische Union schließlich von Russland geschluckt wurde, erklärten die Zaren die Puszcza zu ihrem Privatgebiet. Während des Ersten Weltkriegs schlugen die deutschen Besatzungstruppen hier zwar Holz und jagten die Wildbestände, doch blieb ein Kerngebiet in seiner urwüchsigen Form erhalten, das 1921 ein polnischer Nationalpark wurde. Kurzzeitig wurde der Holzschlag von den Sowjets wiederaufgenommen, doch als die deutsche Wehrmacht einfiel, erklärte Hermann Göring, ein fanatischer Naturfreund, den Park zum absoluten Sperrgebiet, das einzig und allein seinem Vergnügen vorbehalten war.

Nach dem Zweiten Weltkrieg erklärte sich Josef Stalin während der Neuordnung der europäischen Grenzen bereit, zwei Fünftel des Waldes bei Polen zu belassen. Wenig veränderte sich unter kommunistischer Herrschaft, abgesehen vom Bau einiger Jagddatschen für die Parteielite. Leider stellt sich heute heraus, dass dieses uralte Schutzgebiet unter der jetzigen polnischen Demokratie und der weißrussischen Unabhängigkeit größeren Gefahren ausgesetzt ist als in den Jahrhunderten von Monarchie und Diktatur. Die Forstministerien in beiden Ländern unternahmen vermehrte Anstrengungen, den Urwald zu erhalten. Sogenannte forstwirtschaftliche Maßnahmen verschleiern jedoch den Umstand, dass schlagreife Laubbäume ausfindig gemacht – und verkauft – werden, die sonst eines Tages umstürzen und den Wald mit neuen Nahrungsmitteln versorgen würden.

Der Gedanke, dass ganz Europa einmal wie dieser Urwald gewesen sein soll, mutet merkwürdig an. Verfolgen wir ihn weiter, wird uns klar, dass wir uns schon sehr weit von unseren eigentlichen Ursprüngen entfernt haben. Der Anblick von Holunderbäumen mit Stämmen von mehr als zwei Metern Durchmesser oder der höchsten Bäume, die es hier gibt – riesige zerzauste Nordlandfichten –, wirkt auf uns, die wir an die vergleichsweise winzigen, forstwirtschaftlich genutzten Wälder der nördlichen Hemisphäre gewöhnt sind, fast ebenso exotisch, als befänden wir uns in Amazonien oder der Antarktis.

Als Student der Forstwirtschaft in Krakau hatte Andrzej Bobiec gelernt, den Wald unter dem Gesichtspunkt der Ertragsmaximierung zu bewirtschaften, was beispielsweise bedeutet, dass man »unverwertbare« organische Abfälle beseitigt, damit sich dort keine Forstschädlinge wie der Borkenkäfer einnisten. Doch bei einem Besuch im Bialoweza-Urwald entdeckte der Forstökologe zu seinem Erstaunen eine zehn Mal größere Artenvielfalt als in jedem Wald, den er bisher zu Gesicht bekommen hatte.

Beispielsweise waren einzig dort noch alle neun europäischen Spechtarten anzutreffen, weil einige von ihnen nur in hohlen, toten Baumstämmen nisten. »Dieser Urwald hat sich jahrtausendelang ausgezeichnet selbst bewirtschaftet«, erklärt Bobiec.

Der kräftige, bärtige Forstwirt bekam einen Posten beim polnischen Nationalparkamt, wurde jedoch wieder entlassen, weil er gegen forstwirtschaftliche Maßnahmen protestierte, die den eigentlichen Urwald immer stärker in Mitleidenschaft zogen.

Jahrelang schnürte er seine Lederstiefel und begab sich täglich auf lange Wanderungen durch seine geliebte Puszcza. Doch obwohl er jene Teile des Waldes, die von Menschenhand noch unberührt sind, engagiert verteidigt, ist Andrzej Bobiec auch fasziniert von den Spuren, die der Mensch dort im Laufe der Jahrhunderte und Jahrtausende hinterlassen hat.

Eine so urtümliche Wildnis hält alle Spuren menschlicher Anwesenheit fest und Bobiec hat gelernt, sie zu entziffern. Holzkohleschichten im Boden zeigen ihm, wo einst Waldflächen von Jägern niedergebrannt wurden, um Lichtungen zum äsen des Wildes zu schaffen. Bestände mit Birken und Zitterpappeln zeugen von Zeiten, in denen Jagiellos Nachkommen sich anderen Dingen widmen mussten als der Jagd, vielleicht dem Krieg – und zwar so lange, dass diese sonnenhungrigen Baumarten die Waldlichtungen wieder in Besitz nehmen konnten. Die Schößlinge in ihrem Schatten verraten, welche Laubbäume hier einst wuchsen. Allmählich werden sie die Birken und Espen verdrängen, bis es sein wird, als wären sie nie verschwunden gewesen.

Immer wenn Bobiec auf einen ungewöhnlichen Strauch wie Weißdorn oder einen alten Apfelbaum stößt, weiß er, dass dort einmal eine Holzhütte gestanden haben muss und schon längst von den gleichen Mikroorganismen verzehrt wurde, welche die riesigen Bäume hier wieder in Erde verwandeln können. Jede der mächtigen Solitäreichen, die Bobiec auf einem niedrigen, kleebedeckten Hügel antrifft, markiert einen Ort, wo Feuerbestattungen stattgefunden haben. Ihre Wurzeln nähren sich von der Asche jener Slawen, die vor 900 Jahren aus dem Osten kamen und die Vorfahren der heutigen Weißrussen sind. An der Nordwestecke des Waldes haben Juden aus umliegenden Ortschaften ihre Toten begraben. Ihre in Sandstein und Granit gearbeiteten Grabsteine aus der Mitte des 19. Jahrhunderts sind moosbedeckt und von Wurzeln zu Fall gebracht. Wind und Wetter haben sie so glatt geschliffen, dass sie den Kieselsteinen ähneln, die trauernde Verwandte – inzwischen selbst schon längst verstorben – einst zum Zeichen des Gedenkens daraufgelegt haben.

Andrzej Bobiec durchquert eine blaugraue Kiefernschneise, knapp anderthalb Kilometer von der weißrussischen Grenze entfernt. Der verblassende Oktobernachmittag ist so still, dass Bobiec die Schneeflocken fallen hören kann. Plötzlich ertönt ein lautes Knacken im Unterholz und ein Dutzend Wisente bricht aus dem Versteck hervor, in dem sie sich an jungen Schößlingen gütlich getan haben. Einen Moment richten sie stampfend ihre riesigen schwarzen Augen auf den Eindringling, bevor sie die Flucht ergreifen.

Nur noch 600 Wisente leben in freier Wildbahn, fast alle von ihnen hier – oder nur die Hälfte von ihnen, je nachdem, was man unter hier versteht. Dieses Paradies wird von einer Grenze geteilt, die in den achtziger Jahren von den Sowjets errichtet wurde, um zu verhindern, dass Weißrussen ins liberale Polen flohen. Während sich die Wölfe einen Weg unter dem Zaun hindurchgraben und man annimmt, dass Rehwild und Elche über ihn hinwegspringen, bleibt die Herde dieser größten europäischen Säugetiere und mit ihnen ihr Genpool getrennt – und somit bedrohlich verringert, wie einige Zoologen befürchten. Nach dem Ersten Weltkrieg wurden Wisente aus zoologischen Gärten hierher gebracht, um eine Art wiederaufzufüllen, die von hungrigen Soldaten fast vernichtet worden war. Nun werden sie von einem Relikt des Kalten Krieges aufs Neue bedroht, denn Weißrusslands Behörden wollen den Grenzzaun nicht für die Tiere öffnen.

Die Riesenbäume des Urwalds unterscheiden sich nicht von denen in Polen; die gleichen Butterblumen, Flechten und gewaltigen Roteichenblätter; dieselben kreisenden Seeadler, die der Stacheldrahtzaun weit unten nicht kümmert. Tatsächlich expandiert der Wald zu beiden Seiten der Grenze, da die Landbevölkerung ihre schrumpfenden Dörfer verlässt und in die Städte zieht. In diesem feuchten Klima erobern Birken und Espen rasch die brachliegenden Kartoffeläcker; in nur zwei Jahrzehnten weichen die landwirtschaftlichen Nutzflächen dem Wald. Unter dem Blätterdach der ersten Bäume regenerieren sich Eichen, Ahorn, Linden, Ulmen und Fichten. Fünfhundert Jahre ohne den Menschen und ein echter Wald könnte neu erstehen.

2Vom Untergang unserer Häuser

An dem Tag, an dem die Menschheit verschwindet, beginnt die Natur augenblicklich mit dem Hausputz. Sie putzt unsere Häuser vom Antlitz der Erde. Alle werden sie verschwinden.

Wenn Sie ein Haus besitzen, wissen Sie längst, dass das auch bei Ihrem Heim nur eine Frage der Zeit ist. Auch wenn Sie es sich nicht eingestehen, hat die unerbittliche Erosion bereits eingesetzt, angefangen bei Ihren Ersparnissen. Als Sie das Haus kauften, hat niemand erwähnt, was Sie darüber hinaus würden ausgeben müssen, um zu verhindern, dass die Natur es sich lange vor der Bank zurückholt.

Selbst wenn Sie in einer Siedlung leben, wo schwere Maschinen die Landschaft mit roher Gewalt ihrem Willen unterwarfen, wo die wildwuchernde natürliche Pflanzenwelt durch gefügige Rasenflächen und gesichtslose Bäumchen ersetzt und Feuchtgebiete einfach zubetoniert wurden – selbst dann wird Ihnen klar sein, dass die Natur nicht kleinzukriegen ist. Sie können Ihr bestens geheiztes Zuhause noch so gut gegen Wettereinflüsse isolieren, unsichtbare Sporen dringen trotzdem ein und machen sich irgendwann als Schimmelpilzbefall bemerkbar: Erschreckend, wenn Sie ihn entdecken, schlimmer noch, wenn nicht, weil er sich hinter der gestrichenen Wand verbirgt, wo er Rigipsplatten anfrisst, Stützpfeiler aufweicht und Fußbodenbretter zerstört. Oder Sie müssen hilflos die Invasion von Ameisen, Kellerasseln, Schaben, Hornissen oder sogar kleinen Säugetieren mitansehen.

Vor allem aber fürchten Sie, was in anderen Situationen unser Lebenselixier ist: Wasser; denn das versucht, sich überall Zugang zu verschaffen.

Der Regen holt sich zurück, was wir der Natur genommen haben. Zunächst nimmt er sich das hölzerne Rahmenwerk vor, bei Wohnhäusern der nördlichen Hemisphäre die häufigste Bauweise. Der Prozess beginnt am Dach, wo er es vermutlich mit Bitumen-, Schiefer oder Tondachziegeln zu tun bekommt, deren Garantiezeit von zwanzig bis dreißig Jahren das erste Leck in der unmittelbaren Umgebung des Schornsteins allerdings nicht mehr verhindern kann. Wenn sich das Kehlblech an den nach innen geneigten Dachflächen, wo der Regen zusammenströmt, unter der unablässigen Einwirkung löst, läuft Wasser unter die Schindeln und breitet sich auf den darunterliegenden Schalplatten oder Holzfasern aus.

Die heutige Bauweise setzt auf leichte Materialien. Einerseits ist nichts dagegen einzuwenden: Wenn wir so kostengünstig und leicht bauen, verbrauchen wir weniger natürliche Ressourcen. Andererseits sind die dicken Bäume, denen die Gebäude aus dem europäischen und japanischen Mittelalter und der amerikanischen Frühzeit ihre Stützstreben und Tragbalken verdanken, selten und kostspielig geworden, sodass uns heute gar nichts anderes übrig bleibt, als kleinere Bretter und Späne zusammenzuleimen.

Das Kunstharz in Ihrem kostenbewusst gewählten Spanplattendach, ein wasserfester Mix aus Formaldehyd und Phenolpolymeren, wurde auch auf die frei liegenden Kanten der Platten aufgetragen, was gar nichts nützt, weil die Feuchtigkeit in der Umgebung der Nägel eindringt. Schon bald beginnen sie zu rosten und ihren Halt zu verlieren. Das führt nicht nur augenblicklich zu Lecks, sondern auch zu einer fatalen Beeinträchtigung der Stabilität. Abgesehen davon, dass die Platten die Unterlage der Deckung bilden, geben sie sich auch gegenseitig Halt. Die Versteifungen – vorfabrizierte Hölzer, die von Metallverbindungen zusammengehalten werden – haben die Aufgabe, eine Spreizung des Dachstuhls zu verhindern. Doch wenn sich die Verschalung auflöst, geht auch die Stabilität der Konstruktion verloren.

Da die Schwerkraft auf die Verschalung einwirkt, reißen die Stifte, die die Metallverbindungen halten, aus dem nassen Holz, das jetzt mit einer flaumigen Schicht von grünlichem Schimmelpilz bedeckt ist. Unter dem Schimmel sondern dünne Fäden, sogenannte Hyphen, Enzyme ab, welche Zellulose und Lignin, also das Holz, zu Pilznahrung abbauen.

Das Gleiche geschieht mit dem Fußboden im Inneren. Wenn die Heizung ausgeht, platzen die Rohre, wenn es im Winter friert, und der Regen weht ins Haus, wo unter dem Aufprall von Vögeln oder dem Druck absackender Mauern die Fenster zersprungen sind. Selbst dort, wo das Glas noch heil ist, finden Regen und Schnee unaufhaltsam ihren Weg unter den Türschwellen ins Haus. Mit fortschreitender Fäulnis brechen die Tragebalken in sich zusammen. Schließlich lehnen sich die Wände zur Seite und das Dach stürzt ein. Ein Scheunendach mit einem 50 Zentimeter großen Loch ist innerhalb von zehn Jahren hin. Ihr Haus hält vielleicht fünfzig, bestenfalls hundert Jahre.

Während das Unheil seinen Lauf nimmt, treiben Eichhörnchen, Marder und Eidechsen im Inneren des Hauses ihr Unwesen und nagen Nisthöhlen in das Ständerwerk, ohne sich um die Spechte zu kümmern, die der Wand von der anderen Seite zu Leibe rücken. Auch wenn ihnen anfangs die angeblich unverwüstlichen Fassadenverkleidungen aus Aluminium, Vinyl oder den wartungsfreien Zementfaserprofilen das Leben schwer machen, brauchen sie nur ein Jahrhundert zu warten, bis die meisten dieser Werkstoffe am Ende sind. Die ursprüngliche Farbimprägnierung ist fast verschwunden. Während das Wasser sich unaufhaltsam seinen Weg in Schnittkanten hinein sucht und durch die Löcher sickert, die einst Nägel füllten, machen sich Bakterien über die organischen Bestandteile der Baustoffe her und lassen nur die Mineralien zurück. Abgefallene Vinylverkleidungen, deren Farben schon früh verblassten, sind jetzt spröde und brüchig, da ihre Weichmacher abgebaut sind. Das Aluminium hat sich besser gehalten, doch dort, wo sich auf seiner Oberfläche salzhaltiges Wasser sammelt, frisst dieses langsam kleine Löcher, in denen eine körnige weiße Schicht zurückbleibt.

Jahrzehntelang sind Ihre stählernen Heizungszüge und Kühlschächte, auch als sie den Elementen ausgesetzt waren, durch die Verzinkung geschützt gewesen. Doch in gemeinsamer Anstrengung ist es Feuchtigkeit und Luft gelungen, sie in Zinkoxid zu verwandeln. Sobald die Verzinkung zerfressen ist, zerfällt das ungeschützte dünne Stahlblech in wenigen Jahren. Schon lange zuvor sind die wasserlöslichen Bestandteile des Rigips im Erdreich versickert. Bleibt nur noch der Schornstein, wo der ganze Ärger begann. Nach einem Jahrhundert steht er zwar noch immer, doch seine Ziegel fallen nach und nach herab und zerbrechen, weil der Kalkmörtel unter dem Einfluss der Temperaturschwankungen bröckelig wird und zu Staub zerfällt.

Wenn Sie stolzer Besitzer eines Swimmingpools waren, so hat er sich jetzt in einen Blumenkasten verwandelt, wo entweder die Aussaat jener Ziersträucher und Bäume wächst, die einst nur Ihren Garten schmückten, oder heimische Laubhölzer, an den Rand der Siedlung abgedrängt, die dort auf ihre Chance zur Rückeroberung des Terrains lauerten. Wenn das Haus über einen Keller verfügt, so füllt sich auch dieser mit Erde und Pflanzenleben. Brombeersträucher und Wilder Wein ranken an stählernen Gasleitungen empor, die zu Rost zerfallen sein werden, bevor ein weiteres Jahrhundert verstrichen ist. Die weißen PVC-Rohre in Bad und Küche haben eine gelbliche Färbung angenommen und sind an der lichtzugekehrten Seite dünn geworden. Dort ist das Chlorid zu Salzsäure verwittert, die nun sich selbst und das Polyvinyl in ihrer Nähe auflöst. Nur die Kacheln im Badezimmer sind relativ unverändert, da gebrannte Keramik ähnliche chemische Eigenschaften hat wie Fossilien – auch wenn die Kacheln nun, mit faulendem Laub vermischt, am Boden liegen.

Was nach 500 Jahren noch vorhanden ist, hängt davon ab, an welchem Ort der Welt Sie leben. War das Klima gemäßigt, befindet sich ein Wald an der Stelle der Vorstadt; von einigen Hügeln abgesehen, ähnelt er allmählich wieder dem Ort, der er war, bevor sich die Stadtplaner darüberhermachten. Zwischen den Bäumen, halb verborgen unter dem sprießenden Unterholz, liegen die Aluminiumteile von Geschirrspülern und Kochtöpfe aus Edelstahl, deren Kunststoffgriffe rissig geworden, aber noch stabil sind. Im Laufe der kommenden Jahrhunderte wird sich – obwohl es kein Werkstoffprüfer mehr erfahren wird – endlich erweisen, wie lange es dauert, bis Aluminium korrodiert und zerfällt: Aluminium ist ein relativ neues Material, das den Frühmenschen unbekannt war – sein Grundstoff muss elektrochemisch bearbeitet werden, um das Metall zu gewinnen.

Die Chromlegierungen, die dem Edelstahl seine Elastizität verleihen, werden diese Aufgabe wahrscheinlich noch einige Jahrtausende lang erfüllen, vor allem wenn die Töpfe, Pfannen und Bestecke aus Kohlenstoff-Stahl unter Sauerstoffabschluss begraben liegen. Sollte irgendwer in hunderttausend Jahren diese Dinge ausgraben, wird ihn die Entdeckung so gebrauchsfertiger Werkzeuge unvermittelt auf eine höhere Evolutionsstufe katapultieren. Die Erkenntnis, diese wunderbaren Objekte nicht nachbauen zu können, wird sicherlich eine niederschmetternde Enttäuschung sein – oder in ihrer Rätselhaftigkeit der Ansatzpunkt einer neuen Religion.

In den Gegenden der Erde mit trockenem und heißem Klima werden die Kunststoffbestandteile des modernen Lebens rascher zerbröckeln, da die Polymerketten unter dem fortwährenden Beschuss von Ultraviolettstrahlung zerfallen. Angesichts geringerer Feuchtigkeit ist Holz dort haltbarer, während alle Metallteile, die mit den salzigen Wüstenböden in Berührung kommen, schneller rosten. Nun lassen römische Ruinen aber vermuten, dass dickes Gusseisen noch in den archäologischen Funden einer fernen Zukunft vertreten sein könnte, daher dürfte eines Tages der seltsame Anblick von Hydranten, die zwischen Kakteen aus dem Boden ragen, zu den wenigen Hinweisen gehören, dass es hier einmal Menschen gab. Wenn Backsteine und Rigipswände längst der Erosion zum Opfer gefallen sind, werden die schmiedeeisernen Balkon- und Fenstergitter, die sie einst schmückten, immer noch erkennbar sein, wenn auch löchrig wie Tüll: Der Rost, der sich durch das Eisen frisst, lässt nur dessen kristallines Gerüst zurück.

Früher errichteten wir unsere Gebäude oft auch aus den dauerhaftesten Stoffen, die wir kannten: Granitblöcken zum Beispiel. Die Ergebnisse sind noch heute Gegenstand unserer Bewunderung, doch wir machen inzwischen nur noch selten von dieser Technik Gebrauch, weil Abbau, Zuschneiden, Transport und Einpassen der Steine eine Geduld verlangen, die wir nicht mehr besitzen. Baumeister wie Antonio Gaudí, der in Barcelona im Jahr 1882 mit der Errichtung der noch immer unvollendeten Basilika Sagrada Familia begann, gibt es nicht mehr – niemand ist bereit, in Bauwerke zu investieren, die unsere Urururenkel in 150 Jahren vollenden werden. Ganz zu schweigen von den Kosten, die, da wir nicht mehr auf Tausende von Sklaven zurückgreifen können, sehr beträchtlich sind, vor allem im Vergleich mit einer anderen römischen Erfindung: dem Beton.

Heute verfestigt sich dieses Gemisch aus Kalkstein, Ton, Wasser und Zusatzstoffen während des Aushärtens zu künstlichem Gestein und wird mehr und mehr zur erschwinglichsten Option des Homosapiens urbanus. Was wird also mit den Betonstädten geschehen, die heute mehr als die Hälfte der Menschheit beherbergen?

Bevor wir uns dieser Frage zuwenden können, müssen wir uns mit einer anderen beschäftigen, die das Klima betrifft. Wenn wir morgen verschwinden, wird die Eigendynamik bestimmter Kräfte, die wir bereits in Gang gesetzt haben, noch so lange fortwirken, bis Jahrhunderte später der Einfluss von Schwerkraft, Chemie und Entropie ein neues Gleichgewicht herstellt, das nur noch teilweise dem ähneln wird, das vor unserer Zeit herrschte. Dieses frühere Gleichgewicht beruhte darauf, dass ein erheblicher Teil des Kohlenstoffs, den wir inzwischen wieder in die Atmosphäre befördert haben, unter der Erdkruste eingeschlossen war. Statt zu verfaulen, könnten die Balkenkonstruktionen unserer Häuser konserviert werden wie die Planken der spanischen Galeonen, die dem steigenden Salzgehalt des Meerwassers ihre Erhaltung verdanken.

In einer wärmeren Welt würden die Wüsten möglicherweise noch trockener werden, während die Gegenden, in denen Menschen lebten, wahrscheinlich wieder von dem Element in Besitz genommen würden, das die Menschen ursprünglich angelockt hatte: fließendes Wasser. Von Kairo bis Phoenix entstanden Wüstenstädte dort, wo Flüsse Trockengebiete bewohnbar machten. Als ihre Zahl anstieg, unterwarfen die Menschen diese Wasseradern ihrer Kontrolle und leiteten sie in einer Weise um, die ein weiteres Bevölkerungswachstum ermöglichte. Doch mit den Menschen werden auch diese Veränderungen am natürlichen Lauf der Flüsse verschwinden. Den trockeneren, heißeren Wüstenklimata stehen dann feuchtere, stürmischere Großwetterlagen in den Gebirgen gegenüber, die reißende Wassermassen in die Ebenen schicken, Dämme überfluten, sich in die ehemaligen überschwemmungsgebiete ergießen und alles begraben, was auf ihren alljährlich abgelagerten Schlammschichten erbaut wurde. Unter dieser Schicht könnten Hydranten, Lkw-Reifen, zertrümmertes Flachglas, Apartment- und Bürohochhäuser unbefristet fortbestehen, den Blicken allerdings ebenso gründlich entzogen wie einst unsere fossilen Brennstoffe.

Kein Denkmal wird ihr Grab kennzeichnen, nur die Wurzeln der Pappeln, Weiden und Palmen werden ihre Anwesenheit gelegentlich zur Kenntnis nehmen. Erst Ewigkeiten später, wenn die alten Gebirge abgetragen und neue aufgeworfen sind, werden junge Ströme neue Felsschluchten durch Sedimentschichten graben und dabei offenbaren, wer hier kurze Zeit weilte.

3Die Stadt ohne uns

Die Vorstellung, die Natur könnte eines Tages etwas so Gigantisches und Festgefügtes wie eine moderne Großstadt schlucken, gelingt nicht ohne Weiteres. Angesichts der ungeheuren Größe von New York City scheitern alle Bemühungen, uns sein Verschwinden von der Landkarte vorzustellen. Die Ereignisse vom September 2001 haben lediglich gezeigt, was Menschen mit entsprechenden Mitteln bewirken können, nicht aber, wozu natürliche Prozesse wie Erosion oder Fäulnis fähig sind. Der atemberaubend rasche Zusammenbruch der Türme des World Trade Center vermittelte uns eher einen Eindruck von den Attentätern als von der extremen Verwundbarkeit, die unsere gesamte Infrastruktur bedrohen könnte. Und selbst diese zuvor unvorstellbare Katastrophe blieb auf einige wenige Gebäude beschränkt. Trotzdem: Die Zeit, welche die Natur brauchen würde, um sich aller Errungenschaften unserer urbanen Zivilisation zu entledigen, könnte kürzer sein, als wir vermuten.

1939 fand in New York eine Weltausstellung statt. Zu diesem Anlass schickte Polens Regierung ein Standbild von Wladislaw Jagiello, dem Begründer der Puszcza Białowieska. Triumphierend reckt er zwei Schwerter empor, die er dem gerade besiegten Feind Polens, den deutschen Ordensrittern, abgenommen hat.

Das Jagiello-Denkmal wurde im Central Park aufgestellt und blickt auf den Turtle Pond hinab, wie der Teich heute heißt.

Wenn Dr. Eric Sanderson Besuchergruppen durch den Park führt, achtet er gewöhnlich nicht auf Jagiellos Standbild, weil er mit seinen Besuchern in eine ganz andere Zeit eingetaucht ist, ins 17. Jahrhundert. Sanderson – Brille unter breitkrempigem Filzhut, ergrauender, gestutzter Kinnbart und Laptop im Rucksack – ist Landschaftsökologe bei der Wildlife Conservation Society, einem weltweit tätigen Heer von Forschern, die versuchen, eine gefährdete Welt vor sich selbst zu retten. Vom Verwaltungsgebäude des Zoos in der Bronx aus leitet Sanderson das Mannahatta Project, einen virtuellen Versuch, die Insel Manhattan so zu rekonstruieren, wie sie sich 1609 Henry Hudson bei der ersten Expedition in die Bucht von New York darstellte: eine prä-urbane Vision, die zu Spekulationen über das Erscheinungsbild einer post-humanen Zukunft anregt.

Sandersons Forschungsgruppe hat holländische Originaldokumente, Militärkarten aus britischer Kolonialzeit, Unterlagen über Landvermessungen und jahrhundertealte Aktenstücke in verschiedenen Stadtarchiven durchforstet. Es wurden Sedimentproben genommen, fossile Pollen analysiert und Tausende von biologischen Daten in bildgebende Programme eingespeist, um dreidimensionale Panoramen jener dicht bewaldeten Wildnis zu erzeugen, die sich einst an der Stelle ausbreitete, wo sich heute ein Teil New Yorks befindet. Mit jeder neuen Gras- oder Baumart, die historisch in irgendeinem Teil der Stadt dokumentiert ist, werden die Bilder detaillierter, verblüffender und überzeugender. Ziel des Projekts ist ein Plan, der Häuserblock für Häuserblock jenen Geisterwald entstehen lässt, der Eric Sanderson unheimlicherweise sogar dann vor Augen steht, wenn er den Bussen in der Fifth Avenue ausweicht.

Wenn Sanderson durch den Central Park wandert, ist er in der Lage, durch die fast 400000 Kubikmeter Erde hindurchzusehen, die von Frederick Law Olmstead und Calvert Vaux, den Planern des Parks, herbeigeschafft wurden, um damit das überwiegend sumpfige und von verschiedenen Sumach-Arten bewachsene Feuchtgebiet aufzufüllen. Er kann die Uferlinie des langen, schmalen Sees nachzeichnen, der sich entlang der heutigen 59. Straße nördlich des Plaza Hotels erstreckte und mit seinem mäandernden Abfluss die Salzsümpfe zum East River durchzog. Von Westen aus sieht Sanderson zwei Bäche in den See münden, welche die Hänge eines höheren Hügelkamms entwässerten, eines Wildwechsels für Hirsche und Pumas, der heute Broadway heißt.

Überall in der Stadt sieht Sanderson Wasser fließen, das großenteils aus dem Untergrund hervorsprudelt: »So ist die Spring Street zu ihrem Namen gekommen.« Er hat mehr als vierzig Bäche und Flüsschen ausfindig gemacht, die einst diese hügelige Felseninsel durchflossen: In der Algonquin-Sprache der ersten menschlichen Bewohner, der Lenni Lenape, bezeichnete der Name Mannahatta diese heute nicht mehr vorhandenen Hügel. Als New Yorks Stadtplaner im 19. Jahrhundert allem, was nördlich von Greenwich Village lag, ein Gitternetz aufdrückten – der Straßenwirrwarr im Süden ließ sich dieser Ordnung beim besten Willen nicht mehr unterwerfen –, setzten sie sich über alle topografischen Gegebenheiten hinweg. Von einigen massiven Schieferklippen im Central Park und an der Nordspitze der Insel abgesehen, wurde Manhattans vielfältig gegliedertes Terrain in Bachbetten geschoben, dann eingeebnet und nivelliert, um genügend Platz für die expandierende Stadt zu schaffen.

Später entstanden neue Umrisse, diesmal von geraden Linien und scharfen Winkeln geprägt, wie denn auch das Wasser, das der Landschaft einst ihre Gestalt verlieh, in ein unterirdisches Rohrnetz gezwängt wurde. Eric Sandersons Mannahatta Project zeigt, wie genau die moderne Kanalisation den Wegen der alten Wasserläufe folgt, wenngleich das von Menschenhand geschaffene System die Abwässer nicht so effizient wie die Natur abzuleiten vermag. Auch in einer Stadt, die ihre Flüsse vergraben habe, sagt er, »gibt es weiterhin Regen, und der muss irgendwohin«.

Genau das wird sich als der entscheidende Ansatzpunkt erweisen, wenn sich die Natur eines Tages anschickt, Manhattans harte Schale aufzubrechen. Anfangs ginge alles sehr rasch, wobei der erste Schlag gegen die empfindlichste Stelle der Stadt geführt würde: ihren Unterleib.

Paul Schuber von den New Yorker Verkehrsbetrieben und Peter Briffa, in der Stadtverwaltung zuständig für Verhinderung und Beseitigung von Wasserschäden, können sich ziemlich genau vorstellen, wie das geschehen würde. Jeden Tag müssen sie 50 Millionen Liter Wasser daran hindern, die New Yorker U-Bahn-Tunnel zu fluten.

»Das ist nur das Wasser, das sich bereits unter der Erde befindet«, sagt Schuber.

»Wenn es regnet, ist die Menge  …«, Briffa hebt resignierend die Hände, »nicht mehr zu kalkulieren.«

Vielleicht nicht wirklich unkalkulierbar, doch es regnet heute nicht weniger als vor dem Bau der Stadt. Einst umfasste Manhattan siebzig Quadratkilometer durchlässigen Bodens, durchzogen von lebendigem Wurzelwerk. Bäume und Wiesengräser absorbierten jährlich 120 Zentimeter Niederschlag, stillten damit ihren Durst und verdunsteten den Rest in die Atmosphäre. Was die Wurzeln nicht aufnahmen, sickerte ins Grundwasser. Hier und da trat das Regenwasser in Form von Seen und Sümpfen an die Oberfläche, wo überschüssige Mengen über die vierzig Flüsschen und Bäche ins Meer befördert wurden – jene Wasserläufe, die jetzt unter Beton und Asphalt begraben sind.

Da es heute kaum noch unversiegelte Böden oder Vegetation gibt, um die Niederschläge aufzunehmen beziehungsweise auszuschwitzen, und da die Hochhäuser das Sonnenlicht abfangen, weshalb das Wasser nicht verdunsten kann, sammelt sich der Regen in Pfützen, folgt der Schwerkraft in die Kanalisation – oder fließt in die Belüftungsschächte der U-Bahn, womit er zusätzlich zum Wasseraufkommen beiträgt, das dort bereits vorhanden ist. Unter der 131. Straße und Lenox Avenue untergräbt beispielsweise ein anschwellender unterirdischer Fluss das Fundament der U-Bahn-Linien A, B, C und D. Ständig klettern Männer in Warnwesten und derber Arbeitskleidung unter der Stadt herum, um den steigenden Grundwasserspiegel in den Katakomben von New York in den Griff zu bekommen.

Nach heftigen Regenfällen sind die Gullys von Schwemmgut verstopft – die Zahl der Plastikmülltüten, die in den Großstädten der Welt die Rinnsteine hinabtreiben, dürfte jede Vorstellung übersteigen –, worauf das Wasser, das ja irgendwohin ausweichen muss, die nächstgelegene U-Bahn-Treppe hinunterplätschert. Wenn dann noch ein kräftiger Nordostwind hinzukommt, drückt das Hochwasser des Atlantiks gegen den New Yorker Grundwasserspiegel, bis er an Stellen wie der Water Street in Lower Manhattan oder dem Yankee-Stadion in der Bronx direkt in die Tunnel schwappt und alles zum Erliegen bringt, bevor er wieder sinkt. Sollte sich der Ozean weiterhin erwärmen und schneller steigen als um die gegenwärtig zweieinhalb Zentimeter pro Jahrzehnt, wird sich der Atlantik irgendwann nicht mehr aus den Tunneln zurückziehen. Schuber und Briffa haben allerdings keine Ahnung, was dann geschieht.

Nimmt man zu alledem noch die überalterten Hauptwasserrohre aus den dreißiger Jahren hinzu, die häufig brechen, so wird New York schon jetzt nur noch durch die unablässige Wachsamkeit der U-Bahn-Mitarbeiter und die Arbeit von 753 Pumpen vor einer überflutung bewahrt. Vergegenwärtigen Sie sich diese Pumpen: New Yorks U-Bahn-System, 1903 ein Wunderwerk der Technik, wurde im Untergrund einer bereits existierenden, jetzt blühenden Stadt angelegt. Da die Stadt bereits eine Kanalisation besaß, musste man mit der U-Bahn noch tiefer gehen. »Daher müssen wir bergauf pumpen«, erläutert Schuber. Damit steht New York nicht allein: Städte wie London, Moskau und Washington haben ihre U-Bahnen noch weitaus tiefer angelegt, häufig auch, um sie als Bunker nutzen zu können. Damit ist potenzielles Unheil vorgezeichnet.

Schuber blickt in ein quadratisches Loch, das sich unter der U-Bahn-Station Van Siclen Avenue in Brooklyn befindet. Aus dessen felsiger Sohle schießen jede Minute 2500 Liter Grundwasser hervor. Er weist auf vier gusseiserne Tauchpumpen in der tosenden Kaskade, die abwechselnd gegen die Schwerkraft kämpfen. Diese Pumpen werden elektrisch betrieben. Bei Stromausfall kann sich die Situation sehr rasch dramatisch zuspitzen. Nach den Anschlägen auf das World Trade Center pumpte ein Pumpenzug mit einem riesigen Dieselgenerator das 27-fache Volumen eines großen Sportstadions aus der Unglücksstelle. Wäre der Hudson River tatsächlich in die Tunnel der PATH-Strecke eingebrochen, die New York mit New Jersey verbindet, wie es fast der Fall war, wäre der Pumpenzug – und ein Großteil der Stadt – einfach überfordert gewesen.

In einer verödeten Stadt gäbe es keine Paul Schubers und Peter Briffas, die von einer unter Wasser stehenden Station zur nächsten laufen, sobald mehr als fünf Zentimeter Regen fällt, wie es in letzter Zeit mit beunruhigender Häufigkeit geschieht, oder die manchmal Schläuche treppauf verlegen, um das Wasser in einen Gully oben auf der Straße zu pumpen, und die manchmal diese U-Bahn-Tunnel in Schlauchbooten befahren. Doch ohne Menschen gäbe es auch keinen Strom. Die Pumpen würden ihre Arbeit einstellen und nie wieder aufnehmen. »Wenn diese Pumpen ausfallen«, sagt Schuber, »steht das Wasser in einer halben Stunde so hoch, dass die Züge nicht mehr durchkommen.«

Briffa nimmt seine Schutzbrille ab und reibt sich müde die Augen. »Bei überschwemmung eines Abschnitts würde das Wasser in die benachbarten drücken. In 36 Stunden wäre hier alles abgesoffen.«

Selbst wenn es nicht regnete, würde es nach dem Stillstand der Pumpen höchstens ein paar Tage dauern, schätzen sie. Dann beginnt das Wasser, das Erdreich unter dem Pflaster fortzuwaschen. Schon bald bilden sich Krater in der Straße. Da die Gullys nicht geräumt werden, entstehen an der Oberfläche einige neue Wasserläufe. Andere treten plötzlich auf, wenn die mit Wasser vollgesogenen Decken der U-Bahn-Schächte einstürzen. In zwanzig Jahren sind die wasserumspülten Stahlpfeiler, auf denen die Straße über den Linien 4, 5 und 6 der East Side ruht, verrostet und geben nach. Wenn die Lexington Avenue einstürzt, wird sie zum Flussbett.

Doch schon lange zuvor zeigen sich im ganzen Stadtgebiet erhebliche Straßenschäden. Wie Dr. Jameel Ahmad, Leiter des Tiefbaufachbereichs am New Yorker Cooper Union College, erläutert, träten sie schon im darauffolgenden März auf. In jedem März schwanken die Temperaturen bis zu vierzig  Mal um den Gefrierpunkt (der Klimawandel könnte diese Periode in den Februar vorverlegen). Jedes Mal lässt dieser wiederholte Wechsel von Gefrieren und Tauen Asphalt und Beton platzen. Wenn der Schnee taut, sickert Wasser in die frischen Risse. Sobald es friert, dehnt sich das Wasser aus und die Risse vergrößern sich.

Es ist, als wollte sich das Wasser dafür rächen, dass es unter diese riesige Stadtlandschaft verbannt wurde. Fast jede andere natürlich vorkommende Verbindung zieht sich zusammen, wenn sie gefriert, nur die H2O-Moleküle verhalten sich umgekehrt – sie ordnen sich zu eleganten sechseckigen Kristallen an und nehmen bis zu neun Prozent mehr Raum ein als in flüssigem Zustand. Wir können uns kaum vorstellen, dass diese hübschen zerbrechlichen Kristalle die Kraft haben sollen, die Platten eines Bürgersteigs auseinanderzudrängen. Noch unwahrscheinlicher ist die Vorstellung, dass Wasserrohre aus zähem Stahl, die einem Druck von 530 Kilogramm pro Quadratzentimeter standhalten, explodieren, wenn das Wasser gefriert. Doch genau das geschieht.

Wenn das Pflaster aufbricht und die Samen von Unkräutern wie Senf, Feldklee und Klebkraut vom Central Park herüberwehen, wurzeln sie in den neuen Rissen, die sich dadurch noch verbreitern. In der heutigen Welt ist die Stadtreinigung gewöhnlich sofort zur Stelle, beseitigt das Unkraut und füllt die Risse. Doch in einer Welt ohne Menschen gäbe es auch in New York niemanden mehr, der die auftretenden Mängel beheben könnte. Dem Unkraut auf dem Fuße folgt die sich am raschesten vermehrende exotische Art der Stadt, der Chinesische Götterbaum. Trotz ihres poetischen Namens sind diese Bäume rücksichtslose Eindringlinge, die in der Lage sind, sich in winzigen Rissen der U-Bahn-Tunnel anzusiedeln, so lange unbemerkt, bis ihr Blätterdach durch die Gitter der Bürgersteige kriecht. Wenn niemand mehr ihre Sämlinge beseitigt, hebeln binnen fünf Jahren mächtige Götterbaumwurzeln die verbliebenen Bürgersteige hoch und zerstören die Abwasserkanäle – die ohnehin schon mit all den Plastiktüten und dem Zeitungsbrei zu kämpfen haben, die niemand mehr forträumt. Wenn der Boden, der lange unter dem Pflaster verborgen lag, Sonne und Regen ausgesetzt ist, gesellen sich andere Pflanzenarten hinzu und schon bald trägt altes Laub zur weiteren Verstopfung der Gullys bei.

Die ersten Pionierpflanzen müssen noch nicht einmal warten, bis das Pflaster zerbröckelt. Ausgehend von dem Schlamm, der sich in den Rinnsteinen sammelt, bildet sich eine Erdschicht auf New Yorks unfruchtbarem Boden und gibt weiteren Sämlingen Nahrung. Mit weit weniger organischem Material – lediglich verwehtem Staub und städtischem Ruß – ist genau das mit einer eisernen Hochtrasse der New Yorker Central Railroad auf Manhattans West Side passiert. Seit dort 1980 der Zugverkehr eingestellt wurde, hat sich neben dem unvermeidlichen Götterbaum eine immer dickere Schicht aus Scheinkrokussen und flaumigem Wollziest angesiedelt, hier und da durch Büschel von Goldrute unterbrochen. An einigen Stellen führen die Gleise aus dem ersten Stock von Lagerhäusern, die einst von der Bahn bedient wurden, in hochgelegene Beete mit wilden Krokussen, Schwertlilien, Nachtkerzen, Astern und Wilden Möhren. Viele New Yorker waren von dem Blick aus den Fenstern von Chelseas Kunstviertel auf diesen wild wachsenden, blühenden Grünstreifen, der so rasch und nachdrücklich auf einen toten Winkel ihrer Stadt Anspruch erhob, so begeistert, dass man ihn The High Line nannte und offiziell zum Park erklärte.

In den ersten Jahren ohne Heizung platzen überall in der Stadt die Rohre, der Frost-Tauwetter-Zyklus dringt in die Gebäude ein. Die Situation verschlechtert sich nun rapide. Gebäude ächzen, während sich ihre Kerne ausdehnen und zusammenziehen; die Verbindungen zwischen Wänden und Dächern lösen sich. Wo das der Fall ist, sickert Regen ein, rosten Bolzen und fällt der Verputz von der Wand, sodass die Isolierungen freiliegen. Falls die Stadt bisher noch nicht brannte, wird sie jetzt Feuer fangen. Insgesamt ist New Yorks Architektur nicht so feueranfällig wie etwa San Franciscos Häuserzeilen mit den viktorianischen Holzfassaden, die wie Zunder brennen. Doch ohne Feuerwehr, die auf einen Alarm reagiert, kann ein einziger Blitzschlag das in Jahrzehnten angehäufte tote Geäst und Laub im Central Park entzünden und einen Brand entfachen, der die Glut rasch in die Straßen trägt. Binnen zweier Jahrzehnte sind die Blitzableiter verrostet und gerissen, die Flammen brennender Dächer greifen von Gebäude zu Gebäude über und dringen in holzgetäfelte Büros ein, wo sie reichlich Nahrung vorfinden. Gasleitungen entzünden sich explosionsartig und lassen die Fensterscheiben zerspringen. Regen und Schnee wehen herein und schon bald beginnen die Estrichböden zu gefrieren, zu tauen und sich zu verwerfen. Verbrannte Isolierungen und verkohltes Holz tragen Nährstoffe in Manhattans wachsende Erdschicht ein. Einheimische Gewächse wie Wilder Wein und Giftefeu ranken sich an Mauern empor, wo sich nach dem Ende der Luftverschmutzung rasch Flechten ausbreiten. In den Wolkenkratzern, von denen fast nur noch die Skelette stehen, nisten Rotschwanzbussarde und Wanderfalken.

Nach zweihundert Jahren, so schätzt Steven Clemants, stellvertretender Direktor des Brooklyn Botanical Garden, werden Baumgruppen die Pionierpflanzen weitgehend verdrängt haben. Rinnsteine, die unter Tonnen von altem Laub begraben liegen, bieten einheimischen Eichen und Ahornbäumen aus den Stadtparks fruchtbaren Boden. Neu hinzukommende Robinien und Schirm-ölweiden binden Stickstoff und bereiten damit den Weg für Sonnenblumen, Bartgras und Wasserdost sowie für Apfelbäume, deren Samen von der rasch wachsenden Vogelpopulation verbreitet werden.

Die Artenvielfalt werde noch zunehmen, prophezeit der schon erwähnte Jameel Ahmad vom Cooper Union College, wenn die Gebäude endgültig ihre Stabilität verlieren, ineinanderstürzen und der Kalk aus zermalmtem Beton den pH-Wert des Bodens erhöht, was günstige Voraussetzungen für Bäume wie Kreuzdorn und Birke schafft. Ahmad, ein lebhafter, weißhaariger Mann, dessen Hände seine Worte ausdrucksvoll unterstreichen, ist der Meinung, dass dieser Prozess rascher einsetzen wird, als wir annehmen. Ahmad lehrt, wie sich Gebäude so erbauen oder umrüsten lassen, dass sie Terroranschlägen standhalten, eine Tätigkeit, der er eingehende Kenntnisse über die Schwachstellen unserer Bauwerke verdankt.

»Sogar Gebäude, die tief im harten Schiefer Manhattans verankert sind, wie die meisten New Yorker Wolkenkratzer«, erläutert er, »sind nicht dafür ausgelegt, mit ihren Stahlfundamenten im Wasser zu stehen.« Verstopften Gullys, überschwemmten Tunneln und Straßen, die sich in Flüsse verwandelten, werde es in gemeinsamer Anstrengung gelingen, so Ahmad, die tiefer liegenden Kellergeschosse zu unterhöhlen und ihre Riesenlast ins Wanken zu bringen. In einer Zukunft, die stärkere und häufigere Hurrikane an Nordamerikas Atlantikküste erwarten lässt, werden wütende Böen an den hohen, schwankenden Konstruktionen zerren. Einige werden umstürzen und andere mitreißen. Wie im Wald, wenn der Sturz eines riesigen Baums eine Lücke reißt, siedelt sich dort rasch neues Grün an. Allmählich wird der Asphaltdschungel dem echten Dschungel weichen.

Der Botanische Garten New Yorks erstreckt sich gegenüber dem Zoo in der Bronx über 100 Hektar und besitzt das größte Herbarium außerhalb Europas. Zu seinen Schätzen gehören die Wiesenblumen, die Captain Cook 1769 bei seinen Pazifikausflügen gesammelt hat, und ein Stückchen Moos aus Feuerland nebst einigen Notizen in wässriger schwarzer Tinte, vom Sammler persönlich unterschrieben: C. Darwin. Am bemerkenswertesten sind indessen die sechzehn Hektar des Botanischen Gartens, auf denen man die urwüchsigen Baumbestände des unberührten New Yorker Urwalds erhalten hat, ohne dort jemals Holz zu schlagen.

Nie forstwirtschaftlich traktiert, aber von Grund auf verwandelt. Bis vor Kurzem hieß er noch Hemlock-Wald, weil er von den schattigen Wipfeln dieser schönen Tannenart geprägt war, doch heute ist fast jede Hemlock-Tanne tot, Opfer eines Mitte der achtziger Jahre nach New York gelangten japanischen Insekts, das kleiner ist als der Punkt am Ende dieses Satzes. Auch die ältesten und stärksten Eichen, die noch aus der Zeit der ersten europäischen Besiedelung stammen, fallen jetzt, geschwächt vom sauren Regen und den in den Boden eingesickerten Schwermetallen, etwa dem Blei aus den Abgasen von Autos und Fabriken. Es ist wenig wahrscheinlich, dass sie wieder heimisch werden, weil sich die meisten Laubbäume hier schon lange nicht mehr fortpflanzen. Jede einheimische Art beherbergt jetzt ihren eigenen Schädling: einen Pilz, ein Insekt oder eine Krankheit, die leichtes Spiel mit den umweltgeschwächten Bäumen haben. Als wäre das noch nicht genug, wurde der Wald als grüne Insel inmitten Hunderter Quadratkilometer grauer Stadtlandschaft auch noch eine Lieblingszuflucht für die Eichhörnchen der Bronx. Da die Tiere keine natürlichen Feinde mehr haben und dort nicht gejagt werden dürfen, kann sie nichts und niemand daran hindern, lange vor dem Keimen schon jede Eichel und jede Hickorynuss aufzufressen. Was sie auch tun.

Heute klafft eine achtzigjährige Lücke im Unterholz dieses Waldes. Statt neuer Generationen von einheimischen Eichen, Ahornbäumen, Eschen, Birken, Platanen und Tulpenbäumen wachsen hier hauptsächlich importierte Zierpflanzen, deren Samen aus anderen Teilen der Bronx herbeigeweht wurden. Bodenproben lassen darauf schließen, dass hier rund 20 Millionen Samenkörner von Chinesischen Götterbäumen keimen. Laut Chuck Peters, dem Kurator des Institute of Economic Botany des Botanischen Gartens, stellen heute exotische Gewächse wie Götterbaum und Korkbaum (Phellodendron), beide aus China, mehr als ein Viertel dieses Waldes.

»Es gibt Leute, die möchten den Wald wieder in den Zustand versetzen, in dem er sich vor 200 Jahren befand«, erklärt er. »Ich sage ihnen immer, dann müssten sie auch die Bronx wieder in den Zustand versetzen, in dem sie sich vor 200 Jahren befand.«

Als die Menschen sich über den Erdball ausbreiteten, nahmen sie Lebewesen mit und brachten andere zurück. Pflanzen aus Amerika veränderten nicht nur die Ökosysteme europäischer Länder, sondern auch deren Identität: Denken Sie an Irland vor Einführung der Kartoffel, an Italien vor Einführung der Tomate. In umgekehrter Richtung verbreiteten sie auch die Samen von dort bislang unbekannten Pflanzen, allen voran Gerste und Roggen. Nach einer Formulierung des amerikanischen Geografen Alfred Crosby drückte dieser ökologische Imperialismus der europäischen Eroberer den neuen Kolonien dauerhaft ihren Stempel auf.

Einige Ergebnisse waren lächerlich, etwa die englischen Gärten mit Hyazinthen und Osterglocken, die im kolonialen Indien nie wirklich heimisch wurden. Der europäische Star – heute eine allgegenwärtige Vogelplage von Alaska bis Mexiko – wurde 1890 im Central Park ausgesetzt, weil man alle Vögel der Shakespeare'schen Dramenwelt auch in Amerika um sich haben wollte. So kam es zu einem Garten im Central Park mit jeder Pflanze, die der englische Dichter besang: Stockrosen, Wermut, Kapuzinerkresse, Weinrose und Schlüsselblume – einfach alle, ausgenommen Macbeths Wald von Birnam.

In welchem Umfang das virtuelle Mannahatta Project dem künftigen Wald von Manhattan ähnelt, hängt vom Ausgang eines Kampfes um den nordamerikanischen Boden ab, eines Kampfes, der den Menschen lange überdauern wird, obwohl dieser ihn doch angezettelt hat. Das Herbarium des Botanischen Gartens enthält auch eines der ersten amerikanischen Exemplare eines unscheinbar wirkenden Lavendelstrauchs. Die Samen des Blutweiderichs, der in den Flussmündungen der Nordsee von Großbritannien bis Finnland heimisch ist, kamen wahrscheinlich in dem feuchten Sand aus europäischen Wattflächen nach Amerika, den Handelsschiffe als Ballast für die Atlantiküberquerung verwendeten. Als sich der Handel mit den Kolonien verstärkte, siedelte sich so – wenn die Schiffe ihren Ballast abwarfen, um für ihre Ladungen Platz zu schaffen – immer mehr Blutweiderich an den Küsten Amerikas an. Einmal heimisch geworden, wanderte er die Bäche und Flüsse stromauf, wann immer seine Samen sich in schlammigen Federn oder Pelzen festsetzten. In den Feuchtgebieten des Hudson River verwandelten sich die Bestände von Rohrkolben, Weiden und Glanzgras, die Wasservögeln und Bisamratten Nahrung und Schutz gewährten, in dichte purpurne Weiderichwände, die für die dort lebenden Tiere undurchdringlich waren. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts breitet sich in Alaska der Blutweiderich so rapide aus, dass Ökologen befürchten, er werde ganze Sümpfe in Besitz nehmen und Enten, Gänse, Seeschwalben und Schwäne vertreiben.

Noch bevor Shakespeare Garden angelegt wurde, pflanzten Olmstead und Vaux, die Architekten des Central Park, auf die halbe Million Tonnen Erde, mit der sie das Gelände aufgefüllt hatten, 500000 Bäume, um ihre Vorstellung von einer veredelten Natur zu verwirklichen: exotische Gewächse wie Eisenholz aus Persien, Katsura-Bäume aus Asien, Libanonzedern, Blauglocken- und Ginkgobäume aus China. Sobald die Menschen das Feld geräumt haben, dürften die heimischen Pflanzen, die heute mit einem gewaltigen Kontingent an fremden Arten konkurrieren müssen, eine ganze Reihe von Heimvorteilen genießen.

Viele ausländische Zierpflanzen – gefüllte Rosen zum Beispiel – werden mit der Zivilisation, die sie importierte, vergehen, weil sie sterile Hybride sind, die durch Okulieren vermehrt werden müssen. Wenn die Gärtner, die sie klonen, verschwunden sind, ist auch ihre Zeit zu Ende. Bleibt eine verhätschelte Kolonialpflanze wie der Efeu sich selbst überlassen, muss er seinen robusten amerikanischen Vettern, dem Wilden Wein und dem Giftefeu, weichen.

Wieder andere sind echte Mutationen, die durch extreme Zuchtwahl entstanden sind. Wenn sie überhaupt überleben, dann nicht in ihrer jetzigen Form. Ohne gärtnerische Pflege werden Obstsorten wie Äpfel – ein Import aus Russland und Kasachstan – einer natürlichen Selektion nach Widerstandskraft, nicht nach Erscheinungsbild oder Geschmack unterzogen, sodass sie holzig werden. Von einigen wenigen überlebenden abgesehen, werden ungespritzte Apfelplantagen wieder von den einheimischen Laubbäumen in Besitz genommen, wenn sie ihren heimischen Schädlingen, den Larven der Apfelfruchtfliege und Miniermotten, erst einmal schutzlos ausgeliefert sind. Eingeführtes Gartengemüse kehrt wieder zu seinen bescheidenen Anfängen zurück. Die Gartenmöhre, die eigentlich asiatischen Ursprungs ist, wird sich rasch wieder zur ungenießbaren Wilden Möhre zurückentwickeln, sobald Tiere die letzten der von uns gepflanzten orangeroten Wurzelknollen verspeist haben, erklärt Dennis Stevenson vom Botanischen Garten. Brokkoli, Weißkohl, Rosenkohl und Blumenkohl nehmen wieder die ungenießbare Gestalt ihres gemeinsamen Vorfahren an. Nach einiger Zeit sind auch die Nachkommen jenes Mais, den einst Dominikanermönche auf den Washington Heights aussäten, zu ihren genetischen Ursprüngen zurückgekehrt und gleichen dem mexikanischen teosinte, dessen Kolben kaum größer als Weizenähren sind.

Die andere Invasion, die unsere einheimischen Pflanzen in Bedrängnis gebracht hat, die von Schwermetallen wie Blei, Quecksilber und Kadmium, wird sich nicht so leicht aus dem Boden waschen lassen, weil es sich im wahrsten Sinne des Wortes um schwere Moleküle handelt. Wenn die Autos für immer zum Stehen gekommen, wenn die Lichter in den Fabriken ein für allemal ausgegangen sind, werden keine Schadstoffe mehr in den Boden gelangen. Allerdings wird die Korrosion noch ungefähr hundert Jahre lang immer wieder die Zeitbomben zünden, die wir in Öltanks, Raffinerien, Kraftwerken und chemischen Fabriken hinterlassen haben. Nach und nach bauen Bakterien, die sich von Öl, Lösungsmitteln und Schmiermitteln ernähren, diese Stoffe zu unschädlicheren Kohlenwasserstoffen ab – obwohl ein großes Spektrum von künstlichen Stoffen, von bestimmten Pestiziden über Weichmacher bis hin zu Isoliermaterial, noch Jahrtausende erhalten bleibt, bis die Evolution Mikroorganismen hervorgebracht hat, die sie verarbeiten können.

Doch mit jedem weiteren säurefreien Regenguss sind die Bäume, die bis dahin durchgehalten haben, weniger Schadstoffen ausgesetzt, denn die chemischen Bestandteile werden allmählich aus dem System gespült. Im Laufe der Jahrhunderte nehmen die Pflanzen immer weniger Schwermetalle auf, sodass sie sie recyceln, ausscheiden und verdünnen können. Wenn sie absterben, verfaulen und neue Erdschichten bilden, werden die industriellen Giftstoffe noch tiefer begraben, und jede nachfolgende Generation von einheimischen Sämlingen setzt dieses Werk fort.

Unser Ökosystem ist ein menschliches Artefakt, das auch in unserer Abwesenheit fortbestehen wird, eine kosmopolitische botanische Mischung, die ohne uns nie zustande gekommen wäre. Eigentlich war das immer so, seit Homo sapiens in Erscheinung trat. Eric Sandersons Mannahatta Project rekonstruiert die Insel, wie die Holländer sie vorfanden – keinen Manhattan-Urwald in dem Zustand, bevor ihn ein menschlicher Fuß betrat, weil es keinen Urwald gab. »Denn bevor die Lenni Lenape eintrafen«, erläutert Sanderson, »gab es hier nichts als eine anderthalb Kilometer dicke Eisschicht.«

Vor rund 11000 Jahren, als sich die letzte Eiszeit von Manhattan aus nach Norden zurückzog, nahm sie die Fichten- und Lärchentaiga mit, die wir heute unmittelbar südlich der kanadischen Tundra finden. Sie wurde durch den typischen Wald des gemäßigten nordamerikanischen Ostens ersetzt: Eiche, Hickory, Kastanie, Walnuss, Hemlock-Tanne, Ulme, Buche, Zuckerahorn, Amberbaum, Amerikanischer Fieberbaum und Haselbaum. Auf den Lichtungen wuchsen Büsche  – Virginische Traubenkirsche, Gewürzsumach, Rhododendron, Buschgeißblatt – und eine Reihe von Farnen und Blütenpflanzen. Schlickgras und Eibisch erschienen in den Salzsümpfen. Als diese Blattpflanzen die wärmer werdenden Nischen besetzten, folgten ihnen warmblütige Tiere und Menschen.

Der Mangel an archäologischen Funden lässt darauf schließen, dass die ersten New Yorker wahrscheinlich nicht sesshaft waren, sondern nur im Sommer ihr Lager hier aufschlugen, um Beeren, Kastanien und wilde Weintrauben zu sammeln. Sie jagten Truthähne, Präriehühner, Enten und Weißwedelhirsche, vor allem aber fischten sie. In den Gewässern wimmelte es von Stinten, Alsen und Heringen. Bachforellen standen in Manhattans Bächen. Es herrschte ein solcher überfluss an Austern, Muscheln, Venusmuscheln, Krebsen und Hummern, dass sie mühelos zu fangen waren, wie große Abfallhaufen aus den Schalen von Weichtieren entlang der Ufer bezeugen. Als Henry Hudson die Insel zum ersten Mal erblickte, waren Upper Harlem und Greenwich Village Grassavannen, die von den Lenni Lenape für ihre Anpflanzungen wiederholt abgebrannt wurden. Als die Forscher des Mannahatta Projects die alten Kochfeuergruben in Harlem untersuchten, stellten sie fest, dass die Indianer Mais, Bohnen, Kürbis und Sonnenblumen anbauten. Ein Großteil der Insel war noch immer so grün und dicht bewachsen wie der Bialoweza-Urwald. Doch schon lange bevor den Indianern das Land für sechzig holländische Gulden abgekauft wurde, hatte Homo sapiens dort bereits seine Spuren hinterlassen.

2000, im letzten Jahr des alten Jahrtausends, gelang es einem Kojoten, in den Central Park vorzudringen. Er war vielleicht der Vorbote einer Zukunft, die eine Neuauflage der Vergangenheit sein könnte. Später kamen noch zwei weitere und ein wilder Truthahn hinzu. Möglicherweise wird die Rückverwandlung von New York City in eine Wildnis nicht erst beginnen, wenn die Menschen es verlassen.

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