Die Weltkarten der alten Seefahrer - Charles H. Hapgood - E-Book

Die Weltkarten der alten Seefahrer E-Book

Charles H. Hapgood

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Beschreibung

  • Die Entdeckung der Antarktis vor 6000 Jahren
  • Die Entdeckung Amerikas vor Kolumbus


Gab es eine weltweite Hochkultur vor den Ägyptern und Babyloniern?

Bei seinen Forschungen an mittelalterlichen Seekarten machte Charles H. Hapgood, Professor für Geschichte am Keene State College (New Hampshire), eine verblüffende Entdeckung: Auf vielen der gezeichneten Karten aus der Zeit der großen Seefahrer des 16. Jahrhunderts waren Küstenverläufe Nord- und Südamerikas exakt kartiert, die damals noch gar nicht bereist, und Inseln verzeichnet, die noch nicht entdeckt waren.

Auf einer großen Atlantikkarte des türkischen Flottenadmirals Piri Reis aus dem Jahr 1513 befindet sich sogar der Umriss der antarktischen Landmasse, mit eisfreier Küstenumgebung. Sedimentbohrungen in unserer Zeit weisen darauf hin, dass die Antarktis das letzte Mal vor 6000 Jahren eisfrei war. Die Karte von Piri Reis zeigt erstaunlicherweise Afrika und Südamerika im richtigen Längen- und Breitenverhältnis. Wie war das möglich? Denn den Kartografen des 16. Jahrhunderts fehlte das Wissen, die exakten Verhältnisse zu ermitteln. Woher stammen diese Angaben?

In 7-jähriger Forschungsarbeit erbrachte Hapgood Beweise, dass viele der von der Wissenschaft anerkannten historischen Karten, wie die des Oronteus Finaeus oder des Piri Reis, aus älteren Karten zusammengestellt worden sind. Von Piri Reis gibt es die Notiz: »Ich habe sie zusammengestellt aus zwanzig Seekarten und Mappae Mundi - das sind Karten aus der Zeit Alexander des Großen, die alle bewohnten Teile der Welt zeigen.« Diese Karten müssen sehr genau gewesen sein, erstellt von Seefahrern, die alle Erdteile kannten. Die Vorlagen, die Piri Reis und andere benutzten, müssen einer hochentwickelten alten Seefahrerkultur entstammen, deren geografischer und nautischer Kenntnisstand erst im 18./19. Jahrhundert wieder erreicht wurde, zum Teil erst im 20. Jahrhundert. Es war eine Kultur, die offensichtlich wissenschaftlich höher entwickelt war als Babylonien, das Alte Ägypten oder das antike Griechenland und die diese Kenntnisse lange vor ihnen besaß, denn sie musste bereits existiert haben, als die Antarktis noch weitgehend eisfrei war.

Dieses Buch bietet eindrucksvolle Beweise dafür, dass unsere Geschichtsschreibung möglicherweise von falschen Voraussetzungen ausgeht. Die Vorstellung einer linearen Fortentwicklung der Zivilisation muss nach Hapgoods Forschungen angezweifelt werden.

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Veröffentlichungsjahr: 2018

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1. Auflage Dezember 2018 Copyright © 1966 by Charles H. Hapgood Copyright © 2018 für die deutschsprachige Ausgabe bei Kopp Verlag, Bertha-Benz-Straße 10, D-72108 Rottenburg Titel der amerikanischen Originalausgabe: Maps of the Ancient Sea Kings Alle Rechte vorbehalten Covergestaltung: Nicole Lechner Übersetzung: Theresia Übelhör Die Übersetzerin dankt dem Freundeskreis Literaturübersetzer e.V. für ein Arbeitsstipendium, das vom Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst Baden-Württemberg ermöglicht wurde. Lektorat: Christina Neuhaus Satz und Layout: opus verum ISBN E-Book 978-3-86445-646-6 eBook-Produktion: GGP Media GmbH, Pößneck

Gerne senden wir Ihnen unser Verlagsverzeichnis Kopp Verlag Bertha-Benz-Straße 10 D-72108 Rottenburg E-Mail: [email protected] Tel.: (07472) 98 06-0 Fax: (07472) 98 06-11Unser Buchprogramm finden Sie auch im Internet unter:www.kopp-verlag.de

Widmung

Entdeckungen werden häufig von Menschen gemacht, die Anregungen anderer Menschen aufgreifen und das Thema dann weiterverfolgen. Das ist auch bei diesem Buch der Fall. Es ist das Ergebnis von 7 Jahren intensiver Forschung, die durch eine andere Person angestoßen wurde.

Und diese Person ist Captain Arlington H. Mallery. Er wies als Erster darauf hin, dass die Karte von Piri Reis, die 1929 wiederentdeckt, aber bereits im Jahr 1513 angefertigt wurde und auf deutlich älteren Karten basiert, einen Teil der Antarktis zeigt und die ursprüngliche Karte dieser Küste gezeichnet worden sein muss, bevor die heute gewaltige antarktische Eiskappe die Küsten des Königin-Maud-Lands überzog. Seine sensationelle Vermutung war der Impuls für unsere Forschungen.

Deshalb widme ich dieses Buch mit großer Wertschätzung Captain Arlington H. Mallery.

Einleitung

Einleitung

Dieses Buch handelt von der Geschichte einer Entdeckung – der Entdeckung erster stichhaltiger Belege für die These, dass es vor den in der Geschichte bekannten Völkern bereits hochentwickelte Kulturen gegeben haben muss.

Offenbar übernahmen Seekarten die Funktion, korrekte Informationen von Generation zu Generation weiterzugeben. Und es hat den Anschein, als ginge der Ursprung all dieser Karten auf ein unbekanntes Volk zurück und als hätten dieses Wissen dann die Minoer (die Hochkultur des antiken Kreta) und die Phönizier übernommen, die etwa 1000 Jahre lang die größten Seefahrer der Antike waren. Uns liegen Hinweise vor, dass diese Karten in der großen Bibliothek von Alexandria aufbewahrt und studiert wurden und die dort arbeitenden Geografen Kompilationen aus ihnen erstellten.

Noch vor der Zerstörung der großen Bibliothek müssen viele dieser Karten in andere Wissenszentren gebracht worden sein, vermutlich vor allem nach Konstantinopel, das während des gesamten Mittelalters ein Hort der Gelehrsamkeit blieb. Vermutlich wurden die Karten bis zum 4. Kreuzzug (1204 n. Chr.) dort aufbewahrt, in dessen Verlauf die Venezianer die Stadt eroberten. Einige dieser Karten tauchten ein Jahrhundert nach diesem »umgelenkten« Kreuzzug (die venezianische Flotte sollte eigentlich ins Heilige Land segeln) in Europa auf. Andere kamen erst Anfang des 16. Jahrhunderts wieder ans Tageslicht.

Auf den meisten dieser Karten sind das Mittelmeer und das Schwarze Meer abgebildet, doch es sind auch Karten anderer Weltregionen erhalten. Dazu zählen Karten von Nord- und Südamerika sowie der Arktis- und Antarktisregionen, die belegen, dass diese frühen Seefahrer von Pol zu Pol segelten. So unglaublich es auch erscheinen mag, weisen Indizien darauf hin, dass einige Völker die Antarktis bereits in einer Zeit erkundeten, als deren Küsten noch eisfrei waren. Darüber hinaus ist klar, dass sie ein Navigationsinstrument zur Bestimmung der geografischen Längen besessen haben müssen, das all jenen Werkzeugen deutlich überlegen war, die den Menschen der Antike, des Mittelalters und der Neuzeit bis zur zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts zur Verfügung standen.

Diese Anzeichen für eine verloren gegangene Technologie stützen und bestätigen viele weitere Hinweise, die im vergangenen Jahrhundert zur Untermauerung der Hypothese einer in fernen Zeiten untergegangenen Zivilisation vorgelegt wurden. Auch wenn die etablierte Wissenschaft die meisten dieser Belege bislang ins Reich der Mythen und Legenden verwiesen hat, liegen uns nun Befunde vor, die nicht mehr ohne Weiteres abgetan werden können. Sie sind so überzeugend, dass alle bisherigen Belege unbedingt noch einmal unvoreingenommen untersucht werden müssen.

Auf die unausweichliche Frage, ob diese bemerkenswerten Karten denn echt seien, kann ich nur antworten, dass sie – mit einer Ausnahme – alle seit Langem bekannt sind. Die Piri-Reis-Karte von 1513 wurde zwar erst 1929 wiederentdeckt, doch ihre Echtheit ist, wie wir sehen werden, hinreichend nachgewiesen. Auf die sich anschließende Frage, warum denn bisher niemand auf all das gestoßen ist, kann ich nur antworten, dass Entdeckungen nicht selten auf der Hand zu liegen scheinen – zumindest im Rückblick.

Vorwort

Vorwort

Der Geograf und Geologe William Morris Davis schrieb einmal über »Den Nutzen provokanter geologischer Hypothesen«.1 Seiner Meinung nach wecken solche Hypothesen das Interesse, sie reizen zum Widerspruch und stoßen damit Gärungsprozesse an, die für den Fortschritt der Geologie nützlich sind. Ich bin mir sicher, Mister Hapgood wird mir beipflichten, dass sein Buch eine Unmenge an provokanten kartografischen und historischen Hypothesen enthält, die wuchern wie Weinreben am Äquator. Seine Hypothesen werden unter den historisch orientierten konservativen Kartografen und den kartografisch orientierten Historikern gewiss Empörung auslösen. Doch während konservativ Gesinnte wie wilde Stiere auf rote Tücher reagieren werden, werden Forscher mit radikalen bilderstürmerischen Neigungen wie Bienen vom süßen Klee angelockt werden, und die Liberalen dazwischen von einem stimulierenden Gefühl der Verwunderung erfüllt sein.

Eine Karte aus dem Jahr 1513 – die Karte des türkischen Admirals Piri Reis – ist das Samenkorn, aus dem dieser Weinstock hervorgegangen ist. Doch nur die westliche Hälfte dieser Karte ist erhalten geblieben. Sie zeigt die Küste des Atlantiks von Frankreich und der Karibik im Norden bis hinunter zu dem, was Charles Hapgood (in Übereinstimmung mit Captain A. H. Mallery) für die Antarktis hält. Natürlich ist die Behauptung, irgendein Teil der Antarktis sei bereits vor 1513 kartografiert worden, an und für sich schon aufsehenerregend. Doch noch spektakulärer sind die davon ausgehenden Thesen, die Mister Hapgood aus zusammen mit seinen Studenten durchgeführten intensiven Untersuchungen dieser und anderer Karten des späten Mittelalters und der frühen Neuzeit entwickelt hat. Durch diese mehr als 7 Jahre dauernden Analysen ist er zu der Überzeugung gelangt, dass die Karten von Prototypen aus vorhellenischer Zeit (vielleicht aber sogar aus der letzten Eiszeit!) stammen, dass diese älteren Karten auf einem differenzierten Verständnis der sphärischen Trigonometrie von Kartenprojektionen basieren und – das scheint noch unglaublicher zu sein – auf detaillierten und korrekten Kenntnissen der geografischen Breiten und Längen der Küstenformationen eines Großteils der Erde.

Meiner Meinung nach ist Mister Hapgoods Erfindungsgeist bei der Entwicklung seines Grundkonzepts, mit dem er die Genauigkeit der Karten nachweist, faszinierend und kann als wichtigster Beitrag dieses Buches betrachtet werden. Ob man seine »Identifizierungen« und »Lösungen« nun akzeptiert oder nicht, eines ist unbestreitbar: Er hat Hypothesen aufgestellt, die unbedingt nach weiteren Untersuchungen verlangen. Darüber hinaus werfen seine Vermutungen, weshalb Zivilisationen verschwanden, die in Wissenschaft und Navigation so fortschrittlich waren, dass sie die mutmaßlich verloren gegangenen Prototypen der von ihm untersuchten Karten erstellen konnten, interessante philosophische und ethische Fragen auf. Hätte Sportin’ Life aus Porgy and Bess dieses Buch gelesen, dann hätte es ihn inspiriert zu singen: »Es muss nicht unbedingt … es muss nicht unbedingt … es muss nicht unbedingt nicht so sein.«

John K. Wright 2

Lyme, New Hampshire

7. Juni 1965

Kapitel IDie Schatzsuche beginnt

1929 wurde im alten Sultanspalast des einstigen Konstantinopels eine Seekarte entdeckt, die für Furore sorgte. Sie ist auf Pergament gezeichnet und auf den Monat Muharrem des islamischen Jahres 919 datiert, das im christlichen Kalender 1513 entspricht. Signiert ist sie von einem türkischen Admiral mit dem Namen Pīrī Re’īs Hacı Mehmed, der auch unter dem Namen Piri Reis bekannt ist.1

Die Karte erregte Aufsehen, weil sie aufgrund ihrer Datierung eine der frühesten Karten von Amerika zu sein schien. Im Jahr 1929 erlebte die Türkei unter der Präsidentschaft von Kemal Atatürk eine sehr nationalistische Phase, und man freute sich, eine frühe Karte Amerikas entdeckt zu haben, die von einem türkischen Geografen angefertigt worden war. Darüber hinaus ergab eine Überprüfung, dass diese Karte sich deutlich von allen anderen Karten Amerikas unterschied, die im 16. Jahrhundert entstanden waren, weil sie Südamerika und Afrika mit den korrekten relativen Längen abbildete. Das war höchst bemerkenswert, weil die Navigatoren des 16. Jahrhunderts über kein Instrument verfügten, mit dem sie die geografischen Längen hätten bestimmen können, diese also nur schätzen konnten.

Ein weiteres Detail der Karte erregte besondere Aufmerksamkeit. In einer der Legenden gibt Piri Reis an, der westliche Teil basiere auf einer Karte, die von Kolumbus gezeichnet worden sei – eine aufregende Feststellung, denn Geografen hatten seit mehreren Jahrhunderten erfolglos versucht, eine »verschollene Karte von Kolumbus« ausfindig zu machen, die er in der Karibik angefertigt haben soll. Türkische und deutsche Gelehrte untersuchten die neu entdeckte Karte, und in Fachzeitschriften und sogar der Boulevardpresse erschienen zahlreiche Artikel über diese Entdeckung.2

Einer dieser Artikel, der in den Illustrated London News (1) 3 erschienen war, sprang dem amerikanischen Außenminister Henry Stimson ins Auge. Stimson meinte, es könne sich lohnen, die tatsächliche Quelle ausfindig zu machen, die Piri Reis genutzt hatte – also eine möglicherweise von Kolumbus erstellte Karte, die sich vielleicht irgendwo in der Türkei befand. Deshalb wies er den amerikanischen Botschafter in der Türkei an, um eine Nachforschung zu ersuchen.4 Die türkische Regierung kam dieser Bitte nach, aber die Suche blieb erfolglos (siehe nachfolgenden Exkurs).

Exkurs

Schreiben der türkischen Botschaft in Washington zu Piri Reis

Türkische Botschaft

Washington, D. C.

28. Januar 1965

Mr. Robert L. Merritt, Rechtsanwalt

Hippodrome Building Cleveland 14, Ohio

Sehr geehrter Herr Merritt,

in Beantwortung Ihres Schreibens vom 16. Oktober 1964 lege ich Ihnen gerne eine Fotokopie der Piri-Reis-Karte bei, die kürzlich aus Ankara eingetroffen ist. Soweit wir wissen, wurde die Originalkarte auf Gazellenleder gezeichnet. Wir fügen unten eine kurze Biografie von Piri Reis an, die für Sie möglicherweise von Interesse ist.

»Er wurde in der Stadt Karaman, nahe Konya, in der Türkei geboren. Das genaue Geburtsdatum ist unbekannt. Schon in jungen Jahren schloss er sich seinem Onkel Kemal Reis an, einem bekannten Piraten. Bald tat er sich bei den diversen Raubzügen der kleinen Flotte seines Onkels an der französischen und venezianischen Küste hervor. Als Kemal Reis die Seeräuberei aufgab und während der Regierungszeit von Beyazit II. (1481–1512) in die Flotte des Osmanischen Reiches eintrat, folgte ihm Piri Reis und wurde zum Kapitän ernannt. Durch die Schlachten von Modon und Inebahti (Lepanto) wurde er berühmt. Laut Aussage des Historikers von Hammer gelangte er durch seine Taten in diesen Schlachten zu ›großem Ruhm‹.

Piri Reis, dessen wirklicher Name Muhiddin Mehmed lautete, blieb auch während der Regierungszeit von Yavuz Selim (1512–1520) und Suleiman dem Großen (1520–1566) bei der Osmanischen Flotte. Er diente unter Hayreddin Paşa, von den christlichen Europäern Barbarossa genannt, dem Großwesiradmiral der Flotte des Osmanischen Reiches. Im Jahr 1551 wurde er zum Oberbefehlshaber der Flotte von Ägypten ernannt, das damals eine Kolonie des Osmanischen Reiches war. Noch im selben Jahr unternahm er eine Eroberungsfahrt mit 31 Schiffen, nahm den Hafen Maskat auf der arabischen Halbinsel ein und belagerte die Inseln von Hormus im Persischen Golf. Die Inselbewohner boten ihm im Gegenzug für die Aufhebung der Belagerung Schätze an, die er als Kriegsbeute annahm. Auf dem Rückweg erreichte ihn die Nachricht, dass eine starke portugiesische Flotte die Zufahrt zum Persischen Golf blockiere. Er ließ alle Schätze, die er von den Inselbewohnern erhalten hatte, auf drei Schiffe verladen, ließ die übrigen 28 Schiffe zurück und segelte in Richtung Istanbul. Als er die portugiesische Blockade durchbrach, verlor er eines seiner Schiffe, aber es gelang ihm, mit den beiden verbliebenen sicher nach Ägypten zurückzukehren. Der Statthalter von Ägypten, einer seiner politischen Widersacher, stellte die Fakten dem Sultan in Istanbul gegenüber falsch dar und berichtete, dass ›Piri Reis lediglich mit 2 Schiffen zurückgekehrt sei, obwohl er mit 31 losgesegelt war‹, ohne die Schätze zu erwähnen, die er mitgebracht hatte. Suleiman geriet in Rage und befahl in seiner Wut, Piri Reis hinzurichten – das war einer der sehr wenigen verhängnisvollen Fehler seiner 46 Jahre währenden Regierungszeit. Piri Reis wurde 1554 in Ägypten hingerichtet.

Sein berühmtestes Werk, das Segelhandbuch Kitab-i Bahriye, gilt als ausgezeichnetes geografisches Werk seiner Zeit. Darüber hinaus fertigte er eine Weltkarte an, die in den vergangenen Jahren mehrfach reproduziert wurde. Außerdem verfasste er zahlreiche Gedichte.«

Hochachtungsvoll

Ali Suat Cakir

Zweiter Sekretär

Doch Piri Reis lieferte noch weitere interessante Hinweise zu seinen Ursprungskarten. Er gab an, dass er auf etwa zwanzig Quellen zurückgegriffen habe, dass einige davon zu Zeiten Alexanders des Großen angefertigt worden seien und manche auf mathematischen Berechnungen basierten.5 Inzwischen hat es zwar den Anschein, als seien diese Angaben im Wesentlichen korrekt, doch in den 1930er Jahren konnte die Fachwelt noch keine dieser Behauptungen bestätigen.

Daher ließ das öffentliche Interesse an der Piri-Reis-Karte im Laufe der Zeit nach. Man hörte nichts mehr von ihr, bis sie 1956 durch eine Reihe kurioser Zufälle in Washington D. C. erneut Aufmerksamkeit erregte. Ein Offizier der türkischen Marine hatte dem United States Hydrographic Office eine Kopie der Karte als Geschenk mitgebracht (ohne allerdings zu wissen, dass in der Kongressbibliothek und anderen führenden Bibliotheken der Vereinigten Staaten bereits Faksimiles vorhanden waren). Die Karte wurde M. I. Walters, einem Kartografen des Mitarbeiterstabs, übergeben.

Walters zeigte die Karte einem Freund, der großes Interesse an alten Karten hegte und schon mehrfach neue Wege in Grenzbereichen der Archäologie beschritten hatte – Captain Arlington H. Mallery. Mallery hatte nach einer herausragenden Karriere als Ingenieur, Nautiker, Archäologe und Autor (130) einige Jahre dem Studium alter Karten gewidmet, insbesondere alter Karten von Nordamerika und Grönland aus der Wikingerzeit. Er nahm die besagte Karte mit nach Hause und gab sie schließlich mit einigen sehr überraschenden Kommentaren wieder zurück. Seiner Meinung nach zeigte der südlichste Teil der Karte die Buchten und Inseln der Antarktisküste des Königin-Maud-Lands, die inzwischen von der antarktischen Eiskappe bedeckt sind. Und das würde bedeuten, so schlussfolgerte er, dass irgendjemand diese Küste vor der Entstehung der Eisschicht kartografiert haben musste.

Diese Behauptung war zu radikal, um von den meisten professionellen Geografen ernst genommen zu werden, aber Walters war der Ansicht, dass Mallery recht haben könnte. Mallery zog andere Wissenschaftler zurate, um seine Entdeckung zu überprüfen. Zu ihnen zählten Reverend Daniel L. Linehan, Leiter des Weston Observatoriums am Boston College, der die Antarktis schon bereist hatte, und Reverend Francis Heyden, Leiter des Observatoriums der Georgetown Universität. Diese erfahrenen Gelehrten vertrauten Mallery. Linehan und Walters nahmen am 26. August 1956 zusammen mit Mallery an einer von der Georgetown Universität veranstalteten Radiodiskussion teil. Wie ich erfuhr, waren Tonbandaufzeichnungen von dieser Sendung erhältlich, und ich besorgte mir eine Kopie davon. Das Vertrauen, das Mallery von Männern wie Walters, Linehan und Heyden entgegengebracht wurde, beeindruckte mich, und als ich Mallery später persönlich kennenlernte, konnte ich mich selbst von seiner Redlichkeit und Aufrichtigkeit überzeugen. Ich hatte das Gefühl, dass Mallery trotz der Unwahrscheinlichkeit seiner Theorien und der – damals – fehlenden Beweise recht haben könnte.

So beschloss ich, die Karte so gründlich wie möglich zu untersuchen, und begann am Keene State College mit meinen Nachforschungen.

Diese Untersuchungen erfolgten im Rahmen meiner Lehrtätigkeit am College, und die Studenten spielten von Anfang an eine entscheidende Rolle dabei.6 Ich hatte es mir zur Gewohnheit gemacht, ihr Interesse für Probleme in Grenzbereichen der Wissenschaft zu wecken, weil ich der Meinung bin, dass ungelöste Fragen ihre Intelligenz und Fantasie mehr beflügeln als die bereits gelösten Probleme in den Lehrbüchern. Außerdem bin ich schon lange der Ansicht, dass der Nichtfachmann in der Forschung eine weit wichtigere Rolle spielt, als gemeinhin angenommen wird. Ich lehre Wissenschaftsgeschichte, und mir ist schon lange klar, dass die meisten radikalen Entdeckungen, die manchmal auch als »Durchbrüche« bezeichnet werden, von den Experten der betreffenden Gebiete zunächst strikt abgelehnt werden. Dabei ist natürlich jeder Wissenschaftler zu Beginn erst einmal Amateur, und Kopernikus, Newton, Darwin waren Amateure, als sie ihre wichtigsten Entdeckungen machten. Im Laufe vieler Arbeitsjahre wurden sie schließlich zu Spezialisten auf den von ihnen selbst erst geschaffenen Gebieten. Ein angehender Spezialist, der sich indes damit begnügt, sich nur das Wissen anzueignen, das andere vor ihm bereits erlangt hatten, wird kaum selbst etwas Neues anstoßen. Ein Experte ist ein Mensch, der auf seinem Gebiet alles weiß – beziehungsweise fast alles –, aber glaubt, er wüsste alles Wichtige. Und auch wenn er nicht der Meinung ist, alles zu wissen, dann geht er zumindest davon aus, dass die anderen Menschen weniger und Amateure gar nichts wissen. Deshalb hegt er trotz der Tatsache, dass es die Amateure waren, denen unzählige wichtige Entdeckungen auf allen Gebieten der Wissenschaft zu verdanken sind, eine törichte Verachtung für diese Nichtfachleute.7 Und genau aus diesem Grund zögerte ich nicht, meine Studenten mit dem Problem der Piri-Reis-Karte zu konfrontieren.

Exkurs

Korrespondenz des amerikanischen Außenministeriums

Nr. 102

Istanbul, 26. Juli 1932

Betreff: Fotografie einer Karte für die Kongressbibliothek

An den Herrn Außenminister,

Washington

Sehr geehrter Herr Außenminister,

heute erreichte uns die nicht signierte Anweisung Nr. 13 vom 15. Juli, Aktenzeichen 103.7/2409. Zugleich war Yusuf Akcora Bey hier zum Lunch, der nicht nur Abgeordneter der Großen Nationalversammlung ist, sondern auch Präsident der neuen Türkischen Historischen Gesellschaft und Leiter des erst neulich veranstalteten Kongresses in Ankara. Nach dem Essen zog er ein Exemplar der London Illustrated News vom 23. Juli hervor und zeigte mir voller Stolz die Seiten 142 und 143 mit der ersten englischen Übersetzung eines seiner Artikel. Es handelte sich um einen Bericht über die neue Karte, die jetzt im Besitz der türkischen Regierung ist und von der Sie mit Ihrer Anweisung Nr. 13 eine Fotografie angefordert haben! Er erzählte mir, die Karte gehöre zwar der Palastbibliothek von Istanbul, befände sich zur Zeit aber in Ankara, und er würde mir gerne eine Fotografie anfertigen lassen, wenn er sich das nächste Mal dort aufhalte, was im Laufe der nächsten 1 oder 2 Wochen der Fall sein würde. Er war ebenso überrascht wie ich über den Zufall, dass ich wenige Stunden bevor er mir die Illustrated News mit einer Abbildung der jetzt in seinem Besitz befindlichen Fotografie zeigte, von Ihnen eine Anfrage bezüglich ebendieser Karte erhalten habe. Ich schlage vor, dass diese Information an die Kongressbibliothek weitergegeben wird, damit man sich dort die Ausgabe der englischen Zeitschrift und den Artikel bereits ansehen kann, bis in Kürze die Fotografie eintreffen wird. Es handelt sich um die Karte eines türkischen Admirals, die angeblich auf Informationen von Christoph Kolumbus basiert.

Hochachtungsvoll

Charles H. Sherrill

103.7

CHS:FM

Nr. 111

Istanbul 4. August 1932

Betreff: Fotografie einer Karte für die Kongressbibliothek

An den Herrn Außenminister,

Washington

Sehr geehrter Herr Außenminister,

mit Bezug auf Ihre Anweisung Nr. 13, Aktenzeichen 103.7/2409 vom 15. Juli, sende ich Ihnen Abzüge zweier Fotografien eines Teils der in dieser Anweisung erwähnten Karte zu. In meinem Schreiben Nr. 102 vom 26. Juli habe ich bereits berichtet, dass sich die Karte jetzt im Besitz von Yusuf Akcora Bey befindet, dem Vorsitzenden des Historikerkongresses, gegenwärtig in seinem Haus in Ankara, und dass er mir Reproduktionen davon versprochen hat. Beim Erhalt der beiden beiliegenden Abzüge fiel mir auf, dass sie – in Übereinstimmung mit seinem Artikel vom 23. Juli in der London Illustrated News – lediglich einen Teil der Karte zeigen. Ich habe ihn schriftlich um eine Fotografie der gesamten Karte gebeten (wie Sie in Anweisung Nr. 13 gefordert haben), aber die Erfüllung dieser Bitte, die er gewiss gewähren wird, wird sich einige Wochen verzögern, weil er erst Ende September oder Anfang Oktober wieder nach Ankara fahren wird. Am 29. Juli war ich bei ihm in seinem Landhaus in Cooz-tepe außerhalb von Scutari (Üsküdar) zum Tee eingeladen und habe mit ihm ausführlich über das große Interesse gesprochen, auf das die Entdeckung dieser Karte im Westen gestoßen ist, und gratulierte ihm zur Aktualität seines Artikels in den London Illustrated News. Ich habe heute Vormittag noch einmal mit ihm telefoniert. Vergangene Nacht hat er bis 4 Uhr mit den Gazi im Dolmabahçe-Palast an der Neuen Türkischen Geschichte gearbeitet, in der diese Karte abgebildet werden soll, aber er hat mir versprochen, dass ich vollständigere Fotografien erhalten werde, sobald er sich das nächste Mal in Ankara aufhält.

Hochachtungsvoll

Charles H. Sherrill

Anlage:

1, 2: Zwei Abzüge eines Teils der Karte.

103.7/2409

CHS:on

Istanbul, 12. August 1932

Betreff: Fotografien der Karte für die Kongressbibliothek

An den Außenminister,

Washington

Sehr geehrter Herr Außenminister,

mit Bezug auf die Anweisung Nr. 13 des Außenministeriums, Aktenzeichen 103.7/2409, vom 15. Juli 1932 und meinem Schreiben Nr. 102 vom 26. Juli möchte ich berichten, dass Yusuf Akcora Bey, Abgeordneter und Vorsitzender des Historikerkongresses, der in der ersten Julihälfte in Ankara stattfand, gestern zu mir zum Mittagessen in die Botschaft kam. Er erzählte mir, dass die Karte des türkischen Admirals aus dem Jahr 1513 der Bibliothek des ehemaligen Serails in Istanbul zurückgegeben wurde, und versprach, mir die Genehmigung zu beschaffen, sie mir ansehen zu dürfen. Er korrigierte meinen Eindruck bezüglich der zwei Fotoabzüge der Karte, die ich Ihnen mit meinem Schreiben Nr. 102 zukommen ließ, nämlich dass sie nur einen Teil einer größeren Karte zeigen würden. Das ist nicht zutreffend, denn es handelt sich um Abzüge der gesamten Karte, die für die Kongressbibliothek angefordert wurden. Er hatte sieben weitere Fotografien mitgebracht, die er mir folgendermaßen erläuterte:

»A« zeigt zwei Seiten des Buchs, in dem der türkische Admiral beschreibt, wie er diese Karten als Resultat seiner eigenen Erfahrungen auf seinen Reisen gezeichnet und das Buch fertiggestellt hat, das er dann Sultan Selim I. nach dessen Eroberung Ägyptens dort überreichte.

»B« zeigt die Meerenge von Gibraltar und Teile der spanischen und afrikanischen Küste. Die kleine Stadt, die am oberen Rand der Fotografie inmitten der vier Hügel zu sehen ist, ist als Granada gekennzeichnet. Man beachte die größere der beiden Inschriften entlang der nordöstlichen Kompasslinie. Dort steht »Spanien oder Rumeli«, wahrscheinlich ein Hinweis auf die Tatsache, dass die Türken die europäische Küste des Bosporus im Gegensatz zur asiatischen als »Rumeli« bezeichnen.

»C« zeigt die Küste der französischen Riviera von Nizza nach Osten bis Italien.

»D« zeigt die italienische Küste von Pisa (in der oberen linken Ecke) bis hinunter nach Civitavecchia und zur Mündung des Tibers.

»E« zeigt die Insel Rhodos.

»F« zeigt eine Inselgruppe, doch mein türkischer Freund konnte sie nicht identifizieren.

»G« ist eine weitere Karte aus dem Buch, aber weil sie keine türkischen Inschriften hat, ist nicht bekannt, was darauf abgebildet ist.

Yusuf Akcora Bey wies ausdrücklich auf die Tatsache hin, dass sämtliche Inschriften auf diesen Karten zwar in arabischer Schrift, aber in türkischer, nicht in arabischer Sprache geschrieben sind. Dies gilt auch für die Inschriften auf der größeren Karte, die ich Ihnen mit meinem Schreiben Nr. 102 zugesandt habe. Er übersetzte mir die lange Inschrift, auf der es heißt, diese Karte sei nicht das Ergebnis der Nachforschungen des türkischen Admirals, sondern von der Karte von Christoph Kolumbus kopiert, die leider verschollen ist. Der Name Kolumbus wird darauf nicht weniger als achtmal genannt, und von besonderem Interesse ist die Feststellung eines Zeitgenossen, dass Kolumbus aus Genua und nicht aus Spanien stammte, wie einige spanische Autoren kürzlich behaupteten. Dort heißt es, der Genuese Kolumbus habe sich, angeregt durch ein altes Buch, an die Ratsherren Genuas gewandt und um Schiffe und Geld gebeten, damit er nach Japan und China segeln könne. Das erinnert an die (nicht allgemein bekannte) Tatsache, dass Kolumbus bis zu seinem Tod glaubte, die westlichen Inseln, die er entdeckt hatte, seien Teil von Cipango beziehungsweise Japan. Als die Stadtoberhäupter von Genua ihm seine Bitte ausschlugen, habe er sich an den »Bey von Spanien« gewandt, der ihm schließlich zwei Schiffe überließ. Damit segelte er nach Westen über das große Meer und stieß schließlich auf Land. Dort kamen ihm die völlig nackten Einwohner entgegen und beschossen die Eindringlinge mit Pfeilen, deren Spitzen aus Fischknochen bestanden. Kolumbus beruhigte sie schließlich und konnte sogar Fisch gegen Glasperlen eintauschen. Da bemerkte er am Arm einer Frau ein goldenes Armband, was dazu führte, dass er Gold, das aus den Minen in den Bergen stammte, gegen Glasperlen eintauschen konnte. Später fand er heraus, dass die Eingeborenen auch echte Perlen besaßen, und er tauschte Glasperlen gegen echte Perlen. Schließlich kehrte er zurück, um seine Beute dem »Bey von Spanien« auszuhändigen, der ihn auf eine zweite Reise schickte, von der wir allerdings nur wissen, dass er Zwiebeln und Gerste mitnahm, die bald auch von den Eingeborenen angepflanzt wurden. Ich hoffe, weitere Informationen über diese Karte zu erhalten, und werde diese umgehend an Sie weiterleiten.

Hochachtungsvoll

Charles H. Sherrill

Anlagen:

Nr. 1–7, Fotografien von Karten eines türkischen Admirals aus dem Jahr 1513.

103.7

CHS: on

Nr. 272

Ankara, 23. Dezember 1932

Betreff: Fotografie einer Karte für die Kongressbibliothek

An den Herrn Außenminister,

Washington

Sehr geehrter Herr Außenminister,

mit Bezug auf Ihr Schreiben Nr. 58 vom 29. November möchte ich berichten, dass ich unmittelbar nach dessen Erhalt am 13. Dezember an Yusuf Akçura

[sic] Bey (dem Vorsitzenden des im vergangenen Juli abgehaltenen Historikerkongresses) geschrieben und ihn um die von Ihnen für die Kongressbibliothek angeforderten Informationen gebeten habe. Ich habe gestern und heute zwei lange Gespräche mit ihm über das Thema Ihres Schreibens Nr. 58 geführt, und er sagte mir, dass er gleich nach Erhalt meines Briefes eine systematische und umfassende Suche angeordnet habe, um herauszufinden, »ob irgendeine Chance bestehen könnte, dass das Original der spanischen oder italienischen Karte von Kolumbus noch immer in den türkischen Archiven oder in den Unterlagen der Familie von Piri Reis aufbewahrt wird«. Da Piri Reis am Ende enthauptet wurde, ist es mehr als unwahrscheinlich, dass noch irgendetwas aufzufinden sein wird, weil der Besitz von Enthaupteten in der Regel vollständig vom Staat konfisziert wurde.

Als Anlage sende ich Ihnen, wie von Ihnen angefordert, eine Kopie seines in den London Illustrated News, Bd. 181, 1932, S. 142 und 143, erwähnten Briefes zu.

Hinsichtlich der »wörtlichen Übertragung und Übersetzung der Ortsnamen und anderer Legenden auf der westlichen Hälfte der Karte« lesen Sie bitte mein Schreiben vom 19. Dezember an Mr. J. Brent Clarke, den Leiter der Postabteilung des Ministeriums, in dem ich auf die Möglichkeit hinweise, dass die Karte und die Übersetzungen nach meiner Abreise aus Washington an meine Adresse in New York geschickt wurden. Am 19. Dezember habe ich von dort Anweisung gegeben, dass jede Sendung dieser Art umgehend mit einer Mitteilung, dies geschehe auf Instruktion Nr. 58 vom 29. November 1932 des Ministeriums, an Mr. Wallace Murray zurückgeschickt werden soll. Was die Übersetzungen von Ali Nur Bey anbelangt, so hat er einige Türken zurate gezogen, die sich mit der Seefahrt auskennen, doch auch diese Experten hatten an manchen Stellen Schwierigkeiten mit den nautischen Begriffen, die der hochrangige türkische Navigator 1513 benutzt hat. Zwar ist der Text in türkischer Sprache, aber in arabischer Schrift geschrieben, das heißt, häufig wurden bei den Bezeichnungen auf der Karte die Vokale weggelassen, was die Übertragung der geografischen Namen ins Englische, Spanische oder Italienische selbstverständlich erschwert. Trotz dieser Schwierigkeiten hat Ali Nur Bey meiner Meinung nach gute Arbeit geleistet.

Hochachtungsvoll

Charles H. Sherrill

Anlage:

Nr. 1 Kopie eines Briefes

103/7/892.3

CHS:er

Anlage Nr. 1 zum Schreiben Nr. 272 vom 23. Dezember 1932 aus der Botschaft in Istanbul.

Abschrift: TÜRK TARIHI TETKIK CEMIYETI Reisliği

An den Herausgeber der Illustrated London News, London, England

Sehr geehrter Herr,

mit großer Freude haben wir die Erläuterungen zur Karte von Piri Reis, einem türkischen Geografen, in der Ausgabe vom 25. Februar 1932 Ihres hervorragenden Magazins gelesen.

Wir bitten Sie höflich, in Ihrer Zeitschrift folgenden Text abzudrucken, der die Ergebnisse der Untersuchungen enthält, welche wir über das Original dieser nun in unserem Besitz befindlichen Karte durchgeführt haben und die Ihre Erläuterungen zum Teil ergänzen, zum Teil korrigieren könnten.

Zur Untermauerung unserer Feststellungen legen wir Fotografien von zwei Seiten aus dem Buch Bahriye von Piri Reis und fünf kleine Karten aus ebendiesem Buch bei. Wir würden uns freuen, sie zusammen mit diesen Erläuterungen in Ihrem wertvollen Magazin veröffentlicht zu sehen.

Die fragliche Karte ist von Piri Reis auf Gazellenleder gezeichnet, der sich mit seinem detaillierten geografischen Buch über das Mittelmeer mit dem Titel Bahriye (»Über das Meer«), durch das er seine Fähigkeiten und sein Wissen unter Beweis stellte, unter den Gelehrten des Westens wie des Ostens einen Namen gemacht hat.9 Piri Reis war der Neffe des berühmten Kemal Reis, der im letzten Viertel des 15. Jahrhunderts Admiral der türkischen Mittelmeerflotte war. Laut den historischen Quellen war das letzte offizielle Amt, das Piri Reis bekleidete, das des Admirals der Flotten im Roten Meer und im Indischen Ozean. Piri Reis fertigte die oben erwähnte Karte in der Stadt Gelibolu (Gallipoli) im Jahr 1513 an und überreichte sie 4 Jahre später, das heißt im Jahr 1517, persönlich Selim I., dem Eroberer von Ägypten, als dieser sich dort aufhielt.10

Wie bei vielen Karten der Antike und des Mittelalters finden sich auch auf der Karte des Piri Reis wichtige Randnotizen zur Geschichte und Geografie einiger Küsten und Inseln.11Alle diese Randnotizen mit vielen Hundert Zeilen Erläuterungen sind in Türkisch geschrieben. Nur drei Zeilen – der Titel und die Überschriften der Karte – sind in Arabisch geschrieben, wie es der Tradition bei allen osmanischen Denkmälern bis ins vergangene Jahrhundert hinein entsprach. Diese drei arabischen Zeilen bestätigen, dass der Autor der Neffe von Kemal Reis war und dass er das Werk im Jahr 1513 in Gelibolu geschrieben und zusammengestellt hat.

Bei der in unserem Besitz befindlichen Karte handelt es sich um ein Fragment, das Teil einer Weltkarte mit großem Maßstab war. Wenn man die Fotografie der Karte sorgfältig betrachtet, bemerkt man, dass die Randnotizen am östlichen Rand zur Hälfte abgeschnitten wurden.12

In einer dieser Randnotizen gibt der Autor detailliert an, welche Karten er in Vorbereitung für seine Karte geprüft und studiert hat. In der Randnotiz zu den Antillen stellt er zunächst fest, dass er für die Küsten und Inseln auf die Karte des Christoph Kolumbus zurückgegriffen habe. Dann fährt er fort mit der Beschreibung der Reisen eines Spaniers, eines Sklaven von Kemal Reis, Piri Reis‘ Onkel, der unter Christoph Kolumbus drei Reisen nach Amerika unternommen habe. Darüber hinaus vermerkt er in seinen Randnotizen über die südamerikanische Küste, er habe die Karten von vier portugiesischen Entdeckern gesehen. Dass er die Karte des Christoph Kolumbus genutzt hat, geht aus folgenden Zeilen hervor:

»Damit diese Inseln und ihre Küsten bekannt würden, gab Kolumbus ihnen diese Namen und hielt sie auf seiner Karte fest. Die Küsten (die Namen der Küsten) und die Inseln sind der Karte des Kolumbus entnommen.«

Bei der Karte handelt es sich im Grunde genommen um eine Weltkarte. Deshalb studierte Piri Reis einige der Karten, auf denen die ganze Welt dargestellt war, und er hat laut seiner eigenen Feststellung die zur Zeit Alexanders (des Großen) entstandenen Karten, die »Mappae Mundi«, und die acht von den Muslimen angefertigten Teilkarten studiert und geprüft.13

In einer der Randnotizen erklärt Piri Reis ausdrücklich, welche Vorarbeiten er für die Anfertigung seiner Karte leistete:

»In diesem Abschnitt wird erklärt, wie die Karte vorbereitet wurde. Niemand besitzt gegenwärtig eine solche Karte. Ich habe diese Karte selbst gezeichnet und vorbereitet. Zur Anfertigung dieser Karte nutzte ich etwa zwanzig alte Karten und acht Mappae Mundi, das heißt die von den Arabern als »Jaferiye« bezeichneten Karten aus der Zeit Alexanders des Großen, auf denen die ganze besiedelte Welt dargestellt ist; auch die Karte der Karibik habe ich herangezogen, ebenso die von vier Portugiesen, auf denen Indien und China geometrisch abgebildet sind. Darüber hinaus studierte ich die Karte, die Christoph Kolumbus für den Westen gezeichnet hat. Ich habe alle diese Karten auf einen einheitlichen Maßstab gebracht und daraus diese Karte erstellt. Meine Karte ist für die sieben Weltmeere ebenso korrekt und verlässlich wie die Karten, auf denen die Meere unserer Länder abgebildet sind.«

In einem gesonderten Kapitel seines Buches Bahriye erwähnt Piri Reis die Tatsache, dass er sich bei der Zeichnung seiner Karte an die damals international anerkannten kartografischen Traditionen gehalten hat. Die Städte und Zitadellen sind rot eingezeichnet, verlassene Orte schwarz; zerklüftete und felsige Gegenden werden mit schwarzen Punkten markiert, Küsten und sandige Gebiete mit roten Punkten, unter Wasser befindliche Felsen mit Kreuzen. Kurz zusammengefasst können wir also feststellen:

1) Das in Ihrem Magazin abgedruckte Bild der Karte ist das türkische Werk eines türkischen Seefahrers namens Piri Reis. Es ist nicht in arabischer Sprache geschrieben. Mit Ausnahme der drei Titelzeilen ist der Rest ausschließlich in türkischer Sprache verfasst. Selbst die Orte an der Atlantikküste Afrikas tragen türkische geografische Namen wie Babadağ (Vater-Berg), Akburun (Weißes Kap), Yeşil Burun Adaları (Grünes Kap),Kızılburun (Rotes Kap), Uluburun (Walnuss-Kap), Altin Irmak (Goldener Flus) und Güzel Körfez (Schöner Golf).14

2) Die Karte wurde 919 (1513) fertiggestellt und dem Padischah überreicht, nicht etwa 929 (1523).15

3) Piri Reis erklärt, dass er in Vorbereitung für dieses Werk auf die Karten der islamischen Welt, der portugiesischen Karten und sogar auf die Karte von Christoph Kolumbus zurückgegriffen hat. Aber es handelt sich nicht um eine Kopie, sondern um ein Originalwerk.

4) Die in unserem Besitz befindliche Karte ist ein Fragment. Wären die übrigen Teile nicht verloren gegangen, besäßen wir eine türkische Karte aus dem Jahr 1513, die die Alte und die Neue Welt zeigen würde. Weil Christoph Kolumbus seine Reisen Ende des 15. Jahrhunderts unternahm, kann man davon ausgehen, dass diese Karte, die kurz nach den neuen Entdeckungen angefertigt wurde, eine der frühesten Karten ist, auf der alle Kontinente der Erde abgebildet sind.

Hochachtungsvoll

(Unterschrift)16

Außenministerium, Washington

20. März 1933

Antwort auf

HA 103.7/2537

Bibliothekar der Kongressbibliothek

Washington, D.C.

Sehr geehrter Herr,

das Ministerium verweist auf die frühere Korrespondenz betreffs einer Karte, die ein türkischer Admiral mithilfe von Informationen des Kolumbus angefertigt haben soll, und fügt die Kopie eines weiteren Schreibens zu diesem Thema, Nr. 374, vom 21. Februar 1933, vom amerikanischen Botschafter in Istanbul bei.

Hochachtungsvoll

Für den Außenminister E. Wilder Spaulding

Assistent des historischen Beraters

Anlage:

Aus der Botschaft in Istanbul

Nr. 374, 21. Februar 1933

Anlage Nr. 2 zum Schreiben 374 vom 21. Februar 1933 aus der Botschaft in Istanbul

Übersetzung

Piri-Reis-Karte

Quelle: Brief von Yusuf Akcura Bey, Abgeordneter der Großen Nationalversammlung der Türkei, datiert 19. Februar 1933

Akcuraociu Yusuf, Abgeordneter von Istanbul

Ankara,

Keçiören, 19. Februar 1933

Sehr geehrter Herr Botschafter,

nach Erhalt Ihrer geschätzten Anfrage vom 17. Dezember 1932 habe ich mich sogleich mit einem Rundschreiben an die Leiter unserer verschiedenen Museen und an einige Freunde gewandt, die sich der Erforschung der Seefahrtsgeschichte der Türkei widmen, und sie gebeten, mir bei der Suche nach der Originalkarte des Christoph Kolumbus und den Nachfahren des Piri Reis behilflich zu sein.

Bis heute habe ich neun Antwortschreiben erhalten. Alle meine Briefpartner behaupten, dass sich das Testament des berühmten Admirals in keinem der türkischen Museen oder Archiven befindet. Die Leitung des Evkaf weiß ebenfalls nichts von einem Testament, in dem von ihm oder seinen Erben eine karitative Stiftung verfügt wurde.

Da Piri Reis 1564 in Ägypten enthauptet wurde, ist es sehr unwahrscheinlich, dass er noch Gelegenheit dazu hatte, seinen Besitz und seine kostbaren Unterlagen seinen Erben zukommen zu lassen. Außerdem liegen keine verlässlichen Informationen darüber vor, ob er überhaupt Nachkommen hatte.

Doch Djevdet Bey, einer unserer Historiker, informierte mich, Kommandant Saffet Bey, der 1912 verstarb, habe ihm davon berichtet, dass er in den Archiven des Marineministeriums ein Dokument gefunden habe, in dem davon die Rede gewesen sei, dass Sultan Selim III. (1789 – 1807) den Nachkommen von Piri Reis eine Pension gewährt habe.

Ich werde auf der Grundlage dieser Informationen meine Nachforschungen weiterführen und Sie über die möglichen Ergebnisse selbstverständlich in Kenntnis setzen.

Hochachtungsvoll

Akcura Yusuf

General Charles H. Sherrill,

Botschafter der Vereinigten Staaten in der Türkei

Exkurs

Die Legenden auf der Piri-Reis-Karte17

I. Dort gibt es eine Art rote Farbe namens »Vakami«, die man zunächst nicht bemerkt, weil sie sich in einiger Entfernung befindet … Die Berge sind reich an Erzen … Dort haben manche Schafe seidene Wolle.

II. Dieses Land ist besiedelt. Die gesamte Bevölkerung läuft nackt herum.

III. Diese Region wird »Vilayet von Antilia« genannt. Sie liegt gen Osten. Es heißt, es gebe dort vier Arten von Papageien, weiße, rote, grüne und schwarze. Die Menschen essen das Fleisch der Papageien und fertigen sich Haarschmuck aus Papageienfedern an. Es gibt dort einen Stein. Der ähnelt dem schwarzen Prüfstein. Die Menschen nutzen ihn statt einer Axt. Er soll sehr hart sein … [unleserlich]. JPe hat diesen Stein gesehen. [Piri Reis schreibt in seinem Buch Bahriye: »In den feindlichen Schiffen, die wir im Mittelmeer kaperten, fanden wir einen Kopfschmuck aus diesen Federn und auch einen Stein, der dem Prüfstein ähnlich sah.«]

IV. Diese Karte wurde von Pīrī Ibn-Haji Mehmed, Neffe des Kemal Reis, in Gallipoli im Monat muharrem des Jahres 919 gezeichnet [das heißt, zwischen dem 9. März und dem 7. April des Jahres 1513].

V. In diesem Abschnitt wird geschildert, wie diese Küsten und auch die Inseln gefunden wurden.

Diese Küsten heißen »Küsten von Antilia«. Sie wurden im Jahr 896 des arabischen Kalenders entdeckt. Es heißt, ein ungläubiger Genuese, ein gewisser Colombo, habe sie entdeckt. Ebendiesem Colombo war einmal ein Buch in die Hand gefallen, in dem es hieß, am Ende des Westlichen Meeres [Atlantik], also auf der westlichen Seite, gebe es Küsten und Inseln und alle Arten von Metallen und Edelsteinen. Nachdem der oben Genannte das Buch gründlich studiert hatte, berichtete er den Oberen von Genua in aller Ausführlichkeit von diesen Dingen und sagte: »Kommt, gebt mir zwei Schiffe und lasst mich diese Orte finden.« Sie antworteten: »O, du unnützer Mensch, kann ein Ende oder eine Grenze des Westlichen Meeres gefunden werden? Sein Dunst ist voller Finsternis.« Der oben erwähnte Colombo erkannte, dass er von den Genuesen keine Hilfe bekommen würde, deshalb zog er weiter, ging zum Bey von Spanien [König von Spanien] und erzählte ihm seine Geschichte. Dort erhielt er dieselbe Antwort wie in Genua. Doch Colombo richtete immer wieder Bittgesuche an diese Leute, und schließlich gab ihm der Bey von Spanien zwei Schiffe, sorgte dafür, dass sie gut ausgerüstet waren und sagte:

»O Colombo, wenn es geschieht, wie du sagst, wollen wir dich zum Kapudan [Admiral] dieses Landes machen.« Damit sandte er Colombo über das Westliche Meer. Der verstorbene Gazi Kemal hatte einen spanischen Sklaven. Dieser Sklave sagte zu Kemal Reis, dass er mit Colombo dreimal in dieses Land gesegelt sei. Er sagte: »Zuerst erreichten wir die Straße von Gibraltar, nach dieser Meerenge ging es dann nach Süden und Westen zwischen den beiden … [unleserlich]. Nach 4000 Meilen sahen wir vor uns eine Insel, aber allmählich verloren die Wellen ihren Schaum, das heißt, das Meer war ruhig, und der Nordstern – die Seeleute mit ihrem Kompass sagen noch immer Stern – wurde nach und nach verschleiert und unsichtbar, und er sagte, dass Sterne in jener Region nicht wie bei uns hier angeordnet sind. Sie sind in anderer Anordnung zu sehen. Sie ankerten bei der Insel, die sie zuvor schon gesehen hatten, die Menschen von der Insel kamen herbei, beschossen sie mit Pfeilen und erlaubten ihnen nicht, an Land zu kommen und nach Auskunft zu fragen. Die Männer und Frauen schossen Handpfeile. Die Spitzen dieser Pfeile bestanden aus Fischknochen, und alle Menschen waren nackt und auch sehr … [unleserlich]. Als sie sahen, dass sie nicht auf der Insel landen konnten, fuhren sie zur anderen Seite der Insel und sahen ein Boot. Als die Insassen darin gesehen wurden, flüchtete das Boot, und die Leute darin sprangen an Land. Sie [die Spanier] nahmen das Boot. Sie sahen, dass darin Menschenfleisch war. Diese Leute gehörten zu einem Volk, das von Insel zu Insel zog und Menschen jagte und aß. Es hieß, Colombo habe eine weitere Insel gesehen, und als sie sich ihr näherten, sahen sie, dass es auf dieser Insel große Schlangen gab. Sie vermieden es, an Land zu gehen, und blieben dort 17 Tage lang. Die Bewohner dieser Insel sahen, dass von diesem Schiff keine Gefahr drohte, fingen Fische und brachten ihnen diese in ihrem kleinen Boot [Filika]. Diese [die Spanier] freuten sich darüber und gaben ihnen Glasperlen. Es scheint, dass er [Colombo] in dem Buch gelesen hatte, dass Glasperlen in dieser Gegend sehr geschätzt wurden. Als sie [die Inselbewohner] die Glasperlen sahen, brachten sie noch mehr Fisch. Diese [die Spanier] gaben ihnen dafür immer Glasperlen. Eines Tages sahen sie Gold am Arm einer Frau, sie nahmen das Gold und gaben ihr Glasperlen. Sie sagten ihnen, sie sollten noch mehr Gold bringen und würden dafür noch mehr Glasperlen erhalten. Sie gingen weg und brachten viel Gold. In ihren Bergen schien es Goldminen zu geben. Eines Tages sahen sie auch echte Perlen in der Hand einer Person. Sie erkannten sie deutlich; sie gaben ihnen Glasperlen, und man brachte ihnen noch mehr echte Perlen. Die Perlen fand man an der Küste dieser Insel, an einer Stelle, die einen oder zwei Faden tief war. Sie beluden das Schiff auch mit Blutholzbäumen, nahmen auch zwei Eingeborene mit und brachten sie noch im selben Jahr zum Bey von Spanien. Da besagter Colombo die Sprache dieser Menschen nicht kannte, verwendete er Zeichen. Nach dieser Fahrt sandte der Bey von Spanien Priester und Gerste, lehrte die Eingeborenen, wie man säte und erntete und bekehrte sie zu seiner Religion. Sie selbst hatten keinerlei Religion. Sie gingen nackt und lagen da wie Tiere. Diese Gebiete wurden nun für alle geöffnet und wurden berühmt. Die Namen, die die Orte auf besagten Inseln bezeichnen, wurden ihnen von Colombo gegeben, damit sie sie erkennen sollten. Colombo war auch ein großer Astronom. Die Küsten und Inseln auf dieser Karte sind Colombos Karte entnommen.«

VI. Dieser Teil zeigt, in welcher Art diese Karte gezeichnet wurde. Niemand in diesem Jahrhundert besitzt eine solche Karte. Die Hand dieses armen Mannes hat sie gezeichnet, und jetzt ist sie fertiggestellt. Aus ungefähr zwanzig Karten und Mappae Mundi – das sind Karten, die in den Tagen von Alexander, dem Herrn der zwei Hörner, gezeichnet wurden und die die bewohnten Gebiete der Welt zeigen. Die Araber nennen diese Karten Jaferiye – ich habe acht Jaferiyes dieser Art und eine arabische Karte von Hind herangezogen, und die Karten, die erst vor Kurzem von vier Portugiesen gezeichnet wurden und die Länder von Hind, Sind und China zeigen, geometrisch gezeichnet, und auch von einer Karte der westlichen Region, gezeichnet von Colombo. Durch die Reduzierung all dieser Karten auf einen Maßstab wurde diese endgültige Form erreicht. Dadurch ist die vorliegende Karte für die sieben Weltmeere so korrekt und zuverlässig, wie die Karte unserer Länder von den Seeleuten als korrekt und zuverlässig betrachtet wird.

VII. Die ungläubigen Portugiesen berichten, dass in diesem Gebiet Tag und Nacht am kürzesten 2 Stunden und am längsten 22 Stunden sind. Aber der Tag ist dort sehr warm, und in der Nacht gibt es viel Tau.

VIII. Auf dem Weg zum Bezirk von Hind hatte ein portugiesisches Schiff von der Küste wehenden Gegenwind. Der Wind von der Küste … [unleserlich] es [das Schiff]. Nachdem sie von einem Sturm in südliche Richtung abgetrieben wurden, sahen sie vor sich eine Küste und steuerten sie an [unleserlich]. Sie sahen, dass es gute Ankerplätze gab. Sie warfen Anker und gingen mit ihren Booten an Land. Sie sahen Menschen dort herumlaufen, alle nackt. Aber sie schossen Pfeile, deren Spitzen aus Fischknochen waren. Sie blieben dort 8 Tage. Sie handelten mit den Menschen durch Gesten. Jenes Schiff sah diese Inseln und schrieb über sie … Das besagte Schiff kehrte nach Portugal zurück, ohne nach Hind zu fahren, wo sie nach Ankunft Bericht erstatteten … Sie beschrieben die Küsten im Einzelnen … Sie hatten sie entdeckt.

IX. Und in diesem Land scheint es weißhaarige Ungeheuer in dieser Form zu geben, und auch Ochsen mit sechs Hörnern. Die ungläubigen Portugiesen schrieben es in ihre Karten …

X. Dieses Land ist eine Ödnis. Alles ist zerstört, und es wird gesagt, dass es große Schlangen dort gibt. Deshalb landeten die ungläubigen Portugiesen nicht an diesen Küsten, und sie sollen auch sehr heiß sein.

XI. Diese vier Schiffe sind portugiesische Schiffe. Ihre Form ist angezeigt. Sie reisten vom westlichen Land zur Spitze von Habesh [Abessinien], um Indien zu erreichen. Sie sagten, nach Shuluk. Die Entfernung über dieses Meer beträgt 4200 Meilen.

XII. … an dieser Küste ein Turm

… ist jedoch

… bei diesem Klima Gold

… ein Seil nehmend

… soll gemessen werden

[Anmerkung: Die Tatsache, dass die Hälfte dieser Zeilen jeweils fehlt, ist der deutlichste Beweis dafür, dass die Karte in zwei Teile gerissen wurde.]

XIII. Eine genuesische Kogge aus Flandern wurde von einem Sturm erfasst. Getrieben von diesem Sturm kam sie zu diesen Inseln, dadurch wurden diese Inseln bekannt.

XIV. Es wird erzählt, dass in alter Zeit ein Priester mit Namen Sanvolrandan (der Heilige Brendan) die sieben Meere bereiste, so sagen sie. Er landete auf diesem Fisch. Sie dachten es sei trockenes Land und machten ein Feuer auf dem Fisch. Als der Rücken des Fisches zu brennen begann, tauchte er ins Meer; sie stiegen wieder in ihre Boote und flohen zum Schiff. Dieses Ereignis wird von den Portugiesen nicht berichtet. Es stammt von den alten Mappae Mundi.

XV. Diesen kleinen Inseln gaben sie den Namen Undizi Vergine. Das bedeutet Elf Jungfrauen.

XVI. Und diese Insel nannten sie Insel von Antilia. Dort gibt es viele Ungeheuer und Papageien und viele Blutholzbäume. Sie ist nicht bewohnt.

XVII. Dieses Schiff wurde von einem Sturm an diese Küsten getrieben und blieb, wo es auflief … Sein Name war Nicola di Giuvan. Auf seiner Karte steht geschrieben, dass die Flüsse, die man hier sieht, zumeist Gold [in ihren Betten] haben. Als das Wasser zurückgegangen war, sammelten sie viel Gold im Sand. Auf ihrer Karte …

XVIII. Das ist das Schiff von Portugal, das in einen Sturm geriet und zu diesem Land kam. Einzelheiten sind auf den Rand der Karte geschrieben. [siehe VIII.]

XIX. Die ungläubigen Portugiesen gehen von hier nicht weiter nach Westen. Die ganze Seite gehört gänzlich den Spaniern. Sie trafen eine Übereinkunft, dass 2000 Meilen westlich der Straße von Gibraltar [eine Linie] als Grenze betrachtet werden sollte. Die Portugiesen überqueren diese Seite nicht, sondern nur die indische, und der Süden gehört den Portugiesen.

XX. Diese Karavelle geriet in einen Sturm und wurde an diese Insel getrieben. Ihr Name war Nicola Giuvan. Auf dieser Insel gibt es viele Ochsen mit einem Horn. Deshalb nennen sie diese Insel Isla de Vacca, was Kuhinsel bedeutet.

XXI. Der Kapitän dieser Karavelle heißt Messir Anton der Genuese, aber er wuchs in Portugal auf. Eines Tages geriet diese Karavelle in einen Sturm und wurde zu dieser Insel getrieben. Er fand dort viel Ingwer und schrieb über diese Inseln.

XXII. Dieses Meer heißt Westliches Meer, aber die französischen Seeleute nennen es Mare d‘Espagna, das heißt Spanisches Meer. Bis jetzt war es unter diesen Namen bekannt, aber Colombo, der dieses Meer öffnete und diese Inseln bekannt machte, sowie die ungläubigen Portugiesen, die die Region von Hind öffneten, stimmten überein, dem Meer einen neuen Namen zu geben. Sie gaben ihm den Namen Ovo Sano [Oceano], das bedeutet »gesundes Ei«. Davor ging man davon aus, dass das Meer kein Ende oder keine Grenze hätte, und dass am anderen Ende Dunkelheit herrscht. Jetzt, da sie gesehen haben, dass das Meer von Küsten umgeben und wie ein See ist, gaben sie ihm den Namen Ovo Sano.

XXIII. An diesem Ort gibt es Ochsen mit einem Horn und auch Ungeheuer mit dieser Form.

XXIV. Diese Ungeheuer sind sieben Spannen lang [etwa 1,6 Meter]. Der Abstand zwischen ihren Augen beträgt eine Spanne. Aber sie sind harmlose Seelen.

Abb. 1. Die Piri-Reis-Karte; die römischen Ziffern entsprechen den übersetzten Legenden. Nach A. Afet Inan.

Kapitel IIDie Geheimnisse der Piri-Reis-Karte

Als wir unsere Nachforschungen begannen, waren meine Studenten und ich gleichermaßen Amateure. Ich besaß ihnen gegenüber nur den Vorteil, mehr Erfahrung mit wissenschaftlichen Untersuchungen zu haben; sie mir gegenüber jenen, noch weniger zu wissen als ich und deshalb keine Vorurteile überwinden zu müssen.

Ganz zu Beginn hegte ich eine Vorstellung – ein Vorurteil, wenn Sie so wollen –, die unsere Entdeckungsreise zum Scheitern hätte verurteilen können, noch bevor sie richtig begonnen hatte: Wenn diese Karte eine Kopie einer sehr alten Karte war, die auf irgendwelchen Wegen den Türken in die Hände gefallen und in Konstantinopel erhalten geblieben war, dann dürfte es, wie ich meinte, zwischen dieser Karte und den Karten, die im Mittelalter in Europa kursierten, nur sehr wenige Übereinstimmungen geben. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass diese Karte sowohl eine – kopierte – antike als auch eine mittelalterliche Karte sein konnte. Deshalb war ich zunächst nicht sonderlich interessiert, als einer meiner Studenten feststellte, dass die Karte Ähnlichkeiten mit den Navigationskarten des Mittelalters habe. Zum Glück behielt ich meine Meinung für mich und ermunterte die Studenten dennoch, ihre Untersuchung in diese Richtung zu beginnen.

Bald hatten wir beträchtliche Informationen über mittelalterliche Karten zusammengetragen. Dabei befassten wir uns nicht mit den außerordentlich ungenauen Landkarten (siehe Abb. 2 und 3), sondern interessierten uns nur für Seekarten, die von den Seefahrern des Mittelalters ab etwa dem 14. Jahrhundert genutzt wurden.1 Diese sogenannten »Portolankarten« 2 zeigten das Mittelmeer und das Schwarze Meer, und taten das auf überzeugende Art und Weise. Ein Beispiel dafür ist der Portolan von Angelino Dulcert aus dem Jahr 1339 (Abb. 4). Wenn der Leser die Linienmuster auf dieser Karte mit denen der Piri-Reis-Karte auf dem Titelbild vergleicht, wird er feststellen, dass sie durchaus ähnlich sind. Der einzige Unterschied besteht darin, dass auf dem Dulcert-Portolan lediglich das Mittelmeer und das Schwarze Meer abgebildet sind, während die Piri-Reis-Karte die Küsten des ganzen Atlantischen Ozeans zeigt. Das Linienmuster ist hier allerdings ganz anders als auf modernen Karten.

Abb. 2. Die mittelalterliche Weltkarte von Osma Beatus

Die Linien haben keine Ähnlichkeit mit den Breiten- und Längenlinien der modernen Karten, die sich in gleichmäßigen Abständen schneiden und verschiedenartige »Gitter« beziehungsweise Netze bilden. Stattdessen scheinen einige der Linien, zumindest auf diesen alten Karten, wie die Speichen eines Rads von einem Mittelpunkt auf der Karte auszugehen. Dieses strahlenförmige Muster lässt an einen Seefahrerkompass denken, und einige dieser alten Karten sind tatsächlich wie Kompasse verziert. Die »Speichen« haben genau die gleichen Abstände wie die Himmelsrichtungen auf dem Kompass, wobei in manchen Fällen 16 Linien, in anderen 32 gezogen wurden.

Weil der Kompass in Europa etwa zur gleichen Zeit eingeführt wurde, wie diese Karten entstanden, schlussfolgerten die meisten Wissenschaftler, der Entwurf der Karten müsse dazu gedient haben, den Seefahrern des Mittelalters die Navigation mithilfe des Kompasses zu erleichtern. Und zweifelsohne nutzten die Navigatoren im Mittelalter diese Karten, um den Kurs mithilfe des Kompasses zu finden, denn diese Methode wird in zeitgenössischen Abhandlungen beschrieben (89, 179, 198). Doch als wir diese mittelalterlichen Karten näher untersuchten, stießen wir auf eine Reihe von Rätseln.

Abb. 3. Die Weltkarte des Andreas Walsperger aus dem Jahr 1448

Abb. 4. Der Portolan von Dulcert aus dem Jahr 1339

Abb. 5. Nordenskiölds Vergleich der Mittelmeerkarte des Ptolemäus (oben) mit dem Dulcert-Portolan

Beispielsweise erfuhren wir, dass einer der führenden Wissenschaftler auf diesem Gebiet gar nicht glaubte, dass die Karten aus dem Mittelalter stammten. Der Polarforscher und Kartograf Alfred Erik Nordenskiöld, der aus diesen Karten einen großartigen Atlas zusammenstellte (146) und einen Aufsatz über ihre Geschichte verfasste (147), führte einige Gründe dafür an, dass die Karten aus der Antike stammen müssten. Er wies zum einen darauf hin, dass der Dulcert-Portolan und all die anderen ähnlichen Karten viel zu genau seien, um von Seefahrern des Mittelalters gezeichnet worden zu sein, zum anderen auf die kuriose Tatsache, dass die überaus gelungenen Karten keinerlei Hinweise auf eine Weiterentwicklung liefern. Die Karten vom Beginn des 14. Jahrhunderts seien genauso gut wie diejenigen aus dem 16. Jahrhundert. Seiner Meinung nach schien es, als habe jemand im frühen 14. Jahrhundert eine erstaunlich akkurate Karte entdeckt, die in den folgenden 200 Jahren niemand zu verbessern vermochte. Darüber hinaus meinte Nordenskiöld, Indizien dafür zu haben, dass nur eine einzige Modellkarte entdeckt worden sei und dass alle in den folgenden Jahrhunderten angefertigten Portolankarten lediglich Kopien dieses einen Originals seien. Er nannte das unbekannte Original »Normalportolan« und wies nach, dass die Portolankarten insgesamt ziemlich sklavische Kopien des Originals sind. Er stellte fest:

»Die Überprüfung aller Karten ergibt: 1) Dass alle Portolankarten hinsichtlich der Umrisse des Mittelmeers und des Schwarzen Meers fast unveränderte Kopien desselben Originals sind. 2) Dass bei all diesen Portolankarten die gleichen Darstellungsmaßstäbe genutzt wurden.« (147, S. 24)

Nachdem Nordenskiöld festgestellt hatte, dass ein einheitlicher Maßstab auf allen Portolankarten Verwendung findet und dieser allem Anschein nach nicht mit den Maßeinheiten übereinstimmt, die im Mittelmeerraum gebräuchlich waren – mit Ausnahme der katalanischen (die, wie er meinte, wohl auf karthagischen Maßeinheiten basierten) – schlussfolgerte er:

»Deshalb besteht die Möglichkeit, dass der auf den Portolankarten genutzte Maßstab seinen eigentlichen Ursprung in der Zeit hat, als die Phönizier und Karthager die Navigation im westlichen Mittelmeerraum beherrschten, zumindest aber in der Zeit des Marinos von Tyros …« 3 (147, S. 24)

Nordenskiöld mutmaßte also, dass den Portolankarten ein antikes Original zugrunde lag. Doch das war nicht alles. Ihm waren nämlich die Karten von Claudius Ptolemäus vertraut, die aus der Antike stammen und im 15. Jahrhundert in Europa wiederentdeckt wurden. Als er die beiden Karten miteinander verglich, stellte er fest, dass die Portolankarten viel genauer waren als die Karten des Ptolemäus. Er verglich auch Ptolemäus’ Karte des Mittelmeerraums und des Schwarzen Meers mit dem Dulcert-Portolan (Abb. 5) und kam zu dem Schluss, dass die Portolankarte eindeutig überlegen war.

Lassen Sie uns an dieser Stelle einen Moment innehalten und überlegen, was das bedeutet. Ptolemäus ist der berühmteste Geograf der Antike. Er arbeitete im 2. Jahrhundert n. Chr. in Alexandria in der größten Bibliothek der antiken Welt. Ihm stand also das gesamte geografische Wissen jener Zeit zur Verfügung. Und er war nicht nur Geograf, sondern auch Mathematiker, denn in seinem Hauptwerk Geographia (168) stellt er sein modernes wissenschaftliches Denken unter Beweis. Können wir ernsthaft annehmen, dass die Seefahrer des 14. Jahrhunderts ohne all diese Kenntnisse und – abgesehen von einem rudimentären Kompass – ohne moderne Instrumente und ohne mathematisches Wissen eine weitaus wissenschaftlichere Karte als Ptolemäus hervorbringen konnten?