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Die Wiederkehr der Konformität E-Book

Cornelia Koppetsch

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Beschreibung

Ängste vor sozialem Abstieg prägen das Lebensgefühl der Mittelschicht. Je größer die Verunsicherung, desto mehr wird die "Mitte" als Hort von Sicherheit und Normalität herbeigesehnt. Anpassung mutiert dabei zur zentralen Strategie im Wettbewerb um Lebenschancen. Zugleich polarisiert sich die Mittelschicht immer mehr. Am unteren Ende kämpfen prekär Beschäftigte gegen den sozialen Abstieg, oben gelingt es dem bildungsorientierten Bürgertum, durch Abgrenzung Besitzstände zu verteidigen. Und dazwischen erhebt das moderne Kleinbürgertum die Selbstoptimierung zur Lebensaufgabe.

Die neue Mitte, so das Fazit, ist von Leistungsdruck und Überforderung ebenso geprägt wie von der Rückkehr zu konservativen Werten - was sich nicht zuletzt in der Renaissance alter Rollenmuster in Ehe und Familie spiegelt. Dies hat Folgen für alle, denn der Mittelstand hat als stilbildendes Großmilieu Vorbildfunktion. Cornelia Koppetsch schildert in einer Reihe von Stimmungsbildern, wie sich in dieser Lage Lebensformen und Mentalitäten in unserer Gesellschaft verändern.

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Seitenzahl: 258

Veröffentlichungsjahr: 2013

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Cornelia Koppetsch
Die Wiederkehr der Konformität
Streifzüge durch die gefährdete Mitte
Campus Verlag Frankfurt/New York
Über das Buch
Ängste vor sozialem Abstieg prägen das Lebensgefühl der Mittelschicht. Je größer die Verunsicherung, desto mehr wird die »Mitte« als Hort von Sicherheit und Normalität herbeigesehnt. Anpassung mutiert dabei zur zentralen Strategie im Wettbewerb um Lebenschancen. Zugleich polarisiert sich die Mittelschicht immer mehr. Am unteren Ende kämpfen prekär Beschäftigte gegen den sozialen Abstieg, oben gelingt es dem bildungsorientierten Bürgertum, durch Abgrenzung Besitzstände zu verteidigen. Und dazwischen erhebt das moderne Kleinbürgertum die Selbstoptimierung zur Lebensaufgabe.
Die neue Mitte, so das Fazit, ist von Leistungsdruck und Überforderung ebenso geprägt wie von der Rückkehr zu konservativen Werten – was sich nicht zuletzt in der Renaissance alter Rollenmuster in Ehe und Familie spiegelt. Dies hat Folgen für alle, denn der Mittelstand erfüllt als stilbildendes Großmilieu eine Vorbildfunktion. Cornelia Koppetsch schildert in einer Reihe von Stimmungsbildern, wie sich in dieser Lage Lebensformen und Mentalitäten in unserer Gesellschaft verändern.
Über die Autorin
Cornelia Koppetsch ist Soziologin und Professorin für Geschlechterverhältnisse, Bildung und Lebensführung an der Technischen Universität Darmstadt

Inhalt

Einleitung
Teil 1: Die Mittelschicht
Kapitel 1
Abschied von der Mittelstandsgesellschaft? Eine Skizze deutscher Mentalitäten
Kapitel 2
Selbstbehauptung in der gefährdeten Mitte: Drei Milieus im Umbruch
Kapitel 3
Polarisierung in der Mittelschicht: Transnationalisierung sozialer Ungleichheiten
Kapitel 4
Die erschöpfte Mitte: Psychische Problemlagen in einer individualisierten Gesellschaft
Teil II: Wandel von Lebensformen: Fallstudien
Kapitel 5
Biografische Illusionen: Singles aus der Baby-Boom-Generation
Kapitel 6
Eine Generation der Nesthocker? Junge Berufseinsteiger jenseits von Rebellion und Weltverbesserung
Kapitel 7
Wiederkehr der bürgerlichen Familie? Die Zukunft des Geschlechterverhältnisses
Teil III: Herrschaftskonflikte
Kapitel 8
Neue Expertenkulturen und das Ende gesellschaftlicher Sinngebung
Kapitel 9
Diskretion und Herrschaftswissen: Zur Subjektivierung von Macht in Arbeitswelten
Kapitel 10
Die Wiederkehr der Konformität: Vom Fahrstuhl zur Wagenburg
Anmerkungen
Literatur

Einleitung

Die Mittelschicht blickt auf eine beispiellose Erfolgsgeschichte zurück. Seit Beginn der Bundesrepublik wuchs sie beträchtlich und trug auch in politischer Hinsicht zum Zusammenhalt der Gesellschaft bei. Sie war »Integrationsinstanz und Aufstiegsmotor« (Münkler 2010: 71), weil sie den unterprivilegierten Schichten ermöglichte, in die gesellschaftliche Mitte aufzuschließen. Sie galt lange Zeit als Ort der Sicherheit und Beständigkeit, da sie dazu beitrug, dass die Gesellschaft nicht von ihren Extremen unterlaufen wurde. Und sie war Normgebungsinstanz, da ihr Lebensentwurf – die Normalität der Arbeit, des Lebenslaufs und der bürgerschaftlichen Tugenden – für die Gesellschaft im Ganzen verbindlich wurde. Nicht die Eliten, sondern die Mittelschicht prägten das Modell eines gelungenen Lebens.
Heute gilt die Mittelschicht als gefährdet. Darüber wird in prominenten sozialwissenschaftlichen Analysen aktuell diskutiert.1 Die Globalisierung von Unternehmen führte zu Umbrüchen in der Arbeitswelt, die viele Arbeitnehmer schleichend oder drastisch zu spüren bekommen. Es ist ungemütlich geworden. Eine kollektive Erfahrung der Prekarisierung und Verwundbarkeit hat sich ausgebreitet, wodurch für viele die Zugehörigkeit zur Mitte infrage gestellt ist. Zudem zieht sich der Wohlfahrtsstaat zurück, sodass Gesundheit, Sicherheit und Bildung, die der Staat einst fraglos bereitstellte, zu privaten Gütern wurden, die eigene Anstrengungen erfordern. In diesem Prozess können nicht mehr alle mithalten, womit sich auch das soziale Klima verändert. Die Bereitschaft der Mittelschicht, sich für Unterprivilegierte zu öffnen, sinkt, stattdessen breitet sich eine Wagenburgmentalität aus. Die Mitte ist kein Fahrstuhl mehr, der allen, die sich die Werte der Mittelschicht aneignen, zum Aufstieg verhilft. Anstelle von Solidarität und Gemeinsinn treten Wettbewerb und Markt.
Durch diese Entwicklungen kam die ehemals charakteristische Expansion der Mittelschicht zum Erliegen. Die Globalisierung von Wirtschaftskreisläufen entmachtete die Mittelschicht zudem in wirtschaftlicher und moralischer Hinsicht. Unternehmen, die Produktionsstandorte in andere Länder auslagern, haben das Interesse am Wohlergehen der Mittelschicht weitgehend verloren, sodass der Einfluss von Arbeitnehmern, Volksparteien und Gewerkschaften sinkt. Dadurch polarisiert sich die Mittelschicht immer mehr. Offenkundig befindet sich die Gesellschaft heute nicht mehr, wie Ulrich Beck behauptete, »jenseits von Klasse und Stand«, sondern ist zurück auf dem Weg in eine Klassengesellschaft, in der Verteilungsfragen wieder über Lebenschancen entscheiden.
Welche Auswirkungen haben diese Veränderungen auf die Mentalitäten und das Lebensgefühl der Menschen in der Mittelschicht? Entgegen aktueller Zeitdiagnosen, wonach es unter den gegenwärtigen Bedingungen zu einer Beschleunigung und Aktivierung in der Lebensführung komme (Rosa 2005; Lessenich 2008), zeigen die hier vorgelegten Analysen, dass viele Menschen sich eher Einhegung, Rückzug und Bindung wünschen. Dies gilt paradoxerweise auch gerade für solche Milieus, die innerhalb des neuen Kapitalismus als Avantgarde gelten. Diese Milieus passen sich zwar in ihren öffentlichen Rollen den neuen Forderungen nach Flexibilität und Reflexivität an, streben in ihrem privaten Umfeld oft jedoch nach Sicherheiten und traditionellen Lebensformen.
Damit zeichnet sich eine Umkehrung von Werten und Orientierungen ab. In der Phase des Wohlfahrtskapitalismus der Bundesrepublik galt es, etwa im Rahmen der Neuen Sozialen Bewegungen, als besonders fortschrittlich, eingetretene Pfade zu verlassen und mit alternativen Lebensentwürfen zu experimentieren. Heute konzentrieren sich dieselben Milieus auf Absicherung, Statuserhalt und Anpassung an die vorgegebenen Strukturen. Die Einzelnen fürchten sich nicht mehr in erster Linie vor Beschränktheit und Provinzialität, sondern vor Statusverlusten und suchen Bindungen statt Optionen. Viele fühlen sich den Zufälligkeiten von Arbeitsmärkten ausgeliefert, die ihnen langfristige Pläne kaum noch erlauben. Auch private Beziehungen drohen kurzfristiger und unverbindlicher zu werden. Stabilitätskerne werden zu knappen und umkämpften Gütern, die nicht mehr jedem fraglos zur Verfügung stehen.
Die Sehnsucht nach Geborgenheit angesichts von Abstiegsängsten hat einen Mentalitätstypus hervorgebracht, der in diesem Essay unter dem Topos »Wiederkehr der Konformität« untersucht wird. Die Wiederkehr der Konformität findet auf unterschiedlichen Ebenen statt. Auf der Ebene der Wertvorstelllungen ist eine Abkehr von politischen Gesellschaftsentwürfen zugunsten von rückwärtsgewandten Gemeinschaftsbildern und religiösen Bekenntnissen zu beobachten. Viele Menschen tendieren zu einem Rückzug aus dem öffentlichen Leben in den Nahbereich von Partnerschaft und Familie. Konservative Werte dominieren, die auf die Erhaltung des Bestehenden oder des verloren Geglaubten gerichtet sind.
Auf der Ebene der Statuskämpfe überwiegt das Muster der Selbstabschließung durch Ausgrenzung. Dies geschieht je nach Milieuzugehörigkeit durch unterschiedliche Strategien. Während in den vom Abstieg bedrohten Soziallagen Ressentiments gegen Unterprivilegierte und Migranten offensiv vertreten werden, betreibt die bürgerliche Mitte ihre Selbstabschließung eleganter, indem sie sich in exklusive Stadtviertel zurückzieht. Dies erlaubt ihnen tolerant und liberal zu bleiben, denn die tatsächlichen gesellschaftlichen Problemlagen bleiben draußen. Die Teilhabe an Privilegien wird über den Preis pro Quadratmeter Wohnraum gesteuert.
Schließlich wird auch das Alltagsleben von einer Haltung der Konformität beherrscht. Zwar betätigen sich viele Mittelstandsbürger als Alltagskritiker der Marktgesellschaft, doch hindert sie das nicht daran, sich an die gegebenen Bedingungen mitunter bedingungslos anzupassen. Widerstand erscheint vielen zwecklos. Für eine Benennung der wachsenden Ungerechtigkeiten und Ausbeutungsverhältnisse in der Arbeitswelt fehlt überdies das Vokabular. Im offiziellen Diskurs werden sie als »fairer Wettbewerb« ausgegeben, welcher ja bekanntlich Gewinner und Verlierer hervorbringt. Die Frage, welchen Interessen Wettbewerbe dienen, und nach welchen Spielregeln diese inszeniert werden, bleibt sorgfältig hinter den Sprachspielen der Leistungsgesellschaft verborgen. Wer hier nicht mithalten kann, dem sind die Wege in die Kritik verbaut. Denn seine Misserfolge hat sich jeder selbst zuzuschreiben. Dies spiegelt sich auch im öffentlichen Diskurs zu Erschöpfungskrankheiten, zu Burn-Out-Erkrankungen und Depressionen, wider. Nicht der Widerstand, sondern die Krankheit erscheint als letzter Ausweg. Wollte man die Mentalität der Gegenwart auf einen einfachen Nenner bringen, dann hieße dieser: ängstliche Vermeidung alles Widerständigen, Risikobehafteten und Unberechenbaren.
Die Wiederkehr der Konformität ist allerdings nicht mit Feigheit zu verwechseln. Sie ist eine plausible Bewältigungsstrategie angesichts von Unsicherheiten und Ängsten. Sie ist eine Reaktion auf gesellschaftliche Veränderungen, die mit wachsenden Unsicherheiten und einem gravierenden Autonomieverlust in der Lebensführung einhergegangen sind. Dabei büßten nicht nur die Menschen an Autonomie ein, auch gesellschaftliche Institutionen verfügen über weniger Handlungsspielräume. Familie, Wohlfahrtsstaat und Demokratie mussten sich den Imperativen von Märkten wesentlich anpassen. Zwar verschwinden die alten Einrichtungen nicht einfach, doch wo der Markt die Ziele vorgibt, scheint die alte Autonomie gesellschaftlicher Institutionen gebrochen. Die diffuse Macht des Marktes wird zur Disziplinierung von Belegschaften und Interessensvertretungen genutzt. Politiker wie Gelehrte, Arbeitssuchende wie Arbeitslose, Betriebe und Krankenhäuser sollen mit der Marktlage atmen sowie konjunkturelle Schwankungen und Krisen mithilfe eigener Ressourcen abfedern. Soziologische Untersuchungen stellen denn auch regelmäßig fest, dass die moderne Gesellschaft heute durch eine »sukzessive Vermarktlichung« aller ihrer Lebensbereiche gekennzeichnet sei (Bode/Brose 1999). In Arbeitsorganisationen und Wohlfahrtseinrichtungen, Familie und Partnerschaft, Kirche, Bildung und Wissenschaft herrschten demnach statt Solidarität und (Wert-)Bindung nunmehr Wettbewerb und Kalkül. Dadurch werden alle Lebensbereiche auf ihre wirtschaftliche Komponente hin durchleuchtet.
Identität und Persönlichkeit drohen ebenfalls, aus dem Gleichgewicht zu geraten. Man wird Zeuge einer dramatischen Freisetzung des Einzelnen aus den Strukturen der Industriemoderne. Die Konsequenz ist nicht nur die Verflüssigung institutioneller Ordnungen, sondern auch die Erosion von Gemeinschaftsbindungen, Persönlichkeit und Identität (Sennett 2000). Dies wird durch die Projekthaftigkeit von Arbeits- und Lebensformen forciert. Ein kohärentes Selbst könne unter diesen Bedingungen kaum mehr ausgebildet werden. Der amerikanische Psychologe Kenneth Gergen (1996) behauptet sogar, dass in Zukunft an die Stelle einer zeitstabilen Identität ein »relationales« Selbst trete. Wer man ist, hänge demnach davon ab, mit wem man gerade zu tun hat. Jede Wahrheit über sich selbst gelte nur für eine gewisse Zeit und innerhalb bestimmter Beziehungen. Auch ein selbstbestimmtes Leben scheint so kaum mehr möglich. Erfolgreich behaupten können sich in den konkurrenzbestimmten Lebensbereichen nur noch die opportunistischen »Wellenreiter« (Rosa 2011), die ihre Chancen situativ zu nutzen wissen, ohne über die Gesamtrichtung ihres Lebens noch entscheiden zu können oder auch nur zu wollen. Die Marktgesellschaft führt nicht zu mehr »Eigenverantwortung«, sondern zum Autonomieverlust durch Anpassung an die Opportunitäten des Marktes. Wer weiß schon, ob seine Qualifikationen und Fähigkeiten in fünf Jahren noch gebraucht werden, ob die eigenen Produkte oder Werke noch Absatzmärkte finden? Die Steigerung der Kontingenz durch mehr Wettbewerb führt zu einem Rückgang biografischer Selbststeuerung.
Manche Menschen erleben zudem eine paradoxe Verarmung der Persönlichkeit durch die Explosion von Möglichkeiten (Jaeggi 2005). In einer Gesellschaft, in der die kulturellen Orientierungspunkte sich vervielfachen und verschwimmen, wird die Optionsvielfalt leicht zur unerträglichen Bürde. Wohin soll man sich wenden, welchen Weg einschlagen und überhaupt – wer ist man eigentlich selbst? Empfohlen wird im Allgemeinen, der gesellschaftlich dominanten Moral zu folgen und die eigene Persönlichkeit effizienzgesteuert zu optimieren. Die Lebensführung soll in eine ökonomische Transaktion umgeformt werden: Man investiert in die Gesundheit, in Freundschaften, in den eigenen Körper – und hofft auf hohe Erfolgsrenditen. Auch in Arbeit und Beruf soll die gesamte Persönlichkeit eingebracht werden. Dies ebnet den Weg in die Selbstausbeutung, die umso unerbittlicher scheint, als sie durch keine externen Instanzen, keine Arbeitszeitregelung, keine Gewerkschaft und keinen Sozialausgleich gemildert wird.
Die damit verbundenen Ängste, Stimmungen und Bewältigungsstrategien sind Gegenstand dieses Essays. Im ersten Teil werden soziale Auseinandersetzungen und Mentalitäten aus der Vogelperspektive der Gesamtgesellschaft beleuchtet. Dabei wird gezeigt, dass durch die aktuellen Umbrüche Unsicherheiten, Ängste und psychische Gefährdungen entstehen, deren je individuelle Bewältigung jedoch gerade nicht zur Aufhebung, sondern zur Zuspitzung von Spaltungen und Klassengegensätzen führt.
Im zweiten Teil geht es anhand von Fallstudien um den Wandel von Lebensformen, der sich im Generationenvergleich und im Geschlechterverhältnis besonders plastisch äußert. Anhand typischer Fallgeschichten aus der Baby-Boom-Generation und der Nachwende-Generation wird herausgearbeitet, welche Problemlagen junge Erwachsene früher und heute zu bewältigen haben. Dabei zeigt sich, dass insbesondere die jüngeren Generationen im Privaten mit rückwärtsgewandten Idealen und Identitätsmustern auf den beschleunigten Wandel reagieren. Auch die Geschlechterverhältnisse werden widersprüchlicher. Während im öffentlich-beruflichen Leben neuerdings ein ökonomisches Interesse an der »Emanzipation« der Frauen und ihrer vermehrten Aktivierung in Beruf und Arbeit besteht, findet im Privaten eine ideologische Wiederkehr des bürgerlichen Familienmodells und der traditionellen Rollenbilder statt.
Im dritten Teil werden veränderte Spielregeln und Herrschaftskonflikte in Arbeit, Öffentlichkeit und Beruf beleuchtet und beschrieben, wie neue Eliten gegenüber traditionellen Wissenschafts- und Bildungseliten an Deutungs- und Gestaltungsmacht gewinnen konnten und neue Regeln in Arbeit, Wissenschaft und Politik etablierten. Auch hier zeigt sich der Konflikt zwischen denjenigen, die als Beschleuniger dieser Entwicklungen auftreten und von den Veränderungen profitieren, und den Akteuren, die zur Mäßigung und zur Bewahrung von Traditionen aufrufen und am Bewährten festhalten möchten.
Die hier vorgenommenen Analysen zeigen eine paradoxe Entwicklung deutscher Mentalitäten. Je weiter sich das Gesellschaftskollektiv von einem Zustand des Gleichgewichts entfernt, desto entschiedener wird die Mitte als Hort der Sicherheit, Beständigkeit und Normalität herbeigesehnt. Das Ideal der Mitte steht für eine gefestigte gesellschaftlich-kollektive Identität, aber auch für eine persönliche Moral der Mäßigung. Die Mitte ist gerade in Zeiten des beschleunigten Wandels ein attraktiver Ort (Münkler 2010). Darüber hinaus steht das Ideal der Mitte für eine Moral der Unauffälligkeit und der Bescheidenheit, die der exzessiven Expansion des Kapitalismus Einhalt gebieten soll. Doch wie verhalten sich dazu die Forderungen nach Aktivität, Mobilität und Autonomie, die das öffentliche Leben gegenwärtig durchdringen?
Ein weiterer Zwiespalt in der Mittelschicht besteht in dem Anspruch auf überlegene Moralität auf der einen Seite und der defensiven Verteidigung von Besitzständen auf der anderen Seite. Man besteht auf Toleranz, Nachhaltigkeit und Demokratie – jeder kann tun, was er will, die Umwelt soll geschont und niemand soll ausgegrenzt werden. Gleichzeitig und im Widerspruch dazu nimmt man billigend in Kauf, dass steigende Mieten Migranten und Geringverdiener aus den eigenen Wohnvierteln fernhalten. Zwar wird Solidarität mit den Unterprivilegierten gepredigt, doch die eigenen Kinder werden auf Privatschulen geschickt.
Auch im Arbeitsleben unterliegt die Mittelschicht offenkundigen Selbsttäuschungen: Sie bedient sich einer therapeutischen Sprache und der Metapher des »Teams« und verschleiert so die wahren Machtverhältnisse und Interessenskonflikte auch in Unternehmen und Hierarchien. Und sie begibt sich in der Gestalt von Experten, Klienten und Kunden der neuen Beratungs- und Kulturindustrie in den Sog globaler Wissensordnungen, deren fatale Auswirkungen auf Werte und soziale Gemeinschaften sie im Übrigen beklagt. Mit anderen Worten: Die Mittelschicht spielt unbeabsichtigt eine entscheidende Rolle bei der Durchsetzung destruktiver Entwicklungen.
Dies zeigt sich in neuen Formen der Selbstbehauptung. Angesichts der sozialstrukturellen Abstiegsdrohungen und zunehmender Verteilungskämpfe sind heute Lebensstile wieder defensiver auf die Verteidigung von Besitzständen und Machtvorsprüngen ausgerichtet. Doch der beschleunigte Wandel führt auch dazu, dass sich die Einzelnen nicht mehr auf bewährte Ressourcen und Strategien verlassen können. Ausgehend von der Beobachtung, dass die soziale Polarisierung gerade auch in der Mittelschicht steigt, dass Wohlstandskonflikte zunehmen und die Abgrenzung der wohlhabenden Mitte gegenüber »sozial Schwächeren« schärfer wird (Vogel 2008, 2009), untersucht dieser Essay, welche Fallen und Problemlagen durch die aktuelle gesellschaftliche Umbruchsituation geschaffen werden und durch welche Strategien die Einzelnen versuchen, Unsicherheiten und Ängste zu bewältigen.
Teil 1
Die Mittelschicht
Kapitel 1
Abschied von der Mittelstandsgesellschaft? Eine Skizze deutscher Mentalitäten
Deutsche gelten im Ausland als sparsam, gründlich und diszipliniert. Gerne bespöttelt man ihren mangelnden Sinn für Humor und Weltläufigkeit. Die Angst, sich nicht korrekt zu verhalten, stecke den Deutschen aus einem anhaltenden Schuldgefühl tief in den Knochen. Ständig hätten sie den Eindruck, am Abgrund zu stehen: Erst Waldsterben, dann Ozonloch, BSE und Vogelgrippe – später bricht die Finanzkrise über sie herein. Ihre Einstellung wird auf der ganzen Welt als »German Angst« belächelt. Daher verwundert es die europäischen Nachbarn, wie stoisch die Deutschen gegenwärtig gravierende soziale Ungerechtigkeiten und innergesellschaftliche Problemlagen hinnehmen. Während in Frankreich gegen Lohndumping gestreikt wird, in Griechenland und Spanien junge Menschen gegen Sparmaßnahmen und Arbeitslosigkeit auf die Straße gehen und in England aus Angst vor dem sozialen Abstieg ganze Straßenzüge in Brand gesetzt werden, bleibt es in Deutschland eigentümlich still. Tatsächlich ist hierzulande von Protest fast nichts zu spüren.
Noch geht es den Deutschen vergleichsweise gut. Beispielsweise ist die Quote der Jugendarbeitslosigkeit relativ gering.2 Gleichwohl werden gerade auch in Deutschland Verteilungskämpfe auf dem Rücken der jüngeren Generation ausgetragen. Nicht nur treten junge Erwachsene zu sehr viel schlechteren Bedingungen in das Erwerbsleben ein, sie beziehen trotz höherer Bildung niedrigere Einkommen und bekommen seltener und später eine Festanstellung als die Beschäftigten aus den Generationen vor ihnen. 39 Prozent der Jüngeren stehen im Alter bis zu 24 Jahren noch in keinem regulären Beschäftigungsverhältnis (Dörre 2010: 54).
Obwohl sich die Lebensbedingungen verschlechtern und gesellschaftliche Spaltungen in der Bundesrepublik zunehmen, wird sich bislang kaum öffentlich dagegen gewehrt, denn selbst die Unterprivilegierten fühlen sich bis heute meist der Mittelschicht zugehörig. Ein Arbeiterbewusstsein existiert kaum. Während Länder wie Frankreich oder England den Charakter einer Klassengesellschaft nie wirklich abgestreift haben und angesichts gesellschaftlicher Krisen zu den alten Gegensätzen zurückkehren (Münkler 2010), ist dies für Deutschland nicht denkbar. Deutschland hat seine Arbeiterklasse in die Mittelschicht integriert. Entsprechend reagiert eine von Deklassierung bedrohte untere Mittelschicht hierzulande eher nicht mit Protest. Sie baut darauf, durch vermehrte Anstrengungen, staatliche Hilfe und sozialpolitische Schutzmaßnahmen den Anschluss nicht zu verlieren.

1.  Der Mittelstand: Stilbildendes Großmilieu der Bundesrepublik

Die Bundesrepublik Deutschland wurde seit Anbeginn und stärker als andere europäische Länder durch ihre breite, sozial integrierte und auch kulturell stilbildende Mittelschicht geprägt. Die Bundesrepublik gewann Stabilität, ohne auf das Vorbild gesellschaftlicher Autoritäten zurückgreifen zu können und ohne ein starkes Klassenbewusstsein auszubilden. Dies unterscheidet sie bis heute von den meisten anderen europäischen Gesellschaften.3
Die Orientierung an der Mitte ist in der Vorgeschichte der Bundesrepublik verankert. Verglichen mit ihren europäischen Nachbarn oder den USA verfügen die Deutschen über keinen im engeren Sinne politischen Gründungsmythos: kein Sturm auf die Bastille, kein Unabhängigkeitskrieg wie in den USA und keine Erinnerung an eine imperiale Epoche wie in England (Münkler 2009: 9). Im Schatten der Französischen Revolution fand der gern kleinstädtisch, fast kleinbürgerlich gezeichnete, deutsche Mittelstand seine Idealbilder. So beobachten etwa in Goethes Epos Hermann und Dorothea ein Gastwirt, ein Pfarrer und ein Apotheker in einem geputzten Städtchen und voller Abscheu die Flüchtlingsströme aus dem revolutionären Frankreich (Seibt 2008). Die kleinstädtische Idylle wurde zum Inbegriff des beschaulichen und mäßigen Lebens. Fleiß, Strebsamkeit und die Akzeptanz der eigenen Stellung wurden als etwas spezifisch Deutsches von dem revolutionären Geist der Franzosen abgegrenzt. Entsprechend unterschiedlich nimmt sich das Verständnis der gesellschaftlichen Mitte in Frankreich und Deutschland bis heute aus.
Nach dem Zweiten Weltkrieg richtete sich die deutsche Gesellschaft auf die Mitte hin aus, nachdem die deutsche Katastrophe die Spitzen der Gesellschaft gekappt und die unteren Schichten nach oben befördert hatte. Die westdeutschen Eliten in Wirtschaft, Wissenschaft und Kultur übten sich in der Kunst der Unsichtbarkeit und kultivierten den Habitus mittelständischer Bescheidenheit. Machtpositionen und Privilegien zu betonen oder auch nur sichtbar zu machen war tabu. Gleichheit und nicht Exzellenz oder Elite war das Maß, an dem sich gesellschaftliche Institutionen messen lassen mussten. Man glaubte, die Klassengesellschaft überwunden zu haben. Die unteren Schichten schienen in den Mittelstand integriert. Die mit Macht und Reichtum verbundenen Bürgertumsgruppen, zu denen Firmeneigner, Spitzenmanager und Großverdiener gehören, lebten meist abgeschirmt von der Öffentlichkeit. Dies ließ den Eindruck entstehen, dass es sie nicht mehr gäbe (Rehberg 2010: 65).
Die Mittelstands-Republik gewann nicht zuletzt dadurch an Glaubwürdigkeit, dass in Deutschland, anders als beispielsweise in Frankreich, Italien oder England, wo das Großbürgertum bis heute dominiert (Windolf 2003), Aufsteiger in die gesellschaftliche Oberschicht vordringen konnten. Dies war auch eine Folge des sozial durchlässigen Bildungs- und Hochschulsystems der Bundesrepublik, das peinlichst darum bemüht war, Chancengleichheit herzustellen. Analoges zu den englischen Eliteinstitutionen von Eton, Oxford und Cambridge, wo man die Zurückhaltung des »gentleman« kultiviert, oder zu den französischen Elitehochschulen (Grandes Écoles), aus denen sich bis heute die Spitzen in Bildung, Wissenschaft und Wirtschaft rekrutieren (Koppetsch 2000), gab es in der frühen Bundesrepublik nicht.
In der »reifen« Bundesrepublik erhielt das Idealbild der Mitte eine neue Qualität: Es wurde zur Grundlage des »Traums immerwährender Prosperität« (Lutz 1984) »jenseits von Klasse und Stand« (Beck 1986: 121). Dieser kollektive Lebenstraum steht auf drei Säulen, die gemeinsam den bundesrepublikanischen Gesellschaftsvertrag der Nachkriegsepoche begründeten: Das Versprechenauf Wohlstand für alle, ausgelöst durch das anhaltende »Wirtschaftswunder« und flankiert durch den ausgebauten Wohlfahrtsstaat und sich angleichende Einkommen in unterschiedlichen Soziallagen; das Versprechen auf individuellen sozialen Aufstieg und kollektive kulturelle Teilhabe, das durch die Bildungsexpansion genährt wurde; und schließlich die kulturelle Aufwertung des Mittelstandes als gesellschaftlich stilbildendes »Groß-Milieu« des 20. Jahrhunderts (Lessenich 2009: 4), dessen Lebensstile, Wertemuster und Verhaltensformen für die Gesellschaft insgesamt verbindlich wurden. Daher konnte auch die Bundesrepublik auf mythische Sinnstiftung nicht ganz verzichten, nur war diese weniger in der Sphäre von Politik und Staat, als in der Sphäre des Konsums angesiedelt. Diese bekräftigte das Zusammengehörigkeitsgefühl der Deutschen im kollektiven wirtschaftlichen Aufstieg: Die Deutsche Mark bestätigte das Wirtschaftswunder, der Volkswagen wurde zum Symbol des Dazugehörens und der Mercedes bewies den sozialen Aufstieg (Münkler 2009: 10f.).
Gleichzeitig streifte die industrielle Arbeiterschaft ihre proletarische Kultur zusehends ab. Die Lebensbedingungen der Arbeiterklasse hatten sich denen der Mittelklasse materiell angenähert. Im Berufsalltag hatten sich die Standesunterschiede zwischen Arbeitern und Angestellten aufgehoben. Die berühmte Lohntüte verschwand und Arbeiter wurden zu Angestellten. Der Aufstieg fand jedoch nicht nur symbolisch statt, sondern auch ganz real: Nach dem Zweiten Weltkrieg zählte man bereits 16 Prozent Angestellte, 1990 waren es 42 Prozent. Gemeinsam mit den Beamten machten sie 54 Prozent aller Beschäftigten aus (Wehler 2008: 146).
Wie bedeutsam diese Entwicklung ist, lässt sich am besten ermessen, wenn man sie mit der sozialen Schichtung des 18. und frühen 19. Jahrhunderts vergleicht (Münkler 2010: 44): Damals gehörten zwischen 70 und 80 Prozent der Bevölkerung der Unterschicht an, die Mittelschicht darüber umfasste maximal 20 bis 30 Prozent, gefolgt von einer sehr schmalen Oberschicht (Hradil 1999). Diese Gesellschaftsordnung wurde meist mit dem Bild einer Pyramide dargestellt, also durch eine breite Basis und eine schmale Spitze. Demgegenüber sind in der Zwiebel, die seit den 1960er Jahren die Pyramide als sozialstrukturelles Modell abgelöst hat (Bolte 1967), Basis und Spitze von nachrangiger Bedeutung, während die umfangreiche Mitte die spezifische Zwiebelgestalt bildet. Im Klartext heißt dies, dass in Zwiebelgesellschaften nicht mehr Unter- und Oberschicht, sondern die Mittelschichten Ordnung und Selbstbild der Gesellschaft prägen.
Selbstverständlich basiert die Orientierung an der Mitte nicht allein auf »harten« sozialstrukturellen Fakten wie Einkommen und Vermögen, hinzu kommen auch subjektive Faktoren wie gesellschaftlich dominante Deutungsmuster und Identitätszuschreibungen. Aufschlussreich ist dabei ein Vergleich der neuen und der alten Bundesländer: Während sich 11 Prozent der Westdeutschen der oberen Mittelschicht und der Oberschicht zurechnen, sind dies in Ostdeutschland nur 1 Prozent. Zudem ordnen sich im Westen 55 Prozent der Mittelschicht zu, dagegen entscheiden sich im Osten nur 39 Prozent für die Mittelschicht und 59 Prozent für die Arbeiter- und Unterschicht (Noll 1998). Selbst wenn man bedenkt, dass in den neuen Bundesländern soziale Ungleichheiten und Unsicherheiten stärker ausgeprägt sind als in den alten Bundesländern, erklärt dies nicht derart gravierende Unterschiede in der sozialen Selbsteinschätzung. Offenkundig spielen die Gesellschaftsbilder und Traditionen der beiden ehemaligen deutschen Staaten bis heute eine wichtige Rolle: Während man sich in der alten Bundesrepublik auch als Arbeiter zur gesellschaftlichen Mitte zählte, galt dies nicht für die DDR, in der das proletarische Klassenbewusstsein zur Staatsideologie erklärt wurde – hier lebt das Bild der Arbeitergesellschaft bis heute fort (Münkler 2010).

2.  Die gefährdete Mittelschicht: Fakten und Soziallagen

Seit den 1990er Jahren hat sich die Lage der Mitte grundlegend gewandelt. Bereits in den 1980er Jahren stellte die Publizistin Barbara Ehrenreich (1994 [1989]) in den USA eine wachsende Gefährdung der Mittelschichten fest. Ehrenreichs Diagnosen galten längere Zeit als spezifisch für die USA und als Resultat eines an europäischen Maßstäben gemessenen ungenügenden Ausbaus des Sozialstaats. In Europa waren in den 1980er Jahren zunächst ganz andere Probleme akut. Hier ging es um den Aufbau stabiler Mittelschichten, die den Unterschichten im Kielwasser von Kapitalismus und Demokratie eine realistische Aufstiegs- und Integrationsperspektive bieten.
Seit den 1990er Jahren greift die Vorstellung, dass die gesellschaftliche Mitte schwerwiegend bedroht ist, auch auf Westeuropa über. Sie findet ihren Niederschlag in einer schnell wachsenden Literatur über die zunehmenden Verwerfungen der modernen Gesellschaft, die von einem kollektiven Bewusstsein sozialer Spaltungen zeugt – Spaltungen, die nicht nur Arme und Reiche, Beschäftigte und Arbeitslose, Eliten und Massen voneinander trennen, sondern die Fragen der Lebensplanung betreffen, die quer zu den bisherigen Ungleichheiten verlaufen und auch die mittleren Schichten in Lager aufteilt (Lessenich/Nullmeier 2006). Dabei kam es keineswegs zu einem flächendeckenden Abstieg der Mittelschicht. Vielmehr steht hinter manchen Bedrohungs- und Angstgefühlen eher ein Verlust an Sicherheit als ein realer Abstieg (Nolte/Hilpert 2007: 64). Die persönliche Unsicherheitserfahrung ist gewachsen.
Dreh- und Angelpunkt dieser Veränderungen ist der Rückbau der Arbeitnehmergesellschaft (Castel 2000), der zunehmend auch mittlere Dienstleistungen und Angestelltentätigkeiten erfasst. Garantierte Beschäftigungssicherheiten wurden aufgelöst, der Wohlfahrtsstaat wurde zum Gewährleistungsstaat (Vogel 2008). Dieser Gewährleistungsstaat bietet nur noch eine staatlich-institutionelle Grundversorgung, gewährleistet aber nicht den Statuserhalt; er kann die Risiken der Erwerbslosigkeit nicht mehr minimieren oder soziale Ungleichheiten dämpfen. Diese Entwicklung wird durch die mit den Hartz-Reformen erfolgte Umstellung auf Risikobegrenzung noch verstärkt. Die Absicherung gegen die Risiken der Existenz (Arbeitslosigkeit, Krankheit, Alter) wird damit zur privaten Aufgabe, die der Einzelne für sich zu lösen hat. Auch die Auflösung von Beschäftigungssicherheiten betrifft nicht mehr nur die ohnehin benachteiligten Gruppen: Zwar sind die Erwerbstätigen ohne Ausbildungsabschluss mit Abstand am häufigsten unsicher beschäftigt, doch zählen im Westen die Höchstqualifizierten, also die Universitätsabsolventen, zur am zweithäufigsten betroffenen Gruppe.
Die Deutschen erleben heute nicht nur das Ende der europäischen Nachkriegsprosperität, sondern auch das »Ende vom Traum einer gerechten Gesellschaft« (Bude 2008). Der Generationenvertrag wurde aufgehoben und viele Menschen sind aktuell unverschuldet vom sozialen Abstieg betroffen. Noch leben ältere Generationen, die den wachsenden Wohlstand und die Sicherheit der Wohlstandsgesellschaft selbst erfahren haben. Es handelt sich um die etwa zwischen 1930 und 1960 in der Bundesrepublik geborenen Personen. Die nach 1960 Geborenen dagegen wurden als junge Erwachsene ab 1990 mit dem massiven Abbau des Wohlstands-Paradieses konfrontiert. Sie sind die ersten, die zunehmende erwerbsbiografische Unsicherheiten am Arbeitsmarkt erfahren und häufig lange um ihre berufliche Position kämpfen mussten.
Für die Menschen in den neuen Bundesländern waren die Veränderungen noch gravierender, denn mit dem Systemwechsel standen sie nicht nur vor ungekannten Unsicherheiten, sie verloren auch ihre institutionellen Bindungen und die bis dato gültige Gesellschaftsordnung. Viele Ostdeutsche fühlten sich auch deshalb sozial entwertet, weil die Errungenschaften ihres bisherigen Lebens plötzlich nichts mehr galten.
Verwundbarkeit und prekäre Lebensumstände drangen damit auch in die bislang stabilen Mittelschichten vor. Abstiegsrisiken nahmen vor allem an den Rändern der Erwerbsgesellschaft zu, bei den Jungen und den Älteren, bei alleinerziehenden Müttern, Migranten und Geringqualifizierten, die häufiger in unterbezahlten und ungesicherten Beschäftigungsverhältnissen ausgebeutet werden. Nachweisbar verkleinerte sich zudem die Einkommensmittelschicht: Umfasste die »Mitte« in den 1980er Jahren recht stabil knapp zwei Drittel der (in Westdeutschland lebenden) Erwachsenen und ihre Kinder, waren es 1992 noch etwa 62 Prozent und 2006 nur noch gut die Hälfte (54,1 Prozent). Dieser Rückgang lässt sich überwiegend darauf zurückführen, dass Personen aus der Mittelschicht in die armutsgefährdeten Lagen (14,4 Prozent) abstiegen, nur 11,1 Prozent von ihnen schafften den Aufstieg in die privilegierten Ränge der oberen Schichten (Grabka/Frick 2008: 101–108).
Hinzu kommt eine wachsende Zahl von Personen, die weder in dauerhafter Armut noch in gesichertem Wohlstand leben. Sie bewegen sich auf einem so schmalen Grad, dass Schicksalsschläge wie Krankheit, Unfall, Scheidung oder Jobverlust sie von fremder Hilfe abhängig machen können (Hübinger 1996). Diesen Wohlstand auf Widerruf (prekärer Wohlstand) findet man nicht allein bei Menschen im Niedriglohnbereich, sondern vereinzelt auch bei Facharbeitern und Hochschulabsolventen. Insgesamt bewahrheitet sich das Bild der Zweidrittelgesellschaft: Zwei Drittel leben in relativ sicherer Integration, ein Drittel in gefährdeten und abgehängten Lagen (Bude 2008: 40).4
In weiten Teilen der Bevölkerung lässt sich die Wiederkehr eines dualistischen Gesellschaftsbildes beobachten, wonach die soziale Ordnung zunehmend durch tiefe Spaltungen und Gegensätze, durch Gewinner und Verlierer, durch »oben« und »unten« geprägt ist (Neugebauer 2007: 39). Diese Polarisierung steht im Widerspruch zu der Tatsache, dass sich die Mehrheit der Bevölkerung nach wie vor der Mitte zurechnet. Dennoch zeigen sich hier reale Entwicklungen. Die Eliten treten wieder sichtbar auf. Man bekennt sich zu ihnen und möchte am liebsten selbst dazugehören. Umso schärfer grenzt man sich von den Außenseitern und den Ausgeschlossenen ab. So entsteht beispielsweise im deutschen Hochschulwesen nach dem Vorbild amerikanischer Elite-Universitäten (Ivy Leage) ein Segment von Exzellenzuniversitäten, die sich als Forschungshochschulen etablieren und von Lehrhochschulen unterschieden werden sollen.
Immer mehr Erwerbstätige empfinden ihr Einkommen als ungerecht – ihr Anteil wuchs innerhalb von nur zwei Jahren von rund 26 Prozent (2005) auf rund 35 Prozent (2007). Vor allem bei den Beziehern mittlerer Einkommen verstärkte sich das Gefühl, ein viel zu niedriges Einkommen zu erhalten (Liebig/Schupp 2008: 434). Diese Tendenzen deuten darauf hin, dass soziale Konflikte sich aktuell nicht allein zwischen den Schichten, sondern auch innerhalb der gesellschaftlichen Mitte verschärfen (Münkler 2010: 57).

3.  Das Ende der Mittelstandsgesellschaft? Globalisierung spaltet Binnengesellschaften

Die Bundesrepublik hat aufgehört, eine Mittelstandsgesellschaft im eigentlichen Sinne zu sein. So hat sich die Lebenssituation vieler Mittelschichtsbürger deutlich verschlechtert. Hinzu kommt, dass die Mittelschicht keinen nennenswerten Einfluss mehr auf die gesellschaftliche und wirtschaftliche Entwicklung des Landes hat, da es nicht mehr gelingt, das Kapital und seine Eigentümer zu domestizieren. Dies schlägt sich zum Beispiel im Bedeutungsverlust von Gewerkschaften und Volksparteien nieder. Ja, mehr noch: Die Mittelschicht wird durch die Globalisierung aus dem binnengesellschaftlichen Zentrum herausgelöst und in eine transnationale Ordnung eingegliedert, die durch globale Unternehmen und mobiles Kapital erzeugt wird.
Nun ist der Kapitalismus eine Gesellschaftsordnung, die von sich aus kein Maß und keine stabile normative Ordnung herausbildet. Diese muss von außen gegen die Dynamik des Kapitalismus und seine Tendenz, Traditionen und etablierte Strukturen zu untergraben, durchgesetzt werden. In der alten Bundesrepublik geschah dies durch einen beständigen Interessensausgleich zwischen dem Kapital, also den Eigentümern und Managern von Unternehmen, auf der einen Seite und den durch die Gewerkschaften vertretenen Interessen der Arbeitnehmer auf der anderen Seite. Die Ungleichheit (der Klassen, der Berufsgruppen und der Geschlechter) blieb bestehen, wurde aber abgefedert, der bisherige Platz innerhalb einer Hierarchie gestufter Rechte und Pflichten war gesichert (Vester 2010: 58f.).
Zudem gab es einen engen und direkten Zusammenhang zwischen dem Wohlergehen der Konzerne und dem der Bürger. Die großen Konzerne waren innerhalb der »Deutschland AG« Teil eines engen Geflechts von Unternehmen, Gewerkschaften und staatlicher Verantwortung. Mit wachsender Produktivität stiegen auch Löhne und Sozialleistungen und damit wiederum die Kaufkraft, wodurch die unternehmerischen Profite zunahmen. Die meisten Menschen kamen in den Genuss von mehr Sicherheit und Stabilität und eines größeren Anteils am Volkseinkommen als zu irgendeinem anderen, früheren oder späteren Zeitpunkt. Die realen Stundenlöhne stiegen bis Anfang der 1980er Jahre kontinuierlich.5
Dieses alte System wird nun durch ein völlig neues ersetzt. Die Internationalisierung von Märkten und der Wettbewerb zwischen Ländern mit unterschiedlichen Lohn- und Produktivitätsniveaus sowie Sozialstandards hat die internationale Konkurrenz entfacht. So wählte Deutschland den Weg des Exportweltmeisters, um im internationalen Wettbewerb konkurrenzfähig zu bleiben. Es bietet hochwertige Produkte zu günstigen Preisen am Weltmarkt an. Dazu wurden Löhne gekürzt und Arbeitskräfte eingespart. In der Folge sinkt der Wohlstand für zahlreiche Arbeitnehmergruppen innerhalb des Landes trotz steigender Produktivität deutscher Unternehmen.
Zwar halten Medien und Politiker nach wie vor daran fest, dass das Bruttosozialprodukt unmittelbar etwas über den Wohlstand der Nation aussagt. Insgesamt ist die deutsche Wirtschaft tatsächlich erheblich produktiver als vor zwanzig oder dreißig Jahren, doch viele Bundesbürger bekommen nichts ab von diesem größer werdenden Kuchen. Die Haushaltseinkommen wachsen nicht mit der Produktivität, die realen Stundenlöhne stagnieren und sinken in vielen Branchen sogar. Gleichzeitig steigt die Zahl der atypischen, also der durch Sozialleistungen und Einkommen nicht mehr hinreichend gesicherten Beschäftigten. In den »Normalarbeitsverhältnissen« werden ebenfalls Sozialleistungen wie Kündigungsschutz und Krankengeld zurückgeschraubt. Trotz eines steigenden Anteils an höher qualifizierten Arbeitnehmern6 sank insgesamt der Anteil des Einkommens, das aus unselbstständiger Erwerbsarbeit erzielt worden ist, von 71,8 Prozent (2001) auf 64,8 Prozent (2007). Dagegen nahm der Anteil des Volkseinkommens, das aus Vermögen, selbstständiger Arbeit und Transfereinkommen erzielt wurde, in diesem Zeitraum von 28,2 auf 35,2 Prozent zu (Groeschel 2011: 56f.).