Die Wilden Küken 4. Es spukt! - Thomas Schmid - E-Book

Die Wilden Küken 4. Es spukt! E-Book

Thomas Schmid

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Beschreibung

Gruselspaß für wilde Küken! Bandentreffen der Wilden Küken auf der "Mystery"! Die Mädchen sinnen auf Rache, nachdem ausgerechnet Oberküken Lilli in eine besonders fiese Falle der Grottenolme getappt ist. Während die beiden Banden noch darum wetteifern, wer wem den größten Schrecken einjagen kann, machen die Küken eine aufregende Entdeckung: Im Straßengraben finden sie ein unheimliches Hexenbrett. Ob man damit tatsächlich die Geister aus dem Jenseits anrufen kann? Der vierte Band der "Küken"-Abenteuer - toller Lesespaß für Mädchen!

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Lilli lag an Deck der Mystery und blinzelte in die Wolken. Das Schiff schaukelte sanft auf dem Weiher, und die Seile, mit denen es am Steg vertäut war, knarrten leise. Am Ufer fuhr ein Windstoß rauschend in die Blätter der Weide, und Lilli fühlte sich so leicht, als würde sie schweben.

Enya balancierte auf der Reling und Bob kam gerade mit einem Strauß Löwenzahn in der Hand die Leiter heraufgeklettert. Very, die sich auf dem Dach der Kükenkajüte sonnte, blickte von ihrer Zeitschrift auf, streckte ihr langes Bein vom Dach und öffnete mit dem Fuß die Tür. Bussi flatterte gackernd aus der Kajüte und rupfte Bob sofort ein paar Blätter aus der Hand. Enyas Huhn Ines lugte neugierig um die Ecke.

Lilli schnappte sich erst Birdie und reichte sie zu Very hinauf, dann hob sie ihr eigenes Huhn Flocke aus seinem Nest. Sofort versteckte es den Kopf in Lillis Armbeuge. Lilli streichelte das weiße Bündel mit einem Löwenzahnblatt, bis Flocke neugierig den Kopf reckte und nach dem Grünzeug pickte.

»Willst du dein Horoskop hören, Lilli?« Very rettete ihre Zeitschrift vor Birdies Krallen und las laut vor: »Lust und Liebe: Löwen steht der Sinn nach Erlebnissen der besonderen Art. Venus und Jupiter sorgen für Gefühlsschwankungen und bescheren Single-Löwen leidenschaftliche Begegnungen.«

Lilli schüttelte ihre mahagonifarbenen Locken. »Ich glaub nicht an die Sterne!«

Very ließ ihre Stimme möglichst geheimnisvoll klingen. »Es gibt mehr Dinge zwischen Himmel und Erde, als du denkst, meine Liebe!«

»Hört sich ganz nach deiner esoterischen Mutter an.« Enya zupfte ihrem Huhn den Schnürsenkel ihres Turnschuhs aus dem Schnabel. »Das ist kein Wurm, Ines!«

Bob beschattete mit der flachen Hand ihre Augen und blickte zu Very hinauf. »Hat es der neue Guru deiner Mutter inzwischen geschafft, allen bösen Spirit aus eurer Villa zu vertreiben?«

Very verdrehte die Augen. »Das ganze Haus stinkt schon nach seinen indianischen Räucherstäbchen. Hartmut hat gestern sogar in der Firma übernachtet.« Very nannte ihre Eltern nicht Mama und Papa, sondern Hartmut und Ilona. »Hartmut sagt, er ist allergisch gegen Präriebeifuß und Zedernspitzen, aber Ilona ist begeistert …«

»Pscht!«, machte Lilli so plötzlich, dass Flocke ihr aus dem Arm flatterte. »Habt ihr das gehört? Das kam vom Keltenwald!«

Die Wilden Küken lauschten, hörten aber nichts mehr. Hatte Lilli sich getäuscht? Hastig kramte sie ein kleines Fernglas aus ihrem Rucksack und suchte damit den Waldrand ab. Aber außer einem auffliegenden Vogel konnte Lilli nichts Ungewöhnliches entdecken.

»Was ist das denn für ein altmodisches Ding?«, fragte Enya.

»Das ist ein Operngucker«, erklärte Very von oben. »Damit sieht man der Sängerin ins Dekolleté.«

Auf dem Kajütendach kniend, machte Very ein schmachtendes Gesicht und presste theatralisch die Hände an ihr imaginäres Dekolleté. »Oh, die Liebe, die Liebe, die Liebe hat mir das Herz gebrochen.«

»Fall nicht runter, sonst bricht sie dir auch noch das Bein!«, sagte Lilli und grinste.

Ein Sonnenreflex glänzte auf dem Messing des Opernguckers. Leider war der Riemen, mit dem man sich das Fernglas um den Hals hängen konnte, auf der einen Seite ausgerissen. Lilli hatte ihn provisorisch mit einem Stück Wolle an die Öse geknotet. Die Schrift auf dem spröden Leder war unleserlich geworden. Mit dem Wort In fing der Text an und endete mit Nadja. Die Buchstaben dazwischen waren nicht mehr zu entziffern.

Nadja war Lillis Mutter. Sie hatte sich kurz nach Lillis Geburt auf und davon gemacht und sich dann elf Jahre nicht mehr gemeldet. Wie immer, wenn Lilli daran dachte, bekam sie auch jetzt einen Kloß im Hals. Sie polierte mit dem Ärmel über den Operngucker. In den letzten Ferien hatte Lilli ihre Mutter zum ersten Mal richtig kennengelernt. Nadja war ihr damals bis in den italienischen Ferienort Roccamare nachgereist. Und auf einer gemeinsamen Motorradtour zum Monte Lucertola waren sie sogar so etwas wie Freundinnen geworden.

»Ist das vom Flohmarkt?« Neugierig schob Bob ihren Kopf über Lillis Schulter und deutete auf das altmodische Fernglas.

»Nö, gestern beim Aufräumen im Keller gefunden.« Lilli knuffte Bob. »Seit deine Tante bei uns eingezogen ist, werd ich andauernd zu so was verdonnert!«

Bobs Tante Luisa war schon seit einiger Zeit die Freundin von Lillis Vater und außerdem die Englischlehrerin der Wilden Küken.

»Pscht!« Ruckartig richtete sich Enya auf. »Seid doch mal still!«

»Es hat doch keine was gesagt!« Very strich sich die Haare aus der Stirn.

»Pscht, jetzt!« Enya hob mahnend die Hand.

Lilli hatte sich vorhin nicht getäuscht, da war es wieder.

Wie Trichter hielt Bob die Hände hinter ihre knubbeligen Ohrmuscheln. »Jetzt hör ich's auch!«

Very legte den Kopf schräg und eine blonde Strähne schwang ihr wieder ins Gesicht. »Als würde jemand Holz sägen!«

Lilli kletterte zu Very aufs Kajütendach und spähte durch den Operngucker.

»Siehst du was?« Enya scheuchte die Hühner in die Kajüte.

»Es gibt tatsächlich mehr Dinge zwischen Himmel und Erde«, murmelte Lilli. »Und zwar Jungs!«

Eilig schloss Enya die Kajütentür und schob den Riegel vor.

Bob öffnete die Deckelkiste an der Seitenwand. »Zum Glück haben wir unsere neue Feuerspritze.« Sie rollte den Schlauch aus und warf das lose Ende in den Weiher.

»Sieht nicht so aus, als wollten sie angreifen. Sie klettern nur in den Bäumen herum wie die Affen.« Lilli reichte Very das Fernglas.

Mit einem tiefen Seufzer der Enttäuschung holte Bob ihren Schlauch wieder ein. Seit sie die alte Pumpe auf dem Flohmarkt gekauft hatte, hoffte sie auf eine Bewährungsprobe. Aber bisher war die handbetriebene Wasserspritze nur beim Deckschrubben zum Einsatz gekommen.

Very drehte am Messingrädchen des Opernguckers herum. »Ich seh nix. Weder Jungs noch Affen. Nur Bäume.« Sie gab Lilli das Fernglas zurück und klimperte mit ihren langen Wimpern. »Kann es sein, dass du jetzt auch schon tagsüber von Ole träumst?«

Bevor Lilli sie schubsen konnte, sprang Very freiwillig vom Kajütendach. Verärgert warf Lilli ihr die Zeitschrift hinterher. »Ich hab sie eindeutig gesehen, und zwar alle drei.«

Mit alle drei meinte Lilli die Grottenolme. Die Grottenolme waren genau wie die Wilden Küken eine Bande. Lilli war das Oberküken der Mädchen und Ole war der Boss der Jungs. Zu Oles Bande gehörten sein Zwillingsbruder Little und sein bester Freund Mitch. Mitch hieß wirklich Mitch. Mitch Mittermeier. Und Ole hieß wirklich Ole. Nur Little hieß nicht Little, sondern eigentlich Linus. Aber alle nannten ihn nur Little, manche auch Professor Little. Ein paar in der Klasse hielten ihn für einen Streber, aber das war Little nicht, er hatte einfach nur ein phänomenales Gedächtnis. Er meldete sich nur ganz selten freiwillig, aber immer, wenn es sich die Lehrer leicht machen wollten, nahmen sie Little dran. Also ziemlich oft. Zum Glück war Ole kein solcher Alleswisser. Die Ähnlichkeit zwischen den Brüdern beschränkte sich auf ihr Äußeres. Vom Charakter her waren sie von Grund auf verschieden. Natürlich hatten beide die gleiche Augenfarbe, aber so tiefblau, dass Lilli manchmal sogar davon träumte, waren nur die Augen von Ole.

Wieder und wieder suchte Lilli jetzt mit dem Operngucker den Waldrand ab. Sie hatte sich vorhin doch nicht getäuscht?! Nein, hatte sie nicht! Zwischen den Blättern bewegte sich etwas und ein Lichtreflex leuchtete auf. Mit angehaltenem Atem stellte Lilli die Sicht schärfer. Im Wipfel einer hohen Buche hockte Ole auf einem Brett zwischen zwei Ästen und hielt ein Fernglas in der Hand. Lilli rutschte vor Schreck fast vom Kajütendach. Einen Augenblick lang war das Fernglas direkt auf sie gerichtet. Nicht sie hatte Ole im Visier, sondern er sie! Wie ertappt, ließ sie den Operngucker sinken, fasste sich aber gleich wieder. »Schaut alle nach oben«, rief sie schnell und zeigte an Oles Beobachtungsposten vorbei in den Himmel. Gerade so, als wollte sie die Freundinnen auf einen eben entdeckten Vogel aufmerksam machen. »Tut ganz unauffällig, wir werden beobachtet!«

Lilli kletterte vom Kajütendach. »Kommt! Wir tun so, als würden wir nach Hause fahren.« Sie schulterte ihren Rucksack und kletterte von Bord. Erst unten auf dem Steg, im Sichtschutz der Mystery, zeigte Lilli den anderen Küken die genaue Position der Olme an und umriss in wenigen Worten ihren Plan.

Kurz darauf schoben die Wilden Küken ihre Räder durchs kniehohe Gras der Weiherwiese. Für ihre Beobachter oben am Hügelkamm sollte es so aussehen, als wollten sie Richtung Landstraße. Aber kaum hatten sie den Feldweg erreicht, bogen sie nicht Richtung Stadt ab, sondern radelten bergauf, ließen hinter der nächsten Kurve die Fahrräder im Graben liegen und verschwanden im Schatten des Keltenwaldes.

So schnell sie konnten huschten sie den Waldrand entlang.

In Gedanken war Lilli eine indianische Waldläuferin. Lillicahontas lief seit mehreren Stunden. Die weißen Siedler hatten ihr alles geraubt. Ihren Bogen, den Köcher, die Pfeile – und sogar das geheime Totem mit den Geheimnissen ihrer Ahnen. Die Bleichgesichter hatten Pferde, Lillicahontas hatte nur ihre Ausdauer und den ungebrochenen Willen einer Indianerprinzessin … Völlig aus der Puste blieb Lilli stehen. Sie lüftete ihre dichten rotbraunen Locken und wischte sich den Schweiß aus dem Nacken. Neben ihr verhedderte Very sich immer mehr in den Brombeerranken. »Mist, die Hose hab ich erst letzte Woche gekauft!«

»Und nächste Woche kaufst du dir wieder eine, Verena!« Bob nannte Very nur bei ihrem richtigen Namen Verena, wenn sie sich über sie ärgerte. »Die hat vor mir schon meiner Schwester Giulia gehört!« Bob zeigte auf ihre eigene Jeans.

»So sieht sie auch aus – Roberta!«, sagte Very und nannte ihrerseits Bob etwas übertrieben bei ihrem richtigen Vornamen.

Very bekam mehr Taschengeld als die anderen Küken zusammen und konnte sich immer die neuesten Klamotten kaufen.

Eilig pflückte Enya noch ein paar Brombeeren. »Jetzt kommt endlich weiter!«

»Hat da nicht eben jemand gelacht?« Lilli schlich bis zum Waldrand und bog zwei Birkenzweige auseinander. Es war nichts Auffälliges zu entdecken, aber der Anblick, der sich den Wilden Küken bot, ließ sie für einen kurzen Moment alles andere vergessen und innehalten. Die Sonne neigte sich schon nach Südwesten und die Bäume warfen lange Schatten. Umso grüner leuchtete die Wiese im milden Licht des Nachmittags. Der Weiher schimmerte silbern und die Galionsfigur am Bug der Mystery schien wie ein echtes Huhn die Flügel auszubreiten.

Gemeinsam aßen die Wilden Küken die Brombeeren aus Enyas Hand, betrachteten ihr schwimmendes Bandenquartier und genossen den Geschmack des Sommers. Wenn es wirklich Wunder zwischen Himmel und Erde gab – dann war die Mystery in diesem Augenblick eines davon.

Lilli prägte sich das Bild ein und stapfte den anderen hinterher weiter bergauf, da zerriss ein schrecklicher Schrei die Stille des Waldes. Ole, schoss es Lilli durch den Kopf. Das war Oles Stimme.

Lilli wich knorrigen Wurzeln aus und stolperte über dürre Äste. Immer weiter blieben die anderen Küken hinter ihr zurück und immer atemloser hetzte Lilli bergauf. Dorthin, wo die aufgeregte Stimme von Mitch zu hören war, der scheinbar immer panischer rief: »Ole, verdammt, Ole, sag doch was!«

Scharf stach Lilli jeder Atemzug in die Lunge. Zweige peitschten ihr ins Gesicht, ihr Fuß versank in morastigem Boden, da endlich entdeckte sie Mitch und gleich darauf Little am Waldrand. Der kauerte bleich und reglos auf der ausgebreiteten Leopardendecke, während Mitch breitbeinig neben einer mächtigen Buche stand, als warte er auf irgendetwas.

Lilli sprang über die Werkzeugkiste der Grottenolme und kickte dabei versehentlich eine Tüte um. Plastikspinnen und Riesenkakerlaken, Stinkbomben und Knallerbsen kullerten über das verblichene Leopardenmuster.

»Wo ist Ole?« Lilli erstarrte. Hinter der Buche lag er im Laub. Blutüberströmt.

»Ole«, schrie sie. »Was ist passiert?«

Mitch salutierte, als wäre er einer der Helden aus seinen Actionfilmen. »Melde gehorsamst, der Chief Commander ist gefallen!« Er wies in den Wipfel der Buche, wo mit Seilen ein Brett wie eine Sitzbank zwischen den Ästen befestigt war.

Lilli stieß Mitch beiseite und sank auf die Knie. Oles Augen waren geschlossen, über sein Gesicht zog sich ein Netz aus Blut.

»Sturz aus großer Höhe«, sagte Mitch hinter Lilli, aber Lilli nahm jetzt weder ihn wahr noch Enya, Very und Bob, die keuchend durcheinanderredeten.

Ich muss ihn retten, hämmerte es in Lillis Kopf. »Mund-zu-Mund-Beatmung?« Lillis Stimme überschlug sich fast. »Wie geht das gleich wieder?«

»Bei überstrecktem Hals die Nase des Betroffenen verschließen«, sagte Little. »Einatmen und den eigenen Mund weit aufmachen!«

Wenn Ole nicht wieder zu sich käme, würde auch Lillis Herz stehen bleiben. Bitte, bitte …, flehte ihre innere Stimme immer wieder, bitte, wach auf. Aber Ole rührte sich nicht. Die schwarzen Wimpern verschlossen seinen Blick hinter den Lidern. Lilli drückte mit der einen Hand Oles Kopf ins Laub und quetschte mit der anderen seine vom Blut glitschigen Nasenflügel zusammen. Blind und taub für alles andere um sich herum, richtete Lilli sich auf, holte tief Luft und beugte sich über sein Gesicht. Ihr Mund schwebte schon knapp über seinem, da blitzte es. Gleichzeitig riss Ole die Augen auf und lachte lauthals. Lilli fuhr zurück und starrte verwirrt in Mitchs Kamera, es blitzte erneut, und zeitgleich traf sie der Blitz der Erkenntnis.

»Hast du mich denn nicht rufen gehört?« Enya hielt bedauernd die Tüte mit der Aufschrift Scherzartikel Schrobele hoch.

Wie betäubt schüttelte Lilli den Kopf.

»Wahrscheinlich vor lauter Sorge um Ole«, murmelte Bob voller Mitgefühl.

Lilli spürte regelrecht, wie ihr die Röte in die Wangen stieg. Ole war nicht vom Baum gestürzt, er war weder bewusstlos gewesen noch in Lebensgefahr, er war lediglich ein eingefärbter Idiot. Das heißt, eigentlich war Lilli der Idiot. Schließlich war sie ihm auf den Leim gegangen.

Mitch bog sich vor Lachen, während Ole sich mit einem Taschentuch das künstliche Blut vom Gesicht wischte. »Das Zeug ist sauteuer, sieht aber wirklich echt aus, oder?« Er grinste Lilli so frech ins Gesicht, dass sie ihn, wäre hier irgendwo ein Abgrund gewesen, sofort hinuntergestoßen hätte, und zwar ohne dem Blödmann dann das Leben zu retten.

Ole spielte mit dem breiten Lederarmband, das er wie alle Grottenolme am Handgelenk trug.

»Mannomann, Boss!« Mitch klopfte Ole auf die Schulter. »Dachte schon, die Braut küsst dich gleich.«

»Pass auf, dass ich dich nicht gleich küsse!« Very streckte einen Fuß aus, als wollte sie einen ihrer Cheerleadersprünge vollführen.

»Nicht vor den anderen, Kleines!«, feixte Mitch, wich aber unwillkürlich ein paar Schritte zurück. Mitch war fast einen Kopf kleiner als sie und kannte Verys gefährliche Sprungtechnik.

»Das mit dem Beatmen war nicht geplant«, sagte Ole zu Lilli. Im lichten Schatten glänzten seine Augen noch dunkelblauer als sonst. »Konnte ja keiner wissen, dass mein hyperintelligenter Herr Zwillingsbruder gleich die Definition von Mund-zu-Mund-Beatmung vom Stapel lässt!« Ole verpasste Little einen scherzhaften Klaps auf den Hinterkopf.

»Weil Lilli mich gefragt hat«, rechtfertigte sich Little und fügte gleich noch eine andere Definition hinzu. »In peinlichen Situationen steigt der Blutdruck und die Arterien weiten sich.« Er wies auf Lillis Wangen. »Dadurch wird die Haut rot.«

»Und davon wird sie es auch!«, kreischte Lilli und knallte Little eine.

»Angriff«, schrie Mitch. »Zu den Waffen, Grottenolme. Macht die Küken nieder!«

Little hielt sich die Backe, während Ole und Mitch hinter die Buche sprangen und dort wie die Wilden im Laub wühlten.

Fluchtbereit warteten Bob, Very und Enya auf ein Kommando von Lilli.

»Rache!«, grölte Mitch. Er riss eine neongelbe Wasserpistole aus dem Laub und reckte sie kriegerisch in die Luft. »Kalaschnikow!«

»Rache!«, zischte auch Lilli und rannte los.

Enya holte sie ein. »Was hast du vor?«

»Zeit für die ABF!« Lilli steigerte ihr Tempo.

»Bandenbuch, Seite 26«, ertönte hinter ihr Bobs Stimme.

Schlug man im Bandenbuch der Wilden Küken auf Seite 26 die geheime Abkürzung ABF nach, dann konnte man dort in Bobs geschwungener Schrift vier Worte lesen: Allzeitbereitfalle, nur für Notfälle.

»Nur für Notfälle«, keuchte Very neben Lilli.

»Rache ist ein Notfall!« Lilli lief bereits Richtung Schlangenbach.

Hinter ihnen ertönte das Geschrei der Grottenolme, die ihnen mit ihren Wasserpistolen im Anschlag bereits auf den Fersen waren. Die Wilden Küken rannten den Abhang hinunter, balancierten über den Baumstamm, der wie eine Brücke über dem Schlangenbach lag, und erklommen die gegenüberliegende Böschung.

»Schneller, Olme!«, befahl Ole. »Sie wollen zur Grottenolmgrotte!«

Vor den Küken war bereits der Keltenbuckel zu erkennen, ein großer bemooster Fels, hinter dem eine Senke zum Bandenquartier der Jungs hinunterführte. Die sogenannte Grottenolmgrotte war zwar weniger eine Grotte als eine Einbuchtung in der Felswand, aber Ole, Little und Mitch hatten davor eine kleine Hütte und drum herum eine hohe Palisade errichtet.

»ABF Phase eins!« Lilli zweigte nach links ab. Keinen Steinwurf entfernt, baumelte an einer Birke Bobs löchrige Ringelsocke.

Verzweifelt suchten Lillis Augen nach der zweiten Socke. Die musste doch hier irgendwo sein. Sie entdeckte sie, unweit der Birke um den Ast einer Erle geschlungen. Alle vier Küken liefen jetzt nebeneinander und sprangen gleichzeitig über die fast unsichtbare Nylonschnur, die knapp über dem Waldboden zwischen den markierten Bäumen gespannt war.

Genau wie bei ihrem Testlauf letzte Woche hetzten sie, ohne innezuhalten, weiter den Hang hinab Richtung Schlangenbach, der hier einen weiten Bogen beschrieb.

»Iiiihh«, quietschte Very, ohne ihr Tempo zu verlangsamen. Ein Wasserstrahl hatte sie am Hinterkopf getroffen. Eine zweite Wassersalve erwischte Lilli eiskalt am Rücken.

Kurz vor dem Aufschrei der Jungs wandte Lilli den Kopf. Fast gleichzeitig stürzten die drei Olme über die Stolperleine. Mitchs Plastik-Kalaschnikow sauste durch die Luft und zerschellte an einem Baumstamm. Ole kugelte den Abhang hinunter, Little rutschte bäuchlings hinterher und verhedderte sich neben seinem Bruder im Gestrüpp.

»ABF Phase zwei«, keuchte Lilli und steuerte auf die dicke Eiche zu, deren ausladende Äste fast über den Schlangenbach reichten. Sie tastete die Rinde ab und stieß auch gleich auf Verys goldene Haarspange, die sie in einer Ritze verklemmt hatten. Lilli zog kräftig an der Spange, an die ein brauner Faden geknüpft war, und schon lösten sich oben aus dem Geäst zwei Seile. Mit einem Meter Abstand voneinander baumelten sie wie Lianen über dem Bachufer.

»Zuerst Bob!«, kommandierte Lilli und zeigte zur Sicherheit auf das linke Seil, an dessen Ende der winzige rosarote Puppenschal hing, den Enya eigens für die ABF gehäkelt hatte.

Bob nahm kurz Anlauf, packte das Seil und schwang sich über den Schlangenbach, der hier schon viel zu breit war, um ihn ohne Hilfsmittel zu überwinden. Bob landete sicher am anderen Ufer und schleuderte die Liane mit Schwung zurück. Enya fing sie und segelte als Zweite auf die andere Seite. Besorgt blickte Lilli den Abhang hinauf. Die Jungs hatten sich inzwischen aufgerappelt. Little suchte noch nach seiner Wasserpistole. Ole hatte seine einfach liegen lassen und rannte schon Richtung Bach, während Mitch noch fluchend die neonfarbenen Scherben seiner Kalaschnikow aufsammelte.

Wieder schwang das Seil zurück, Very umklammerte es und schwebte über das Wasser. Elegant, als wäre es eine ihrer Cheerleaderübungen, setzte sie zwischen Bob und Enya auf und ließ das Seil zu Lilli pendeln. »Schnell, Lilli, sie kommen!«

Lilli schlang sich das Seil ums Handgelenk und stieß sich ab.

Unter ihr zog der Bach vorbei, Lillis Magen krampfte sich zusammen, fast zu früh ließ ihr Schwung nach. Mit knapper Not erreichte sie das rettende Ufer. Aber, anders als bei der Generalprobe von Phase zwei, strauchelte sie beim Aufkommen und das Seil rutschte ihr aus den Händen. Zum Glück erwischte Enya das Seilende noch rechtzeitig und hielt es fest.

»Schnapp dir die Liane, Tarzan!« Mitch deutete auf das zweite Seil, das da noch immer unschuldig von der Eiche baumelte.

Ole stürmte auf das Ufer zu, erwischte das Seil im Sprung – und schrie auf. Wie vorgesehen, löste sich die Schlaufe des Seils vom Eichenast, und Ole plumpste in den Bach. Little schoss von weiter oben mit seiner Wasserpistole, während Mitch an ihm vorbei bis ans Bachufer schlitterte und die Scherben seiner Kalaschnikow nach den Küken warf. Geschickt wichen die Mädchen den Geschossen aus und auch Little konnte mit seiner Wasserpistole nichts ausrichten.

Prustend schlug Ole um sich. Glitzernde Tropfen sausten durch die Luft.

Lillis Wangen glühten. Und diesmal ganz sicher nicht vor Scham, sondern aus reiner Schadenfreude. »Phase drei«, rief sie triumphierend und zerrte eine kleine Pausenbrotbüchse unterm Holunderbusch hervor. Die vier Freundinnen griffen hinein und pfefferten jede eine Handvoll bunter Konfetti auf den triefend im Bach stehenden Chief Commander der Grottenolme.

Als Mitch und Little ihn aus dem Wasser fischten, hatten die Wilden Küken schon längst den gegenüberliegenden Hang erklommen und winkten spöttisch zum Abschied nach unten.

Die Mädchen schoben bereits ihre Räder aus dem Graben, da hallte das Wutgeschrei der Jungs noch immer durch den Keltenwald.

Lilli trat in die Pedale und setzte sich an die Spitze der Karawane.

»Wir müssen unbedingt wieder eine neue ABF aufbauen«, rief Enya, als Lilli sie überholte.

Hinter ihnen krachte Bobs Fahrradkette in einen anderen Gang. »Denkst du, die Jungs sind so doof und fallen darauf ein zweites Mal herein?«

»Klar doch.« Very lachte und klingelte mit ihrer Fahrradklingel.

Es ging bergab, Lillis Reifen surrten, und der Fahrtwind kühlte ihr Gesicht. Je weiter sie sich vom Schauplatz ihres Sieges entfernten, desto mehr schrumpfte das Triumphgefühl in ihr. Und als sie den Stadtbrunnen erreicht hatten, verspürte sie stattdessen Gewissensbisse, dem Falschen eine Ohrfeige gegeben zu haben, und einen kleinen Rest ihrer Angst um Ole.

Enya winkte ihren Freundinnen zum Abschied, gab Handzeichen und bog ab.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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