Die Winzerstochter vom Rhein - Martina Walter - E-Book
SONDERANGEBOT

Die Winzerstochter vom Rhein E-Book

Martina Walter

0,0
9,99 €
Niedrigster Preis in 30 Tagen: 9,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Eine Winzerstochter kämpft um das Weingut ihrer Familie - ein Roman über guten Wein und mutig erkämpfte Freiheit, über das Leben am Rhein und die Liebe


Rhöndorf, 1688: Die junge Winzerstochter Flora und ihr Vater bangen um ihre Zukunft. Der Besitzer des Zenningshofs, den sie am Fuße des Siebengebirges gepachtet haben, ist plötzlich gestorben, und sein Sohn und Erbe möchte den Hof verkaufen. Als er dort persönliche Erinnerungen an seine Kindheit findet, ändert er jedoch seine Pläne. Nicht ganz unschuldig daran mag auch seine Begegnung mit Flora sein. Doch Flora hat bereits einen Verehrer - und ganz eigene Pläne. Sie möchte Winzerin werden und den besten Wein des Rheinlandes anbauen. Als dann auch noch die Franzosen das Rheinland besetzen, muss Flora die wichtigste Entscheidung ihres Lebens treffen ...



Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 436

Veröffentlichungsjahr: 2021

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



INHALT

CoverÜber dieses BuchÜber die AutorinTitelImpressumDIE FIGUREN DER HANDLUNGPROLOG12345678910111213141516171819202122232425EPILOGNACHWORT UND DANK

ÜBER DIESES BUCH

Eine Winzerstochter kämpft um das Weingut ihrer Familie – ein Roman über guten Wein und mutig erkämpfte Freiheit, über das Leben am Rhein und die Liebe

Rhöndorf, 1688: Die junge Winzerstochter Flora und ihr Vater bangen um ihre Zukunft. Der Besitzer des Zenningshofs, den sie am Fuße des Siebengebirges gepachtet haben, ist plötzlich gestorben, und sein Sohn und Erbe möchte den Hof verkaufen. Als er dort persönliche Erinnerungen an seine Kindheit findet, ändert er jedoch seine Pläne. Nicht ganz unschuldig daran mag auch seine Begegnung mit Flora sein. Doch Flora hat bereits einen Verehrer – und ganz eigene Pläne. Sie möchte Winzerin werden und den besten Wein des Rheinlandes anbauen. Als dann auch noch die Franzosen das Rheinland besetzen, muss Flora die wichtigste Entscheidung ihres Lebens treffen …

ÜBER DIE AUTORIN

Martina Walter wuchs in Coburg auf, zog aber bereits vor vielen Jahren mit ihrem Mann und ihren beiden Kindern ins Rheinland, nach Bad Honnef. Sie war etliche Jahre an dem zur Bonner Universität gehörenden Studienhaus für Keltische Sprachen und Kulturen tätig und veröffentlichte zahlreiche Beiträge in lokalen Medien. »Die Winzerstochter vom Rhein« ist ihr Debüt als Romanautorin.

MARTINA WALTER

HISTORISCHER ROMAN

Vollständige E-Book-Ausgabe

des in der Bastei Lübbe AG erschienenen Werkes

Originalausgabe

Copyright © 2021 by Bastei Lübbe AG, Köln

Lektorat: Dr. Stefanie Heinen

Textredaktion: Dr. Ulrike Brandt-Schwarze, Bonn

Umschlaggestaltung: Johannes Wiebel | punchdesign, Münchenunter Verwendung von Illustrationen von © Richard Jenkins Photography; © shutterstock.com: NinaM | nnattalli | David M. Schrader | legon | PIXEL to the PEOPLE

eBook-Produktion: hanseatenSatz-bremen, Bremen

ISBN 978-3-7517-0369-7

luebbe.de

lesejury.de

DIE FIGUREN DER HANDLUNG

Die Kursivsetzungen verweisen auf historische Persönlichkeiten.

RHÖNDORF

Flora Mentis, Winzerstochter

Caspar Mentis, ihr Vater, Weinbauer, Pächter des Zennigshofs

Laurenz, sein Sohn

Agnes Litz, Floras Freundin

Peter Zirwes, Gehilfe und Knecht

Franz Knipp, Knecht

Mariana Josten, eine junge Frau

Gottfried Bender, Uhrmachermeister aus der Pfalz

Amelia, seine Tochter aus erster Ehe

Elisabeth, seine zweite Ehefrau

Konrad, ihr gemeinsames Kind

HONNEF

Franz Xaver Trips, kath. Pfarrer an der Kirche St. Johann Baptist

Hermine (Vorname fiktiv) Harperath, seine Haushälterin

Johann Steffens, Gerichtsschreiber

Christina, seine Frau

Saskia, seine Enkeltochter

BEUEL

Cornelius Mentis, Bruder von Caspar, Zimmermann und Tischler

Philipp Mölgen, sein Geselle

BISCHOFSHOF IN BEUEL

Severin Merzig, Stallmeister

Heinrich Esser, Winzer und Kellermeister

Valentin, Bediensteter

KURFÜRSTLICHER HOF IN BONN

Wilhelm von Fürstenberg-Heiligenberg, Bischof von Straßburg, Kardinal und kurkölnischer Premierminister

Jeremias von Strasshof, sein Schützling und Vertrauter

Emanuel Franz Egon von Fürstenberg, sein Neffe, Oberst in Diensten Kaiser Leopolds I.

Katharina Charlotte von der Marck, dessen Frau

BONN

Jakob Weinreiß, Bürgermeister

Thomas, sein Sohn aus erster Ehe

Dorothea, seine Tochter aus zweiter Ehe

Tobias, sein Sohn aus zweiter Ehe

Jean, Soldat in der Armee des französischen Königs

Anton von Wissingh, Guardian des Minoritenklosters

Bruder Jodocus, Mönch des Minoritenklosters

KÖLN

Victor Morel, Thomas Weinreiß’ Freund aus London

Ferdinand Corvinus, Verleger

Florian, sein Sohn, Tuchhändler

Muthesius, Diener in Corvinus’ Haus

Rudolf von Falkenstein, Mitglied der Gesandtschaft des Grafen von Kaunitz

Hieronymus Zilken, Weinhändler

Christian Mathiesen, Hamburger Weinhändler

PROLOG

Lechenich, 4. Juni 1688

Strahlend stand die Mittagssonne über der weiten Ebene. Das Land mit den sachte im Wind wogenden Kornfeldern war flach, so weit das Auge reichte. Nur vereinzelt wurde es von Baumreihen und Büschen durchbrochen. Eine Kutsche rollte von Westen her in gemächlichem Takt auf die Stadt zu. Niemand unter den vier Reisenden hatte das Bedürfnis, einen Blick auf die zumeist eintönige Landschaft zu werfen. Wilhelm von Fürstenberg-Heiligenberg, Bischof von Straßburg und seit zwei Jahren Kardinal, schloss die Augen, um ein wenig zu dösen. Sein Neffe Emanuel von Fürstenberg, der als Oberst in habsburgischen Diensten stand und auf Urlaub war, sprach leise mit seiner Gemahlin, der Gräfin Katharina Charlotte von der Marck, während ein junger Mann mit ebenmäßigen Gesichtszügen und schwarz glänzendem Haar gelangweilt in einem Brevier blätterte. Jeremias von Strasshof stand in keinem verwandtschaftlichen Verhältnis zum Kardinal, war aber über die Jahre zu dessen engstem Vertrauten geworden.

Erst als von außen auf einmal Stimmen laut wurden, kam Bewegung in die Reisegesellschaft. Ungeduldig schob Wilhelm von Fürstenberg den Vorhang zur Seite, um hinauszuspähen. Sie hatten offenbar bereits das Stadttor von Lechenich passiert, denn links und rechts säumten Häuser den Weg.

Plötzlich sprengte ein Reiter heran und bedeutete dem Kutscher, auf der Stelle anzuhalten. »Ich habe einen Brief für den Kardinal!«, rief er. »Mein Auftrag lautet, ihn Seiner Eminenz Wilhelm von Fürstenberg persönlich auszuhändigen.«

Laut schimpfend brachte der Kutscher den Wagen zum Stehen.

Neugierig geworden, stieß Fürstenberg die Tür auf. Er nahm das Schreiben entgegen, brach sogleich das Siegel auf und überflog den Inhalt.

»Meine Feder und Papier!«, forderte er, nahm beides von Strasshof entgegen und verfasste sogleich mit sicherer Hand eine Notiz, die er schließlich dem ungeduldig wartenden Kurier übergab. »Lasst diesen Brief umgehend an den Hof Ludwigs XIV. in Versailles expedieren!«

Mit einem heftigen Ruck zog der Kardinal den Schlag der Kutsche wieder zu, sank zurück gegen das Polster und schwieg so lange, bis sich das Gefährt wieder in Bewegung gesetzt hatte.

»Keine guten Nachrichten, Eminenz?«, erkundigte sich Strasshof.

Schwerfällig richtete sich Fürstenberg auf.

»Maximilian Heinrich ist gestern Abend in seinen Gemächern im Bonner Schloss verstorben. Dabei schien es ihm doch noch vor einigen Tagen besser zu gehen«, sagte er leise und seufzte. Er war nicht nur der Erste Minister des Kölner Kurfürsten, sondern ihm auch seit Kindertagen vertraut. »Lasst uns für ihn beten.«

Die Mitreisenden willigten, ohne zu zögern, ein. Mit einem Dominus vobiscum beendete Fürstenberg das Gebet und blickte dann mit tadelnder Strenge auf Strasshof, der ihm in betont lässiger Haltung gegenübersaß. Dieser ließ sich nicht beirren, sondern erwiderte den Blick des Kardinals mit einem hinreißenden Lächeln, das dem Ernst des Augenblicks in keiner Weise angemessen war.

Einen Seufzer unterdrückend, beschloss Fürstenberg, diesem ungebührlichen Benehmen keine weitere Beachtung zu schenken. Stattdessen sah er zu der schönen Gräfin hinüber. Sie wirkte sehr erschöpft, dunkle Schatten lagen unter ihren Augen. Das war auch nicht verwunderlich. Schließlich war die Rückkehr von Schloss Modave im Fürstbistum Lüttich, einer der Residenzen des Kardinals, hierher wahrlich kein Vergnügen gewesen. Sie waren gestern von dort aufgebrochen und hatten, abgesehen von einer kurzen Übernachtung in einer einfachen Herberge, die Kutsche nicht verlassen.

»Soll das etwa bedeuten«, seufzte die Gräfin matt, »dass ich mir am Ende dieser qualvollen Fahrt auch noch einen Toten ansehen muss?«

Fürstenberg lächelte ihr aufmunternd zu, obwohl sie die Kurzreise auf ihren Wunsch hin unternommen hatten. »Nein, meine Liebe, wir fahren erst einmal in mein Bonner Domizil. Dort könnt Ihr bleiben.«

Jeremias von Strasshof richtete sich mit katzenhafter Geschmeidigkeit auf, beugte sich zu Fürstenberg hinüber und legte seine rechte Hand auf dessen Arm. »Ich werde Euch in diesen schweren Stunden nicht alleinlassen.«

Der Kardinal nickte ihm dankbar zu. Er hatte nichts anderes erwartet. Schon im nächsten Augenblick jedoch runzelte er missbilligend die Stirn. Durch die heftige Bewegung war das Halstuch des jungen Mannes verrutscht, wodurch ein Amulett mit dem Bild eines Totenschädels zum Vorschein gekommen war.

Strasshof, der den Unwillen Fürstenbergs bemerkte, lächelte ungeniert. »Ich weiß, dass Ihr das Amulett abstoßend findet, Eminenz, aber es hat mir bislang gute Dienste geleistet und mich immer beschützt.« Rasch griff er nach dem Halsschmuck und drehte ihn um, sodass nun das dornenbekrönte Haupt Christi auf der Rückseite zu sehen war. »Das dürfte Euch besser gefallen!« Lachend ließ Strasshof sich gegen das Polster zurückfallen.

Fürstenberg musste sich wieder einmal geschlagen geben. Manchmal fragte er sich, warum Jeremias sich ihm gegenüber herausnehmen konnte, was er wollte, warum er ihm gegenüber so nachsichtig war, ihm so schnell verzieh. Zweifellos eine persönliche Schwäche.

Am späten Nachmittag erreichte die Kutsche zur Erleichterung der Reisenden endlich die kurfürstliche Residenzstadt Bonn. Zahlreiche Menschen und eine Reihe von Fuhrwerken warteten bereits vor dem Sterntor, um in die Stadt eingelassen zu werden. Nur wenige nahmen Notiz von ihrer Kutsche, auch als diese später ratternd über das Bonner Straßenpflaster rollte. Während die Gräfin und ihr Gemahl tief und fest schliefen, wandte Strasshof sich an Fürstenberg.

»Ich nehme an, Euer Brief enthält weit mehr als nur die Nachricht vom Tod des Kurfürsten?«

Der Kardinal nickte. »So ist es. Ich habe den französischen König über das Ableben des ehrwürdigen Maximilian Heinrich unterrichtet. Gleichzeitig habe ich meiner festen Überzeugung Ausdruck verliehen, dass Seine Majestät mich bei der Wahl des Nachfolgers uneingeschränkt unterstützen wird.« Ein triumphierendes Lächeln huschte über sein Gesicht. »Mein größtes Ziel ist zum Greifen nah!« Mit geübten Fingern rückte er seine Perücke zurecht und strich über das seidig schimmernde Kardinalsgewand, in dem ein massiger Körper steckte.

Strasshof sah hinaus auf die Gasse, wo ein junges Paar im sanften Licht der späten Stunde vorbeischlenderte. Dann wandte er sich wieder an Fürstenberg.

»Aber, Eminenz, Ihr habt mächtige Gegner, denen Ihr schon lange ein Dorn im Auge seid. Sie halten Euch für einen Franzosenfreund, für einen Vaterlandsverräter. Nicht nur Kaiser Leopold, sondern auch die Fürsten des Reiches. Die Bayern werden ebenfalls alles daransetzen, dass weiterhin ein Wittelsbacher das Kurfürstentum Köln regiert.«

Fürstenberg lachte leise, neigte sich zu ihm und raunte mit unüberhörbarem Spott in der Stimme: »Ihr Kandidat Prinz Joseph Clemens ist ein Jüngling von gerade einmal sechzehn Lenzen. Ein Grünschnabel! Was kann dieses unbeschriebene Blatt gegen meine politische Erfahrung, gegen meine diplomatischen Erfolge schon in die Waagschale werfen? Nichts! Die Kölner Domherren kennen mich, die meisten sind auf meiner Seite. Und die es noch nicht sind, werde ich auf meine Seite ziehen!« Er lehnte sich zurück. Seine Augen blitzten siegesgewiss.

Strasshof nickte kurz und sah dann wieder aus dem Fenster. Erst als die Kutsche in den Hof vor Fürstenbergs Wohnung einfuhr, wandte er sich noch einmal an seinen Dienstherrn.

»Seid auf der Hut, Eminenz«, sagte er leise. »Legt Euch nicht allzu offen mit den Fürsten an und gebt vor allem dem Kaiser nie wieder die Gelegenheit, über Euer Schicksal zu entscheiden.«

Fürstenberg zuckte zusammen – wie immer, wenn man ihn daran erinnerte, dass er einst fünf Jahre lang der Gefangene Kaiser Leopolds gewesen war.

»Hätte er Euch nicht entführen lassen, wären wir uns nie begegnet«, flüsterte Strasshof sanft, um den Kardinal aus seinen düsteren Gedanken zu holen. »Eure Gefangenschaft war mein Glück.«

»Unser Glück, Jeremias.« Lächelnd klopfte Fürstenberg mit seinem silbernen Gehstock dreimal an den Plafond der Kutsche, die unterdessen angehalten hatte.

Sie waren angekommen. Zeit, um auszusteigen.

1

Rhöndorf, 5. Juli 1688

Die Sonne war bereits über den Weinbergen aufgegangen, als Flora in ihrer Kammer erwachte. Sie reckte sich ausgiebig, dann stand sie auf, streifte ihr Nachthemd ab und zog sich an. Es war höchste Zeit, hinauf auf den Weinberg zu gehen. Heute mussten die Reben an den Stöcken befestigt und überschüssige Blätter und Triebe abgeschnitten werden. In der kühlen Morgenluft ging die Arbeit am besten voran. Bevor Flora das Haus verließ, nahm sie ihre Kappe vom Haken und schob ihr langes dunkles Haar darunter. Dann trat sie hinaus ins Freie. Der Hof mit der alten Linde neben dem Brunnen und das Kelterhaus lagen im Glanz des Morgenlichts. Es war die schönste Zeit des anbrechenden Tages.

»Guten Morgen, Arco!« Im Vorbeigehen strich sie dem Hund, der neben dem Brunnen döste, über das Fell und lief zum Kelterhaus hinüber. Die Tür knarrte leise, als Flora sie öffnete. Es war gerade hell genug, um zu finden, was sie mitnehmen wollte.

Rasch nahm sie den Korb mit dem Bast, griff nach der gebogenen Rebschere und schob sie in ihre Jackentasche. Sie verließ das Kelterhaus und warf einen Blick zurück zum Fenster, in dem sich ihre Gestalt spiegelte. Mit Hose, Jacke und Kappe sah sie aus wie ein junger Mann. Wohl niemand, der sie nicht kannte, würde sie mit ihrer schlanken und dennoch kräftigen Figur in diesem Aufzug für eine Frau halten. Manche Dorfbewohner schauten sie deswegen noch immer schief an, doch Flora störte sich nicht daran – in Männerkleidung ließ es sich einfach am besten arbeiten.

»Und nur darauf kommt es an, nicht wahr?«, sagte sie zu Arco, der sich ihr angeschlossen hatte und nun munter um sie herumtänzelte. »Was soll ich im Weinberg immer auf den Rocksaum achten müssen!«

Seite an Seite gingen sie hinauf bis zur Trockenmauer, wo die ersten Rebstöcke standen. Hier wollte sie mit der Arbeit beginnen. Flora stellte den Korb ab, nahm die Rebschere aus der Jacke und trat vor einen der Rebstöcke. Behutsam schnitt sie die Triebe, die keine Früchte trugen, wucherndes Blattwerk und auch das tote Holz ab.

Das zu tun war in dieser Jahreszeit wichtig, denn an die fruchttragenden Triebe musste genügend Licht und Luft gelangen, damit die Trauben bis zum Herbst gedeihen konnten. Das hatte ihr der Vater, ein erfahrener Weinbauer, von klein auf beigebracht. Und nicht nur das. Schon früh hatte er seine wissbegierige Tochter mit auf den Weinberg genommen, ihr geduldig alle Handgriffe erklärt und sie alles selbst ausprobieren lassen. Auf diese Weise hatte er ihr im Laufe der Jahre sein ganzes Wissen vermittelt. Vor allem eines hatte er ihr immer wieder klargemacht: Nur wer sorgfältig im Weinberg arbeitete, wer sich vom Wachstum bis zur Ernte ständig um Böden und Weinstöcke kümmerte, durfte, wenn das Wetter übers Jahr mitspielte, bei der Lese im Herbst auf gute Erträge hoffen. Gern verglich der Vater einen Weinstock mit einem Kind: Gute Pflege und geduldige Erziehung ließen beide wohl geraten. Und nur aus voll reifen, süßen Trauben konnte der beste Wein gekeltert werden. Wer hingegen seine Rebstöcke und das Land, auf dem sie wuchsen, vernachlässigte, durfte sich über die schlechte Frucht nicht wundern. Er bekam den sauren Wein, den er verdiente.

Dass nur Fleiß und Sorgfalt zum Erfolg führten, hatte Caspar Mentis bereits von seinem Vater gelernt und dieser wiederum von seinem Vater. Seit Generationen gehörte die Winzerfamilie Mentis zu den angesehensten Weinbauern in der Region. Darauf waren sie stolz, und das sollte auch so bleiben. Der Vater hatte Flora die Liebe zum Weinbau und zur Weinbereitung im Kelterhaus und Keller mitgegeben. Und so hatte sie schon als kleines Mädchen beschlossen, dass sie Winzerin werden wollte, und zwar die beste im Rheinland.

Während Flora ihre Gedanken schweifen ließ, war sie bereits auf halber Höhe des Weinbergs angekommen. Sie atmete tief durch und legte die Rebschere zur Seite. Diese Arbeit war für heute erst einmal getan, und sie war schneller als erwartet damit fertig geworden. So würde sie gleich damit anfangen können, durch die Reihen zu gehen und dort, wo es nötig war, die Reben mit den Bastfasern an die Holzpfähle binden.

»Aber jetzt haben wir uns erst einmal eine Pause verdient, nicht wahr, Arco?«, sagte sie und winkte den Hund zu sich, der es sich unter einem Rosenbusch, der am Rand einer Rebenreihe wuchs, bequem gemacht hatte. Schwanzwedelnd lief er auf sie zu.

Sie zog die Kappe vom Kopf, steckte sie auf einen der Pfähle zwischen Rebe und Rosenstock und schüttelte das Haar aus. Dann blickte sie ins Tal hinunter, wo sich die Honnefer Bucht in sanftem Licht zwischen Rhein und Siebengebirge erstreckte. Dort unten lag das Kirchspiel Honnef, zu dem auch Rhöndorf gehörte. Flora sah auf die Äcker und Weingärten hinab, auf die gleichmäßige Dachlandschaft der Fachwerkhäuser und Höfe, aus der einige Gebäude hervorragten: die Honnefer Pfarrkirche St. Johann Baptist, der Bischofshof in Beuel und das Haus des Richters des Amtes Löwenburg in Rhöndorf. Den Blick von hier oben ins Tal auf den mächtigen Strom, der dem Rheinland seinen Namen gab, liebte Flora von jeher. Nichts hatte sich für sie an diesem Anblick verändert, und gerade das gab ihr ein Gefühl von Sicherheit, von Geborgenheit. Rhöndorf und das Rheintal, beides war ihre Heimat. Sie war jetzt zwanzig Jahre alt. Und eines war für sie gewiss. Hier würde sie ihr Leben verbringen.

Nur mühsam riss sie sich aus ihren Gedanken. Noch war es angenehm kühl, sie sollte weitermachen, bevor die Mittagshitze einsetzte.

»Na, komm, Arco. Weiter geht’s!« Flora setzte ihre Kappe wieder auf und machte sich daran, die Reben an die Stöcke zu binden. Sie genoss die würzige Luft, den Duft des Heus, der von den Höfen der Ackerbauern herüberwehte. Vom Tal her drangen schon seit einiger Zeit Geräusche herauf, auf allen Höfen, den Äckern und in den Weinbergen wurde gearbeitet.

Ein beträchtlicher Teil der Honnefer Rebflächen war im Besitz auswärtiger Grundherren, zu denen neben den Kölner Jesuiten auch wohlhabende Kölner und Bonner Bürger zählten. Der Zennigshof mit den dazugehörigen Rebflächen, den Floras Vater gepachtet hatte, gehörte dem Bonner Bürgermeister Jakob Weinreiß. Die Mentis waren wie die meisten anderen Weinbauern Halbwinner – sie hatten die Hälfte des Ertrags an den Gutsbesitzer abzugeben, der andere Teil stand ihnen selbst zur Verfügung. Da der Bürgermeister das Leben auf dem Land liebte, kam er recht häufig auf den Hof, seit dem Tod seiner zweiten Frau noch häufiger als zuvor.

Flora sah ihn vor sich: groß, stattlich und beleibt. Es war ihm anzusehen, dass er gern üppig speiste und ebenso gern dem Rheinwein zusprach. In seiner Amtsführung zeigte er Strenge und Gerechtigkeit, gleichzeitig nahm er Anteil an den Sorgen und Nöten der Menschen. Und das tat er auch bei der Familie seines Pächters. So hatte er schon früh die außergewöhnliche Auffassungsgabe von Floras drei Jahre jüngerem Bruder erkannt. Da Laurenz sich nicht für den Beruf des Winzers eignete, ermöglichte Weinreiß dem begabten Jungen den Besuch des Bonner Jesuitengymnasiums. Als er bemerkte, dass Floras Liebe dem Weinbau gehörte, hatte er sie darin bestärkt und ermutigt, Winzerin zu werden.

Flora liebte es, die Rebstöcke zu hegen und zu pflegen, aber seit der Vater sie in die Kunst der Weinbereitung eingeweiht hatte, galt ihre Leidenschaft ebenso der Arbeit im Weinkeller. Nach der Lese wurden die Rotweintrauben vergoren und gekeltert, dann wurde der junge Wein in Eichenfässer gefüllt. Danach begann die Zeit des Ausbaus, der Veredelung des Weins im Keller. Jeder Weinbauer tüftelte und probierte so lange, bis er das beste Ergebnis erzielte. Wie er das alles machte, war sein Geheimnis. Flora und der Vater nannten es »das Kellergeheimnis«.

Floras Wein war von Jahr zu Jahr ausgewogener geworden. Er schimmerte in sanftem Rot, schmeckte fein und würzig. Der Vater hatte angeregt, die Fässer mit ihrem Wein zu markieren. Flora entschied sich für eine besondere Kennzeichnung – den Jahrgang, die Anfangsbuchstaben ihres Namens und eine Rosenblüte.

Arcos Gebell riss Flora aus ihren Gedanken. Sie richtete ihren Blick auf den Hof ihrer Familie im Tal. Ihr Vater ging gerade zum Stall und kam nach einer Weile mit einem Korb voll Pferdemist den Weinberg herauf.

Als er bei ihr angekommen war, stellte er den Korb ab. »Wenn das Wetter so bleibt, werden die Trauben herrlich reifen. Ich fange jetzt mit dem Düngen an.« Er nickte anerkennend. »Wie ich sehe, bist du schon weit gekommen.« Er wandte sich ab und ging zum äußersten Rebstock der Reihe, um mit der Arbeit zu beginnen.

Flora sah ihm nach. So war der Vater. Immer wusste er, was wichtig und was gerade zu tun war. Er ruhte in sich selbst, es gab kaum etwas, das ihn aus dem Gleichgewicht bringen konnte. Auch nach dem Tod ihrer Mutter vor zwei Jahren hatte er nach einer Zeit der Trauer weitergemacht wie zuvor. Der Rhythmus seines Lebens und seiner Arbeit blieb stets derselbe, Gottvertrauen und tiefe Frömmigkeit trugen ihn durch sein arbeitsreiches Leben. Der Vater glaubte fest daran, dass alles, was im Himmel und auf Erden geschah, in Gottes Händen lag. Seine Glaubensstärke berührte Flora zutiefst. Auch sie hatte bis zum Tod der Mutter in kindlichem Gottvertrauen gelebt. Doch wann immer sie jetzt an die Mutter dachte, an ihre Schönheit, Sanftheit und ihre Ernsthaftigkeit in allen Dingen, fragte sie sich, warum Gott zugelassen hatte, dass sie so früh hatte von ihnen gehen müssen.

Ihre Gedanken kehrten zum Wein zurück. Seit vielen Jahren kam der Kölner Weinhändler Hieronymus Zilken zweimal im Jahr auf den Zennigshof. Im Sommer prüfte er die Trinkreife und die Qualität des Weins. Dann wurde vereinbart, wann die von ihm ausgewählten Fässer abgeholt werden konnten. Nach der Weinlese im Herbst kam er, um festzustellen, wie viele Fässer im Keller lagen und mit welchen Liefermengen er im Jahr darauf rechnen konnte. Floras Fortschritte bei der Weinbereitung verfolgte er bei seinen Besuchen mit ganz besonderer Aufmerksamkeit.

Als die Glocken von St. Johann Baptist die Mittagsstunde schlugen, sah Flora auf. Wie schnell die Zeit verging, wenn man im Weinberg war! Höchste Zeit, um für ein kleines Mahl auf den Hof zurückzukehren.

Ihr Vater war bereits im Aufbruch. »Ich geh schon hinunter, komm du bald nach!«, rief er.

Flora nickte. »Ich binde nur noch schnell die letzten Reben in dieser Reihe fest.«

Eine halbe Stunde später war die Arbeit getan. Flora steckte die Rebschere ein und machte sich gemeinsam mit Arco auf den Weg hinunter zum Hof. Von unterwegs sah sie von der Höhe des Weinbergs aus einen Mann durch das Tor in den Hof gehen. Flora erkannte Hieronymus Zilken an seiner Statur, seiner Kleidung und an seinen energischen Schritten. Sie runzelte die Stirn. Für die Probe des Weins war es eigentlich noch etwas zu früh, er musste also auf der Durchreise sein. Flora freute sich, ihn zu sehen, und beschleunigte ihre Schritte. Sie war gespannt auf die Neuigkeiten, die er aus der Stadt mitbrachte!

Ihr Vater hatte den Besuch ebenfalls entdeckt und ging auf ihn zu, um ihn zu begrüßen. Die Männer waren so sehr ins Gespräch vertieft, dass sie gar nicht bemerkten, dass Flora sich ihnen näherte. Sie sprachen leise, ihre Mienen waren ernst.

Flora spürte, dass etwas Unangenehmes vorgefallen sein musste. Dennoch begrüßte sie den Weinhändler mit einem strahlenden Lächeln.

»Guten Tag, Herr Zilken. Wie schön, Sie hier auf dem Hof zu sehen. Was führt Sie zu uns?«

Anders als sonst erwiderte Hieronymus Zilken das Lächeln nicht. Stattdessen überreichte er ihr mit einem kurzen Kopfnicken ein Schreiben.

Flora öffnete es und blickte auf die zarte, schön geschwungene Handschrift. Es waren nur wenige Zeilen, doch diese enthielten entsetzliche Nachrichten.

2

Honnef, 8. Juli 1688

»Und am Tag des Weltenendes wird Jesus Christus erscheinen, um die Gerechten von den Ungerechten zu scheiden. Er möge auch der Seele von Jakob Weinreiß gnädig sein.«

Die Stimme des Pfarrers, der die Totenmesse in St. Johann Baptist zelebrierte, war bis in den letzten Winkel des Gotteshauses zu hören. Die prophetischen Worte vom Tag des Jüngsten Gerichts flößten der Gemeinde Furcht ein und verfehlten ihre Wirkung nicht. Schließlich sollten sie die Menschen zur Umkehr bewegen. Denn so stand es geschrieben: Für die Gerechten würde sich der Himmel auftun, für die Ungerechten der Schlund der Hölle öffnen. Ewige Verdammnis war die Strafe für ein gottloses und sündiges Leben.

Die Kirche war an diesem Tag bis auf den letzten Platz gefüllt. Das Begräbnis einer so hoch gestellten Persönlichkeit wie dem Bonner Bürgermeister wollte sich niemand entgehen lassen. Da auch Gäste von außerhalb erwartet wurden, sahen viele Honnefer die Totenmesse als Gelegenheit an, einer feierlichen Zeremonie beizuwohnen und so, wenn auch nur für eine kurze Zeit, die Mühsal des Alltags zu vergessen. Nach der Messe bot sich die Gelegenheit, Verwandte und Bekannte zu treffen und mit ihnen allerlei Neuigkeiten auszutauschen.

Flora und ihr Vater waren von Rhöndorf aus zu Fuß zur Kirche gekommen. Die Nachricht vom Tode des Jakob Weinreiß hatte sie hart getroffen. Sie würden nicht nur den großzügigen Menschen sehr vermissen. Auch die Zukunft des Hofes war nun auf einmal ungewiss. Würden Weinreiß’ Erben den Hof mit Caspar Mentis als Pächter fortführen? Oder hatten sie andere Pläne? Vor dem Hauptportal der Kirche hatten Flora und ihr Vater noch einige Worte mit Weinhändler Zilken gewechselt, aber es drängten so viele Menschen ins Innere der Kirche, dass Flora die beiden Männer bald aus den Augen verloren hatte. Sie stand immer noch in der Nähe des Eingangs, lauschte gebannt den Worten des Predigers und versuchte zugleich, im Menschengewühl den Vater zu entdecken.

Die Stimme des Pfarrers nahm nun, während er um den ewigen Frieden aller menschlichen Seelen im Jenseits bat, einen sanfteren Tonfall an. Flora hoffte, dass auch Jakob Weinreiß’ Seele an diesem Ort der ewigen Freuden ihren Platz finden würde. Und doch konnte und wollte sie noch immer nicht begreifen, nicht wahrhaben, was sie aus dem Munde des Weinhändlers erfahren hatte.

Vor einigen Tagen, früh am Morgen, hatte man den Bonner Bürgermeister leblos in seinem Bett gefunden. Nichts hatte zuvor auf sein baldiges Ableben hingedeutet. Er hatte, anders als der jüngst verstorbene Kurfürst, nie gekränkelt und sich noch am Abend zuvor voller Tatkraft gezeigt, üppig gespeist und getrunken wie immer. Daher konnte dieses schnelle und lautlose Ende nur Gottes unergründlicher Wille gewesen sein.

Flora seufzte. Gott hatte den Lebenden erneut ein Zeichen gegeben: Der Tod war unvorhersehbar, konnte jede und jeden zu jeder Stunde ereilen. Memento mori – bedenke, Mensch, dass du sterben musst.

Zur Überraschung vieler hatte Jakob Weinreiß in seinem Testament verfügt, dass er nach seinem Tod in der Honnefer Kirche aufgebahrt und anschließend auf dem Friedhof neben seiner ersten Frau zur Ruhe gebettet werden wollte. Ausdrücklich wünschte er keine großen Trauerfeierlichkeiten, aber es sollten alle Mitglieder der Familie zu seinem Begräbnis kommen. So waren seine sterblichen Überreste hierhergebracht worden, wo Pfarrer Franz Xaver Trips, der erst vor einigen Tagen wieder nach Honnef zurückgekehrt war, das Requiem für ihn zelebrierte.

Flora hielt es nicht länger auf ihrem Platz. Von allen Seiten fühlte sie sich bedrängt, zudem wollte sie den Pfarrer nicht nur hören, sondern auch sehen. Sie bahnte sich einen Weg durch die Menschen, bis sie beinahe den Altarraum erreichte. Dort entdeckte sie den Vater neben dem vordersten Pfeiler des Mittelschiffs. Erleichtert trat sie auf ihn zu, fasste seine Hand und fragte: »Ist Laurenz noch zur rechten Zeit gekommen?«

Der Vater nickte und zeigte zum dreiflügeligen Hauptaltar unter dem hohen, weiten Gewölbe. Flora lächelte. Ja, dort stand der Bruder ganz in der Nähe des Pfarrers, dessen Stimmgewalt sie so beeindruckt hatte. Zu ihrem Erstaunen war der Mann, der diese mächtig tönende Stimme besaß, von kleiner und gedrungener Statur. In diesem Augenblick wandte er sich um. Dabei streifte ein Lichtstrahl sein rundliches Gesicht und beleuchtete das überreich mit Goldfäden bestickte Gewand, das er trug. Mit gehobenen Brauen und scharfem Blick sah er auf die Gemeinde herab. Seine Ehrfurcht gebietende Erscheinung strahlte die Würde seines geistlichen Amtes aus.

Floras Augen wanderten zurück zu ihrem Bruder. Es erfüllte sie mit Stolz, ihn als Chorsänger neben dem Pfarrer stehen zu sehen. Laurenz war ganz anders als sie: groß, schmal und immer nachdenklich. Im nächsten Jahr würde er die Schule abschließen. Dann wollte er studieren und Arzt werden. Der Vater seines Bonner Schulfreundes war Dr. Paul Fabry. Dieser hatte Laurenz auf seinen Berufswunsch gebracht und den Jungen schon zu manchem Kranken mitgenommen.

Nach dem Requiem kamen Pfarrer Trips, die Geistlichen und die Chorsänger aus dem Altarraum und verließen die Kirche durch das Mittelschiff. Nun traten die Mitglieder der Familie des Verstorbenen aus den Bänken. Zuerst Dorothea Weinreiß. Sie war die einzige Tochter des Bürgermeisters, entstammte seiner zweiten Ehe. Die jahrelange Pflege ihrer schwer kranken Mutter hatte sie kaum gezeichnet, sie hatte nichts von ihrer Schönheit eingebüßt. Sie sah nur kurz auf den Toten und bekreuzigte sich. Ihr folgte ihr Bruder Tobias, der schweigend einen letzten Blick auf den Vater warf. Dann trat ein stattlicher, auffallend gut gekleideter Mann aus der Bank: Ferdinand Corvinus, der Schwager des Verstorbenen, zudem ein bedeutender Verleger und Buchdrucker in Köln, wie eine Frau neben Flora ihrer Freundin zutuschelte. Ihm folgten in kurzen Abständen seine Gemahlin und seine beiden Söhne. Erst dann erhielten alle anderen, die zur Totenmesse gekommen waren, die Gelegenheit, Jakob Weinreiß die letzte Ehre zu erweisen.

»Lass uns gehen«, flüsterte der Vater.

Flora schüttelte den Kopf. »Geh du vor. Ich komme gleich.«

Sie blickte ihm nach, als er sich in den Zug der Menschen einreihte. Erst als alle anderen die Kirche verlassen hatten, trat Flora selbst vor den Toten. Sofort wich sie entsetzt zurück. Sie hatte zwar mit einer Veränderung gerechnet, doch diese war stärker, als sie erwartet hatte. Das fleischige Gesicht mit den klugen Augen und dem immer zum Lachen bereiten Mund war eingefallen und zu einer wächsernen Maske erstarrt. Schon mehrmals in ihrem Leben hatte sie Tote gesehen. Vor zwei Jahren war es ihre Mutter gewesen, und nun war auch Weinreiß den Weg alles Irdischen gegangen. In diesem Moment verstand sie, warum es immer hieß, im Tod seien alle Menschen gleich. Sie sah ein letztes Mal auf den Verstorbenen, dann schlug sie die Hände vor das Gesicht.

»Was soll nun aus uns werden?«, schluchzte sie so verzweifelt, als könnte der Verstorbene ihr eine Antwort darauf geben.

* * *

Eine Stunde später trat Trips aus der Sakristei der Kirche. Er war erschöpft und dennoch mit sich und der Welt zufrieden, denn sie hatten eine überaus würdige Totenmesse zelebriert. Nun ruhte Jakob Weinreiß im Frieden Gottes auf dem Honnefer Kirchhof, wie er es sich gewünscht hatte. Und noch etwas erfüllte Trips mit Genugtuung: Während der Messe und auch beim anschließenden Gang zum Grab hatte es keine unliebsamen Zwischenfälle gegeben. Mit seinem gebieterischen Auftreten hatte er sich zu jeder Zeit Respekt verschafft.

So auch, als er vor achtzehn Jahren zum ersten Mal als Pfarrer nach Honnef gekommen war, bis der Kölner Kurfürst ihn als Kaplan und Bibliothekar nach Bonn berufen hatte. Mit dem Tod Maximilian Heinrichs war sein Dienst bei Hofe nun erloschen, und so hatte er auf die Honnefer Pfarrstelle zurückkehren müssen, die ihm freigehalten worden war. Wer auch immer der neue Kurfürst sein würde, er würde einen eigenen Kaplan und Bibliothekar mitbringen.

Er stand im Mittelschiff von St. Johann Baptist und wartete auf den jüngsten der Chorknaben, den er beauftragt hatte nachzusehen, ob sich wirklich niemand mehr in der Kirche aufhielt. Er wollte sicher sein, dass sich kein Gesindel an diesem heiligen Ort herumtrieb.

Als der Junge von seinem Rundgang zurückkehrte, versicherte er mit wichtiger Miene, dass er jeden Winkel der Kirche abgesucht habe. Trips sah ihn mit gerunzelter Stirn an. Mit seiner viel zu großen Hose aus grobem Stoff sah der Knabe zum Erbarmen aus. Widerstrebend steckte Trips ihm eine Münze in die schmutzige kleine Hand. Der Junge sah mit großen Augen zu ihm auf und strahlte über das ganze Gesicht. »Habt Dank, Herr Pfarrer!«

Trips blickte ihn mit strenger Miene an. »So, jetzt lauf schnell nach Hause und gib das Geld deiner Mutter. Dein Vater wird es doch nur ins Wirtshaus tragen und versaufen.«

Der Junge nickte und rannte davon.

Für Trips war es nun an der Zeit, sich ins Haus des Gerichtsschreibers Johann Steffens zu begeben, in dem der Leichenschmaus stattfinden sollte. Das repräsentative Gebäude aus Stein mit dem Giebel aus Fachwerk trug den Beinamen »Im steinernen Strunk«. Einer von Steffens Vorgängern im Amt hatte es erbauen lassen, als er sich in Honnef niederließ. Nur wohlhabende Bürger bewohnten Gebäude aus Stein; die Häuser der Weinbauern und Ackerbauern waren Fachwerkhäuser aus Holz, Stroh und Lehm. Das Gerichtsschreiberhaus befand sich in der Kirchstraße, in unmittelbarer Nachbarschaft des Pfarrhauses.

Trips schätzte Johann Steffens seit seinem ersten Amtsantritt in Honnef. Nach seiner Meinung war der Gerichtsschreiber der einzige gebildete Mensch im Ort, ein Menschenfreund und großzügig obendrein. Zudem war Steffens ein hervorragender Rechtsgelehrter. Trips und der Gerichtsschreiber hatten sich früher, so oft es möglich war, getroffen, um ihre Ansichten über Gott und die Welt auszutauschen. Auch wenn sie dabei nicht immer einer Meinung waren, die Abende mit Steffens waren für Trips immer anregend und fruchtbar gewesen. Trips hatte sie in den letzten Jahren vermisst. Er freute sich, ihn jetzt wieder öfter zu sehen. Mit den anderen Menschen hier wollte er so wenig wie möglich zu tun haben.

Bevor sich Trips auf den Weg zum Gerichtsschreiberhaus machte, sah er sich noch einmal in der Kirche um. Er blickte in den lichten gotischen Hallenraum, dann zu den Malereien des Gewölbes. In fein abgestufter Farbigkeit war dort eine Vielzahl von Tieren und Pflanzen zu sehen, die dem Betrachter eine Ahnung von der Schönheit und vom Glanz des Paradieses gaben. Dann fiel sein Blick in den Chorraum. Durch die hohen Fenster fiel mildes Licht herein. Ein Strahlenbündel streifte eine der Säulen.

Trips lächelte. Eines Tages würde er hier das Standbild des Täufers, des Kirchenpatrons, aufstellen und es mit der Inschrift Stimme eines Rufenden versehen lassen. Denn genau das war der Täufer damals gewesen: der Rufer in der Wüste. Er hatte nicht nachgelassen, die Menschen zur Umkehr aufzurufen, und genau das sollte auch der Prediger auf der Kanzel tun. Er selbst hatte sich den Täufer zum Vorbild genommen, hatte sich bei der Ausübung seines Amtes schon immer wie ein Rufer in der Wüste gefühlt.

Er blickte ein letztes Mal in den Chorraum, dann schritt er langsam durch das Mittelschiff zum Ausgang der Kirche. Am Hauptportal drückte er mit aller Kraft die Tür auf und trat ins Freie. Die Mittagssonne tauchte den Marktplatz mit den ihn umgebenden Häusern in ein klares Licht. Auf der rechten Seite lag das Wirtshaus. Im Vorbeigehen warf Trips einen Blick durch das Fenster. In der Gaststube hockten die Männer und Frauen, die eben noch seinen Worten gelauscht hatten, nun eng beieinander auf den Bänken. Zu eng, befand Trips.

Angewidert wollte er sich abwenden, als er vor der Tür des Wirtshauses einen hochgewachsenen Mann bemerkte, der trotz der Hitze einen dunklen Mantel trug. Es war offensichtlich ein Reisender, denn er hielt ein Gepäckstück in der Hand. Er wechselte einige Worte mit dem Wirt, der ihm, wie es Trips schien, einen Platz zur Übernachtung anbot. Der Fremde trat über die Schwelle und verschwand im Inneren des Hauses.

Von dieser Szene auf unerklärliche Weise gefesselt, beschloss Trips, nicht den kürzesten Weg zum Gerichtsschreiberhaus einzuschlagen, sondern den etwas längeren Weg, der am Rand des Marktplatzes entlangführte. So ging er langsam an den eng aneinander stehenden Häusern vorbei, die in sehr gutem Zustand waren. Auf der festgestampften Erde war keinerlei Unrat zu sehen. Gerade näherte sich vom unteren Ende des Marktes her ein Messerschleifer. Schon bald würde er von Kunden umringt sein, die seine Dienste in Anspruch nahmen. Honnef, das musste Trips zugeben, war ein schöner Ort inmitten einer paradiesischen Landschaft, ein Ort, an dem es sich gut leben ließe, wenn nur die Menschen nicht so schwer zu ertragen wären. Er hatte sie wahrlich nicht vermisst in all den Jahren am kurfürstlichen Hof.

Kurze Zeit später erreichte Trips das untere Ende der Kirchstraße. Schon von Weitem sah er das repräsentative Haus des Gerichtsschreibers mit dem steil aufragenden Giebel und den hohen Fenstern im ersten Stock, die auch an trüben Tagen den dahinterliegenden Raum ausreichend erhellten. Vor der Eingangstür klopfte er sich den Staub aus dem Gewand und zupfte es ein wenig zurecht. Erst dann zog er die Klingel.

Bald darauf hörte er, wie jemand die Treppe herunterkam. Ein Hausdiener öffnete ihm die Tür.

»Ihr werdet schon sehnlichst erwartet, Herr Pfarrer«, sagte der junge Mann und führte Trips über die Wendeltreppe hinauf in den ersten Stock.

Dort befand sich der mit allem Komfort ausgestattete große Raum, in dem die Familie Feste feierte, aber auch mit Gästen zu speisen pflegte. Als Trips über die Schwelle trat, sah er einmal mehr bewundernd zu der mit Pflanzen und Rankenwerk verzierten Kassettendecke aus dunklem Holz hinauf, die das Meisterstück des Honnefer Zimmermanns Cornelius Mentis war.

Als Johann Steffens Trips sah, stand er auf und kam auf ihn zu. »Da seid Ihr ja endlich, mein lieber Trips«, sagte er lächelnd und geleitete ihn zum einzig noch frei gebliebenen Platz an der langen Tafel, auf der Weingläser, silberne Platten mit Rheinfischen und Schüsseln mit Gemüse und Brot standen. Alles schien noch unberührt zu sein.

Trips lächelte zufrieden. Man hatte auf ihn gewartet.

Während auf ein Zeichen des Hausherrn der Diener und ein Hausmädchen Wein in die Gläser füllten, ließ Trips seinen Blick über die Tischgesellschaft schweifen.

Anwesend waren außer dem Gastgeber, dessen Frau Christina und der hübschen, siebzehnjährigen Enkeltochter Saskia auch Jakob Weinreiß’ Kinder Dorothea und Tobias sowie einige Freunde und ein paar Honnefer Honoratioren.

Nun erhob der Gerichtsschreiber das Glas auf den Verstorbenen. »Lasst uns auf meinen lieben Freund Jakob Weinreiß trinken, der ein großherziger und gerechter Mann war. Er war in allem, was er tat, ein Vorbild für uns als Mensch und als Christ.«

Die Gäste kamen der Aufforderung gern nach und hoben ebenfalls das Glas, nur Dorothea Weinreiß rührte ihres nicht an, sondern starrte düster vor sich hin. Als Trips, der ihr gegenübersaß, verstohlen zu ihr hinübersah, bemerkte er erfreut, dass sie eine auffallend schöne Frau war. Üppiges rotes Haar umrahmte das schmale Gesicht mit den vollen Lippen. Schnell schob Trips die sündigen Gedanken beiseite. Er war froh, als sich sein Tischnachbar, Ferdinand Corvinus, an ihn wandte.

»Wir leben in bewegten Zeiten, mein lieber Trips«, sagte der Kölner Verleger, der, wie Trips wusste, seinem Schwager eng verbunden gewesen war. »Es heißt, dass Wilhelm von Fürstenberg unserem verstorbenen Kurfürsten im Amt nachfolgen will. Ihr habt die letzten Jahre am Bonner Hof verbracht. So sagt mir frei heraus: Was denkt Ihr über ihn?«

Trips, der insgeheim gehofft hatte, dass dieses unerfreuliche Thema nicht so schnell zur Sprache kommen würde, stellte sein Glas auf den Tisch. »Was soll ich über ihn sagen, da ich ihn bei Hofe kaum gesehen habe?«

Alle Welt wusste, dass Kardinal Fürstenberg ständig auf Reisen gewesen war, am liebsten hielt er sich in Frankreich in den Schlössern des Sonnenkönigs auf, wo er in vollen Zügen den Glanz und die Pracht genoss, die Ludwig XIV. umgab. Dort gab es alles, was ihm der bescheidene Bonner Hof nicht bieten konnte. Gleichzeitig bestimmte er die Politik im Kurfürstentum, der schwache Max Heinrich hatte ihm kaum etwas entgegenzusetzen gehabt. Fürstenberg besaß überragende Fähigkeiten auf dem Feld der Diplomatie. Aber statt diese für Kaiser und Reich einzusetzen, hatte er sich in den Dienst Ludwigs XIV. gestellt, der durch ihn Einfluss auf die Politik im Reich nehmen wollte.

»Glaubt Ihr, er hat eine Chance, Kurfürst zu werden?«, fragte Corvinus.

»Der französische König wird es sich sehr viel kosten lassen, seinem Günstling bei der anstehenden Wahl zur Kurwürde zu verhelfen«, entgegnete Trips. »Seine Bemühungen werden von Erfolg gekrönt sein, da bin ich sicher – Geld regiert die Welt!«

Der Verleger sah Trips überrascht an. »Ihr seid sicher, dass Fürstenberg die Wahl am 19. Juli gewinnen wird?«

Trips nickte düster.

Corvinus war offensichtlich anderer Meinung. »Nun, es gibt doch einen aussichtsreichen Gegenkandidaten«, wandte er ein. »Joseph Clemens von Bayern wird vom Kaiser und von einigen Kurfürsten präferiert. Und wie es heißt, soll auch der Papst ihn favorisieren.«

Trips ließ sich Wein nachschenken, nahm einen kräftigen Schluck, dann faltete er die Hände vor seinem Bauch. »Vielleicht habt Ihr recht. Warten wir es ab. Es bleibt zu hoffen, dass die Wahlmänner, die frei nach Wissen und Gewissen entscheiden sollten, für den richtigen Kandidaten votieren.«

Seine Augen wanderten zum anderen Ende der Tafel. Er hatte endgültig genug von diesem leidigen Thema. Er runzelte die Stirn und fragte den Verleger, wer denn der elegante junge Mann sei, der in vertrautem Gespräch neben Saskia Steffens, der Enkeltochter des Hauses, saß.

»Das ist mein Sohn Florian«, sagte Ferdinand Corvinus. Sein Stolz war ihm anzusehen, denn er lächelte breit. »Ein überaus erfolgreicher Geschäftsmann. Er handelt mit Stoffen und kommt dabei recht weit in der Welt herum.«

Trips’ Augen richteten sich auf das Paar, das die Köpfe eng zusammengesteckt hatte. »Die beiden scheinen sich gut zu verstehen«, bemerkte er trocken und mit Seitenblick auf den Gerichtsschreiber. »Vielleicht gibt es ja bald eine Hochzeit im Hause Corvinus. Das wäre doch höchst erfreulich und sicher auch im Sinne der Familie Steffens.«

Johann Steffens, dem Trips’ Bemerkung nicht entgangen war, schüttelte den Kopf. »Die beiden kennen sich erst seit einer Stunde, und da sprecht Ihr schon von Heirat. Man sollte abwarten, wie sich die Dinge entwickeln, und dann die Kinder selbst entscheiden lassen.«

Trips sah ihn höchst erstaunt an und knurrte: »Abwarten? Selbst entscheiden lassen? Da bin ich anderer Meinung. Die Eltern sollten, wie es seit alters üblich ist, die Ehen ihrer Kinder stiften, nur dann kann man sicher sein, dass es eine gute Ehe wird. Außerdem führt zu viel Freiheit ins Verderben, und Frauen sollten ohnehin nichts allein entscheiden, wo kämen wir da hin?«

Steffens sah zu seiner Enkeltochter hinüber. Sie und Florian Corvinus waren einander sichtlich nähergekommen. Saskias Augen funkelten, und Florian Corvinus schien von ihrem Wesen und ihrer Ausstrahlung fasziniert zu sein.

»Ich gehe davon aus«, sagte der Gerichtsschreiber augenzwinkernd, »dass der zukünftige Ehemann meiner lieben Enkelin – wer auch immer es sein wird – sich darauf einstellen muss, dass sie vieles allein entscheidet, sie ist eine starke junge Frau.«

Trips schwieg, überzeugt davon, dass seine Meinung über die Rolle von Männern und Frauen in dieser Welt für alle Zeiten die Richtige war.

3

Honnef, 8. Juli 1688

Als die Teilnehmer des Leichenschmauses im Haus des Gerichtsschreibers nach und nach aufbrachen, sprach Johann Steffens Trips an. »Ich hoffe, Ihr bleibt noch ein Weilchen?«

Trips nickte. Die Einladung nahm er gern an. Sie war ihm nur allzu willkommen.

»Das freut mich.« Steffens wandte sich ab, um seine anderen Gäste gebührend zu verabschieden. Als er wenig später in den Raum zurückkehrte, setzte er sich Trips gegenüber. Sie waren allein. Saskia und ihre Großmutter hatten sich zurückgezogen. Trips dankte ihm für seine Gastfreundschaft und erklärte, er freue sich nun auf eine ruhige Stunde des Gesprächs, des gegenseitigen Gedankenaustauschs. Steffens’ Miene verdüsterte sich.

»Es brennt mir etwas auf der Seele«, platzte er heraus, »und ich möchte gern Eure Meinung dazu hören. Denkt Ihr, mein Freund Jakob ist wirklich eines natürlichen Todes gestorben?«

Trips sah ihn überrascht an. »Nun, die Politik mag zwar ein Haifischbecken sein«, erwiderte er, »aber das heißt noch lange nicht, dass jeder darin umkommt. Jakob Weinreiß war sehr beliebt bei den Bonner Bürgern, er war angesehen bei Hofe, und er konnte sogar mit Fürstenberg umgehen, was man wahrlich nicht von jedem behaupten kann.« Er lächelte kurz und fuhr dann fort: »Zugleich hat er immer viel gegessen und getrunken, und es war wohl dieser Hang zur Völlerei, der seine Gesundheit angegriffen hat. Aber Feinde? Nein, Feinde hatte er nicht, soweit man hört.«

Johann Steffens war über diese Einschätzung sichtlich erleichtert. Er wechselte das Thema. »Nun, ich denke, ihm hätte die Totenmesse gefallen. Sie hätte würdevoller und feierlicher kaum sein können. Die Familie des Verstorbenen hat das gewiss ebenso empfunden.«

Trips sah den Gerichtsschreiber mit tiefer Zuneigung an. Er wusste, warum er diesen sanftmütigen und liebenswürdigen Menschen so sehr schätzte, doch musste er ihm in einem Punkt widersprechen. Er senkte die Stimme. »Wir wissen beide sehr gut, dass nicht alle Mitglieder der Familie anwesend waren.«

Der Gerichtsschreiber seufzte. »Ihr spielt auf den Sohn aus Weinreiß’ erster Ehe an?«

Trips nickte.

»Ja«, sagte der Gerichtsschreiber, »das ist eine traurige Geschichte. Niemand weiß, wo Thomas Weinreiß ist und ob er überhaupt noch lebt.«

Die beiden Männer schwiegen. Trips sah zum Fenster hinaus. Schwarze Krähen saßen in einer langen Reihe auf dem Dachfirst des gegenüberliegenden Hauses. Es war ein unheimlicher, fast bedrohlicher Anblick.

Gerade als sich ein weiterer Vogel auf dem First niederließ, nahm der Gerichtsschreiber den Gesprächsfaden wieder auf. »Ich frage mich, wer den Zennigshof übernehmen wird. Jakob Weinreiß hat ihn schon vor vielen Jahren gekauft und in Caspar Mentis einen hervorragenden Pächter gefunden. Es wäre schade, wenn dieser die Pacht nun verlieren würde.«

Trips lachte hart und sah wieder auf den Dachfirst. »Ein solcher Pächter ist hier eine Seltenheit. Die meisten betrügen ihre Herren, wie oft habe ich Klagen von Weinlandbesitzern darüber gehört!«

Der Gerichtsschreiber seufzte. »Nun, mein lieber Trips, Ihr seid zurück in Honnef, aber scheinbar nicht gewillt, Eure schlechte Meinung über die Leute hier zu ändern.« Er sah ihn eindringlich an. »Ich bitte Euch inständig: Geht auf die Menschen zu, und ich versichere Euch, dass mindestens einer darunter sein wird, von dem Ihr eine gute Meinung haben werdet.«

Trips wandte seinen Blick von den Krähen ab. »Gut. Ich will es Euch zuliebe versuchen, aber ich habe wenig Hoffnung«, sagte er mit bitterer Stimme. »Meine Erfahrung hat mich zu meiner schlechten Meinung geführt. Als ich vor Jahren hierherkam, habe ich mich mit Strenge bemüht, die Menschen auf den Pfad des rechten Glaubens zurückzuführen, sie von dem Irrweg abzubringen, auf den sie durch Luther und Calvin geraten waren. Es war eine Herkulesaufgabe, die evangelische Ketzerei zu besiegen. Siebenundzwanzig Familien mussten sich entscheiden. Die Einsichtigen sind in den Schoß der Kirche zurückgekehrt, die Hartnäckigen mussten das Land verlassen. Ihr mögt Euch erinnern: Einer meiner Vorgänger hat sich ganz besonders schamlos verhalten. Er nahm sich eine Geliebte, zeugte Kinder, jeder wusste es, doch keiner schien etwas dabei zu finden. Auch die öffentliche Zurschaustellung der Mätresse eines Kaplans am Honnefer Pranger, bei der sie sogar ausgepeitscht wurde, schien niemanden hier abzuschrecken. Was waren das nur für Zustände, alles ging drunter und drüber! Und die Bauern hier sind, so fürchte ich, unbelehrbar geblieben. Sie sind immer noch stur wie Maulesel. So stur, dass nicht einmal Johannes der Täufer oder Jesus von Nazareth selbst bei ihnen etwas ausrichten könnten.«

Der Gerichtsschreiber lachte laut auf. »Aber vielleicht kann ein Franz Xaver Trips etwas ausrichten!« Er schmunzelte. »Ihr nehmt Eure Aufgabe allzu ernst – Ihr sollt nicht wie der Heilige Franz Xaver in Asien missionieren, sondern nur Pfarrer in Honnef sein.«

Trips stöhnte leise. »Nun, manchmal weiß ich wirklich nicht, was schwerer ist!«

Immer noch lachend, stand der Gerichtsschreiber auf und ging zu einem schmalen Schränkchen, das sich links neben der Tür befand. Er öffnete es und nahm eine Flasche heraus. Als er wieder zum Tisch zurückkehrte, hob er den Zeigefinger und sagte mit feierlichem Ernst: »Das hier ist der beste Wein in Honnef, und der ist nur für uns beide.«

Er füllte die Gläser bis zum Rand, eines davon reichte er Trips. Diesem stieg der leichte und dennoch würzige Duft sofort in die Nase. Der Wein war von zartem Rot und schimmerte wie feinster Samt.

Der Gerichtsschreiber trank Trips zu, dieser nahm einen kräftigen Schluck, dann schloss er die Augen. Selten in seinem Leben hatte er einen solch köstlichen Wein getrunken. »Vorzüglich!«, sagte er anerkennend und sah zu Steffens hinüber.

Dieser lächelte verschmitzt. »Nun muss ich Euch leider sagen, mein lieber Trips, dass dieser Wein von einer Frau gekeltert wurde, einer Meisterin ihres Fachs, das müsst selbst Ihr zugeben.«

»Tatsächlich?«

Trips konnte es nicht glauben. Er sah auf sein Glas, dann auf den Gerichtsschreiber, der ihm mit sichtlichem Vergnügen erklärte: »Ja, mein Lieber, das ist der Wein von Flora Mentis. Sie ist die Tochter des Pächters vom Zennigshof in Rhöndorf.«

Trips knurrte kurz, dann ließ er sich sogleich nachschenken. »Warum zum Teufel bereitet den Wein dort eine Frau?«

Steffens seufzte. »Mein lieber Trips, was habt Ihr nur gegen Frauen, die selbstständig im Leben stehen und arbeiten?«

»Nichts«, knurrte Trips, »aber Frauen sollen Männer nicht übertreffen, sie sollen ihnen dienen – das ist ihre Rolle in dieser Welt, und das hat sich bisher bestens bewährt.«

* * *

Flora und ihr Bruder Laurenz verließen die Werkstatt ihres Onkels, des Zimmermanns und Möbeltischlers Cornelius Mentis, und gingen hinüber zu ihrem Fuhrwerk, das sie in der Nähe des Bischofshofs abgestellt hatten. Flora warf im Vorübergehen einen flüchtigen Blick auf den Hof des großen Weinguts. Sie wusste von ihrem Onkel, dass der Bischofshof samt den zahlreichen umliegenden Weingärten bereits seit Jahrhunderten im Besitz der Erzbischöfe von Köln war. Die hohen Mauern, die die Gebäude umgaben, verliehen dem Anwesen das Aussehen einer festen Burg. Ein hoher Turm, in dem sich die Wohnung des Verwalters befand, ragte aus der Anlage hervor. In den Hof hinein gelangte man durch einen weiten Torbogen, über dem das erzbischöfliche Wappen angebracht war.

Mit schnellen Schritten lief Laurenz auf das Fuhrwerk zu. Flora hatte alle Mühe, ihrem Bruder zu folgen. Er war noch immer wütend auf den Bruder seines Vaters, und Flora konnte ihn gut verstehen. Vor einigen Tagen hatte sich der Onkel beim Zuschneiden eines Holzbalkens so schwer verletzt, dass sein Geselle Philipp seither alle anfallenden Arbeiten allein erledigen musste. Die Wunde sah besorgniserregend aus, doch das wollte der eigensinnige Mensch nicht wahrhaben. Er hatte seiner Frau verboten, einen Arzt zu holen, weil er Ärzte für Scharlatane hielt, ja, ihr sogar befohlen, niemandem von seiner Verletzung zu erzählen. Ihre Tante Martha hatte sich jedoch über seinen Willen hinweggesetzt und Laurenz nach der Totenmesse von dem Unfall berichtet. Und obwohl dieser die ablehnende Haltung seines Onkels kannte, war er bereit gewesen zu kommen, um zu sehen, was er tun könne. Mit Verletzungen aller Art kannte er sich mittlerweile gut aus. Wie erwartet, hatte der Onkel ihm die Wunde nur widerwillig gezeigt und ihm nicht einmal gedankt, nachdem er diese sorgfältig gereinigt und verbunden hatte. Das fand Laurenz so empörend, dass er schnell und grußlos das Haus verlassen hatte.

Während der Fahrt zurück zum Zennigshof schwieg er beharrlich. Die innere Anspannung war ihm anzumerken. Flora blickte zum Himmel hinauf, wo die Wolkendecke zusehends dichter wurde. Schon fielen erste Regentropfen. Sie sah zu ihrem Bruder hinüber. »Was, glaubst du, wird geschehen?«

Laurenz wandte sich ihr zu. »Die Wunde wird erst nach einiger Zeit verheilt sein«, entgegnete er ernst. »Er wird nicht so bald wieder arbeiten können.«

Flora schüttelte den Kopf. »Das meine ich nicht«, sagte sie zaghaft. »Ich meine … Was wird nun aus uns werden? Jakob Weinreiß ist tot, seine Kinder Dorothea und Tobias haben sicher kein Interesse an dem Weingut. Sie werden es wohl so schnell wie möglich verkaufen.«

Laurenz lächelte besänftigend, während er die Zügel des Pferdes mit ruhiger Hand führte. Seine Unruhe schien auf einmal verflogen zu sein. »Nun, das werden wir wohl bald erfahren«, sagte er. »Er hat alles in seinem Testament festgelegt. Es hat also überhaupt keinen Sinn, sich den Kopf darüber zu zerbrechen. Wenn es so weit ist, wird man es uns sagen, und erst dann müssen wir den Tatsachen ins Auge sehen.«

Flora schwieg. Sie hatte gehofft, dass der Bruder ihr die Angst nehmen würde. Doch das konnte er nicht. Er war so gelassen und vernünftig wie immer. Sie wünschte, sie könnte es auch sein.

Als sie wenig später den Honnefer Marktplatz erreichten, fielen nur noch wenige Regentropfen. Laurenz lenkte den Wagen zum oberen Ende des Platzes auf die Kirche St. Johann Baptist zu. Der mächtige Kirchenbau mit seinem massiven Turm überragte nicht nur die Häuser am Markt, streng und mahnend schien er auch auf sie herabzublicken. Plötzlich waren aus dem Wirtshaus lautes Gelächter und heftiges Gejohle zu hören. Die Tür wurde aufgestoßen, einige Männer kamen heraus, schleppten einen Betrunkenen wie einen nassen Sack hinter sich her und setzten ihn neben dem Gefängnis ab, das auf der anderen Seite des Platzes lag. Der junge Mann sank augenblicklich zu Boden.

Bestürzt erkannte Flora, dass es Philipp war, der Geselle ihres Onkels. Traurig sah sie zu ihm hinüber und überlegte kurz anzuhalten, um ihm zu helfen. Aber bevor sie ihren Bruder bitten konnte, den Wagen zum Stehen zu bringen, rollte ein Fuhrwerk heran, lud den Betrunkenen auf und bog kurze Zeit später in die Rommersdorfer Straße ein. Zornig sah Flora dem Gefährt nach. Das sind Philipps Freunde, dachte sie. Die meisten sind falsche Freunde. Sie verführen ihn zum Trinken und zum Würfelspiel, und er begreift nicht, dass er sein Talent mit diesem Verhalten verschleudert. In nüchternem Zustand war Philipp Mölgen ein begabter Handwerker, besonders seine Möbelstücke waren kleine Meisterwerke, die seine Kunstfertigkeit unter Beweis stellten. Flora wusste, dass er ein Auge auf sie geworfen hatte. Sie mutmaßte allerdings, dass es ihm weniger um sie ging als um die Werkstatt des Onkels. Cornelius Mentis und seine Frau hatten keine Kinder, und damit keinen Sohn, der die Tischlerei übernehmen konnte. Daher sollte er nach seiner Meisterprüfung die Werkstatt bekommen. Und wenn er Flora heiratete, bliebe das Gewerk in der Familie. Das war es auch, was der Onkel sich wünschte.

Zudem hatte Philipp ihr auf dem Weinlesefest im vorigen Jahr vor aller Augen den Hof gemacht. Ein wenig beschwipst und fröhlich hatte sie sich mit ihm auf dem Tanzboden gedreht und sie hatte sich sogar von ihm küssen lassen. Aber sie hatte diesen ersten Kuss nicht genossen – anders, als es ihr ihre Freundin Agnes kichernd versprochen hatte. Philipps Kuss schmeckte bitter und nicht süß. Er schmeckte nach billigem Wein. Erschrocken und ein wenig angewidert hatte sich Flora losgemacht und war davongelaufen. Doch seither betrachtete Philipp sie als seine rechtmäßige Braut.