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Drei Frauen, eine Urne und der Beginn einer wunderbaren Freundschaft: ein humorvoller Roman über das Alter und die seltsamen Volten der Liebe Es ist eine durchaus denkwürdige Zusammenkunft auf dem Friedhof in Gießen, als die Urne des betagten Mathematik-Professors Georg von Bergh beigesetzt werden soll: das allererste Treffen seiner treu sorgenden Ehefrau Almut, Ende 70, mit Georgs Doktorandin und Tochter im Herzen Anne, Mitte 40 – und seiner langjährige Geliebten Christine, Anfang 60. Während die drei Frauen zunächst noch eifersüchtig darauf beharren, in Georgs Leben die Hauptrolle gespielt zu haben, entdecken sie nach und nach, dass der Herr Professor sie alle auf die ein oder andere Weise betrogen hat. Das muss gerächt werden! In einer Nacht-und-Nebel-Aktion wird Georgs Urne vom Friedhof entführt, um seine Asche dort zu verstreuen, wo er nie wieder hin wollte: auf Amrum! So nimmt ein ebenso vergnüglicher wie befreiender Roadtrip seinen Lauf, der Almut, Anne und Christine nicht nur einander näher bringt, sondern am Ende auch Georg. Liebevoll, heiter und scharfzüngig zugleich schreibt Corinna Vossius über das Alter und die Liebe, die nicht immer geradlinig verläuft, und über die Kraft der Freundschaft. Entdecken Sie auch die anderen humorvollen Romane der Autorin: • »Sehʼ ich aus, als hättʼ ich sonst nichts zu tun?« • »Man hat ja seinen Stolz« • »Immer nach vorne schauen«
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Seitenzahl: 325
Veröffentlichungsjahr: 2020
Corinna Vossius
Roman
Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG.
Auf der Beerdigung des Mathematikprofessors Georg von Bergh begegnen sie sich zum allerersten Mal: Georgs Witwe Almut, seine Doktorandin Anne und Christine, Georgs langjährige Geliebte. Während die Damen sich zunächst noch eifersüchtig beäugen, entdecken sie nach und nach, dass der Herr Professor sie alle drei auf die ein oder andere Weise betrogen hat. Das muss gerächt werden! Kurzerhand stehlen die drei Frauen Georgs Urne vom Friedhof, um seine Asche dort zu verstreuen, wo er nie wieder hin wollte: auf Amrum. Ein ebenso vergnüglicher wie befreiender Roadtrip nimmt seinen Lauf.
Prolog
1. Kapitel
2. Kapitel
3. Kapitel
4. Kapitel
5. Kapitel
6. Kapitel
7. Kapitel
8. Kapitel
9. Kapitel
10. Kapitel
11. Kapitel
12. Kapitel
13. Kapitel
14. Kapitel
15. Kapitel
16. Kapitel
17. Kapitel
18. Kapitel
19. Kapitel
20. Kapitel
21. Kapitel
22. Kapitel
23. Kapitel
24. Kapitel
25. Kapitel
26. Kapitel
27. Kapitel
28. Kapitel
29. Kapitel
Epilog
Eine Amsel saß in dem Kirschbaum vor dem Schlafzimmerfenster und schmetterte ihr Morgenlied. Daran konnte sich Almut hinterher genau erinnern, und dass sie beim Zähneputzen noch dachte: Wie ist das schön.
Was dann geschah, waberte in ihrer Erinnerung verschwommen und unklar – bildete sie es sich ein, oder hatte sie es tatsächlich so erlebt? Tatsache war, dass sie eine Stunde später auf der Bettkante saß, neben ihr lag ihr Mann Georg, noch immer im Schlafanzug, am Fuß eine einzelne Socke. Und neben Georg auf dem Nachttisch war ein Totenschein mit dem heutigen Datum. Fünfter Mai. Dass das nicht Almuts Schein war, das war klar.
Lange Zeit saß Almut da und hoffte, dass Georg vielleicht nur schliefe. Hatte sie wirklich ihren Mann aufseufzen hören und beim Blick um die Ecke gerade noch gesehen, wie er nach hinten sank, in der Hand den zweiten Strumpf? Hatte sie den Notarzt gerufen? Hatte sie den Männern die Tür aufgerissen, zugesehen, wie sie ins Schlafzimmer stürmten, ihren Mann aus dem Bett zerrten, um ihn auf dem Boden wiederzubeleben, bis sie schließlich aufgaben, ihre Ausrüstung zusammenpackten und die Leiche zurück ins Bett verfrachteten? In Almuts Mundwinkel klebte getrocknete Zahnpasta.
Auf dem Nachttisch lag noch immer der Totenschein. So irgendwie musste es gewesen sein.
Wenn Georg wirklich nicht mehr aufwachte – was immer noch passieren konnte, er lag schließlich ganz normal in seinem Bett –, wenn Georg wirklich nicht mehr aufwachte, dann war sie jetzt Witwe. Du meine Güte.
In Almuts Bekanntenkreis waren die meisten Frauen inzwischen Witwe, die einen mit mehr und die anderen mit weniger Geschick. Irgendwie haftete dem Witwendasein ja doch ein Makel an. Ein Ehepaar lud man ein, um den gesellschaftlichen Kontakt zu pflegen, eine Witwe hingegen nahm man aus Barmherzigkeit unter seine Fittiche. »Du kannst gerne mitkommen«, sagte man großzügig, doch was man eigentlich meinte, war: Du bist zwar das fünfte Rad am Wagen, aber gut, wenn es denn sein muss. Manche steckten das besser weg als andere. Niemandem gelang es wirklich gut.
Almut fielen die Kinder ein, ihre drei Mädchen. Musste sie denen nicht Bescheid sagen? Vielleicht wartete sie lieber ein bisschen, falls Georg doch noch mal zu sich kam. Auf dem Totenschein stand Herzinfarkt, das konnte man heutzutage gut behandeln, oder nicht? Aber den zweiten Socken zog sie ihrem Mann endlich an, der bekam ja sonst kalte Füße. Und während sie sich abmühte, die Socke über den Fuß zu streifen, der tatsächlich schon ganz kalt war und auch steif – leblos war das Wort, das Almut in den Sinn kam –, in diesem Augenblick wurde Almut klar, dass ihr Mann wirklich und wahrhaftig tot war und dass ihr Leben von nun an niemals mehr so sein würde wie bisher. Nach fast achtundfünfzig Jahren Ehe war ihr Mann heute Morgen gestorben. Einfach so. Mühelos. Wie leicht das Sterben war. Und wie gerne wäre Almut an seiner Stelle gewesen, anstatt hier alleine zurückzubleiben. Aber so war es ja schon immer gewesen – das Aufräumen überließ Georg von Bergh seiner Frau.
Almut griff nach dem Telefon, um endlich ihre Töchter zu benachrichtigen, zuerst natürlich Beate. Ihre Älteste würde vielleicht auch wissen, wie man ein gutes Beerdigungsinstitut fand.
»Beate?«, fragte sie in den Hörer. Und dann begann sie zu weinen.
Anfang Juni war das Wetter fast hochsommerlich warm und so wie das gesamte bisherige Frühjahr zu sonnig und zu trocken. Die Erdbeeren waren bereits durch, und die Johannisbeeren hingen rot und glänzend am Strauch, drei Wochen zu früh; sie mussten dringend geerntet werden. Almut ließ sie hängen.
Seit einem Monat und zwei Tagen war Georg tot.
Und obwohl es ihr jede ihrer Bekannten, deren Männer bereits länger verstorben waren, in drastischen Farben geschildert hatte – Almut hatte sich diese Mischung aus herzverzehrendem Kummer und aufwendiger Bürokratie nie vorstellen können. In den ersten Wochen war sie jeden Morgen weinend aufgewacht. Inzwischen hatte sie damit zwar aufgehört, doch innerlich fühlte sie sich richtiggehend hohl, so als hätte ihr endloser Tränenstrom alles mitgenommen, was je in ihr gewesen war. Müde war sie. Bis auf die Knochen erschöpft. Ausgewrungen von Sehnsucht und dem endlosen Papierkrieg. Alles war auf Georgs Namen gelaufen, von den Bankkonten über die Versicherungen bis zur Tageszeitung. Alles musste umgemeldet werden. Immer wieder aufs Neue musste Almut erklären: Mein Mann ist tot, und ich bin die Hinterbliebene. Ich bin die Witwe.
Nun war es ja nicht so, dass Georg sich zu seinen Lebzeiten um irgendetwas gekümmert hätte, das war immer Almuts Aufgabe gewesen. Aber seine Unterschrift auf den Formularen, die Almut ihm zum Unterzeichnen vorlegte (mit einem Kreuzchen darauf, um die richtige Zeile zu markieren), hatte wie ein Zauberstab ihr tägliches Leben in seiner geordneten Umlaufbahn gehalten. Leider hatte Georg nie eingewilligt, diese Macht mit Almut zu teilen. Es war sein Name, der überall stehen musste: G.v. Bergh, schwungvoll und mit Füllfederhalter geschrieben. Lieber hatte er Almut das Chaos und den zähen Kleinkrieg mit den Behörden überlassen, während er sich gemütlich in seinen Sarg kuschelte, echte Eiche und innen ausgeschlagen mit himmelblauem Damast.
Immerhin, die Trauerfeier war schön gewesen. Gelungen war wohl eher das Wort, das man für diese Anlässe gebrauchte. Die Kapelle auf dem Bergfriedhof war voll, es drängelten sich sogar noch Trauergäste vor dem Eingang. Der Dekan der Universität Heidelberg sprach ein paar Worte – Ein-großer-Verlust-für-die-Wissenschaft-bla-bla –, und der Kirchenchor, den Almut dafür natürlich extra bezahlte, sang Wir sind nur Gast auf Erden und dann noch O dass doch bald dein Feuer brennte, passend zu Georgs Feuerbestattung.
An den Rest erinnerte sich Almut nicht so recht, nur, dass ihr jüngster Enkelsohn Simon völlig unheilig Kaugummi kaute und mit den Füßen schaukelte und dass auf dem Kuchenbüfett beim Leichenschmaus hinterher der Erdbeerkuchen fehlte, aber auf der Rechnung tauchte er natürlich trotzdem auf.
Und sie erinnerte sich an die plötzliche Stille, nachdem die Trauergesellschaft gegangen war. Nicht nur die Nachbarn und ehemaligen Kollegen und entfernteren Bekannten, sondern später, als auch ihre Töchter mitsamt Ehemännern und Enkelkindern fuhren. »Tschüs, Oma, ich habe dich lieb!« und »Wir telefonieren nächste Woche« und »Du meldest dich, wenn etwas ist, versprochen?«. Almut hatte auf dem Sofa gesessen, der Stille gelauscht und auf Georgs Schritte gewartet, wenn er im Bademantel noch einmal die Treppe herunterkam, um ihr Gute Nacht zu wünschen. Sie hätten die Ereignisse des Tages besprechen können – wer sich auf der Trauerfeier danebenbenommen hatte und das unmögliche Kleid der Frau des Dekans –, ehe er die Treppe wieder hinaufstieg und im Schlafzimmer verschwand. Georg ging immer schon sehr früh schlafen, während sie noch ein bisschen las oder fernsah. Almut brauchte nicht viel Schlaf. Aber sie arbeitete natürlich auch nicht geistig.
Almut würde in diesem Herbst siebenundsiebzig werden, doch bislang hatte sie an sich selbst noch nie als alt gedacht. Vielleicht, weil Georg zwölf Jahre älter war als sie. Wenn einer alt war, dann war das immer Georg gewesen, nicht Almut. Georg war derjenige, der unter Herzbeschwerden, Rückenschmerzen, Arthrose oder schwindender Sehkraft litt, während Almut im Zweifelsfall zum Optiker ging und sich eine Brille besorgte.
Vielleicht war es auch nur einer von Almuts Spleens, dass die Zeit in ihrem Kopf nicht weiterging. Denn auch wenn sie an ihre Töchter dachte, sah sie noch immer drei kleine Mädchen vor sich, Beate und Monika, die gerade ein knappes Jahr auseinander waren, und Sybille, die ein paar Jahre später geboren wurde, als Georg eigentlich schon gar keine Lust mehr auf weitere Kinder gehabt hatte. Diese letzte Schwangerschaft war so schwierig gewesen, dass Almut danach keine weitere mehr wagte. Die Vorstellung einer Frühgeburt und dann das Kind vielleicht zu verlieren war zu schrecklich gewesen. Als Mutter dreier gesunder Kinder hatte man das Schicksal genügend herausgefordert, fand Almut damals, selbst wenn sie bei der letzten Geburt erst vierundzwanzig gewesen war und noch viele Jahre später insgeheim darauf hoffte, dass die Verhütung versagen könnte und sie sozusagen gegen den eigenen Willen doch noch einmal schwanger würde.
Aber es war bei den dreien geblieben, die inzwischen – Moment, da musste sie rechnen –, die inzwischen tatsächlich siebenundfünfzig, sechsundfünfzig und dreiundfünfzig Jahre alt waren. Kaum zu glauben, dass ihre süßen, kleinen Mädchen schon gestandene Frauen jenseits der Wechseljahre waren. Almut hatte noch nie eine Falte in ihren Gesichtern bemerkt, kein einziges graues Haar. Theoretisch wusste sie natürlich, dass ihre drei Töchter die fünfzig überschritten hatten, aber gefühlt spürte sie noch immer die kleinen Hände, die sich in ihre schoben: »Ach, Mama, ich ziehe bestimmt nie aus. Ich bleibe immer bei dir wohnen.«
Und jetzt hatten sie alle ihren eigenen Hausstand, eigene Männer, eigene Kinder. Monika war sogar schon selbst Großmutter. (Eine Katastrophe damals, als ihre älteste Tochter kurz vor dem Abitur schwanger wurde, aber wenn so ein Kind erst mal da war, freute man sich doch.) Die Kinder von Bekannten waren teilweise nach Neuseeland ausgewandert oder nach Japan und kamen alle Jubeljahre einmal nach Hause. Beate, Monika und Sybille lebten nur in Stuttgart, im Breisgau und in der Nähe von Koblenz, aber trotzdem war es weit weg, fand Almut. Wenn man einander sah, war es immer ein richtiger Besuch mit Kuchenbacken und allem Drum und Dran. Nie steckte eine einfach die Nase zur Tür herein und sagte: »Hallo, ich wollte nur mal sehen, wie es dir geht«, so wie sie das früher bei ihrem Vater getan hatte, als die Mutter schon tot war. Allerdings, das musste Almut zugeben, war es dem Vater lieber gewesen, wenn sie sich vorher ankündigte, und Almut selbst mochte solche Überfälle, die den ganzen Tag durcheinanderbrachten, ebenfalls nicht. Aber in den letzten Wochen war die Sehnsucht nach den Kindern besonders groß gewesen, auch wenn Almut es die Mädchen nicht merken lassen wollte. Die hatten mit ihrem eigenen Kummer sicher genug zu tun.
»Mir geht es gut«, sagte sie am Telefon regelmäßig. »Ich komme zurecht.«
Doch als Beate anrief, um ihrer Mutter mitzuteilen, dass sie nicht zu Georgs Urnenbeisetzung kommen könne, musste Almut schon schlucken.
»Gießen, Mama? Extra nach Gießen fahren, nur weil Papa unbedingt in dem hässlichen Familiengrab liegen möchte? Wir hatten doch schon eine Beerdigung. Okay – Trauerfeier. Aber das ist eigentlich das Gleiche. Und jetzt noch einmal, und wieder unter der Woche? Tut mir leid, Mama, so viele Urlaubstage habe ich nicht. Es ist gerade alles ein bisschen viel. Das verstehst du doch, oder?«
Ja, ja, Almut verstand. Genau wie sie auch Monika verstand, die derzeit nach so einer dummen Sache mit einer Geschwindigkeitsüberschreitung nicht einmal einen Führerschein hatte, den hatte sie für zwei Monate abgeben müssen. Erst als schließlich auch noch Sybille absagte, wurde sie böse.
»Es ist schließlich euer Vater! Er verdient euren Respekt«, rief sie. »Soll ich denn ganz alleine fahren?«
»Ich wüsste nicht, was eine Urnenbeisetzung mit meinem Respekt für Papa zu tun haben sollte«, antwortete Sybille spitz. »Und ich kann ganz bestimmt nichts dafür, dass meine beiden Schwestern keine Lust haben, nach Gießen zu fahren. Monika könnte problemlos den Zug nehmen. Ohne Führerschein zu sein ist ja nun keine körperliche Behinderung. Ich wäre gerne gekommen, Mama, wirklich. Nur kann ich an dem Tag leider nicht, denn da bin ich in Würzburg, um dort einen Vortrag zu halten. Das will ich so kurzfristig nicht absagen.« Sybille hatte Jura studiert. Mit ihr zu diskutieren war sinnlos. »Hättest du den Termin nicht mit uns absprechen können?«, fügte sie hinzu. »Einen Tag finden, der besser passt? Am Wochenende oder so? Und was ist denn mit Tante Heidrun? Kann die nicht mitkommen?«
»Tante Heidrun hatte letzte Woche ihre Knieoperation, das habe ich dir doch erzählt.«
»Und Onkel Jürgen und Tante Lieschen? Papa hatte schließlich eigene Geschwister.«
An Jürgen und Elisabeth hatte Almut selbstverständlich gedacht. Aber Jürgen wollte sie nicht fragen, wegen … ach, das waren alte Geschichten. Es war schon viel, dass er zur Trauerfeier seines Bruders erschienen war. Und Elisabeth mit ihrer Art war unerträglich, das hieß, vor allem ihr Mann, Günther Siebert von Siebert Strumpfwaren. So ein eingebildeter Schnösel! Dann schon lieber alleine fahren und sich hinterher die Vorwürfe anhören, dass man wegen der Beisetzung nicht Bescheid gesagt hatte.
Am Ende fuhr Almut also ohne Begleitung und mit dem Zug. Autofahren über längere Strecken traute sie sich noch nicht zu. Sie war derzeit so unkonzentriert und wurde schnell müde. Nun ja, ganz alleine war vermutlich sogar besser als mit nur einer Tochter, die sich die ganze Zeit darüber ärgerte, dass die anderen beiden zu faul für die Reise gewesen waren. Eifersucht unter Geschwistern verschwand nie, hatte Almut bemerkt, da konnten die Kinder noch so erwachsen werden.
Im Übrigen musste Almut Beate ja recht geben: Das Grab in Gießen war wirklich gruselig. Angeblich befand es sich im Besitz der von Berghs, seit der Friedhof im siebzehnten Jahrhundert gegründet worden war, und die gesamte Familie war stolz darauf, eine so ehrenvolle und historische Ruhestätte zu besitzen. Wobei aus Platzgründen immer nur der älteste Sohn und Stammhalter dort begraben wurde, plus Ehefrau, die wie eine Grabbeigabe neben ihn gelegt wurde. Der aktuelle Grabstein stammte aus dem neunzehnten Jahrhundert und war schon fast vollgeschrieben. Lediglich für Georg und Almut war noch Platz darauf, aber Almuts Name müsste sich, wenn die Zeit kam, hinter ihren Mann quetschen.
… mit Ehefrau Almut, geb. Keller.
Was danach mit dem Grab geschehen sollte, wussten sowieso die Götter, da es im Hauptzweig der Familie von Bergh ja keinen männlichen Nachkommen gab. Ging der Besitz des Grabes auf eine männliche Seitenlinie über, wie ehemals Königstitel? Oder übersprang man eine Generation und wartete stattdessen geduldig auf Beates Sohn Frieder? Vielleicht würde auch Sybille dort liegen dürfen, die zwar einen Stephan Schreiner geheiratet, aber als Einzige ihren Namen behalten hatte, weil sich von Bergh auf dem Schild einer Anwaltskanzlei nun einmal besser machte als Schreiner.
Vor dem Zugfenster zog die blühende Sommerlandschaft vorüber. Heckenrosen, Klatschmohn, Glockenblumen, sogar schon die ersten Malven.
»Schau nur, wie zeitig dieses Jahr alles dran ist«, sagte Almut zum Fenster.
Seit Georg tot war, sprach sie ständig mit ihm, mehr als zu Lebzeiten. Meistens zwar nur in Gedanken, doch immer öfter ertappte sie sich dabei, dass sie laut redete. So wie jetzt. Verstohlen sah Almut sich im Abteil um, aber niemand achtete auf eine alte Frau in Trauerkleidung, die vor sich hin brabbelte. »Früher haben wir das Schönwetterperiode genannt«, wisperte sie der Fensterscheibe zu. »Jetzt heißt es Klimawandel, und bald wird hier nur noch Wüste sein. Du hast es gut, dass du es hinterdir hast. Ich hoffe nur, ich komme bald nach. Was sollen die Blumen, wenn du sie nicht mit mir zusammen anschaust?« Almut wischte sich die Tränen aus den Augen und schüttelte ärgerlich den Kopf. In der Öffentlichkeit konnte sie sich doch nicht so gehen lassen. »Ich muss gleich aussteigen.Hier sind schon die ersten Häuser von Gießen«, erklärte sie. »Wir sehen uns gleich auf dem Friedhof, mein Liebster.Nur du und ich heute.Die Mädchen meinen es nicht böse, sie sind nur einfach so beschäftigt. Gedankenlos sind sie, das muss ich allerdings zugeben. Und Heidrun ist noch in der Reha. Vielleicht ist das ja ganzgut so. Da habe ich dich für mich alleine und kann in Ruhe weinen. Auf einem Friedhof darf man weinen, gell, da denkt sich niemand etwas dabei.«
Am Bahnhof nahm sie sich ein Taxi zum Alten Friedhof, denn die Tasche mit dem Blumentopf – rote Nelken, die hatte Georg immer so gerne gemocht – wollte sie so weit nicht tragen. Almuts Erfahrung nach zogen sich Wege von und zu Bahnhöfen leicht in die Länge. Man latschte, wie der Vater es genannt hätte. Zwar war sie so viel zu früh dran, doch bei dem schönen Wetter konnte man gut unter den Bäumen sitzen und den Spaziergängern zuschauen, bis es Zeit wurde, zur Friedhofskapelle zu schlendern und die restlichen zwanzig Minuten dort zu warten. Eine Trauergemeinde verließ gerade die Kapelle, und Almut trat zur Seite, um nicht im Weg zu stehen. Dann, als der letzte Trauernde herausgetröpfelt war, ein junger Mann mit Handy am Ohr, ging sie hinein und setzte sich, nicht zu weit vorne, nicht zu weit hinten, auf einen der Stühle am Mittelgang. Drinnen war es kühl und still, und Almut bildete sich ein, dass es nach alten Tränen und Kummer roch, so wie Turnsäle in Schulen nach altem Schweiß. Hier wäre sie gerne geblieben. Ein Ort, an dem sie nicht auffiel. Doch schon nach ein paar Minuten hörte sie Bewegung hinter sich, es raschelte. Dann kam der Friedhofsaufseher.
»Frau von Bergh?«
»Ja, das bin ich.«
»Würden Sie bitte mal schauen – sind das die Daten von Ihrem Mann?«
Er zeigte auf den Deckel eines Gefäßes, in den Georgs Name mit Geburts- und Sterbedatum eingraviert war, und als Almut nickte, verstaute er das Gefäß in der Urne, die Almut zusammen mit den Kindern beim Bestatter in Heidelberg ausgewählt hatte. (Kupferurne »Schlicht«, die im Gegensatz zur Kupferurne, schlicht dann wieder gar nicht so schlicht war, weil … Ach, an den genauen Unterschied konnte Almut sich nicht erinnern, aber die Preisdifferenz hatte bei hundertzwanzig Euro gelegen, und man wollte ja nicht das Billigste nehmen.)
»Möchten Sie noch einen Augenblick gedenken?«
Almut starrte auf die Urne, aber es fiel ihr nichts ein, und nach ein paar Sekunden nickte sie dem Friedhofsaufseher erneut zu, der das Gefäß daraufhin von dem Tischchen nahm und langsam schreitend vor sich her zum Ausgang und über den Friedhof trug, während Almut hinter ihm herzockelte. Vielleicht hätten sie tauschen können? Almut hätte die Urne gerne selbst getragen, da war ja ihr Mann drin, aber dann hätte der Friedhofsmensch die Tasche mit den Nelken nehmen müssen. Na ja, lieber nicht.
In diesem Augenblick fiel ihr auf, dass sie gar nicht alleine waren. Hinter ihnen gingen noch zwei Frauen. Die waren offenbar nicht zufällig da, denn sie folgten Almut auf dem Fuße und mit dem gleichen gemessenen, heiligen Schritt wie der Friedhofsaufseher. Sie bogen auch mit Almut zusammen ab und blieben schließlich beim Grab der von Berghs stehen.
Der Friedhofsaufseher senkte die Urne in das vorbereitete Loch, zog das Halteband heraus, verneigte sich noch einmal feierlich und verschwand. Die beiden Damen auf der anderen Seite des Grabes hingegen blieben stehen und musterten Almut mit einer Mischung aus Neugier und Verlegenheit. Almut starrte zurück. Das hier waren ihr Grab und ihre Urne. Ihr letzter Moment mit Georg. Sie hatte ihm noch ein paar zärtliche Worte sagen wollen. Aber nicht, wenn diese beiden Weibsen dabei zusahen, wie sie mit der Kupferurne »Schlicht« flüsterte.
»Mein herzliches Beileid, Frau von Bergh.«
Die Jüngere der beiden hielt ihr die Hand hin, und jetzt erkannte Almut sie auch. Das war Frau Wurz. Nein, nicht Wurz. Seit der Scheidung hieß sie ja schon lange wieder Schaubhardt. Die hatte vor Jahren einmal eine Diplomarbeit bei Georg geschrieben, und dann war sie aus irgendeinem Grund nie mehr aus seinem Leben verschwunden. Eine verkrachte Existenz, der er immer wieder versucht hatte, auf die Füße zu helfen. Nur kann man Menschen eben nicht vor sich selber retten. Was machte die denn hier auf dem Friedhof?
»Herzliches Beileid auch von meiner Seite«, sagte die Ältere. Und als Almut ihr unsicher die Hand reichte, fügte sie erklärend hinzu: »Ich bin Christine Weniger.«
Almut kramte in ihren Erinnerungen. Seit Georgs Tod fiel ihr das Denken so schwer. Als würde sie durch Wasser waten, fühlte es sich mitunter an. Weniger? Weniger? Wer war das bloß? Kannte sie die Frau? Sollte sie sie kennen? Vielleicht jemand Wichtiges von der Universität?
»Ich war viele Jahre lang die Sekretärin Ihres Mannes«, sagte Frau Weniger.
Oh. Die.
Sekretärin und noch viel mehr.
Na, die hatte Nerven, hier aufzutauchen.
Almut nickte den beiden Damen kurz zu. Wie unhöflich, sich so aufzudrängen, doch jetzt war schließlich alles gesagt. Geschäftig begann sie, in ihrer Tasche zu wühlen. Hoffentlich würden die zwei gehen, wenn sie sie nicht mehr beachtete. Deutlich genug war es ja wohl. Vorsichtig hob Almut den Topf mit den Nelken heraus und stellte ihn auf die rechte Seite des Urnenlochs, denn links war der Haufen mit Erde, der vom Friedhofspersonal noch zurückgeschaufelt werden musste. Oder war hinter der Urne besser? So direkt vor dem Stein? Nein, rechts war am schönsten. Die Bodendecker beiseiteschieben und den Topf ein bisschen in die Erde drücken, damit er beim nächsten Windstoß nicht gleich umkippte. Gießen sollte sie auch noch, so bald regnen würde es wohl nicht.
Doch als Almut sich aufrichtete, um sich nach einer Friedhofsgießkanne umzusehen, standen die beiden Frauen, Frau Wurz – nein, Schaubhardt – und Frau Weniger immer noch da, und Frau Schaubhardt hielt bereits eine Gießkanne in der Hand.
Christine beäugte die Frau auf der anderen Seite des Grabes. Das also war Almut von Bergh. Früher war sie bestimmt einmal schlank gewesen, doch jetzt im Alter war sie nur noch mager. Wie eingetrocknet. Schwarz stand ihr nicht, es betonte ihre Magerkeit, obwohl das Kleid elegant war und die Perlenkette dazu sehr klassisch. Georg hatte einmal gesagt, dass Almut wirklich wisse, wie man etwas aus sich machte. Er erwähnte seine Frau sonst nie, aber das war an jenem Tag gewesen, als er Christine die Kette mit dem Achatanhänger schenkte. Die sie ihm umgehend zurückgab. Wie, bitte schön, sollte Christine denn Schmuck mit nach Hause bringen, ohne dass Wolfgang Verdacht schöpfte? Sollte sie behaupten, sie hätte sich die Kette selbst gekauft? Christine, die als einzigen Schmuck ihren Ehering trug?
»Schmuck kommt von Schmücken«, hatte Georg gekränkt gesagt. »Er lenkt den Blick auf die Schönheit einer Frau. Almut, zum Beispiel, weiß genau, wie man sich mit dem richtigen Schmuckstück zur Geltung bringt, und ich dachte, dir würde es Freude machen, das auch zu entdecken. Es ist ein Privileg der Weiblichkeit.«
»Möchtest du, dass ich aussehe wie deine Frau?«, hätte Christine fast gefragt, aber da war ihm schon selbst aufgefallen, wie unpassend seine Bemerkung gewesen war. Ein Trampeltier war Georg nicht. »Viel braucht es ja nicht bei dir«, ruderte er zurück. »Nein, du bist vollkommen, so, wie du bist. Was für eine dumme Idee von mir. Ich hätte dir nur so gerne einmal Schmuck geschenkt. Etwas, bei dem du an mich denkst, wenn du es trägst.« Er hatte die Schachtel wieder in die Manteltasche gesteckt und später wahrscheinlich einer seiner Töchter überreicht.
Christine hatte Georg seit Jahren nicht mehr gesehen. Emeritiert war er bereits seit den Neunzigern. Georg hatte sich zwar nie ganz mit seiner Emeritierung abfinden können und war immer noch regelmäßig an der Fakultät für Mathematik und Informatik aufgetaucht, wo ihm als Professor zeit seines Lebens ein Arbeitszimmer zustand. Doch erstens waren die Besuche im hohen Alter seltener geworden, und zweitens war auch Christine inzwischen in Rente. Im Gegensatz zu Georg hatte sie kein einziges Mal den Wunsch verspürt, an die Universität zurückzukehren. Georgs Nachfolger war ein aufgeblasener Fatzke gewesen, bei seiner Berufung gerade mal vierzig, dem es nur um den Titel ging und der Christine zum Kaffeekochen schickte, als wäre sie sein Hausmädchen. Georg hatte seinen Kaffee zwar auch nicht selbst gekocht, aber er hatte wenigstens Danke gesagt. Auch später noch, nachdem er ihr … ihr Verhältnis offiziell beendet hatte. Oh Gott, diese schreckliche Aussprache. Christine hatte es schon lange gewusst, sie war ja nicht blöd. Bereits Monate zuvor war ihr Verhältnis einen stillen Tod gestorben, und dieses doppelte Versteckspiel, eine heimliche Affäre, die insgeheim gar keine Affäre mehr war, musste irgendwann ein Ende finden. Aber es direkt ins Gesicht gesagt zu bekommen, war bitter gewesen. Sie war damals in Tränen ausgebrochen, und Georg hatte ihr sein Taschentuch gereicht, das er immer bei sich trug und das bestimmt seine Frau gewaschen, gebügelt und auf den Stapel in der Kommode zurückgelegt hatte, nachdem Christine sich damit erst die Augen gewischt und dann ausgiebig hineingeschnäuzt hatte.
Meine Güte, so ein Leben war wirklich lang und hatte Raum für so vieles. Das war alles ewig her. Noch bevor sie Brustkrebs bekam. Sogar etliche Jahre davor. Und auch bevor Anne Schaubhardt auftauchte, das musste der Gerechtigkeit halber gesagt werden. Aber gestört hatte es sie trotzdem, als damals diese Elfe angeschwebt kam mit waidwundem Blick und dieser Aura von Ich-kann-eigentlich-gar-nichts-und-schon-gar-nicht-alleine. Christine hatte solche Weibchen noch nie ausstehen können, erst recht nicht als Konkurrentin oder Nachfolgerin oder wie man es nun nennen wollte. Obwohl die junge Frau natürlich nur ihre Diplomarbeit bei Professor von Bergh schrieb.
Wenn Christine nachrechnete, hatte das alles vor über dreißig Jahren begonnen. Es war übrigens das einzige Mal gewesen, dass sie Wolfgang in vierzig Jahren Ehe betrogen hatte. Andererseits hatte sie es damals gründlich getan. Zehn Jahre Untreue. Natürlich hatten Wolfgang und sie versucht, sich von Konzepten wie Besitzansprüche in der Ehe und Ausschließlichkeitsdenken frei zu machen. Ein Mensch allein konnte einen anderen Menschen nicht ausfüllen. Wenn man einander völlig genug wäre, warum würde man dann überhaupt Kinder kriegen? Doch was in der Theorie stimmte, musste nicht unbedingt für die Praxis gelten. Christine war froh gewesen, dass Wolfgang von der Affäre mit ihrem Chef (was für ein Klischee!) nichts wusste. Zumindest hatte er nie gefragt. Vielleicht hatte er etwas geahnt, aber, wie es Wolfgangs Art war, keine Lust gehabt, sich dazu zu verhalten. Vielleicht hatte er einfach abgewartet, bis es vorbeiging, als wäre ihr Seitensprung eine hartnäckige und lästige Erkältung. Wolfgang war so ein netter Mann, aber mitunter eine Spur zu geduldig. Konfliktscheu.
Und dann, nach all der Zeit, hatte gestern diese Schaubhardt angerufen.
»Hier ist Anne Schaubhardt«, hatte sie gesagt. Einfach so. Impertinente Person. Wie selbstverständlich nahm sie an, dass man sich an sie erinnerte. »Ich weiß nicht, ob Sie es schon erfahren haben, aber Professor von Bergh ist letzten Monat gestorben«, sagte sie. »Neunundachtzig Jahre ist er geworden. Unglaublich. Aber am Ende war er auch sehr vom Alter gezeichnet. Die Trauerfeier war in Heidelberg, auf dem Bergfriedhof, aber die Beisetzung soll morgen in Gießen erfolgen. Dort ist das Familiengrab der von Berghs. Ich dachte nur, dass Sie das gerne wüssten. Sie waren schließlich viele Jahre lang die rechte Hand des Professors. So etwas wie der gute Geist der Abteilung.« Und dann, als Christine nicht gleich antwortete, hatte sie noch hinzugefügt: »Bei der Trauerfeier habe ich Sie nicht gesehen, und da dachte ich, Sie wüssten vielleicht gar nichts von seinem Tod.«
Doch, Christine wusste es. Vor einigen Wochen hatte sie beim Frühstück die Todesanzeigen in der Zeitung gelesen – ein untrügliches Zeichen des Alters, dass man sich plötzlich für Todesanzeigen interessierte –, und dort stand es: Wir nehmen Abschied von Georg von Bergh. Erst hatte sie gar nicht reagiert, sondern einfach weitergelesen, bis ihr Unterbewusstsein plötzlich registrierte, was der Satz bedeutete: Georg war tot. Und mit einem Mal waren all die Erinnerungen zu ihr zurückgeströmt. Eine Flut von Bildern und eine Flut von Tränen am Küchentisch, und es war nur gut, dass sie an diesem Morgen alleine war und sich nicht zu erklären brauchte, sondern weinen konnte, bis sie damit fertig war.
Vergangene Liebe. Vergangene Jugend. Gott sei Dank auch vergangene Enttäuschungen.
Das Leben ist eines der schwierigsten, hatte ihre Mutter immer gesagt.
Anne Schaubhardt hatte recht: Zur Trauerfeier war Christine nicht gegangen. Nicht aus gekränktem Stolz, das war schon lange vorbei, sondern weil sie mit ihrer Tochter Miriam verabredet gewesen war. Ihre beiden kleinen Buben sollten den Tag bei der anderen Oma verbringen, und wann hatte man sonst schon Gelegenheit, einmal in Ruhe miteinander zu reden? Kinder waren zuerst viel zu viel und später viel zu wenig. Wenn sie erst einmal ausgezogen waren und ihre eigenen Leben begannen, wurden sie so schlüpfrig wie nasse Fische. Einen kostbaren Nachmittag mit ihrer Tochter wollte Christine nicht leichtfertig vergeben. Nicht für einen ehemaligen Liebhaber. Nicht einmal für Georg.
Doch hinterher hatte es ihr leidgetan. Einem Menschen die letzte Ehre zu erweisen, gehörte einfach dazu. Es war die letzte Seite in einem Buch, das man dann beruhigt schließen konnte. Und in dem Gedränge, das es bei einer Trauerfeier für Professor von Bergh bestimmt gegeben hatte, wäre sie auch nicht weiter aufgefallen.
Außer dieser Schnepfe Schaubhardt natürlich.
»Selbstverständlich weiß ich von seinem Tod. Ich konnte trotzdem nicht zur Trauerfeier kommen«, sagte sie unfreundlicher als beabsichtigt. »Aber nett, dass Sie mich benachrichtigen«, fügte sie rasch hinzu. »Fahren Sie denn zur Urnenbeisetzung?« Sie fragte eigentlich nur, um noch irgendetwas zu sagen.
»Ich habe es vor. Kommen Sie auch?«
»Ich? Nein, ich glaube nicht.«
»Warum nicht? Sie hatten doch mit Professor von Bergh ein enges … nun, Sie haben doch eng mit dem Professor zusammengearbeitet. Und meiner Erfahrung nach sind solche Urnenbeisetzungen oft netter als eine Trauerfeier. Nicht so pompös. Nicht so voll. Persönlicher irgendwie. Und erst danach ist ein geliebter Mensch ja auch wirklich unter der Erde. Äh, wenn Sie verstehen, was ich meine.«
»Ja, ja, ich verstehe. Aber ich weiß gar nicht, ob es morgen passt. Ich muss meinen Mann erst fragen, ob er den Wagen braucht.«
»Sie nehmen das Auto? Also, falls Sie wirklich fahren, dann könnten wir uns ja zusammentun, oder? Es ist doch unsinnig, mit zwei Autos zu fahren. Und von Schwetzingen aus kommen Sie an Peterstal sozusagen sowieso vorbei. Sagen wir, so um zehn Uhr? Ich habe ein Navi auf dem Handy und kann von der Haustür an die weitere Reiseleitung übernehmen, da brauchen Sie sich keine Sorgen zu machen. Supi! Tschüs und bis morgen.«
Anne Schaubhardt legte auf, ohne Christine noch einmal zu Wort kommen zu lassen. Von wegen waidwundes Reh! Aus reinem Trotz hätte Christine am liebsten gleich zurückgerufen, um für den nächsten Tag abzusagen, doch dann ließ sie es sein. Warum eigentlich nicht zur Beisetzung gehen? Dass Wolfgang das Auto nicht brauchte, wusste sie, der war nämlich für ein paar Tage zu seinem Cousin in den Schwarzwald gefahren, und zwar mit dem Zug.
Natürlich musste Christine einen großen Umweg machen, um nach Peterstal zu kommen. An Peterstal kam man nicht »sozusagen sowieso« vorbei, sondern musste erst nach Heidelberg hinein und dann in der falschen Richtung wieder hinaus. Und natürlich hatte Anne Schaubhardt sie am Vortag nicht aus reiner Menschenliebe angerufen, sondern weil ihr eigenes Auto in der Werkstatt war und so bald nicht wieder fahren würde. Das hatte sie Christine ganz unverblümt erzählt, als diese am Morgen doch noch einmal anrief, weil sie die Adresse nicht wusste. (Also, das mit dem Auto, nicht das mit der Menschenliebe, trotzdem unglaublich.) Rechtzeitig fertig war die Frau auch nicht. Christine wurde die Tür von einem pickligen Teenager geöffnet, der sie nicht einmal begrüßte. Er rief lediglich »Mama, für dich!« in den Hausflur, ehe er zurück in sein Zimmer schlurfte und es Christine überließ, ob sie hineinkommen wollte oder nicht.
»Yannik, biete Frau Weniger doch bitte etwas zu trinken an. Ich bin gleich so weit«, rief Anne Schaubhardt von irgendwo aus dem Haus, doch Yannik zeigte sich nicht wieder.
Christine musste zehn Minuten im Flur warten, bis Frau Schaubhardt endlich auftauchte. Sie trug einen schwarzen Rock und eine schwarze Bluse und, wie Christine mit Genugtuung feststellte, sogar schwarze Strümpfe. Die würde ganz schön schwitzen. Christine selber hatte nur ein dunkelblaues Kleid gefunden, das sowohl zum Anlass als auch zum Wetter passte, denn für ihr Standard-Begräbnis-Outfit, den sogenannten Trauerblazer und die dunkelgraue Hose, war es definitiv zu warm.
»Yannilein, wir gehen jetzt!«, rief Anne Schaubhardt.
Keine Antwort.
»Yannik!«
»Yannikkk!«
Sie öffnete die Tür zu Yanniks Zimmer, und es folgte eine längere Diskussion über Gebote und Verbote in Mamas Abwesenheit, ehe sie sich endlich ins Auto setzen konnten, inzwischen reichlich spät dran und Frau Schaubhardt bereits ziemlich verschwitzt.
»Er ist sonst nicht so«, erklärte sie. »Der arme Junge hat nur mal wieder Migräne, und mit Kopfschmerzen sind wir ja alle schlecht gelaunt.« Sie zog ihr Handy hervor. »Ich habe den Zielort schon eingegeben. Bei der nächsten Gelegenheit bitte rechts abbiegen.«
Hinter ihnen wummerte Technobeat aus dem Haus.
Die Fahrt nach Gießen zog sich. Der einzige Vorteil war, dass sie sich nicht verfuhren. Anne Schaubhardts App funktionierte offenbar einwandfrei. Dafür ließ sie es sich nicht nehmen, Christine selbst wie ein herkömmliches Navi mit übertrieben freundlicher Stimme zu dirigieren: »In fünfhundert Metern links abbiegen und auf die Autobahn auffahren. In dreihundert Metern links abbiegen und auf die …«
Die gut anderthalb Stunden bis zum Alten Friedhof in Gießen wurde der Witz nicht alt. Die einzige Unterbrechung war eine längere Erzählung über das enorme Vertrauen, das Professor von Bergh in sie, Anne, gesetzt habe. Das war auf der Autobahn, als sie nur geradeaus fahren mussten.
»Professor von Bergh war ja so froh, dass er mich hatte. Nicht nur als Doktorandin, obwohl die wissenschaftliche Arbeit ihm bis zum Schluss viel bedeutet hat. Sehr viel, möchte ich sagen. Außerordentlich viel. Aber neben der wissenschaftlichen gab es natürlich auch noch die private Ebene, und da haben wir uns genauso gut verstanden. Trotz Altersunterschied. Bei manchen Leuten schnackelt’s einfach, wenn Sie verstehen, was ich meine. Manchmal hat man direkt das Gefühl, dass man sich einfach nur um ein oder zwei Generationen verpasst hat. Kennen Sie das nicht?«
»Hm-m.«
»Na ja, jedenfalls war es für Professor von Bergh ein Glück, dass ich so viel jünger bin. Anne, sagte er – er nannte mich Anne, aber ich habe ihn natürlich immer mit vollem Namen angesprochen – Anne, sagte er, wie bin ich froh, dass ich Sie habe. Wenn ich einmal nicht mehr bin, und der Tag wird irgendwann kommen – Professor von Bergh war immer sehr realistisch, was sein Alter und seine Gesundheit anging –, wenn ich einmal nicht mehr bin, dann wird Almut immer noch da sein. Almut ist seine Frau, wussten Sie das, Frau Weniger?«
»Ja, das wusste ich.«
»Oh. Natürlich. Sie haben ihn ja auch so lange und so gut gekannt. Aber was ich erzählen wollte, Professor von Bergh hat mir damals ein Versprechen abgenommen: Wenn ich einmal nicht mehr bin, hat er gesagt, dann müssen Sie auf Almut aufpassen. Versprechen Sie es mir! Dann muss ich mir keine Sorgen mehr machen, denn ich weiß, dass ich mich auf Sie verlassen kann.« Anne Schaubhardt zog schnüffelnd ein paarmal die Nase hoch. »So war das, und natürlich stehe ich hundertprozentig zu meinem Versprechen. Deswegen sehe ich es auch als meine Pflicht an, nicht nur zur Trauerfeier, sondern auch zur Beisetzung zu gehen. Um auf die Frau Professor aufzupassen, sozusagen. Heute, wo Yannik krank ist, wäre ich ja am liebsten zu Hause geblieben. Kranke Kinder brauchen einfach ihre Mutter, selbst wenn sie schon so groß sind, finden Sie nicht? Aber die Frau Professor braucht mich auch.« Anne Schaubhardt zog noch einmal die Nase hoch und lächelte dann Christine Beifall heischend von der Seite an. »Sozusagen an Kindes statt«, fügte sie hinzu.
»Frau von Bergh hat drei eigene Kinder. Ich weiß nicht, ob sie noch ein viertes will«, bemerkte Christine.
»In drei Kilometern rechts abbiegen und von der Autobahn abfahren«, antwortete Anne Schaubhardt nur.
Wer spät losfährt, kommt spät an.
Sie erreichten den Alten Friedhof buchstäblich in letzter Minute, mussten dann noch einen Parkplatz suchen und hetzten vom Auto zur Friedhofskapelle. Im ersten Moment dachte Christine, Anne Schaubhardt hätte sich in der Zeit geirrt oder sogar im Tag, denn die Kapelle war gähnend leer. Erst als sich ihre Augen an das Dämmerlicht gewöhnt hatten, sah sie vorne einen Friedhofsbediensteten und eine einzelne alte Frau.
Anne Schaubhardt stieß sie mit dem Ellbogen an: »Da ist sie!«, flüsterte sie. »Da ist Frau von Bergh.«
Wie – nur Georgs Frau? War denn außer ihr gar niemand hier? Es gab doch Töchter? Schwiegersöhne? Enkelkinder? Geschwister? Oder wenigstens einen Freund? War die arme Frau wirklich ganz alleine bei der Beisetzung ihres Mannes? Nun ja, jetzt nicht mehr, denn gerade war ja die Kavallerie eingetroffen: die Sekretärin/Geliebte und die ehemalige Studentin/entweder-ebenfalls-Geliebte-oder-doch-zumindest-Schwarm des Professors. Da hatte Almut von Bergh wirklich ihren Glückstag heute. Christine hätte sich am liebsten aus der Kapelle geschlichen – noch hatte sie ja keiner der beiden da vorne bemerkt – und wäre mit oder ohne Anne Schaubhardt zurück nach Schwetzingen gefahren. Doch in diesem Augenblick setzte sich die Prozession aus Friedhofsaufseher mit Urne vorneweg und Almut von Bergh hinterdrein in Bewegung, und Christine verpasste den Moment zum Aufbruch. Anne Schaubhardt hängte sich bei ihr ein und zog sie mit sich hinter der Witwe von Bergh her bis zum Grab. Christine kam sich vor wie eine Voyeurin, als sie der einsamen, alten Frau dabei zusah, wie sie in der großen Tasche wühlte, die sie von der Kapelle mitgeschleppt hatte, um schließlich eine reichlich zerfledderte Nelke im Topf daraus hervorzuziehen. Sie bedauerte Almut von Bergh für ihre Einsamkeit und ihre Trauer, das tat sie wirklich, aber gleichzeitig freute sie sich doch auch über die Gelegenheit, ihre frühere Rivalin endlich einmal kennenzulernen. Georg hatte nie gewollt, dass Christine auch nur in die Nähe seiner Frau kam. »Da kann nichts Gutes dabei herauskommen«, hatte er immer gesagt. Und wahrscheinlich hatte er recht gehabt. Doch jetzt war Georg tot, und gerade im Moment trennte seine Ex-Geliebte und seine Witwe nur noch ein Häufchen Asche in einer hässlichen Dose.
Bitte schön, Frau von Bergh.« Anne Schaubhardt reichte Almut die Gießkanne, die sie notgedrungen nahm und ein »Danke« murmelte. Wie ärgerlich. Jetzt war es unumgänglich, noch ein paar Worte zu wechseln. Zumindest, wenn man eine gute Erziehung genossen hatte, so wie Almut, und wenn man trotz allen Kummers immer noch versuchte, sich einen letzten Rest Witwenwürde zu bewahren.
Seit Georgs Tod war jeder einzelne Tag ein Kampf gewesen, um nicht in Chaos und Selbstmitleid zu ertrinken. Um ab und zu aufzutauchen und nach Luft zu schnappen. Um eine Normalität zu finden, wie auch immer die aussehen mochte ohne ihren Mann.
