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In ihrem ebenso warmherzigen wie witzigen Unterhaltungs-Roman »Immer nach vorne schauen« bringt Corinna Vossius eine zusammengewürfelte Gruppe von charmanten Außenseitern zusammen. Gemeinsam ist ihnen ein außergewöhnliches Hobby – was tut der Mensch nicht alles, um weniger allein zu sein! In ihrem originellen, scharfzüngigen und zu Herzen gehenden Roman erzählt Corinna Vossius von Freundschaft und Feindschaft, vom Alter und vom Jung-sein und von einer Ente. Im Verein »Freunde von Gertrude« haben sich eine Handvoll Außenseiter zusammengeschlossen, um Verstorbenen ohne Angehörige das letzte Geleit zu geben. Schließlich soll niemand seine Beerdigung ganz allein durchstehen müssen. Außerdem gibt es hinterher Kaffee und Kuchen, und manchmal auch spannende Todesursachen. Die bunte Truppe ist einigermaßen erstaunt, als sich ihnen eines Tages die 18-jährige Inger anschließt – mit blau gefärbten Haaren und einer Ente im Schlepptau, die sie vor ihrer Dienstherrin Frau Ödegaard geheim halten muss. Sollen die Freunde Inger verraten, dass die alte, verbitterte Ödegaard mehr als nur eine Leiche im Keller hat? Wie schon in ihren Romanen »Seh' ich aus, als hätt' ich sonst nichts zu tun?« und »Man hat ja seinen Stolz« zeigt Corinna Vossius auch in »Immer nach vorne schauen«, dass man Freundschaft in allen möglichen Versionen findet. Nur selten so, wie man es erwartet ...
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Seitenzahl: 356
Veröffentlichungsjahr: 2018
Corinna Vossius
Roman
Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG.
Im Verein »Freunde von Gertrude« hat sich eine Handvoll Außenseiter zusammengeschlossen, um Verstorbenen ohne Angehörige das letzte Geleit zu geben. Schließlich soll niemand seine Beerdigung allein durchstehen müssen – und hinterher gibt es Kaffee und Kuchen. Eines Tages taucht Inger auf: Achtzehn Jahre alt, mit einer Ente als Haustier und die neue Hausangestellte von der alten Ödegaard. Sollen die Freunde Inger verraten, dass Frau Ödegaard schon mehr als eines ihrer Hausmädchen auf dem Gewissen hat?
Widmung
Prolog
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Quellenverzeichnis der Bibelzitate
Für Gertrude
Angehörige hatte das Mädchen offenbar nicht gehabt. Die ersten beiden Reihen in der Grabkapelle waren leer. In der dritten Reihe links saßen die Freunde von Gertrude, Britt-Ingrid wie immer auf dem Ehrenplatz direkt am Gang. Auf der rechten Seite saß nur Simon, keiner der Freunde von Gertrude, sondern der Bruder des Bestatters. Das war’s. Die übrigen Plätze blieben leer.
»Wir sind heute hier zusammengekommen, um« – Pfarrer Holm sah auf seinen Zettel – »um von Margrete Aurora Ellingsen Abschied zu nehmen.«
Er wusste, dass er leierte, aber es war schwierig, eine gute Grabrede zu halten, wenn nur die Freunde von Gertrude anwesend waren und niemand, der die Tote persönlich gekannt hatte. Außerdem war das Mädchen so jung gewesen, gerade mal zwanzig. Zu wenig Zeit für einen Menschen, um Spuren zu hinterlassen. Um etwas zu tun, von dem er hier berichten könnte. Was also sollte er sagen?
Pfarrer Holm räusperte sich umständlich und fing noch einmal von vorne an: »Wir sind heute hier zusammengekommen, um von Margrete Aurora Ellingsen Abschied zu nehmen. Margrete ist sehr früh verstorben. Eine Krankheit, ein Fieber, hat sie innerhalb weniger Tage dahingerafft. Selten, dass hier bei uns in Norwegen so junge Menschen sterben, und umso tragischer, wenn es geschieht.«
Die kleine Trauergemeinde horchte auf. Ungewöhnliche Todesarten waren immer willkommen.
Wenn man zu den Freunden von Gertrude gehörte, ging man aus drei Gründen zu Beerdigungen: Erstens natürlich aus christlicher Nächstenliebe. Kein Mensch sollte diesen letzten, schweren Weg alleine gehen müssen. (Aber geschenkt. Nächstenliebe, das war so ähnlich wie world peace, das gehörte sich einfach.) Zweitens, weil es hinterher Kaffee und Kuchen auf Vereinskosten gab. Und drittens wegen der guten Geschichten. Meistens waren die Toten ja alte, einsame Individuen, die man erst nach Wochen in ihrer Wohnung gefunden hatte, wenn der Verwesungsgestank allmählich ins Treppenhaus sickerte und die Polizei die Tür aufbrach. Junges, unverbrauchtes Fleisch, das einer mysteriösen Krankheit erlag, das war die Ausnahme. Das war fast so gut wie Opfer einer Gewalttat. Britt-Ingrid setzte sich aufrecht hin und ließ für einen Moment das Strickzeug sinken, und Babette am anderen Ende der Reihe nahm verstohlen einen Schluck aus einer kleinen Flasche ohne Etikett. Selbstgebrannter wahrscheinlich, wusste der Himmel, wo sie den wieder herhatte. Es war ein Wunder, dass Babette noch nicht blind war.
»Der Tod eines so jungen Menschen macht uns immer betroffen.« Pfarrer Holm unterdrückte ein Gähnen.
Zu seinen vielen Aufgaben gehörte auch die Leitung dieses eigenartigen Vereins, die Freunde von Gertrude, der es sich zur Aufgabe gemacht hatte, ehrenamtlich Beerdigungen von Verstorbenen beizuwohnen, »die außer uns ja niemanden mehr haben auf dieser Welt, die armen Wuschel«, wie Britt-Ingrid es ausdrückte. Früher war er in solchen Fällen mit dem Friedhofspersonal allein gewesen. Da hätte er die Sache mit einem Vaterunser abtun können und einer halben Stunde ehrlich empfundener Trauer. Jetzt musste er sich zwanzig Minuten Predigt aus den Rippen leiern, um sein Publikum zufriedenzustellen.
Gottes Wege sind unergründlich … Zum Menschsein gehört auch der Abschied … Vertrauen in das ewige Leben und in die Liebe Jesu … Wir singen gemeinsam Befiehl du deine Wege.
Die beiden Friedhofsangestellten schoben die Rollbahre mit dem Sarg aus der Kapelle und über die gekiesten Wege des Friedhofs zu dem vorbereiteten Grab, hoben den Sarg mit einer routinierten Bewegung auf das Gestell über der ausgehobenen Grube – er wog ja nicht viel – und drückten auf den Knopf. Leise ratternd senkte er sich hinab. Alle sahen geduldig zu, wie der Blumenschmuck auf dem Deckel langsam verschwand, bis die Maschine mit einem Klack zum Halt kam. Pfarrer Holm sprach ein letztes Gebet und warf ein bisschen Erde hinterher, ehe er die Schaufel an Britt-Ingrid weitergab.
Aus dem Augenwinkel sah er plötzlich Frau Ödegaard. Sie stand ein Stück entfernt, halb hinter einem Baum versteckt, und beobachtete das Geschehen. Als sie Pfarrer Holms Blick bemerkte, drehte sie sich um und entfernte sich rasch, so als wäre sie nur zufällig hier. Über ihr flogen kreischend zwei Möwen aus der Baumkrone. Die Freunde von Gertrude blickten unbehaglich nach oben. Sie kannten die beiden Möwen nur zu gut. Riesige, bösartige Viecher. Es wäre nicht das erste Mal, dass sie eine Trauerfeier störten, indem sie Scheinangriffe auf die Besucher flogen, bis die Versammlung sich in Panik auflöste. Doch diesmal kreisten die Möwen nur eine Zeit lang über dem Friedhof und folgten dann ihrer Herrin.
»Das sind Frau Ödegaards Möwen«, erklärte Edith. »Und das hier war Frau Ödegaards Mädchen. Angeblich hat sie für die Beerdigung bezahlt. Deswegen gibt es diesmal auch ein richtiges Grab und nicht nur eine Feuerbestattung.« Edith warf eine zweite Schaufel Erde auf den Sarg. »Stimmt doch, Herr Pfarrer, oder?«
»Dazu darf ich nichts sagen.«
Aber Edith hatte natürlich recht. Die alte Frau kannte allen Klatsch. Frau Ödegaard hatte Pfarrer Holm in der letzten Woche angerufen und ihn beauftragt, die Beerdigung mit allem Drum und Dran zu organisieren.
»Machen Sie das mit dem Beerdigungsinstitut aus. Ich habe nicht die Kraft dazu. Außerdem wissen Sie als Pfarrer am besten, wie das geht. Es soll an nichts fehlen, aber auch kein übertriebener Schnickschnack. Diese Institute wollen einem immer alles Mögliche andrehen. Ach ja: Und lassen Sie diese lächerliche Truppe kommen.«
»Aber werden Sie denn nicht selbst da sein? Das Mädchen war immerhin Ihr – nun – eine Art Patenkind von Ihnen. Eine Schutzbefohlene. Da wäre es doch …«
»Ich bin derzeit nicht gut zu Fuß und kann keinesfalls an der Beerdigung einer Hausangestellten teilnehmen.«
Damit hatte Frau Ödegaard aufgelegt, und obwohl es Pfarrer Holm ärgerte – das gehörte nun wirklich nicht zu seinen Aufgaben –, hatte er Sarg und Blumenschmuck bestellt. Der Toten zuliebe. Und weil Frau Ödegaard ihm Angst machte.
Edith warf noch mehr Erde in das Grab. Diese kleine, abgegriffene Gartenschaufel lag einfach zu gut in der Hand. Genau richtig zum Setzen von Tulpen. Vielleicht könnte sie sie bei Gelegenheit unbemerkt gegen eine neue austauschen.
»Bist du so weit?«, fragte Britt-Ingrid spitz. »Fein, dann können wir ja gehen. Bitte alle kurz herhören! Wir gehen wie sonst auch in das Café am Eiganes-Weg. Und damit wir das später nicht wieder im Café diskutieren müssen: jeder nur entweder ein belegtes Brötchen oder ein Stück Kuchen. Nicht zwei – und auch nicht von jedem eines. Simon, wie du weißt, kann der Verein lediglich die Unkosten von Mitgliedern übernehmen. Falls du also mitkommen möchtest, musst du …«
Doch Simon hatte sich längst umgedreht und war bereits auf dem Weg zum Ausgang. Babette lief ihm hinterher: »Simon, he, Simon! Kannst du mir Geld für den Bus leihen?« Sie hielt ihn am Ärmel fest.
»Nein!«, knurrte er.
»Nein? Willst du etwa, dass ich den ganzen Weg nach Hause laufen muss?«
»Ich habe dir schon letzte Woche Geld für den Bus gegeben.«
»Ach komm schon, ein paar Kronen. Sonst besuche ich dich morgen in deinem Maklerbüro. Komme extra aus Kvernevik, um dich zu besuchen. Wäre das nicht nett?«
Sie lachte keckernd und versuchte, den jungen Mann in die Wange zu kneifen. Simon zog angewidert den Kopf weg.
»Morgen und übermorgen und überübermorgen. Jeden Tag komme ich dann. Fünfzig Kronen. Oder wenigstens zwanzig. Nun sei nicht so.«
Simon nahm seine Brieftasche aus dem Jackett und kramte eine Weile darin herum, erst im Fach mit den Scheinen, dann im Kleingeld, dann wieder bei den Scheinen.
»Das Kleinste, was ich habe, ist ein Zweihunderter. Du kannst wohl nicht wechseln?«
Babette schnappte nach dem Schein. »Ich wusste doch, dass du mich liebst. Bis bald, mein Süßer.«
Sie trank einen Schluck aus ihrer Flasche und sah sich nach weiteren Opfern um. Aber der Friedhof war mittlerweile menschenleer. Auch Pfarrer Holm war offenbar schon gegangen. Nun, dann eben zu den anderen ins Café. Wenn sie schnell genug aß, schaffte sie trotz Britt-Ingrids Verbot zwei Stücke Kuchen.
Als der Bus in Stavanger hielt, war es schon lange dunkel. Außer Inger war nur eine Handvoll Personen bis zur Endstation gefahren, und die zerstreuten sich jetzt rasch. Offenbar wussten alle anderen, wo sie hinsollten. Das Mädchen setzte ihre Ente auf den Boden. Petronella durchforstete sofort mit dem Schnabel die Pfützen im Rinnstein, froh, nach der trockenen Wärme im Bus endlich wieder Feuchtigkeit um sich zu haben. Feiner Nieselregen fiel. Genau richtig für eine Laufente. Inger zog einen Zettel aus der Tasche, studierte erneut die Wegbeschreibung und schulterte dann entschlossen ihren Rucksack.
»Komm, komm, komm«, lockte sie die Ente.
Petronella warf einen verlangenden Blick auf den kleinen See gegenüber dem Bahnhof, doch alleine unter fremden Stockenten und Schwänen zurückbleiben wollte sie dann doch nicht. Sie folgte Inger wackelnd und so schnell sie konnte über den Bahnhofsvorplatz und nach links den Berg hinauf in den Westteil der Stadt.
Sie waren seit dem frühen Morgen unterwegs. Dreimal hatten sie umsteigen müssen, doch Inger hatte die Fahrt genossen. Es kam nicht oft vor, dass sie alleine war, ohne dass ihr gleich wieder jemand sagte, was sie als Nächstes zu tun hatte. Vor dem Fenster schob sich die herbstliche Landschaft vorbei. In den Bergen waren die Bäume bereits vollständig kahl, und selbst unten am Meer riss der Wind die letzten Blätter von den Ästen. In der frühen Dämmerung waren sie die Küste von Kristiansand heraufgekommen, während der Regen unaufhörlich auf das Dach des Busses prasselte und vom Wind getrieben gegen die Scheiben schlug. Erst kurz vor Stavanger hatte sich das Wetter etwas beruhigt.
In dem trüben Licht der Straßenlaternen glänzte die Straße, und die Pfützen warfen kleine Wellen, auf denen welkes Laub tanzte. Mit einem Mal wurde das Licht abgeschaltet, und die Straße blieb schwarz und leer zurück. Sparmaßnahmen der Stadt, hier wie überall. Inger bückte sich und nahm die Ente auf den Arm, die sich in so tiefer Dunkelheit nicht orientieren konnte. Vorsichtig ging sie weiter, immer tiefer in den Stadtteil Eiganes hinein, vorbei an einem Park mit alten, hohen Buchen und entlang menschenleerer Straßen, die von ehrwürdigen Villen und großen, verlassenen Gärten gesäumt waren.
Hier irgendwo musste es sein.
Petronella auf ihrem Arm wurde schnell schwer. Gut, dass Inger sonst nicht viel Gepäck bei sich hatte. Sie suchte nach Straßenschildern und Hausnummern und zog immer wieder ihren Zettel zurate.
Endlich stand sie vor dem richtigen Tor. Zumindest nahm Inger das an, denn das Haus rechts davon trug deutlich die Nummer 71, ein moderner, viereckiger Klotz mit riesigen Fenstern und der Hausnummer in großen, beleuchteten Ziffern neben dem Eingang, und das links war eindeutig die 75, auch wenn die Hausnummer nur bescheiden auf dem Briefschlitz stand. Das Haus dazwischen trug gar keine Nummer, auch keinen Briefkasten mit einem Namen daran, aber hinter den Fenstern im ersten Stock sah sie Licht, und falls das nicht die Villa Ödegaard war, könnte sie immerhin fragen.
Inger öffnete das Gartentörchen und ging den Kiesweg zur Haustür hinauf. Sie wollte schon läuten, doch dann erinnerte sie sich an ihre Ente und ließ die Hand wieder sinken.
Petronella war ihr im letzten Frühjahr zugelaufen. Plötzlich hatte die Ente im Gemüsebeet gestanden und nach den Regenwürmern geschnappt, die die Klasse beim Graben an die Oberfläche beförderte. Gartenbau-Unterricht. Unkraut jäten und Kartoffeln setzen. Bei allen unbeliebt außer bei Inger, die gerne im Freien war, selbst wenn sie sich die meiste Zeit bücken musste. Petronella war noch ein Entenküken gewesen, das nicht quakte, sondern nur piepste, anfangs sehr scheu, aber auch sehr hungrig. Inger brachte ihr Brot oder Reis, der vom Mittagessen übrig geblieben war. Und manchmal grub sie ihr ein Stück Beet auf, wenn keiner der Lehrer sah, dass sie schon wieder unreife Kartoffeln aushob, damit Petronella mit ihrem Schnabel in der lockeren Erde wühlen konnte. Das liebte sie. Den gesamten Sommer über war es Inger gelungen, die Ente in dem großen Garten des Internats zu verstecken, der nahtlos in die umliegenden Felder überging. Inger hatte ständig irgendwelches Viehzeug um sich. Und ständig irgendwelchen Ärger, denn Tierhaltung war den Schülern strengstens verboten. Tiere brachten nur Allergien, ansteckende Krankheiten und Disziplinlosigkeit mit sich.
Inzwischen war Petronella ausgewachsen. Inger hatte nie herausgefunden, woher sie kam. Soweit sie wusste, vermisste niemand in der Nähe eine Laufente, und das war Inger nur recht, denn die Ente war sehr zahm geworden. Sie fraß aus der Hand und ließ sich sogar streicheln, selbst wenn Inger den Eindruck hatte, dass sie dies nur aus Zuneigung zu Inger gestattete. Die wenigsten Vögel mochten Körperkontakt.
Heute Morgen beim Aufbruch war Petronella ihr wie selbstverständlich zur Bushaltestelle gefolgt. Die Einzige übrigens, die sie begleitete. Abschiede waren etwas, das man im Internat ohne Aufheben und ohne Kummer überstand, vor allem Abschiede zu nachtschlafender Zeit. Der Bus hatte gehalten, die Tür sich zischend geöffnet, Inger stieg ein und zahlte. Draußen trippelte die Ente ungeduldig von einem Bein aufs andere, kackte einen Entenklecks, trippelte wieder und quakte schließlich ungeduldig und laut. Inger war noch nie irgendwo ohne ihre Ente hingegangen – zumindest nicht, soweit Petronella zurückdenken konnte. Der Busfahrer schloss die Tür und legte den Gang ein. Petronella quakte noch einmal, dringlicher. Und im letzten Moment rief Inger: »Meine Tasche! Die hätte ich fast vergessen. Bitte noch mal die Tür aufmachen.«
Sie sprang auf die Straße zurück, schnappte sich Petronella, wandte dem Fahrer beim Einsteigen geschickt den Rücken zu und suchte sich einen Platz ganz hinten, während der Bus endlich losfuhr.
Die Ente hatte aus dem Fenster gesehen und leise vor sich hin geschnattert. Sie war ganz einer Meinung mit Inger: Was hätte sie auch alleine im Internat gesollt? Entweder wäre sie dort verhungert – morgens lag schon Frost über den Hügeln, und es gab kaum noch Schnecken und Würmer. Oder jemand hätte sie gegessen, um den eigenen Hunger zu stillen.
Doch jetzt, vor der Haustür der Villa Ödegaard, kamen Inger mit einem Mal Zweifel. Die Bestellung war ein Mädchen gewesen. Nicht ein Mädchen mit Geflügel. Falls diese Frau Ödegaard nett war, hatte sie sicher nichts gegen ein Haustier einzuwenden. Aber falls nicht, wäre es unmöglich, die Ente im Nachhinein zu verbergen. Besser, Petronella blieb fürs Erste inkognito. Inger sah sich suchend um und ging dann links um das Haus herum in den Garten. Inzwischen hatte es aufgehört zu regnen, und ab und zu gaben die Wolken den Mond frei, doch viel konnte man nicht erkennen. Hier Büsche und dort Bäume und da eine Hecke. Reichlich regennasses Grün auf jeden Fall, und es roch nach feuchter Erde und Laub. Petronella strampelte und versuchte, sich zu befreien. Inger tastete sich tiefer in den Garten hinein und setzte die Ente unter einer Eibe ab, deren Zweige direkt über dem Boden begannen, dicht wie ein Dach. Hoffentlich gab es hier weder Katzen noch Marder, die nachts auf Entenjagd gingen. Aber für heute musste es einfach reichen. Morgen würde sie sehen, ob sich nicht irgendetwas fand, das als Stall dienen könnte.
Inger kehrte zur Haustür zurück, diesmal alleine, und läutete. Drinnen blieb es still. Sie läutete noch einmal. Hatte die Heimleitung nicht mit Frau Ödegaard telefoniert? Ankunft am 27. Oktober gegen 21 Uhr? Natürlich war es für eine alte Frau zu beschwerlich gewesen, Inger vom Bahnhof abzuholen. Oder zu spät. Oder zu nebensächlich. Aber wenigstens die Tür öffnen? Inger klingelte ein drittes Mal, während sie überlegte, ob Frau Ödegaard vielleicht gerade heute Nachmittag verstorben war und jetzt tot hinter ihrem erleuchteten Fenster lag. Für diese Nacht würde Inger sicher einen Winkel bei der Ente im Garten finden, wo sie einigermaßen trocken und windgeschützt wäre. Doch wohin morgen früh? Zurück ins Internat sicher nicht. Inger war froh, dass sie die Schulzeit hinter sich hatte. Nach Hause zu den Eltern nach Klepp? Unwillkürlich zog Inger die Schultern hoch und schlang die Arme um den Körper. Vater und Mutter waren so stolz gewesen, dass Inger gerade bei Frau Ödegaard eine Stelle bekommen hatte. Frau Ödegaard war eine Märtyrerin der Mission, denn sie hatte ihren Mann in Afrika verloren, den Doktor Ödegaard, und selbst wenn das nun schon lange her war, »leuchtet sein Stern doch immer noch in unseren Herzen«, wie die Mutter vor ein paar Tagen am Telefon gesagt hatte. »Mach uns diesmal bitte keine Schande, hörst du, Inger? Gott schickt dich nach Stavanger, damit du dich läuterst, das verstehst du doch, oder? Frau Torkelsen …« – das war die Leiterin des Internats – »Frau Torkelsen sagt, dass ein guter Kern in dir steckt, Inger, ein Samenkorn für den rechten Glauben. Gott widersteht den Hoffärtigen, den Demütigen aber gibt er Gnade. Denk daran!« Dann hatte sie aufgelegt. Sowieso war es das längste Telefongespräch gewesen, das Inger je mit ihrer Mutter geführt hatte. Bei sieben Geschwistern, die meisten davon jünger als Inger, war eben immer viel zu tun.
Auf jeden Fall, wenn Inger sich vorstellte, wie sie mit einer verbotenen Ente auf dem Arm die Auffahrt des Elternhauses hochgestiefelt kam, weil Frau Ödegaard just in dem Moment gestorben war, in dem Inger an der Tür klingelte – freuen würde sich da niemand.
Sie läutete noch ein viertes Mal, hartnäckiger und länger, und diesmal hörte sie auch aus dem Haus ein gedämpftes Ding-Dong. Offenbar war die Klingel nicht ganz in Ordnung. Eine Tür klappte weit entfernt, Schritte kamen die Treppe herunter, in der Diele wurde Licht gemacht, und endlich öffnete sich die Haustür. Im Eingang stand Frau Ödegaard. Sie war groß und breit und befahl Inger mit einem Kopfnicken hinein.
Die alte Frau trat gerade weit genug von der Tür zurück, um Inger in den Flur zu lassen. Dort blieb das Mädchen stehen und wusste nicht recht, was tun. Die Schuhe ausziehen oder lieber nicht? Rucksack in der Hand behalten oder absetzen? Ihrer Patin und zukünftigen Dienstherrin vielleicht sogar die Hand schütteln und sich vorstellen? Frau Ödegaard musterte sie ohne ein Lächeln, ohne ein Wort. Schließlich entschloss Inger sich, den Rucksack auf den Boden zu stellen. Sie verschränkte die Hände hinter dem Rücken, senkte den Blick, so wie sie es gelernt hatte, und ließ die Musterung ergeben über sich ergehen, von den abgetretenen Schuhen über die Jacke, die vom Regen durchweicht war, bis zu den Haaren, die ihr feucht am Kopf klebten. Bei den Haaren blieb Frau Ödegaards Blick hängen. Ingers Haare waren blau. Kobaltblau eigentlich, aber nass wirkten sie natürlich dunkler. Eher marineblau.
»Was soll denn das sein?«, fragte sie unfreundlich.
Inger fasste sich an den Kopf und lächelte unwillkürlich. Selbstverständlich war Haarefärben im Internat genauso verboten gewesen wie Tierhaltung (und aus dem gleichen Grund: Gefährdung der Disziplin), doch Inger hatte dafür ihre letzte Nacht in der Anstalt gewählt. Zur Feier ihres neuen Lebens in der Stadt hatte sie sich die langen Haare abgeschnitten und die Stoppeln blau gefärbt. Als sie heute Morgen zum Bus ging, war sie eine völlig neue Person gewesen. Immer noch klein und dünn, doch statt der Zöpfe, die schwer über den Rücken hingen, so wie bei allen weiblichen Mitgliedern der Gemeinde des Wahren Wortes, war es auf ihrem Kopf von nun an leicht und luftig und bunt.
»Das kommt aber weg. Du siehst ja aus wie vom Jahrmarkt!«, sagte Frau Ödegaard.
Inger hörte auf zu lächeln und murmelte: »Ja.«
Aus langer Erfahrung wusste sie, dass dies die beste Antwort bei Vorhaltungen war: ein Ja und den Kopf noch weiter senken. Obwohl sich an der Haarfarbe natürlich so schnell nichts ändern würde. Im Gegenteil, Inger hatte noch eine weitere Packung von Magic Blue im Rucksack, zum Nachfärben nach den ersten Haarwäschen.
»Ja, Frau Ödegaard«, wiederholte sie.
Die alte Frau schnaubte durch die Nase, sie glaubte offenbar kein Wort.
Verstohlen musterte Inger sie ihrerseits. Wie eine Märtyrerin der Mission sah sie nun nicht gerade aus. Dafür wirkte Frau Ödegaard viel zu rüstig. Sie war groß gewachsen und hielt sich sehr aufrecht, sodass ihr Busen genau auf Ingers Augenhöhe war, ein mächtiger Vorbau in einem altmodischen, lavendelfarbenen Twinset. Die freundliche Farbe passte so gar nicht zu dem Blick, mit dem die alte Frau Inger immer noch anstarrte, als wäre sie im Zweifel, ob sie sie wirklich hereinlassen sollte. Wie alt mochte sie wohl sein? Das Gesicht war von Falten durchzogen. Keine Runzeln, sondern tiefe, scharfe Furchen, so als trüge sie schon seit Jahren nur diesen einen Gesichtsausdruck: Missbilligung und Verachtung. Aber ein Urteil stand Inger nun wirklich nicht zu. Die alte Dame war sicher müde, schließlich war es spät am Abend. Doch insgeheim war Inger froh, dass sie Petronella im Garten gelassen hatte. Eine Ente, das spürte Inger deutlich, wäre hier noch weniger willkommen als sie selbst.
»Warte hier!«, befahl Frau Ödegaard schließlich. Nach kurzer Zeit kam sie mit einer kleinen Schüssel zurück, die mit Frischhaltefolie abgedeckt war und nach Fisch roch. Fischbrocken, erkannte Inger. Rohe Fischbrocken. Dorsch, wie es aussah. In der anderen Hand trug die alte Frau ein schwarzes Lederfutteral, das sie Inger reichte.
»Das ist dein Handy«, erklärte sie. »Ich kann ja wohl kaum die ganze Zeit durchs Haus rufen, wenn ich dich brauche, oder? Das Ladegerät liegt in der Küche. Los, los! Es ist spät, und wir wollen alle ins Bett«, kommandierte sie und stieg Inger voraus die Treppe hinauf. Doch nach ein paar Stufen drehte sie sich wieder um. »Ich habe vergessen, dir das Klo zu zeigen.« Frau Ödegaard stieß die Tür zum Keller auf und schaltete das Licht ein. »Unter der Treppe«, sagte sie nur.
Vorsichtig tastete sich Inger die steilen Stufen hinunter, die selbst unter ihrem geringen Gewicht knarrten und knacksten, und besuchte gehorsam den kleinen Verschlag unter der Treppe, gerade groß genug für eine Toilette und ein winziges Waschbecken.
»Das ist dein eigenes Badezimmer. Nur für dich«, verkündete Frau Ödegaard großspurig, als Inger wieder auftauchte. »Ich habe mein eigenes im ersten Stock.«
Als sie nun endgültig die Treppe hinaufstiegen, stellte Inger fest, dass die alte Frau offenbar Schmerzen beim Gehen hatte, denn bei jedem zweiten Schritt zog sie sich am Geländer hoch und stöhnte leise. In der ersten Etage hielt Frau Ödegaard an, zeigte auf die Tür zum Dachgeschoss und sagte: »Entschuldige, dass ich nicht mitkomme, aber du siehst ja, dass mir das Laufen Mühe macht. Du wirst dein Zimmer da oben schon finden. Es ist das mit dem Bett. Für heute gebe ich dir den restlichen Tag frei. Aber ich erwarte, dass du mir von morgen an zur Verfügung stehst. Gute Nacht.«
Sie verschwand mitsamt ihrem Fisch hinter einer der anderen Türen. Vermutlich ihr Schlafzimmer, dachte Inger, doch dann hörte sie es in dem Zimmer plötzlich kreischen, als wären dort Vögel. Vielleicht eher ein Hobbyraum? Oder eine Voliere? Wie Möwen hörte es sich an, die sich um Futter stritten. Schrille Vogelschreie. Schwere, schlagende Flügel. Schließlich ein letzter Schrei – und ein allerletzter. Nach ein paar Minuten war wieder Ruhe eingekehrt.
»Steh nicht dort draußen herum wie ein Idiot!«, rief Frau Ödegaard durch die geschlossene Tür. »Geh schlafen, habe ich gesagt!«
Inger wurde rot. Die erste Lehre aus dem Internat: Man lauschte nicht. Und wenn, dann ließ man sich nicht dabei erwischen. Leise öffnete sie die Tür zur Dachbodentreppe, tastete nach dem Lichtschalter und machte sich auf die Suche nach ihrem Schlafraum.
Der Dachboden war groß und zugig und vollgestellt mit Gerümpel. In dem Licht der schwachen Glühbirne, die von der Decke baumelte, konnte Inger gerade noch erkennen, dass im hinteren Teil zwei Kammern abgeteilt waren. Vorsichtig tastete sie sich durch den schmalen Gang zwischen alten Möbeln und unförmigen Bündeln hindurch. In dem ersten Raum standen Kisten und ein Stuhl mit zerbrochener Lehne. Im zweiten fand sie das versprochene Bett. Außerdem gab es einen Tisch, einen weiteren Stuhl und ein kleines Fenster, durch das etwas Licht hereinfiel, ehe sich die nächste Wolke vor den Mond schob. Insgesamt erinnerte die sparsame Einrichtung an ihre Schule, nur dass sie sich dort zu zweit ein Zimmer hatten teilen müssen. Dafür hatte es ausreichende Beleuchtung gegeben. Behutsam ging sie weiter in die Kammer hinein, setzte sich auf die Bettkante und wartete, bis ihre Augen sich an die Dunkelheit gewöhnt hatten. Auf dem Tisch stand ein Teller mit zwei Brotscheiben darauf. Daneben ein Glas Wasser. Ihr Abendessen. Wer mochte das hier hingestellt haben? Die alte Frau selbst war wohl kaum hier oben gewesen. Vielleicht eine gemietete Haushaltshilfe? Fragte sich nur, wann. Im Mondlicht glänzten die Brotscheiben trübe, als wäre altes Fett darauf, Butter wahrscheinlich, und das Brot war so trocken, dass sich die Ränder bereits nach oben wellten. Hier und dort war es von Mäusen angeknabbert. Jeder mit ein bisschen Verstand hätte das Essen wenigstens abgedeckt. Seufzend stellte Inger den Teller unter das Bett. Sollten die Mäuse ruhig auch den Rest haben. Dann trank sie das Wasser, hängte die nasse Jacke zum Trocknen über den Stuhl und kroch in den restlichen Kleidern unter die dünne Decke. Willkommen im neuen Heim.
Aufwachen war jeden Morgen eine Zumutung für Renate Ödegaard. In ihrem Alter. Und dann auch noch an der norwegischen Westküste. Was sollte man mit einem neuen Tag in einer Stadt, wo es ständig regnete? Wochenlang sah man die Sonne nicht. Dazu der ewige Wind. Jetzt im Spätherbst ging die Dunkelheit nur zögernd in eine feuchte, wolkenverhangene Dämmerung über, verweilte dort ein paar Stunden und sank dann in die Nacht zurück, wie eine verwöhnte Frau, die zu faul war, sich vom Sofa zu erheben, und am Ende einfach weiterschlief.
Renate Ödegaard seufzte. Wie gerne wäre sie … wäre sie … ja: wie gerne wäre sie Karen Blixen in Jenseits von Afrika. Stell dir vor, du würdest in einem Himmelbett aufwachen. Nicht nur wegen der Schönheit eines solchen Möbelstücks, sondern auch, damit nachts keine Spinnen oder Schlangen und sonst irgendein Ungeziefer auf dich fallen. An allen vier Seiten wolkiger Musselin. Aus dem gleichen Grund. Der Stoff bricht die grelle Morgensonne auf angenehme Weise. Noch angenehmer ist der Boy, der mit einer Tasse Tee neben dem Bett steht und auf deine Befehle wartet. Später wirfst du dir ein weißes Kleid über und trittst hinaus auf die Veranda, um über die Farm zu blicken. So weit das Auge reicht – alles deins. Die Kaffeebauern sind fleißig bei der Arbeit mit den Kaffeesträuchern. Sie lieben und ehren dich, denn vor hundert Jahren war der Kolonialismus noch in Ordnung. Nicht dieses dumme Geschwätz über Ungleichheit und Ausbeutung von Leuten, die keine Ahnung haben, aber alles besser wissen. Dein Mann ist weg, geschieden, Gott sei Dank, aber nachher kommt vielleicht Robert Redford zum Tee. Karen Blixen war wirklich eine glückliche Frau, mit einem Liebhaber, der selten zu Hause war und der einem nicht auf die Nerven ging. Und der zuvorkommenderweise mit dem Flugzeug abstürzte, ehe er Gelegenheit hatte, alt und lästig zu werden.
Wahrscheinlich war sie selbst einfach fünfzig Jahre zu spät geboren worden, um das zu erleben, dachte Renate. Denn ihre eigenen Jahre in Afrika waren sehr viel weniger romantisch gewesen. Ein Himmelbett hatte es schon mal nicht gegeben. Nur Moskitonetze, in die man sich nachts ständig verhedderte und an denen die blutigen Leichen zerquetschter Mücken klebten. Und Jens Ödegaard war ganz bestimmt kein Denys Finch Hatton gewesen, weder vom Aussehen noch vom Charakter her.
Obwohl sie das anfangs geglaubt hatte. Meine Güte, was war sie damals jung und dumm gewesen. Und so verliebt.
Jens war ihr wie ein nordischer Gott erschienen, als sie ihn in Heidelberg kennenlernte. Zugegeben, ein Gott mit etwas wenig Kinn und etwas wenig Haar, aber dafür mit einem bezaubernden skandinavischen Akzent und einer Fremdheit, die allen Mädchen die Knie weich werden ließen. Im Nachhinein konnte man sich natürlich fragen, ob das nicht der Hauptgrund für Renates Eifer gewesen war: Liebe aus Gier. Nur damit keine andere mit dem Norweger abzog. Nun, wen die Götter strafen wollen, dem erfüllen sie seine Wünsche. Renate hatte ihren Jens bekommen und damit ein Leben in Stavanger, einer Stadt, die man in den Sechzigerjahren bestenfalls als Provinz bezeichnen konnte. Vor fünfzig Jahren war ganz Norwegen tiefste Provinz, wenn man aus Deutschland kam, aber die südliche Westküste war die Provinz der Provinz. Rund um Stavanger hatte es nichts gegeben, was man der westlichen Zivilisation zurechnen konnte. Östlich der Stadt lag der Fjord, im Westen das offene Meer und nach Norden und Süden hin Felder voller Steine und Schafe. Da half es wenig, dass Renate jetzt Frau Doktor war und in den besten Kreisen der Gesellschaft verkehrte, denn selbst die besten Kreise waren miefig und provinziell, und das Wetter war hier noch schlechter als in Heidelberg, wo sich Regen und Nebel gerne in den Ausläufern des Odenwalds verfingen. Während in Deutschland das Wirtschaftswunder vom Stapel lief, schlossen in Stavanger die Werften und die Sardinenfabriken. Das Einzige, woran die Stadt damals reich war, war Glaube. Hier gab es wirklich alles: Zeugen Jehovas. Pfingstgemeindler. Adventisten. Die Heiligen der Letzten Tage. Noahs Arche. Innere Mission. Gemeinde des Wahren Wortes. In jedem kümmerlichen Wohnzimmer schienen irgendwelche Sekten Gottesdienste abzuhalten. Leute spendeten ihre letzten Kronen, sangen aus vollem Hals und sprachen öffentlich von ihrer Liebe zu Jesus. Renate war als anständige Katholikin aufgewachsen. Selbstverständlich ging sie an Weihnachten und Ostern in die Kirche und manchmal auch zur Beichte. Aber diese Zurschaustellung innerster Gefühle fand sie peinlich und anachronistisch. Man lebte doch nicht mehr im Mittelalter! Und hätte sie damals gewusst, dass auch ihr Jens sich einmal zum Missionar berufen fühlen würde, wäre sie noch vor dem Altar umgekehrt und hätte stattdessen ihre Ausbildung zur Bürokauffrau abgeschlossen.
Aber hinterher war man immer klüger.
Renate Ödegaard versuchte, eine bequemere Stellung im Bett zu finden. Alt werden war ein beschwerlicher Vorgang und sehr viel schmerzhafter, als sie sich das als junge Frau vorgestellt hatte. Unsinn. Ach, als junge Frau hatte sie gar nicht über das Alter nachgedacht. Junge Menschen waren immer nur mit dem Hier und Jetzt und mit sich selber beschäftigt. Renate schob sich das zweite Kissen unter den Kopf. Draußen regnete es schon wieder, und der Wind schlug in Böen gegen das Haus.
Seit bald zwanzig Jahren lebte sie nun schon wieder in Stavanger. Allerdings ohne ihren Jens. Der war in Afrika geblieben, mit einem hübschen Holzkreuz und sogar einem kleinen Zaun um die Grabstätte herum. Na, besser die Witwe eines ehemaligen Missionars als die Ehefrau eines mäßigen Hausarztes, denn Dr. Ödegaard hatte vielleicht den rechten Glauben besessen, aber ein guter Arzt war er leider nicht gewesen. Außerdem war es alleine friedlicher im Haus. Stiller. Irgendwie homogener, seit Jens ihr nicht mehr ständig widersprach.
Das einzige Problem war, anständiges Personal zu finden, aber das hatte nichts mit ihrem toten Ehemann zu tun, sondern mit der Wirtschaftslage. Natürlich waren gute Hausangestellte auch in der Mission eine immerwährende Herausforderung gewesen. Bis man sie endlich angelernt hatte, waren die meisten Mädchen ja schon wieder weg, dem Ruf ihrer Triebe gefolgt, die kleinen Nutten. Aber hier in Stavanger gab es überhaupt kein Dienstpersonal. Durch den Ölboom ging es den Leuten einfach viel zu gut. Im besten Fall fand man jemanden zum Putzen. Aus Polen kamen die, der Ukraine, Vietnam – ein internationales Potpourri aus unzuverlässigen, schlampigen Weibern, die weder der norwegischen noch der englischen Sprache mächtig waren. Aber ihren Arbeitgeber betrügen und bestehlen, das konnten sie allemal. Was für Gestalten hier schon aufgetaucht waren! Und alles andere außer putzen musste man sowieso selber tun: waschen, bügeln, Gartenarbeit, Essen kochen und hinterher die Küche aufräumen – es nahm kein Ende. In den letzten Wochen seit Margrete Ellingsens Ableben hatte Renate sich mühsam mit den Haushaltshilfen über Wasser gehalten, die eine Agentur in Kopenhagen vermittelte. Zu Preisen jenseits ihres Vorstellungsvermögens. Aber immerhin boten die Däninnen einen gewissen Allround-Service. Nein, hier in Stavanger, das war nicht das Leben, zu dem Renate Ödegaard geschaffen war. Außerdem wurde sie ja auch nicht jünger. Inzwischen wusste sie nur allzu gut, was mit dem Ausdruck »einsames Alter« gemeint war. Nicht die Witwenschaft – Jens konnte bleiben, wo der Pfeffer wuchs –, sondern diese Nächte, in denen einem alles wehtat und in denen die schlechten Erinnerungen den Bettpfosten hinaufkrochen wie Ungeziefer: Angst, Scham, Vergeblichkeit – ein Leben war eben lang, und alle machten Fehler, oder? Aber morgens zwischen drei und vier half einem diese Erkenntnis gar nichts, da war man alleine mit sich und seiner Reue. Wie gut wäre es da, wenn man jemanden hätte, mit dem man – nein, nicht seine Gedanken teilen. Renate Ödegaards Erinnerungen gingen niemanden etwas an. Aber jemanden, der einem einen Becher heiße Milch brachte oder eine Wärmflasche. Jemanden, den man ein bisschen beschimpfen konnte, bis es einem besser ging in dieser elenden, feuchten Stadt, die schon viel zu lange ihre Heimat war. Nun, Gott sei Dank, gestern Abend hatte endlich die Neue vor der Tür gestanden. Von heute an würde sie den Haushalt übernehmen mit allem Drum und Dran. Ein bisschen dünn war sie, und sie trug eine eigenartige Frisur. Aber Renate Ödegaard hatte schon ganz andere Mädchen gemeistert.
Die beiden Möwen am Fußende wurden allmählich unruhig. Sie schlugen mit den Flügeln und wollten ins Freie gelassen werden. Renate Ödegaard vergewisserte sich, dass der kleine Lederbeutel unter ihrem Kopfkissen noch an seinem Platz war, dann griff sie nach dem Handy auf ihrem Nachttisch, wählte, und als Inger sich endlich meldete, rief sie in das Gerät: »Hallo, Mädchen. Äh – Inger. Sofort kommen, hörst du? Sofort kommen!«
Ingers erster Gedanke am nächsten Morgen galt der Ente. Ob es ihr gut ging? Draußen dämmerte es allmählich, doch die Sonne würde erst in einer guten Stunde aufgehen. Erleichtert hörte sie, dass Petronella unten im Garten schnatterte, wahrscheinlich hatte sie gerade ihr morgendliches Ei gelegt, aber im Haus selbst war es noch totenstill. Am besten, Inger schliche sich hinunter, ehe jemand das Ei entdeckte. Von Petronella brauchte hier niemand etwas zu wissen.
In dem fahlen Licht, das durch das kleine Fenster in ihren Verschlag fiel, blieb die Kammer genauso schlicht wie am Abend zuvor. Das einzig Neue, was sie entdeckte, war ein schmaler Spind direkt hinter der Tür, in der dunkelsten Ecke, eingeklemmt zwischen Bett und Wand. In dem Spind fand Inger einen dunkelbraunen Rock und eine etwas hellere Bluse. Offenbar ihre Dienstkleidung, denn an einem Haken an der Innenseite der Schranktür hingen dazu noch eine weiße Schürze und ein kleines Häubchen. Inger schlüpfte aus Jeans und Pullover und stieg in die Uniform. Dann sah sie unglücklich an sich herunter. Nicht nur, dass die neuen Kleider kalt und klamm waren und ihr Gänsehaut verursachten, sie waren vor allem zu weit und zu lang. Wer immer diese Sachen vor ihr getragen hatte, war ein gutes Stück größer als Inger gewesen und außerdem kräftiger. Inger krempelte die Blusenärmel nach oben, band sich die Schürze fest um den Bauch, damit der Rock nicht rutschte, und steckte das Handy in die Schürzentasche. Sie drehte und wendete das Häubchen eine Weile, ehe sie es zurückhängte. Eine Uniform war schön und gut. Ihre gesamte Internatszeit über hatte Inger Uniform getragen. Das hatte auch seine Vorteile, denn in einer Schuluniform sahen alle gleich hässlich aus. Aber eine Uniform, die viel zu groß war, zusammen mit Kniestrümpfen und verschossenen Halbschuhen – ausgeschlossen, dazu auch noch ein gestärktes weißes Häubchen zu tragen. Vor allem nicht, wenn man seit Neuestem so schönes Haar hatte.
Inger fischte den Teller mit ihrem gestrigen Abendessen unter dem Bett hervor. Irgendetwas hatte weiter an den Broten herumgenagt. Inger lächelte. Immer schön, wenn man jemandem eine Freude bereiten konnte, selbst wenn es nur eine Maus war. Leise stieg sie die Treppe hinunter.
Im Erdgeschoss war es so still wie im übrigen Haus. Inger öffnete die Tür zur Küche – wo Frau Ödegaard gestern den Fisch geholt hatte – und sah sich um. Der Raum war altmodisch groß und sehr gut ausgestattet mit einem neuen Herd, Kühlschrank mit Gefriereinheit, Mikrowelle, Spülmaschine, Küchenmaschine, Toaster und wahrscheinlich noch viel mehr in den Schränken, aber er war auch sehr dreckig. Nicht nur im Spülbecken, sondern auch auf allen Ablageflächen stand schmutziges Geschirr. Dazwischen Krümel, leere Milchpackungen, angebrochene Joghurtbecher, verschütteter Reis, verstreute Nudeln. In der Mikrowelle war irgendetwas explodiert und die Tür von innen völlig verklebt. Vom Küchentisch sah man nur die Beine, denn die Tischplatte verschwand unter einem Berg von Wäsche, die offenbar zum Bügeln hier abgelegt worden war von jemandem, der keine Lust hatte, das Bügeln selbst zu übernehmen. Kein Wunder, dass Frau Ödegaard darauf gedrungen hatte, Inger so bald wie möglich nach Stavanger zu schicken. Sie machte einen Schritt in den Raum hinein. Unter ihrem Schuh knirschten Krümel, und etwas Weiches zerplatzte. Eine eingelegte Kirsche? Eine Olive? Nun, die Küche konnte noch ein bisschen warten. Inger würde erst einmal schauen, wie man unbemerkt in den Garten kam.
Auf der anderen Seite des Flurs gab es ein Büro und zur Südseite hin einen riesigen Wohnraum und ein kleineres Speisezimmer mit einer großen Terrasse davor. Im Gegensatz zur Küche wirkten diese Räume völlig unbenutzt. Schwer vorstellbar, dass dieses Haus einmal voller Menschen und Leben gewesen war. Jetzt waren die Zimmer ungeheizt, und die Luft war staubig und dumpf. Inger versuchte, durch das Speisezimmer nach draußen zu kommen, doch die Terrassentür hatte sich durch die Feuchtigkeit im Rahmen verzogen. Inger rüttelte und schob, bis es ihr endlich gelang, die Tür so weit aufzustoßen, dass sie sich durch den Spalt zwängen konnte. Von dort führte eine Freitreppe hinunter in den Garten, wo Petronella bereits ungeduldig auf sie wartete.
Enten konnten nämlich durch Fenster sehen, hatte Inger festgestellt. Während andere Tiere sich nicht um Menschen kümmerten, solange man sie nicht hören oder riechen konnte, erkannte Petronella genau, was in einem Haus vor sich ging. Mit zur Seite gedrehtem Kopf, das eine Auge auf Inger fixiert, hatte sie kritisch verfolgt, wie sich diese mit der Tür abmühte, bis sie sich endlich durch den Spalt zwängen konnte. Jetzt begrüßte die Ente Inger mit einem durchdringenden Quak-quak-quak-quak-quak.
»Psst. Leise!« Inger warf Petronella Brot von dem Teller zu, den sie noch immer in der Hand hielt, und lockte sie dann mit dem Rest tiefer in den Garten hinein, zwischen die Büsche, wo Petronella vor Blicken aus den Fenstern im ersten Stock geschützt war. Die Ente folgte ihr gierig, und als das Brot aufgebraucht war, stöberte sie mit ihrem Schnabel weiter in dem welken Laub, auf der Suche nach Schnecken und Würmern, und auch weil das Graben mit dem Schnabel etwas war, was Enten so taten, wenn sie nicht gerade eines ihrer vielen Nickerchen hielten. Regen und Wind machten ihr nichts aus. Im Gegenteil, Petronella gefiel die milde, feuchte Luft hier am Meer sehr viel besser als die trockene Kälte östlich der Berge. Doch Inger klebte in dem feinen, ständigen Regen die Bluse bereits an den Schultern. Am besten, sie suchte Petronellas Ei und ging rasch wieder ins Haus. Der Garten war sehr groß mit hohen alten Bäumen und riesigen Rhododendronbüschen, die vor Nässe trieften und tropften, doch schließlich fand Inger das Ei direkt unter ihrem Fenster, an der östlichen Giebelseite des Hauses. Es war sogar noch etwas warm. Rund und angenehm schmiegte es sich in ihre Hand, ein tröstlicher Gruß der Ente, die immer noch schrecklich beschäftigt in der Erde wühlte, als wäre sie aus irgendeinem Grund spät dran. Das erinnerte Inger, dass auch sie sich besser beeilte. Schließlich war sie das neue Hausmädchen, und offensichtlich gab es genug zu tun.
Inger begann ihren Dienst im Hause Ödegaard damit, den Kühlschrank und die Speisekammer zu inspizieren. Den Kühlschrank musste man natürlich mit Essigwasser auswaschen, und die Speisekammer würde Inger bei Gelegenheit komplett ausräumen und neu sortieren müssen. Doch ansonsten war sie angenehm überrascht: Beides war gut gefüllt und von einer Auswahl, die Inger – nun, Inger war es gewohnt, bescheiden zu essen. Zu Hause in Klepp sowieso. Schließlich waren sie acht Kinder gewesen, die ernährt und gekleidet werden mussten, und außerdem war es in der Gemeinde des Wahren Wortes nicht üblich gewesen, zu völlen. Irdische Güter lenkten den Blick nur von der Unendlichkeit Gottes ab, sagte der Vater, und das Geld, um sie zu erwerben, war viel besser in der Gemeindekasse aufgehoben, in die ein jeder spendete, was immer er erübrigen konnte (und wo ein jeder peinlich darauf achtete, was der Nebenmann gab).
Auch im Internat war Mäßigung eines der beliebtesten und meist gebrauchten Worte gewesen. Selbst im Kochunterricht, wenn sie lernten, Sauce Hollandaise an grünem Spargel oder Cordon bleu mit Kroketten zu machen, wurde nur eine einzige Portion zubereitet, die die Schülerinnen sich dann teilen mussten. Für jeden ein Gäbelchen zum Probieren, damit man wusste, wie so etwas schmeckt, und wer sich am besten benommen hatte, durfte den Topf auskratzen.
Doch hier gab es dreierlei Sorten Käse, Butter mit und ohne Salz, Himbeerjoghurt und Erdbeerjoghurt und Joghurt mit Moltebeeren und solchen mit Pflaume, Saft, Sahne, Brot, Knäckebrot, Cracker, Kekse, Schokolade. Außerdem natürlich Wurst, Salami und Hackfleisch (aber Inger aß kein Fleisch, also war ihr das egal), geräucherten Lachs in Scheiben und Krabben in Salzlake und die ersten Mandarinen der Saison. Marmelade, Honig, Schoko-Aufstrich. Inger knurrte der Magen. Schließlich hatte sie seit dem Lunchpaket gestern im Bus – zwei Brote, dünn mit Margarine bestrichen, und dazu ein schrumpeliger Apfel – nichts mehr gegessen. Ob sie sich hier einfach bedienen durfte? Oder sollte sie sicherheitshalber erst einmal nur Petronellas Ei kochen? Das würde niemand vermissen.
Während Inger in den Schränken noch nach einem Topf für ein hartgekochtes Ei suchte, begann es neben ihr schrill zu klingeln. Ein Wecker? Nur wo? Erst dann fiel ihr ein, dass sie ja jetzt ein eigenes Handy besaß. Sie fischte es aus der Tasche und fummelte hektisch an dem Etui herum, bis sie das Gerät endlich in der Hand hielt. Da hatte es bestimmt schon zehnmal geläutet. »Bei Ödegaard. Hier ist Inger«, meldete sie sich atemlos.
»Hallo, Mädchen. Äh – Inger«, hörte sie Frau Ödegaard rufen. »Sofort kommen, hörst du? Sofort kommen!«
Inger stürzte so hektisch aus der Küche, dass sie sich das Schienbein anschlug, als sie die Treppe hinaufrannte.
Frau Ödegaard saß in ihrem Bett und wischte ungeduldig auf einem Tablet herum. Als Inger ins Schlafzimmer stolperte und sich an einem Knicks versuchte, so wie sie es im Internat gelernt hatte, blickte sie auf und sagte unwirsch: »Lass den Unsinn! Mach lieber das Fenster auf, damit Frank und Knut nach draußen können. Und dann räum den Dreck dort weg.« Sie zeigte auf ihr Fußende.
