Die Wütenden - Anja Melzer - E-Book

Die Wütenden E-Book

Anja Melzer

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Beschreibung

„Ich weiß, dass es falsch ist, aber ich muss immer noch an den Dschihad denken“

Warum radikalisieren sich Jugendliche, die in Österreich, Deutschland oder Frankreich aufwachsen? Was muss passieren, um weitere dschihadistische Anschläge zu verhindern? Fabian Reicher und Anja Melzer geben authentische Einblicke in die Wirkungsweise der Propaganda des sogenannten Islamischen Staates und ihre Anziehungskraft auf europäische Jugendliche. Anhand von fünf Biografien radikalisierter Jugendlicher beschreiben sie, wie es gelingt, mit Kenntnis der Vorgehensweisen und den richtigen Methoden beim Ausstieg aus der vermeintlich attraktiven Jugendsubkultur zu helfen.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 341

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Ebook Edition

Fabian Reicher & Anja Melzer

Die Wütenden

Warum wir im Umgang mit dschihadistischem Terror radikal umdenken müssen

Illustrationen by Calimaat

Titel und Cover inspiriert vom Film Die Wütenden – Les Misérables von Ladj Ly

Mehr (pädagogische) Materialien, Texte, Hintergründe unter:

www.diewuetenden.com

Instagram: @diewuetenden

Mehr über unsere Autoren und Bücher:

www.westendverlag.de

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

ISBN 978-3-86489-859-4

© Westend Verlag GmbH, Frankfurt/Main 2022

Umschlaggestaltung: Calimaat

Satz und Datenkonvertierung: Publikations Atelier, Dreieich

Druck und Bindung: CPI – Clausen & Bosse, Leck

Printed in Germany

Für Ðenifer

PROLOG: Die Nacht

Montag, der 02.11.2020, mitten in Wien. Die letzten Monate waren schwer genug, doch das Schlimmste in diesem wahnsinnigen Corona-Jahr 2020 sollte den Bewohner:innen dieser Stadt erst noch bevorstehen. Dieser Montagabend war insofern auch besonders, da nur noch wenige Stunden der Freiheit übrig waren, bevor ab Mitternacht wieder Ausgangsbeschränkungen im ganzen Land gelten und alle Geschäfte, Lokale und Restaurants schließen sollten.

Es war ein ungewöhnlich lauer Abend, auch darum waren die Außenbereiche sämtlicher Kneipen (in Wien nennen wir sie »Beisln«) bis auf den letzten Platz gefüllt. Laute Stimmen, gelöstes Lachen, das gefährliche Virus schien für einen Moment fast vergessen. Weltuntergangsstimmung auf Wienerisch, irgendwo zwischen Hektik und Ausgelassenheit, Zynismus und Grant – noch ahnte niemand, was in dieser Nacht über Wien hereinbrechen sollte.

Ich war der Letzte im Büro. Direkt unter meinem Fenster fließt der Donaukanal und teilt die Stadt. Auf der gegenüberliegenden Seite befindet sich der Schwedenplatz und das sogenannte Bermudadreieck mit den vielen kleinen Bars und Nachtlokalen. Dahinter baut sich der erste Bezirk auf, das Zentrum von Macht, Reichtum und Erfolg. Auch wenn die Wiener Innenstadt keine Skyline hat – wer es »geschafft hat«, lebt und arbeitet hier. Doch auch wenn mein Büro in Sichtweite dieses Glanzes liegt – meine Arbeit führte mich in den vergangenen Jahren immer hinaus an die Ränder der Stadt, in die sogenannten »Brennpunktbezirke«. Und wenn ich ehrlich bin: Dort fühle ich mich auch wohler.

Es wurde gerade dunkel, nur meine Schreibtischlampe leuchtete noch hell. Kurz nach 20 Uhr ertönte plötzlich eine Polizeisirene, dann noch eine, und dann ganz viele auf einmal. Eine Lautsprecherdurchsage folgte, aber ich konnte das Gesagte nicht verstehen. Wenige Augenblicke später war mein gesamtes Büro in Blaulicht getaucht.

Ich blickte aus dem Fenster. Dort drüben am anderen Ufer standen überall Polizeiautos. Das hier ist etwas Großes, dachte ich mir sofort. Hastig nahm ich mein Handy, öffnete im Browser »oe24.at« – Österreich, die wohl schlimmste aller österreichischen Boulevardzeitungen. Im Vergleich dazu könnte die deutsche BILD beinahe als Qualitätsmedium durchgehen. Doch genau deshalb hat die Zeitung meist auch die allerschnellsten Schlagzeilen. Und da war sie auch schon: »Schüsse am Schwedenplatz«. Und direkt darunter: »Terroranschlag«.

Ein Terroranschlag? Hier in Wien, direkt gegenüber? Das wird alles verändern, schoss es mir durch den Kopf. Das, womit ich mich die letzten zehn Jahre meines Berufslebens intensiv beschäftigt hatte, spielte sich gerade vor meinem Fenster ab. Der erste dschihadistische Anschlag in Wien.

Meine Gedanken überschlugen sich. Panik kroch in mir hoch. »Hoffentlich war es keiner von meinen Jungs«, dachte ich und zuckte fast in der gleichen Sekunde innerlich zusammen. Durfte ich so etwas überhaupt denken, meinen Schützlingen derart misstrauen? Ich musste. Im Kopf ging ich alle meine Fälle durch … hatte ich eventuell irgendwas übersehen? Nein, das war doch unmöglich … Oder?

Ich bin Jugendsozialarbeiter im Bereich der Extremismusprävention, der Ausstiegs- und Distanzierungsarbeit. Ich arbeite mit Jugendlichen, die extremistische Positionen und Vorstellungen in ihr Weltbild übernommen haben. »Die auf den ersten Blick einfachste Betrachtungsweise der Deradikalisierung ist die als Umkehrung des Prozesses, durch den eine Person zum Extremisten wurde.«1 So beschreibt der deutsche Politikwissenschaftler und Terrorismusforscher Peter Neumann den Prozess der Deradikalisierung.

Aber was heißt das eigentlich? Und wie soll das gehen, kann man Jugendliche überhaupt deradikalisieren?

Es gibt zahlreiche Antworten auf diese Fragen, aber auch viele Missverständnisse. Die meisten »Terrorexpert:innen« und »Islamkritiker:innen«, die die Diskussion in den letzten Jahren dominierten, haben immer wieder denselben, entscheidenden Fehler gemacht: Sie reden über die Betroffenen – aber nicht mit ihnen. Ihre Erfahrungen, ihre Selbstbilder, ihre Vorstellungen – diese Themen werden im Diskurs über »Islam und Terror« vernachlässigt. Aber genau dort finden wir die wichtigsten Antworten auf die Frage, was zum Beispiel einen jungen Mann in Paris dazu bringt, einen Lehrer zu ermorden, der seinen Schüler:innen im Rahmen einer Unterrichtsstunde über Meinungsfreiheit Mohammed-Karikaturen zeigte. Dieses Attentat lag an diesem Abend erst wenige Wochen zurück.

Eines ist klar: Es gibt keine einfachen Antworten. Die Welt ist nicht schwarz-weiß, sie ist unglaublich komplex, so auch bei diesem Thema: Es gibt viele Wege in den Dschihad. Alle Jugendlichen, mit denen ich während der letzten Jahre gearbeitet habe, hatten ihre individuellen Wege, die zum Einstieg und später auch zum Ausstieg aus der extremistischen Szene führten. Was aber alle Geschichten miteinander verbindet, sind die immer gleichen gesellschaftlichen Rahmenbedingungen. Wiener Innenstadt oder »Brennpunktbezirk«, davon hängt viel ab. Für diese Jugendlichen, mit denen ich arbeite, steht die Frage »Wer will ich sein?« meist hinter »Wer kann ich überhaupt sein?« Und das macht einen großen Unterschied.

Es gibt noch eine weitere Gemeinsamkeit, nämlich (marginalisierte) Männlichkeitskonstruktionen, also Bilder davon, was es heißt, »ein echter Mann« zu sein.2 Die Welt ist geprägt von patriarchalen und vergeschlechtlichten Strukturen, was zu Benachteiligung von Frauen, Lesben, Nichtbinären und Transpersonen auf fast allen Ebenen führt – keine Frage.

Aber auch junge Männer leiden unter diesen Strukturen, unter jenen männlichkeitsbezogenen Bildern, denen sie glauben entsprechen zu müssen. Es sind zum allergrößten Teil Jungen und Männer, die sich extremistischen Gruppierungen anschließen. Und da ich persönlich nur mit Jungs zu diesem Thema wirklich intensiv gearbeitet habe, kann ich auch nur über ihre Welt authentisch berichten. Manches davon funktioniert möglicherweise auch in der Arbeit mit jungen Frauen oder Erwachsenen.

Die Geschichte, die ich hier erzählen will, ist nicht nur meine Geschichte. Es ist die Geschichte von Menschen, deren Stimmen viel zu wenig gehört werden. Begonnen hat alles mit der Durchsicht meiner Mitschriften, Protokolle und den Kommunikationsverläufen diverser Messenger. Die daraus entnommenen wörtlichen Zitate und Aussagen sind kursiv gekennzeichnet und bilden den Kern dieses Buches. Es ist die Geschichte von Dzamal, Outis, Adam, Sebastian, Aslan und anderen, die ich über die letzten Jahre als Sozialarbeiter begleiten durfte. Um sie nicht zu gefährden, haben sie sich für diese Geschichte selbst Pseudonyme gegeben. Jeder von ihnen hat sein eigenes Kapitel, das er kennt und bei dem er hinter dem Gesagten steht.

Es ist eine Geschichte über eine Welt, die von Boulevardmedien gerne als »Parallelgesellschaft« bezeichnet wird. Meine Perspektive ist eine andere: Als Jugendsozialarbeiter muss ich immer auf der Seite der Jugendlichen stehen, anders ist diese Arbeit nicht möglich. Das bedeutet natürlich nicht, dass ich all ihre Ansichten und Positionen unterstütze – ganz im Gegenteil, viele davon stehen den meinen diametral gegenüber, zumindest zu Beginn unserer Arbeit.

In den letzten zehn Jahren habe ich versucht, in ihre Welt einzutauchen, sie zu verstehen und gemeinsam mit ihnen Antworten auf Fragen rund um den Diskurs »Islam und Terror« zu finden. Dafür war es manchmal notwendig, den eigenen Rahmen, mit all den Bildern und Vorstellungen, den bekannten pädagogischen Konzepte und gängigen sozialarbeiterischen Methoden, zu verlassen und Neues auszuprobieren – in die schwierigen Grauzonen zu gehen. Manches davon hat funktioniert, manches nicht, über beides möchten wir schreiben. Fest steht: Ich habe viel von den Jungs gelernt. Es ist daher vor allem unsere gemeinsame Geschichte.

Was mir an jenem Novembertag 2020 auch sofort bewusst wurde: Die nächste Zeit würde richtig anstrengend für mich werden. Ein bisschen schämte ich mich zwar für diesen Gedanken, nur wenige Meter entfernt von meinem sicheren Büro waren gerade Menschen erschossen worden. Die Anschläge von Dresden, Nizza und Paris lagen nur wenige Wochen zurück. Vor allem die Ermordung des Lehrers Samuel Paty hatte etwas in mir ausgelöst. Ich begann an meiner Arbeit zu zweifeln. Ein Lehrer, der in den Banlieues unterrichtet hatte, an den Rändern der Stadt, auf offener Straße enthauptet, mitten am Tag. Auch wenn ich es damals ungern zugeben wollte, nahm ich es irgendwie persönlich. Der Terrorist hatte mir und meiner Lebensweise den Krieg erklärt. Hatten diverse »Islamkritiker:innen« mit ihren Thesen um einen angeblichen »Kampf der Kulturen« doch recht?

Denn auch die Jugendlichen reagierten anders auf diesen Fall, einige von ihnen rechtfertigten den Mord: »Samuel Paty hatte die Ehre des Propheten beleidigt, das können wir uns nicht gefallen lassen!« Die Gespräche waren so schwierig wie selten zuvor. Es fühlte sich ähnlich an wie damals – wie nach dem Anschlag auf die Redaktion von Charlie Hebdo. Und jetzt der erste dschihadistische Terroranschlag in Wien. Das würde alles verändern.

Es war genau 20:22 Uhr. Mein Handy vibrierte. Eine Nachricht von Aslan. Er schrieb: »Wallah, diese dreckigen Dawla-Hundesöhne!1Die Konsequenzen müssen wir dann wieder tragen. Das wird furchtbar werden.«2 Er war zu diesem Zeitpunkt gerade unmittelbar in der Nähe des Schwedenplatzes, ein Lokalbesitzer hatte ihn und einen Freund reingeholt, als die ersten Schüsse fielen. »Jetzt ist erst mal wichtig, dass ihr sicher nach Hause kommt, dann überlegen wir uns was!«, antwortete ich ihm. Es dauerte nur ganz kurz, bis eine weitere Nachricht von ihm kam. »Wir müssen uns was richtig Gutes überlegen«, schrieb Aslan. Ich hielt mein Handy in der Hand, langsam begann ich zu tippen: »Ich fürchte, du hast recht.«

Ich konnte die Schlagzeilen auf OE24 und Konsorten schon vor mir sehen: »Jetzt aber Schluss mit der falschen Toleranz!« Oder: »Mit voller Härte des Gesetzes«, und so weiter. Und das in Österreich, dem Land mit den wohl härtesten Antiterrorgesetzen Europas. Zwanzig Jahre sogenannter Krieg gegen den Terror, zehn davon arbeite ich in diesem Bereich, in der Gewalt- und Extremismusprävention. Es ist nichts besser geworden, ganz im Gegenteil. Die Strategie des sogenannten Islamischen Staates geht auf. Vielleicht wäre es endlich Zeit umzudenken?

In diesem Moment und jener Nacht beschloss ich, die Kriegserklärung der Terroristen nicht anzunehmen – und wir begannen dieses Buch zu schreiben.

KAPITEL 1:Die Jungs von der ­Donaupromenade

Der Herr der Fliegen

Mein erster Sommer »auf der Straße«. Alles war aufregend und neu. Damals dachte ich, mein Weg hätte mich bereits ans Ziel gebracht, dass ich angekommen wäre in meiner Welt als Sozialarbeiter. Meine Chefin Mella hatte mich ein Jahr zuvor ins Team von Back Bone geholt, die Mobile Jugendarbeit in der Brigittenau, einem der kleinsten und ärmsten Bezirke in Wien, aber auch dem schönsten, jedenfalls für mich. Über 85 000 Menschen leben auf dieser kleinen Insel zwischen Donau und Donaukanal. Eine Insel der Seligen? Nicht ganz.

Das Konzept der Mobilen Jugendarbeit wurde in den frühen Neunzigerjahren bekannt.1 Damals ging ein Ruck durch die rechtsextreme Szene in ganz Deutschland. Die Wiedervereinigung funktionierte nirgends so gut wie in diesem Milieu. Als die Mauer fiel, fingen auch die Neonazis wieder an zu träumen: von der Braunen Revolution, einem Systemsturz, der zentral in ihrer Version der Geschichte von der Überlegenheit der Weißen, der großen rechtsextremen Erzählung, ist. Aus ganz Deutschland und auch aus Österreich sammelten sie sich. Gottfried Küssel, der bis heute als einer der aktivsten Neonazis der Alpenrepublik gilt, war damals schon dabei. Die Mission: Eine Gefolgschaft für ihren Traum zu gewinnen, für ein vereinigtes, nationalsozialistisches Deutschland. Im Vakuum der Wendejahre schien auf einmal alles möglich.

Und tatsächlich: Es gelang ihnen, Jugendliche für diese Vorstellung zu begeistern. Was folgte, war eine Welle der Gewalt. Stra­ßen­schlachten, Morde, Angriffe auf Asylbewerber:innenheime. Hoyerswerda, Rostock-Lichtenhagen, Cottbus-Sachsendorf, die progromartigen Gewaltexplosionen in diesen Orten verschwanden leider viel zu schnell von den Titelseiten der großen Zeitungen.

»Baseballschlägerjahre«, vor allem in den Boulevardmedien wird diese Zeit heute so genannt. In der allgemeinen Diskussion war man sich schnell einig: Benachteiligung und Desillusionierung waren die Gründe für die rechtsextreme Orientierung und Gewaltbereitschaft so vieler Jugendlicher. Mit dem damals gerade neu etablierten westdeutschen Konzept der Mobilen Jugendarbeit wollte man die »armen, ungebildeten Ostjungs« erreichen und sozialarbeiterisch unterstützen und machte dabei Fehler, die in der Diskussion über die Geschichte von der Überlegenheit der Weißen leider immer noch eine wesentliche Rolle spielen. Dazu später mehr.

Im sich gerade erst entwickelnden Feld der Extremismusprävention gab es viel wertvolle Kritik.2 Das Konzept der Mobilen Jugendarbeit blieb, der Ansatz wandelte sich, schaffte es wenig später auch nach Wien und blieb bis heute bestehen Die »Baseballschlägerjahre« waren zwar vorbei, aber es gab genug zu tun. Unser Job als Streetworker:innen: auf der Straße sein. Jugendliche erreichen, die schwer erreichbar sind. Mit ihnen in Beziehung gehen. Vertrauen aufbauen. Da sein, wenn sie Hilfe brauchen, sei es bei Arbeitslosigkeit, bei Problemen in der Schule oder bei Stress zu Hause. Doch es ging um noch viel mehr: Nämlich auch darum, ihnen positive Erfahrungen zu ermöglichen, beispielsweise durch das Organisieren von Fußballturnieren oder Ausflügen. Die Hauptaufgabe ist, Jugendliche durch die Adoleszenz und all den Wahnsinn dieser Zeit zu begleiten. Das klingt vielleicht einfach, aber das ist es nicht. Ganz und gar nicht.

An einem Abend im Jahr 2012 sollte sich vieles ändern in meiner Welt. Wirklich verstanden habe ich das jedoch erst viel später. Ich erinnere mich noch genau an die erste Begegnung mit Yasin, Aslan, Adam, Outis, Dzamal und den anderen Jungs. An diesem Tag war ich mit meiner Kollegin Birgit auf Streetwork. Wir spazierten gerade auf der Donaupromenade entlang, dem wohl schönsten Arbeitsplatz der Welt. Die Sonne ging schon unter. Eigentlich wollten wir nach einem langen Tag endlich Feierabend machen. Doch daraus wurde nichts.

Wir sahen sie schon von Weitem: Outis, Dzamal und Aslan saßen auf der Bank, Yasin stand vor ihnen, er nahm gerade einen tiefen Zug von seiner Zigarette. Links neben ihm hockte Adam. Vor jedem diese typische Spucke-Pfütze, rundherum leere, verbeulte Energydrink-Dosen und riesige Haufen Sonnenblumenkernhülsen. Kein ungewöhnliches Bild für Wiener Jungs ihres Alters. Doch etwas an ihnen stach hervor: ihre Kleidung. Wir schauten genauer hin: Jack-Wolfskin-Jacken. Und das im August. Birgit und ich waren im T-Shirt unterwegs. Dazu Cargo-Hosen im Camouflage-Look, die sie alle über die Knöchel aufgekrempelt hatten. Ein paar trugen »Dschallabija«, eine Art Kleid für Männer, eine traditionelle Kleidung in vielen mehrheitlich muslimischen Ländern. Birgit und ich, unwissend wie wir waren, tippten spontan auf eine neue Modeerscheinung, für die wir schon zu alt waren.

Als wir uns näherten, präsentierte Adam den anderen gerade etwas auf seinem Handy. Die gesamte Aufmerksamkeit der Gruppe war auf den kleinen Bildschirm in seiner Hand gerichtet, die Jungs schienen förmlich damit zu verschmelzen. Sie waren in ihrer eigenen Welt und bemerkten uns gar nicht.

Ich gebe es zu: Es ist gar nicht so einfach, fremde Menschen anzusprechen. Das geht nicht nur anderen so, auch für Sozialarbeiter:innen ist es stets eine Überwindung. Aber da müssen wir durch, es ist unser Job. Dieser kleine Hauch von Unsicherheit schwingt immer mit: Wie werden sie reagieren? Ablehnend? Aggressiv?

Birgit und ich sprachen uns ab, dann gingen wir auf sie zu. Jetzt gab es kein Zurück mehr. Ich war nervös, schluckte kurz. »Hallo«, sagte ich, »ich bin Fabian, Sozialarbeiter bei der Jugendarbeit hier im Bezirk.« Ich hatte es geschafft, meine Stimme zu kontrollieren. Vorsichtig streckte ich Yasin meine Hand entgegen. Er sah von dem Bildschirm auf und musterte mich von oben bis unten. Dann trafen sich unsere Blicke. Eine Mischung aus Langeweile und geladener Feindseligkeit lag in seinem. Ich zuckte innerlich zusammen, versuchte mir aber nichts anmerken zu lassen. Meine Hand blieb ausgestreckt, hing aber noch immer einsam in der Luft. Er schaute zu den anderen, dann wieder zu meiner Hand. Es fühlte sich an wie eine halbe Ewigkeit. Endlich nahm er sie an. Und dann drückte er richtig hart zu. »Yasin«, sagte er kurz, sein Blick blieb gesenkt. Erleichtert atmete ich aus. Wir begrüßten uns alle gegenseitig. Hier, wie wir da standen, am Donauufer im 20. Bezirk, hat alles begonnen. Einige von diesen Jugendlichen begleite ich bis heute.

In diesem Sommer sollten wir sie fast täglich an ihrem Ort auf der Promenade besuchen und langsam tiefer in ihre Welt eintauchen, in ihre Welt des Kampfes. Denn in Wahrheit war es eigentlich immer dasselbe Bild: Sie hingen gelangweilt herum. Leicht ablenkbar, immer auf der Suche nach irgendeiner Action, nach dem nächsten Kick. Die meiste Zeit sahen sie sich Videos auf ihren Handys an. Deutschrap, Hollywood, Bollywood, oder kurze Clips aus weit entfernten Kriegsgebieten, aus Afghanistan, Tschetschenien und Bosnien, wie sie uns erklärten. Es gab nur eine Gemeinsamkeit: In all diesen Videos wurde immer gekämpft. Auch sie selbst betrieben allesamt Kampfsport. »Mixed Martial Arts«, ein Vollkontaktsport, bei dem fast alles erlaubt ist, war gerade richtig groß geworden, sie waren wie besessen davon.

Um sich herum hatten die Jugendlichen eine Mauer aus Gewalt und Härte aufgebaut. Sie mussten sich ständig beweisen. Wer schafft die meisten Liegestütze? Wer schafft den höchsten Highkick? Wer schlägt härter zu? Eine knisternde Anspannung lag ständig in der Luft. Es war unglaublich anstrengend. Gegenseitiges Anmachen. Gegenseitiges Austesten. »Fick deine Mutter, du Hurensohn!« Sie reagierten äußerst explosiv, wenn ihre Grenzen überschritten wurden. Vor allem dann, wenn ihre Männlichkeit infrage gestellt wurde. Das war das Allerschlimmste. Wo genau diese Grenze lag, war uns dabei nie ganz klar. Und ich glaube, nicht einmal ihnen selbst.

Aus Spaß wurde Ernst, ganz schnell. Ein falscher Kommentar innerhalb der Gruppe oder auf einer Facebookseite genügte und schon ging es los. Und zwar so schnell, dass wir es oft gar nicht mitbekamen. Innerhalb von Sekunden waren sie weg und ließen uns verwundert zurück, zwischen den Spucke-Pfützen, den leeren Energydrink-Dosen und den Haufen von Sonnenblumenkernhülsen. Was dann folgte? Zerbrochene Fensterscheiben oder beschmierte Polizeiautos. Manchmal kam es auch zu Kämpfen mit anderen Gruppen. »Wallah, Adrenalin ist einfach das beste Gefühl«, da waren sie sich alle einig. Furchtlose junge Löwen, echte Männer, die bereit waren, sich auf jeden Kampf einzulassen. So sahen sie sich selbst in diesem Sommer.

Warum, könnte man an dieser Stelle fragen, haben so viele Jungs diesen unglaublichen Drang, Grenzen zu durchbrechen, dauernd verrückte Dinge zu tun? Die Antwort ist simpel: Sie müssen es tun. Mit dreizehn Jahren betreten wir eine Welt, die wir erst mit neunzehn wieder verlassen – die Adoleszenz.3 Es ist eine leidenschaftliche, unmittelbare Zeit, voller Träume, Fantasien und Utopien. Und natürlich ganz viel Drama – quasi eine Mischung aus Soap Opera und Actionfilm.

In dieser Zeit sind junge Männer auf der Suche nach ihrer eigenen Wahrheit, danach, wer sie sein wollen. Sie entwerfen Bilder, und zwar Bilder von sich selbst, Bilder davon, was es heißt, ein »echter Mann« zu sein. Was sie selbst dabei nicht bemerken: Diese Bilder können am Ende nur unerreichbar sein. Sie sind viel zu groß, um ihnen entsprechen zu können, bräuchte man surreale Superkräfte. Und genau das verursacht Stress.

Getrieben von ihren Hormonen und dem Wunsch nach Anerkennung, bewegen sich viele Jungs in diesem Alter zumeist in Horden, wenn sie durch die Straßen und Einkaufszentren ziehen oder in Parks und Bahnhöfen abhängen. An den meisten dieser Orte sind sie nicht wirklich willkommen. Wo sie auftauchen, sind sie nicht erwünscht, und das merken sie.

Aber warum stören uns Gruppen von pubertierende Jungs im öffentlichen Raum eigentlich oft so? Die einfachste Antwort ist: Wir hätten gerne, dass sie sich anders verhalten. Nicht so laut, nicht so wild, nicht so gewalttätig – lieber so wie die meisten Mädchen in ihrem Alter. Unser Bild auf Gruppen von jungen Männern ist geprägt von Büchern wie Der Herr der Fliegen. William Golding erfand diese Geschichte 1951 – sein Roman verkaufte sich millionenfach, wurde in mehr als dreißig Sprachen übersetzt und gilt heute noch als Jugendbuchklassiker. 1963 wurde das Buch zum ersten Mal verfilmt, 1990 erfolgte eine Neuverfilmung. Wie so viele andere habe auch ich den Film in der Schule gesehen. Er hat mich entscheidend geprägt.

Die Story im Schnelldurchlauf: Ein Flugzeug stürzt irgendwo im Pazifik ab. Die einzigen Überlebenden sind eine Gruppe von Jungen einer Militärakademie, gestrandet auf einer einsamen Südseeinsel. Zu Beginn läuft alles gut, eigentlich wie im Traum: keine Eltern, keine Schule, und vor allem keine Mädchen. Die Jugendlichen schaffen es, sich zu organisieren und auch eine Art demokratische Struktur zu entwickeln. »Wer das Kommando hat, ist doch völlig unwichtig, wir müssen zusammenhalten, sonst geht es nicht«, sagt der Protagonist Ralph, nachdem er zum Anführer gewählt wird. Sie errichten ein Lager, machen ein Feuer auf der höchsten Stelle der Insel. Doch nach und nach wird aus dem Traum ein Albtraum. Der Großteil der Jungs ist mehr am Schlemmen und Herumtollen interessiert als an der Pflege des Feuers. Sie halten sich nicht mehr an die Gruppenregeln. Die Gruppe spaltet sich, ein zweites Lager wird gebaut, dessen Mitglieder militanter auftreten und auf die Jagd gehen. Nachdem sie ein Wildschwein erlegt haben, erwacht ihre dunkle Seite. Sie waschen sich nicht mehr, tragen Kriegsbemalung, erfinden düstere Rituale. Abgeschnitten von der Welt der Erwachsenen, verlieren sie mit der Zeit jeden Bezug zu Zivilisation und Gesetz, es herrscht das Recht des Stärkeren. Schließlich eskaliert die Gewalt, drei Kinder werden getötet. »Ich verstehe das nicht, wir haben alles richtig gemacht, genau wie die Erwachsenen. Warum hat es nicht funktioniert?«, wird Ralph von einem der Jugendlichen gefragt. Aber war nicht vielleicht genau das der große Fehler?

Laut, unangepasst, wild, potenziell gefährlich? Diese Bilder tauchten an diesem Abend an der Donaupromenade auch in meinem Kopf auf. Adam und die anderen brauchen in meinen Augen unbedingt eine Struktur, irgendeine Form der pädagogischen Betreuung, jemanden, der einen positiven Einfluss auf sie hat.

Das Erfolgsgeheimnis von Der Herr der Fliegen ist klar. Golding hatte die meisterhafte Fähigkeit, die dunkelsten Abgründe der Menschheit zu schildern. Gewalt hat eine starke Anziehungskraft auf uns alle, darum sind auch die Boulevardmedien voll damit. Doch bei Adam und seinen Freunden war es anders. Ganz anders.

Ich bin ein Taliban

Zurück zu den Jungs. »Was wollt ihr von uns?«, fragte Adam. Wir versuchten, unser Angebot vorzustellen, also was Mobile Jugendarbeit eigentlich praktisch heißen kann. Dass wir zum Beispiel bei der Jobsuche oder bei schulischen Problemen helfen können. Oder beim Organisieren von Fußballturnieren. Oder Proberäume zur Verfügung stellen. Eigentlich coole Angebote – doch uns schlug eine Welle aus Verachtung und Ablehnung entgegen. All das interessierte sie überhaupt nicht. Adam drehte uns demonstrativ den Rücken zu. Die volle Aufmerksamkeit der Gruppe galt nun wieder dem Rapvideo auf seinem Handy.

Spätestens seit Beginn des neuen Jahrtausends ist Deutschrap die populärste Musik bei jungen Männern. Es begann mit Aggro Berlin und Sido, dann war lange Bushido angesagt, mittlerweile verehren sie Capital Bra. Viele der Texte strotzen vor Gewalt, Homophobie und Sexismus. Aber es lohnt sich dennoch, genauer hinzuhören. Denn die Geschichte, um die es eigentlich geht, ist im Prinzip immer dieselbe: Im Mittelpunkt steht ein mutiger, kleiner Junge, der seine Welt verlassen muss. Er ist, wie wir alle, auf der Suche nach Erfolg und Anerkennung. Und Erfolg bedeutet in unserem kapitalistischen System vor allem Geld, Macht und Einfluss. Der gesellschaftlich anerkannte Weg dorthin ist für den Jungen aber unerreichbar, das merkt er ziemlich schnell. Daher schlägt er einen anderen Weg ein, den Weg der Kriminalität. Also wird viel gekämpft, gegen innere Dämonen und äußere Feinde. Es geht um wahre Werte, hinter denen man bedingungslos stehen muss: Stärke, Loyalität, Ehre und Gerechtigkeit. Man darf sich auf keinen Fall verbiegen. Verrat ist das Allerschlimmste. Der kleine Junge möchte es all jenen zeigen, die nicht an ihn geglaubt haben, die ihm nie eine Chance gegeben haben. Es ist die Analogie zu David gegen Goliath, der kleine Junge gegen den Rest der Welt.

Wie aber konnten wir mit Adam und den anderen ins Gespräch kommen? Ein richtiges Gespräch, eines, das über das klassische »Wie geht’s dir?« – »Eh gut!« hinausgeht? Ich wollte mich mit Adam dar­über austauschen, was in ihm vorging, was ihm wirklich wichtig war. Das war gar nicht so leicht. Aber eine Sache klappt immer, das habe ich in den letzten Jahren gelernt: Darüber reden, was gerade da ist.

»Dürfen wir mitschauen?«, fragte ich Adam. »Ich glaub nicht, dass das was für euch ist«, meinte er skeptisch, während er uns das Handy reichte. Ich schaute auf den verschmierten Bildschirm. Ein tiefer Sprung verlief quer durch die Mitte. Dieses Gerät hatte schon einiges erlebt, dachte ich mir und drückte auf Play.

Der Song startet. Das Bild ist schwarz-weiß. Ein düsteres Gitarrensample erklingt. Wir sind in einem Hotelzimmer. Die Kamera fährt auf ein Fenster zu, dahinter ist die Skyline von Frankfurt zu erkennen. Ein Mann steht vor dem Fenster, in der Hand hält er eine Waffe. Nicht irgendeine, eine Kalaschnikow. »Meine Stimme, meine Waffe«, sagt der Rapper. SadiQ aus Frankfurt, bis dahin hatte ich noch nie von ihm gehört. Dann beginnt der Beat von »Kalaschnikow Flow«:

Jauuu, Block Bladi Gangsta

Du sagst mein Volk ist so radikal, bombt für die Taliban

Rap für die Brüs, für mein Block bring’ ich Kapital

Guck, die Welt pumpt die Schwuchteln von Amerika

Während Akhis kämpfen in den Schluchten von Khorasan

Helikopter, sie können nicht landen

Schieß auf den Westen, New York und Compton

Da ist sie wieder, die Geschichte vom kleinen Jungen, der seine Heimat verlassen muss. Auch im Fall von Rapper SadiQ. Sein Weg hatte ihn von den Bergen Afghanistans auf die Straßen Frankfurts geführt. Worum geht es in diesem Part? Die Geschichte Afghanistans ist geprägt von Invasionen: Zwischen 1839 und 1919 versuchte das British Empire dreimal das Land zu erobern, 1979 folgte der Einmarsch der Sowjetarmee, nach den Anschlägen vom Elften September 2001 die von den USA geführte Militärinterventionen »Operation Enduring Freedom« und »Operation Freedom’s Sentinel«.

Nach dem Einmarsch der US-Armee zog sich die damalige Regierung der Taliban in die Berge zurück. Das war ihr Gebiet, niemand außer ihnen kannte sich in dem Geflecht von Höhlen und Steinhängen aus. Am Boden hatten die amerikanischen Streitkräfte keine Chance, daher versuchten sie es mit Luftangriffen, blieben aber relativ erfolglos. Um feindliche Stellungen aufzuspüren, mussten sie die Flughöhe senken. Dabei wurden einige ihrer Helikopter abgeschossen – teilweise nur mit einfachen Maschinengewehren. Kalaschnikows gegen Blackhawks, David gegen Goliath. Von den Schluchten Khorasans geht es im nächsten Part des Songs wieder zurück in die Hochhäuserschluchten Frankfurts.

Rapper so wie Kollegah bekommen einen Nackenschlag

[…]

Mach’ nicht auf hart gegen Azad, Frankfurt-Verbot, ich zerlege dein Arsch

Jeder will lutschen, ich ficke dich Fotze

Jetzt komm’ doch in meine Gegend und blas’

Zuhälterrap machst auf YouTube auf Star

Doch in Wahrheit studiert dieser Kufr Jura

Ein richtig harter »Diss«. »Dissen« bedeutet so viel wie »jemanden beleidigen«. Ausgehend vom US-amerikanischen Hip-Hop wurde das Dissen auch im Deutschrap zu einer eigenen Stilrichtung, dem sogenannten Battle-Rap. Die härteste Abwertung, der krasseste Diss gewinnt. Das Recht des Stärkeren, Aufwertung durch Abwertung. Auch Rapper wie Sido und Bushido lieferten sich langjährige Fehden. Sieben Jahre lang wurden Diss-Tracks veröffentlicht, Mütter beleidigt und gegenseitige Drohungen auf Twitter hin und her geschickt. Nach der Versöhnung folgte ein gemeinsames Album.

Der oben zitierte Part beinhaltet einen Diss gegen den Deutschrapper Kollegah. Die Geschichte von Kollegah ist ganz anders als die von SadiQ. Kollegahs bürgerlicher Name lautet Felix Martin Andreas Matthias Blume. Er besuchte das Gymnasium, machte Abitur und studierte Rechtswissenschaften an der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz. Er war auf dem Weg zu Erfolg, Macht und Reichtum, der von unserer Gesellschaft anerkannt wird. Und dennoch entschied er sich für einen anderen: Bereits mit fünfzehn Jahren konvertierte er zum Islam, begann zu rappen und konstruierte für sich selbst ein szenegängiges Bild als Bösewicht: Aus dem Studenten Felix Blume wurde der Zuhälter und Drogendealer Kollegah. Mit großem Erfolg. 2018 gewann er den Echo, einen der wichtigsten deutschen Musikpreise. Mittlerweile vermarktet er unter anderem absurd teure Coaching-Programme, in denen er Jugendliche in die Geheimnisse seines Erfolgs einführen will.

Ein Jurastudium wäre für SadiQ unerreichbar gewesen. SadiQ rappte nicht übers Drogenverkaufen, weil es cool klang, er rappte darüber, weil es Teil seiner eigenen Geschichte war. Er musste sein Image nicht konstruieren, die Straßen Frankfurts waren seine Welt. Und er brauchte auch keinen Künstlernamen. Der in Hessen gestrandete Rächer aus den Bergen Afghanistans, die perfekte Analogie zu David gegen Goliath.

Block-Bladi-G, ich bin ein Taliban

Turkey, Maghreb, Jugoslaviya, Afghanistan

Denn mein Rap ist der Kalaschnikow-Flow

Ballert wie Jean Claude mit Arabs wie Tong Po

Ich musste schlucken, versuchte, Birgits Blick zu finden. Ihr ging es ähnlich. Was wir da hörten, war richtig heftig – obwohl wir doch einiges gewohnt waren. »Ich ficke dich, du Fotze.« Und dann dieses Wort: »Kufr«.

Zu diesem Zeitpunkt kannte ich die Bedeutung des Begriffs noch nicht, aber das sollte sich im Laufe des Abends ändern. Das Lied strahlte etwas Düsteres, Unheimliches aus. Eine Menge Trostlosigkeit. Und vor allem eine unglaubliche Wut.

»Ich hab’ euch ja gesagt, das ist zu hart für euch«, lachte Adam triumphierend, in der einen Hand eine Zigarette, in der anderen sein Butterflymesser. Sie waren, wie wir mit der Zeit herausfanden, immer alle schwer bewaffnet. »Zum Schutz«, behaupteten sie. Zugegeben: Ich fühlte mich überhaupt nicht sicher, wenn wir sie an ihrem Ort auf der Donaupromenade besuchten, ganz im Gegenteil. Ihre Faszination für Waffen und Gewalt beunruhigte mich. Andererseits: Wer hat in seiner Kindheit nicht auch gerne Krieg gespielt? Cowboys gegen »Indianer« (mittlerweile indigene Bevölkerung Nordamerikas) oder Räuber und Gendarm. Später dann am Computer: Counter-Strike, Terroristen gegen Spezialeinheiten. Auch ich habe Tage und Nächte damit verbracht. Pfeil und Bogen, Spielzeug­armbrust, Holzspeere, Plastikschwerter, ich habe alles besessen. Zu meinem damaligen Leidwesen haben mir meine Eltern weder Spielzeugpistolen noch Gewehre erlaubt. Geprägt von der Friedensbewegung der Siebzigerjahre wollten sie meine Geschwister und mich in diesem Geist erziehen. Unsere Kinderzimmer wurden regelmäßig entmilitarisiert, Krieg sollte kein Spiel sein. Später zog ich in Tarnklamotten mit meinen Freunden durch die Nachbarsiedlung oder wir streiften durch die Wälder Salzburgs. Um welche Geschichte es bei diesen Spielen ging, war mir eigentlich ziemlich egal, ich wollte immer der Bösewicht sein, das war das Allerwichtigste. Das war viel spannender.

Warum eigentlich? Jugendliche weisen eine höhere Kriminalitätsbelastung auf als Erwachsene.4 Egal an welchem Ort der Welt, egal zu welcher Zeit, egal in welcher Gesellschaft, im Grunde passiert überall das Gleiche: Junge Männer streben in der Adoleszenz nach Autonomie, um ihre eigene, persönliche Macht zu entdecken. Um diese Macht in ihnen kennenzulernen, müssen sie sich auf unsicheres Terrain begeben. Sie suchen nach extremen Herausforderungen – um sie zu spüren und herauszufinden, wie sie sich einfügen können zwischen all den anderen Kräften in der Welt. Sie wissen noch nichts von ihren Grenzen. Sie müssen sich langsam heranarbeiten, und manchmal schießen sie übers Ziel hinaus.5 Bei vielen anderen jungen Männern steckt das Bedürfnis nach Action und Abenteuer hinter dem, was wir im Sozialarbeitsstudium »jugendliche Delinquenz« genannt haben. Sie sind auf der Suche nach dem Kick, denn, wenn wir ganz ehrlich sind: Unsere Welt ist langweilig. Auch wenn Boulevardmedien wie OE24 täglich andere Geschichten erzählen – uns begegnet kaum noch eine konkrete Gefahr, wenn wir das Haus verlassen.

Mein eigener Weg führte mich von den Salzburger Wäldern über das Studium der Sozialen Arbeit hierhin zu Adam und seinen Freunden auf die Wiener Donaupromenade. Für welchen Weg würden sie sich entscheiden? Den der Kriminalität? In diesem Moment schien mir das ehrlicherweise die wahrscheinlichste Variante. Dabei waren sie noch so jung, ihr Leben lag im Grunde noch vor ihnen. Wohin auch immer ihr Weg sie bringen würde, vieles davon würde sich in den nächsten Jahren entscheiden. Und ich wollte sie dabei begleiten, denn genau das war mein Job. Aber dafür mussten wir sie erst mal erreichen.

Die Kultur des Schweigens

»Habt ihr schon einmal Probleme mit der Polizei gehabt?«, fragte Birgit in die Runde. Es mag vielleicht seltsam klingen, aber auf der Straße funktioniert diese Frage fast immer. Mobile Jugendarbeit basiert auf dem Prinzip der Freiwilligkeit. Wir können und wollen die Jugendlichen nicht dazu zwingen, mit uns zu reden – im Gegensatz zu den meisten Deradikalisierungsprogrammen (aber dazu später mehr). Fußballturniere interessierten sie nicht, das hatten sie uns bereits ziemlich deutlich gezeigt. Nach dem Video auf Adams Handy war ich mir sicher, dass die Polizei-Frage funktionieren würde. »Wisst ihr, wir begleiten nämlich auch Jugendliche zu Polizeieinvernahmen, wenn sie Hilfe brauchen«, fügte Birgit hinzu.

Es folgte ein höhnisches Lachen. »Warum sollten wir euch vertrauen? Ihr arbeitet doch auch für den Staat. Ihr arbeitet doch mit denen zusammen!« Fundamentalopposition – auch das überraschte uns nicht. Gegenseitiges Austesten, als Streetworker:in muss man da durch. Respekt und Vertrauen muss man sich auf der Straße verdienen. Immerhin hatten wir wieder ihre Aufmerksamkeit, also erzählten wir weiter von unseren Arbeitsprinzipien: Vertraulichkeit und Anonymität. Davon, dass wir keine Informationen ohne ihre ausdrückliche Zustimmung an Dritte – egal ob Polizei, Jugendamt, Schule oder Eltern – weitergeben dürfen und dass unsere Parteilichkeit immer auf der Seite der Jugendlichen ist, im Grunde wie bei Rechtsanwält:innen.

»Trotzdem, ich vertraue sicher keinem Kufr«, sagte Adam. Da war es wieder: »Kufr«. Dieser Begriff, den auch SadiQ in seinem Rap verwendet hatte, um Kollegah zu dissen. Birgit und ich tauschten verwunderte Blicke aus. Die Jungs lachten über unsere offensichtliche Unkenntnis. »An was glaubst du?«, fragte mich ein anderer aus der Gruppe, Dzamal, unvermittelt. Er lächelte verschmitzt. Ich merkte, dass er dieses Spiel nicht zum ersten Mal spielte. Ich bin Agnostiker, das heißt simpel ausgedrückt, dass ich mir nicht sicher bin, ob es einen Gott gibt oder nicht – auf Anhieb gar nicht so einfach zu erklären. Ich versuchte es trotzdem. Adam spuckte zu Boden. »Also bist du ein Ungläubiger, ein Kufr!«, sagte er und drehte sich wieder um. Die Mauer war zurück.

Das Aufwachsen zwischen Atheist:innen oder Agnostiker:innen war in meiner Welt normal. In der Welt dieser Jugendlichen ist es das nicht. Es macht sie misstrauisch, dass ich kein Buch mit moralischen Richtlinien habe, an das ich mich halten muss, dass ich nicht an eine Belohnung im Jenseits für guten Taten im Diesseits glaube. Das habe ich erst viel später verstanden.

Wie sollte ich zu ihnen durchdringen? Plötzlich hatte ich eine Idee. Ich verließ die Welt der Pädagogik und redete Klartext: »Nein, ich bin kein Ungläubiger! Ich glaube daran, dass alle Menschen gleich viel wert sind und dass es viele Ungerechtigkeiten gibt auf der Welt. Zum Beispiel Polizeigewalt. Ich glaube an viele Dinge, ich glaube an Freiheit, Gleichheit und Geschwisterlichkeit. Das sind doch Werte, die euch auch wichtig sind, oder?« Kurze Stille. Dann drehte Adam sich wieder um, sichtlich überrascht. Ich meinte es so, wie ich es sagte. Das spürten sie. In dem Moment begannen sie uns als Birgit und Fabian wahrzunehmen, die auf Augenhöhe mit ihnen sprachen. Nicht als Erwachsene, nicht als Pädagog:innen. Die Mauer begann zu bröckeln. Ich hatte ein »Window of Opportunity« geöffnet, eine Gelegenheit, ein Fenster zu ihrer Welt zu öffnen. Jetzt konnten wir sie erreichen.

Mir fiel dazu das Buch Die Pädagogik der Unterdrückten6 von Paulo Freire ein, das ich zum ersten Mal gelesen habe, als ich ungefähr so alt war wie die Jungs. Freire sollte Mitte der Sechzigerjahre Alphabetisierungsprogramme für Erwachsene in brasilianischen Slums entwickeln. Es gelang ihm aber nicht, an die Menschen heranzukommen. Die pädagogischen Ansätze, all das, was er in seinem Studium gelernt hatte, funktionierten in den Slums nicht. In Brasiliens Schulen war die Sprache der einfachen Bevölkerung durch die Sprache der portugiesischen Kolonialherren ersetzt worden. Die unterschiedlichen Sprachen und Dialekte waren über hunderte Jahre hinweg systematisch abgewertet und durch eine »Kunstsprache der Gebildeten« verdrängt worden. In dieser Sprache gab es keine Wörter für ihre Erfahrungen, es war ihnen nicht möglich, das auszudrücken, was für sie wirklich von Bedeutung war. Wo Erfahrung sprachlos bleibt, wird Sprache sinnlos: »Die Kultur des Schweigens« – so nannte er das, was in der damaligen Welt der Pädagogik als »Bildungsunfähigkeit des schwachbegabten Proletariats« bezeichnet wurde. »Bildungsfern«, »sozial schwach« oder »integrationsunwillig« sagen wir heute dazu. Paulo Freire suchte nach Wegen, dieses Schweigen zu brechen. Es gab nur einen: Er machte das Schweigen und seine Ursachen selbst zum ersten Thema des Unterrichts. Der Lernstoff bestand aus den Bildern, Vorstellungen und Erfahrungen, die seine Schüler:innen in sich trugen. Indem sie in ihrer Sprache über ihre Themen sprechen konnten, konnte er eine Verbindung zu ihnen herstellen. Der Durchbruch seiner pädagogischen Arbeit, achtzig Prozent seiner erwachsenen Schüler:innen lernten mit diesem Ansatz innerhalb von nur dreißig bis achtzig Stunden lesen. Ich habe noch nie von einer Schule in Deutschland oder Österreich gehört, in der so etwas möglich ist.

»Wallah, was für Polizei«, sagte Outis. »Wenn sie kommen, fick ich die Scheißbullen!« Alle lachten. Aber sie zögerten. Wie würden wir reagieren? Sie kannten dieses Spiel und hatten bereits eine Vorstellung davon, was jetzt kommen würde. Doch ihre Erwartungen wurden enttäuscht. Ich antwortete: »Ich hoffe, du benutzt ein Kondom, ich glaube nicht, dass du schon Vater werden willst, oder?« Die ganze Gruppe verstummte auf einen Schlag. Mit großen Augen sahen sie mich alle an. »Hast du gehört, was er gesagt hat?«, flüsterte Aslan Dzamal zu. Der begann zu lachen. Und dann lachten alle. Birgit, ich und die Jungs. Durch das gemeinsame Lachen löste sich die Anspannung und mit ihr die Mauer aus Härte und Gewalt. Das Schweigen war gebrochen, sie begannen zu erzählen. Von ihren Erfahrungen, ihren Träumen, darüber, was in ihnen vorgeht, was sie wirklich bewegt. Ein richtiges Gespräch.

Das Schweigen, das Paulo Freire vor über fünfzig Jahren entdeckt hatte, gibt es nicht nur in den Slums von Brasilien. Aggressivität, Sprachlosigkeit, ständige Gereiztheit, ein Übermaß an Explosionsbereitschaft, ein Leben in tiefster Depression und Ohnmacht, das gibt es überall. Tausende Männer, in Deutschland, Österreich und anderswo, stecken in diesen Mechanismen. Man findet sie zum Beispiel in Wettlokalen und Kneipen, in Facebookgruppen und an Straßenecken. Adam, Outis, Dzamal, Yasin, Aslan, vermutlich stand auch ihnen dieses Leben bevor. Und vielleicht ahnten sie es schon. Sie waren wütend. Auf die Welt, auf die Polizei, auf ihre Eltern, ihre Lehrer:innen – und auch auf sich selbst.

David gegen Goliath, der kleine Junge gegen den Rest der Welt. SadiQ hatte Kollegah als Kufr bezeichnet. Adam hatte dasselbe mit mir gemacht. Ohne es zu wissen, hatte er ein Konzept angewandt, das ein zentraler Bestandteil der Geschichte ist, die ein paar Jahre später eine fast schon unheimliche Anziehungskraft auf ihn haben würde: die Geschichte vom »Globalen Dschihad«. Gut und Böse, Schwarz und Weiß, »Wir« und »die Anderen« – in dieser Geschichte gibt es keine Grautöne. Es gibt nur zwei Seiten und man kann nur auf einer davon stehen.

Die Grenzziehung zwischen diesen beiden Seiten erfolgt über das sogenannte »Takfir-Konzept«.7 Seine Anwendung bedeutet, jemanden des Unglaubens (Kufr) zu bezichtigen und damit zum Abtrünnigen vom Glauben (Murtadd) beziehungsweise zum Ungläubigen (Kufr/Kafir) zu erklären. Diese Idee stammt aus der islamischen Frühzeit, gelangte durch das Wahhabitentum im 18. und 19. Jahrhundert in den muslimischen Mainstream und wurde in den Achtzigerjahren von Al-Qaida und später vom sogenannten Islamischen Staat (IS) erneut aufgegriffen und weiterentwickelt. Im IS-Kontext bedeutet seine Anwendung nichts Geringeres als diesen zum Töten freizugeben.8

Das war damals, als SadiQ den Text für Kalaschnikow Flow schrieb, noch kein Thema. Der sogenannte Islamische Staat war noch eine kleine dschihadistische Gruppierung, die ihr Wirken auf den Irak beschränkte. Im Gegensatz zu seinem ehemaligen Deutschrap-Kollegen Deso Dogg, der zur wichtigsten deutschen IS-Propagandafigur werden sollte, vertrat SadiQ stets eine nationalistisch-islamistische Position. Auch wenn sich einige Elemente überschneiden, gibt es grundlegende Unterschiede zur Geschichte vom Globalen Dschihad. Dazu kommen wir noch.

Adam hatte an diesem Abend noch keinen Plan von den unterschiedlichen Takfir-Konzepten, damals kannte er diesen Begriff noch nicht einmal. Den wenigsten Jugendlichen, mit denen ich in den vergangenen Jahren gearbeitet habe, ist diese Bedeutung wirklich bewusst, wenn sie jemanden als Ungläubigen bezeichnen. Aber sie können sie spüren. Und genau das macht dieses Konzept so anziehend für sie: Es verleiht ihnen Macht.

Adam und die anderen waren mit ihren vierzehn oder fünfzehn Jahren schon bis oben hin vollgestopft mit Abwertungserfahrungen. Ihre Sprache, ihre Selbstbilder, darauf hatten sie in unserer Welt bisher hauptsächlich negative Bewertungen erfahren. Wild, unangepasst, potenziell gefährlich – ihre Umgebung sah in ihnen den Albtraum aus Der Herr der Fliegen. Immer wieder wurde ihnen vermittelt, dass sie nicht dazugehören oder dass sie sich ändern müssten. »Du bist nicht okay, so wie du bist!« Diese Botschaft kommt bei Jungs in diesem Alter ziemlich schnell an, selbst bei gutgemeinten, pädagogischen Ratschlägen. Sie sind sehr sensibel und unsicher, wenn es um ihre Selbstbilder geht. Ohnmächtig, nicht in der Lage sich auszudrücken, stehen sie den ständigen Bewertungen ihrer Umgebung gegenüber. Ihre Erfahrungen, das, was wirklich in ihnen vorging, blieb meist sprachlos in unserer Welt, und damit auch ohne Bedeutung.

Und auf einmal konnten sie den Spieß umdrehen: Das Takfir-Konzept eröffnete ihnen die Möglichkeit, Menschen in Gruppen einzuteilen, in »Wir« und »die Anderen«. Die Grenze dazwischen konnten sie damit selbst ziehen, auf ihre Art und Weise, in ihrer eigenen Sprache. Es war eigentlich wie beim Battle-Rap. Aufwertung durch Abwertung. Die härteste Abwertung, der krasseste Diss gewann.

Gewalt übt seit jeher eine große Faszination auf uns alle aus, speziell auf Jungs in diesem Alter. Aber es gibt einen entscheidenden Unterschied zwischen meiner und ihrer Welt: unsere Erfahrungen. Für mich war Krieg nur ein Spiel in den Salzburger Wäldern, die meisten von ihnen hatten den Krieg selbst erlebt. Und diese Erfahrungen passten in den globalen Rahmen von SadiQs Geschichte: Aber nicht nur das, auch die Abwertungen, die sie hier in Österreich erlebt hatten, bekamen dadurch eine Bedeutung, auf einmal ergab alles Sinn. Takfir gab ihnen die Macht, den Alptraum von Der Herr der Fliegen