Die Zärtlichkeit der Wellen - Ella Janek - E-Book

Die Zärtlichkeit der Wellen E-Book

Ella Janek

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Beschreibung

Ella Janeks gefühlvoller Roman erzählt vom Zauber und den Widrigkeiten der zweiten großen Liebe.  Was tun, wenn das Herz Ja sagt, aber der Kopf zur Vorsicht rät? Mit 49 Jahren hat die Münchnerin Andrea Forster in Sachen Liebe schon einige Enttäuschungen hinter sich: Seit 18 Jahren ist sie vom Vater ihres Sohnes geschieden, und mit dem Stigma »alleinerziehende Mutter« hat es mit den Männern einfach nicht mehr klappen wollen. Dafür hat Andrea die tollste beste Freundin der Welt, als freiberufliche Grafikdesignerin einen Job, den sie liebt, und seit kurzem auch eine zauberhafte kleine Enkelin. Doch als Andrea den Verlagsleiter Michael Parker kennenlernt, flattern plötzlich wieder die Schmetterlinge. Michael liebt dieselben Bücher, dieselbe Musik – und er ist Single wie sie. Aber ist er auch wirklich frei? Denn eines weiß Andrea genau: Sie möchte nie mehr die Zwischenfrau sein, die die Zeit bis zur wahren großen Liebe überbrücken soll.   »Die Zärtlichkeit der Wellen« ist ein einfühlsamer, leise humorvoller und bisweilen nachdenklicher Roman über die Fallstricke der späten Liebe. Entdecken Sie auch Ella Janeks ersten Roman »Die Frau im Park«, welcher der Frage nachgeht, was Liebe wirklich ausmacht. 

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 339

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Ella Janek

Die Zärtlichkeit der Wellen

Roman

Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG.

Über dieses Buch

Vom Mut, der zweiten großen Liebe eine Chance zu geben

 

In Sachen Liebe hat die 49-jährige Andrea etliche Enttäuschungen hinter sich: Seit ihrer Scheidung vor 18 Jahren wollte es für die alleinerziehende Mutter mit den Männern einfach nicht mehr klappen. Dafür hat Andrea die beste Freundin der Welt, einen Job, den sie liebt, und eine zauberhafte kleine Enkelin. Doch als sie Michael kennenlernt, flattern plötzlich wieder die Schmetterlinge. Er liebt dieselben Bücher, dieselbe Musik – und er ist Single wie sie. Trotzdem muss Andrea bald feststellen, dass ihre Vergangenheit ihr im Weg steht …

Inhaltsübersicht

Widmung

Kapitel 1 | Sonnenuntergang

Kapitel 2 | Ein passendes Outfit

Kapitel 3 | Ein überraschender Anruf

Kapitel 4 | Auf einer Wellenlänge

Kapitel 5 | Fahrradtour

Kapitel 6 | Angstvolle Stunden

Kapitel 7 | Ein Blumenstrauß

Kapitel 8 | Am Ende eines langen Tages

Kapitel 9 | Freundinnen

Kapitel 10 | Ein turbulenter Tag

Kapitel 11 | Ein fast perfekter Abend

Kapitel 12 | Mohnblumen-Prinzessin

Kapitel 13 | Eine besondere Einladung

Kapitel 14 | Ankunft auf Sylt

Kapitel 15 | Am Leuchtturm

Kapitel 16 | Das Lächeln eines Sommertages

Kapitel 17 | Ein rotgoldener Himmel

Kapitel 18 | Die Frau am Roten Kliff

Kapitel 19 | Friesentorte

Kapitel 20 | Alte Tränen

Kapitel 21 | Leider kein Traum

Kapitel 22 | Sternenkind

Kapitel 23 | Planänderungen

Kapitel 24 | Zeit für klare Worte

Kapitel 25 | Pizza, Wein und Geständnisse

Epilog | In ein neues Leben

Danke

 

 

 

 

Für meine Mama.

Danke. Für alles.

Kapitel 1

Sonnenuntergang

Mitte Juli

Andrea Forster schaffte es gerade noch rechtzeitig zum Verladebahnhof Westerland. In Schrittgeschwindigkeit fuhr sie hinter einem dunkelgrünen Kastenwagen auf den letzten Autozug, der sie von Sylt aufs Festland nach Niebüll bringen würde. Als das Fahrzeug vor ihr stehen blieb, bremste sie ebenfalls, drehte mit zitternden Fingern den Zündschlüssel um und zog die Handbremse. Fahrig strich sie sich eine dunkle Haarsträhne hinters Ohr und schloss die Augen. Langsam beruhigte sich ihr Herzschlag, doch ihre Gedanken rasten in alle Richtungen wie aufgescheuchte wilde Pferde. Durch das offene Fenster drangen sanfter Wind und die Wärme der letzten Sonnenstrahlen ins Auto und streichelten fast tröstend ihre Wangen. Doch für Trost war es zu früh. Viel zu früh! Um seine lindernde Kraft spüren zu können, musste Andrea erst all die anderen Gefühle durchleben, die momentan in ihr tobten: Enttäuschung, Wut, Traurigkeit und vor allem die schmerzvolle Erkenntnis, dass es ein Fehler gewesen war, nicht auf die warnende innere Stimme zu hören. Aber nach so vielen Jahren war es zu verlockend gewesen, endlich alle Vorsicht über Bord zu werfen und sich auf das Abenteuer einzulassen. Und zunächst hatte es auch ganz danach ausgesehen, als ob ihr Mut belohnt werden würde. Noch bis vor wenigen Stunden war alles gut gewesen. Sogar mehr als gut! Doch obgleich dieser Tag so unglaublich schön begonnen hatte, war er zu einem Albtraum geworden. Sie wollte nur noch nach Hause, auch wenn bis München über tausend Kilometer vor ihr lagen. Wie sie diese lange Fahrt so ganz allein und aufgewühlt in der bevorstehenden Nacht schaffen sollte, wusste sie nicht, sie wusste nur, dass sie es unbedingt schaffen wollte. Auf der Insel konnte sie jedenfalls keinen Tag, noch nicht einmal eine Stunde länger bleiben.

Die automatische Lautsprecheransage kurz vor der Abfahrt des Zuges riss sie aus ihren Gedanken, und sie öffnete die Augen. Ihr Mund war staubtrocken. Durstig griff sie nach der angebrochenen Wasserflasche, die sie noch eilig vor dem Verlassen des Hauses in ihre Tasche gesteckt hatte. Während sie in kleinen Schlucken trank, setzte der Zug sich in Bewegung. Der laut rauschende Fahrtwind zerzauste ihr schulterlanges Haar und peitschte ihr Strähnen ins Gesicht. Dennoch ließ sie das Fenster offen, stellte die Flasche in die Konsole und schloss erneut die Augen. Angestrengt versuchte sie, sich auf etwas anderes zu konzentrieren: den neuen Auftrag für die Illustration eines Kinderbuchs, den bevorstehenden runden Geburtstag ihrer besten Freundin, die geplante Renovierung ihres Schlafzimmers. Doch an nichts davon konnte sie denken, ohne gleichzeitig auch ihn vor sich zu sehen. Und das tat weh. Sie musste sich der Tatsache stellen, dass ihr wunderbarer Traum so jäh zerplatzt war. Und es gab noch mehr, dem sie sich jetzt jedoch nicht stellen wollte.

Andrea öffnete die Augen. Die Welt war plötzlich von der bald untergehenden Sonne in orangefarbenes Licht getaucht, das sich in den sanften Wellen des Wassers spiegelte. Atemberaubende Schönheit, die in ihrer Intensität den Schmerz des Verlusts noch verstärkte. Ein Verlust, der tief in ihr etwas aufgebrochen hatte, das sie unbedingt zu verdrängen versuchte.

Plötzlich bebte ihre Brust, ihr Atem schien zitternd über sich selbst zu stolpern. Sie schnappte nach Luft und schloss hastig das Fenster. Der tosende Fahrtwind war nun ausgeschlossen und hatte einer dumpfen Stille Platz gemacht. Und in diesem Moment kamen die Tränen, die sie bis jetzt zurückgehalten hatte. Heiß strömten sie über ihre Wangen. Sie griff in ihre Handtasche, die auf dem Beifahrersitz lag, und suchte nach Papiertaschentüchern. Plötzlich fühlte sie etwas samtig Weiches zwischen den Fingern. Eine Mohnblume. Sie schluckte. Verschwommen durch die Tränen wirkte das intensive Rot der schlaffen Blätter wie Blut in ihrer Hand.

Kapitel 2

Ein passendes Outfit

Sechs Wochen vorher

Und wie findest du das hier?«

Andrea hielt sich ein dunkelblaues langärmeliges Kleid vor den Körper und drehte sich zu ihrer besten Freundin Eduarda um. Die hatte es sich auf dem Bett gemütlich gemacht und kraulte versonnen den Nacken von Kater Charly. Das grau getigerte Fellbündel lag ausgestreckt über ihren Schenkeln und genoss schnurrend die Streicheleinheiten.

»Ernsthaft, Andi? Mein Onkel Francisco würde sagen: Wenn du aussehen willst wie die langweilige Großtante auf der Beerdigung einer entfernten Verwandten, dann zieh es an«, antwortete die gebürtige Brasilianerin mit charmantem Akzent, der unverwechselbar zu ihr gehörte, auch wenn sie inzwischen schon seit fast achtzehn Jahren in Deutschland lebte. Und zwar als Andreas Nachbarin in der anderen Hälfte des Doppelhauses. Die Frauen – beide geschieden und seit Langem alleinerziehend – hatten sich gegenseitig bei der Betreuung der Kinder unterstützt und waren dabei beste Freundinnen geworden. Mittlerweile waren Andreas Sohn und Eduardas Tochter längst ausgezogen. Die Freundschaft zwischen den Müttern hatte sich jedoch weiter vertieft.

»Ach komm, Edu! Du bist mir echt keine Hilfe!«, protestierte Andrea, die inzwischen schon etwas ungeduldig war. Sie hatte nicht mehr viel Zeit, und das passende Outfit für die Besprechung zu finden, war schwieriger als gedacht.

»Oh, doch! Und wie ich das bin!«, widersprach die Freundin energisch. »Dunkelblau steht dir nämlich überhaupt nicht. Du willst doch sicher nicht so alt aussehen, wie du bist, oder?«

Eduarda nahm kein Blatt vor den Mund, doch genau dafür schätzte Andrea sie. Als sie auch noch demonstrativ gähnte, um noch mehr zu verdeutlichen, was sie von dem Kleid hielt, musste Andrea lachen.

»Neunundvierzig ist ja wirklich schon uralt.«

»Mumienalt!«, bestätigte Eduarda trocken, die selbst ein halbes Jahr älter war als Andrea und in knapp drei Monaten ihren runden Geburtstag feiern würde.

»Aber mit der richtigen Kleidung und geschminkt können wir locker ein paar Jahre wegschummeln … Was ist denn mit der türkisfarbenen Bluse, die du erst vor Kurzem gekauft hast? Die steht dir super!«, schlug sie vor und deutet auf den geöffneten Kleiderschrank, der sehr übersichtlich eingeräumt war. »Und dazu eine helle Jeans und Sneakers.«

»Eine Bluse und Jeans? Das ist ein wichtiges Meeting mit dem neuen Verlagsleiter und mit Kara …«

»Gut, dass du das erwähnst! Das habe ich ja in den letzten Tagen erst mindestens zwanzigmal gehört«, unterbrach Eduarda sie und verdrehte die Augen. »Diese Kara Buck verfolgt inzwischen auch mich schon im Schlaf.«

Andrea seufzte und hängte das Kleid wieder zurück in den Schrank.

»Tut mir leid, aber ich hatte noch nie einen so schwierigen Auftrag.«

Schon seit Wochen arbeitete Andrea immer wieder an diversen Entwürfen eines Umschlags für den neuen Roman der international gefeierten deutschen Bestsellerautorin. Doch keiner der Vorschläge für den Auftakt einer Thrillerreihe konnte die als sehr eigensinnig geltende Berlinerin Kara Buck bisher begeistern.

»Du kriegst das schon hin«, versprach Eduarda zuversichtlich.

»Hoffentlich«, murmelte Andrea. »Ich befürchte inzwischen, dass sie mich ersetzen wollen.«

»Quatsch.« Das war eines ihrer Lieblingswörter. »Dann würden sie dich ganz gewiss nicht an einem Sonntag zu einem Meeting ins Verlagshaus holen. Wenn sie dich loswerden wollen, dann schriftlich oder mit einem Telefonanruf. Das geht deutlich einfacher.«

»Ich hoffe, du hast recht …«

»Natürlich habe ich recht, nicht wahr, Charly?«, säuselte Eduarda dem Kater ins Ohr. Und als ob er sie verstanden hätte, drehte er sich auf den Rücken und erwartete, dass sie nun seinen Bauch kraulte. Was sie gerne tat.

»Ja, mein süßes kleines Katerchen, das magst du gern, nicht wahr?«

»Manchmal denke ich, Charly mag dich mehr als mich«, sagte Andrea, lächelte jedoch.

»Gut aussehende Jungs wie er stehen eben auf die nette Frau von nebenan«, feixte sie mit einem Zwinkern.

»Wohl eher auf deine Kochkunst – vor allem Hühnchen und Fisch. Davon kann Charly nie genug kriegen.«

Eduarda zuckte mit den Schultern.

»Kann auch sein … Aber auch wenn er sich ab und zu den Bauch bei mir vollschlägt, wenn der Teller dann leer ist, verschwindet er zu dir. Noch nicht einmal ein kurzes Nickerchen macht er bei mir.«

Andrea lächelte.

»Er weiß eben, wo er hingehört … Sag mal, was hältst du von dem hier?«

Sie hatte inzwischen ein weiteres Kleid aus dem Schrank geholt.

Eduarda schüttelte den Kopf. Es war nicht zu übersehen, dass sie dem weinrot gemusterten Sommerkleid ebenfalls nicht viel abgewinnen konnte.

»Viel zu lieblich.«

Andrea seufzte.

»Du hast ja recht.«

»Jetzt pass mal auf: Wichtig ist, dass du dich in den Klamotten wohlfühlst, damit strahlst du Sicherheit aus, und das wiederum vermittelt Kompetenz.«

»Na gut. Dann ziehe ich doch die türkisfarbene Bluse an«, lenkte Andrea ein. »Aber mit dem grauen Rock und Pumps!«

»Wenn du unbedingt meinst …«

 

»Ich hätte auf Edu hören und eine Hose anziehen sollen«, murmelte Andrea eine Stunde später, als sie vom Parkplatz zum Eingang des Verlagshauses ging. Wobei der Rock selbst nicht das Problem war, sondern die Feinstrumpfhose. Unauffällig versuchte sie, diese unter dem Rock nach oben zu ziehen. Andrea hasste das Gefühl, wenn der Zwickel beim Gehen zwischen ihren Schenkeln immer tiefer wanderte. Dabei hatte sie heute ein besonders teures Exemplar angezogen. Doch der Preis war offenbar keine Garantie für eine gute Passform. Sie warf einen Blick auf die Armbanduhr. Glücklicherweise war sie früh genug dran, um noch schnell auf die Toilette zu verschwinden und alles wieder ordentlich in Form zu bringen oder im Notfall die Strümpfe auszuziehen. So jedenfalls wollte sie nicht in das wichtige Meeting gehen.

»Frau Forster?« Eine Stimme riss sie kurz vor der Eingangstür aus ihren Gedanken.

Andrea drehte sich um. Schräg hinter ihr stellte ein Mann sein Fahrrad ab. Andrea kannte ihn bisher nur von Fotos auf der Verlagswebsite: Michael Parker, der neue Verlagsleiter.

»Die bin ich!«, antwortete Andrea.

Er befestigte das Fahrradschloss und ging dann auf Andrea zu. Lächelnd schüttelten sie sich die Hände.

»Michael Parker«, stellte er sich vor. »Freut mich sehr, dass wir uns nach den E-Mails endlich auch persönlich kennenlernen.«

»Ich freue mich auch«, bekräftigte sie.

Michael Parker sah attraktiver und vor allem deutlich jünger aus als auf dem Foto. Was womöglich ein wenig an seinem ansteckenden Lächeln lag, das sich in seinen hellbraunen Augen spiegelte. Andrea korrigierte ihre ursprüngliche Schätzung von Mitte bis Ende fünfzig deutlich nach unten auf höchstens Ende vierzig.

»Bitte entschuldigen Sie, dass wir Sie an einem Sonntag hergebeten haben, Frau Forster. Aber Kara Buck steckt mitten in einer Lesereise und kann leider nur heute ins Verlagshaus kommen.«

Andrea winkte ab.

»Schon okay. Das macht mir wirklich nichts aus. Als Freiberuflerin ist man es gewohnt, auch an den Wochenenden zu arbeiten«, erklärte sie freundlich.

»Das kann ich mir gut vorstellen … Vorab möchte ich Ihnen schon mal sagen, dass der letzte Umschlagentwurf uns alle total begeistert hat, aber …« Er suchte offenbar nach den passenden Worten.

»… aber Frau Buck kann auch damit nichts anfangen«, setzte Andrea den Satz für ihn fort. Wobei sie insgeheim erleichtert war, dass der Cover-Vorschlag zumindest den Verantwortlichen gefallen hatte. Der Verlag war zwar im Vergleich zu anderen Verlagshäusern eher klein, veröffentlichte jedoch einige hochkarätige Autorinnen und Autoren, und Andrea schätzte die regelmäßige Zusammenarbeit sehr.

»Unter uns gesagt, wir verstehen es leider gar nicht, was die Autorin daran so stört … Aber kommen Sie, lassen Sie uns nach oben gehen, dann können wir noch ein paar Minuten reden, bevor Kara Buck eintrifft. Vielleicht finden wir gemeinsam noch schnell eine Art Strategie, wie wir sie doch noch von dem Vorschlag begeistern können.«

Andrea verabschiedete sich innerlich von dem Plan, vor dem Meeting noch rasch den Sitz ihrer Strumpfhose in Ordnung zu bringen, und unterdrückte ein Seufzen. Sie musste dieses unangenehme Gefühl jetzt einfach ausblenden und sich auf ihre Aufgabe konzentrieren.

 

Das Gespräch mit der Autorin verlief schwieriger als befürchtet. Der Versuch, ihr das Cover doch noch schmackhaft zu machen, scheitere schon im Ansatz.

»Nein! Nur über meine Leiche!«, stellte sie unmissverständlich klar. Was angesichts des Genres, das sie bediente, eine gute Vorlage für eine humorvolle Replik hätte sein können. Doch ihr Tonfall klang alles andere als zum Scherzen aufgelegt.

Michael Parker und die Lektorin Lydia Kuske, mit der Andrea schon einige Jahre sehr gut zusammenarbeitete, zeigten eine Engelsgeduld.

Andrea stellte Kara Buck auf ihrem iPad diverse neue Motive sowie Muster für das Schriftbild vor, die sie vorbereitet hatte.

»Falls Ihnen eines davon gefällt, kann man es als Grundlage für das Cover nehmen und individuell anpassen«, schlug sie vor.

»Ernsthaft? Das ist doch alles total öde, das hat man schon tausendmal gesehen!«, winkte die Autorin barsch ab. »Und hier – eine orangefarbene Schrift? Das sieht ja nur noch schrecklich aus. Außerdem gefällt mir die Typografie überhaupt nicht … Und das hier auch nicht. Nein. Da ist gar nichts dabei, das mich vom Hocker haut.« Sie schüttelte den Kopf. »Meine neue Reihe ist etwas ganz Besonderes, und das muss man auf den ersten Blick erkennen können, wenn das Buch im Laden steht.«

Sie nahm ihre Lesebrille ab und verschränkte demonstrativ die Arme.

»Wir finden genau das Cover, mit dem wir alle glücklich sind, Frau Buck«, versprach die Lektorin der Mittvierzigerin, die in ihrem hellgrauen Hosenanzug und mit dem blondierten Bob seltsam farblos wirkte, wie Andrea fand. Nur die hellblauen Augen von Kara Buck stachen intensiv hervor.

»Langsam bin ich mir da nicht mehr sicher!«

Andrea bemühte sich, weiterhin gelassen zu bleiben, doch die Unhöflichkeit dieser Frau stellte sie auf eine harte Probe. Sie lehnte alles rigoros ab, ohne jedoch den kleinsten Hinweis darauf zu geben, was sie sich stattdessen denn vorstellte. Das machte es schwierig, ihr etwas anzubieten.

Eine Stunde später waren sie noch keinen Schritt weiter.

Inzwischen wirkte das Lächeln von Lydia Kuske schon etwas manieriert, auch wenn sie sich weiterhin bemühte, gelassen zu wirken. Auf dem Tisch lagen verschiedene Skizzen mit neuen Ideen, die Kara Buck allesamt nicht gefielen.

Andrea war mit ihrem Latein am Ende.

»Entschuldigung, ich muss mal kurz raus«, sagte sie schließlich.

»Machen wir doch eine kleine Pause«, schlug Michael Parker vor. Er stand auf und öffnete das Fenster.

Kara Buck schaute demonstrativ auf die Uhr an ihrem Handgelenk.

»Ich habe aber in zwei Stunden mein Interview«, mahnte sie.

»Bis dahin haben wir hoffentlich einen Lösungsansatz … Noch eine Tasse Kaffee?«, hörte Andrea die Lektorin fragen, bevor sie das Besprechungszimmer verließ. Sie war erleichtert, für ein paar Minuten aus dem Raum gehen zu können und damit der angespannten Atmosphäre zu entkommen.

Nachdem Andrea auf der Toilette die unbequem sitzende Strumpfhose kurzerhand ausgezogen hatte, fühlte sie sich sofort besser. Sie stopfte sie in ihre Handtasche, die neben dem Waschbecken stand, und ließ dann kaltes Wasser über ihre Unterarme laufen. Eine Angewohnheit, die ihr dabei half, sich ganz schnell wieder besser konzentrieren zu können. Sie musste eine Lösung finden, sonst war sie den Auftrag vermutlich tatsächlich los.

»Was genau möchtest du, Kara Buck? Wie kann ich dich glücklich machen?«, murmelte Andrea und sah sich selbst dabei im Spiegel an, ohne natürlich eine Antwort zu bekommen. Sie musste noch gezieltere Fragen an die Autorin stellen, die ihr hoffentlich weiterhelfen würden. Das jedoch würde anstrengend werden, vor allem angesichts des Zeitdrucks, unter dem sie standen. Seufzend trocknete sie ihre Hände ab.

Als sie nach ihrer Tasche griff, kippte diese um, und die Strumpfhose rutschte heraus und fiel auf den Boden.

»Mist!«

Andrea bückte sich, um sie aufzuheben. Doch dann zögerte sie. Plötzlich schoss ihr ein Gedanke durch den Kopf. Sie zog die Strumpfhose auseinander und drapierte sie so auf dem weißen Fliesenboden, dass die Fußspitzen jeweils in die entgegengesetzte Richtung zeigten. Dann griff sie nach ihrem Handy und schoss verschiedene Bilder aus unterschiedlichen Perspektiven.

»Hm … da fehlt noch was«, murmelte sie, noch nicht ganz zufrieden. Sie zerrte die Strumpfhose an einer Stelle so weit auseinander, dass sie aufriss. Am anderen Strumpf rupfte sie mit dem Fingernagel, bis eine Laufmasche entstand. Dann suchte sie in ihrer Tasche nach dem Lippenstift, den sie allerdings selten auftrug, weil das dunkle Rot sie sehr blass machte, wenn sie nicht gerade ein aufwendiges Make-up trug, was bei ihr eher selten der Fall war. Andrea überlegte kurz, dann malte sie eine Art Blutlache und begann erneut zu fotografieren.

 

Michael Parker schenkte gerade ein Glas Wasser ein und stellte es vor der Autorin auf den Tisch, als Andrea wieder zurück ins Besprechungszimmer kam.

»Ich habe einen Vorschlag«, sagte sie, kaum dass sie wieder am Tisch Platz genommen hatte.

»Ach ja?« Die Skepsis in Kara Bucks Stimme war schon fast beleidigend.

»Ich bin gespannt«, sagte Parker, und Andrea meinte, in seiner Stimme etwas wie Hoffnung wahrzunehmen.

»Moment …«

Sie griff nach dem iPad, auf das sie bereits einige der Fotos, die sie vorhin im Waschraum geschossen hatte, übertragen hatte.

»Das ist jetzt nur eine spontane Idee gewesen und müsste noch ausgearbeitet werden. Die Fotos sind natürlich auch nicht professionell, sondern sollen nur veranschaulichen, was ich mir vorstelle«, erklärte sie, während sie die Bilder aufrief. »Ich habe mir gedacht, da die Opfer im Roman ausschließlich Frauen sind, die jeweils nach einem Empfang oder einer größeren Feierlichkeit ermordet wurden und immer besondere Kleider trugen …«, Andrea lehnte sich an die Informationen aus dem Exposé an, das man ihr vorab zu lesen gegeben hatte, »… könnte man als Symbol eine Strumpfhose neben einer Blutlache abbilden. Vielleicht sogar so, dass ein Teil des einen Beins der Strumpfhose noch über den Buchrücken hinaus auf die Rückseite des Covers geht.«

»Interessant«, meinte Michael Parker.

Kara Buck griff nach dem iPad, wischte hin und her und sah sich die Fotos genauer an.

»Hm.« Dass sie nicht sofort abwinkte, war immerhin ein Fortschritt.

»Eine spontane Idee?«, fragte Michael Parker in Richtung Andrea und zog eine Augenbraue hoch.

»Ja. Ziemlich spontan«, antwortete sie und lächelte. »Und keine Sorge, dieser rote Fleck am Boden ist natürlich nur mit dem Lippenstift gemalt. Ich habe ihn auch gleich wieder weggewischt.«

»Gut zu wissen«, sagte er mit einem amüsierten Zwinkern.

Ihre Blicke trafen sich für einen Augenblick, und Andrea spürte wie aus heiterem Himmel ein leises Flattern in der Magengegend, das sie selbst überraschte. So etwas war ihr schon lange nicht mehr passiert. Doch der Moment war schnell vorüber, und sie konzentrierte sich wieder auf ihre schwierige Aufgabe.

»Also, ich finde das ziemlich spannend«, meinte Michael Parker und wandte sich an die Lektorin. »Was meinst du, Lydia?«

Lydia Kuske nickte, sagte jedoch nichts. Vermutlich wollte sie erst die Reaktion der Autorin abwarten, die noch zu überlegen schien.

»Das ist der erste Vorschlag, mit dem ich was anfangen kann«, erklärte Kara Buck schließlich. »Auch wenn mir noch irgendwas daran fehlt.«

Andrea spürte ein Gefühl der Erleichterung.

»Darf ich mal?«

Sie nahm erneut das iPad und veränderte das Foto mithilfe des Bildbearbeitungsprogramms. Nun sah man die Aufnahme im Negativ, was den düsteren Charakter des Genres noch mehr unterstrich.

»Was halten Sie davon? Die Blutlache könnte man noch auffallend kolorieren und die Farbe dann auch im Titel verwenden. Das müsste man noch ausprobieren, wie das insgesamt wirkt.«

In diesem Moment erschien ein Lächeln auf Kara Bucks Gesicht.

»Das ist es!«

 

»Der Vorschlag geht gleich morgen früh an die Marketingchefin«, sagte Michael Parker eine Stunde später. »Sie haben etwas gut bei mir, Frau Forster.«

Gemeinsam hatten sie noch intensiv an der Idee herumgebastelt und am Ende ein Konzept überlegt, das man auch für die Cover der zukünftigen Thriller aus der Reihe, jeweils auf die Handlung der Geschichte zugeschnitten, verwenden konnte.

Lydia Kuske hatte sich mit der rundum zufriedenen Autorin inzwischen auf den Weg zum Interviewtermin bei einem Radiosender gemacht.

»Ach, das ist doch mein Job«, meinte Andrea, war jedoch ziemlich froh, dass ihr diese Idee noch gekommen war. Und das ausgerechnet durch die Strumpfhose, die sie vorher so genervt hatte. Also hatte sie sich an diesem Tag doch für genau das richtige Outfit entschieden.

»Trotzdem … Obwohl es so schwierig war, haben Sie ziemlich geduldig einen kühlen Kopf bewahrt und uns am Ende gerettet. Zwischendurch dachte ich wirklich schon, wir finden nie etwas, das ihr gefällt«, meinte er freimütig.

»Ich habe auch schon ein wenig an mir und meinen Ideen gezweifelt«, gab Andrea zu.

»Müssen Sie nicht. Ganz im Gegenteil! Schon die ersten Vorschläge haben mir gut gefallen. Vielleicht kann man die sogar ein wenig abgeändert für andere Thriller in Betracht ziehen. Aber es war wirklich eine enorm kreative Idee mit der Strumpfhose. Ich frag mich schon die ganze Zeit, wie Sie so spontan darauf gekommen sind«, sagte er und warf einen kurzen Blick auf ihre inzwischen strumpflosen Beine, der jedoch nichts Anzügliches an sich hatte, sondern eher amüsiert wirkte.

»Tja. Das bleibt mein Geheimnis«, meinte sie mit einem Lächeln.

»Geheimnis? Das hätten Sie jetzt nicht sagen dürfen. Denn ich bin sehr neugierig«, sagte er. »Wenn heute Abend nicht schon ein Essen mit Kara Buck auf dem Programm stünde, würde ich Sie glatt zum Italiener einladen, um das Geheimnis zu lüften«, sagte er. »Außerdem haben Sie es sich mehr als verdient. Wie wär’s denn in den nächsten Tagen mal mit einem Mittagessen?«, schlug er vor.

Es war schon eine ganze Weile her, dass ein Mann sie zum Essen eingeladen hatte. Andrea spürte plötzlich, wie ihr Herz ein klein wenig schneller schlug. Sollte sie die überraschende Einladung annehmen? Aber warum eigentlich nicht? Natürlich war das nur ein rein beruflicher Anlass. Und vielleicht konnte sie dabei im lockeren Gespräch ihre geschäftliche Verbindung zum Verlag noch weiter vertiefen.

»Gern!«, nahm sie die Einladung schließlich an. »Was aber nicht bedeutet, dass ich verraten werde, wie ich auf die Idee mit der Strumpfhose kam.«

»Abwarten. Ich bin ein großer Überredungskünstler«, erklärte er grinsend.

»Und ich kann Geheimnisse ziemlich gut für mich behalten«, flötete Andrea und war über sich selbst erstaunt. Normalerweise war das gar nicht ihre Art, aber das harmlose Geplänkel machte großen Spaß.

»Wir werden es ja sehen … Leider kenne ich in München bisher nur wenige italienische Lokale«, sagte Michael Parker, der erst vor drei Monaten aus Hamburg nach München gezogen war, wie Andrea inzwischen wusste. »Sicher haben Sie doch einen Geheimtipp, wo man ganz besonders gut isst?«

»Kommt darauf an, was Sie bevorzugen. Italienische Hausmannskost und ganz gemütlich oder eher ein …«, sie suchte nach den richtigen Worten, um den Ausdruck Schickimicki-Lokal zu vermeiden.

»Hausmannskost und gemütlich, das hört sich für mich super an«, kam er ihr zu Hilfe.

»Dann kenne ich genau das richtige Lokal.«

»Perfekt. Ich melde mich morgen mit einem Terminvorschlag«, versprach er.

»Ich freue mich.«

»Ich mich auch. Und – Frau Forster?«

»Ja?«

»In meinem ehemaligen Verlag in Hamburg haben wir uns alle geduzt. Auch mit den meisten freien Mitarbeitern. Falls das okay ist für Sie … Ich heiße Michael!«

»Klar ist das okay, Michael!«

»Freut mich, Andrea!«

Sie schüttelten sich lächelnd die Hände. Seine fühlte sich warm und auf angenehme Weise kraftvoll an, und wieder spürte sie für einen Moment dieses leises Kribbeln, das sie erneut irritierte.

»Und beim Italiener stoßen wir dann bei einem schönen Glas Wein auf das Du an.«

Kapitel 3

Ein überraschender Anruf

Nachdem Andrea drei Tage lang vergeblich auf einen Anruf von Michael Parker gewartet hatte, hakte sie die Einladung innerlich bereits wieder ab. Vermutlich hatte er nach der anstrengenden Besprechung aus einem Gefühl der Erleichterung heraus einfach nur höflich sein wollen. Denn letztlich hatte sie ja nur ihre Arbeit gemacht, ein passendes Cover zu finden, auch wenn die Umstände deutlich anspruchsvoller gewesen waren als üblich.

Insgeheim konnte sie ein gewisses Bedauern nicht unterdrücken, da sie sich tatsächlich auf das gemeinsame Mittagessen gefreut hatte. Aber vielleicht war es ja auch besser so. Michael Parker hatte etwas an sich, das sie neugierig machte, und zwar auf eine Art, wie sie es schon länger nicht mehr empfunden hatte.

Andrea war seit fast neunzehn Jahren geschieden, und die Männerbekanntschaften, die sie seither gemacht hatte, konnte sie bequem an einer Hand abzählen. Es hatte ziemlich lange gedauert, bis sie die Trennung von ihrem Mann überhaupt verdaut hatte und bereit gewesen war, sich auf erste Verabredungen einzulassen. Als alleinerziehende berufstätige Mutter hatte die begrenzte Zeit, die sie einem potenziellen neuen Partner widmen konnte, den meisten jedoch nicht genügt. Und wenn sie ganz ehrlich zu sich war, hatte keiner dieser Männer über die erste vage Verliebtheit hinaus die Sehnsucht nach einem gemeinsamen Leben in ihr ausgelöst. Inzwischen hatte sie sich gut mit ihrem Singledasein arrangiert. Die Vorstellung einer festen Beziehung ängstigte sie eher, als dass sie den Wunsch danach verspürt hätte. Womöglich immer noch ein Überbleibsel ihrer Ehe, die für sie völlig unvorhersehbar und ziemlich bitter gescheitert war.

Sie und der damals frisch geschiedene, acht Jahre ältere Richard hatten sich auf einer Party kennengelernt. Andrea war vom ersten Moment an fasziniert gewesen von dem gut aussehenden chirurgischen Assistenzarzt mit der charismatischen Ausstrahlung. Zum ersten Mal in ihrem Leben hatte sie sich auf einen One-Night-Stand eingelassen. Zumindest war sie davon ausgegangen, dass sie sich nicht wiedersehen würden, nachdem Richard am nächsten Morgen ohne Abschied verschwunden war. Doch zu ihrer Überraschung war er ein paar Tage später in der Kneipe aufgetaucht, in der sie auch nach ihrem Studium ab und zu gejobbt hatte. Danach hatte sich alles rasend schnell entwickelt. Die damals knapp Dreiundzwanzigjährige war überzeugt davon gewesen, in Richard die große Liebe ihres Lebens getroffen zu haben. Drei Monate später war sie schwanger. Zwar ohne Ring, dafür aber mit einem riesigen Strauß Rosen, den er einem Blumenverkäufer in ihrem Lieblingsrestaurant abgekauft hatte, machte er ihr spontan und vor allen Leuten einen Heiratsantrag. Obwohl ihre Eltern und Freunde sie davor gewarnt hatten, dass alles viel zu schnell ging, hatten sie sich kurz darauf im Standesamt das Jawort gegeben. Als ihr Sohn Simon zur Welt kam, schien ihr Glück perfekt. Doch keine drei Jahre später war Richard immer seltener zu Hause gewesen und überließ es weitgehend Andrea, sich um das Kind zu kümmern. Andrea hatte Verständnis, denn seine neue Stellung als Oberarzt in der Chirurgie nahm ihn zeitlich sehr in Anspruch. Sie hatte gewusst, worauf sie sich einließ, wenn sie mit einem Arzt verheiratet war. Andrea liebte ihren Mann und ihr Leben als Mutter. Mit Unterstützung ihrer Mutter Else, die bei Bedarf auf Simon aufpasste, konnte sie als freiberufliche Grafikerin regelmäßig kleinere Aufträge annehmen. An Simons sechstem Geburtstag hatte Andrea zur Feier des Tages eine kleine Party organisiert. Doch sie hatten vergeblich auf Richard gewartet. Erst spät am Abend war er nach Hause gekommen, als Simon schon längst schlief. Zum ersten Mal in ihrer Ehe hatte Andrea ihm Vorwürfe gemacht, ihr bisher so großes Verständnis für seinen Beruf war aufgebraucht.

»Es tut mir sehr leid, Andrea«, hatte Richard ruhig gesagt und ihr dann in wenigen Worten mitgeteilt, dass er die Scheidung wollte.

Scheidung? Sie hatte gelacht. Das konnte schließlich nur ein Scherz sein! Man ließ sich doch nicht scheiden, nur weil sie ihm einmal einen Vorwurf gemacht hatte?

Doch es war ihm völlig ernst gewesen. Richard hatte sich schon längst in Meike, eine Kollegin verliebt. Zuerst hatte er es selbst nicht wahrhaben und seine Gefühle verdrängen wollen. Doch irgendwann hatte er sich nicht mehr gegen seine Liebe zu dieser Frau wehren wollen.

»Du warst seine Zwischenfrau!«

»Seine was?«

»Zwischenfrau!« Eduarda hatte damit eine Erklärung für sein Verhalten geliefert, nachdem Andrea ihrer damals neuen Nachbarin von ihrem Ex-Mann erzählt hatte.

Und auch Andrea selbst hatte längst die traurige Erkenntnis gewonnen, dass es ein Fehler gewesen war, sich so schnell in die Ehe mit einem frisch geschiedenen Mann zu stürzen. Richard hatte nach seiner Scheidung eigentlich nur eine Ablenkung gesucht und sich viel zu früh auf eine neue Beziehung mit Andrea eingelassen. Dabei unterstellte sie ihm noch nicht einmal eine böse Absicht. Doch im Gegensatz zu seinen Gefühlen waren ihre tatsächlich echt und tief gewesen. Sie hatte Richard geliebt und die Trennung nur schwer verkraftet. Dass er bald darauf nach Hessen gezogen war, hatte es letztlich ein wenig leichter für sie gemacht. Obwohl es sie sehr getroffen hatte, als sie erfuhr, dass Richard mit seiner Partnerin erneut Vater wurde, hatte Andrea sich ihrem Sohn zuliebe um einen höflichen Umgang bemüht. Im Nachhinein war sie froh, dass sie es geschafft hatte, ihre eigenen Gefühle hintanzustellen, und damit allen Beteiligten den schwierigen Spagat ermöglicht hatte, respektvoll miteinander umzugehen. Simon hatte davon sehr profitiert.

Andrea war mit ihren Gedanken weit abgeschweift. Wie war sie jetzt überhaupt von Michael Parker auf ihren Ex-Mann Richard gekommen? Vielleicht wegen des unerwarteten Kribbelns im Bauch und weil Michaels Einladung sie zumindest ein klein wenig zum Träumen gebracht hatte? Sie schüttelte den Kopf.

»Das ist doch alles Quatsch«, murmelte sie und musste lächeln, als sie bemerkte, dass sie Eduardas Lieblingswort benutzte. Für Michael Parker war sie eine Geschäftspartnerin, die eine schwierige Situation gemeistert hatte. Nicht mehr und nicht weniger. Außerdem wusste sie nicht einmal, ob er verheiratet war oder in einer Beziehung lebte. Sie googelte ihn im Internet, doch bis auf die wenigen beruflichen Meldungen über seinen Wechsel als Programmleiter eines großen Hamburger Verlags zum Verlagsleiter eines kleineren Verlags in München war nichts über ihn zu finden. Er hatte offenbar keinen privaten Social-Media-Account, über den sie mehr über ihn hätte erfahren können. Und genau deswegen war es vermutlich gut, dass es kein gemeinsames Essen mit ihm gab und sie sich womöglich irgendwelche dummen Flausen in den Kopf setzte.

 

Am späten Vormittag saß Andrea an ihrem Computer und überflog noch mal das Schreiben an den Kinderbuchverlag, der wegen der Illustration eines Kinderbuches angefragt hatte. Den Namen der Autorin hatte man ihr nicht verraten, aber es handelte sich offenbar um eine bekannte Sängerin, die sich nun im Schreiben versuchte. Andrea hatte zwar nur einen Teil der fantasievollen Geschichte lesen dürfen, doch sie gefiel ihr. Ein Projekt, das ihr sehr viel Freude bereiten würde. Sie hängte eine Datei mit einigen Probeskizzen an und hoffte, dass sie damit überzeugen und den Auftrag bekommen würde. Kaum hatte sie die E-Mail abgeschickt, hörte sie ein Maunzen und Kratzen. Lächelnd stand sie auf und öffnete die Tür. Sofort drückte Charly sich herein und streifte um ihre Beine.

»Da ist wohl jemand am Verhungern, hm?«

Sie hob den Kater hoch, der schnurrend seinen Kopf gegen ihren Hals drückte.

»Schon gut, mein Großer. Du kriegst ja gleich was ganz Feines von mir.«

Andrea ging mit Charly am Arm in die Küche, setzte ihn auf dem Boden ab und öffnete einen Beutel seines aktuellen Lieblingsfutters, während die hungrige Fellnase ungeduldig maunzte.

»So, hier … lass es dir schmecken«, sagte sie und stellte die gefüllte Schale vor den Kater. Charly schnupperte kurz am Futter, dann wandte er sich ab und verschwand durch das offene Küchenfenster hinaus in den Garten.

»Na, dann eben nicht!«, seufzte sie und sah ihm kopfschüttelnd hinterher. Das eigenwillige Fressverhalten einer Katze war ein ewiges Rätsel, das wohl niemand jemals lüften würde. Sie deckte das Futterschälchen ab und stellte es in die kühle Speisekammer. Vielleicht wollte er es später doch noch und falls nicht, würde sie es am Abend für die Igel in den Garten stellen.

Andrea holte gerade Eier für ein Omelett aus dem Kühlschrank, als ihr Handy einen Facetime-Anruf meldete.

»Hallo, Simon!«, begrüßte sie ihren Sohn, sobald sich die Verbindung aufgebaut hatte.

»Hi, Mama«, winkte der Sechsundzwanzigjährige in die Handykamera. »Schau mal, Mia, da ist die Omi.«

Er schwenkte die Kamera. Nun war auf dem Bildschirm Andreas knapp zweieinhalbjährige Enkelin Mia zu sehen, die in ihrem Kinderstuhl am Küchentisch saß.

»Hallo, mein Mia-Schätzchen!«, begrüßte Andrea die Kleine mit dem dunkelbraunen Wuschelkopf. »Sag mal, was isst du denn da?«

»Apfel!«, erklärte das Kind und streckte die Hand mit einem angebissenen Stück zu ihrer Oma auf dem Bildschirm.

»Hmm, so einen mag ich dann auch. Einen gaanz ganz großen roten! Schau mal, den hier«, sagte Andrea. Sie griff in die Obstschale und hielt dann einen dicken roten Apfel in die Kamera.

Mia lachte vergnügt und biss dann demonstrativ in ihr Obststückchen.

Das Bild drehte sich und Simon erschien wieder.

»Sag mal, Mama: Könntest du bitte morgen Vormittag für etwa zwei Stunden auf Mia aufpassen? Ich habe einen Zahnarzttermin, und Laura muss überraschend für eine Moderation einspringen. Sie fährt heute noch für zwei Tage nach Berlin.«

Mias Mutter Laura Necka war eine überwiegend durch ihre Sendungen im bayerischen Fernsehen bekannt gewordene Moderatorin. Lauras Talkshow wurde dreimal in der Woche jeweils am Nachmittag ausgestrahlt. Zusätzlich moderierte sie inzwischen auch andere Formate oder Live-Events, für die sie immer häufiger angefragt wurde. Nach dem halben Jahr Babypause, die sie sich nach der Geburt genommen hatte, war sie längst wieder voll berufstätig und oft für mehrere Tage unterwegs.

Um seiner knapp acht Jahre älteren Freundin die Karriere zu ermöglichen, hatte Simon kurz vor der Geburt ihrer Tochter sein Jurastudium geschmissen. Ziemlich engagiert kümmerte er sich als Vollzeitpapa um das Kind und organisierte das Familienleben. Grundsätzlich fand Andrea diese Rollenverteilung völlig in Ordnung, allerdings gefiel es ihr nicht, dass Simon deswegen seine Berufsausbildung abgebrochen hatte, was immer wieder zu Diskussionen zwischen Mutter und Sohn führte. Doch ansonsten hatten die beiden ein großartiges Verhältnis zueinander. Die gemeinsame Zeit ohne Vater, den Simon als Kind nach der Trennung wegen der weiten Entfernung nach Hessen nur einmal im Monat am Wochenende hatte besuchen können – falls es sich überhaupt mit dem Dienstplan seines Vaters vereinbaren ließ –, hatte Andrea und Simon eng zusammengeschweißt.

»Klar kann Mia zu mir kommen«, versprach Andrea. »Sie darf auch gerne bis zum Nachmittag bleiben, wenn sie mag.«

Sie liebte ihre Enkeltochter über alles und sprang ein, wann immer es ihr möglich war. Glücklicherweise konnte sie sich ihre Arbeit zeitlich gut einteilen, und es machte ihr nichts aus, bis tief in die Nacht hinein am Computer zu sitzen, wenn sie sich tagsüber um Mia kümmerte. Außerdem war die Zweieinhalbjährige ein Sonnenschein, ein unkompliziertes Kind, das sich auch mal für eine Weile mit einem Spielzeug allein beschäftigen konnte. Andrea hatte in ihrem Büro eine kleine Spielecke mit Puppenküche eingerichtet, die Mia liebte. Manchmal hatte sie das Gefühl, in Anwesenheit der Kleinen sogar noch kreativer und schneller zu arbeiten. Ein Vorteil noch aus der Zeit, in der sie als alleinerziehende Mutter mit Kind, Beruf und Haushalt hatte jonglieren müssen, um jede Minute sinnvoll zu nutzen.

»Wenn du möchtest, kann ich Mia bei euch abholen«, bot Andrea an.

»Brauchst du nicht. Ich bringe sie auf dem Weg zum Zahnarzt bei dir vorbei.«

»Okay.«

»Ich könnte schon ein wenig früher kommen, auf einen gemeinsamen Kaffee.«

»Das wäre schön, Simon«, sagte Andrea.

»Und, Mama …«

In diesem Moment sah Andrea, dass eine unbekannte Nummer sie zu erreichen versuchte.

»Simon, ich bekomme einen Anruf. Reden wir später noch mal, ja?«

»Klar. Bis dann.« Er legte auf.

»Andrea Forster«, meldete sie sich gleich darauf.

»Hallo, Andrea, hier ist Michael.«

Für einen Moment war sie perplex. Mit Michael Parker hatte sie nicht mehr gerechnet.

»Hallo, Michael!«

»Bitte entschuldige, dass ich mich nicht früher gemeldet habe. Aber diese Woche ist wirklich ziemlich turbulent, und ich schaffe es einfach nicht, mir einen Mittag für unser Essen freizuschaufeln.«

»Das macht doch nichts«, sagte sie rasch und versuchte, nicht enttäuscht zu klingen. Immerhin meldete er sich persönlich, um ihr abzusagen.

»Es muss ja auch gar nicht sein …«, fuhr sie fort, doch Michael unterbrach sie.

»Natürlich muss es sein, schließlich habe ich dich eingeladen!«, betonte er. »Außerdem will ich das Geheimnis deiner spontanen Idee für das Cover lüften. Und da ich nicht endlos verschieben möchte, schlage ich vor, aus dem Mittagessen ein Abendessen zu machen. Wie sieht es denn bei dir am Freitag aus?«

Andrea war kurz sprachlos. Sie war von einer Absage ausgegangen. Und jetzt gleich ein Abendessen?

»Natürlich nur, wenn du Lust hast«, fügte er hinzu, nachdem sie nicht gleich antwortete.

»Ja … gern!«, sagte sie, und diesmal versuchte sie, nicht allzu begeistert zu klingen.

»Super. Würde es dir was ausmachen, bei deinem Lieblingsitaliener um halb acht Uhr einen Tisch für uns zu reservieren?«, bat er.

»Nein … ja … ich meine, es macht mir natürlich nichts aus«, sagte sie schnell. »Halb acht ist für mich perfekt. Sobald ich weiß, ob am Freitag was frei ist, schicke ich dir die Adresse. Und falls es dort nicht klappt, versuche ich es in einem anderen Restaurant.«

»Danke, das ist klasse, melde dich bitte am besten per WhatsApp unter dieser Handynummer.«

»Mache ich.«

»Ich bin froh, dass du am Freitag Zeit hast … Es tut mir leid, Andrea, dass ich es jetzt so kurz machen muss, aber ich hab gleich eine Telefonkonferenz.«

»Kein Problem! Wir haben ja schon alles besprochen«, meinte sie.

»Ich freue mich auf Freitag!«

»Ich mich auch. Ciao.«

»Tschüss!«

Nachdem sie sich verabschiedet hatte, starrte Andrea einige Sekunden lang aufs Handy, bis sie merkte, dass sie grinste. Sie hatte tatsächlich nicht mehr damit gerechnet, dass es klappen würde. Umso mehr freute sie sich, dass Michael sich doch noch gemeldet hatte.

Trotzdem – sie durfte nichts in dieses Abendessen hineininterpretieren. Es war rein geschäftlich.

»Was soll ich nur für diese Verabredung anziehen?«, fragte sie sich murmelnd.

Am besten würde sie wieder Eduarda um Rat fragen. Oder sie könnten mal wieder gemeinsam shoppen gehen. Andrea hatte plötzlich Lust, sich für das Abendessen mit Michael was Neues zu kaufen.

Kapitel 4

Auf einer Wellenlänge

Du hast ein gemütliches Lokal ausgesucht«, lobte Michael, nachdem sie die Bestellung für das Essen aufgegeben hatten.

»Danke. Ich bin sehr gerne hier. Hoffentlich schmeckt es dir auch«, meinte Andrea.

»Ich bin da ganz zuversichtlich.«

Er griff nach dem Weinglas, und sie stießen an.

»Zum Wohl, Andrea!«

»Zum Wohl, Michael!«

»Der Wein hat den Test auf alle Fälle schon mal bestanden«, erklärte er fröhlich, nachdem sie einen Schluck getrunken hatten.

»Finde ich auch … und danke noch mal für die Einladung. Das wäre wirklich nicht nötig gewesen. Ich habe ja nur meinen Job gemacht.«

»Der in diesem Fall echt nicht einfach zu erfüllen war! Außerdem – versprochen ist versprochen. Das gilt natürlich auch für die Geschichte mit der Strumpfhose, auf die ich schon sehr gespannt bin.«

Andrea lächelte.

»Ich habe doch gar nicht versprochen, sie zu erzählen«, sagte sie. »Ganz im Gegenteil!«

»Ach, ich dachte, es wäre klar vereinbart: Wenn wir zum Essen gehen, bekomme ich im Gegenzug das Geheimnis um die spontane Idee gelüftet.«

Andrea musste lachen.

»Ehrlich gesagt, es steckt nicht so viel dahinter, wie du vielleicht denkst.«

»Du weißt ja gar nicht, was ich denke …«

Er sah sie erwartungsvoll an.

»Also gut«, lenkte sie ein. »Die Strumpfhose, die ich an diesem Tag trug, war total unbequem. Ich fühlte mich nicht wohl darin und wollte sie eigentlich noch vor der Besprechung loswerden, aber dafür war plötzlich keine Zeit mehr, weil du dich mit mir noch besprechen wolltest, bevor Kara Buck kam. Deswegen habe ich sie in der Pause ausgezogen und in meine Tasche gestopft.«

»Okay … Das kann ich nachvollziehen. Strumpfhosen können echt schrecklich sein«, stimmte er ihr zu.

Sie sah ihn überrascht an.

»Du … du trägst Strumpfhosen?«

Er lachte.

»Das letzte Mal etwa mit sechs Jahren, kurz nach meiner Einschulung. Ich habe jedes Mal so ein Theater gemacht, dass meine Mutter es schließlich aufgab und ich stattdessen im Winter lange Unterhosen tragen durfte. Aber ich weiß noch heute ganz genau, wie schlimm diese Strumpfhosen sich angefühlt haben.«

Seine Mimik verriet, dass er sich tatsächlich noch gut daran erinnern konnte.

»Lange Unterhosen wären mir damals auch lieber gewesen«, erklärte Andrea. »Aber für uns Mädchen war das leider nicht üblich.«

Plötzlich lächelte er.

»Unglaublich, wir kennen uns noch nicht lange, aber schon nach den ersten paar Minuten unseres Gesprächs heute Abend sind wir bei Unterwäsche und Strumpfhosen gelandet«, bemerkte Michael amüsiert, und in seinen Augen blitzte es schelmisch.

»Wir sollten vielleicht besser wieder zum eigentlichen Thema zurückkommen«, schlug sie vor und bemühte sich um eine ernsthafte Miene, was ihr nicht sonderlich gut gelang. Mit Michael herumzuschäkern machte großen Spaß.

»Unbedingt! Ich bin schon äußerst gespannt, wie es weitergeht!«

Sie nahm einen weiteren Schluck Wein, dann fuhr sie fort.