Dieser Drang nach Härte - Eva von Redecker - E-Book

Dieser Drang nach Härte E-Book

Eva von Redecker

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Beschreibung

Eva von Redecker legt eine neue Analyse des Faschismus vor, die unserer Gegenwart gewachsen ist. Es geht ein Rechtsruck um die Welt, überall gewinnen autoritäre Kräfte an Macht und Einfluss. Und doch laufen die ewig bemühten Analogien zur Zeit des Nationalsozialismus ins Leere: Der Faschismus der Gegenwart hat eine neue Gestalt, die nicht leicht zu erkennen und noch schwerer zu erklären ist. In Redeckers wegweisender Analyse gewinnt sein diffuses Wesen an Kontur – und wird angreifbar. Seinen Kern verortet sie in der Beschwörung eines unbedingten Besitzanspruchs, dessen Verteidigung über Leichen geht. Ein erhellendes und widerständiges Buch, das Verbundenheit gegen die um sich greifende Härte unserer Zeit stellt und Denkfreude verströmt.

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Seitenzahl: 346

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Eva von Redecker

Dieser Drang nach Härte

Über den neuen Faschismus

 

 

Über dieses Buch

 

 

»Den Kern des Faschismus bildet eine entfesselte Eigentumslogik. Seine Gegenüber sind keine Menschen, sondern Dinge; seine Feinde sind keine Gegner, sondern Diebe.«

Es geht ein Rechtsruck um die Welt, überall gewinnen autoritäre Kräfte an Macht und Einfluss. Und doch laufen die ewig bemühten Analogien zur Zeit des Nationalsozialismus ins Leere: Der Faschismus der Gegenwart hat eine neue Gestalt, die nicht leicht zu erkennen und noch schwerer zu erklären ist. In Eva von Redeckers wegweisender Analyse gewinnt sein diffuses Wesen an Kontur – und wird angreifbar. Seinen Kern verortet sie in der Beschwörung eines unbedingten Besitzanspruchs, dessen Verteidigung über Leichen geht. 

Ein erhellendes und widerständiges Buch, das Verbundenheit gegen die um sich greifende Härte unserer Zeit stellt und Denkfreude verströmt.

 

 

Weitere Informationen finden Sie auf www.fischerverlage.de

Biografie

 

 

Eva von Redecker, geboren 1982, ist Philosophin und freie Autorin. Von 2009 bis 2019 war sie wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Humboldt-Universität und als Gastwissenschaftlerin an der Cambridge University sowie der New School for Social Research in New York tätig. 2020/2021 hatte sie ein Marie-Skłodowska-Curie-Stipendiatium an der Universität von Verona inne, wo sie zur Geschichte des Eigentums forschte; 2023/2024 war sie »Metropolschreiberin Ruhr«.

Eva von Redecker beschäftigt sich mit Kritischer Theorie, Feminismus, Kapitalismuskritik und Autoritarismus, sie schreibt Beiträge für u.a. »Die ZEIT«, »The Guardian« oder das »Philosophie Magazin« und ist regelmäßig in Rundfunk- und TV-Interviews zu hören. Im Schauspiel Köln richtete sie die philosophische Gesprächsreihe »Eva and the Apple« aus, im Deutschen Schauspielhaus Hamburg spricht sie im »Maschinenraum der Zukunft« mit ihren Gästen über Zukunftsvisionen und Künstliche Intelligenz.

Bei S. FISCHER erschienen zuletzt ihre Bücher »Bleibefreiheit«, das auf der Shortlist des NDR Sachbuchpreises stand, und »Revolution für das Leben. Philosophie der neuen Protestformen« (2020) sowie ein Vorwort zur Jubiläumsausgabe der »Dialektik der Aufklärung«. Aufgewachsen auf einem Biohof, lebt sie heute im ländlichen Brandenburg.

Impressum

 

 

In der verwegenen Hoffnung, dass wir sie nicht nur verbannen, sondern eines Tages wirklich unschädlich machen können, verwendet dieser Text stellenweise diskriminierende Sprache.

Möge es bis dahin immerhin gelingen, auch heilsame Stellen zu schaffen.

Ich gendere gern, aber nicht lückenlos.

 

 

 

Erschienen bei FISCHER E-Books

 

© 2026 Eva von Redecker

© 2026 S. Fischer Verlag GmbH, Hedderichstr. 114, 60596 Frankfurt am Main

 

Covergestaltung: KLASS – Büro für Gestaltung

ISBN 978-3-10-492280-5

 

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Inhalt

[Widmung]

Ausverkauf der Symbole oder warum wir einen Begriff des Faschismus brauchen

Land der Ungleichzeitigkeit

Energie der Endzeit

»WER ABER VOM KAPITALISMUS NICHT REDEN WILL …«

Die Unzeit nach dem Neoliberalismus

Rechtsbrechender Liberalismus

Verflixung oder die Tyrannei des Niemands

Techfaschismus als Geschäft mit der Gedankenlosigkeit

Projektion und Hohn: die Seele des Faschismus

Der possessive Charakter und seine Lustideologien

Keine Bleibe, nirgends: faschistisches Klima als Naturgewalt

Eingedenken und Gegenstrategien

Dank

Für Amira Möding, meine ehemalige Studentin, von der ich lerne.

 

Für Elisabeth Bonsen, meine ehemalige Lehrerin, für die ich schreibe.

Ausverkauf der Symbole oder warum wir einen Begriff des Faschismus brauchen

Auf dem Havelberger Pferdemarkt werden tatsächlich noch Pferde gehandelt, zum Teil sogar auf altertümliche Art: Der Handschlag besiegelt die Preisabsprache, genommen wie besehen. Das ist ungewöhnlich, erst recht seit eine neu verabschiedete EU-Richtlinie 2019

den Pferdekauf denselben Gewährsbedingungen unterstellte wie den Kraftfahrzeughandel. Zwei Jahre lang können Schäden reklamiert werden. Wird das Tier innerhalb dieser Zeit lahm, ist also »kaputt«, geht man von einem Unfall im Fohlenalter aus, was eine erhebliche Unwägbarkeit beim Verkauf bedeutet. Es sind denn auch keine Spitzenpferde, die hier im sachsen-anhaltinischen Havelberg gehandelt werden und deren Händler:innen sich vor Regressforderungen zu schützen hätten. Eher Freizeitbegleiter, die weniger kosten als die Röntgenuntersuchungen, die inzwischen vor dem Transfer höher gehandelter Zucht- oder Sporttiere Usus sind.

Hauptsächlich ist der Pferdemarkt aber ein »Volksfest«. Es gibt Fressstände, Musik und vor allem einen über mehrere Festwiesen ausgedehnten Trödelmarkt. Eine Vielzahl der Stände vertreibt Militärmemorabilia: Helme, Stiefel, Gürtel und – sehr selten – sogar noch den einen oder anderen schwarzen Ledermantel der SS. Auch emaillierte Schilder mit Regeln oder Polizeiverordnungen: »Wer plündert, wird erschossen.« In rostigen, mit Stoff ausgelegten Metallkisten liegen haufenweise Abzeichen und Medaillen aus leicht angelaufenem Kupfer. Auf den meisten von ihnen klebt ein quadratisches blaues Pflaster.

In Deutschland ist das öffentliche Zurschaustellen eindeutiger NS-Symbole – der SS-Runen und des Hakenkreuzes – nach Paragraph 96a des Strafgesetzbuchs illegal. Besitzen und antiquarisch handeln darf man entsprechende Objekte jedoch. Gibt es eine angemessene Kontextualisierung, wie etwa in Schulbüchern oder Museen, ist die Darstellung ebenfalls gestattet. Die Verkäufer:innen wollen sich also nicht strafbar machen, vielleicht möchten sie auch bekräftigen, dass das Interesse hier »alten Dingen« gilt und nicht deren womöglich in die Gegenwart ragender Botschaft.

Diese blauen Pflaster, die unwillkürlich betonen, was sie kaschieren, gehen mir nicht aus dem Kopf. Sie interessieren mich weniger als konkrete Symptome des Rechtsrucks. Um den auszumachen, braucht es keine Wehrmachtsmemorabilia. Und er findet entgegen einer deutschen Fixierung auch nicht nur unter Ramschbedingungen im ländlichen Ostdeutschland statt. In sieben europäischen Ländern regieren im Sommer 2025 radikal rechte Parteien, in zwei zusätzlichen stellen sie die stärkste Partei. Indien, Argentinien, Paraguay, El Salvador, Israel und die Türkei sind weitere Beispiele für das, was die zweite Amtszeit Trumps gerade am spektakulärsten vor Augen führt: dass in Demokratien die Sehnsucht nach einer Politik der harten Hand und einem möglichst homogenen Volkskörper obsiegt.

Was mich stärker umtreibt, ist der Symbolcharakter dieser überklebten Abzeichen. Ist das unsere Gegenwart? Das alte, kalte Metall, nur mit einem andersfarbigen Viereck drauf? Was, wenn nicht nur einige seiner Requisiten, sondern der Faschismus selbst sich versteckt über die Zeit erhalten konnte? Sind wir überhaupt in der Lage, ihn zu erkennen? Haben wir uns womöglich angewöhnt, die Darstellung der drastischsten Symbole für die Sache selbst zu halten? Während der deutsche Staat, nicht allein, aber mit Nachdruck, das Menschenrecht auf Asyl abbaut und Völkerrechtsstandards aufweicht, scheint es mir nebensächlich, ob hier auf dem Flohmarkt das Sonnenrad abgedeckt wird. Und wenn einer, der nebenan Porzellantassen auf Sprünge prüft, »nur« ein Wehrmachtskreuz auf den Hinterkopf tätowiert hat, reicht das auch, um zu wissen, wen er gern liquidiert sähe. Aber noch das Wehrmachtskreuz bietet ein Übermaß an Kontinuität. Was, wenn der Faschismus in neuer Form auftritt? Direkt als blaues Viereck etwa? Wird er uns auffallen, solange wir nicht zu den Opfern zählen? Könnte es sogar passieren, dass Versatzstücke genau dessen, womit man sich von der Zeit des Nationalsozialismus hat distanzieren wollen, plötzlich zur Grundlage eines neu aufgelegten rechten Projekts werden?

Genau das sehen wir bereits. Der vielbeschworene liberale Wert der Freiheit, der gegen Hitlers ebenso wie Stalins Terrorherrschaft in Stellung gebracht wurde, steht jetzt auf den grellblauen Wahlplakaten der AfD. Und selbst der Kampf gegen den ideologischen Kern des Nationalsozialismus – den Antisemitismus – begegnet uns als Aushängeschild der Rechten: Trump benutzt ihn als Vorwand, um die wichtigsten Bildungsinstitutionen seines Landes anzugreifen. Die AfD jubelt im deutschen Bundestag, wenn Asylstatus und Kulturförderung an ein Bekenntnis zum Staat Israel geknüpft werden sollen.

Zumindest aus philosophischer Sicht reicht es nicht, sich durch bloße Lagerzuordnungen Übersicht verschaffen zu wollen. Freiheit und Antisemitismusbekämpfung bleiben linke Wesensmerkmale. Entweder müssen wir erleichtert begrüßen, wenn sie auf der Gegenseite auftauchen, oder nachweisen, dass sie dort verkehrt werden. Aber woher weiß man dann noch, was rechts ist, was gar in faschistische Logiken abrutscht, wenn die Schlagworte selbst es nicht mehr ausweisen? Wir können uns nicht darauf verlassen, dass man nur ein bisschen pulen muss, um auf die eindeutigen Runen zu stoßen. Wir brauchen Kriterien für den Faschismus, Kriterien, die man nicht nur an überkommene Symbole, sondern auch an übernommene Aushängeschilder anlegen kann. Wir brauchen also einen Begriff des Faschismus für die Gegenwart.

Das entlarvende Modell antifaschistischer Kritik, das bloße Suchen nach punktuellen Entsprechungen zum Original aus den 1930er Jahren, ist auch deshalb obsolet geworden, weil es zu schnell gelingt. Wir befinden uns im Land der Täter. Irgendwas findet man immer. Und mitunter scheint es, dass in jeder polarisierten Auseinandersetzung ein Regress einsetzt, bei dem alle Seiten bei Hitler landen: Impfgegner:innen befürworten angeblich Euthanasie. Oder Lauterbach ist Mengele. Entweder ist Putin Hitler oder der ukrainische Nationalismus faschistisch. Palästina-Aktivist:innen werden zu Hitlers Wiedergängern erklärt oder Israelis zu Nazis stilisiert. »Alter weißer Mann« kann man auf eine Weise sagen, die den so Adressierten schon halb im SS-Mantel dastehen lässt. Wütende Feminist:innen werden allerdings selbst Feminazis genannt. Die Fossilindustrie treibe uns in einen Holocaust nie dagewesenen Ausmaßes. Aber der Umweltbewegung wird auch ständig vorgeworfen, sie hege totalitäre Absichten.

Die Überdehnung von Analogien löst irgendwann deren Verankerung. Keiner weiß mehr so genau, was man eigentlich meint mit der ultimativen Anschuldigung. Und wenn sie nicht mehr greift, wenn, wie seit Pegida-Demonstrationen zu beobachten, ein achselzuckendes »dann nenn mich halt Nazi« in den gekränkten Redefluss eingeschoben wird, dann steht man plötzlich wieder am Anfang und muss erst einmal erklären, warum das denn schlimm sein soll, Nazi zu sein.

Und das absolut Entsetzliche, die sechs Millionen Toten der Shoah, die können eben kein Kriterium bilden. Das ist nicht das Muster. Das ist der horrende Extremfall. Wo man mit dem argumentieren muss, hat man längst den entscheidenden Boden unter den Füßen verloren. Wir brauchen einen Begriff des Faschismus, der nicht vom ultimativen Schrecken ausgeht, sondern die Politikform erfasst, die diesen ermöglichte. Einen Begriff, der offenlegt, dass diese Politikform auch ohne entsprechende Folgen schlimm genug wäre.

Schließlich taugt der Extremfall auch deshalb nicht als Kriterium, weil nahezu jede:r Achselzuckende sagen kann: »Wieso, ich habe doch gar nicht vor, sechs Millionen umzubringen.« Oder zumindest: »Bislang ist es mir nicht gelungen.«

Solche Verleugnung durch ausgestellte Disanalogie hat eine ungewollte Entsprechung auf der selbsterklärt progressiven Seite. Jede Analogie zum Nationalsozialismus lässt sich zurückweisen, weil sie Gefahr läuft, diesen zu relativieren. Trivialisiert es nicht die Erfahrung der tatsächlichen Opfer der Vergangenheit, jetzt ständig zu fragen, ob es schon 1933 oder 1939 ist? Kann man das Webseiten-Löschen der Trump-Regierung mit der Bücherverbrennung vergleichen, ohne letztere als Vorstufe der Endlösung herunterzuspielen? Wer darf überhaupt mit Analogien operieren? Die Anthropologin Esra Özyürek hat diverse Beispiele dafür zusammengetragen, dass Migrant:innen harsch zurechtgewiesen werden, wenn sie in Auseinandersetzung mit dem NS zu dem Schluss kommen, dass sie das Angriffsziel bilden würden, sollte sich die deutsche Geschichte wiederholen.[1] Es bringt die deutsche Vergangenheitsbewältigung ins Wanken, wenn jemand verweigert, sich durch Identifikation mit der Täterseite in diese zu integrieren. Wenn der Pool der Opfer nicht abgeschlossen ist, kann man ja nicht mal sicher sein, dass die Vergangenheit vorbei ist.

Nach dem 7. Oktober 2023, parallel zum von Israel in Reaktion auf das Hamas-Massaker begonnen Krieg, verschärfte sich der Streit um die Zulässigkeit von Analogien mit neuem Brennpunkt: Im Zentrum stand der völkerrechtliche Begriff des Genozids.[2] Aber auch das Thema des Wirtschaftsboykotts und Vergleiche wie der zwischen dem Warschauer Ghetto und dem Gazastreifen gerieten unter Verdacht, jüdisches Leid zu negieren und Israel unverhältnismäßig zu dämonisieren, eben weil sie auch an Erfahrungen des Holocaust rührten. Als handele es sich um Plagiatsdelikte anstelle politischer Auseinandersetzungen, wurden im Namen der Staatsräson Auftritte und Ausstellungen abgesagt, Artikel abgewiesen, Reputationen zerstört. Es war, als hätten sich insbesondere Deutsche mit Nazihintergrund[3] darauf spezialisiert, das Copyright für die Verbrechen ihrer Großväter gegen Migrant:innen und linke Jüdinnen und Juden durchzusetzen. Der Solidarität in der Migrationsgesellschaft hat diese verkehrte Erinnerungspolitik, die benutzt wurde, um gegenwärtige Verbrechen herunterzuspielen, irreparable Schäden zugefügt. Gelockerte Analogie-Tabus helfen dem politischen Urteil indessen auch nur bedingt. Die Logik der Skandalisierung verdrängt leicht die Analyse. Und wenn wir nur wissen, dass etwas falsch ist, weil es dem NS vergleichbar ist, haben wir offenbar alle belastbaren Begriffe von Recht und Gerechtigkeit in der Politik verloren. Genau in dem Moment, wo wir sie am dringendsten brauchen, scheint die Sprache, mit der wir über den Faschismus reden, kaputtgegangen zu sein.

Unterdessen ist die AfD zur Volkspartei aufgestiegen und die Asyl-, Sozial- und Rüstungspolitik aller bürgerlichen Parteien nach rechts geschwenkt. War’s das mit der deutschen Vergangenheitsbewältigung? Ein Pflaster, vorrangig dem eigenen Trost gewidmet, das sich nach einer Weile wieder ablöst?

Aus philosophischer Sicht hilft gegen Hochkonjunktur und Crash der Analogien nur eine andere Arbeit: das Bemühen um brauchbare Begriffe. Gerade für den Faschismus scheint es aber schwierig, diese durch klare Definitionen greifbar zu machen. Monarchie oder Demokratie lassen sich jeweils in einem Halbsatz bestimmen – Herrschaft des Monarchen, des Demos –, aber den Faschismus zu definieren, sei, wie der Hitler-Biograph Ian Kershaw einmal sagte, wie der Versuch, »einen Pudding an die Wand zu nageln«.[4] Vielleicht ist er ein viel diffuseres Phänomen, vielleicht ist es auch seine relative Neuheit, die uns sein Wesen verbirgt.

Die historisch versierte Faschismusforschung reagiert darauf, indem sie anstatt einer fixen Definition Merkmalslisten aufstellt. Diese bieten auch ein Vorbild dafür, wie sich auf sinnvollere Weise über Analogien diskutieren ließe, nämlich indem man deren Dreistelligkeit betont. Ein Vergleich ist immer ein Vergleich von etwas mit etwas anderem in einer bestimmten Hinsicht. Letzteres, das Dritte, muss man explizit machen, um nicht in grobe Gleichsetzungen abzurutschen. Im Bezug worauf, wenn überhaupt, ähneln sich historische und gegenwärtige Phänomene? Auf welche Aspekte beschränkt sich der Vergleich? Der italienische Kulturtheoretiker, Linguist und Schriftsteller Umberto Eco etwa destilliert in seinem Aufsatz »Urfaschismus« 1995 vierzehn Merkmale, die für ihn die Grundform des Faschismus ausmachen. Er nennt unter anderen Ablehnung der Moderne, Kult der Tat, Einigkeitszwang, Verachtung alles Andersartigen, Adressierung insbesondere der frustrierten Mittelschicht, Verschwörungsdenken, Feindschaft gegen die Macht von »Schwachen«, Kriegsanbetung, Todessehnsucht, Machismo, selektiven Populismus und Neusprech.[5] Diese Liste ist vorrangig am italienischen Faschismus orientiert. Antisemitische Auslöschungsphantasien und die Rache für eine angeblich schmachvolle nationale Niederlage stehen nicht im Zentrum. Der New Yorker Historiker Robert Paxton dagegen formuliert eine Definition, die stärker auf Säuberung und Wiedererringung von Größe abzielt. Faschismus, so schreibt er, sei »eine Form politischen Verhaltens, das gekennzeichnet ist durch eine obsessive Beschäftigung mit Niedergang, Demütigung oder Opferrolle einer Gemeinschaft und durch kompensatorische Kulte der Einheit, Stärke und Reinheit, wobei eine massenbasierte Partei von entschlossenen nationalistischen Aktivisten in unbequemer, aber effektiver Zusammenarbeit mit den traditionellen Eliten demokratische Freiheiten aufgibt und mittels einer als erlösend verklärten Gewalt und ohne ethische oder gesetzliche Beschränkungen Ziele der inneren Säuberung und der äußeren Expansion verfolgt.«[6]

Solche Beschreibungen auf mittlerer Abstraktionsebene tarieren das Problem der Überdehnung und Tabuisierung von Analogien aus. Nichtsdestotrotz laufen sie Gefahr, der Dynamik ihres Gegenstands hinterherzuhinken. Historisch extrahierte Kriterien bieten Anhaltspunkte, aber zugleich ist mehr als wahrscheinlich, dass sie gerade den Brennpunkt einer Neuauflage verpassen. Es ist schließlich nicht mehr dieselbe Welt, in der abermals zu Mythenbildung, zu terroristischer Staatsgewalt, zu Massenpropaganda gegriffen wird. Vielleicht sind die Mythen jetzt Memes, vielleicht geht der selektive Terror von Algorithmen statt Polizeirevolvern aus, vielleicht sind die Massen verlassene Individuen am Smartphone. So stellt sich im Grunde bei jedem Eintrag auf der Liste erneut die Frage, ob wir das Merkmal ohne historisches Kolorit werden identifizieren können. Womöglich bemerken wir den heroischen Kult der Stärke nicht mal, weil er nicht mehr von Opfern für die Gemeinschaft, sondern von einer Wiederherstellung der Meinungsfreiheit schwärmt.

Wir brauchen also neben detaillierteren Vergleichen auch philosophische Erkenntnishilfe. Wir brauchen einen Begriff des Faschismus – nicht nur präzisere Vergleichshinsichten, sondern ein allgemeines Verständnis. Der Philosoph Jason Stanley bestimmt als Grundmoment des Faschismus die Logik eines »us vs. them«.[7] So gefährlich solche Frontenbildung für den demokratischen Austausch ist, bildet sie doch ein zu unspezifisches Kriterium. »Wir gegen die«, das könnte auch Klassenkampf sein, ein populärer Aufstand gegen korrupte, zynische Eliten, wie wir ihn derzeit in Serbien erleben, oder einfach ein Fußballspiel.

Um eine erste Annäherung an das Wesen des Faschismus zu finden, scheint mir deshalb in der Auslage des Antiquitätenstands ein anderer Artikel vielsagend. Da steht es, auf verdorrtem Gras gegen einen Sägebock gelehnt, das alte Blechschild: »Wer plündert, wird erschossen.«

Der Faschismus wähnt sich im Geltungsbereich einer solchen Verordnung. Die Feindschaft, die er feiert, inszeniert sich als Selbstverteidigung gegen Plünderer. Stanley ergänzt selbst, dass das »die« eines ist, gegen das ohne Hemmung gekämpft wird.[8] Aber der Faschismus basiert auf einer noch spezielleren Form des »gegen die«. Den Kern des Faschismus bildet eine entfesselte Eigentumslogik. Seine Gegenüber sind keine Menschen, sondern Dinge; seine Feinde sind keine Gegner, sondern Diebe.

»Die«, das sind diejenigen, die ein Quasi-Eigentum angreifen und die deshalb liquidiert gehören. Das Quasi-Eigentum variiert. Vom eigentlichen, materiellen Eigentum ist es gerade entkoppelt und lädt sich stattdessen an unterschiedlichsten ideologischen Objekten auf. Es kann die Nation sein oder die Familie oder das »völkische Blut«. Es können Verbrennermotoren sein oder auch der Heizungskeller. Oft genug sind es Dinge, die durchaus geschützt werden sollten, nur eben nicht in der bereits scheintoten Form von Quasi-Eigentum: »die Kinder«, »die deutsche Sprache«, »die Meinungsfreiheit«.

Dem Faschismus geht es nicht um Schutz vor echten Gefahren, schon gar nicht vor materiellen Verlusten. Es geht um Schutz »gegen die«, die nämlich, denen man das Äußerste zutraut (das Äußerste, das einem selbst nicht aus dem Kopf geht). Die, das sind nicht die irgendwie anderen, sondern die abartig anderen. Die Asozialen, die Arbeitsscheuen, die Ausländer. Die Schwulen, die Woken, die Grünen, die mit Trans- und Gender-Gaga. Kommunist:innen sowieso, falls es sie überhaupt noch gibt, ansonsten: Antifa. Es sind immer wieder die Juden, mit all ihren Decknamen: Globalisten, Eliten, Israelis, Intellektuelle. Und es sind die Muslim:innen als Messer-Männer, Kopftuchmädchen und antisemitische Aggro-Araber. »Wir gegen die« – schön wär’s. Es ist, jedesmal wieder, Selbstjustiz gegen Plünderer.

Die Hassobjekte werden zusammengestrickt. Manche Kombinationen sind uralt. Ein Jahr nachdem Papst Urban II 1095 erstmalig zum Kreuzzug gegen die Muslime aufgerufen hatte, begingen Kreuzfahrer, die eine regelrechte Massenbasis gewonnen hatten, Pogrome mit vielen Hunderten Todesopfern gegen die jüdischen Gemeinden im Ruhrgebiet. Laut dem aktuellen Verschwörungsmythos des Großen Austauschs bestehe angeblich ein jüdischer Plan, europäische Bevölkerungen gegen muslimische Einwanderer auszutauschen – so motivierte der Attentäter von Halle 2019 seinen Anschlag auf die dortige Synagoge. Dass 2019 und im Hochmittelalter die gleichen Gruppen als Feindbilder auftauchen, darf nicht zur Annahme zeitloser Gewalt verlocken. Es ist andersherum. Weil sich die Gewalt immer neu auflegt, auf Höhe der Zeit immer neue Bahnen schafft, wird der Opferstatus der bereits Vorgezeichneten fortgeschrieben. Dabei kommt es zur zusätzlichen Verquickung mit neuen Phantasmen: Im »Großen Austausch« wird etwa auch Feminist:innen die Schuld am Geburtenrückgang gegeben und die »woke«-Ideologie zur vermeintlichen Zensurinstanz erhoben.

Die faschistische Neukonfiguration der antisemitischen, antimuslimischen und misogynen Muster folgt einer speziell modernen Logik, der des Eigentums. Im 11. Jahrhundert gab es nicht einmal einen allgemeingültigen, eigenständigen Rechtsbegriff des Eigentums. Erst der umfassende Warenverkehr der neuzeitlichen Marktgesellschaften verlangte, dass alle Dinge als Eigentum gleich seien – Pferde und Autos, Häuser und Äcker, Markenzeichen und DNA. Weder feudale noch außereuropäische Eigentumsordnungen kannten die Vollverfügung, der gemäß man zerstören darf, was einem gehört. Diese Konzeption der absoluten Sachherrschaft, die sich im Laufe von Kolonialismus und Kapitalismus herausbildete, inspiriert den heutigen Faschismus. Dies liegt so nahe – besonders erfinderisch ist der Faschismus nicht –, weil die reale soziale Herrschaft bereits eigentumsförmig ist. Rassistische und patriarchale Ungleichheit in der Moderne beruht auf Sachherrschaft, in ihr wird das Leben der einen ganz oder zum Teil dem Eigentumsanspruch der anderen unterstellt. Ihre emblematischen rechtlichen Institutionen waren bis ins 19. Jahrhundert hinein die Versklavung und die Ehe unter Vormundschaft.

Die von Sachherrschaft geformten Beziehungen haben moderne Identitäten viel zu tiefgreifend geprägt, um mit ihrer rechtlichen Abschaffung auch restlos zu verschwinden. Die Eigentumsform lebt weiter, sie prägt vermessene Ansprüche, aber auch die entsprechende Vorsicht und Verletzlichkeit auf Seiten der vormals Unterdrückten. Wir sind im Nachleben der Sachherrschaft, der Zugriff ist nicht mehr rechtlich verbrieft, sondern in Verhaltensmustern und Affekten aufrecht erhalten. Die Neuauflage überlebter Verfügungsansprüche bildet »Phantombesitz«. Phantombesitz ist zugleich volatil und verkörpert, ein Kontrollimpuls an einer eigentlich leeren Stelle. Versklavung ist illegal, aber Rassismus maßt sich weiterhin an, festzulegen, wo nicht-weiße Menschen »hingehören«. Die Geschlechter sind gleichberechtigt, aber nicht-männliche Menschen gehen selten ganz ohne Angst um eine dunkle Ecke und auch vor düster-gekränkten Stimmungen männlicher Angehöriger müssen sie sich häufig hüten. Was für die einen die Gleichheit nach überwundener Herrschaft bedeutet, erscheint den anderen wie eine unzumutbare Amputation. Die Leere muss gefüllt werden; je gegenstandsloser der Anspruch ist, desto wilder und wahlloser führt sich der Wille auf, um seine Eigentümerschaft zu simulieren. Es gibt diverse reaktionäre und autoritäre Strategien der Phantombesitzverteidigung, alle möglichen Einhegungsversuche: Mauerbau hier, generisches Maskulinum dort. Sie sind nicht automatisch faschistisch. Die Verteidigung von Phantombesitz lässt sich auch als Hege und Pflege inszenieren, als Schutz von eigentlich schon erodierten Ansprüchen und Gewohnheiten. Erst wenn diese Absicherung in die frenetische Logik des Ausnahmezustands übertragen wird, kippt sie ins faschistische.

Die Erzählung vom Großen Austausch basiert dementsprechend auf phantombesitzförmigen Bausteinen. Die Fruchtbarkeit der Frauen ist in diesem Weltbild nicht frei, sie gehört der Nation oder gar »Rasse«. Anstatt eines pluralen Demos, der sich selbst regiert, herrscht ein homogenes Kollektiv als Eigentümer über das Territorium. Und auch Migrant:innen werden hier verdinglichend rassifiziert: als Menschen, über deren Aufenthalt andere Menschen entscheiden, eine Art Verschiebemasse, die noch nicht mal aus eigenem Antrieb, sondern durch die Machenschaften Dritter ihren Aufenthaltsort einnimmt.

Die eigentlich faschistische Mobilisierung entsteht in Bezug auf ein solches Phantasma, die Instanz, die den Phantombesitz angeblich angreift: jüdische »Globalisten«, die Menschenmassen steuern, oder Feministinnen, die Frauen manipulieren und Familien zersetzen. Es geht dabei nie um die vielschichtigen Kräfte, die tatsächlich Lebensformen wandeln und über die wir diskutieren, wenn konservative Positionen vertreten werden. Nein, stattdessen wird eine möglichst isolierbare, möglichst abstrakte Figur fingiert, die zum Feind auch deshalb taugt, weil ihre reale Stärke sehr begrenzt ist. Und dieser Feind soll nicht geschlagen werden oder unterdrückt, sondern restlos vernichtet.

Faschismus ist liquidierende Phantombesitzverteidigung. Er hat ein Objekt – den Phantombesitz, der geschützt werden soll –, und ein Abjekt – das Phantasma, das ausgelöscht werden muss.[9] Das Phantasma kann eine separate Gruppe sein, wie die Jüdinnen und Juden im Falle des Antisemitismus. Es kann aber auch der abgespaltene Teil des Objekts, des Phantombesitzes, sein: der Teil, der sich wehrt oder einfach als zu lebendig erweist. »Echte Frauen« können dann weiter als fügsam und fortpflanzungswillig imaginiert werden. Denn alle, die Widerstand leisten, sind keine Frauen mehr. Sie sind irgendwas anderes, etwas, das weg muss, Emanzen, Kampflesben, Gender-Ideologinnen.

Die Überhöhung der Irritation zu bedrohlicher Plünderung erlaubt es, den eigenen Vernichtungswunsch in vollkommene Unschuld zu hüllen. Der Phantombesitzer verkehrt die Welt, damit sie zu seinen Impulsen passt, und inszeniert sich selbst als Opfer dessen, was er zur fortgesetzten Unterdrückung vorsieht. »Stets hat der blind Mordlustige im Opfer den Verfolger gesehen, von dem er verzweifelt sich zur Notwehr treiben ließ, und die mächtigsten Reiche haben den schwächsten Nachbarn als unerträgliche Bedrohung empfunden, ehe sie über ihn herfielen,«[10] beschreiben Theodor W. Adorno und Max Horkheimer in den 1940er Jahren solche Zerrspiegelei. Die Pose der verzweifelten Notwehr lässt immer schon den Fall eintreten, in dem die Liquidationsdrohung auch greift.

Der Faschismus agiert im Modus der Selbstverteidigung, und weil er kein echtes Eigentum, sondern Phantombesitz verteidigt, kann er sich so leicht einreden, dass die Plünderung in vollem Gange sei. Die hypnotische Sehnsucht nach dem Tag X, an dem die Gesellschaft zusammenkracht, ist unabdingbar für den gegenwärtigen Faschismus, der ja nirgends totalitär herrscht. Alles auf null, tabula rasa, um dann, wahnsinnig unkreativ, aber eben auch schrecklich ungehindert, die Schrumpfform der angeblich ausgesetzten Ordnung zu re-etablieren. »Wer plündert, wird erschossen.« Nichts als die Bannkreise des Eigentums. Wer hat, behält; wer nichts hat, dem wird auch nichts gegeben. Diese roheste Fassung des liberalen Gesellschaftsvertrags, die Durchsetzung der Eigentumsrechte als Wasserscheide zwischen Ausnahmezustand und Ordnung, bildet zugleich die Grammatik des äußersten Anti-Liberalismus. Nicht die Festsetzung der materiellen Eigentumsordnung selbst ist faschistisch. Man mag vieles an ihr aussetzen, sie führt zu Ausbeutung und Ungleichheit, aber das ist der liberale Normalfall, kein Faschismus. Dem Faschismus ist wesentlich, dass er den Durchsetzungsakt auf Dauer stellt und seine exzessive Dynamik in Politik und menschliche Beziehungen überträgt. Dort werden ganz neue Bannkreise geschmiedet. Durch diese Verschiebung wird der Faschismus auch immun gegen den zutreffenden Nachweis, die eigentlichen Probleme – Armut, Mieterhöhung, Inflation – überhaupt nicht anzugehen. Darum geht es jetzt nicht mehr, der Phantombesitz ist wichtiger geworden als das materielle Auskommen, und die Liquidierung der Phantasmen hat Vorrang vor allem anderen. In der Dialektik der Aufklärung heißt es zur Resistenz rechter Politik gegen die soziale Frage: »Daß die Demonstration seiner ökonomischen Vergeblichkeit die Anziehungskraft des völkischen Heilmittels eher steigert als mildert, weist auf seine wahre Natur: es hilft nicht den Menschen, sondern ihrem Drang nach Zerstörung.«[11]

Der angeblich bereits herrschende Ausnahmezustand rationalisiert den zerstörerischen Drang nach Härte. Zugleich befriedigt er jedoch den verschobenen Drang nach Besitzstand. Wer sich gegen Diebe wendet, steht auf Seiten der Eigentümer, fühlt sich plötzlich selbst weniger unvermögend. Jean-Paul Sartre beschreibt dies 1945 in seinen Überlegungen zur Judenfrage folgendermaßen: »Aber in dem Augenblick, da sie sich gegen den Juden auflehnen, kommt es ihnen zum Bewußtsein, daß sie ›Besitzer‹ sind. Indem sie den Juden als Dieb vorstellen, versetzen sie sich in die beneidenswerte Lage eines Menschen, der bestohlen werden könnte. Weil der Jude ihnen Frankreich rauben will, so gehört Frankreich ihnen. So haben sie den Antisemitismus erwählt als Mittel, sich als Besitzende zu fühlen.«[12] So gesehen geht der Verteidigungsimpuls eigentlich dem Phantombesitz voraus. Das Phantasma der plündernden Horden oder heimlichen Strippenzieher ist bereits präsent. Nur in Bezug auf dieses kann man sich in vollkommen ungebrochene Ansprüche hineinsteigern. Mein Land – nur dass ich es gerade nicht spüren kann, weil es mir geraubt wurde. Oder die »stolen elections«, die auf eine maximale Regierungsmacht verweisen, die die erste Amtszeit Trumps oder Bolsonaros gar nicht entfalten konnten. Die Autorität, die sich gecancelt wähnt, ist viel größer als die lapidare Wirkung einer unkritisiert gebliebenen Äußerung. Die AfD Brandenburg hat kürzlich sogar Volksfeste in Phantombesitz verwandelt: Im August 2024 forderte sie im Landtag, Asylbewerber:innen die Teilnahme an ihnen zu verbieten.

Erst dank des Phantasmas ist das Begehren nach dem Phantom vor jeder möglichen Enttäuschung gefeit. Dass es vorerst so fad bleibt, liegt an den Störenfrieden. Wenn ich wirklich Eigentümerin wäre, allein auf der Welt mit dem Objekt, dann könnte ich es genießen.

Die Gefahr des Faschismus ist, dass er alle Macht, die er zu erringen vermag, dafür einsetzt, die Realität dieser entleerten Welt wirklich herzustellen. Dies ist umso bedrohlicher, als wir ohnehin schon zu Beginn des sechsten Massenaussterbens stehen. Auch dies ein Effekt der vergangenen Sachherrschaft über Natur, die der Faschismus zu verewigen sucht. »Drill, baby, drill.« Das Bild der leeren Welt scheint weit entfernt vom kollektivistischen Furor historischer faschistischer Massenbewegungen. Den Drang nach Härte in der Gegenwart zeichnet aber aus, dass er vor allem auf der individuellen Ebene verankert ist. Liquidierende Phantombesitzverteidigung wird persönlich vollzogen, sei es als Hasskommentar oder Brandanschlag. Das Blechschild, das da beim Flohmarkt zum Verkauf steht, war ursprünglich von einer staatlichen Instanz, vielleicht auch einer Militärbehörde oder Besatzungsmacht, angeschlagen worden. Gegen marodierende Soldaten ebenso wie hungernde Zivilist:innen sollte die rudimentäre Eigentumsordnung durchgesetzt werden: ein Minimum an Gesellschaftsvertrag.

Hier steht die Verordnung zwischen anderem Trödel zum Verkauf an unbefugte Individuen, die es witzig finden, so ein Schild auf ihrem Privatgrundstück aufzuhängen. Ein bisschen drastischer als »Vorsicht, bissiger Hund«, aber auch noch nicht in der Phantasiewelt der alternativen Ordnung der Reichsadler, die, ebenfalls auf Emaille, an manchen Gartenzäunen die vermeintliche Zugehörigkeit zum »Deutschen Kaiserreich« verkünden. Aber genau in dieser trüben Grauzone wechselt die Verordnung in die Welt der Selbstjustiz. Es ist die Anmaßung der Souveränität von Seiten eines Einzelnen, der nach deutschem Recht (anders als US-amerikanischem) nicht automatisch befugt ist, Diebe zu erschießen, erst recht nicht Todesstrafen anzuordnen. Es ist eine Notwehrphantasie mit Souveränitätsüberschuss. Der Ausnahmezustand wird eingeheimst; er ist dann nicht mehr der Übergang zu einer hoffentlich bald wieder befriedeten Gesellschaft der gleichberechtigten Eigentümer:innen, nein, es bleibt bei der Selbstbehauptung standrechtlicher Allmacht. Und an einer jeden solchen Anmaßung endet der Gesellschaftsvertrag, der ja nicht nur darin besteht, dass Eigentum zu schützen sei, sondern dass das Recht auf Selbstverteidigung an eine Regierungsinstanz abgetreten wird, die dann auch darauf verpflichtet ist, gleiches Recht anzusetzen. Der Faschismus bricht mit jeder Gleichheit, mit der materiellen sowieso, aber auch mit der formalen, die allen liberalen Rechtsordnungen zugrundeliegt. Davon zeugt das Schild als historisches Artefakt, sollte es tatsächlich der NS-Zeit entstammen. Unter der im September 1939 erlassenen »Verordnung gegen Volksschädlinge« wurden im Innern Deutschlands Teile des regulären Strafrechts an Kriegsrecht angeglichen. Jegliche Delikte, die »unter Ausnutzung des Kriegszustandes« begangen wurden, konnten von Sondergerichten mit dem Tode bestraft werden. Ein solcher Zusammenhang ließ sich leicht konstruieren, vor allem griff er bei Gelegenheitsdiebstahl während des Fliegeralarms, etwa wenn jemand ein Kleidungsstück aus den Trümmern an sich nahm. Besonders häufig trafen die Urteile osteuropäische Zwangsarbeiter:innen, die meist keinen Zutritt zu den Luftschutzbunkern hatten.

85 Jahre später bleibt am Antiquitätenstand der abstrakte Reiz, sich unter egal welchen Umständen und unabhängig von Rechtsstaatlichkeit als wehrhafte Eigentümer:innen fühlen zu können. »Mein Leben, meine Regeln« steht auf einem der schwarzen Volkswagen auf dem Havelberger Parkplatz. Auch wenn es nicht in Fraktur wäre, wüsste man: Das mag mal Hippie gewesen sein, und dann Punk, aber jetzt ist das eine rechte Phantasie, ihr Kern sogar. Das ist die verkehrte Freiheit, die die Rechten proklamieren. Da ist der Besitzanspruch, von dem auch und gerade die liberale Ordnung ausgeht, aber dann erfolgt die Abschließung gegen die Gleichheitsforderung. Die Souveränität wird keine geteilte, sie bleibt beim Eigner: meine Regeln.

In dieser Privatisierung der Souveränität besteht das fundamental Anti-Demokratische rechter Mobilisierung. Selbst wenn er qua Volksabstimmung Mehrheiten auf seiner Seite weiß, ist der Faschismus undemokratisch. Er zielt auf eine mit geteilter Macht und pluraler Entscheidungsfindung vollkommen unvereinbare Regierungsform, eine Regierungsform, die gar keine Regierung mehr ist, sondern bloße Herrschaft. Der italienische Historiker Emilio Gentile beschreibt Faschismus als Sakralisierung der Politik,[13] aber was den Faschismus im Kern ausmacht, ist, dass er den Exzess dessen zelebriert, was schon der bürgerlichen Gesellschaft heilig ist: das Eigentum. Es ist ein Exzess, weil absolute Verfügung gelten soll, wo es gar nicht um Dinge geht – ausgerechnet in dem Moment, wo wir besser denn je wissen, dass schon die Sachherrschaft über natürliche Ressourcen den Interessen der Menschheit entgegenläuft. Das Regieren mit Verordnungen zielt darauf, Politik durch das Management eines Eigentümers zu ersetzen. Und es ist ein Exzess, weil gerade der Extrempunkt des modernen Eigentums, das Recht auf Missbrauch der Objekte, das in ausgereiften Rechtsordnungen in vieler Hinsicht eingeklammert ist, ausgekostet werden soll. Der Faschismus zielt auf entfesselte Sachherrschaft, er installiert Arenen, in denen der Wille triumphieren und sich vollkommen unbegrenzt gegen verdinglichtes Leben wenden kann. Alles, was Plünderern je unterstellt wurde, ist einem selbst plötzlich erlaubt: gegenüber dem, was einem gehört. Faschismus liquidiert also nicht nur seine Feinde, sondern im Zuge ihrer vermeintlichen Verteidigung oft genug auch seine vielbeschworenen Schätze, den Phantombesitz selbst. Die Frauen, zu deren Schutz vor Übergriffen durch »Fremde« eben noch aufgerufen wurde, sollen lieber an einer Schwangerschaft sterben, als abtreiben zu dürfen. Das Volk, um dessen Erstarken sich eben noch alles drehte, wird im Zweifelsfall dem Krieg geopfert. Die Heimat ist Truppenübungsplatz, Endlager und ein Industriegebiet, in dessen Hallen meist nur verpackt statt produziert wird. Eine weitere Attraktion in Havelberg ist der Stand, an dem man zu Spottpreisen originalverpackte Amazon-Retouren als »Überraschungen« kaufen kann. Es scheint wie ein Hohn auf den Phantombesitz an Konsum in Zeiten, in denen sich viele nichts mehr leisten können.

Autoritäre Politiken stabilisieren Phantombesitz. Das ist nicht mit Konservatismus zu verwechseln, dem es um die Bewahrung lebendiger Traditionen zu tun sein müsste. An der frenetischen Mobilisierung von Phantombesitz, die den Autoritarismus faschistisch überbietet, ist erst recht nichts konservativ, denn hier werden aus dem Stoff der Vergangenheit isolierte und austauschbare Objekte geschaffen, die letztlich alle nur als Vorwand dienen, in den Lynchmodus zu wechseln.

Die Eigenschaften, die Umberto Eco, Robert Paxton und andere am historischen Faschismus hervorheben, lassen sich gut in die Formel der liquidierenden Phantombesitzverteidigung integrieren. Deren Souveränitätsanmaßung äußert sich als Kult der Tat, sie diktiert Einigkeit, maskulinistische Posen und die Verachtung von Schwäche. Das Objekt, der Phantombesitz, spiegelt sich in der Fixierung auf Niedergang und Opferrolle, dem Wunsch nach Reinheit und Expansion und in allen Anliegen des selektiven Populismus. Kriegsanbetung, Gewaltverklärung, Verschwörungsdenken und das Abstreifen der Demokratie schließlich richten sich gegen das abjekte Phantasma, dessen Vernichtung das Ziel der Verteidigung markiert. Mit der Betonung der Dreistelligkeit – Subjekt, Objekt, Abjekt – kann der Begriff der Phantombesitzverteidigung allerdings präziser erfassen, welche Gruppen auf welche Weise in die faschistische Mobilisierung hineingezogen werden. Denn die Opfer sind zwar austauschbar, aber nicht beliebig.

Einen Begriff des Faschismus zu haben, bedeutet nicht einfach, etwas sehr Schreckliches klar ins Auge zu fassen. Es heißt auch, die Schrecken der Gegenwart ohne Hang zur Übertreibung und Vereinseitigung ausloten zu können. Analogien liefern Zerrbilder, wenn ihre Pole unterschiedlich schwerwiegend sind. Ein abstrakterer Begriff jedoch kann auch helfen, leise Regungen eines Phänomens aufzudecken. Er erlaubt, etwas zu lokalisieren, ohne dass es voll entwickelt ist. Und zugleich im Blick zu behalten, was alles an Nicht-Faschistischem übrig ist von der Welt, ja mitunter selbst vom Faschisten. Längst nicht alles ist der Liquidierung verschrieben. Ein Begriff des Faschismus lässt uns auch klarer sehen, wo seine Grenzen sind, was er nicht erfasst, selbst wenn die leise Anfangsphase vorbei ist, wie es leider beim global wiederauflebenden Faschismus der Fall ist. Ein wirklich allgemeines Verständnis faschistischer Dynamik ist gerade deshalb umso wichtiger. Denn wir müssen den Begriff auch auf die politischen Anstrengungen der Gegenseite anwenden können. Wenn zu nichts sonst, sollte ein Begriff des Faschismus zumindest dazu gut sein, dass wir den Faschismus auf nicht-faschistische Weise bekämpfen lernen.

Land der Ungleichzeitigkeit

Zur 1969 erschienenen Neuausgabe der Dialektik der Aufklärung, der eindringlichsten philosophischen Auseinandersetzung mit dem europäischen Faschismus der 1930er und 1940er Jahre, merken die Autoren Theodor W. Adorno und Max Horkheimer an, dass die Wahrheit »einen Zeitkern« habe.[1] Keine Theorie, keinen Begriff, könne man als »Unveränderliches der geschichtlichen Bewegung entgegensetzen«.[2] Der »Zeitkern« ist ein wunderbares Bild. Er besagt nicht, dass Begriffe ausgewechselt werden sollen wie unmodische Kleidung (auch das eine fragwürdige Praxis in der Klimakrise). Sondern dass es ihren Kern ausmacht, wie sie sich auf die Zeit beziehen. Ob sie die Zeit in sich tragen und ihr gerecht werden.

Verschiedene Vorschläge dazu, wie wir den Faschismus in der Gegenwart fassen könnten, erheben ihren Zeitbezug direkt zum Namen. »Neo-Faschismus« betont unmittelbar, dass wir es mit einer insbesondere vom Neoliberalismus vorbereiteten Neuauflage zu tun haben: Freiheitsrufe ertönen lauter als die nach Ordnung; es geht weniger ums Kollektive als um die Ansprüche Einzelner; nicht die Führerrede im Transistorradio, sondern personalisierte, KI-generierte Posts machen Stimmung. Die Diagnose eines »neuen« Faschismus hat viel für sich. Aber darüber dürfen auch die Kontinuitäten nicht aus dem Blick geraten. Der marxistische Theoretiker Alberto Toscano spricht aktuell von »Spätfaschismus«. Er betont, dass faschistische Elemente zwar die Gestalt änderten, ihre Funktion aber gleich bliebe: Gewalt gegen unterdrückte Gruppen wird spektakulär und sadistisch konzentriert, während das Kapital ungestört weiter Reichtum anhäuft.[3] Zur Jahrtausendwende skizzierte der ungarische Dissident Gáspár Miklós Tamás zeitgenössische Abschottungsbewegungen westlicher Staaten in einem hellsichtigen Aufsatz als »postfaschistisch«.[4] Nicht die Verfolgung, sondern die Preisgabe von Menschen, die Weigerung, ihnen Zugang zu Bürger- und Menschenrechten zu gewähren, steht bei ihm im Zentrum. »Der Postfaschismus muss seine Nicht-Bürger nicht in Güterzügen in den Tod schicken, sondern nur dafür sorgen, dass die neuen Nicht-Bürger keine Züge besteigen«,[5] spitzt Tamás seine Diagnose zu. Hier ist also das Nachleben eines düsteren Höhepunkts gemeint, nicht dessen Permanenz. Ich würde bei den Anfängen der Abschottung eher von autoritären Zügen sprechen als von faschistischen – und auch das »post« hält ja offen, wie das Verhältnis von fortgesetztem zu überwundenem Faschismus ist. Aber wenn es kein Faschismus mehr ist, tut man vielleicht besser daran, es auch nicht als solchen zu bezeichnen. Überhaupt ist die Suche nach dem Faschismusbegriff keine nach dem breitesten Label. Es ist eine fragwürdige Versuchung, in seinen Gegner:innen unbedingt weltgeschichtliche Feinde sehen zu wollen. Das befriedigt höchstens den Wunsch nach moralischer Orientierung – die auf solche Superlative nicht angewiesen sein sollte –, gewährt aber keine politische. Wem an der Sache der Emanzipation liegt, der hätte lieber harmlosere Gegner:innen, lieber weniger verhärtete Fronten, lieber eine nicht ganz so katastrophale Niederlage. Dennoch gilt es sich der Tatsache zu stellen, wie schnell und restlos manche autoritäre Tendenz vom bloßen Schutz des Phantombesitzes in den frenetischen Selbstverteidigungsmodus umschaltet. Aus Einhegung wird Hetzjagd, liquidierende Phantombesitzverteidigung also, und damit, auch wo sie noch nicht regiert, wirklich faschistische Tendenz. Vielleicht war Tamás also sogar zu optimistisch und hätte eher von Protofaschismus sprechen sollen.

Um für die liquidierende Phantombesitzverteidigung eine richtige Balance zwischen »neu« und »wiedererkennbar« zu finden, möchte ich die Frage nach dem Zeitkern aber noch anders stellen. Nicht in dem Sinne, wo auf dem Zeitstrahl wir uns mit »unserem« Faschismus befinden, sondern welche Zeitlichkeit ihn selbst ausmacht. Mir scheint nichts so charakteristisch für den neuen Faschismus wie seine schlechte Zeitlosigkeit: dass er alles in eine klaustrophobe Gegenwart einschließt. Sogar in seiner Vergangenheitsbeschwörung bietet der heutige Faschismus nur Kopien zeitgenössischer Attrappen – denn was auch immer politisiert wird, Familie, Religion, Wurstgericht, tritt uniform als Besitz auf den Plan. Und solcher Besitz verstellt jede Zukunft durch die simulierte Utopie einer mit härterer Gangart durchgesetzten Normalität.

Der nach der nationalsozialistischen Machtübernahme in die Schweiz geflohene marxistische Philosoph Ernst Bloch stellte 1935 die Diagnose, dass es sich beim aufkommenden Faschismus um eine »Erscheinungsform der Ungleichzeitigkeit« handele. Auch hier steht also ein Zeitkern im Zentrum des Begriffs: dass da etwas hervorbricht, das einer anderen Zeit angehört. Für Bloch lag darin sogar eine leise Hoffnung: dass es auch eine Gleichzeitigkeit gäbe, von der aus die bessere Zukunft greifbar würde.

Wenn ich im Frühjahr 2024 durch die Dörfer fuhr – in Brandenburg, wo ich lebe, in Schleswig-Holstein, wo ich herkomme, im Ruhrgebiet, wo ich ein Schreibstipendium hatte –, dann hingen an den gelben Ortsschildern große, leere Gummistiefel, auf deren Schaft ein Kreuz gesprüht war. Die olivgrünen Stiefel waren das Symbol der Bauernproteste. Fast eine Konkretion des Phantoms. Als ginge es jetzt wirklich, wörtlich, um einen Anspruch, der als gekappte Gliedmaße ausgestellt wird. Und obwohl das mit dem Phantombesitz kritisch gemeint ist und ich wütend auf die rechtslastigen Großbauernproteste war: das Symbol wirkte. Immer wieder wurde mir flau im Magen, überfiel mich ein Mitleid, das sich mehr wie Nostalgie anfühlte.

Es stimmt ja ein Stück weit. Wie in anderen Industriestaaten haben Landwirte in Deutschland eine ungewöhnlich hohe Suizidrate. Oft ist bei Todesfällen auch schwer festzustellen, ob es sich um Arbeitsunfälle wie Pestizidvergiftungen handelt oder doch um eine verkappte Verzweiflungstat. Für diese Grauzone aus aktiver und passiver Selbstvergiftung in abgelegenen ländlichen Gegenden gibt es inzwischen sogar ein soziologisches Fachwort, »deaths of despair«.[6] Und die Höfe sterben auch. Jeder zweite landwirtschaftliche Betrieb hat seit den 1990er Jahren aufgehört, und viele der verbleibenden schaffen es nicht, aus den roten Zahlen herauszukommen, egal wie hart die Eigentümer:innen oder Pächter:innen schuften. Nichtsdestotrotz stiegen die durchschnittlichen Profite in der Landwirtschaft in den letzten Jahren, gerade im Wirtschaftsjahr 2022/2023 ließ sich ein Gewinn von 45 Prozent gegenüber dem Vorjahr verzeichnen. Die Wehmut, die mich am Dorfausgang befällt, gilt einem Bild von Landwirtschaft, das nichts zu tun hat mit den zehn Tonnen schweren Schleppern im Wert eines Einfamilienhauses, die die Autobahnzufahrten blockieren. Durchindustrialisierte Großbetriebe, oft als GmbHs geführt, können am Markt besser bestehen. Und nebenbei erlauben sie Investoren, sich einzukaufen, ohne dass das eigentlich bestehende Acker-Vorkaufsrecht für Landwirt:innen greift. Der kapitalistische Markt ist allerdings nicht der einzige Faktor im Überleben der Höfe. Ein Viertel des EU-Haushalts wird für Subventionen aufgebracht, die den Agrarsektor finanzieren.[7] Da die Subventionen nach Hektarzahlen bemessen werden, begünstigen sie abermals Großbetriebe. Bei den Protesten wurden Standesunterschiede innerhalb der Landwirtschaft jedoch nur von einer kleinen Fraktion zur Sprache gebracht, die in der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL) und nicht im großen Bauernverband organisiert ist. Allein die AbL sprach auch die langfristige Perspektive an: Wie kann Landwirtschaft überhaupt abgesichert werden, wenn das Klima Achterbahn fährt? Weder die vom grünen Landwirtschaftsminister angekündigte Abschaffung der bisherigen Ausnahme von Kraftfahrzeug- und Treibstoffsteuer für Traktoren und Mähdrescher, noch die abstrakten Appelle der Protestierenden – »Ohne Bauern keine Zukunft« – berührten diese Frage auch nur. Stattdessen richtete sich die Wut quer durch die sehr unterschiedlich abgesicherte Bauernschaft pauschal gegen »Brüssel«, gegen die Paragraphen, gegen die sozialdemokratisch-grün-liberale Koalitionsregierung. Kommentator:innen wiesen gern darauf hin, dass die AfD, die sich mit der Bauernbewegung solidarisierte, laut eigenem Wahlprogramm deren Subventionen abschaffen wolle. Ob den Landwirten der Widerspruch nicht auffalle? Es klang ein wenig, als unterstelle man den Bauern, nicht lesen zu können. Dabei ist der paradoxe Hass auf die Transferleistungen zentral für ihre Mobilisierung – wie auch für das Ressentiment vieler anderer Bürger:innen, die den Sozialstaat verunglimpfen, während sie von ihm profitieren. Wie der Humangeograph Dominik Intelmann zeigt,[8] ist diese Haltung gerade in Ostdeutschland sehr verbreitet – in ganz Europa übrigens die Gegend, an der die Bewohner:innen das geringste Eigentum haben.

Ein Großteil der Kränkung der Landwirte rührt daher, heimlich zu wissen, dass sie ihr Geld nicht in Gummistiefeln, sondern beim Ausfüllen verworrener Subventionsanträge am Schreibtisch verdienen. Dass dann auch noch ein Systemfehler in der EU-Software dafür sorgte, dass 2023 die Gelder verspätet ausgezahlt wurden, hatte diese Abhängigkeit gerade rechtzeitig zu den Weihnachtstagen in Erinnerung gerufen und die Idee der Proteste angefacht.