Diesseits - Dietrich zur Nedden - E-Book

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Dietrich zur Nedden

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Beschreibung

Hannes Weckerling ist wohl das, was man unter einem ›liebenswerten Unruhestifter‹ versteht: Vater zweier Kinder und mit seiner Lebensgefährtin an seiner Seite tritt er als gewitzter Autor auf und hält Distanz zu den allgegenwärtigen technischen Errungenschaften. Er nimmt sich selbst und das Leben zwar wichtig, aber nicht so ernst, als plötzlich ihm die Ärzte nach einem epileptischen Anfall eine folgenschwere Diagnose stellen: Hirntumor. Nicht länger die Mitmenschen durch sein oft bizarres Verhalten irritierend, will sich Weckerling für den fundamentalen Riss in seinem Dasein wappnen. Dabei übernimmt er von Ratschlägen nur das, was in ihm nachhallt. Als eigensinniger Zeitgenosse meint er, eine intuitive Strategie des Widerstands und der Überwindung zu finden. In seinen Kladden schreibt er assoziativ viele Gedanken nieder. Immer stärker saugt er damit den Leser in den Strudel dessen hinein, was sich im Verlauf dieser Krise in seiner Seele entwickelt. Aus dem Wechselspiel der verschiedenen erzählerischen Bestandteile, verwoben mit Zitaten, Songtexten, Radioansagen und Haikus, erwächst die eindringliche und sprachlich virtuose Schilderung einer existentiellen Geschichte mit autobiografischen Zügen.

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Seitenzahl: 285

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Dietrich zur Nedden

Diesseits

Inhaltsverzeichnis

Vorwort des Herausgebers

Aura

Insel der grauen Mönche

Verden Nord

Sekundenbruchteile

Parkplatz

Drei Kreuze

Stand-by-Modus

Diverse Hypothesen

Tiefschläge

Aus den Notizbüchern I

Aus den Notizbüchern II

Briefverkehr I

Der Countdown läuft

Mörtelfugen

Briefverkehr II

Augen zu und durch

Worst Case

Wie in Trance

Mister B.

Experten

Trick 17

Sie rauchen?

Chamäleons im Spiegelkabinett

In unergründlichen Tiefen

Don’t let us get sick

Hyperaktive Imaginationspotenz

Morgens um sieben

Zehn Kilo

Da steckt man nicht drin

So doof wie die Milz

Fehlerkonstanten

In der Bibliothek

Gedächtnisse

Flora und Fauna

Mitschnitt aus der Innenperspektive

Eine Ausbeute

Hunde

Notizen aus Soltau

Briefverkehr III

Glück haben, glücklich sein?

Hollywoods beliebteste Krebsart

Subgenre

Post aus Venedig

Beziehungen

Geschlossene und offene Räume

Schnipsel

Triadische Dinge

Fünf, sechs oder sieben Jahre später

Ich stelle mir vor

Wie würdest du das nennen?

Ich erinnere mich

Quellen

Dank

Der Autor

Impressum

Vorwort des Herausgebers

Kein Herausgeber hat je so wenig zu sagen gewusst wie ich über die Hintergründe dessen, was er herauszugeben beauftragt ist. Dennoch versuche ich, die Mosaiksteinchen zusammenzufügen, die mir zu Gebote stehen.

Die Datei, die dieser Veröffentlichung zugrunde liegt, hat mir Marina Leberecht anvertraut, die selbst, wie sie versicherte, aus Scheu, Beklommenheit oder Furcht die Datei niemals geöffnet hatte, demzufolge den Inhalt nicht kannte. Andererseits doch insofern, als sie den Titel in Weckerlings hier winziger Handschrift, etikettiert auf dem USB-Stick, natürlich nicht übersehen konnte und erwartete, dass darin ist, was drauf steht: »Diesseits. Ein Hirnroman«. Marina gab mir den Stick unter bestimmten, um nicht zu sagen harten, verschärften Bedingungen, die ich bis heute selbstverständlich gerne respektiere und die ich auch gegenüber dem Verlag einhalte, ja, von dem ich verlangt habe, sich diesen Bedingungen seinerseits zu unterwerfen. Diese Bedingungen sagen, grob umrissen in einem Satz: Wir recherchieren nicht weiter, wir lassen es ganz einfach so stehen. Ich bin mir durchaus im Klaren, dass dieses Unterfangen im digitalen Zeitalter geradezu lächerlich, absurd anmutet.

Um unbefugten Dritten möglichst viele Schwierigkeiten dabei zu bereiten, auf eigene Faust mit den Materialien umzugehen, haben wir Namen geändert, alle beteiligten Ärzte nachdrücklich an ihre Verschwiegenheitspflicht erinnert und drittens lediglich eine einzige Kopie des Originaltextes auf dem USB-Stick angefertigt, die wir verwahren.

Was wissen wir an Fakten und Tatsachen? Dr. Poweleit, dessen Schilderungen und Kommentare Sie demnächst kennenlernen, ist wohl ein Deckname, und wer will, kann in ihm eine frei erfundene Figur sehen. Mindestens insofern, als wir allesamt in gewisser Hinsicht frei erfundene Figuren sind. Mag es hochtrabend klingen, sei es drum, aber mir, einem notorischen und bekennenden Theater-Verweigerer, haben sich Verse aus einem Stück von Shakespeare eingeprägt: »We are such stuff that dreams are made on and our little life is rounded with a sleep.«

Um ins Konkrete zurückzukehren: Ich erlaubte mir also nur – in Absprache mit Marina – mich zu erkundigen, ob es einen Psycholinguisten namens Dr. Poweleit gibt. Für dergleichen braucht es mittlerweile nicht mehr als einige klug kombinierte Klicks, um sich schlau zu machen, zumindest sich zu wähnen, schlauer zu sein. Ich habe niemanden dieses Namens gefunden. Gleichwohl hat mir Marina gesagt, dass Weckerling im Laufe seiner bizarren Odyssee unter den diversen Fachleuten auch einem Psycholinguisten begegnet ist. Wobei man auch an dieser Stelle einen Schritt zurücksetzen sollte: Weckerling beteuerte Marina gegenüber, auf einen Psycholinguisten gestoßen zu sein. Unnötig zu sagen, dass die betreffende Disziplin auch mit neurologischen Aspekten einhergeht.

Was folgt daraus? In Weckerlings Aufzeichnungen, die wir einen Roman nennen, sind Anmerkungen eingearbeitet, die – soweit ich es beurteilen kann – der Prüfung des Fachpublikums einigermaßen standhalten dürften, Gegenstimmen inklusive. Ob diese Kommentare von Weckerling selbst stammen, ob er sie aus den Berichten und Befragungen oder aus der Lektüre in diversen Büchern kompiliert, ob er vielleicht doch eine authentische Figur direkt einbezogen hat, die bereitwillig war, unter einem Pseudonym Weckerlings Werk als professioneller Helfer und gleichsam Lektor zu begleiten. Wir lassen es offen und – um nochmals pathetisch zu werden – umhüllen die Wahrheit, sofern es eine gäbe, mit einem Mantel des Schweigens.

Nur so viel: Der Tonfall Poweleits erscheint, um es vorsichtig zu sagen, des Öfteren befremdlich. Umgekehrt und zugespitzt könnte man nach wenigen Zeilen fragen: Wer ist hier eigentlich krank? Oder ist hier jemand eigentlich verrückt?

Zuletzt bleibt ein weiteres Rätsel (vorerst?) ungelöst, es hilft alles nichts. Wo sich Weckerling aufhält, wissen wir nicht. Ist er tot? Das Geheimnis lässt sich bis auf Weiteres nicht entschlüsseln. Weckerling hatte eines Tages jenen USB-Speicherstick mit der Datei per Post an Marina geschickt nebst einem Zettel, auf dem er notiert hatte, sie dürfe mit dem Inhalt anstellen, was sie wolle. Außerdem fanden sich zwei Briefe im Briefkasten, die an Jonathan und David adressiert waren. Die haben wir eingearbeitet, ohne sie zu kennzeichnen. Die Söhne waren damit einverstanden.

Jetzt lassen wir die Texte sprechen.

Albrecht Jung

Slipping and then sliding

and playing domino

lefting and then righting

it’s not a crime you know

You gotta tell your story boy

before it’s time to go

Neil Young

1 / Aura

Ende März ging Hannes Weckerling beschwingt auf die Häuserzeile aus den Jahren des Wiederaufbaus zu, wo die radiologische Praxis ihn empfangen würde. Der Termin dort nach ausgiebiger Wartezeit stellte die Endstation dar, die letzte Wegmarke, die den neurologischen Befund bestätigen, vollenden würde.

Während Weckerling eingezwängt gleich in einer klinisch weißen Röhre läge, würden mithilfe elektromagnetischer Resonanzen scheibchenweise Bilder von seinem Kopf errechnet, die nichts Absonderliches, nichts Außergewöhnliches, nichts Böses offenbaren würden.

Längst hatten Ärzte unterschiedlicher Provenienz eine stimmige Diagnose gestellt, weshalb sich kürzlich unter Weckerlings Schädeldecke inmitten der Fantastilliarden Nervenzellen ein heftiges Gewitter entladen hatte.

Beschwingt war Weckerling zumute, weil ihm für seine wachsende geistige Verkommenheit der verstrichenen Jahre, die er wie einen holprigen Zickzackweg in den Irrsinn erlebt hatte, eine leibliche Ursache eröffnet worden war. Vor etwa zwei Wochen hatte Doktor Sadern, ein Neurologe, nach gründlicher Untersuchung eine ›migraine accompagnée‹ diagnostiziert und damit das Ergebnis des Augenarztes Doktor Fint erhärtet, den Weckerling anfangs desselben Tags aufgesucht hatte: ›Migräne mit Aura‹. Diesen Schluss legte jener Krampfanfall nahe, den Weckerling erlitten hatte, eines stürmischen Spätwintermorgens früh um halb sechs, als Schneeböen über die Autobahn bei Verden durch eine gespenstische Finsternis wehten.

2 / Insel der grauen Mönche

Weckerling war gen Nordseeküste aufgebrochen, um mit der Fähre nach Schiermonnikoog überzusetzen. Obwohl die Fahrt von Hannover aus bloß für ein Wochenende kaum zu rechtfertigen war, hatte er sich gleichsam intuitiv zu dem Ausflug entschlossen, als er aufschnappte, was der niederländische Name bedeutet. Die ›Insel der grauen Mönche‹ schien wie dafür geschaffen, Weckerlings fahlem Gemüt in einer dialektischen Volte wärmere Farben hinzuzufügen.

Marina wunderte sich, als Weckerling ihr am Abend zuvor so plötzlich von seiner Absicht erzählte. Sie hatte allen Grund, unwirsch darauf zu reagieren, denn sie müsste sich alleine um David und Jonathan kümmern, während sie zugleich dringend Entwürfe fertig zu stellen hatte für einen Kunden, der nach der nun dritten Verschiebung des Abgabetermins ungeduldig mit den Fingern auf dem Tisch trommelte. Da Marina jedoch die kümmerliche Verfassung und so manches seltsame Gebaren ihres Mannes seit Längerem stutzig machte, ließ sie es bei einem vernehmlichen Seufzer bewenden.

Um rechtzeitig in Lauwersoog einzutreffen, wo die Fähre pünktlich ablegen würde, brach Weckerling um kurz nach halb fünf Uhr in der Frühe auf. Ihn umgeisterte eine Benommenheit, die dem flüchtigen, unruhigen Schlaf geschuldet sein mochte, gemischt mit vier oder sechs Bieren. Auch die vorletzte Nacht war zerfranst gewesen nach einem Auftritt mit Kollegen in einem kleinen Theater.

Für eine ekstatische Nummer der improvisierten Revue hatte Weckerling zur Ukulele gegriffen und einen Blues, nämlich McCartneys Why Don’t We Do It in The Road?, so hemmungslos und verwegen aus Leibeskräften gebrüllt, dass dem spärlichen Publikum angst und bange wurde. Das schwarze T-Shirt klebte schweißnass auf Weckerlings Haut, als der Freund und Kollege Karringer, der im Kontrast zu Weckerling diverse Musikinstrumente wahrhaftig beherrschte, ihm auf die Schulter klopfte – gleich einem ironisch gefärbten Zeichen aufrichtiger Anerkennung des Wagemuts. Dieses Tages letzte Notiz in Weckerlings Kladde meinte: Halb zog sie sich, halb sank sie hin, die Nacht.

Unentwegt schneite es seit Tagen, der Räumungsdienst hatte längst aufgegeben. Vom Asphalt war so gut wie nichts zu sehen, der alte Golf neigte zum Schliddern und Schlingern. Weckerling, kein begnadeter Autofahrer und selten am Steuer, war dazu gezwungen, sich beständig zu konzentrieren und Vorsicht walten zu lassen. Vielleicht deshalb wirbelte ein Schmerz inmitten des Schädels, als treibe ein Spiralbohrer ein sadistisches Spiel.

Mühselig das unermessliche Schneegestöber, diffus und bloß für wenige Augenblicke wirklich durchdringend, verhexten die Scheinwerferlichter das Draußen in spukhafte Sphären. Pupille und Iris des linken Auges spielten obendrein verrückt, so empfand es Weckerling, weil er immer weniger sah. Bunte Blitze verhedderten sich mit einem Flimmern, ein Bild nach dem andern überlagerte die jeweils eigene Kopie. Eingeschüchtert schwankend zwischen Panik und Lähmung spähte Weckerling rechts nach einem Schild, das ihm bitte einen Parkplatz offerieren würde.

Da! Endlich!

Weckerling bog ab, hielt an und dämmerte für eine ausgedehnte Weile vor sich hin.

Der Atem stockte, der Kopf dröhnte, die Kälte schoss in die Glieder, als Weckerling ächzend ausstieg. Er starrte auf den Schriftzug, der den Namen des Parkplatzes bekannt gab. Nach zwei Schritten machte er wieder kehrt. Schließlich klaubte er das Notizbuch aus der Brusttasche seiner Lederjacke und krakelte in dem aussichtslosen Unterfangen, sich seiner Selbst zu vergewissern:

3 / Verden Nord

Regenbogen

Alarm aussetzen

Du machst dich lecherlich lächerlich, aber vorerst nicht zu ändern. Müdigkeit, die sich kreist. Ein Kreisel. Leere. Verantwortung.

Aussetzer. Bleck. Madener Holz. Da stimmt aber etwas nicht.

Badener Holz

Seltsam. Ein Aussetzer nach dem andern. Verwunderlich ist das allemal. Verden-Nord. aus memd Bremer Kreuz. Ich mußte anhalten. Zum Ein glück habe ich das noch verstanden.

Augenwinkel.

Ai Eingeschrecket Ein. Aus. Ein

Ich muß die Reise leider sturnielt.

Eingeschreigt vergeigt.

von Angesicht zu Angesicht

Eingeschra

… wiedre … aus alle

aus.

aus alle Wolken.

G gewicht. Gestammel.

Es besser eine ist, um so b/gestört ist er

Schmerz

alvabet

Al

alpabet.

Lösung. Aporie.

Gleichgewicht.

Brille: Eingeschrenktes Blickfeld.

Der Augenarzt wmpfielt.

Eine psichychet psycho-Komponente.

Rastplatz Parkplatz

Ausfahrt

4 / Sekundenbruchteile

Stellen wir uns vor, Weckerling hätte 23 Hundertstelsekunden zu spät das Steuer nach rechts gedreht, teils fatal intuitiv, teils unbedacht, um auf einem Parkplatz zwischen Verden und Achim anzuhalten. Stellen wir uns vor, das Auto wäre in ein von Schneegestöber umtobtes Rutschen und Schlingern geraten, hätte sich – wie schon einige Nanosekunden zuvor – im Nu und endgültig Weckerlings ohnehin löchriger Kontrolle entzogen, hätte sich koppheister überschlagen.

Denken wir uns, dieser ganz und gar wahrscheinliche schwere Unfall mit Todesfolge wäre geschehen.

Die Ursache hätte man schließlich in der miserablen, scheußlichen Witterung und Weckerlings erheblich maroder Verfassung vermutet, wenn nicht beiden gemeinsam die Schuld gegeben. Umstände, die sich beinahe schicksalhaft aneinandergefügt hatten. Niemand wäre dem Gedanken verfallen, die unappetitliche Leiche einer Obduktion zu unterziehen. Ein zugleich tragischer und dummer, letztlich trivialer Tod wäre zu den Akten gelegt worden.

Stellen wir uns den Schock der Hinterbliebenen vor? Das Raunen anderer, missgünstiger Zeitgenossen zumal, die hinter vorgehaltener Hand Weckerlings miserables Befinden, das so einen Unfall begünstigen würde, in erster Linie und logisch an seinem letztlich mörderischen, alkoholhaltigen Lebenswandel aus kurzen Nächten zurückführen würden? Stellen wir uns das Begräbnis vor? Welche Songs gespielt, ob und wenn ja welche Reden geschwungen worden wären? Weder hier noch jetzt, nicht an dieser Stelle. Sondern wir bereiten die Leserin, den Leser darauf vor, demnächst zu enthüllen, was wirklich und wahrhaftig, was tatsächlich und objektiv, was nachweisbar und erkennbar rumorte, seit Jahren gewachsen war und frohlockend wuchs; was ihn – Körper, Geist, Seele, wie auch immer wir die Einzelteile des Sammelsuriums nennen wollen – gequält, traktiert, ruiniert hatte. Niemals wäre festgestellt und erkannt worden, was die Ursache gewesen war, der Riese, der sich einst als eine Art Homunkulus in Weckerlings Hirn eingenistet hatte.

5 / Parkplatz

Bis vor kurzem hatte Weckerling dem Rat der praktischen Vernunft widerstanden, ein Mobiltelefon zu erstehen. Schon, dass er das Gerät so nannte, und nicht etwa wie alle Welt Handy, verschaffte ihm Abstand dazu.

Als Vater zweier Kinder es abzulehnen, grundsätzlich stets erreichbar zu sein, oder umgekehrt: mit einer tragbaren Telefonzelle ausgestattet, jederzeit die Möglichkeit zu haben, Hilfe in welcher Notlage oder Dringlichkeit auch immer anzubieten – diese Gebärde subversiver Ablehnung brach auf diesem Parkplatz zwischen Verden-Nord und Achim-Ost morgens um sieben unwiderruflich zusammen.

Bis er sich entschloss, zum Handy zu greifen, versickerten Stunden. Am schulfreien Sonnabend mochte er Marina nicht allzu früh wecken, das war einer der Gründe. Andere gestikulierten ungreifbar im Nebel der Gedanken, während Weckerling matt auf dem Fahrersitz kauerte.

Gegen neun wählte er die Festnetznummer zuhause. Das Klingeln weckte Marina und sie nahm ab, schlaftrunken. Als sie Weckerlings Stimme erkannte, atmete sie durch und raunte halbwegs wach:

»Hannes, was ist? Hast du die Fähre verpasst?«

»Nein. Das heißt ja. Tut mir leid, dich zu wecken. Irgendwas hat mich umgehauen. Ich weiß nicht. Schwächeanfall. Steh auf einem Parkplatz. Kann nicht mehr fahren.«

Marina seufzte schicksalsergeben. An Überraschungen, an plötzlichen Einwänden, an Augenblickentscheidungen herrschte wahrlich kein Mangel, wenn man das Leben mit Weckerling teilte. Einen Gran Zorn zügelnd, sagte sie:

»Am besten hole ich dich ab. Ich werde versuchen, Fritz zu erreichen. Vielleicht hat der Zeit, mich zu begleiten. Damit jemand den Golf zurückfährt.«

Ihr Bruder Fritz war Arzt, genauer gesagt, Facharzt für Allgemeinmedizin. Aber weniger dessen Tätigkeit, wie maßgeschneidert für diese dringende Begleitung, steckte hinter ihrem Einfall als der Umstand, dass Fritz seiner Schwester beistand, wann immer sie ihn darum bat.

Weckerling stoppelte die Koordinaten aneinander, soweit ihm die Übersicht gelang, las den Namen des Parkplatzes vor, diesmal richtig, zwischendrin gelegentlich Worte der Entschuldigung stammelnd.

Als Marina und Fritz gegen zwölf eintrafen, gewahrten sie im Nu, vielsagende Blicke wechselnd, wie fahl, wie verfallen Hannes aussah. Fritz hörte zu, als Hannes von »Spektralfarbelementen« sprach, von »trüben Sinnen«, von dem Augenwinkel links oben, der Nachbilder vervielfachte. Er sei, murmelte Hannes, »mancher Worte verlustig gegangen«.

Fritz verabschiedete sich und bestieg sein Auto, nicht ohne Hannes dringend anzuraten, möglichst bald eine neurologische Praxis aufzusuchen. Er empfahl Doktor Sadern.

Sehr schweigsam fuhren Marina und Weckerling zurück nach Hause. Ihn beschämte es, eine aufwändige Aktion ausgelöst zu haben, ihr fehlte die Kraft, Verständnis zu äußern. Überdies bangte sie um seine Gemütslage und was wohl dahinterstecken mochte. All den Idiotien zum Trotz, die Weckerling ihr angetan hatte.

»Wie mir das gelungen ist, bis kurz vor Bremen zu gelangen, ist mir ein schleierhaftes Rätsel«, sagte Weckerling unversehens. Marina nickte und erwiderte nichts.

6 / Drei Kreuze

Zwei Wochen waren seit den neurologischen Untersuchungen verstrichen, wozu ein ausführliches Elektroenzephalogramm zählte, Prüfung der Augenmuskeln und der Reflexe, Einbeinstand, der Finger-Nase-Versuch und so weiter. Zum Abschied hatte Sadern gemeint, Weckerling möge den zu erwartenden Kommentaren der Radiologen nicht allzu viel Gehör schenken, falls doch entgegen seiner, Saderns, Erwartung vermeintliche Ungewissheiten zu begutachten wären. Wie immer sie die Bilder deuten würden, Weckerling solle seine, Saderns, endgültige Diagnose abwarten.

Gestärkt hatte Weckerling wenige Tage zuvor auch die Antwort des Augenarztes Flint auf jene bange, zaghafte, ja zittrige Nachfrage: »Ähm, also, ich neige zur Hypochondrie, glaub’ ich, deshalb ist es bestimmt bescheuert. Jedenfalls, der Mann einer Kollegin von mir, es ist so ungefähr fünf Jahre her, der sah, so wie ich gestern, Nachbilder und Doppelbilder, kreisende Flecken in allen Regenbogenfarben. Schließlich stellte sich ein Hirntumor heraus. Ein Jahr später war er tot.«

Flint schaute nochmals die angefertigten Testergebnisse und Aufnahmen an und erwiderte etwas ungehalten: »Nein nein, seien Sie beruhigt, das schließe ich von meiner Seite aus. Die Vermessung des Gesichtsfeldes zum Beispiel hätte ein gänzlich anderes Resultat ergeben.«

Drei Kreuze schlagend, radelte der Agnostiker Weckerling befreit nach Hause.

7 / Stand-by-Modus

Des Abends saßen Hannes und Marina bei Kretschmars, die zwei Etagen unter ihnen wohnten. Marina und Frau Kretschmar waren zufällig einander im Treppenhaus begegnet und hatten stracks ein Treffen ›auf ein Glas‹ verabredet, nur so.

Man saß bei einer Flasche Sangiovese vor dem Kamin. Dieweil die Scheite geruhsam flackerten, breitete sich in Weckerling ein Wohlgefühl aus, das den Kopfschmerz verspottete. Wenige Sekunden später entschied er sich im Stillen für einen metaphorisch-geografischen Tausch: Bevor ihn die frischen Diagnosen von seinem Irrsinn befreit hatten, hatte er sich bisweilen nicht in einer Hölle aufgehalten, sondern in einer Wüste.

Es lag nahe, dass Marina und er das Ereignis des frühen Morgens etwas verwirrt zu umreißen suchten, den Krampfanfall und dessen Folgen, bei dem es sich wohl um einen der beinahe zahllosen Formen der Epilepsie handelte, indes sich in der Schilderung der Schreck, die Ratlosigkeit, die Auflösung des Rätsels einander abwechselten.

Den beiden war natürlich bekannt, dass Kretschmar als Facharzt der Orthopädie ausgebildet und tätig war, dennoch hatten sie nicht die Absicht, jetzt auch ihn nach seiner Einschätzung zu fragen. Gleichwohl bot Kretschmar eine improvisierte Untersuchung an:

»Wissen Sie, gelegentlich wird übersehen, dass solche Anfälle orthopädischen Ursachen geschuldet sein können. Die Spinalnerven am langen Halsmuskel könnten zum Beispiel geschädigt sein.« Einen Ort namens Atlas erwähnend sowie C1 und C2 und den oder die missa lateralis, berührte, drückte und erfühlte er Weckerlings Halswirbel. Da könne etwas blockiert sein, doch, doch.

Keineswegs wollte sich Kretschmar, bar jeder Besserwisserei, wichtigmachen, noch in den Vordergrund spielen. Umso mehr erleichterte die fürsorgliche Liebenswürdigkeit des Nachbarn Weckerling, und er dankte.

Als Marina und er die Stufen zu ihrer Wohnung erklommen, dachte Weckerling teils verstört und wirr, teils leichten Sinnes umher und ließ Marina daran teilhaben: »Würde nun demnächst ein Hals-Nasen-Ohren-Arzt eine Hals-Nasen-Ohren-Migräne diagnostizieren?«

»Ha ha ha«, entgegnete Marina. Ihr behagten Weckerlings Ansätze zu scherzen verständlicherweise wenig. Sie waren gewöhnlich zum Scheitern verurteilt, denn Durchsetzungskraft und nützliche Vorschläge entstanden daraus selten. Höchst selten, wie sie hin und wieder sagte.

Jonathan und David schliefen ungewohnt ruhig, erstaunlich fest. Sie schlummerten in Frieden und einverstanden mit der Welt, so wie sie sie kannten. Marina und Weckerling tauschten ein Lächeln aus und schlichen aus dem Kinderzimmer.

Als Marina per Fernbedienung den Stand-by-Modus nutzte und den Fernseher einschaltete, gesellte sich Weckerling zu ihr, um ihre Nähe zu genießen. Obendrein würde die medizinische Tagesdosis und Versorgung vollends gerundet, denn es lief die dritte Folge einer neuen US-Serie. Sie hieß Grey’s Anatomy und Marina, zu deren liebenswerten Ritualen gleichsam als abschließende Instanz unter den Entspannungsmitteln ein mehr oder minder kurzer Blick ins Programm gehörte, hatten die ersten Folgen so gut gefallen, dass sie die Serie an die Spitze der Besten-Liste gleich neben Emergency Room platzierte.

In einer Szene traf die Hauptfigur – »das ist Dr. Meredith Grey, Assistenzärztin« – auf eine Kollegin und schilderte eine Patientin, die nach einer Vergewaltigung wegen schlimmster Verletzungen am selben Tage eingewiesen worden war.

»Seltsam«, sagte Grey, »dass sie die gleichen Schuhe getragen hat wie ich.«

Doktor Yang, ersichtlich asiatischer Herkunft, erwiderte in strengem, eiskalten Ton:

»Nein. Seltsam ist, dass es dir auffällt.«

»Seltsam«, dachte Weckerling zwei Wochen danach, »dass sich gerade dieser Dialog eingeprägt hat.«

8 / Diverse Hypothesen

So frohgemut, beinahe aufgekratzt wie im Verlaufe dieser zwei Märzwochen seit der neurologischen Diagnose hatte sich Weckerling seit Langem nicht gefühlt. Seit zwei, drei Jahren? Seit einer Dekade? Seit Menschengedenken nicht, hätte er fast gesagt, der inneren Stimme lauschend. Migräne! Mit tiefen Seufzern der Erleichterung hatte er zwiefach den Befund willkommen geheißen. Der Befund verschaffte dieser Ära der mürben Unruhe, der schütteren Gedanken, des zerbröselten Gedächtnisses eine Folie, erklärte alles, nicht nur die Dämmerzustände, die in Wellen anschlugen.

Nun ja … streng genommen erklärt die Diagnose ›Migräne‹ weniger, als dass sie beschreibt. Inzwischen hatte Weckerling begriffen, dass eine Migräne per Ausschlussverfahren erhoben wird. Man weiß nicht so recht, nicht präzise, warum, woher, wieso, weshalb eine Migräne … diverse Hypothesen. Medizin sei keine Naturwissenschaft, sondern eine Erfahrungswissenschaft, hatte Sadern gesagt. Immerhin – und das war etwas schier Erlösendes für Weckerling – lagen seinem Niedergang, seiner elenden Trübnis keine seelischen Störungen und Zerrüttungen zugrunde, so wie er pflichtschuldig und beharrlich hineingedeutet hatte, als Sohn eines Psychotherapeuten.

Vorwiegend in der Düsternis von Übergangssequenzen, die Untergangsszenarien glichen, hielt er sich für verrückt, für vollends durchgeknallt, einem Wahn verfallen.

Wie einige Monate zuvor, im November des Vorjahres.

9 / Tiefschläge

Weckerling hatte einer Grippe wegen das Bett gehütet, als er Marinas Gestalt umrisshaft im Deckenlichtschein weiterhallen sah, nachdem sie das Schlafzimmer verlassen hatte; ein visuelles Echo, das sämtliche Sinneseindrücke in Frage stellte, in Gespinste zu verwandeln drohte.

Etwas drehte sich spiralförmig in Weckerlings Schädel, so schien es, eine Demontage der Geisteskräfte, geschuldet schlicht den unentwegten Strapazen, den herkulischen Kraftanstrengungen, Tag für Tag begleitet von Bier und Wein und Zigaretten.

Angekündigt hatte sich dieser Tiefschlag anfangs des Monats, wie ein Nachblättern im Notizbuch aufruft, das wir in einer Ausführlichkeit wiederzugeben genötigt sind, um den Sog der Irrtümer und Fehleinschätzungen zu beleuchten, der Weckerling auf eine falsche Fährte geraten ließ. Bloß auf eine einzige falsche Fährte? Warten wir ab, schlagen wir die Kladde auf.

Wo fangen wir tunlichst an? Womit beginnen wir die Visite in Weckerlings Schädel? Nehmen wir dies: In beständigem Bedürfnis nach ironischen Wendungen zeichnete er auf, es habe etwas für sich, dass der erste Band der Enzyklopädie der Neuzeit im Metzler Verlag von ›Abendland bis Beleuchtung‹ reiche. Doch schlösse ›Erleuchtung‹ den Band ab, wäre es um eine weitere Nuance komischer, kritzelte er ergänzend.

Eine diesem Motiv benachbarte Kategorie, nämlich der eitlen Selbstironie entstammte der Verweis auf zwei Romane, die er des Titels wegen, nein, tatsächlich auf Empfehlung einer guten Freundin sich verschafft hatte: Ignaz oder Die Verschwörung der Idioten und Die Schule der Dummen.

Der Idiotie, der Dummheit nämlich vermeinte er verfallen zu sein. Die einzig denkbare Rettung aus diesen »kranken schwarzen Tagen und Nächten« würden Arbeit und Tatkraft stiften, Struktur, Gestaltung und Form. Ausgerechnet dieses Ziel zu erreichen, um Genesung zu befördern, gehörte nicht zu Weckerlings Wesenszügen. Doch Versuch mache kluch, so befand er:

Gehirnwäscheklammern

Trübe Tassen im Schrank des eigenen Oberstübchens und man weiß nicht so recht, wem sie zuzuordnen sind, wem sie gehören, wer daraus trinkt. Vom geistigen Eigentum ganz zu schweigen.

Nach einer Bemerkung am Rande – Irgendwo soll aus irgendeinem Anlass oder irgendeinem Grund eine ›Online-Demo‹ stattfinden. – war von den Festivitäten zu lesen, die anlässlich von Jonathans zehntem Geburtstag eingerichtet wurden. Weckerling hatte in einem ›Soccer Park‹, der vormals als eine simple Tennishalle gedient hatte, ein Spielfeld für nicht weniger als zwei Stunden vorbestellt und angemietet.

Dann fand sich eine Passage über einen Heiratsantrag an Marina, den Weckerling selbstredend beiläufig gestellt hatte, als handele es sich um eine Einladung zum Abendessen. Seine Geliebte, Gefährtin und die Mutter zweier bislang wohlgeratener Söhne, merkte er an, habe betont verhalten reagiert: »Ach nö, du, sei mir nicht böse, aber ich habe mich damit abgefunden.«

Dank Marinas Nein schwang in der Begebenheit ein tragikomisches Fluidum mit. Ursprünglich hatte sich Marina nach der Vermählung geradezu gesehnt, doch Weckerling – gelegentlich maßlos dem magischen Denken zuneigend – befürchtete, dass nach so vielen Jahren Gemeinsamkeit der amtliche Stempel die Gefahr berge, das Gegenteil zu provozieren, den Widerspruch, die Trennung. Das Fragile, Schwebende, Heitere dieses offenen Bündnisses sei mit juristischer Konsequenz nicht zu vereinbaren. Wie hirnverbrannt Weckerling manches zerfledderte, was eigentlich harmlos schien. Dank eines einzigen Funkens Erleuchtung hatten sich seine Bedenken gegen das Heiraten ins Nichts aufgelöst.

Eine längst zur neckischen Plattitüde geronnene Mehrdeutigkeit wiederum prallte in Weckerlings Sprachlabor – abseits seines Wunsches, die Ehe zu schließen – seit geraumer Zeit mehrmals täglich in Gestalt zweier grammatisch benachbarter Sätze aufeinander:

›Ich traue mich nicht‹ und ›ich traue mir nicht‹.

Umso lieber wollte er sich nun, nach einem Vierteljahrhundert Verbundenheit, mit Marina trauen lassen: ›Einem Traum trauen, jemandem trauen, jemandem nicht trauen können, einander trauen …‹ Zu spät.

Einige Seiten danach in der Kladde: Idee: Der Knall, den die Verschwörungstheoretiker haben, ist so gewaltig, dass man ihn auf jedem x-beliebigen Planeten in einer Entfernung von mindestens 1000 Milliarden Lichtjahren laut und deutlich vernimmt. Der Weltenlauf ist durch Verschwörungstheorien restlos zu erklären. Plausibler jedoch nimmt sich das aus, was Kleinfritzchen sich so zusammenreimt und zusammenleimt.

Sonntags darauf, am 13. November, dem Volkstrauertag, öffnete sich der oben angekündigte Abgrund hinter einer Maske aus Harmlosigkeiten – ein vermutlich schiefes Bild, das in diesem Zusammenhang jedoch gar nicht schief genug hängen kann. Weckerling erlitt einen Anfall, der dem glich, der ihm mehr als ein Vierteljahr danach auf der Autobahn noch einmal widerfahren sollte. Auch dieser hier wird nicht die erste Entladung gewesen sein, einige Merkwürdigkeiten in weit zurückliegenden Notizbüchern lassen dies vermuten. Allein, wir sind dazu genötigt, uns zu wiederholen: Weckerling verharrte darin, diese Attacken für Anfälle von geistiger Umnachtung zu halten.

Weckerling war als Torhüter eingesprungen für ein Punktspiel der Freizeitkickermannschaft, die Thomas, ein Jugendfreund, seit gefühlten zwanzig Saisons je nach Terminplan zusammenrief. Sobald die Truppe zu dünn besetzt war und nichts anderes dazwischenkam, stand Hannes im Tor, im Tor, im Tor und Marina dahinter, allerdings kam sie seltener als die Lebensabschnittsgefährtinnen manch andrer Kumpane mit.

Sie verloren 0:3.

Weckerling hatte anschließend geduscht und sich, wie meistens, die Haare nicht geföhnt. Stattdessen radelte er mit zerzaustem Schopf nach Hause durch spätherbstliche Kühle. Als ihn dann mitten in der Nacht ein verwilderter Kopfschmerz quälte und aufwachen ließ, Mattigkeit – ›Energie im roten Bereich‹ – und Fieber ihn belasteten, führte Weckerling die Symptome auf sein Versäumnis zurück und konstatierte: eine Erkältung, ein grippaler Infekt, wie man dergleichen neuerdings nannte, hatte ihn ereilt. Er zog sich ins Bett zurück.

Sind sie zu bannen, die Geister, indem man Worte für sie findet?

Tut gut, das Schreiben (›Tut gut, die Wärme‹: irgendein Werbetext … na-hein, ganz und gar nicht, sondern aus einem Romanmanuskript von mir!!)

Ein heißkalter Schauer, ein Kribbeln, das bis in die Fingerspitzen und bis in die Fußnägel treibt. Gleichzeitig Bilder, die wie im Nebel, wie hinter einem Nebel verharren. Angst, Besorgnis vor Irrsinn, Alarm. Zittrige Verwirrung, da die Bilder nicht identifizierbar sind, noch erkennbar ist, ob Erinnerung oder Fantasie. Unsicherheit, tief wühlende Besorgnis.

Wer oder was hilft? Johanniskraut.

Schauer, Kribbeln, Entsetzen:in demselben Sekundenbruchteil, Bruchteil der Sekunde, die bühnenartigen, theaterhaften Bilder. Reflexauf irgendwas; Reaktion.

Schauer: falsche Programmierung, die Reihenfolge vertauscht, irrtümlich.

Albtraumdämonen

Nicht die Grenze gezeigt

Auf Normalmaß stutzen, plätten

Das 11. Gebot: Lass dich nicht verblüffen, einschüchtern, verängstigen

Im Trübsaal ist die Hölle los. Neuartige und wahre Bedeutung.

Cave daimon! Entspann dich!

Weckerling zog ein Fazit, wir geben es wieder: Schädelschmerz deutlich rechts längs von vorne bis nach hinten und zurück. Und was war der Anlass? Er schreibt: So kam es in der Nacht von Sonntag auf Montag: Albtraumartiges wegen der ›23‹, dadurch und deshalb ein Schreck und das Ding saß fest.

Und zwar bezieht sich Weckerling auf eines seiner Vorhaben und Projekte, ein Buch, das sich mit – Überraschung! – Verschwörungstheorien befasste.

Kollege Geyer, als Kleinverleger tätig, ein Kleinkünstler und Alleinunterhalter, drängte dieser Tage auf Abgabe. Nicht allein seinetwegen schleppte sich Weckerling dann und wann zum Schreibtisch, um die elektronische Post zu sichten und zu beantworten, soweit es die geschundenen Kräfte zuließen.

Lieber Geyer, da kränkelnd und beängstigend malad mittels Anfechtungen unterschiedlichster Natur, schaffe ich kaum etwas. Deshalb werden Dich die versprochenen Schlusskapitel später erreichen. Es ist drinnen etwas düster zur Zeit …

Julia, einer guten Freundin, mailte er, er sei krank, Dämonen haben mich während einer Infektion angegriffen. Ich befinde mich in dümmlich-trivialer, gleichwohl augenblicksweise beängstigender Seelendämmerung. Ich muss da wieder raus.

In der gleichen Stimmung wie er, meinte Weckerling an andrer Stelle im Notizbuch, befand sich die Stadt Paris. Aus den Banlieues wurde berichtet, dass in gewissen Gebieten der Ausnahmezustand mitsamt Ausgangssperre verhängt worden war.

Wir blättern weiter bis zum Freitag, den 18. November:

Horror vacui? Seit fünf Tagen … Was so wegrutscht … Kerkergefühle, wie es kaum wahr sein kann. Schwachsinn. Korrekturinstanzen drehen durch, drehen ab, beschleunigen Einwürfe und Attacken. ›Arbeiten und nicht verzweifeln.‹

Als Teil des Unterfangens, sich zu besinnen, entschied sich Weckerling entgegen seiner Gewohnheiten am Sonntag danach, dem Totensonntag, ein Kirchenkonzert zu besuchen. Als er Marina fragte, ob sie nicht Lust habe, ihn zu begleiten, sagte sie nicht nein, sondern fragte zurück, ob er vergessen habe, dass sie Freundinnen zum Kaffeeklatsch eingeladen hatte.

Arg wenig verstand Weckerling von klassischer Musik und wusste erstmal nichts damit anzufangen, als er das Programm studierte: Ein Requiem eines gewissen Fauré und die Chrysostomos-Liturgie von Tschaikowski. Wenige Meter vor dem Kirchenportal liegt Goethes Lotte, beeilte sich Weckerling zu erinnern, um dem Bildungsbürgertum Genüge zu tun, obwohl ihm Lotto mehr bedeute, harr, harr.

Wenige Momente danach meinte er, Verse für einen neuen Song zu referieren: »Alles wird gut / hat sie gesagt / Alles wird gut / hast du mir gesagt«. Im Radio wiederum war abends von »Castor-Transporten« die Rede und von »Konfliktmanagement-Teams« bei der deutschen Polizei.

Heute verstreicht der siebte Tag völliger Verkommenheit, Krise, zernichtetes Dasein. Wie ich das inzwischen einschätze, könnte es sich nach medizinischen Vokabeln um eine wie auch immer geartete Depression handeln. Melancholie, wie man es ehemals nannte, klingt erheblich angenehmer. Trotzdem gestern auf der Bühne (!) – H. auf Vorlesereise, Karringer und ich als Gastgeber und Assistenten – da war mir überraschend wohl, konnte das grau-verhangene Gedankenkostüm lüften.

Immerhin ergaben sich einige weitere Zehntelsekunden Erholung aus der Lektüre eines Sammelbandes von Alfred Polgar: »In der Tristesse eines ungalanten Novembertags warf ich einen Blick in Polgars Buch. Heitere Tiefgründigkeit ohne Dünkel. Lebensmusik.«

Einer der Glossen entnimmt Weckerling diese Zeilen: »Nun, das ist ja alles natürlich ganz unwichtig, zumal in so ernsten Zeiten, da ringsum ein Scharren ist, als würden Stühle gerückt zur Tagung des Jüngsten Gerichts, da die Börse bebt, donnernd die Tresors und Hirne platzen und man sieht, daß nichts drinnen ist, die Gewißheiten Fragezeichen ausspeien und eine ungeheure Lebens-Angst alle Atmenden schüttelt.« Da spricht der was an! Und dies noch von Seite 369 unter der Überschrift ›Der Teufel im Leibe‹: › … und erziehen kann nichts Anderes heißen als, wie P. A. sagte: organischem Wachstum lauschen.

Anschließend meint Weckerling, dem organischen Wachstum seiner Söhne zu lauschen:

Jonathan berichtet, die Mädchen in seiner Klasse machten die Miene, ihn als Klassensprecher absetzen zu wollen, weil er arrogant sei. Na und?, sagt er, was ist denn daran so schlimm? Er erwähnt die Chatrooms und dass beinahe jeden Tag neue gegründet werden. David schlägt die Hände über dem Gesicht zusammen. Die Leih-Videos müssten zurückgebracht werden! Toll aufgemerkt von ihm. Merci!

Danach widmet sich Weckerling unter dem Stich- und Schlagwort KRISE abermals der eigenen Befindlichkeit, fügt Magie hinzu und den Glauben daran, das Spiel, das neckische Spiel mit dem Magischen, das buddelt, bis ein Abgrund dir entgegengähnt. Liebesenergie / Zerstörungsenergie / Vernichtung / Geschredder. Ich unterwürfig? Aber hallo!

Mit jeder Introspektion ermahnte sich Weckerling, ins Allgemeine vorzustoßen, auszubalancieren, um nicht als egomanisch zu gelten. Mit anderen Worten, für die wir auf eine Phrase aus dem standardisierten Arbeitszeugnis zurückgreifen: Er war stets bemüht, sich und sein Notizbuch auf dem Laufenden der öffentlichen Geschehnisse zu halten, wie wir mit folgender Bemerkung nachweisen und festhalten möchten:

Wolfgang Wolf wird neuer Trainer des 1. FC Kaiserslautern. Hilde Gerg beendet ihre Karriere. Angela Merkel wird morgen zur ersten Bundeskanzlerin der Bundesrepublik Deutschland gewählt.

10 / Aus den Notizbüchern I

Die nächsten und nachfolgenden Ausschnitte aus Weckerlings Notizbuch bis kurz nach Ende des Kalenderjahres – mithin ein Extrakt aus etwa sechs Wochen – reiche ich weitgehend unkommentiert weiter, um Weckerlings Irrfahrt im Labyrinth der Ahnungen, Fehleinschätzungen und Missdeutungen möglichst … beinahe hätte ich gesagt: »naturgetreu« nachzuzeichnen. Überdies füge ich einige Zeilen aus der Archiv-Datei seiner Elektropoststelle bei. Weckerling hat alles Mögliche, was er im TV, Radio, Netz und in seiner Umgebung aufgeschnappt hat, in seiner Kladde zitiert, zuweilen allerdings ohne Quellenangabe, wie das bei Notizbüchern nicht ungewöhnlich ist. Zudem vermerke ich manche, keineswegs sämtliche Kürzungen, die ich mir vorwiegend aus Rücksicht auf die Familie gestatte, sowie einige vergleichsweise ausführliche Kommentare.

22. November

Traum-Vakanzen – aus dem simplen Grund, weil ich drei oder eher vier Biere intus habe? God knows.

Lass mich auftreiben und hinauftreiben, wegtreiben und hochtreiben, agiere durchtrieben und treibe nichts bei. Lasse mich zurücktreiben, bin umtrieben und treibe mich herum, unangetrieben. Lass mich vorantreiben und entgegentreiben, lass mich zusammentreiben und dahintreiben. Übertrieben gesagt, bin ich vollends auseinandergetrieben und treibe hintertrieben umher; lass mich weitertreiben und hintertreiben, vertreibe meine Lebenszeit vorwärts, treibe aus und hinaus, dieweil ein Schnee- und Eistreiben mit einem Kesseltreiben abwechselt.

Übrigens, liebe Zeitgenossen, Erzrivalen und Fernschachgegner, ich lebe zur Zeit mitnichten in einer Hölle, sondern in einer Wüste, einer Brache, einem toten Gelände.

Habe heute in einer Buchhandlung ein Comic-Heft in die Hand genommen, dessen Motto lautet: »Ordinary life is a very complex matter.« Da sprichste was an.

die inneren Kämpfe …

(Titel:) Es aus der Welt schaffen … Wortklaubereien … ätzende Anstrengungen: Wohin turbulenzen wir?

Frost.

Sonderbarerweise hege ich keine Angst, dass unsere Kinder in Gefahr geraten könnten, unter die Räder zu kommen.

Ich plage mich mit der Arbeit an dem Buch über Verschwörungstheorien, aber wer hätte was anderes erwartet?

Am 23. November schreibt Weckerling per Elektropost an einen Bekannten:

Lieber Herr M., viel zu lang hab ich Sie auf eine Antwort warten lassen, ich bitte um Nachsicht. Als ich’s mir vor zehn Tagen ganz feste vorgenommen hatte, erwischte mich ein Infekt oder Ähnliches; ich lag brach und laborierte zunehmend an melancholischem Gegrübel, das mich in ein Tal riss, wie ich es – und viele andere Menschen – gelegentlich im November durchschreite. Nicht Hölle, sondern Wüste, entsetzlich! Ich hab mich aber schon berappelt und setze Schritt für Schritt herauf. Sich unterkriegen lassen? Das wäre ja gelacht.[…]Marina besucht ›ihre‹ Baustellen in Celle, Wilhelmshaven und Bremen und hätte schon allein damit genug zu tun, den Alltag des Familienlebens zu organisieren; ich unterstütze sie wie immer nach Kräften, schaffe aber nicht im Mindesten das Pensum, das sie sich zumutet. Ein Glück, dass ich die Liebste habe.

25. November

Wanke in stumpfen Denkkreiseln, unter anderem, indessen ich um den See trabe, an einem verratzten Kapitel des Manuskripts.

Sowie wehmütig an meinen verstorbenen Bruder gedacht. He’s the one I’d need! Beziehungsweise: Erlaubt ist, was gefällt. Bruder Felix, bist du’s, der ab und zu anklopft? Gewissermaßen. Vielleicht.