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Dietrich Kittner zum 85. Geburtstag am 30. Mai 2020 Fünfzig Jahre lang stand der Kabarettist Dietrich Kittner auf der Bühne, um Politikern und Wirtschaftsvertretern die Leviten zu lesen. Das handelte ihm den Ausschluss aus der SPD ein und führte dazu, dass er im Fernsehen nicht mehr auftreten konnte. Seine Bühnenauftritte aber konnten ihm nicht verboten werden – und die waren stets ausverkauft. Nicht zuletzt wurde sein Wirken mit dem Deutschen Kleinkunstpreis geehrt. Dietrich Kittner (1935–2013) gründete schon im Alter von 25 Jahren ein eigenes Studentenkabarett. Später tourte er als Solokünstler kreuz und quer durch die Republik und konnte aufgrund seiner marxistischen Positionen als einer der wenigen Westkünstler auch in der DDR auftreten. In Hannover betrieb er gemeinsam mit seiner Ehefrau Christel drei Jahrzehnte ein eigenes Spielhaus: das Theater an der Bult und später das Theater am Küchengarten. Sylvia Remé erzählt in ihrer Biografie die Geschichte eines zeitlebens unbeugsamen, aber auch umstrittenen Künstlers. Indem sie Kittners politisch-satirische Kunst historisch einordnet, öffnet sie einen Weg, dessen Werk im siebten Jahr nach seinem Tod neu zu entdecken.
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Seitenzahl: 330
Veröffentlichungsjahr: 2020
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Sylvia Remé
Dietrich Kittner
Porträt der Kabarettlegende
Diese Publikation wurde gefördert durch die Freunde des Kabaretts in Niedersachsen e. V. und die Bundesvereinigung Kabarett e. V.
© 2020 zu Klampen Verlag · Röse 21 · 31832 Springe
www.zuklampen.de
Lektorat: Clemens Wlokas · Springe
Satz: Germano Wallmann · Gronau · www.geisterwort.de
Umschlaggestaltung: © Stefan Hilden unter Verwendung eines Motivs von NOVUMPHOTO · München · www.hildendesign.de
E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH
ISBN 978-3-86674-760-9
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über ‹http://dnb.dnb.de› abrufbar.
Cover
Titel
Impressum
Vorwort von Rainer Butenschön
Einleitung
Frühe Jahre
Harlekin auf dem Hinterhof
Häftlinge, der Hölle entronnen
Hunde, wollt ihr ewig leben
Ehre, Bier und Vaterland
Politisches Kabarett
Mitspieler sind schnell gefunden
Leid-Artiklerkapern Hannover
Unverhofft Vorreiter der Queen
Mit Gasmaske am Kröpcke
Eulenspiegeleien auf der Fähre
Brandaktuell nur im Solo
Plakettenprotest: Enteignet Springer
Eierwerfen auf Schah-Plakat
APO-Kabarett im Club Voltaire
Vorwärts mit dem Roten Punkt
Erst Scheiß-in, dann Sauf-aus
Kittners Ausschluss aus der SPD
»Kleinkrieg um die Kleinkunst«
Kreuz und quer auf Tournee
Fernsehboykott adelt Verbannten
Staatsschutz hält eisern Treue
Endlich ein Zuhause – das legendäre tab
Das Globe – Eine vertane Chance?
»Kabarett nennt Ross und Reiter«
In die Jahre gekommen?
Linksherum aufwärts im tak
Kabinettsklausur im Klingelpütz
Vorstellungsende – offen
Solidarität – kein Lippenbekenntnis
Gescheitert: Kaviar für alle
Treuhänderisch verwaltetes Protektorat
Das ganze Leichenschänderpack
Steiermark: Neue Heimat in der Milde
Filmporträt über die linke Keule
Schonungslos: Lübecker Moritat
Lügen, dass sich der Balkan biegt
Revue für ein großes Vorbild
Zur Jubiläumsparty gibt’s Fleischsalat
»Resignieren? – Nee!«
Mit 44 aus dem Leben gerissen
Schlussstrich: Rote Nelken fürs tak
Satiresternleuchtet dem Ehrengaul
»Sehr geehrte Drecksau!«
Eine sehr üble Diagnose
Späte Vorhänge
Dietrich – Letzter linker Bänkelsänger?
Christel – »Unermüdliche Kämpferin«
Ehrenplatz für ein »Urgestein«
Zwei »herzensgute Menschen« von Susi Duhme und Andy Barthel
Nachbemerkung
Anmerkungen
Anhang
Zeitraffer
Abkürzungen
Literaturverzeichnis
Personenverzeichnis
Bildnachweis
Bibliografie und Discografie
Originaltexte
Vorwärts mit dem Roten Punkt
Über Kabarett
Programme und ihre Premieren
Gastspielorte im In- und Ausland
Die Autorin
Weitere Bücher
Dietrich Kittner machte seit Jahren längst das politisch bissigste und relevanteste Kabarett bundesweit, als ich ihm das erste Mal im Sommer 1980 begegnete. Ich war gerade als junger Journalist nach Hannover gekommen und erkundete an einem arbeitsfreien, trüb-nassen Sonntag das hannöversche Altstadtfest. Dessen Besuch, so hatte ich gehört, sei ein MUSS. Mich hat der dortige Kommerz über weite Strecken angeödet. Nachhaltig beeindruckt aber hat mich damals ein wortmächtiger Mann mit Gitarre und Mütze: Dietrich Kittner. Um dessen kleine Bühne irgendwo in der Nähe des Ballhofes tummelte sich viel Publikum, mit dem Kittner in der ihm eigenen Art unterhaltsam und mit spitzer Zunge parlierte. Unter den Zuschauern waren auch einige reaktionäre junge Burschen, Flegel vom Ring Christlich-Demokratischer Studenten, der Studierendenorganisation der Unionsparteien. Die pöbelten in Richtung Kittner und bewarfen ihn mit Bierbechern, ohne ihn je zu treffen. Kittner, der sich als Atheist geoutet hatte, rief fröhlich: »Seht Ihr, Euer Gott schützt mich.« Die Lacher hatte er damit auf seiner Seite.
Als ersten Eindruck nahm ich damals mit: Dieser Mann, er formuliert scharf wie roter Chili, er agiert überlegt, ihm zuzuhören bringt Spaß und bewegt die Lachmuskeln wie die grauen Zellen gleichermaßen, auch ungemütliche Situationen behält er souverän im Griff – und von denen gab es in Kittners ereignisreichem Leben nicht nur eine und auch deutlich gefährlichere, wie Sylvia Remé in diesem Buch erinnert. Kurz gesagt: Dietrich Kittners Auftritt hat mich beeindruckt.
Bald folgten regelmäßige Besuche bei ihm im Kabarett. Erst in Kittners späterem Wohnzimmer, dem kleinen Theater an der Bult, dann im Theater am Küchengarten und immer wieder zu Silvester im Künstlerhaus und im Kulturzentrum Faust in Hannover. Schon vorher war mir klar, es würde ein spannender, aber gewiss kein kurzer Abend werden. Denn nach Dietrich Kittners überlangen Vorstellungen saßen wir in der Regel noch länger zusammen, um zu klönen und um die politischen Zeitläufte zu besprechen. Dabei sind wir uns bald nähergekommen. Anfangs war das – so glaube ich – eine auf gegenseitiger Sympathie gründende Arbeitsbeziehung zwischen politischem Künstler und politischem Journalisten, beide dem Brechtschen Imperativ folgend: »Ändere die Welt: sie braucht es!« Im Laufe der Jahre ist so eine große Verbundenheit gewachsen, eine Freundschaft mit Dietrich und mit Christel, seiner Ehefrau, ohne deren unermüdlichen Einsatz im Hintergrund Kittner nie zu dem großen politisch eingreifenden Künstler geworden wäre, als den wir ihn kennen und schätzen.
Es war eine Freundschaft, in die das Ehepaar Kittner sich immer wieder selbstlos eingebracht hat: Er vorne an der Rampe, sie unauffällig bescheiden dahinter. Wo immer dieser linksfreche Denkspaßmacher, wie er sich zutreffend selbst nannte, zur Ermutigung gebraucht wurde, waren beide zur Stelle – bevorzugt dort, wo Menschen sich in Bewegung setzten, um ihre Lage zu verbessern. 1984, im wochenlangen Streik für die 35-Stunden-Woche, durfte ich das als junger gewerkschaftlicher Aktivist zum ersten Mal erfahren. 1989, als es nach langem Anlauf in Hannover die Gründung der IG Medien in Niedersachsen und Bremen zu feiern galt, da haben Kittners wie selbstverständlich ihr Theater am Küchengarten unentgeltlich zur Verfügung gestellt. Die Peinlichkeit, dass bei diesem Fest ausgerechnet der frühere Landesvorsitzende der IG Druck und Papier und frisch gekürte IG-Medien-Landesvorsitzende Günter R. eine bornierte Rede gegen die von ihm ungeliebte IG Medien hielt, hat Kittner auf der Bühne einfach weggelacht.
Mein Freund Dietrich – für mich war er vor allem auch eins: Ein wichtiger Lehrer, ein Lehrer nicht nur in gesellschaftlicher Analyse, die als Dreh- und Angelpunkt die Eigentumsverhältnisse in den Blick zu nehmen hat. Vieles habe ich erst durch ihn kennen und schätzen gelernt: Die spannenden Polit-Krimis von Eric Ambler und Wolfgang Schorlau, den wunderbaren Gesang von Ella Fitzgerald und die Musik anderer Jazz-Heroen, Einblicke in Land und Leute von Titos sozialistischem Jugoslawien, das die Kittners immer wieder in ihrem Jeep mit dem roten Stern auf der Motorhaube erkundet und um das sie während des Angriffskrieges der NATO 1999 zornig getrauert haben, steirischen Schilcher und steirisches Kernöl in Kittners vorzüglicher Küche, den kleinen und den großen Braunen in österreichischen Cafés, den mitleidig-misstrauischen Blick der Österreicher auf uns Piefkes und vieles mehr. Vor allem aber: Als Journalist dem Anspruch auf Wahrheit verpflichtet, habe ich Kittners klaren Blick auf die deutschen Zustände geschätzt. Ich habe sein herausragendes Sprachverständnis, seinen treffsicheren Witz, die Brillanz und Einfachheit seiner Formulierungen bewundert und studiert, um diese auch für meine Schreibe nutzbar zu machen. Und ich bin ihm dankbar für seinen heiligen Zorn im Angesicht der schreienden Ungerechtigkeiten dieser Welt, seine Wut auf die Täter und sein Können, in mir und vielen, vielen anderen immer wieder die politische Glut zum Glühen gebracht zu haben, sich nicht resigniert abzufinden, sich nicht zu bescheiden, sich nicht dumm und ohnmächtig machen zu lassen, sondern aufzubegehren und die Waffe der Kritik zu nutzen.
Sylvia Remés Buch macht deutlich, dass für Dietrich Kittner gilt, was einst Kurt Tucholsky festgestellt hat: »Denn nichts ist schwerer und nichts erfordert mehr Charakter, als sich in offenem Gegensatz zu seiner Zeit zu befinden und laut zu sagen: NEIN!«
Kittner hat dieses NEIN überzeugend und vorbildlich unbequem gelebt und aufklärerisch produktiv gemacht.
Mit Bertolt Brecht weiß ich um die Schwierigkeiten, die zu überwinden sind beim Schreiben der Wahrheit. Ich war immer wieder verblüfft, wie Dietrich diese Schwierigkeiten gemeistert hat – scheinbar mit leichter Feder, scheinbar ohne große Mühe und ohne schreiberische Qualen im Angesicht des leeren Blattes – während seiner letzten Jahre bevorzugt mitten in der grünen Natur unterm Obstbaum hinter seinem Hollerhof im steirischen Dorf Dedenitz am Ufer des Grenzbaches zu Slowenien.
Zu den Schwierigkeiten beim Verbreiten der Wahrheit gehört zuallererst, den Mut zu haben, das als wahr Erkannte auch auszusprechen. Von mir selbst und von anderen Lohnschreibern der Konzernmedien weiß ich, wie schwer diese Haltung unter den dortigen Abhängigkeitsverhältnissen häufig fällt. »Die Zensur ist in Deutschland tot, aber man merkt nichts davon«, hat schon Tucholsky 1919 den Redakteuren seiner Zeit vorgehalten.
Dietrich hatte den nötigen Mut, er hat sich nicht einschüchtern lassen, aber auch er war nicht ohne Furcht, er war kein blinder Draufgänger. Er war sich der dunklen Mächte des tiefen Staates und deren brutalen Möglichkeiten sehr bewusst. Er hat deren Wirken am eigenen Leibe zu spüren bekommen; jener staatlich und privat finanzierten Mächte, die hierzulande im Auftrag und zum Nutzen der Herrschenden neue Nazi-Parteien und rassistische Mörder-Banden päppeln und deren Bluttaten decken. Das ist ein chronischer Skandal, den mit List und Witz kenntlich zu machen Dietrich Kittner nie müde geworden ist.
Vorsicht, bissiger Mund, so der Titel eines seiner Programme. Diesen Biss, die Klugheit und Klarheit seiner Analyse der gesellschaftlichen Missstände und deren Ursache, haben die Herrschenden und ihre Lakaien gefürchtet, seine Zuhörer haben ihn dafür geschätzt und geliebt.
Allgemein galt Dietrich Kittner als harter Hund, der auf einen groben Klotz grobe Keile setzte. Ich habe aber gleichfalls ganz andere Seiten an ihm kennengelernt. So war er auch voll liebevoller Zärtlichkeit. Diese Seite zeigte er vor allem auf dem Hollerhof in Dedenitz, wo die Kittners sich ein Stück Heimat geschaffen hatten. Eine abgeschiedene dörfliche Idylle, in der meine Familie und ich häufiger Urlaub machen durften, und wo er geradezu großväterlich mit meiner damals noch jungen Tochter und deren Freundin im offenen Jeep durch die steirische Landschaft spazieren fuhr, und wo er mit großem Ernst mit den beiden Mädchen eine tote Amsel beerdigte.
Es war auch auf dem Hollerhof, wo Dietrich Kittner mit den Grundstein für ein wichtiges publizistisches Projekt gelegt hat: Die von Eckart Spoo gegründete Zeitschrift Ossietzky, deren regelmäßiger Mitarbeiter er vom ersten Tag an bis zu seinem Tode war. Ihr hat er mit vielen Geschichten Witz und die satirische Farbe beigemischt. Für deren gesamtdeutsches Gelingen hat er auch sein in zahlreichen DDR-Tourneen gewachsenes Verständnis für die Menschen östlich der Elbe beigesteuert und wichtige Autoren geworben. Seine im Kriegstagebuch versammelten Beobachtungen aus dem Balkankrieg hat er ebenfalls zuerst in Ossietzky publiziert. Es lohnt sich, diese und andere Texte von Dietrich Kittner posthum zu lesen. Gleiches gilt für seine zahlreichen auf Schallplatte und CD erhaltenen Kabarettprogramme. Es erstaunt, wie frisch und unangestaubt selbst die ersten Satiren der Leid-Artikler aus den 1960er Jahren heute noch klingen.
Sylvia Remé gibt mit dem vorliegenden Buch hilfreiche Orientierung, um Kittners politisch-satirische Kunst historisch einordnen zu können. Ihr Buch macht Lust, Kittners Werke mal wieder neu zu entdecken: Lohnend ist es allemal, Spaß und Erkenntnisgewinn sind garantiert.
Rainer Butenschön
Warum eine Biographie über Dietrich Kittner, der es immer verstanden hat, sein Leben sowohl auf der Bühne als auch in seinen Publikationen nach seinen Vorstellungen zu vermarkten?
Absicht der vorliegenden Biographie ist es, die Botschaft dieses kompromisslosen Kämpfers für Frieden und soziale Gerechtigkeit mit seiner Vision, die Gesellschaft zu verändern und die Welt zu verbessern, angemessen zu würdigen, vor dem Vergessen zu bewahren und – möglicherweise – neue Freunde für Kittners Werk zu gewinnen.
Für mein Bestreben, eine so nah wie möglich an die Wirklichkeit heranreichende Biographie über ihn zu schreiben, war das Studium der einschlägigen Quellen im Deutschen Kabarettarchiv Mainz hilfreich. Weiterführende Informationen konnte ich dem auf dem Hollerhof in Dedenitz befindlichen Privatarchiv Kittners entnehmen, das u. a. seine Korrespondenz, Termin- und Tourenkalender sowie Fotografien beinhaltet.
Erhellende mündliche Hinweise kamen schließlich von Zeitzeugen, die die Wege von Dietrich Kittner und seiner Frau Christel kreuzten. Erst auf diese Weise war es mir möglich, ein eigenes Bild von der Persönlichkeit Dietrich Kittners zu gewinnen und damit den Menschen außerhalb der Bühne sichtbar zu machen und zu charakterisieren. Dank dieser Auskünfte konnte ich seinen Beweggründen näherkommen und alles zu einem Gesamtbild zusammenfügen.
Dem stattlichen Kreis von Weggefährten aus ganz unterschiedlichen Bereichen danke ich für die Bereitschaft, mit mir über das Künstlerehepaar zu sprechen. Die zahllosen Details aus den Gesprächen haben es mir ermöglicht, das Mosaik dieser Biographie zusammenzusetzen. Darüber hinaus gilt mein Dank besonders den Erstlesern Monika Remé und Erhard Jöst für wertvolle Anregungen, Susi Duhme und Andy Barthel für ihren Blick hinter die Kulissen, Matthias Thiel für seine immer freundliche Hilfsbereitschaft, mich durch den, wie mir zunächst schien, »Nachlass-Dschungel« im Deutschen Kabarettarchiv Mainz zu führen, und last but not least dem Lektor Clemens Wlokas, der mit unermüdlicher Sorgfalt und großem Engagement die Entstehung dieses Buches begleitet hat.
Das Buch hätte dennoch nicht ohne die finanzielle Unterstützung zahlreicher Förderer erscheinen können. Dafür danke ich vor allem den Freunden des Kabaretts in Niedersachsen e. V. für ihre engagierte und erfolgreiche Spendenaktion, der Bundesvereinigung Kabarett e. V. und als Privatperson Diether Dehm.
»In den dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts wurde das Kabarett zum Überlebensrisiko.« Das schreibt der Leiter des Deutschen Kabarettarchiv Mainz, Jürgen Kessler, der Zunft des jungen Genres als Mahnung ins Stammbuch. Bei der Bücherverbrennung am 10. Mai 1933 gehen nicht nur die Bücher von Pazifisten und jüdischen Schriftstellern, sondern auch die Druckwerke von Satirikern in Flammen auf, die den Nationalsozialisten nicht genehm sind. »Viele Kabarettisten und Satiriker verbrachten das sogenannte tausendjährige Reich zum Teil im Exil, zum Teil auch im KZ.«1
Als Dietrich Kittner am 30. Mai 1935 geboren wird, ist es gerade drei Wochen her, dass die Geheime Staatspolizei (Gestapo) in Berlin die berühmten Kabaretts Katakombe und Tingeltangel geschlossen hat. Der für seine Wortspiele und Zwischentöne bekannte Schauspieler, Kabarettist und Conférencier Werner Finck (1902–1978) ist den im Publikum mitschreibenden Polizeispitzeln längst ein Dorn im Auge. Sie verhaften ihn und seine in der Katakombe auftretenden Kollegen und sperren sie ins Konzentrationslager (KZ) Esterwegen. Finck hat mächtig Glück: Der Rivalität zwischen den nationalsozialistischen Reichsministern Hermann Göring und Joseph Goebbels verdankt er bereits nach sechs Wochen seine Entlassung.2
Dietrich Kittners Geburtsort ist die niederschlesische Kreisstadt Oels, heute Oleśnica, Kreisstadt des polnischen Powiats (Landkreis) Oleśnicki, südöstlich von Breslau. Seine Eltern, der Zahnarzt Dr. Ernst Kittner und seine Ehefrau Ruth, geb. Goldert, sind zum Zeitpunkt seiner Geburt 28 Jahre alt. Da hat der Vater als approbierter Zahnarzt bereits eine eigene Praxis in Oels. Die Mutter arbeitet bis zur Heirat 1933 in ihrem erlernten Beruf als Krankenschwester.3
1935 ist Adolf Hitler seit zwei Jahren an der Macht. Die hannoversche Tageszeitung Hannoverscher Anzeiger veröffentlicht am 30. Mai 1935 unter der Überschrift Wir fliegen wieder mit dem Untertitel Bekenntnis zum Frieden einen Beitrag des Reichsluftfahrtministeriums zur Einrichtung einer neuen deutschen Luftwaffe, der sich jedoch vier Jahre vor Kriegsbeginn eindeutig als Kriegsvorbereitung liest.
Wie im Dritten Reich 1935 mit der Verabschiedung der Nürnberger Gesetze systematisch die Ausgrenzung und Ausbürgerung der jüdischen Mitbürger betrieben und damit der Holocaust vorbereitet wird, bekommt der kleine Dietrich schon früh zu spüren. Als die Synagogen und jüdischen Bethäuser in der Reichspogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 in Brand gesetzt und Geschäfte jüdischer Besitzer zerstört werden, ist er gerade drei Jahre alt. Eine seiner ersten Kindheitserinnerungen: das Bild der brennenden Synagoge in seiner Heimatstadt Oels. Als er Wochen später eines Tages nach Hause kommt, trifft er seine gleichaltrige Spielgefährtin nicht mehr an. Die Tochter des über ihnen wohnenden Rabbiners scheint mit ihrer ganzen Familie verschwunden zu sein. Auf die Fragen des Jungen, warum sie plötzlich fort und wo sie geblieben sind, geben ihm die Erwachsenen keine Antwort.4
Bei dem Rabbiner handelt es sich um Dr. Nachum Wahrmann, der 1939 mit seiner Familie nach Palästina auswandert, ein Zufluchtsort für viele Juden der damaligen Zeit. So kommt er der Deportation der Nationalsozialisten zuvor. Wahrmann stirbt im Jahre 1961 mit 66 Jahren in Kiryat Motzkin im heutigen Israel.5
Ende des 19. Jahrhunderts lebten in Oels mehr als 300 Juden. Bis zur Machtübernahme Hitlers ist schon mehr als die Hälfte der jüdischen Bewohner abgewandert. 1933 gibt es unter den 16 000 Einwohnern nur noch 114 jüdische Mitbürger.6 Rabbiner besaßen ursprünglich eine angesehene soziale Stellung in der Gesellschaft. Da bei den ab 1930 immer häufigeren antisemitischen Übergriffen auch Häuser jüdischer Menschen nicht verschont bleiben, spricht vieles dafür, dass sich der von Dietrich genannte Rabbiner gezwungen sah, mit seiner Familie Schutz in dem gemeinsam bewohnten Mietshaus in der Oelser Friedrichstraße 1 zu suchen.
Dietrich als Vierjähriger mit seiner Mutter Ruth Kittner.
Der Historiker und Holocaust-Forscher René Schlott schreibt zu den damaligen Zielen der Nationalsozialisten: Möglichst viele Juden sollten durch Entrechtung, soziale Isolation und den schrittweisen Entzug ihrer Existenzgrundlage zur Flucht ins Ausland gezwungen werden. Die systematische Deportation der Juden beginnt erst im Herbst 1941. Für Berlin heißt das im NS-Jargon: »Berlin soll judenfrei sein«. Tausende werden am 18. Oktober 1941 aus Berlin verschleppt. Ein Vierteljahr später, nach der Wannseekonferenz, gehen die Nationalsozialisten zur physischen Vernichtung über. Die Züge mit jüdischen Mitbürgern fahren nun direkt in die KZs.7
Wie ein Konzentrationslager aussieht, erlebt Dietrich erst zwei oder drei Jahre später. Aus der Erinnerung schildert er eine Bahnfahrt, wie er mit acht Jahren einen Nenn-Onkel der Familie nach Kattowitz begleitet. Kittners Rückblick: »Wir standen auf dem offenen Perron des letzten Wagens unseres Bummelzuges. Irgendwo auf der Strecke zog sich achtzig oder hundert Meter entfernt parallel zu den Gleisen ein Lager hin. Stacheldrahtzäune, mit Scheinwerfern und Maschinengewehren bestückte Wachtürme, dahinter Baracken. Oben hinter der Turmbrüstung Soldaten. Unten knapp vor dem Zaun eine lockere Gesprächsgruppe. Einer, das rechte Bein leicht vorgestellt, Fernglas vor der Brust, sprach. Die anderen trugen Maschinenpistolen, einer hielt einen Schäferhund kurz an der Leine: SS-Uniformen konnte ein Achtjähriger damals unterscheiden wie heute die Kids Automarken.«8
In der Nähe von Kattowitz gab es die sogenannten Außenoder Nebenlager Althammer und Blechhammer des KZs Auschwitz; allerdings wurden diese erst 1944 gegründet. Möglicherweise irrt Kittner in seiner Rückschau, als er von einem Achtjährigen, also vom Jahr 1943 spricht.
Da man mit Kindern damals üblicherweise nicht über solche Dinge redet, wird ihm erst später klar, was es bedeuten sollte, als der Onkel auf seine Frage nach dem Lager antwortet: »Da sind Juden, Kommunisten, Asoziale und Plutokraten drin.« Mit den Ausdrücken Asoziale und Plutokraten kann der kleine Dietrich zu jener Zeit noch nichts anfangen. Von Kommunisten hat er nur andeutungsweise eine Vorstellung. Seine Lehrerin erzählt den Kindern, dass den Hitlerjungen Quex in dem gleichnamigen NS-Propagandafilm Kommunisten erschossen hätten.9
Im Januar 1945 erschüttert ihn der Anblick dreier Soldaten, die an Bäumen hängen, mit einem Schild vor der Brust: »Ich Schwein habe den Führer verraten.« Tags zuvor hatte er von ihnen noch eine Tafel Schokolade geschenkt bekommen. Als er seine Mutter verstört fragt, fängt sie an zu weinen. Da weiß der Bub genug und empfindet bereits im Alter von neun Jahren Hass auf Krieg und Nazis.10
Diese frühen Erlebnisse mit dem dunkelsten Kapitel der deutschen Geschichte müssen sich dem jungen Dietrich unvergessen eingebrannt haben, da er sich als Erwachsener mehrfach in Interviews dazu geäußert hat. Sicher ist, dass die schockierenden Eindrücke seine Haltung und sein Handeln beeinflussen, sich konsequent gegen Militarismus und Krieg zu stellen.
Zurück zu dem achtjährigen Knirps in Oels. In einem Hinterhof sammelt er seine ersten Auftrittserfahrungen als Clown bei Darbietungen mit Nachbarskindern. Ihre kleine Manege nennen sie Zirkus Tosalli. Wir können uns einen selbstbewussten und aufgeweckten Jungen vorstellen, der voller Lebensfreude neben clownesken Spielen gängige Gassenhauer der Zeit wie: »Mit Musik geht alles besser, mit Musik geht alles gut« umdichtet in: »Ohne Geld ging’ alles besser, ohne Geld ging‘ alles gut, ohne Geld da stäch’ kein Messer, ohne Geld da flöss’ kein Blut«. An trüben Sonntagen vertreibt er sich die Zeit und bastelt Papptheater, ohne zu ahnen, dass er einmal stolzer Besitzer eines eigenen Theaters sein würde. In der Rückschau sieht der 70-Jährige im Gespräch mit der Journalistin Susi Duhme in dem von ihm mit acht Jahren umgeschriebenen kindlichen Schlagertext schon ein wenig sein späteres Programm durchscheinen.11
Wir wissen nicht viel über seine frühen Jahre in der niederschlesischen Heimat. Nur das Wenige aus dem Mund des erwachsenen Dietrich Kittner. Mit seinen Freunden und Weggefährten hat er in den folgenden Jahren nie über diese bedrückende Zeit gesprochen. Ein umfassendes Bild seiner Kindheits- und Jugendjahre ist somit nicht möglich. Bruder Ulrich kann sich nicht erinnern, dass sich irgendjemand später im Familienkreis jemals über das bisher Geschilderte hinaus geäußert hat. Das gilt für Dietrichs Schulzeit ebenso wie für den Abschnitt der anderthalbjährigen Flucht.12
In der Endphase des Krieges ist absehbar, dass die deutsche Wehrmacht im Osten der heranrückenden russischen Front nicht standhalten würde. Als letztes verzweifeltes Aufgebot zur Verteidigung des Deutschen Reiches verkündet Hitler am 18. Oktober 1944 den Erlass zur Bildung des Volkssturms. Alle waffenfähigen Männer zwischen 16 und 60 Jahren werden zum Großeinsatz aufgerufen. Die militärische Organisation dieser lokalen Ersatzheere unterliegt den jeweiligen Gauleitern.13 Trotz der aussichtslosen Lage werden von dem für Niederschlesien zuständigen Gauleiter Karl Hanke noch unsinnige Abwehrvorkehrungen zum Aufhalten der Roten Armee wie die Errichtung eines Grenzwalls angeordnet. Hanke trägt den Beinamen »Henker von Breslau«, weil er während seiner Amtszeit in Breslau mehr als 1000 Menschen hinrichten lässt.
Am 19. Januar 1945 überschreitet die Sowjetarmee die schlesische Grenze und überquert nur wenige Tage später die Oder in Brieg, heute Brzeg, und weiter nördlich bei Steinau, heute Ścinawa. Den Befehl zur Evakuierung der Zivilbevölkerung gibt Gauleiter Hanke tags darauf am 20. Januar 1945.14 Für Mutter Ruth also allerhöchste Zeit, vor der herannahenden Roten Armee – Oels liegt nur 50 Kilometer nordwestlich von Brieg und rund 80 Kilometer südöstlich von Steinau – mit Dietrich und seinen am 19. März 1944 geborenen Geschwistern, den Zwillingen Ulrich und Ulrike, die Heimat zu verlassen und sich in Richtung Böhmen – heute Tschechien – auf die Flucht zu begeben.
Dietrichs Geschwister sind zur Zeit der Evakuierung der ansässigen Deutschen aus Schlesien in Richtung Westen zehn Monate alt. Wir wissen nicht, ob die Mutter und ihre drei Kinder mit einem Pferdewagen, einem Handwagen oder zu Fuß unterwegs sind. Leider fehlen in diesem Zusammenhang ebenfalls Hinweise auf Begegnungen oder Erfahrungen, die der Zehnjährige möglicherweise während der Flucht gemacht hat. Menschen, die darüber Auskunft geben könnten, finden sich nicht mehr. Prag wird von Bruder Ulrich als erste Etappe ihrer Flucht genannt. Diese Stadt liegt immerhin 280 Kilometer von Oels entfernt. Ob sich die Mutter mit ihren Kindern bis dahin einem Flüchtlingstreck angeschlossen hat, ist nicht bekannt, wohl aber wahrscheinlich. Anstrengend und alle Kräfte fordernd muss die Flucht allemal gewesen sein, obgleich der Mutter das polnische Kindermädchen Maria zur Seite steht. Der Vater – im Range eines Stabsarztes – ist bei seiner Gefechtseinheit. Man kann vor Müttern wie Ruth Kittner nur den Hut ziehen; diese Frauen haben Unglaubliches geleistet, wie sie sich und ihre Kinder unversehrt durch die Kriegszeit gebracht haben. Entweder zu Hause in den Bombennächten im Luftschutzbunker oder eben, wie Ruth Kittner, während des beschwerlichen Entkommens.
Die Flucht führt die Familie weiter nach Österreich und dann nach Norddeutschland. Nach den Angaben von Bruder Ulrich muss Ruth Kittner mit ihren drei Kindern nach eineinhalb Jahren Flucht im Sommer 1946 in Syke eingetroffen sein. In dieser kleinen Stadt nahe Bremen kommen sie zunächst auf einem Bauernhof unter. Dort gibt es ein Wiedersehen mit dem Vater. Eine weitere Station nach Syke ist Waldenau bei Pinneberg, wo Ernst Kittner seine erste Zahnarztpraxis nach dem Krieg eröffnet. An Dietrichs 14. Geburtstag, am 30. Mai 1949, erreichen sie gemeinsam mit dem Großvater, der getrennt von der übrigen Familie aus Oels geflohen ist, schließlich Hannover.15
Gut sechs Jahrzehnte später gibt Dietrich 2010 mit seinem Eintrag ins Goldene Buch der Landeshauptstadt Hannover seinen Eindruck bei der damaligen Ankunft wieder: »Als ich (…) nach Hannover kam, gab es keine deutschen Panzer und Soldaten mehr in der Stadt. Aber viele Ruinen. Ich sehe heute noch die Dampfloks der Trümmerbahn durch die Straßen fahren. Heute ist alles wieder schön und aufgeräumt. Alles was ich meiner Heimatstadt wünschen kann, ist Frieden.« Der Text des 75-Jährigen endet mit: »Signieren ja, resignieren nein.«16
Warum gerade Hannover das Ziel der Kittners ist, bleibt ein Geheimnis. Die damaligen Beweggründe der Eltern kann Bruder Ulrich nicht erklären. Er entsinnt sich nur an ihren Umzug und den Möbelwagen, mit dem er als Fünfjähriger in der Mendelssohnstraße ankommt. In der hannoverschen Südstadt wohnt die Familie bis zum Bezug einer Wohnung im Hindenburgviertel in der Gneisenaustraße im Jahre 1955. In diesem Stadtviertel lässt sich der Vater wieder mit einer eigenen Zahnarztpraxis nieder. Sein Verhältnis zu den Kindern beschreibt Bruder Ulrich als sehr distanziert.17 Eine in der damaligen Zeit nicht unübliche Haltung gegenüber den eigenen Kindern nach Kriegserlebnissen und einer Entfremdung durch lange kriegsbedingte Abwesenheiten.
Über ein für ihn ebenfalls traumatisches Erlebnis, wie es der Anblick der erhängten Soldaten war, berichtet Dietrich Kittner nach mehr als 50 Jahren: Auf dem Fluchtweg über Österreich sieht er nahe dem KZ Mauthausen bei Linz zu Skeletten abgemagerte Häftlinge, die aus der Hölle des Todeslagers befreit worden sind. In dieser Situation erinnert er sich an die früheren Worte des Onkels zu den Häftlingen während jener Bahnfahrt, die so eine ganz neue, entlarvende Bedeutung für ihn bekommen. Dass es überhaupt solche Vernichtungslager gegeben hat, leugnet der Onkel – wie viele dieser Generation, die von allem nichts gewusst haben wollen – später bei einem Wiedersehen 1949 in Hannover. Als der 14-jährige Dietrich den Onkel am Kaffeetisch auf die gemeinsame Bahnfahrt und seine damalige Erklärung zu den KZs anspricht, kassiert er von ihm eine Ohrfeige, die er sein Lebtag nicht vergessen wird.18
Die Bilder der brennenden Synagoge, der aufgehängten Soldaten und der halb verhungerten KZ-Häftlinge habe er noch heute oft minutiös vor Augen, auch wenn er das nicht wollte, bekennt Dietrich Kittner in einem Interview anlässlich seines 75. Geburtstags. Dabei spricht er wiederum von der fraglichen Bahnfahrt mit besagtem Onkel, erwähnt allerdings nicht Kattowitz als Ziel, sondern meint sich zu entsinnen, dass der Zug am Konzentrationslager Groß Rosen vorbeigefahren sei.19 Die unterschiedlichen Schilderungen zu dieser Bahnfahrt mit dem Onkel lassen sich nicht mehr aufklären: Entweder sind beide damals an den Außenlagern Althammer respektive Blechhammer des KZs Auschwitz nahe Kattowitz oder an Groß Rosen vorbeigekommen, einem Außenlager des KZs Sachsenhausen, an der Eisenbahnstrecke zwischen Jauer und Striegau gelegen. Ebenso unbeantwortet bleiben müssen die Fragen nach dem tatsächlichen Zeitpunkt – entweder 1943 oder 1944 –, dem Grund der Bahnfahrt und in welchem Verhältnis der Onkel zur Familie stand, dem die Mutter ein acht- oder neunjähriges Kind anvertraut hat. In diesem Zusammenhang wäre es auch interessant zu wissen, ob Dietrich in jenen Tagen tatsächlich mit einem Onkel unterwegs war, oder ob die Ohrfeige nicht eher im Zusammenhang mit seinem Vater zu sehen ist. Besagte Bahnfahrt, an einem Konzentrationslager entlang, hätte genauso gut auch der auf Heimaturlaub befindliche Vater mit dem ältesten Sohn unternehmen können. Und die Backpfeife würde ebenso gut zum Vater passen, der offenbar bekannt dafür war, das Regime in Schutz zu nehmen, den Krieg zu verherrlichen und die Existenz von KZs abzustreiten.
Der Vater wird von Vertrauten der Familie als schwierig und konservativ bis reaktionär bezeichnet. So haben ihn beispielsweise Dietrichs spätere Freunde Kristiane und Hermann Bleinroth sowie Rudi Zimmeck erlebt. Letzterer war später der Leiter von Dietrichs Theaterbüros in Hannover. Das Verhältnis von Ernst Kittner zu seinem Sohn soll demnach immer angespannt gewesen sein.20 Diese unzuträgliche Beziehung allein auf den typischen Vater-Sohn-Konflikt zu reduzieren, wäre wohl keine hinreichende Erklärung. Dagegen habe Dietrichs Mutter immer zu ihrem Sohn gehalten. Ob nun Onkel oder Vater die Ohrfeige ausgeteilt haben, muss im Dunkeln bleiben. Ebenso, ob Dietrich eine Figur wie den Onkel erfunden haben mag, um den eigenen Vater nicht benennen zu müssen, denn nach Bruder Ulrichs Erinnerung hat es nie einen derartigen Onkel gegeben.21 Zum Zeitpunkt der fraglichen Backpfeife ist Ulrich immerhin schon fünf Jahre alt. Erfahrungsgemäß reicht das Erinnerungsvermögen so weit wenigstens zurück.
In heutigen Fachkreisen ist Psychologen loyales Verhalten von Kindern und Jugendlichen gegenüber nahen Anverwandten, insbesondere ihren Eltern, durchaus ein bekanntes Phänomen. Junge Menschen erfahren ihre Familie als Kernpunkt des menschlichen Wesens, als sicheren Hort also, der als besonders schützenswert empfunden wird. So könnte es bei dem jugendlichen Dietrich gewesen sein und so seine Verschiebung auf den Onkel erklären, um den eigenen Vater nicht zu beschädigen.
Dietrich nimmt einige Umwege, um zum Abitur zu gelangen. Er besucht zunächst die Tellkampfschule in der hannoverschen Südstadt, später ein Internat in Soltau.22 1957 besteht er das Abitur an der hannoverschen Humboldtschule. Wie sich der bekannte hannoversche Architekt und Stadtplaner Peter Dellemann erinnert, sein zwei Jahre jüngerer Klassenkamerad, scheint Dietrich Schwierigkeiten gehabt zu haben, sich in den bestehenden Klassenverband einzufügen. Bei seinem Wechsel in die 13. Klasse ist der junge Mann bereits 20 Jahre alt. Unter seinen jüngeren Mitschülern gilt er als Exot. Sie bewundern ihn, da er zu dem Zeitpunkt im Gegensatz zu den Anderen schon eine feste Freundin hat.
Bei seinen Lehrern gehen die Meinungen über den jungen Mann durchaus auseinander, wie es Dellemann beschreibt. Bei Aufsätzen kann Dietrich brillieren und erhält stets die Note 1. Auf diesem Gebiet habe wohl seine Begabung gelegen, ist der einstige Klassenkamerad noch heute überzeugt. Daher mögen ihn besonders die Deutschlehrer, während andere Pädagogen aus dem Kollegium so ihre Schwierigkeiten mit dem Zahnarztsohn haben.
Anfang der 1960er Jahre kreuzen sich Kittners und Dellemanns Wege noch einmal in Berlin. Während Dellemann dort Architektur studiert, ist Kittner für einen Kabarett-Auftritt in der Mensa der Freien Universität zu Gast. An dem Jubiläumstreffen zum Goldenen Abitur der Klasse 13 DORA am 11. Oktober 2007 in der Lindener Beethovenstraße, im ehemaligen Schulgebäude der Humboldtschule, nimmt zur allgemeinen Überraschung auch Dietrich Kittner teil, obgleich er über all die Jahre keinen Kontakt zu seinen ehemaligen Mitschülern gepflegt hat.23
Die von Dellemann geschilderten Eingliederungsprobleme bei Kittners Einstieg in die Abiturklasse haben sicher ihren Grund in dessen Altersunterschied zu den Klassenkameraden. In vielerlei Hinsicht ist er seinen Mitschülern um einiges voraus. Es ist problematisch, neu in einen seit Jahren bestehenden Klassenverband einzutreten, in dem, wie Dellemann schildert, die Mitschüler noch recht kindlich und unerfahren sind und sich eher für Sport und Musik als für eine feste Freundin interessieren.
Weil ihm sein Alter wohl bewusst ist, hat es Dietrich eilig und schreibt sich kurz nach dem Abitur in Göttingen für die Fächer Jura und Geschichte ein.24 So entrinnt er nicht nur dem Elternhaus mit dem reaktionären Vater, sondern auch dem Militärdienst. Kittner senior hätte Dietrich gern bei der Bundeswehr gesehen. Bruder Ulrich beugt sich indes dem Wunsch des Vaters und studiert Zahnmedizin, obgleich ihn ein Fremdsprachenstudium mehr gereizt hätte.25
Dietrich Kittner studiert an der Georg-August-Universität Jura und Geschichte. 1958 ist er 23 Jahre alt und wird auf die 20-jährige Schönheit Christel Strohmeyer aufmerksam, die ebenfalls in Göttingen immatrikuliert ist und zwar für die Fächer Physik und Mathematik. Eine wahrlich schicksalhafte Begegnung: Von nun an werden sich ihre Wege nicht mehr trennen. Sie bleiben bis zu ihrem Lebensende zusammen.
Christel wird von ihrer jüngsten Schwester Vera Dedanwala als eine Persönlichkeit mit großer Intelligenz geschildert, »die ein hohes Maß an Verantwortungsbewusstsein besaß, aber auch neugierig und wissbegierig an naturwissenschaftlichen Fragen war«. Ihr Geburtsort Remscheid-Lennep liegt im Bergischen Land. Dort wird Christel am 23. Mai 1938 als älteste Tochter des Kaufmanns Kurt Strohmeyer und seiner Ehefrau Anna Katharina geboren. Während des Krieges kommen ihre beiden Schwestern Erika (1939) und Vera (1943) zur Welt. Die Mutter führt in Radevormwald das eigene Lebensmittelgeschäft, bis der Vater nach dem Ende seiner Kriegsgefangenschaft verwundet nach Hause kommt. Die Ehe der Eltern zerbricht. Nach der Scheidung zieht die Mutter 1953 mit den drei Mädchen nach Wuppertal und übt wieder ihren erlernten Beruf als Lehrerin aus. Das bedeutet für die erst 15-jährige Christel, sie muss ihre beiden jüngeren Schwestern versorgen. Gleichzeitig wird sie nach der Scheidung die Vertraute der Mutter. Christel besucht in Wuppertal das Städtische Gymnasium und schließt trotz der ihr früh aufgebürdeten familiären Verantwortung die Oberstufe mit einem Einser-Abi ab. Das bringt ihr einmal das Privileg der Schule ein, als Jahrgangsbeste die Abiturrede zu halten und zum anderen den Stolz der alleinerziehenden Lehrerin. »Ein Schulabschluss mit Abitur lag unserer Mutter für ihre Mädchen sehr am Herzen. Dagegen wäre der Vater auch mit einem Mittelschulabschluss zufrieden gewesen«, erzählt Vera Dedanwala.26
Es ist in der Nachkriegszeit kein seltenes Phänomen, dass Ehen zerbrechen. Viele der in Schlachten abgestumpften Kriegsteilnehmer haben es schwer, sich in Friedenszeiten zurechtzufinden. Häufig treffen sie zu Hause Ehefrauen an, die wie Christels Mutter selbstständig die Geschäfte geführt und die Kinder großgezogen haben, oder die Heimkehrer müssen erst damit fertig werden, dass ihren ehemaligen Partnerinnen mittlerweile neue Lebensgefährten zur Seite stehen.
Christels Entschluss, in Göttingen Physik und Mathematik zu studieren, führt ihre zweite Schwester Erika Koep zum einen auf ihre ebenfalls studierenden Freundinnen und zum anderen auf den dort lehrenden berühmten Wissenschaftler und Nobelpreisträger von 1932, Professor Werner Heisenberg, zurück. Viele an Kernforschung interessierte junge Akademiker zieht Heisenberg damals wie ein Magnet an.27
Dietrich und Christel, die frisch Verliebten, ziehen in ein einfaches Gartenhäuschen aus Holz, hoch über der Stadt am Göttinger Lohberg. Die Laube steht auf einem großen verwilderten Grundstück und ist im Winter bei Matsch und Schnee nur mit Gummistiefeln zu betreten. An kalten Tagen müssen sie ihre Konzentration unterbrechen, um die klamm gewordenen Finger am Petroleumöfchen zu wärmen. Für diesen Mangel an Komfort entschädigt sie der Sommer; sie verleben die warme Jahreszeit im »Garten unter den Pflaumenbäumen«, wie Dietrich diese Idylle später beschreibt. Heute ist die Laubenflur längst sechs Einfamilienhäusern gewichen.28
Christel und Dietrich führen in ihrem Gartenhäuschen eine wilde Ehe. So heißt das Zusammenleben ohne Trauschein damals im volkstümlichen Sprachgebrauch. Um ihren Vermieter nicht in Schwierigkeiten zu bringen, hat Christel pro forma im Stadtzentrum ein kleines Mansardenzimmer angemietet. Unter jener Adresse ist sie auch postalisch gemeldet. Heute schwer vorstellbar: Bis 1970 können Vermieter wegen Kuppelei angezeigt werden, wenn sie ein unverheiratetes Paar bei sich wohnen lassen.29
Wir können annehmen, dass Dietrich und Christel ihr Studentenleben in Göttingen genossen haben. Dietrich schwärmt geradezu von dem neuen, ungebundenen und unkonventionellen Leben als Göttinger Boheme. In dem behäbigen Städtchen trifft er – neben erzkonservativen Professoren und Verbindungsstudenten – auf »angehende Schriftsteller und Möchtegernliteraten, Schauspieler, abgebrochene Studenten, Nachtclubtänzerinnen, Jazzer, Maler – zumeist nur für einige Zeit der Kasseler Hochschule entflohen –, ausgestiegene Bürgertöchter sowie ein paar Zeitungsleute«.30
In seinem Beitrag für das Göttinger Lesebuch Dies Knistern hinter den Gardinen widerspiegelt er präzise bundesdeutsche Provinz Ende der 1950er, Anfang der 1960er Jahre. Diese Beschreibung der damaligen Gegebenheiten oder Zustände könnte auf jede andere Universitätsstadt jener Jahre übertragen werden. Für typisch göttingisch hält Dietrich Kittner einige Grenzkonflikte, die entscheidend für sein und Christels späteres Leben werden sollten.
Der Jurastudent bezeichnet die Göttinger Boheme – ihn eingeschlossen – politisch bestenfalls als linkspluralistischpazifistisch. Man beschränkt sich zunächst noch auf das Unterzeichnen von Friedensaufrufen, wie beispielsweise den Appell Kampf dem Atomtod. Diesem Appell ist die am 12. April 1957 veröffentlichte Erklärung von 18 renommierten Göttinger Wissenschaftlern vorausgegangen. Bekannte Atomphysiker wie Carl Friedrich von Weizsäcker, Otto Hahn, Max Born, Werner Heisenberg und Max von Laue weisen darin auf die Gefahr von Atomwaffen hin. Die amerikanischen Atombombenabwürfe im August 1945 auf Hiroshima und Nagasaki mit ihren verheerenden Folgen stehen ihnen noch vor Augen. Ihre Forderung an die Bundesregierung ist der Verzicht auf die vorgesehene atomare Bewaffnung der Bundeswehr. Um den Wahlsieg seiner CDU bei den anstehenden Bundestagswahlen im September 1957 nicht zu gefährden, empfängt der damalige Bundeskanzler Konrad Adenauer die Wissenschaftler im Kanzleramt. Der Öffentlichkeit wird nach langer Beratung eine gemeinsame Erklärung präsentiert, in der sich alle zu Frieden und Abrüstung bekennen. In der Folge werden auf deutschem Boden zwar keine eigenen Atomraketen gebaut; die Stationierung amerikanischer Atomwaffen kann die Bundesregierung jedoch durchsetzen. Die Resonanz auf die Göttinger Erklärung ist groß und hat Signalwirkung für die Initiative Kampf dem Atomtod, die in der Ostermarsch-Bewegung die gesamte Bundesrepublik erfasst.31
Zu mehr als lebhaften Diskussionen reicht es zu Anfang des Studiums nicht, beurteilt Dietrich Kittner sein damaliges politisches Engagement. Vorrangig ist, den eigenen unbürgerlichen Freiraum auszugestalten und zu verteidigen. Das Geld für die Miete ist aufzubringen, und auch sonst muss das Paar über die Runden kommen. Da helfen Dietrichs Nebenjobs als Kleindarsteller in den damaligen Göttinger Filmateliers.32
Bereits 1945 gibt es in Göttingen die Filmaufbau GmbH. Auf dem Gelände des ehemaligen Wehrmachtsflugplatzes zwischen Grone und Holtensen werden in den Studios von 1949 bis 1961 über hundert Spielfilme gedreht, darunter Liebe 47, Das Haus in Montevideo, Königliche Hoheit, Rosen für den Staatsanwalt und Hunde, wollt ihr ewig leben. 33 Es ist für die damalige Göttinger Bevölkerung etwas ganz Besonderes, bekannte Stars wie Sonja Ziemann, Georg Thomalla, Nadja Tiller, Walter Giller, Heinz Erhardt, Winnie Markus und andere Schauspieler hautnah bei Uraufführungen zu erleben. Als Komparse in eine Filmproduktion eingebunden, ist der Kontakt zu den Stars ganz direkt.34 So wird die Leinestadt zu einem Zentrum der bundesdeutschen Filmproduktion, und ein Hauch von Glamour ist damals in der südniedersächsischen Provinz zu spüren.
Die Tagesgage von 18 bis 40 Deutsche Mark beschert den angehenden Akademikern – Dietrich beziffert sie auf gut zweihundert nebenerwerbsbedürftige Hochschüler – bei sich wochenlang hinziehenden Dreharbeiten so etwas wie eine Goldrauschstimmung in den Göttinger Studentenkneipen. So können sie für gewisse Zeit ohne Durststrecke als Rotarmisten, Panzergrenadiere oder Kavallerie-Leutnants verkleidet endlich einmal annähernd auskömmlich leben. Dietrich bleibt stets der kritische Beobachter, der feststellt, dass die Statisten beispielsweise in den Gefechts- bzw. Drehpausen zu dem Film Hunde, wollt ihr ewig leben plaudernd oder rauchend zwischen Schützengräben, Kriegsgerät und Attrappen zerschossener Bauernhäuser stehen, »fast ausnahmslos fein säuberlich nach Dienstgraden unter sich: hier die Offiziere, da die Mannschaftsgrade«.35 Auf einem Foto von 1959 sehen wir Dietrich als einen der Komparsen in jenem Stalingrad-Opus. Der 24-Jährige trägt Militäruniform, Fellmütze und einen Oberlippenbart, im Mundwinkel eine Zigarette. Seine Bartstoppeln an den Wangenknochen und die stark geschminkten Augen sollen ihn wohl älter erscheinen und elend aussehen lassen. Er blickt leicht verschmitzt zum seitlichen Rand der Kamera. Eine Privataufnahme, mutmaßlich in einer der oben beschriebenen Pausen aufgenommen.
Zu dem sich vielfältig und bunt entfaltenden neuen kulturellen Nachkriegsleben zählen in Göttingen auch die im Februar 1948 ins Leben gerufene Max-Planck-Gesellschaft, die Gründung des ersten gesamtdeutschen Schriftstellerverbandes PEN und das Göttinger Stadttheater, ab 1950 als reines Sprechtheater in Deutsches Theater zu Göttingen umbenannt.36
Eine Kabarettszene, vergleichbar mit Städten wie Berlin, München oder Frankfurt, gibt es nicht. Dietrich Kittner überliefert rückblickend seine Erlebnisse mit einem Kabarett der etwas anderen Art, das er als obskur, wenn nicht sogar rechtsextrem bezeichnet. So soll der Kabarett-Chef in SS-Montur aufgetreten sein und lautstark für die Todesstrafe als Garant für Recht und Ordnung plädiert haben. Im Krieg sei er »für die Truppenbetreuung unserer Einheit zuständig gewesen«, zitiert Kittner den Leiter des Kabaretts. Antihumanistische Witzeleien seien dann bei den Darbietungen gefolgt. Kittner nennt die Darsteller Sumpfbodentruppe, die bezeichnenderweise später auch schon mal einen NPD-Parteitag kulturell bereichert hat. Dass so etwas 15 Jahre nach Ende des Krieges und dazu noch unter Beifall einiger bekannter Universitätsprofessoren möglich gewesen ist, empört Kittner noch 1989 beim Niederschreiben seines Beitrags für das Göttinger Lesebuch.37 Ob es sich seinerzeit um ein öffentliches Gastspiel oder eine private Aufführung des beschriebenen Kabaretts gehandelt hat, lässt sich nicht mehr aufklären. Fragwürdig ist dennoch, dass sich damals kein öffentlicher Protest gegen jemanden rührt, der in der jungen Demokratie der Bundesrepublik in SS-Uniform auftritt.
Sprachrohr und Verstärker des deutschnationalen Milieus ist das während der Zeit des Nationalsozialismus regimefreundliche Göttinger Tageblatt. »Diese Stimmung hielt sich bis in die 60er Jahre.« Ein Wertewandel habe sich in Göttingen nur mit großer Verzögerung entwickelt. Das nationalistische Beharren sei unter Oberbürgermeister Hermann Föge (FDP), Göttinger Stadtoberhaupt von 1948 bis 1956, noch begünstigt worden. Darauf verweist Ernst Böhme, Leiter des Stadtarchivs Göttingen und des Städtischen Museums.38 Böhmes Einschätzung mag eine Erklärung dafür sein, warum sich damals die öffentlichen Medien über ein rechtsextremes Kabarett ausschweigen.
Eine weitere Göttinger Besonderheit geht auf das Jahr 1955 zurück: Oberbürgermeister Föge ist bis 1955 gleichzeitig auch Abgeordneter des Niedersächsischen Landtags und führt dort die FDP-Fraktion.39 Auf Betreiben Föges wechselt im Herbst 1951 ein anderer Göttinger in die FDP-Landtagsfraktion, wo er den rechten Flügel stärkt: Leonhard Schlüter ist erst wenige Monate zuvor auf dem Ticket der rechtsradikalen Deutschen Reichspartei in den Landtag gewählt worden. Ein paar Jahre später rückt Schlüter erst zu Föges Stellvertreter und dann zu seinem Nachfolger als FDP-Fraktionschef auf. 40
