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Viel hätte ich dafür gegeben, wenn meine Prognosen aus „Wir klicken uns um Freiheit und Verstand“ nichtzutreffend gewesen wären. Betrachtet man jedoch die jüngsten Entwicklungen in der Medienbranche, kommt man allerdings nicht umhin festzuhalten: Die digitalen Giganten, die ich als Web-Kraken bezeichnet habe, haben sich der traditionellen Medienwelt noch schneller bemächtigt als gedacht. Am 21. Januar 2015 wurde veröffentlicht, dass Google, was die Glaubwürdigkeit angeht, die traditionellen Medien überholt hat. Unglaublich. Und jetzt nehmen sich Google, Facebook, Amazon und Konsorten dem nächsten Feld an – besser gesagt: der nächsten Felder. Nach der Medienindustrie sind bereits Handel und Finanzwelt ins Visier der Internetkonzerne geraten, die stets nach neuen Wachstumsbereichen gieren. Schon greifen sie auch nach anderen Dienstleistern, der klassischen Industrie und Produktion – und dann gibt es in unserer Volkswirtschaft keine Branche mehr, die verschont geblieben ist. Amazon und Google kaufen reihenweise Roboter-Hersteller. Google erschließt mit Nest Immobiliendienste und smart grid und baut sein eigenes Auto. Auch Apple lässt ein Auto entwickeln. Alle Web-Giganten bieten sich in der einen oder anderen Form als Software-Lieferanten für Industrie 4.0 und für das Internet der Dinge an. Aus diesem Grund trägt dieses Buch den Titel „Digitale Attacke“. Industrien, die das Wohlergehen unseres Landes mitbestimmen und für unsere Volkswirtschaft essentiell sind, werden von digitalen Giganten attackiert. Tragisch ist, dass Gesellschaft, Wissenschaft, Unternehmen und Politik sich weitestgehend passiv oder angepasst verhalten. Was tun z.B. die Kommunen? Wie selbstverständlich nutzen sie die Dienste der Web Kraken, um ihre häufig veralteten Web-Angebote aufzuhübschen. Und wir – die Verbraucher, wir als noch mündige Bürger, wir als politisch Handelnde – wir tun das, was wir inzwischen am besten können: Wir schauen zu und überlassen unsere angestammten Industrien. Kampflos. Angreifern, die in erster Linie aus den Vereinigten Staaten kommen, bald auch aus Asien – nie aber, das lässt sich mit Sicherheit sagen, vom Alten Kontinent stammen.
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Seitenzahl: 195
Veröffentlichungsjahr: 2015
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Vorwort
I
Aus der Historie nichts gelernt
1. Eine kurze Geschichte des Handels
2. Ein Blick auf das Finanzwesen
3. Die Todsünden – eine Einführung
II
Wir bereiten den Weg – 5 Todsünden
1. Naivität
2. Bestechlichkeit
3. Engstirnigkeit
4. Selbstsüchtigkeit
5. Maßlosigkeit
III
Ein Blick auf die Opfer und Handlanger
1. Die Gesellschaft
2. Die Wissenschaft
3. Die Wirtschaft
4. Die Politiker
IV
Das Einfallstor ist weit offen
1. Die Förderung der Giganten
2. Daten als neue globale Währung
3. Der Übergang vom Virtuellen ins Physische
V
Das Geschehen verstehen (Szenarien)
1. Nicht allzu ferne Welten
2. Komplette Überwachung
3. Völlige Unselbständigkeit
4. Vollkommene Armut
5. Totale Unfreiheit
VI
Die Zukunft, so nah
1. Mitten im Epochenwandel
2. Handeln jetzt!
VII
Zeit zum Nachdenken
1. Politik der Nachhaltigkeit
2. Mündige Kunden
3. Mehr Unabhängigkeit
Zusammenhänge erkennen
Gewissen ernstnehmen
VIII
Das Rad der Zeit
1. Die Technik im Griff
2. Leben mit dem Fortschritt – nicht dagegen
Schlussteil: Mit Zuversicht nach vorne
Viel hätte ich dafür gegeben, wenn meine Prognosen aus „Wir klicken uns um Freiheit und Verstand“ nichtzutreffend gewesen wären. Betrachtet man jedoch die jüngsten Entwicklungen in der Medienbranche, kommt man allerdings nicht umhin festzuhalten: Die digitalen Giganten, die ich als Web-Kraken bezeichnet habe, haben sich der traditionellen Medienwelt noch schneller bemächtigt als gedacht. Am 21. Januar 2015 wurde veröffentlicht, dass Google, was die Glaubwürdigkeit angeht, die traditionellen Medien überholt hat. Unglaublich.
Und jetzt nehmen sich Google, Facebook, Amazon und Konsorten dem nächsten Feld an– besser gesagt: der nächsten Felder.
Nach der Medienindustrie sind bereits Handel und Finanzwelt ins Visier der Internetkonzerne geraten, die stets nach neuen Wachstumsbereichen gieren. Schon greifen sie auch nach anderen Dienstleistern, der klassischen Industrie und Produktion – und dann gibt es in unserer Volkswirtschaft keine Branche mehr, die verschont geblieben ist.
Amazon und Google kaufen reihenweise Roboter-Hersteller. Google erschließt mit Nest Immobiliendienste und smart grid und baut sein eigenes Auto. Auch Apple lässt ein Auto entwickeln. Alle Web-Giganten bieten sich in der einen oder anderen Form als Software-Lieferanten für Industrie 4.0 und für das Internet der Dinge an. Aus diesem Grund trägt dieses Buch den Titel „Digitale Attacke“. Industrien, die das Wohlergehen unseres Landes mitbestimmen und für unsere Volkswirtschaft essentiell sind, werden von digitalen Giganten attackiert. Tragisch ist, dass Gesellschaft, Wissenschaft, Unternehmen und Politik sich weitestgehend passiv oder angepasst verhalten. Was tun z.B. die Kommunen? Wie selbstverständlich nutzen sie die Dienste der Web Kraken, um ihre häufig veralteten Web-Angebote aufzuhübschen. Und wir – die Verbraucher, wir als noch mündige Bürger, wir als politisch Handelnde – wir tun das, was wir inzwischen am besten können: Wir schauen zu und überlassen unsere angestammten Industrien. Kampflos. Angreifern, die in erster Linie aus den Vereinigten Staaten kommen, bald auch aus Asien – nie aber, das lässt sich mit Sicherheit sagen, vom Alten Kontinent stammen.
Dabei geht es bei dem digitalen Epochenwandel nicht nur um Meinungsbildung und die damit zusammenhängenden Geschäftsfelder. Die digitale Disruption, die begonnen hat, verändert unsere Arbeitswelt nachhaltig. Es geht nun um unsere Lebensgrundlage, um unser Sein.
Die schöne, neue Welt, in der alles jederzeit und an jedem Ort zu erhalten sein wird, in der Amazon uns von A bis Z mit Waren versorgt, Facebook uns unseren letzten Wunsch abliest, Google uns alle Informationen liefert, erhalten wir auch künftig unsere Rente und Lebensversicherungen von den digitalen Unternehmen und werden wichtige Güter wie Autos von den Internetgiganten hergestellt. Aber warum sollte uns das erschrecken? Veränderungen hat es immer gegeben und wird es immer geben. Veränderungen gehören zur Entwicklung einer Gesellschaft. Sie sind nicht schlecht und können auch nicht aufgehalten werden. Veränderungen sollten uns aber bewusst sein, und insbesondere ihre Konsequenzen sollten uns interessieren. So können wir Veränderungen nicht verhindern und wollen es meist auch nicht. Aber wir sollten darauf achten, dass Veränderungen uns in eine Gesellschaft führen, die unsere wesentlichen demokratischen Grundwerte, auf denen unser Sein basiert, nicht zerstören, sondern achten. Mit diesem Buch möchte ich mich keineswegs gegen die Digitalisierung aussprechen und schon gar nicht gegen Veränderungen im Allgemeinen. Im Gegenteil. Wenn wir die Herausforderungen der neuen Welt nicht annehmen, fallen wir hoffnungslos zurück. Aber wir müssen die Veränderungen selbst gestalten und zwar konstruktiv im Sinne unserer demokratischen Grundwerte und unserem Verständnis von Recht. Wir müssen uns den Herausforderungen stellen. Alle „alternativlosen“ Veränderungen müssen wir kritisch hinterfragen. Wenn unsere freiheitlichen Grundrechte und Werte in Gefahr sind, müssen wir nach Alternativen und am besten nach eigenen Antworten suchen und nicht einfach alles durchwinken. Die wichtigsten Bereiche, die deshalb auch zunächst betrachtet werden, wie Politik, Wissenschaft, Wirtschaft und Gesellschaft, müssen Position beziehen. Oder haben sie dies bereits getan? Wir werfen einen Blick in das, was getan wird, und das, was getan werden müsste. Aber auch der einzelne Bürger kann viel zur richtigen Ausrichtung beitragen. Wir alle dürfen nicht fünf Todsünden erliegen, die für den ungebremsten Siegeszug der Web-Kraken verantwortlich sind: der Naivität, der Bestechlichkeit, der Engstirnigkeit, der Selbstgefälligkeit und der Maßlosigkeit. Geben wir uns Zeit zum Nachdenken, könnten uns fünf Grundsätze helfen, eine Lösung zu finden, und die digitale Revolution für uns in eine positive Richtung lenken.
Unser Wohlstand beruht auf einer Wertschöpfung, die ohne Industrie und Handel nicht denkbar ist. Wir haben deshalb annähernd Vollbeschäftigung. Wenn sich dies alles verändert, wo bleibt dann unsere Arbeit? Was ist mit unserem Wohlstand?
Eine Übertreibung? Mitnichten.
Werfen wir nur einen kleinen Blick in das Jahr 2025: Die Kraken werden meiner Ansicht nach dann die Herrschaft über den Handel übernommen haben, wahrscheinlich sogar noch viel früher. In den Innenstädten gibt es noch Läden mit unterschiedlichen Namen – aber im Hintergrund agieren die Web-Giganten. Sie greifen schon jetzt nach der Macht außerhalb ihrer angestammten Territorien. In naher Zukunft werden sie in der realen Welt angekommen sein.
„Shoppen“ wird dann nur einen Zweck erfüllen: Die Gewinne der Internet-Konzerne zu erhöhen. Wirklich leisten können wir uns das nicht mehr. Wie kann es aber dann dennoch gelingen, Gewinne zu machen? Die Finanzkrise hat jetzt schon einige Staaten entscheidend geschwächt. In einigen Jahren werden diese Länder auf unsere Mittel angewiesen sein. Nur haben wir dann genügend Mittel, um diese Schulden auszugleichen? Eine Lösung drängt sich auf: Konsumenten werden für die Web-Kraken arbeiten, um ihre Schulden zu tilgen.
Die Staaten werden mit diesem Vorgehen übereinstimmen. Vielleicht werden 2025 Wirtschaft und Regierungen einen faustischen Pakt eingegangen sein. Was bleibt den Politikern anderes übrig: Sie haben ihre Länder in den Bankrott gewirtschaftet; die Kraken dagegen haben Milliarden auf dem Konto. Auch auf der Informationsebene gehen beide Hand in Hand: Die einen wissen alles über die Bürger, die anderen nutzen diese Daten, um für Ruhe im Land zu sorgen.
Rechtsstaat, ade.
Ich gehe zu weit? Ich schreibe nur Entwicklungen fort, die wir heute schon beobachten können, wenn wir aufmerksam durch das Leben gehen und alles so weiterlaufen lassen.
Die Digitale Attacke – bis hierhin
Die Veränderung der Mediennutzung ist heute offensichtlich. Viele junge Menschen nutzen nur noch digitale Angebote. Printauflagen gehen ständig zurück, Werbeanzeigen im Print werden immer seltener. Einige Produkte im Zeitungsbereich haben darunter zu leiden: Financial Times, Frankfurter Rundschau, Abendzeitung. Wenn das in unserem demokratischen System so hochgelobte Prinzip des Durchsetzens der besseren Argumente gelten soll, brauchen wir unterschiedliche Meinungen, verschiedene Sichtweisen und eine differenzierte Berichterstattung. Das wichtigste Land Europas leistet es sich, einen wichtigen Teil seiner Tagespresse zu verlieren. Viele Journalisten verlieren ihre Jobs, weil die klassischen Medien, Zeitungen und Zeitschriften, sparen. Der Handel hat enorme Wachstumsraten zu verzeichnen, allerdings nur im digitalen Bereich. Der große Umsatzkönig heißt Amazon. Kreditvergabe online ist schon heute möglich. Vor kurzem haben die Samwer-Brüder in Deutschland auch noch eine Online-Bank eröffnet. Ihre „Rocket Internet AG“ ist ein Star an der Börse geworden.
Die Berichte über das „Internet der Dinge“, d.h. der Austausch von Gegenstand zu Gegenstand, hat ein rasantes Tempo aufgenommen. Google hat ein Unternehmen für Sensortechnik gekauft. Amazon produziert Filme, Google beteiligt sich an einem Unternehmen mit Weltraum-Satelliten. Unsere Politiker und Medienmanager gehen derweil ins Gelobte Land, um sich strahlend mit der Google Brille ablichten zu lassen.
Aber was daran gefährdet unsere Arbeitsplätze? Warum sollten wir um unseren Wohlstand fürchten, wenn Google uns das Geld leiht, Amazon die Waren liefert und unser Kühlschrank ohnehin die Lebensmittel bestellt? Wir werden schon nachdenklicher, wenn wir sehen, dass die Autohersteller Kooperationen eingehen und BMW, Audi und Mercedes über das selbstfahrende Auto mit Google sprechen. Dabei sind Maschinenbau und Automobilproduktion die sichersten Standbeine, auf denen unsere Exportleistung seit vielen Jahren steht.
Internetkonzerne scheinen die ersten wahrlich global denkenden und handelnden Unternehmen zu sein. Sie lösen sich von der Produktion. Sie bauen Logistik auf, die nicht mehr an Nähe zum Kunden und somit an keinen Standort gebunden ist. Ihre Geschäftsabläufe werden an Länder, Regionen und an jeden einzelnen Kunden angepasst. Ihre Roboter produzieren die personalisierte Ware.
Sollten sie die Oberhand gewinnen, werden die Web-Giganten die Bedingungen diktieren – nicht nur in Sachen Löhne und Gehälter. Wie Handel und Dienste wird auch die Herstellung völlig neu konzipiert. Dieses Denken ohne Vorbedingungen fällt schon den Konzernen schwer – der Mittelstand ist dabei völlig außen vor. Die Web-Giganten gehen hingegen auf der Grünen Wiese mit klarer Fokussierung auf dem zukünftig technisch Möglichen und ausgerichtet an den Kundenwünschen vor. Amazon experimentiert angeblich schon mit einem fahrbaren 3D-Drucker (auf einem LKW) – die Produktion kommt dann zum Kunden. Aber wenn die Digital-Giganten die neuen Produzenten sind, können doch unsere Arbeitsplätze erhalten bleiben? Dann würden eben diese Unternehmen bei uns produzieren und unsere Infrastruktur und unseren Wohlstand sichern. Doch wenn es um Arbeitsplätze oder um Sozialverpflichtungen geht, schneiden die Web-Kraken sehr schlecht ab., In einer Reportage der „Financial Times“, dem englischen Original, fällt Glenn Watson, Verantwortlicher für Wirtschaftsförderung der englischen Hafenstadt Rugeley, ein vernichtendes Urteil über Amazon. Der weltweit größte Internethändler, das nach Google und Facebook drittgrößte Unternehmen der Web-Wirtschaft insgesamt, unterhält dort ein Lager. Der Web-Krake kommt trotzdem nicht gut an. „Sie sind nicht als guter Arbeitgeber bekannt“, sagt der Wirtschaftsförderer. „Und sie helfen auch nicht unserer heimischen Wirtschaft.“
Das liegt nicht nur an den gewieften Steuersparmethoden der Internetunternehmen, die ich in „Wir klicken uns um Freiheit und Verstand“ am Beispiel der Suchmaschine Google schon beschrieben habe. Die Steuerexperten von Amazon sind nicht weniger einfallsreich, wenn es darum geht, die Steuerlast zu reduzieren, und sich der solidarischen Verantwortung für gesellschaftliche Themen wie Bildung, Verkehr oder Sicherheit zu entziehen. Das können andere zahlen.
Dass die Internetkonzerne wenig gelitten sind, auch wenn sie für eine Region auf den ersten Blick Vorteile bringen könnten, liegt auch an den ausbeuterischen Methoden. Oft werden Leiharbeiter eingesetzt. Sie werden nicht wie normale Arbeitnehmer bezahlt und behandelt. Sie werden oft sogar von dafür geschultem Personal überwacht. Eine ARD-Reportage hat die Verhältnisse bei Amazon Deutschland aufgedeckt, dargestellt und damit zumindest kurzfristig einen Sturm der Entrüstung ausgelöst. Nun kämpft Verdi um tarifvertragliche Regelungen. Die erste Prognose eines Fachmanns lautete: „Dann werden diese Arbeitsplätze eben von Robotern ersetzt.“ In den USA hat Amazon bereits ein Unternehmen gekauft, um die Lagerhaltung weitestgehend zu automatisieren. Oder die Lagertätigkeit wird nach Polen verlagert.
Noch gibt es solche Roboter bei uns nicht. Aber Amazon errichtet in Polen drei neue Auslieferungslager. Mit den Aktionen in Deutschland habe dies nichts zu tun, so heißt es in offiziellen Verlautbarungen.
Wie blind sind wir eigentlich, was strukturelle Entwicklungen und Arbeitsplätze angeht?
Noch viel wichtiger scheint mir die Wirkung der Netzgiganten auf unsere Demokratie. Unsere Medien gelten als die vierte Macht im Staat. Wir brauchen viele Informationen, um uns eine Meinung zu bilden, aber wir brauchen auch Meinungen. Nur sollten beide Dinge erkennbar getrennt sein. Aufgrund der digitalen Vielfalt und der Möglichkeit, Informationen auch per Bild individuell und schnell zu erzeugen, erhalten wir eine unüberschaubare Anzahl von Informationen pur. Zudem können wir die Qualität der „Informationen“ nur sehr schwer einschätzen und schon gar nicht beurteilen.
Gibt es bei der Übermittlung Informationen oder Werturteile? Werden Tatsachen vermittelt oder Vermutungen? Gibt es lediglich nach bestimmten Interessen „gefärbte“ Übermittlungen? Was von dem, was übermittelt wird, ist überprüfbar – oder sogar recherchiert? Wie sind Informationen, Vermutungen oder Meinungen einzuordnen? Was von dem, was gesagt oder berichtet wird, liefert ein verlässliches Bild des Geschehens? Was ist verfälscht, was wurde nachgestellt?
Solche Fragen haben in der Medienwelt von einst Journalisten für uns beantwortet. Mal gut, mal weniger verlässlich. Künftig aber wird deren Stimme im Dickicht der „Informationen“ kaum noch zu hören sein.
Ein Überschuss an Details kommt auf uns zu. Ohne Differenzierung nach Qualität und Unterscheidung von überprüfbaren und meinungsmachenden Informationen werden wir mit einer Vielzahl von „news“ überschwemmt.
Was ist wichtiger, der Streit um die armen Flüchtlinge, die sich von Afrikas Küsten unter Lebensgefahr nach Italien schleppen lassen, um nach Deutschland zu kommen, die Veränderung der weltpolitischen Lage in China und Indien oder die Veränderungen in Vorderasien und in Osteuropa, insbesondere der Ukraine. Journalistische Meinungsvielfalt könnte bei den Antworten auf diese Frage helfen.
Wir haben nach und nach verlernt, unseren eigenen Weg zu wichtigen Informationen für Politik, Wirtschaft und Gesellschaft und für unsere Meinungsbildung zu finden.
Als Beispiel sei der Wahlkampf zur Bundestagswahl 2013 in Deutschland genannt. Populistisch ging es zu. Es wurde um Mindestlöhne und prekäre Arbeitsverhältnisse gestritten. Die Berichterstattung hierüber in den elektronischen Medien nahm einen so überdimensionierten Raum ein, dass nach einer Befragung des Instituts für Demoskopie Allensbach die große Mehrheit in der Bevölkerung glaubte, mehr als ein Drittel der Arbeitsverhältnisse in Deutschland seien Leiharbeitsverhältnisse oder „prekäre Arbeitsverhältnisse“. Tatsächlich zählen gerade mal 3% der Arbeitsverhältnisse zu dieser Kategorie. Die falsche Botschaft über die Medien prägt unsere Gesellschaft. So war fast die Hälfte der Bevölkerung nach der Wahl im Oktober 2013 davon überzeugt, dass ein Mindestlohn von 8,50 Euro zu gering ist! Und dies, obwohl viele Wirtschaftsfachleute plausibel darstellen, dass selbst ein Mindestlohn von 8,50 Euro vielleicht hunderttausend Jobs vernichten würde. Aber wen interessiert dies schon?
Die Verlockung ist groß, sehr viel aufzunehmen, was aber nicht dem Verständnis und der Wertung der Geschehnisse, sondern allein der Unterhaltung dient. Wir verwechseln die elektronischen Medien, die nur unterhalten wollen, mit Informationsmaschinen, die zur Meinungsbildung beitragen. Wir verkennen die Funktion der „Sozialen Netzwerke“, der virtuellen Angebote und der schönen Scheinwelt, die sich darauf stützt, dass in der realen Welt die Dinge hart erarbeitet werden müssen. In der virtuellen Welt scheint alles von selbst zu gehen.
Was beim „Rundfunk“ – wie bei den gedruckten Zeitungen - nicht möglich ist, im Web wird es verwirklicht: Streaming, Video on demand und TV, alles im Web. Alles liefern die Web-Giganten - bis zur exakten Ausspähung unserer Gewohnheiten. Warum spielt Amazon Leihbibliothek? Warum steigt das spanische Web-Kaufhaus im deutschen Streaming-Markt ein? Weil die Server da sind. Netflix braucht keine eigenen Maschinen. Die Rechner von Amazon werden vermietet und stehen für den Service zur Verfügung. Streaming bringt wertvolle Daten und bestenfalls Kostendeckung. Der Handel aber bringt das Geld.
Immer wieder geht es nur um Populismus und Unterhaltung. Die neuen Webmaschinen bedienen dies perfekt. Mit der Abstimmung „Gefällt mir“ wird den Abstimmenden suggeriert, dass sie entscheiden, was wichtig und richtig ist. Nicht die Sachlage und die Verhältnisse entscheiden, sondern das Empfinden der Mehrheit.
Nun hat sogar ein Gericht entschieden, dass sich auch öffentliche Einrichtungen mit unseren Steuergeldern in den Reigen der „Gefällt mir“-Freaks einreihen dürfen. Wollen wir dies wirklich? Und warum brauchen wir diese Votings? Glauben wir wirklich, dass es darauf ankommt, nur dem Gefühl, was gefällt, zu folgen ist? Mit allen Entwicklungen, die sich nicht mehr mit der Differenziertheit von Positionen auseinandersetzen, sondern auf Stimmungen setzen, kommen wir nicht weiter. Wir müssen uns um die Folgen von Entwicklungen für die Gesellschaft, die Zukunft und das Miteinander kritischkonstruktiv beschäftigen. Mit „wir“ meine ich zum einen uns als Bürger eines Staates, zu dessen wichtigsten Grundpfeilern die Freiheit gehört – die politische, auch die wirtschaftliche, die existentielle. Vielleicht ist uns nicht mehr bewusst, welche Freiheit wir haben, und dass sie nichts Selbstverständliches ist. Der Umgang mit den Digitalgiganten ist einfach zu sorglos. Das Einzige, was wirklich zu zählen scheint, ist die Bequemlichkeit. Beispiele wie Max Schrems sind die Ausnahme. Der österreichische Student der Rechtswissenschaften wollte von Facebook Einsicht in seine Daten. Was speicherte der Krake, wenn Schrems die Internetseite nutzt, dort seine Bilder hoch lädt oder bei der Webseite seiner Lieblingsband auf den „Gefällt mir“-Knopf drückt? Wozu, das ist dann noch einmal eine ganz andere Frage.
Schrems hat nach langem Kampf nach den Prozessen Auskunft erhalten. Nach dem Urteil des EuGH, dass es ein Recht auf Vergessen gibt, haben auch andere Anträge an Facebook und Google gestellt.
Was auf diese einfache Frage folgte, war für Schrems ein langer Weg durch die Instanzen. Facebook blockte alle Versuche mit seinen Justiziaren ab. Nach einigen Medienberichten folgen dem jungen Österreicher inzwischen mehr als 40.000 Facebook-Kunden, die ebenfalls Auskunft verlangen.
So weit wie der Jurastudent allerdings gehen die wenigsten. Sie lassen sich von der Bequemlichkeit der sozialen Netze einlullen. Dabei hätten die Nutzer die Macht, die Masse der Anbieter mit ihrer quasimonopolartiger Stellung in Teilsegmenten des Internets zu Fall zu bringen – und zur Vernunft. Es gibt aber aus dieser Richtung keinen „Ruck“, der Veränderungen einleitet.
Hoffen wir also auf die Politik.
Hoffnungslos, sagen Sie?
Leider teile ich Ihren Pessimismus, wenn sich nichts ändert. Hiesige Politiker bestechen nicht unbedingt durch ihre Fachkenntnis, wenn es um die Web-Kraken und ihr Geschäft geht. Allzu schnell lassen sich die Damen und Herren an der Macht umgarnen von Versprechungen, etwa in Punkto Investitionen vor Ort oder neue Arbeitsplätze.
Vom französischen Politiker Bruno Le Maire stammt ein in seiner Offenheit überraschendes Bekenntnis, ein Zustandsbericht des Politikbetriebs, der uns in Angst und Schrecken versetzen sollte. Le Maire war drei Jahre lang Minister für Ernährung, Landwirtschaft und Fischerei unter Premier François Fillon. Im seinem Buch „Jours de Pouvoir“, frei übersetzt „Tage der Macht“, beschreibt er seine Zeit an der Spitze der Macht in Frankreich. FAZ-Autor Nils Minkmar bemerkt dazu in einer Rezension des Buches:
„Wer das Gefühl hat, dass die europäischen Spitzenpolitiker den Kontakt zu ihren Wählern verloren haben, dass die Gesellschaft den Parteien und politischen Instanzen weit voraus ist, dass also jene, die uns regieren, irgendwo den Faden verloren haben und Kompetenz seitdem weitgehend simulieren, der darf sich nun in blendender Deutlichkeit bestätigt fühlen.“
Das schmerzt ebenso wie die Offenheit der Beobachtungen von Le Maire aus seiner dreijährigen Amtszeit. „Die Regierung hält nicht mehr alle Fäden des Kapitalismus in der Hand“, schreibt der konservative, noch recht junge Politiker, Jahrgang 1969. „Höchstens noch einen oder zwei, und wenn sie nicht achtgibt, so ist sie morgen selbst die Marionette – und der Kapitalismus die Hand. Der Tag wird kommen, an dem Unternehmen, ausländische Firmenchefs, Pensionsfonds und Investoren uns sagen „machen!“ und wir werden gehorchen.“
Viele, besonders junge Menschen beschleicht Politikmüdigkeit. Dies hat sehr vielfältige Gründe. Den Politikern schenken sie kein Vertrauen. Kein Wunder. Aber wer genießt das größte Vertrauen der Jugend? Facebook, Google & Co. Sie gelten nicht nur als attraktive Arbeitgeber. Ihre Angebote genießen scheinbar grenzenlose Wertschätzung bei der Jugend. Vertrauen, das auch gefährlich sein kann. Im März 2015 berichtet die FAZ über Untersuchungsergebnisse des amerikanischen Forschers Robert Epstein. Epstein verweist bei einem Vortrag auf der Cebit auf die mögliche Beeinflussung von Wahlergebnissen durch den Google Algorithmus. Sein Amerikanisches Institut für Verhaltensforschung und Technologie hat hierzu Untersuchungen zu Wahlen in Indien und den USA durchgeführt. Epsteins Aussage und die hiermit verknüpfte Warnung, die er ebenfalls ausspricht, sollten uns zu denken geben.
Es ist interessant zu beobachten, welche Auswirkungen große gesellschaftliche Umwälzungen auf die Menschen und ihre Psyche haben. So ist seit Beginn der Industrialisierung die Rede von der „Fatigue“, medizinisch vom Erschöpfungssyndrom oder neudeutsch: vom Burnout. Seit die Maschinen die Macht über die Produktion übernommen haben, kämpfen die Menschen damit, Schritt zu halten mit der Entwicklung.
Sollte ich ein vergleichbares, bezeichnendes Synonym für das Zeitalter der Digitalisierung wählen müssen, so würde ich dem „Digital Immigrant“ (das sind alle, die nicht mit dem Internet aufgewachsen sind) eine ähnliche Müdigkeit aufgrund der immensen Umstellungswelle attestieren. Den sogenannten „Digital Natives“, und dazu zählen fast 35% der Bevölkerung, muss ich umgehend aber auch grenzenlose Naivität diagnostizieren. Man könnte es auch als Gutgläubigkeit bezeichnen - die Nerds denken vom Internet als einer schönen neuen Welt, die sich die nötigen Regeln selbst erschafft und Gleichheit anstrebt. Aber wieviel Naivität ist erforderlich, um an diese heile Welt des „Don´t be evil“ nach wie vor glauben zu können?
Ohne weiteres tragen wir unsere intimsten Daten bei Facebook ein. Unsere Waren bestellen wir bei Amazon, weil es so schön bequem ist. Die Bankgeschäfte tätigen wir schon in naher Zukunft über das Handy, das haben wir ja sowieso immer dabei. Und wir bezahlen damit – wahrscheinlich schafft mal wieder Apple den Durchbruch.
Und bald werden die digitalen Giganten Wege finden, uns auch ihre selbst produzierten Güter schmackhaft zu machen. – Das selbstfahrende Google Auto lässt grüßen. Dabei geht es Google weniger um das wunderbare Produkt Auto als um die ungeheure Menge an Daten, die mit dem Google Auto erfasst, genutzt und verwertet werden können. Hier macht Big Dat sehr viel Sinn!
Digitale „Naive“ – so müsste es heißen.
Es gibt bereits die Produktreihe „Amazon Basics“. Für ein paar Cents weniger, im Wortsinne, bekommen wir hier einfache Produkte. Die paar Cents sollten uns wenig kümmern, vor allem angesichts der langfristigen Auswirkungen auf unsere Volkswirtschaft und Gesellschaft. Doch unsere Naivität hält uns auch in diesem Feld davon ab, die dahinterliegende Strategie zu sehen.
„Geiz ist geil“ – aber nur, wenn es um die direkte Bezahlung in Geld geht. Mit sehr wichtigen Gütern wie Informationen und Daten über uns und unsere Welt gehen wir sehr großzügig um. Da kann jeder fast alles für nichts haben – besonders die Web-Giganten.
Naivität, gepaart mit Bestechlichkeit und Selbstsüchtigkeit, dazu Maßlosigkeit und Engstirnigkeit. Das sind die fünf Todsünden der Digitalisierung, die Konsumenten, Politikern, aber auch Unternehmern anzulasten sind. Und die uns auf Sicht von wenigen Jahren großen Schaden zufügen können. Wir haben viel zu verlieren. Es wird Zeit, sich aktiv und verantwortungsvoll mit der sich ändernden Welt zu befassen und Gestaltungswillen zu entwickeln. Wir müssen den digitalen Veränderungen mit Mut und Offenheit gegenübertreten und auch dort, wo es geboten ist, sich wehren.
Ich höre schon die Kritiker: Den Buchdruck hätte man wohl auch verbieten müssen, der hat Hunderte von Mönchen weltweit um ihre Arbeit gebracht. Und Web-Maschinen: Das war der Tod einer ganzen Branche, samt Spinnern und deren Familien. Zurück zu den Kutschen?
Nein. So etwas stellt keine Kritik an meinen Gedanken dar, das ist billige Polemik. Wenn Henry Ford so viel Kapital wie Apple oder Google gehabt hätte, würden wir heute in der xten Weiterentwicklung der Tin Lizzie, der Blechliesel, durch die Gegend kurven. Es gab zu Beginn der automobilen Ära allerdings genug Länder, die Interesse an der Technik hatten. Und so gab es schon bald nicht mehr nur den Ford Modell T, sondern eben auch die Alternativen.
Die Entwicklungszyklen mögen sich ungeheuer beschleunigt haben, aber heute müssen wir ebenso dafür sorgen, dass sich die Internettechnik, und vor allem ihre Protagonisten, nicht ungehemmt vermehren. Im Gegenteil: Monopole. Ob Apple, Microsoft, Google, Facebook, Amazon, Ebay – nehmen sie, wen Sie mögen: Alle Digitalgiganten wetteifern um ein Quasi-Monopol. Einer Welt, in der die Konkurrenz eben nicht mehr einen Klick entfernt ist. Im Internet stellt das eine valide Überlebensstrategie dar. Die digitalen Weltmachtführer dringen immer mehr in traditionelle Bereiche ein. Wir beschäftigen uns dagegen im Wettbewerbs- und Kartellrecht noch sehr kleinteilig mit regionalen Märkten, manchmal sogar lokalen Märkten. In Europa und Deutschland werden diese Regeln immer noch auf die Old Industry angewendet, sehr zur Freude der weltweit agierenden Web-Giganten.
