7,99 €
Zusammen mit seinem Team hat Professor Markowetz eine App entwickelt, die das Verhalten der Smartphone-Nutzer dokumentiert. Er kommt zu einem erschreckenden Ergebnis: Drei Stunden täglich befassen wir uns im Schnitt mit unserem Smartphone, 55 Mal am Tag nehmen wir es zur Hand. Ständig sind wir abgelenkt, unkonzentriert, gestört. Welche dramatischen Folgen die digitale Permanenz für unsere Gesundheit, unser Leben und unsere Gesellschaft hat und was wir dagegen tun können – diesen Fragen geht Alexander Markowetz in seinem brisanten Buch auf den Grund.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 220
Veröffentlichungsjahr: 2015
Alexander Markowetz
Warum unsere permanente Smartphone-Nutzung gefährlich ist
Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG.
Zusammen mit seinem Team hat Professor Markowetz eine App entwickelt, die das Verhalten der 40 Millionen Smartphone-Nutzer dokumentiert. Er kommt zu einem erschreckenden Ergebnis: Drei Stunden täglich befassen wir uns im Schnitt mit unserem Smartphone, 55 Mal am Tag nehmen wir es zur Hand. Ständig sind wir abgelenkt, unkonzentriert, gestört. Welche dramatischen Folgen die digitale Permanenz für unsere Gesundheit, unser Leben und unsere Gesellschaft hat und was wir dagegen tun können – diesen Fragen geht Alexander Markowetz in seinem brisanten Buch auf den Grund.
Vorbemerkung
1 Der digitale Burnout
Der Erste seiner Art: der Homo Digitalis
Ausgebrannt: Weder glücklich noch produktiv
Das Digitalexperiment: Ein Blick in die Zukunft
2 Der Spielautomat in der Hosentasche
Random Rewards. Glücksrausch per Knopfdruck
Desire Engines. Wenn das Verlangen ins Unendliche wächst
Instant Gratification. Wenn die Verlockung zu nahe liegt
3 Der fragmentierte Alltag
Das Produktivitätsparadoxon: Mehr Leistung, weniger Output
Cut! Leben im Unterbrechungsmodus
Smartphones, der Ablenkungsturbo
»Nicht genügend Speicherplatz«. Warum wir nicht alles gleichzeitig erledigen können
Antrainierte Aufmerksamkeitsstörung. Die langfristigen Folgen für unsere Produktivität
Game over. Dem Digitalen Burnout einen Schritt näher
4 Die pausenlose Gesellschaft
No flow. Das Ende des Glücks
Die vergessenen Pausen. Müßiggang als Medizin
Digital ausgebrannt: abhängig, unproduktiv, unglücklich
5 Die digitale Diät
Information ist das neue Fett. Welche Diäten wir heute brauchen
Fehlererkennung. Wie wir unser eigenes Verhalten unter die Lupe nehmen
Nudging. Wie wir uns selbst überlisten
Gerätetraining. Wie die neuen Smartphones aussehen müssen
Die neue Eitelkeit. Warum die Lösung fast von alleine kommt
6 Betriebsschaden
Ich maile, also bin ich. Der Druck der digitalen Präsenz
Gut gemeint und grundverschieden. Die hilflose Suche nach Auswegen
Mission Possible. Der Weg aus dem digitalen Wahnsinn
Von der Theorie in die Praxis. Wie Etikette Alltag wird
7 Smart Kids
Kinder als Burnout-Kandidaten. Was das Handy mit unserem Nachwuchs macht
Keine Frage der Technik. Was wir unseren Kindern wirklich beibringen müssen
Gesunde Arroganz. Wie wir die digitalen Abwehrkräfte unserer Kinder stärken
Expect the unexpected. Wie wir unsere Kinder auf die Digitalisierung vorbereiten
8 Ausblick
Am Haken. Wie uns die digitale Wirtschaft ködert
Kulturtechnik No. 1. Was wir für die Zukunft wirklich lernen müssen
Dank
Literatur
Dieses Buch entstand unter Mitarbeit von Ann-Kathrin Schwarz und Jan Wielpütz.
Wie wir uns eine kollektive Funktionsstörung antrainieren
Wir werden nicht mehr auf unser Smartphone verzichten. Dieser faustische Pakt ist bereits besiegelt. Für den Zugang zu einem ganzen Universum aus Information und Kommunikation opfern wir unsere verfluchte Aufmerksamkeit auf seinem gläsernen Altar.
Matthew Panzarino, TechCrunch
Deutschland befindet sich fest im Griff eines Smartphones: Selbst wichtige Staatsangelegenheiten regelt Angela Merkel gerne per SMS. Einige Hundert sollen es in der Woche sein, daher gilt sie vielen schon als »SMS-Kanzlerin«. Immerhin regiert sie auf diese Art ein ganzes Land. Der US-Senator John McCain hingegen sollte sich bei einer Anhörung zum Syrien-Konflikt eigentlich mit dem Weltfrieden beschäftigen. Stattdessen spielte er unter dem Tisch Online-Poker auf seinem Handy. Er wurde erwischt. Sein Kommentar auf Twitter: »Das Schlimmste war: Ich hab verloren!« Allerorten treibt der Umgang mit den Smartphones skurrile Blüten: In den USA gibt es heute schon mehr Verkehrstote durch Handys als durch Alkohol am Steuer. Um Unfälle zu vermeiden, warnt die kalifornische Stadt Hayward ihre Bürger auf Verkehrsschildern: Kopf hoch! Straße überqueren. Dann Facebook aktualisieren. Noch konsequenter ist China: Chongquing ist die erste Stadt der Welt mit einem gesonderten Gehweg für Smartphone-Nutzer – so will man ihre Kollisionen mit anderen Fußgängern vermeiden. Und weil wir alle ständig mit gesenktem Kopf unser Smartphone betrachten, macht bereits die Rede von einer neuen Volkskrankheit die Runde: dem »Handynacken«, der uns mit Verspannungen und Deformationen der Halswirbelsäule einen veritablen Haltungsschaden einbringt. In Italien wird in 40 Prozent der Scheidungen als Grund WhatsApp angegeben. Inder können eine Ehe bereits per SMS beenden. Und das Handy ist für erste Todesfälle verantwortlich: In der Nähe von Bonn starb eine Studentin, weil sie telefonierend vor eine herannahende Straßenbahn gelaufen war.
Dies alles ist nur die Spitze eines Eisberges. Schauen Sie sich um: In der Bahn, im Café, im Büro, im Gehen wie im Stehen, jeder beugt sich ständig über seinen kleinen elektronischen Begleiter. Seit Neuestem hat dieses Phänomen auch einen Namen: »Smartphone-Zombies«.
Ist es noch normal, wenn wir im Restaurant auf dem Handy texten, anstatt uns mit unserem Gegenüber am Tisch zu unterhalten? Wie effektiv sind wir bei der Arbeit, wenn wir ständig Mails und Onlinenews checken? Ist es in Ordnung, unsere Kinder auf Reisen oder im Restaurant mit dem Smartphone oder Tablet zu unterhalten – oder sollten wir sie lieber davon fernhalten? Und was bedeutet es für unsere Familien, wenn alle unentwegt auf ihr Handy starren, anstatt miteinander zu reden oder gar gemeinsam etwas zu unternehmen?
Als ich mir diese Fragen zum ersten Mal stellte, gab es wenige Daten und Erkenntnisse über das Verhalten von Handynutzern. Für einen Wissenschaftler wie mich ein unbefriedigender Zustand.
2009 trat ich eine Juniorprofessur an der Universität Bonn an, bei der ich das Feld der Datenbanken und Suchmaschinen erforschen sollte. So stand es jedenfalls in meinem Arbeitsvertrag. Doch angesichts dessen, was ich täglich auf den Straßen, in Cafés und Straßenbahnen beobachtete, dachte ich immer häufiger über unsere Smartphone-Nutzung nach. Wie und wie häufig werden diese Geräte genutzt und wann? Was kann man aus diesem Gebrauch ableiten? Und vor allem: Welche Folgen könnte die Nutzung für uns alle haben?
Und so tat ich, was schon unzählige Wissenschaftler vor mir getan hatten: Ich schmiss hin. Jedenfalls das alte Thema, um mich einem neuen zu widmen, das mir wirklich unter den Nägeln brannte: der Erforschung des Smartphone-Nutzerverhaltens.
2012 gründeten wir dazu an der Universität Bonn das »Menthal-Projekt« und entwickelten im Team eine App, die über längere Zeit aufzeichnet, was ein User mit seinem Smartphone wann, wie und wie lange tut. Hatten wir zunächst als reines Informatikprojekt begonnen, arbeiteten wir seit 2013 mit dem Psychologen Christian Montag zusammen. Die App ging im Januar 2014 online, mit einer kleinen Pressemitteilung.
Die Frage, mit der wir in einem kurzen Video auf die App aufmerksam machten, lautete: »Haben Sie die Kontrolle über Ihr Smartphone? Oder kontrolliert Ihr Smartphone Sie?«
Damit trafen wir den Nerv der Zeit. Als die Presse zum ersten Mal über unser Projekt berichtete, explodierten die Downloadzahlen unserer App über Nacht geradezu und brachten die Server wochenlang an ihre Belastungsgrenzen. Wir hatten offensichtlich die Sorgen einer ganzen Nation angesprochen. Die Nutzer hatten sich massenhaft mit Geräten eingedeckt, die ihren Lebenswandel veränderten, und nun fragten sie sich, ob das, was mit ihnen geschieht, noch normal ist.
Die Resonanz ist überwältigend: Bis heute haben über 300000 Teilnehmer das Programm auf ihr Handy geladen. Und noch immer kommen täglich weitere hinzu.
Durch unsere App haben die Handybesitzer erstmals die Möglichkeit, ihr Unbehagen über das eigene Nutzerverhalten konkret zu überprüfen. Sie erfahren genau, wann und wie sie ihr Telefon nutzen. Unsere App ist also eine Art digitale Waage, die ihnen verrät, wie »fett« sie in ihrem Smartphone-Verhalten sind. Sie können dann selbst einschätzen, ob es ihnen zu viel ist, und daraus Konsequenzen ziehen. Diese Veränderung im Verhalten können sie wiederum über die App kontrollieren.
Als Wissenschaftler haben wir auf diesem Weg einen unschätzbar wertvollen – und anonymisierten – Einblick in den Smartphone-Gebrauch einer extrem großen Menschenmenge erhalten. Bislang konnten wir aus diesem riesigen Zahlenfundus das Verhalten von über 60000 Handybesitzern analysieren.
Zuvor gab es nur Vermutungen darüber, wie die Smartphones unseren Alltag verändern. Durch das Menthal-Projekt verfügen wir nun erstmals über einen gigantischen Datenschatz mit belastbaren, realen Zahlen, die uns verraten, welchen Einfluss das Smartphone wirklich auf unser Leben hat.
Das Ergebnis ist erschreckend. Die Auswertung der Daten zeigt, dass unsere Handynutzung ein abnormes Ausmaß erreicht hat – mit gravierenden Folgen für jeden Einzelnen und für die gesamte Gesellschaft:
Wir schalten den Bildschirm unseres Smartphones durchschnittlich 88 Mal am Tag ein. 35 Mal davon schauen wir nur auf die Uhr oder sehen nach, ob eine Nachricht eingegangen ist – eine geringfügige Unterbrechung. Doch die restlichen 53 Mal entsperren wir tatsächlich das Handy, um mit ihm zu interagieren, also E-Mails zu schreiben, Apps zu benutzen oder zu surfen. Davon ausgehend, dass wir acht Stunden schlafen und 16 Stunden wach sind, unterbrechen wir also alle 18 Minuten die Tätigkeit, mit der wir gerade beschäftigt sind, um uns mit dem Smartphone zu befassen. Die 25 Prozent der Menschen, die ihr Handy besonders häufig nutzen, sehen sogar alle 14 Minuten darauf.
Dieses Verhalten ist kein exklusiver Tick der Jugend, wie gerne angenommen wird. Es zieht sich unabhängig vom Bildungsstand quer durch alle Altersgruppen und alle sozialen Schichten – auch wenn sich zeigt, dass in der jüngeren Zielgruppe mehr Menschen zu einer noch häufigeren Smartphone-Nutzung tendieren. Im Mittel schalten die 17- bis 25-jährigen Teilnehmer unserer Studie den Screen ihres Smartphones täglich 100 Mal ein und nutzen es davon 60 Mal intensiv, für insgesamt drei Stunden.
Der Durchschnittsnutzer verbringt zweieinhalb Stunden am Tag mit seinem Handy. Die geringste Zeit davon nutzen wir es wirklich zum Telefonieren, nämlich nur noch sieben Minuten am Tag – was zeigt, dass das Smartphone längst kein reines Telefon mehr ist, sondern ein portabler Computer mit permanentem Internetzugang, den wir in der Hosentasche herumtragen.
Überraschenderweise sind es nicht die kleinen Alltagshelfer, mit denen wir alle unsere Smartphone-Nutzung gerne rechtfertigen, die uns immer wieder einschalten lassen – also Apps zum Ticketkauf in der Straßenbahn, zum Onlinebanking, zum Carsharing, zur Navigation oder zur Wettervorhersage. Auf solche Programme entfällt nur ein Bruchteil unserer Nutzung, keine zehn Minuten. Den Großteil der Zeit verbringen wir mit Social Media wie Facebook, Messengern wie WhatsApp und Spielen. Unsere ersten Analysen ergaben 35 Minuten am Tag bei WhatsApp, 15 Minuten bei Facebook, fünf Minuten bei Instagram und fast eine weitere halbe Stunde mit Spielen.
Eine solch exzessive Nutzung unserer Smartphones ist nicht normal. Die Frage ist daher: Warum tun wir das?
Seit Apple vor gut acht Jahren das erste iPhone auf den Markt gebracht hat, haben die Smartphones unser Leben und unseren Alltag rasant verändert. Sie sind daraus nicht mehr wegzudenken. Über 46 Millionen Deutsche besitzen ein Smartphone, weltweit sind es sogar etwa zwei Milliarden Menschen, die einen Mobilfunkanschluss haben. Tendenz steigend.
Wir haben die neue Technik vom ersten Tag an umarmt, weil ihre Vorteile auf der Hand liegen. Die Smartphones haben vieles einfacher, vieles schneller, vieles billiger gemacht – und ohne sie wären wir inzwischen im Alltag wohl häufig aufgeschmissen: Sie lotsen uns durch fremde Städte und ersparen das Suchen in fummeligen Straßenkarten. Fragen wie: Wo finde ich den nächsten Bankautomaten? Wann ist mein Termin beim Zahnarzt? Wann kommt die nächste Bahn? Hat das Restaurant gute Bewertungen?, beantwortet der kleine allwissende Automat im Nu.
Die Smartphones haben aber nicht nur die Art, wie wir leben, verändert. Sie haben auch uns als Menschen verändert: Wir sind zum »Homo Digitalis« geworden.
Als digitale Menschen sind wir wie durch eine unsichtbare Nabelschnur mit dem Smartphone verbunden. Wir nehmen unsere Welt durch einen oder mehrere Bildschirme hindurch wahr, sind immer online. Was wir dort sehen, ist nicht mehr imaginär oder Virtual Reality, es ist unsere Realität.
So bilden wir einen Großteil unserer Funktionen und unseres Daseins über die Smartphones ab: unsere Kommunikation, unsere Arbeit, unsere Einkäufe, unsere Mobilität, aber auch unsere soziale Teilhabe. Wir treffen Freunde auf Facebook, tauschen den neuesten Klatsch und Tratsch auf WhatsApp aus, verabreden uns zum Sex auf Tinder und zeigen allen unsere Lieblingsfotos auf Instagram.
Die Chancen und Möglichkeiten, die sich uns durch diese neue Lebensweise und die digitale Technik eröffnen, sind gigantisch, der Fortschritt nicht wegzudiskutieren und unwiderruflich.
Verständlich also, dass das Smartphone so schnell zu einem festen Bestandteil unserer täglichen Handlungen geworden ist. Dennoch drängen sich die Fragen auf: Welche Auswirkungen hat das auf unser Leben? Inwieweit verändert es unsere geistigen Fähigkeiten und unser soziales Verhalten? Und ist unsere exzessive Smartphone-Nutzung gefährlich?
Die Langzeitfolgen der technischen Entwicklung und unserer vehementen Nutzung kann man derzeit nur erahnen. Sicher ist aber, dass sich bereits heute deutliche Folgen für unsere Gesundheit abzeichnen.
Und diese sind enorm.
Von unserer exzessiven Smartphone-Nutzung ist vor allem unser heute wichtigster Rohstoff betroffen: unser Geist. Wir leben in einer Wissensgesellschaft. Reine Produktionsjobs, bei denen ein Großteil der Arbeit mit Muskelkraft getan wird, haben wir entweder ins Ausland verlagert oder automatisiert. Die Mehrheit von uns verdient ihr Geld mit dem Kopf. Mentale Gesundheit ist also die Grundlage für unsere Produktivität und darüber hinaus natürlich auch für unsere Freundschaften, unsere Familien, unsere persönliche Zufriedenheit und damit unser allgemeines Lebensglück.
Millionen Nutzer sind nun aber dabei, sich mit ihrem Smartphone ein Verhalten anzutrainieren, das ihre geistige Leistungsfähigkeit mindert. Sie verbringen nicht nur rund zweieinhalb Stunden ihrer Lebenszeit am Tag mit dem Handy, wie das Ergebnis unserer Menthal-Studie zeigt. Viel schlimmer ist, dass sie jede Tätigkeit alle 18 Minuten unterbrechen, um ihr Smartphone zu benutzen.
Wer im Büro beispielsweise mit einer komplexen Kalkulation befasst ist oder in einem längeren Text einzelne Informationen zu einem Gesamtbild formen will, wird mit Sicherheit Fehler machen und die komplexe Materie, mit der er befasst ist, nie in Gänze durchdringen, wenn er alle paar Minuten aus seinen Gedanken gerissen wird. Ebenso werden wir uns im Restaurant nie wirklich auf das Gespräch mit unserem Gegenüber einlassen können, wenn wir immer wieder eingehende Nachrichten auf dem Smartphone beantworten – was der Gesprächspartner vor Ort darüber hinaus als ziemlich unhöflich empfinden dürfte und woraufhin uns schlimmstenfalls die Freundschaft aufkündigt wird. Und wer beim Spielen mit seinen Kindern Nachrichten und Börsenkurse auf dem Handy überprüfen muss, wird beim Nachwuchs zu Recht den Eindruck vermitteln, dass er sich nicht die Bohne um ihn schert – womit nicht nur der Familiensegen, sondern auch die Kinderpsyche einen ziemlichen Knacks bekommen dürfte.
Diese digitale Daueralarmbereitschaft überfordert unsere kognitiven, psychischen und sozialen Fähigkeiten und gefährdet damit sowohl unsere Jobs als auch unsere Beziehungen zu Freunden und Familie.
Was daraus entsteht, ist ein psychosoziales Beben, das uns in eine kollektive Verhaltensstörung führt, die ich den »Digitalen Burnout« nenne. Er resultiert aus übermäßiger emotionaler und psychischer Anstrengung. Als Homo Digitalis erleben wir damit die negativen Nebenwirkungen der digitalen Revolution, also der vollständigen und permanenten Vernetzung unserer Welt, unseres Alltags und unseres Geistes mit dem Internet. Mit den Smartphones hat dies eine neue Stufe erreicht.
Der Digitale Burnout ist ein Zustand, in dem unsere massive Smartphone-Nutzung zu einer unmittelbaren Störung unserer Produktivität und einem Verlust an Lebensglück führt. Beides zusammen macht uns langfristig krank. Wir erleben einen geistigen Erschöpfungszustand, der vergleichbar ist mit dem Burnout, den ein Workaholic erleidet.
Die permanenten Unterbrechungen durch unsere Smartphones haben zu einer totalen Fragmentierung unseres Alltags, unserer Arbeit und unserer Freizeit geführt. Die Folge ist, dass neben der Tätigkeit, mit der wir uns eigentlich befassen wollen, eine Vielzahl weiterer Aufgaben und Informationen auf uns einprasselt, die bearbeitet und verarbeitet werden wollen.
In bester Absicht versuchen wir das Unmögliche, nämlich so viele Aufgaben wie möglich zu erledigen und alles gleichzeitig zu machen. Wir chatten, mailen, posten und twittern mit großer Geschwindigkeit und hoher Frequenz, können die Menge an Informationen und Konversationen, die es zu verarbeiten gilt, nie in Gänze erfassen. Wie ein Workaholic bürden wir uns eine Unmenge an Aufgaben auf und muten unserem Gehirn zu viel zu – was uns sehr unzufrieden macht, da wir das Gefühl haben, gar nichts mehr richtig zu erledigen, immer hinterherzuhecheln.
Durch die vielen Unterbrechungen verlernen wir auch, uns auf eine einzige Sache zu konzentrieren und mit voller Energie bei dem zu bleiben, was wir eigentlich tun wollen. Wir fühlen uns langfristig matt und müde, weil wir zerstreut sind und unsere Aufmerksamkeit sich verselbständigt und sich wie ein Schwarm mentaler Schmetterlinge jeder neuen Blüte zuwendet, die gerade am Wegesrand steht.
Unser Geist bräuchte von dieser Strapaze dringend eine Pause. Doch durch die Smartphones haben wir uns diese Möglichkeit selbst genommen. Wir haben uns in einen Zustand des immerwährenden »On« begeben, in dem es praktisch unmöglich scheint, zwischendurch abzuschalten – sowohl unser Handy als auch unseren Geist.
Das Gefühl, dass das nicht gesund sein kann, beschleicht offenbar viele von uns, trotzdem üben wir uns mit unseren Smartphones weiter in Unachtsamkeit: Wir begeben uns in einen Zustand der immer kürzeren Sinneinheiten, der pausenlosen Unterbrechungen und des ständigen Abgelenktseins. Diese antrainierte Aufmerksamkeitsstörung treibt uns kurzfristig an die Grenzen unserer geistigen Belastbarkeit und langfristig weit darüber hinaus. Sie behindert damit aber nicht nur unsere Produktivität, sondern zerstört unser gesamtes Lebensglück.
Am Ende steht der Digitale Burnout: Unsere Schaffenskraft ist ermattet, unser Geist erschöpft – ein Zustand, in dem sowohl Produktivität als auch Glück weitestgehend ausgeschlossen sind.
Kritisch sind für uns alle aber besonders die Verhaltensstörungen, die vor dem kompletten Zusammenbruch eintreten, da sie bereits heute unser Handeln, unsere Gesundheit und unser Wohlbefinden beeinträchtigen.
Da wir im Begriff sind, eine kollektive Funktionsstörung zu erleiden, ist der Digitale Burnout nicht nur ein Problem für jeden Einzelnen von uns, sondern stellt unsere gesamte Gesellschaft vor eine gigantische Herausforderung.
Warum hören wir nicht einfach auf, uns selbst mit den Smartphones auf den Geist zu gehen? Weil das nicht so einfach ist. Entgegen unserer persönlichen Wahrnehmung ist unser exzessives Nutzungsverhalten nämlich in den wenigsten Fällen eine absichtliche Entscheidung. Die Strukturen der Interaktion und die Algorithmen, auf denen die meisten Apps basieren, sprechen bei uns unterbewusste Automatismen an, die uns instinktiv zu einer Handlung verleiten.
Um zu verstehen, was mit uns geschieht, und um unser Verhalten zu unseren Gunsten zu verändern und dem Digitalen Burnout zu entgehen, müssen wir die Mechanismen durchschauen, die in der digitalen Welt auf uns einwirken.
Und zwar jetzt. Die Smartphones sind nur eine Momentaufnahme der technischen Möglichkeiten und ein Vorgeschmack auf die Zukunft der Digitalisierung. Sie sind die ersten Geräte, die Kommunikation jederzeit und an jedem Ort möglich machen, die die Grenzen zwischen Arbeit und Privatleben aufheben und die das unendliche Warenregal und Unterhaltungsangebot des Internets permanent verfügbar machen. Ihre Nachfolger stehen bereits in den Startlöchern: Wearables wie Datenbrillen und Smartwatches sollen uns noch enger mit dem Internet verbinden. Sie werden unsere Aufmerksamkeit noch stärker an sich binden und weiter fragmentieren.
Was das konkret für unser Leben, unsere Gesundheit und unsere Freiheit bedeuten wird, können wir derzeit noch nicht einmal ansatzweise abschätzen. Sicher ist nur, dass wir vor einer Zeit dramatischer Umbrüche stehen, in denen der technische Wandel unser Leben völlig verändern wird. Und das mit rasanter Geschwindigkeit.
Wie Alvin Toffler bereits in den Siebzigerjahren in seinem Buch Der Zukunftsschock beschrieb, hat die Computerevolution einen ständigen, rapiden Wandel mit sich gebracht. Dem Mooreschen Gesetz zufolge, einer Faustformel, die vom Intel-Mitbegründer Gordon Moore geprägt wurde, verdoppelt sich die Rechenleistung unserer Computer etwa alle 18 Monate – bei sinkenden Kosten. Das führt zu einem exponentiellen Wachstum und einem rasanten technischen Fortschritt, der unsere Welt in immer kürzeren Intervallen verändert.
Denken Sie zum Beispiel daran, wie sich die Art verändert hat, wie wir Musik hören – vor allem, in welchem Abstand die jeweiligen Neuerungen aufgetreten sind: Zwischen der Markteinführung von Grammophon und Schallplatte 1889 und der Verbreitung ihres Nachfolgermediums, der Kompaktkassette in den Fünfzigern, vergingen ganze sechzig Jahre. Bis in den Achtzigerjahren dann die Compact Disc ihren Siegeszug antrat, dauerte es nur noch die Hälfte der Zeit, nämlich rund dreißig Jahre. Ihre Ablösung durch die ersten MP3-Player und Musikdownloads fand bereits gute 15 Jahre später statt, Mitte der Neunziger – wobei die meisten Nutzer sich in den Anfangsjahren noch bei illegalen Plattformen wie Napster bedienten. Keine fünf Jahre später machte dann die Kombination aus iPod und iTunes den MP3-Markt endgültig zum Massengeschäft – das allerdings wiederum gerade mal fünf Jahre später von Streamingangeboten wie Spotify wieder in Frage gestellt wird.
Ähnliche Beobachtungen können Sie zum Beispiel im Bereich Film (Video, DVD, Blu-ray, Download, Stream) oder in der Fotografie (Filmrolle und Entwicklung im Labor, Digicam und Print-on-Demand, Handyfotos und Fotostreams) machen. Und natürlich bei Smartphones – die nach ersten, wenig alltagstauglichen Gehversuchen inzwischen die Rechenleistung von Supercomputern aus den Siebziger- oder Achtzigerjahren übertreffen.
Jede dieser Entwicklungen betrifft für sich genommen lediglich einen Teilbereich unseres täglichen Lebens. Doch viele dieser Prozesse treten parallel auf und beschleunigen sich ebenfalls parallel. So wird es immer schwieriger, mit dem raschen Wandel mitzuhalten. Da sich unser Umfeld alle fünf Jahre verändert, müssen wir in kurzen Zeiträumen immer wieder völlig neue Erfahrungen sammeln und Kulturtechniken entwickeln, um uns in der sich wandelnden Welt zu bewegen und mit ihren Möglichkeiten umzugehen. Das setzt uns unter Leistungsdruck und gibt uns das Gefühl, nie den Anforderungen gerecht zu werden.
Wir befinden uns mitten in einem gesamtgesellschaftlichen Experiment mit offenem Ausgang – und wir müssen dringend diskutieren, wie wir in Zukunft leben wollen. Am Beispiel der Smartphones können wir nicht nur überlegen, wie wir uns aktuell vor dem Digitalen Burnout schützen, sondern auch, wie wir in Zukunft negative Nebenwirkungen der technischen Entwicklung verhindern.
Im ersten Teil des Buches geht es deshalb darum, welche unbewussten Prozesse dazu führen, dass wir unser Smartphone öfter einschalten, als uns eigentlich lieb ist. Warum lassen wir zu, dass wir ständig in unserer Aufmerksamkeit und unserer Produktivität gestört werden – und warum üben Handys überhaupt eine so große Anziehungskraft auf uns aus?
Wichtig ist zu sehen, welches Suchtpotenzial Smartphones haben und wie sie uns langfristig krank machen, wie sie unsere Wahrnehmung, unsere Entscheidungen und unser Denken beeinflussen. Ist es zum Beispiel gut, dass wir mit ihnen jede Lücke unseres Tages füllen können – ob an der Bushaltestelle oder im Wartezimmer? Im Grunde haben wir mit den neuen Handys die Langeweile völlig aus unserem Leben verbannt. Aber ist dies wahrhaft wünschenswert, oder erfüllt diese vielleicht einen Zweck?
Zudem wird es darum gehen, wie eine völlig neue Ökonomie um unsere Aufmerksamkeit entstanden ist – und wie Hardwarehersteller und Softwareentwickler gezielt Schwächen in unserem angeborenen Verhalten und in unseren Instinkten ausnutzen, um uns an ihre Produkte zu binden.
Der zweite Teil des Buches dreht sich darum, wie wir des Problems Herr werden könnten. Immerhin spüren viele Menschen unterbewusst, dass etwas nicht stimmt, und suchen nach Lösungen. Diese sehen bisweilen sehr unterschiedlich aus, weil wir meinen, nichts zu haben, an dem wir uns orientieren können. Dabei ist der Prozess, den wir durchmachen, kein neuartiger. Um dies zu demonstrieren, gehen wir zurück in die Zeit der industriellen Revolution, die viele Parallelen zur digitalen Revolution aufweist, und schauen uns an, was wir aus den Fehlern der Vergangenheit lernen können.
Welche Lösung auch für einen selbst in Frage kommen mag, eins ist wohl unbestritten: Der Handykonsum darf nicht unser Leben bestimmen. Die Zahl derer, die dieses Problem erkannt haben, wächst. Als der New Yorker Radiosender WNYC2014 die Serie Bored and Brilliant startete, eine Smartphone-Diät in sechs Lektionen, konnte sich die Redaktion vor Anfragen kaum retten. Binnen weniger Tage schrieben sich über 18500 Teilnehmer aus den USA und anderen Ländern für das Projekt ein. Aus demselben Grund ist »Digital Detox«, eine digitale Entgiftungskur, bei der man freiwillig auf sein Smartphone und die ständige Verbindung zum Netz verzichtet, im Silicon Valley das Schlagwort der Stunde – die Frage ist nicht mehr, was wir noch alles mit unserem Smartphone anstellen können, sondern ob weniger nicht vielleicht mehr ist. Ein Trend, der längst auch Deutschland erreicht hat. In einer Umfrage von YouGov gaben bereits 13 Prozent der Befragten an, dass sie in der Fastenzeit freiwillig eine Handyabstinenz einlegen – was damit noch beliebter ist als der freiwillige Verzicht auf Fernsehen oder Sex.
Eine andere Chance liegt darin, die Geräte zukünftig stärker dem Leistungs- und Fassungsvermögen ihrer Nutzer anzupassen. Was sollten also die Handys der nächsten Generation können, um uns das Leben wirklich zu erleichtern? Die Frage wäre dann nicht mehr, welche Auflösung die neue eingebaute Kamera hat, wie viel interner Speicher zur Verfügung steht oder ob das Gerät auch noch mit dem Adapter des Vorgängers aufgeladen werden kann. Wesentlicher wäre dann zum Beispiel, ob das Smartphone den Nutzer dabei unterstützt, sich auf seine Aufgaben zu konzentrieren, und ihn vor ungebetenen Unterbrechungen schützt.
Letztlich ist das gesellschaftliche Problem auch eines der Unternehmen: Etliche Firmen arbeiten mit viel Energie an Lösungen, um die Effizienz ihrer Mitarbeiter wieder zu steigern – und es scheint, sie stochern dabei im Dunkeln. Manche Firmen nehmen ihre Angestellten an die kurze Leine und verbieten zum Beispiel die Beantwortung von E-Mails nach Dienstschluss, andere wiederum lassen ihrem Personal völlig freie Hand, wann und wo es arbeiten und kommunizieren will. Zwei Extreme – aber wer hat recht? Wichtig ist hier vor allem die Frage: Worauf sollten Unternehmen ihren Blick noch lenken, wenn sie für die Zukunft der Digitalisierung gerüstet sein wollen?
Vor der größten Herausforderung stehen allerdings in jeder Hinsicht unsere Kinder. Wir erleben schon jetzt eine Generation, die den Zustand offline nicht mehr kennt. Dabei sollten wir uns nicht der Illusion hingeben, dass sie als »Digital Natives«, also als Menschen, die mit allerlei digitalen Geräten aufwachsen, gut für die Zukunft gerüstet seien. Da sich unser technisches Umfeld alle paar Jahre komplett verändert und erneuert – man denke allein daran, dass es auch die Smartphones erst seit wenigen Jahren gibt –, sind ihre heutigen Erfahrungen schon in wenigen Jahren nichts mehr wert. Es gibt also keine »digitalen Ureinwohner«. Ist hier eine ganze Generation geschlossen auf dem Weg in den Digitalen Burnout? Wie sehen adäquate Schulkonzepte aus, wie sollten wir als Eltern und Lehrer unsere Kinder auf die Tücken der neuen Technik vorbereiten?
Die zentrale Herausforderung des 21. Jahrhunderts ist, die menschliche Psyche im Umgang mit digitalen Geräten zu retten. Doch dazu müssen wir verstehen, was da eigentlich mit uns geschieht – am Beispiel des jüngsten technologischen Quantensprungs, der uns alle in seinen Bann gezogen hat: der Smartphones.
Wie konnte es dazu kommen, dass diese Geräte innerhalb weniger Jahre mit solcher Macht in die Mitte der Gesellschaft vorgedrungen sind? Warum können wir nicht mehr davon ablassen und meinen, nicht mehr ohne sie leben zu können?
Warum Smartphones uns abhängig machen
Mein iPhone machte mich unruhig. Ich konnte es in meiner Tasche fühlen, als ob es mich rief, so wie der Ring Bilbo Beutlin rief. Es lenkte mich von meinen Kindern ab. Es lenkte mich von meiner Frau ab. Es lenkte mich zu jeder Zeit, an jedem Ort ab. Ich besaß einfach nicht genügend Willenskraft, um E-Mail und Twitter und Instagram und das ganze Internet zu ignorieren. Die Unendlichkeit in meiner Tasche war zu viel für mich.
Jake Knapp, Produktdesigner für Google Ventures
