Digitalisierung - Oliver Bertsche - E-Book

Digitalisierung E-Book

Oliver Bertsche

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Beschreibung

Seit den 1980er Jahren ist ein Prozess im Gang, der für die Gesellschaft so umfassend ist wie kaum ein anderer zuvor: die Digitalisierung. Betrafen frühere technologische Neuerungen meist nur spezifische Bereiche, erweisen sich die gesellschaftlichen Auswirkungen der Digitalisierung als ungemein breitenwirksam. Das betrifft auch die Soziale Arbeit. Dieses Buch bietet einen Überblick über die zentralen sozialwissenschaftlichen Diskurse und analysiert die Folgen der Digitalisierung für die Soziale Arbeit. Dabei werden die Exklusionsrisiken der Digitalisierung für deren Adressatinnen und Adressaten herausgestellt, ohne die Chancen dieses technologischen Umbruchs zu vernachlässigen. Abschließend wird gezeigt, wie sich Soziale Arbeit durch Digitalisierung wandelt und welche neuen Fragen bezüglich der Kommunikation, Prognostik und Berufsethik entstehen.

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Seitenzahl: 279

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Inhalt

Cover

Titelei

Zur Reihe »Soziale Arbeit in der Gesellschaft«

Vorwort

1 Digitalisierung – Annäherungen an ein komplexes Phänomen, oder: Zur Interdependenz von Technik und Gesellschaft

1.1 Digitalisierung und soziale Praxis – Zeitdiagnosen der soziotechnischen Entwicklung

1.2 Digitalisierung als Technologie, oder: Zur Ambivalenz des Fortschritts

1.3 Digitalisierung und politische Regulierung, oder: Zur sozialen Integration der Digitalisierung in Politik, Medizin und Kultur

1.4 Digitalisierung in Arbeitswelt und Wissenschaft, oder: Über die Macht der Plattformen, den Aufstieg der Roboter und das Ende der Theorie

2 Ausgewählte Digitalisierungsdiskurse

2.1 Armin Nassehi: Muster – Theorie der digitalen Gesellschaft

2.1.1 Funktion

2.1.2 Struktur, Form und Medium

2.1.3 Technik

2.1.4 Erhitzung

2.2 Christoph Kucklick: Granularisierung – Die drei digitalen Revolutionen

2.2.1 Die Differenzrevolution

2.2.2 Die Intelligenzrevolution

2.2.3 Die Kontrollrevolution

2.3 Andreas Reckwitz: Digitalisierung als Singularisierung

3 Die Folgen der Digitalisierung für die Soziale Arbeit

3.1 Digitalisierung und Exklusion

3.2 Digitalisierung und Professionsethik

3.3 Digitalisierung und Medienkonservatismus

4 Klientelbezogene Digitalisierungsrisiken

4.1 Die Digitale Kluft als Exklusionsrisiko

4.1.1 Digitale Kluft und vulnerable Gruppen

4.1.2 Digitale Kluft und Arbeitswelt

4.2 Die exzessive Mediennutzung als Exklusionsrisiko

4.2.1 Mediennutzung zwischen Alltagspraxis und Pathologisierung

4.2.2 Empirische Befunde

4.2.3 Hilfsangebote: Infrastruktur und Expertise

5 Die Digitalisierung in der Berufspraxis der Sozialen Arbeit

5.1 Digitale Kommunikation mit Klient*innen

5.1.1 Chatbots und Serious Games

5.1.2 Beratung und digitale Medien

5.1.3 Digitale Öffentlichkeitsarbeit sozialer Organisationen

5.2 Algorithmen und Prognosen

5.2.1 Grundbegriffe

5.2.2 Anwendungsgebiete in der Praxis

5.3 Berufspolitische Perspektiven

Zwischenruf anstelle eines Schlussworts

Literatur

Soziale Arbeit in der Gesellschaft

Die Reihe »Soziale Arbeit in der Gesellschaft« macht es sich zur Aufgabe, die gesellschaftlichen Themen aufzubereiten, die eine besondere Bedeutung für die Soziale Arbeit haben – vom Recht auf Unterstützung über Teilhabe bis hin zu sozialen Problemlagen wie Armut. Die einzelnen Bände liefern das Grund- und Orientierungswissen, das Studierende und Sozialarbeiter:innen benötigen, um eine professionelle Haltung zu entwickeln und ihren Adressat:innen auf Augenhöhe zu begegnen.

Eine Übersicht aller lieferbaren und im Buchhandel angekündigten Bände der Reihe finden Sie unter:

https://shop.kohlhammer.de/soziale-arbeit-in-der-gesellschaft.html

Die Autoren

Dr. Oliver Bertsche, Diplom-Pädagoge, ist seit 2016 Professor für Erziehungswissenschaft, Kinder- und Jugendhilfe und Sozialraumorientierung an der Technischen Hochschule Würzburg-Schweinfurt (THWS). Er lehrt in den Studiengängen der Sozialen Arbeit und leitet das Vertiefungsmodul Schulsozialarbeit. Seine Arbeitsschwerpunkte liegen in den Bereichen Digitalisierung, Professionalisierung und Praxistransfer.

Dr. Frank Como-Zipfel, Sozialarbeiter, Politikwissenschaftler und Kinder- & Jugendlichenpsychotherapeut, ist seit 2010 Professor für Sozialpädagogische Methoden an der Technischen Hochschule Würzburg-Schweinfurt. Er lehrt im Studiengang Soziale Arbeit und leitet dort das Vertiefungsmodul Soziale Arbeit mit psychisch kranken und suchtkranken Menschen. Seine Arbeitsschwerpunkte sind Methodenlehre, Professionsethik und Digitalisierung.

Oliver BertscheFrank Como-Zipfel

Digitalisierung

Herausforderungen und Handlungsansätze für die Soziale Arbeit

Verlag W. Kohlhammer

Dieses Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwendung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechts ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und für die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

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1. Auflage 2023

Alle Rechte vorbehalten© W. Kohlhammer GmbH, StuttgartGesamtherstellung: W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart

Print:ISBN 978-3-17-040464-9

E-Book-Formate:pdf:ISBN 978-3-17-040464-9epub:ISBN 978-3-17-040464-9

Zur Reihe »Soziale Arbeit in der Gesellschaft«

Unsere Gesellschaft wird immer mehr von inneren Spannungen geprägt: Armut, eingeschränkte Teilhabe, soziale Ungleichheit oder auch Rassismus und Gewalt sind nur einige Themen, die immer wieder hitzig diskutiert werden. In diesem Debattenklima ist es schwierig, zu einer faktenbasierten Bewertung dieser Problemlagen zu kommen, die einer sorgfältigen und nachprüfbaren theoretischen Begründung nicht entbehren. Gerade Sozialarbeiter*innen sind auf solche wissenschaftliche Analysen angewiesen – schließlich sind sie es, die täglich in ihrer Arbeitspraxis mit diesen Problemen und Debatten konfrontiert werden.

Solche Analysen bietet die Reihe »Soziale Arbeit in der Gesellschaft«. In klarer, verständlicher Sprache beantworten die einzelnen Bände für die Soziale Arbeit grundlegende Fragen: Welche Bedeutung haben die Problemlagen für die Gesellschaft und welche Herausforderungen sind damit für die Soziale Arbeit verbunden? In welchen Arbeitsfeldern der Sozialen Arbeit spielen sie eine Rolle? Welche Kompetenzen benötigen Sozialarbeiter*innen und wie können sie diese entwickeln? Und: Wie kann die Soziale Arbeit unterstützen, welche gesellschaftlichen Ziele verfolgt sie dabei und welche Handlungsansätze haben sich dafür bewährt oder müssen noch erarbeitet werden?

Die einzelnen Bände basieren auf einem breiten sozialwissenschaftlichen Fundament. Sie wollen dazu beitragen, Studierende und Fachkräfte der Sozialen Arbeit zu einer kritischen Auseinandersetzung mit einschlägigen Handlungsfeldern und Arbeitsansätzen einschließlich ihrer professionellen Haltung anzuregen.

Vorwort

Der durch den Beginn der Corona-Pandemie im Frühjahr 2020 ausgelöste gesundheitspolitische und gesamtgesellschaftliche Krisenmodus rückten diverse kommunikative und technologische Schwachstellen der staatlichen Administration in den Fokus der öffentlichen Wahrnehmung. Während zwischen den regionalen Gesundheitsämtern die aktuelle Datenlage über Infektionszahlen und Kontaktnachverfolgungen noch mit Hilfe von Fax-Geräten versandt wurde, entbrannten kontroverse öffentliche Debatten um Infektionsschutz und Datenschutz, um Tracking-Apps und kollektives Bewegungsmonitoring, um Homeoffice und Videokonferenzen, um Schulschließungen und Distanzunterricht, um digitale Impfpässe und Impfregister. Rasch wurde deutlich, dass die Digitalisierung des öffentlichen, beruflichen und privaten Lebens nicht nur eine Schlüsselrolle bei der konstruktiven Bewältigung der Krise spielen, sondern durch die Pandemie selbst eine nicht unwesentliche Beschleunigung und Transformation erfahren würde (Capgemini Research 2021).

Dieser plötzliche und unvorhergesehene Bedeutungszuwachs des Digitalen und der damit einhergehende rapide technologische Wandel wären ohne den äußeren Anlass der Krise sowie der auf soziale Distanzierung und Kontrolle ausgerichteten öffentlichen Maßnahmen zur Pandemiebekämpfung in dem nun eingeschlagenen Tempo kaum denkbar gewesen. Die damit einhergehenden Erschütterungen machen jedoch auch deutlich, was mit Blick auf die öffentliche Verwaltung in den Jahrzehnten zuvor teils sträflich vernachlässigt wurde. In nahezu allen Bereichen der Administration, des Schul- und Bildungswesens sowie in Teilen der Privatwirtschaft wurden mitunter eklatante Defizite im Bereich der digitalen Infrastruktur und barrierefreien Kommunikation augenfällig, zumal sich die Nutzung digitaler Medien bereits seit vielen Jahren als kommunikatives Standardprotokoll des gesellschaftlichen Alltags etabliert hat. Diese Entwicklung setzte bereits in den frühen 1980er Jahren mit der flächendeckenden Verbreitung des Computers im Privatleben und in der Arbeitswelt ein. Mit der Geburt des Internets durch die Freigabe des World Wide Web-Standardbrowsers libwww am 30. April 1993 erreichte diese Entwicklung einen weiteren Gipfelpunkt. Seit der Einführung von internetfähigen Mobilgeräten (Tablet-Computer, Smartphones u. a.) im Laufe der 2000er Jahre sind vor allem viele jüngere Nutzer*innen nun den ganzen Tag über online aktiv und erreichbar. Es bedarf keiner großen Anstrengung um zu erkennen, dass der digitale Wandel fortan eine Schlüsselfunktion in den verschiedensten gesellschaftlichen Bereichen einnehmen wird: in der Kommunikation, der Produktion, dem privatwirtschaftlichen Dienstleistungssektor, der öffentlichen Administration, der infrastrukturellen Planung, der Bildung, der Wissenschaft und dem Militär. So formulierte z. B. der Bundesverband Informationswirtschaft, Telekommunikation und neue Medien e. V. (Bitkom) im September 2020 zehn Thesen zur Sicherstellung der öffentlichen Handlungsfähigkeit angesichts des digitalen Wandels, in der die offenkundigen Schwachstellen und Barrieren benannt und konkrete Strategien zu deren Lösung formuliert werden. In deren Mittelpunkt stehen die konzertierte Modernisierung der Verwaltung, die Ermöglichung digitaler Demokratie sowie die Mobilisierung der Smart Country Deutschland (Bitkom 2020).

Die dynamischen Entwicklungen im Bereich der Digitalisierung haben auch vor der Sozialen Arbeit nicht haltgemacht. Ihre Handlungsfelder sind schon seit vielen Jahren keine technologiefreien Sphären mehr und der Einsatz digitaler Medien dort längst gängige Praxis. Entsprechend der gesamtgesellschaftlichen Perspektiven wird die Digitalisierung in den kommenden Jahren und Jahrzehnten jedoch eine noch umfassendere Bedeutung in der Sozialen Arbeit gewinnen – trotz einer verbreiteten berufspolitischen und professionsethischen Skepsis. In ihrer Theorie und Praxis fördert die Soziale Arbeit »gesellschaftliche Veränderungen, soziale Entwicklungen und den sozialen Zusammenhalt« (Deutscher Berufsverband für Soziale Arbeit 2016) während ihre zentrale Funktion »die Bearbeitung von gesellschaftlich und professionell als relevant angesehener Problemlagen« (Klüsche 1999, S. 17) ist. Das disziplinäre Selbstverständnis Sozialer Arbeit versteht sich daher, unter ausdrücklicher Berücksichtigung der Vielgestaltigkeit möglicher Zielgruppen und Handlungsformen, als »sozial gebündelte, reflexive wie tätige Antwort auf bestimmte Realitäten, die als sozial und kulturell problematisch bewertet werden« (Staub-Bernasconi 1991, S. 3). Insofern die Digitalisierung und die mit ihr einhergehenden sozialen Wandlungsprozesse als eine der drängenden gesellschaftlichen Herausforderungen der Gegenwart identifiziert sind, ist auch die Soziale Arbeit als Moderatorin sozialer Veränderungen in ihrem diesbezüglichen Handlungsauftrag ausdrücklich adressiert.

Die wachsende Bedeutung und Rezeption der Digitalisierung innerhalb der Sozialen Arbeit zeigt sich zudem in der Institutionalisierung dieses Themas. So wurde im Oktober 2020 die Fachgruppe »Soziale Arbeit und Digitalisierung« innerhalb der Deutschen Gesellschaft für Soziale Arbeit (DGSA) gegründet (Deutsche Gesellschaft für Soziale Arbeit 2020); daneben wurde 2021 in der Österreichischen Gesellschaft für Soziale Arbeit (OGSA) die Arbeitsgemeinschaft »Digitalisierung und Soziale Arbeit« neu organisiert (Österreichischen Gesellschaft für Soziale Arbeit 2021). Darüber hinaus widmete sich Europas größter Fachkongress der Kinder- und Jugendhilfe, der im Jahr 2021 online durchgeführte 17. Deutsche Kinder- und Jugendhilfetag (DJHT), umfassend der Bedeutung des digitalen Wandels. In seinem mehr als fünfzigjährigen Bestehen spiegeln die inhaltlichen Schwerpunktsetzungen des DJHT traditionell die wichtigsten brancheninternen Entwicklungen. Insofern verwundert es nicht, dass sich die Digitalisierung und der durch sie bewirkte Wandel auch als eines der innovativsten Themen der gegenwärtigen Jugendhilfe präsentierte: von »Kita digital« über »digitale Beteiligungschancen für Kinder und Jugendliche« und »Digividualpädagogik« bis zu »Künstlicher Intelligenz, Roboter und Virtual Reality« spannte sich ein vielseitig facettierter Themenbogen rund um das Thema Digitalisierung und die durch sie angestoßenen Transformationsprozesse im quantitativ größten Handlungsfeld der Sozialen Arbeit. Ein Großteil des im Jahr 2020 in kürzester Zeit vollzogenen Digitalisierungsschubs, insbesondere in sozialen und pädagogischen Berufsfeldern, war aus der Not geboren. Dies konfrontierte die dortigen Fachkräfte weitgehend unvermittelt mit Fragen der digitalen Infrastruktur und deren Finanzierung, des Schutzes von personenbezogenen Daten, den Aspekten der professionellen Handlungsfreiheit, der ethischen Rahmung des Einsatzes digitaler Technologien und nicht zuletzt mit der Qualifizierung und Kompetenzvermittlung für eine postdigitale »Kinder- und Jugendhilfe 4.0«, wie es eine der Leitveranstaltung der Arbeitsgemeinschaft für Kinder- und Jugendhilfe (AGJ) im Rahmen des dreitägigen Fachkongresses zur Diskussion stellte.

Da es offenen, modernen Gesellschaften oft schwerfällt, Herausforderungen und Krisen auch nur zu benennen, die richtigen Fragen zu stellen und geeignete Konsequenzen zu ziehen, lassen sich auch die durch die Digitalisierung angestoßenen Transformationen und Perturbationen als Dreh- und Angelpunkt einer gesamtgesellschaftlichen Orientierungskrise deuten. Die Corona-Krise erweist sich dabei als Katalysator der Digitalisierung und des durch sie ausgelösten Krisenmodus in allen gesellschaftlichen Funktionssystemen. Sie fordert auch von den in der Sozialen Arbeit tätigen Fachkräften die beständige Bereitschaft zu Flexibilität, Offenheit und Alterität, insbesondere mit Blick auf den durch den digitalen Wandel angestoßenen breitenwirksamen Ausbau im Bereich der Mensch-Technik-Interaktion, etwa im Rahmen des Einsatzes von digitalen Technologien wie z. B. digitaler Administration, Assistenzsystemen, Online-Beratung, Chatbots, Künstlicher Intelligenz (KI) und automatisierter Prognostik, digitaler Öffentlichkeitsarbeit sowie virtueller Realität.

Der sich abzeichnende Digitalisierungsschub in den Berufsfeldern der Sozialen Arbeit formuliert damit offene Fragen im Kontext der fachlichen Qualifizierung, der praxisbezogenen Aus- und Weiterbildung sowie der berufsethischen Sensibilisierung und Positionierung von Fachkräften in allen Handlungsfeldern und Funktionsbereichen der Sozialen Arbeit. Von der unmittelbaren Face-to-Face-Arbeit mit Klient*innen über die Organisation von sozialen Dienstleistungen und die Leitung von sozialen Institutionen bis hin zur sozialarbeitswissenschaftlichen Forschung muss stets der Blick auf die Konsequenzen des digitalen Wandels für die Fachlichkeit von Sozialarbeitenden und auf den Auftrag der Sozialen Arbeit geworfen werden. Der sich durch die Digitalisierung erweiternde Kompetenzrahmen für alle Fachkräfte wird seinerseits nicht nur eine neue professionelle Selbstvergewisserung, sondern in der Praxis auch eine sozialpädagogische Neujustierung des Verhältnisses von Mensch und Welt zur Folge haben. Dieses Verhältnis stellt sich im Kontext der Digitalität nämlich nicht mehr als objektiv gegebener und statisch definierbarer Erkenntnis- und Handlungsgegenstand dar, sondern wird sich zusehends pluralisieren, dynamisieren und flexibilisieren. Dieser Prozess mag zunächst als Irritation oder Disruption wahrgenommen werden, da er »Unbestimmtheitsfelder schafft« (Jörissen & Marotzki 2009, S. 20) und zwangsläufig auch traditionelle Steuerungslogiken und vermeintliche Wirkungsgarantien enttäuscht. Er ist aber auch in der Lage, ein Strukturmerkmal von Bildung freizulegen, das die hier grundgelegten Potenziale ausdrücklich anerkennt und vom »Spiel mit den Unbestimmtheiten [lebt]« (ebd., S. 21): die unlösbare Einheit von Freiheit und Verantwortung.

Das vorliegende Buch versucht sich dem Thema Digitalisierung aus zwei Blickwinkeln zu nähern. Der erste Teil widmet sich in fachlich integrativer Hinsicht einer Annäherung an das vielschichtige und schwer greifbare Phänomen der Digitalisierung sowie seiner gesellschaftlichen Folgen (▸ Kap. 1). Die so gewonnene Perspektive soll dann im zweiten Schritt anhand ausgewählter soziologischer Perspektiven theoretisch und konzeptionell vertieft werden (▸ Kap. 2). Im zweiten Teil werden ausgewählte praxisbezogene Perspektiven der Sozialen Arbeit behandelt (▸ Kap. 3, ▸ Kap.4, ▸ Kap. 5). Aufgrund der enormen Dynamiken, die den technologischen Prozessen und den gesellschaftlichen Folgen der Digitalisierung innewohnen und sich vor allem durch permanente Veränderungen, Erweiterungen, Modifikationen, Anpassungen und Revolutionen in hoher Geschwindigkeit zeigen, erheben wir natürlich nicht den Anspruch auf Vollständigkeit oder gar Abschließbarkeit. Auch wenn sich unser Buch seiner Vorläufigkeit bewusst ist, hat es jedoch den Anspruch, den interessierten Leser*innen eine fundierte Momentaufnahme sowie einen vertieften Lagebericht zu präsentieren und somit vielfältige Impulse für weitere fachliche Debatten, berufspolitische Diskussionen und professionsethische Reflexionen zu liefern.

Ein besonderer Dank gilt unseren beiden Kollegen von der Hochschule Würzburg-Schweinfurt, Herrn Dipl.-Sozpäd. Thomas Peters (Fakultät Angewandte Sozialwissenschaften) sowie Herrn Maximilian Kraus M. Sc. (Institut für Sozioinformatik) für ihre Durchsicht des Manuskripts und ihre fachkundigen Hinweise, Anregungen und Ratschläge.

Prof. Dr. Oliver Bertsche & Prof. Dr. Frank Como-Zipfel

1 Digitalisierung – Annäherungen an ein komplexes Phänomen, oder: Zur Interdependenz von Technik und Gesellschaft

Der Begriff Digitalisierung und die damit assoziierten Phänomene prägen ganz ohne Zweifel die gesellschaftlichen Gegenwartsdiskurse. Die weitreichenden Maßnahmen zur Eindämmung der Covid-19-Pandemie ab dem Frühjahr 2020, vordringlich die Einschränkung unmittelbarer zwischenmenschlicher Kontakte, die Begrenzung der physischen Bewegungsfreiheit, Distanzbeschulung und Homeoffice-Regelungen, haben auch dem*der letzten Skeptiker*in unmissverständlich klargemacht: Die Digitalisierung ist zu einer sozialen Realität geworden, und es ist an uns, die Formen und Normen ihrer praktischen Gestaltung zu definieren. Allein es fehlt an Konsens darüber, was unter Digitalisierung zu verstehen ist und wodurch sie sich auszeichnet. So kommt es denn auch, dass Vertreter*innen aus den unterschiedlichen gesellschaftlichen Subsystemen, der Politik, der Arbeitswelt, der Wirtschaft, dem Kultur-‍, Bildungs- und Gesundheitssystem etc. zwar allesamt von der Digitalisierung als einer technisch-rationalen Realität, einer individuellen, sozialen und beruflichen Herausforderung oder als einem Leitparadigma moderner Gesellschaften sprechen, damit aber alles Mögliche assoziieren und der Begriff deshalb Gefahr läuft, sich zu einer beliebig instrumentalisierbaren Worthülse zu verformen. Allerdings, so muss man selbstkritisch einräumen, stellt uns die Vielgestaltigkeit der mit der Digitalisierung assoziierbaren Phänomene und Manifestationen, von der Computerisierung und Mediatisierung über die Technologisierung und Vernetzung bis hin zur Algorithmisierung und Robotik, definitorisch vor eine kaum lösbare Aufgabe. So muss denn auch der Versuch, eine tragfähige Definition dieses »schillernden Phänomens« (Block u. a. 2022, S. 9) zu fassen, die alle diese Aspekte abzubilden und zu integrieren vermag, entweder bereits im Ansatz scheitern oder sich, den eigenen Anspruch gleichsam limitierend, auf ausdrücklich simplifizierende Aussagen beschränken.

Vor diesem Hintergrund schlägt etwa der Kognitionspsychologe Christian Stöcker vor, als Digitalisierung den technisch-operativen Basisprozess zu bezeichnen, der es erlaubt »Daten in ein Format zu überführen, mit dem Computer umgehen können. Dieses Format ist: »Strom an, Strom aus»« (Stöcker 2020, S. 99). Stöckers Definition verweist auf einen wesentlichen, letztlich irreduziblen Aspekt der Digitalisierung: ihre Technizität. Unterdessen lässt sie aber einen anderen nicht unwesentlichen Gesichtspunkt der Digitalisierung unberücksichtigt: ihre soziale Bedeutung. So kreist denn auch ein Großteil der öffentlich geführten Digitalisierungsdiskurse weniger um den Aspekt ihrer Technizität als um die gesellschaftspolitische Relevanz der Digitalisierung, insbesondere aber ihre sozialen und individuellen Wirkungen und damit einhergehenden Perturbationen, vor allem mit Blick auf die durch sie bewirkten oder beförderten Transformationen in nahezu allen Bereichen des öffentlichen Lebens: der Kommunikations- und Diskurskultur, im Bereich der Medien und des Journalismus, der Kultur, Bildung und Wissenschaft, auf der Ebene der Politik und des Regierungshandelns, der Infrastruktur und Umwelt, der Arbeitswelt und Verwaltung, des Gesundheitswesens und nicht zuletzt im Bereich der öffentlichen Sicherheit und Verteidigung. Anders formuliert: Die Digitalisierung »beeinflusst, wie wir lernen, arbeiten, kommunizieren, konsumieren und unsere Freizeit gestalten, kurz gesagt: wie wir im Alltag leben und wirken« (Müller-Brehm, Otto & Puntschuh 2020a, S. 4). Dieses vielschichtige Transformationspotenzial findet seine Entsprechung in einem polarisierten fachwissenschaftlichen und öffentlichen Diskurs, der zwischen überschwänglichen technikoptimistischen Utopien (z. B. Kurzweil 2013; Schmidt & Cohen 2013; Pentland 2014) und sich in Auflösungsnarrativen ergehenden Dystopien (z. B. Bostrom 2016; Han 2013, 2021; Spitzer 2012, 2020) oszilliert.

Annäherung an den Begriff »Digitalisierung«

Fest steht, dass die Digitalisierung im Sinne des technischen Fortschritts nicht selbstreferentiell und isoliert für sich selbst steht, sondern in vielfältige soziale Prozesse eingebunden und mit diesen verknüpft ist. Ihre funktionalen Prämissen, Botschaften und Gesetzmäßigkeiten sowie ihre übergreifenden sozioökonomischen Verflechtungen sind jedoch nicht immer und in jedem Fall unmittelbar einsehbar und müssen erst im Rahmen eines synthetisierenden sozial-‍, gesellschafts- und kommunikationswissenschaftlichen Diskurses identifiziert und anschließend auf einer politischen Ebene legitimiert werden.

Bereits dieser erste Versuch einer definitorischen Annäherung an den Begriff der Digitalisierung macht deutlich, dass wir es mit einem vielschichtigen und komplexen Diskurs zu tun haben, der sich aus miteinander verknüpften und in Interaktion stehenden Ebenen zusammensetzt: Mit einem hoch dynamischen technologischen Basisprozess korrespondiert ein vielgestaltiger gesellschaftlicher Aushandlungsprozess, der Grundfragen sowohl der individuellen Lebensführung als auch des gesellschaftlichen Zusammenlebens aufwirft und seinerseits Verfahren der ethischen, politischen und rechtlichen Regulierung provoziert, mit anderen Worten: Der Begriff Digitalisierung verweist auf eine komplexe und folgenreiche »sozio-technische Konstellation« (Block u. a. 2022, S. 7), die auf den unterschiedlichsten gesellschaftlichen Ebenen in vielgestaltiger Weise tiefgreifende soziale Veränderungen bewirkt.

1.1 Digitalisierung und soziale Praxis – Zeitdiagnosen der soziotechnischen Entwicklung

Dass sich die Digitalisierung ohne soziale Bezüge nicht adäquat erfassen lässt, ist nur vordergründig betrachtet eine triviale Erkenntnis, denn erst unter einer dezidiert gesellschaftstheoretischen bzw. kulturgeschichtlichen Perspektive lässt sich die wahre Gestalt der Digitalisierung erfassen: eine hoch komplexe, synthetisierende Form, in der das Technologische und Soziale wechselseitig aufeinander verweisen.

So gesehen gerät die Digitalisierung etwa in der von Andreas Reckwitz vorgeschlagenen Modellierung einer »Gesellschaft der Singularitäten« (Reckwitz 2017) zum Motor eines umfassenden Strukturwandels in der spätmodernen Gesellschaft, in der das Besondere, sowohl auf einer subjektiv-individuellen als auch auf einer objektiven Ebene, zu quasi paradigmatischer Form gerinnt.

In Armin Nassehis Theorie der digitalen Gesellschaft erweist sich das Digitale insofern als »einer der entscheidenden Selbstbezüge der Gesellschaft« (Nassehi 2019a, S. 29), als sich die Musterhaftigkeit und Komplexität der Gesellschaft, »die komplexe Regelmäßigkeit des Sozialen« (ebd., S. 56), selbst als Bezugsproblem der Digitalisierung erweist. Und dieses, so muss ergänzt werden, steht in keinem ursächlichen Zusammenhang mit dem Siegeszug moderner Digitaltechnik, sondern erreicht durch diesen vielmehr einen Punkt, an dem sich die tief im komplexen Gefüge moderner Gesellschaften angelegten funktionalen Struktur- und Ordnungsmuster in ihrer Digitalität entbergen.

Aus einer nicht unähnlichen Perspektive argumentiert die Philosophin Sybille Krämer, indem sie auf ein prozessuales Verständnis der Digitalisierung rekurriert, »das auf der Zerlegung eines Kontinuums beruht, die Codierbarkeit dieser Elemente einschließt und auf deren (Re-)‌Kombinierbarkeit zielt« (Krämer 2022, S. 10). Auf diese Weise gelingt es ihrem Argumentationsgang, das Digitale vom Computer zu lösen und unter Bezugnahme auf die Arbeiten von Gottfried W. Leibniz (1646 – 1716), Ada Lovelace (1815 – 1852) und Josephine Miles (1911 – 1985) »Keimformen des Digitalen« bereits in der alphanumerischen Schrift- und Buchkultur auszumachen.

Auch für den Kultur- und Medienwissenschaftler Felix Stalder steht fest, dass der gegenwärtig beobachtbare gesellschaftliche Transformationsprozess nicht in einem ursächlichen Zusammenhang mit technologischen Neuerungen wie der Verbreitung von Computern und dem Internet steht. Vielmehr beschreibt er in seinem Buch »Die Kultur der Digitalität« (2016) anschaulich, wie sich Mechanismen und Strukturen des Digitalen teilweise bis ins 19. Jahrhundert zurückverfolgen lassen und ihren Ursprung vor allem in Prozessen einer sich fortschreibenden gesellschaftlichen Pluralisierung finden. Hierzu zählt er neben Verschiebungen im Bereich der Arbeitswelt, insbesondere der schrittweisen Etablierung einer Wissensökonomie, auch Emanzipationsbestrebungen sozial marginalisierter Gruppen sowie einen generellen Kulturalisierungsschub. Da die sozial etablierten und tradierten Strukturen und Deutungsmuster diesen Entwicklungen vielfach nicht gewachsen sind, entwickeln Gesellschaften immer neue mediale Formen des kulturellen Ausdrucks, um den dynamischen Transformationen gewachsen zu sein. Folgerichtig identifiziert Stalder für den Gegenwartsdiskurs drei Formen der Digitalität: Referenzialität, Gemeinschaftlichkeit und Algorithmizität. Als bedeutsam gilt der Hinweis, dass die neuen Technologien »also auf bereits laufende gesellschaftliche Transformationsprozesse« (Stalder 2016, S. 21) treffen, für diese gleichsam eine kulturelle Infrastruktur schaffen und damit sukzessive ihren gesellschaftlichen Siegeszug befördern (ebd., S. 22). Dabei ist für Stalder Kultur wesenhaft Prozess und Dynamik, sie repräsentiert nicht nur eine wie auch immer geartete Deutungshoheit, sondern impliziert auch »Brüche, Differenzen, Diversität, Multiplizität und Aushandlungsprozesse, aus denen so etwas wie geteilte Bedeutung – also Kultur [...] – hervorgeht« (ebd., S. 54).

Aus einen spezifisch techniksoziologischen Perspektive, die vor allem die sozialen Folgen der technologischeren Errungenschaften in den Blick nimmt, widmet sich der Soziologe Steffen Mau den miteinander verknüpften Phänomenen Digitalisierung und Ökonomisierung. In seiner luzid geführten Analyse zeichnet er das Bild eines umfassenden gesellschaftlichen Transformationsprozesses, den er auf »den Ausbau der Technologien und Infrastrukturen zur Vermessung der Gesellschaft« (Mau 2017, S. 40) zurückführt. Der darin wirksame operative Modus der Quantifizierung und das darauf fußende Datenregime bewirken dabei nahezu unweigerlich die Deformation der Gesellschaft zu einer »datengetriebenen Prüf-‍, Kontroll- und Bewertungsgesellschaft« (ebd., S. 46), in der alles und jeder dem »Modus des Kalkulativen« (ebd., S. 40) unterzogen werde. Dabei komme es »zur Ausprägung einer neuartigen und tief in unsere sozialen Verhältnisse eingreifenden ›quantitativen Mentalität‹ [...], die Zahlen eine – fast auratisch zu nennende – Vorrangstellung beim Erkennen gesellschaftlicher Phänomene zuweist und [...] zu einem Sog der Zahlenhaftigkeit führt« (ebd., S. 25). Gleichzeitig erlauben die technologischen Errungenschaften eine sukzessive Emanzipation von räumlich-territorialen und mobilitätsbezogenen Begrenzungen (Mau 2021, S. 19), die die Einrichtung neuer Formen informationeller und biometrischer Kontrolle, sogenannte »›Smart Borders‹ [...] zur Überwachung von und Kontrolle an Grenzen« (ebd., S. 99) nach sich ziehen. Hierzu zählt er u. a. den Einsatz von Drohnen, Radaranlagen und mobiler Kameras sowie akustischer Sensoren und Wärmebildsysteme (ebd., S. 100). Die vermeintliche Entgrenzung der Welt durch digitale Kommunikations- und Informationsströme müsse demnach als Illusion enttarnt werden. Digitale Technologien erlauben nicht nur gänzlich neue und präzisere Formen des Grenzmanagements, »der territorialen Schließung, Mobilitätssteuerung und Kontrolle« (ebd., S. 154), sie entkräften durch ihre spezifische Selektivität auch »das partizipatorische Versprechen einer Globalisierung für alle« (ebd., S. 155). Grenzen werden auf diese Weise zu »Sortiermaschinen« für erwünschte und unerwünschte Formen der Mobilität und mithin von individuellen Freiheitsrechten.

Für den Soziologen und Kulturwissenschaftler Dirk Baecker hingegen erweist sich die Digitalisierung gesellschafts- und kulturgeschichtlich als prägendes Element einer vierten Medienpoche, die auf diejenigen der Mündlichkeit, der Schriftlichkeit und des Buchdrucks folgt (Baecker 2018, S. 10). In dieser Betrachtungsweise definieren sich Gesellschaften über ihr vorherrschendes »Verbreitungsmedium der Kommunikation« (Baecker 2013, S. 159; 2018, S. 32), das seinerseits struktur- und kulturbildende Dynamiken entfaltet und einen spezifischen »Überschusssinn« begründet, dessen kommunikativer Spielraum das je gekannte Maß überschreitet und nach einer Phase teils vehementer Ablehnung im Rahmen einer konstruktiven Wendung soziale Anpassungs- und Aushandlungsprozesse herausfordert. Die sich im Licht eines digitalen Kontrollüberschusses entwickelnde »nächste Gesellschaft« bzw. Gesellschaft »4.0« wird sich, folgt man der Einschätzung Baeckers, in Form einer »Medienkatastrophe« (Baecker 2013, S. 158; 2018, S. 29) und »ganz buchstäblich, nämlich im mathematischen Sinne eines Wechsels des Reproduktionsmodus eines Systems« (Baecker 2018, S. 29), als hoch komplexe, organische »Netzwerkgesellschaft« (Castells 2017) formieren (Baecker 2018, S. 35 ff.). Die damit einhergehende expansive Erweiterung von Lebens- und Handlungsspielräumen dürfe jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass Netzwerke über relationale, selektive und exklusive Strukturen verfügen, in die sich weder das inklusive Paradigma moderner, funktional differenzierter Gesellschaften integrieren noch die kulturelle Vorherrschaft menschlicher Vernunft behaupten lassen (Baecker 2019).

Aus einer medien- und kommunikationswissenschaftlichen Perspektive wiederum lässt sich die »Digitalisierung als aktuelle Ausprägung der Mediatisierung« (Beranek 2021, S. 9) beschreiben. Diese interdisziplinäre Forschungsperspektive priorisiert die soziale und kulturelle Einbettung der Mediatisierung und weniger ihre technischen Basisprozesse. Für Friedrich Krotz, Vordenker und prominenter Vertreter dieser Perspektive, erweist sich die Mediatisierung als einer der fundamentalen und überdauernden Metaprozesse des sozialen und kulturellen Wandels. Mediatisierung steht in einem wechselseitigen Bedingungsverhältnis mit der Ökonomisierung, Individualisierung und Globalisierung – »makrotheoretische‍[n] Konzepte‍[n], die den Wandel von Gesellschaft, Ökonomie und Politik als Ganzes in den Blick nehmen« (Krotz 2007, S. 30). Gesellschaften befinden sich demnach fortwährend in einem dynamischen Entwicklungs- und Wandlungsprozess. Das Konzept der Mediatisierung dient dabei als kommunikationswissenschaftlicher Bezugspunkt, als Blaupause für die Darstellung und Erforschung des sozialen und kulturellen Wandels. Es betont, dass Sozialität auf Kommunikation verweist und diese sich medial realisiert. Der Anlasscharakter des Technischen dürfe jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass die kommunikativ handelnden Subjekte die eigentlichen Akteur*innen dieses Wandels sind und Medien nicht per se in dessen Zentrum stehen. Ihre Funktion erschließt sich vielmehr aus ihrer relationalen Einbettung in die metatheoretische Interdependenz von Mediatisierung, Individualisierung und Globalisierung und ihrem Motor, einer fortschreitenden Ökonomisierung des Sozialen, die Krotz als »die im Durchschnitt und in Normalsituationen mächtigste aller Handlungssteuerungen« (ebd., S. 29) identifiziert.

Digitalisierung als soziale Praxis

Diese kursorischen Akzentuierungen machen bereits deutlich, dass man der Digitalisierung begrifflich nur dann gerecht werden kann, wenn man parallel zu den technischen Aspekten auch ihre konstitutive Einbettung in die soziale Praxis berücksichtigt, insbesondere aber in die technisch vermittelten medialen und kommunikativen Praktiken. Für einen erkenntnisleitenden Zugang zum spätmodernden »Projekt der Digitalisierung« muss »die Variable Gesellschaft schärfer« (Baecker 2018, S. 9) fokussiert werden, als dies in den meisten Diskursen über Digitalisierung üblicherweise der Fall ist. Ihre Technizität fungiert dabei als »materielle Angebotsstruktur [...], die einen Spielraum vielfältiger, aber nicht beliebiger Verwendungsweisen« (Reckwitz 2017, S. 225) bereitstellt. So gesehen liefert die Technik und ihre Weiterentwicklung den Nährboden für die Digitalisierung als soziale Praxis.

Medientheoretisch gewendet gilt die Erkenntnis, dass die Technik eine ihren Gebrauch implizierende Eigenlogik besitzt, die vom menschlichen Willen unabhängig ist. Der Gedanke »einer sich selbst antreibenden Technologie« (Simanowski 2020, S. 98), die ihre Dynamik aus kybernetischen Rückkopplungen auf sich selbst bezieht und damit ein Moment der Verselbständigung besitzt, ist kein neuer Gedanke. Er findet sich bereits in den Arbeiten von Martin Heidegger (1889 – 1976), Edmund Husserl (1859 – 1938) oder Friedrich Kittler (1943 – 2011). Heidegger hat in seinem 1953 veröffentlichten gleichlautenden Beitrag die Frage nach der Technik begrifflich dergestalt beantwortet, dass der Mensch durch das »Ge-stell« bestimmt ist. »Ge-stell«, so Heidegger, »heißt die Weise des Entbergens, die im Wesen der modernen Technik waltet und selber nichts Technisches ist« (Heidegger 2000, S. 21). Die damit zum Ausdruck gebrachte Eigengesetzlichkeit des Technischen verweist darauf, »dass dem Menschen gar nichts anderes übrig bleibt, als in die Verwertungskategorien des technischen Zeitalters hineingezogen zu werden« (Nassehi 2019a, S. 86). Er findet sich gleichsam in einen kybernetischen Regelkreis gestellt, in dem »der Mensch nicht die treibende Kraft [ist], sondern nur die betreibende; getrieben, das Verborgene zu entbergen, ganz gleich, ob es ihm wirklich nützt« (Simanowski 2020, S. 98). So gesehen sieht sich der Mensch mit einer Entwicklung konfrontiert, in der er sich von einem Schöpfer zu einem »Entbergungsgehilfen der Technik« (ebd., S. 106) entwickelt.

Dieser Zusammenhang gilt auch und insbesondere für das Medium der Digitalisierung, die Vernetzung kommunikativer Praktiken: Die »Botschaft des Mediums besteht unabhängig von der Botschaft seines Inhalts« (Simanowski 2021, S. 25). Es war Marshall McLuhans titelgebende These »Das Medium ist die Massage« (McLuhan & Fiore 2016), die in den 1960er Jahren einen Paradigmenwechsel in der modernen Medienforschung provozierte. Fortan wurden die eigenstrukturellen und strukturbildenden Bedingungen des Mediums selbst zu einem relevanten Gegenstand der wissenschaftlichen Betrachtung, was die Erkenntnis beförderte, dass Medien ungeachtet ihres Inhalts in spezifischer Weise die Wahrnehmung, das Denken und Verhalten von Individuen modellieren und gesellschaftliche Prozesse normieren. Aus einer dezidiert medientheoretischen Betrachtungsweise prägt und formt das sozial dominierende Verbreitungsmedium und die mit ihm einhergehende Kommunikationspraxis die Struktur und Kultur der Gesellschaft in je spezifischer Weise. Man denke zum Beispiel an die sozial transformierende Kraft des Buchdrucks, seine Alphabetisierungswirkung und den damit einhergehenden Kritiküberschuss in der modernen Gesellschaft (Baecker 2018). Welche gesellschaftlichen Transformationen die datengetriebene Digitalisierung und die damit einhergehende zunehmende Komplexitätssteigerung bewirken werden, ist gegenwärtig Thema unzähliger Abhandlungen und Diskurse. Folgt man der Argumentation Baeckers, demzufolge Gesellschaften sich grundsätzlich in einem dynamischen Zustand des Ungleichgewichts der eigenen Reproduktion befinden, ist die spätmoderne Gesellschaft derzeit damit beschäftigt, den

»Ungleichgewichtszustand der Reproduktion als Buchdruckgesellschaft aufzugeben und einen neuen Zustand zu finden, auf den sie nicht vorbereitet ist. Mitten in dieser Katastrophe [...] entdeckt sich die Gesellschaft als ehemals moderne Gesellschaft. Sie entdeckt ihren modernen Ungleichgewichtszustand in dem Moment, in dem sie ihn verlässt« (ebd., S. 30 f.).

Die dem gesellschaftlichen Wandel zugrundeliegende Fortschrittsdynamik besitzt aber nicht nur ihre eigenen, das Denken und Handeln prägenden Prämissen, sie erweist sich, so Roberto Simanowski, auch als Tragödie einer Kultur, die den technisch erwirkten Sachordnungen und -zwängen wenig entgegenzusetzen hat und trotz des damit einhergehenden Gefährdungspotenzials und zunehmenden Kontrollverlusts (Umweltzerstörung, Klimakrise, Maschinenethik etc.) gar »nicht in der Lage ist, auf weitere technische Erfindungen zu verzichten« (Simanowski 2020, S. 50).

1.2 Digitalisierung als Technologie, oder: Zur Ambivalenz des Fortschritts

Die technischen Prozesse, die als Treiber der Digitalisierung fungieren, erweisen sich als ebenso vielfältig wie die unzähligen Schnittstellen der Mensch-Maschine-Interaktion. So kann die Einführung und Verbreitung des Internets mit seiner auf Vernetzung, Dezentralisierung und Verteilung setzenden Infrastruktur zweifellos als einer der medialen Basisprozesse der Digitalisierung identifiziert werden. Hinzu kommen Prozesse der Rationalisierung und Automatisierung durch Künstliche Intelligenz (KI), insbesondere des Maschinellen Lernens (ML) und darauf basierender Verfahren der Verhaltensprognostik (Predictive Analytics). »Unter KI versteht man eine Softwareanwendung, die nicht rein deterministische bzw. statistische Lösungswege beschreitet, sondern auf Grund von Erfahrungen ihre Ausgangskonfiguration weiterentwickelt« (Beranek 2021b, S. 7). So treffen darauf basierende Entscheidungssysteme, sogenannte ADM-Systeme (algorithmic decision making), bereits heute »(teil-)‌automatisierte Entscheidungen« (ebd.) auf der Grundlage der Aggregation, Verknüpfung und Auswertung von Daten (Big Data bzw. Advanced Analytics) (▸ Kap. 5.2). Zur Digitalisierung muss ferner auch das Internet der Dinge gerechnet werden, d. h. die sukzessive Ausstattung von Alltagsgegenständen mit digitalen Sensoren oder Aktoren, die Daten empfangen, verarbeiten und senden können und so selbst Teil eines global wachsenden Informationsnetzwerks werden. Als technisch bedeutsam erweist sich auch das sogenannte Cloud Computing, d. h. die Vernetzung vieler Computer über das Client-Server-Modell zum Zweck der ortsunabhängigen Bereitstellung von Rechenleistung, Arbeits- und Langzeitspeichern, durch das sich vor allem ökonomische und arbeitsweltliche Prozesse effizienter gestalten lassen.

Weitere technologische Entwicklungen im Bereich der Digitalisierung lassen sich vor allem in den Bereichen der Virtual und Augmented Reality, der Blockchain-Technologie1, der Robotik, der Nano- und Biotechnologie sowie im Bereich des 3-D-Drucks ausmachen (Specht 2018).

Aus der synthetisierenden Perspektive einer Soziologie, der es »nicht nur um die Abschätzung der sozialen Folgen von als neu eingestuften technischen Lösungen« geht, »sondern ebenso um deren Einordnung in langfristige gesellschaftliche Entwicklungslinien und übergreifende sozioökonomische Verflechtungszusammenhänge« (Schrape 2021, S. 17), erweisen sich die Digitalisierung und die mit ihr assoziierten technischen Prozesse und Innovationen als jüngste Stufe in einer Geschichte der soziotechnischen Evolution. Dabei gilt, dass sich moderne Gesellschaften ohne den Einfluss von Wissenschaft und Technik als Medien des Fortschritts und der Innovation weder adäquat verstehen lassen noch auf sie verzichten können. Technik und ihre Errungenschaften fungieren als einer der Grundpfeiler der Vergesellschaftung, als eine »konstitutive Grundlage des gesellschaftlichen Lebens« (Schrape 2021, S. 7). Sie durchdringen wie selbstverständlich in mannigfaltiger Weise unsere alltägliche Lebenswelt, prägen unser berufliches, privates, mediales und sozial-kommunikatives Handeln, ohne dass uns das im konkreten Fall immer unmittelbar bewusst ist. Solange Technik funktioniert und das tut, wofür sie entwickelt wurde, hinterfragen wir ihre ermöglichende und strukturierende Eigenheit im Regelfall nicht. Technische Apparate und Schnittstellen durchdringen und bestimmen das soziale und individuelle Leben in modernen Gesellschaften dergestalt, dass die konkrete Alltagspraxis in vielerlei Hinsicht als integrale Einheit von Mensch und Technik zu interpretieren ist. Nahezu »alle komplexeren gesellschaftlichen Dynamiken der Moderne fußen in unmittelbarer oder mittelbarer Weise auf technischen (oder besser: soziotechnischen) Prozesszusammenhängen« (ebd., S. 9). Ins öffentliche Bewusstsein rücken diese Dynamiken meist erst in Zeiten des sicht- und spürbaren Wandels bzw. im Kontext von Prozessen einer paradigmatischen Erneuerung der Gesellschaft über die in ihr wirkenden soziotechnischen, d. h. ökonomischen, kulturellen, medialen und kommunikativen Praktiken.

»In Phasen des fundamentalen Umbruchs werden technische Strukturen, ihre Entwicklungsbedingungen und ihrer Effekte zu einem sichtbaren Gegenstand der öffentlichen Diskussion, bevor sie mit der Zeit zu einer Selbstverständlichkeit in der Lebenswelt avancieren« (ebd., S. 10).

Im Kontext des umfassenden Digitalisierungsprozesses fällt eine trennscharfe Abgrenzung von Technik, Kultur und Medien jedoch zunehmend schwer. Diese Aussage erfordert eine Konkretisierung: In modernen, industriell geprägten Gesellschaften erfüllt Technik aus einer funktionalen Perspektive insbesondere die Aufgabe einer formalen Rationalisierung und Standardisierung und findet als Instrument der Effizienzsteigerung und Prozessoptimierung Anwendung. In einem ersten Schritt gilt dies gleichermaßen für »die Technologien des digitalen Computernetzes« (Reckwitz 2017, S. 226), die sich aus dem Zusammenspiel dreier Prozesse ergeben: »algorithmischer Verfahren des Computing, der Digitalisierung medialer Formen und des Kommunikationsnetzwerkes des Internets« (ebd.). Allerdings markieren diese in einem zweiten Schritt zugleich einen Bruch mit dem der industriellen Moderne entlehnten Technikverständnis, da sich seit den 1980er Jahren zwei Entwicklungen abzuzeichnen beginnen, die sich parallel zum ökonomischen und technologischen Strukturwandel vollziehen und sich als Prozesse der »Kulturalisierung des Technologischen« sowie einer »technologisch angeregten Singularisierung« bezeichnen lassen (Reckwitz 2017, S. 227).

Digitalisierung als Instrument kultureller Wertschöpfung

Aus einer dezidiert soziologischen Perspektive begründet die Digitalisierung insofern ein erweitertes Verständnis von Technik, als sie den Dualismus von Technik versus Kultur überwindet und die Technik in einem kulturellen Kontext neu verortet: Die Technik wird sukzessive selbst zu einem Instrument kultureller Wertschöpfung und Reflexion (Reckwitz 2017, S. 227; Bridle 2018, S. 51).

Wie man es auch dreht und wendet, die enge Verknüpfung von Technik und sozialer Praxis erweist sich als fundamentale Prämisse einer soziotechnischen Analyse der Phänomene und Prozesse der Digitalisierung.