DNA - K. Krista - E-Book

DNA E-Book

K. Krista

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Beschreibung

Lt. Darwin gehören Mutationen zur natürlichen Entwicklung. Jedes Lebewesen und nicht zuletzt der Mensch haben sich über Jahrmillionen durch Anpassung und Mutation entwickelt. Wofür sich die Evolution beim Menschen, wie wir ihn heute kennen, zig tausend Jahre Zeit gelassen hat, wurde bei Nicole Arnold, durch eine lebensrettende OP, in wenigen Monaten ausgelöst. Als Nicole aus einem Kurzurlaub in Italien nach Hause kommt, findet sie ihre Eltern ermordet vor. Die Polizei glaubt an einen Raubmord, doch Nicole weiß es besser. Die Mörder ihrer Eltern waren hinter ihr her. Nachdem sie den ersten Schock überwunden hat, beschließt Nicole, die Mörder ihrer Eltern zu suchen und zu stellen. Eine turbulente, gefahrvolle Reise beginnt, die sie nur mit Hilfe von Freunden und Verbündeten lebend übersteht. Sie ist ihrem Ziel ganz nahe, als sie ein weiterer, schwerer Schicksalsschlag völlig aus der Bahn wirft.

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Seitenzahl: 531

Veröffentlichungsjahr: 2022

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K. Krista

DNA

THE BEGINNING

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

EINS

ZWEI

DREI

VIER

FÜNF

SECHS

SIEBEN

ACHT

NEUN

ZEHN

ELF

ZWÖLF

DREIZEHN

VIERZEHN

FÜNFZEHN

SECHZEHN

SIEBZEHN

ACHTZEHN

NEUNZEHN

ZWANZIG

EINUNDZWANZIG

ZWEIUNDZWANZIG

DREIUNDZWANZIG

VIERUNDZWANZIG

FÜNFUNDZWANZIG

SECHSUNDZWANZIG

SIEBENUNDZWANZIG

ACHTUNDZWANZIG

NEUNUNDZWANZIG

DREISSIG

EINUNDDREISSIG

ZWEIUNDDREISSIG

DREIUNDDREISSIG

VIERUNDDREISSIG

FÜNFUNDDREISSIG

SECHSUNDDREISSIG

SIEBENUNDDREISSIG

ACHTUNDDREISSIG

NEUNUNDDREISSIG

VIERZIG

EINUNDVIERZIG

ZWEIUNDVIERZIG

DREIUNDVIERZIG

VIERUNDVIERZIG

FÜNFUNDVIERZIG

SECHSUNDVIERZIG

SIEBENUNDVIERZIG

ACHTUNDVIERZIG

NEUNUNDVIERZIG

FÜNFZIG

EINUNDFÜNFZIG

ZWEIUNDFÜNFZIG

DREIUNDFÜNFZIG

VIERUNDFÜNFZIG

FÜNFUNDFÜNFZIG

SECHSUNDFÜNFZIG

SIEBENUNDFÜNFZIG

ACHTUNDFÜNFZIG

NEUNUNDFÜNFZIG

SECHZIG

EINUNDSECHZIG

ZWEIUNDSECHZIG

DREIUNDSECHZIG

VIERUNDSECHZIG

FÜNFUNDSECHZIG

SECHSUNDSECHZIG

SIEBENUNDSECHZIG

ACHTUNDSECHZIG

NEUNUNDSECHZIG

SIEBZIG

EINUNDSIEBZIG

ZWEIUNDSIEBZIG

DREIUNDSIEBZIG

VIERUNDSIEBZIG

FÜNFUNDSIEBZIG

SECHSUNDSIEBZIG

SIEBENUNDSIEBZIG

ACHTUNDSIEBZIG

NEUNUNDSIEBZIG

ACHZIG

EINUNDACHZIG

ZWEIUNDACHZIG

DREIUNDACHZIG

VIERUNDACHZIG

FÜNFUNDACHZIG

SECHSUNDACHZIG

SIEBENUNDACHZIG

ACHTUNDACHZIG

NEUNUNDACHZIG

Impressum neobooks

EINS

DNA

THE BEGINNING

Das Böse hat einen Namen

Ein Roman

von

K. Krista

Wer nur ein einziges Leben zerstört,

der vernichtet die ganze Welt.

Wer nur ein einziges Leben rettet,

der rettet die ganze Welt.

Aus dem Talmud

***

Der Mensch erfand die Atombombe,

doch keine Maus der Welt

würde eine Mausefalle konstruieren.

Albert Einstein

ERSTER TEIL

An manchen Tagen geht einfach alles schief.

Heute ist mein 25. Geburtstag und ich sollte längst in München bei meinen Eltern sein, die in diesem Moment sicherlich bereits alle Hände voll zu tun haben, um eine Party für mich vorzubereiten. Inzwischen konnte ich sie wenigstens dahingehend beeinflussen, dass sie keine „Überraschungsparty“ mehr für mich organisieren. Bis zu meinem 20. Geburtstag machten sie jedes Jahr ein Staatsgeheimnis aus diesem Tag, was ja nett gemeint ist, aber wenn man jedes Jahr am selben Tag „überrascht“ wird, wo bleibt dann die „Überraschung“?

Der Gedanke an meine Eltern zaubert ein Lächeln auf mein, eben noch genervtes Gesicht. Sie sind die wichtigsten Menschen in meinem Leben, denn obwohl sie beruflich sehr eingespannt sind, kann ich mich doch immer und zu jeder Zeit auf sie verlassen. Wie klein mein Problem ihnen auch immer erscheinen mag, sie sind sofort zur Stelle, wenn bei mir der Schuh drückt. Sie haben ein wunderschönes Zuhause für mich geschaffen und geben mir immer das Gefühl geliebt zu werden. Meine Eltern haben vor vielen Jahren erkannt, dass Computer und das Internet nicht nur die Technik und die Bürokommunikation maßgeblich verändern werden, sondern sie gehören zu den Pionieren der ersten Computerspiele.

Mein Vater kreierte und programmierte diese, meine Mutter übernahm das Marketing und den Vertrieb. Das von meinen Eltern gegründete Unternehmen wurde über die Jahre so erfolgreich, dass inzwischen mehr als 200 der besten Programmierer täglich damit beschäftigt sind, neue Spiele zu erfinden, oder Optimierungen älterer Versionen vorzunehmen.

Vor etwa 10 Jahren haben meine Eltern die Verwaltung der Firma aus der Hand gegeben. Mein Vater hat einen seiner besten Programmierer und Visionär zum Geschäftsführer gemacht und ihm eine äußerst fähige Controllerin zur Seite gestellt. Der bis heute andauernde und ständig steigende Erfolg des Unternehmens bestätigt die Richtigkeit seiner Entscheidung.

Was meine Eltern heute beschäftigt, könnte man lapidar mit „privatisieren“ umschreiben. Es ist jedoch viel mehr. Sie reisen in Drittländer und Krisengebiete, sehen sich diverse Hilfsorganisationen vor Ort an und unterstützen diese dann entweder ganz profan mit Geld, oder machen die Arbeit dieser Menschen hier in Deutschland und Europa bekannt, wodurch dann Spenden fließen können. Wie viele Stiftungen und Stipendien in ihrem Namen gegründet wurden und immer noch werden, kann ich gar nicht aufzählen. Nicht zuletzt für dieses Engagement liebe ich meine Eltern.

Sie könnten sich mit ihrem Geld ein leichtes und luxuriöses Leben machen, aber sie kümmern sich um Menschen, die nicht so viel Glück wie sie hatten und geben von ihrem Reichtum ab. Sie schenken ihre Zeit und nicht zuletzt sich selbst für eine, wie ich finde, sinnvolle und gute Aufgabe.

In diesem Moment sollte ich bereits im Flugzeug, mit Anflug auf München sitzen, befinde mich aber immer noch am Flughafen Milano-Malpensa, der größte der drei Flughäfen in Mailand und warte auf den Start der nächsten Maschine, in die bayerische Hauptstadt.

Als ich heute Morgen um zehn Uhr, in der Warteschlange, am Schalter der Lufthansa Maschine nach München stehe, höre ich „zufällig“, wie sich zwei Männer am Nebenschalter, darüber unterhalten, das Flugzeug, in welches sie vorhaben einzusteigen, „umzuleiten“. Schlagartig ist mein Interesse geweckt und ich beobachte die Beiden unauffällig. Sie tragen maßgeschneiderte Anzüge die sich perfekt an ihre gut durchtrainierten Körper schmiegen. Ihre Haltung wirkt lässig und doch aufmerksam. Es könnte sich um zwei Geschäftsmänner handeln, die gelangweilt auf ihren Flug warten. Sie unterhalten sich in russischer Sprache, ein Blick auf die Anzeigetafel zeigt mir, dass es sich um einen Flug nach Moskau handelt. Einem zufälligen Beobachter wäre niemals aufgefallen, dass die Männer sich unterhalten, denn selbst bei genauem Hinsehen sind kaum Mundbewegungen ersichtlich. Das machen sie nicht zum ersten Mal.

Ich habe Sprachen studiert, spreche seit Jahren, fließend Russisch, Chinesisch und natürlich Englisch, und bin mir deshalb sehr sicher, mich nicht verhört zu haben. Hier wird eindeutig eine Flugzeugentführung geplant. Die beiden Männer stehen allein am Schalter, welcher zu dieser Zeit noch nicht besetzt ist. Wie an der Anzeige ersichtlich, startet der Flug erst in knapp zwei Stunden, es wird daher noch etwas dauern, bis der Schalter öffnet, auch befinden sich die Herren außer Hörweite aller anderen Passagiere und sie konnten deshalb sicher sein, von niemandem belauscht zu werden. Ich war die einzige Person, die sie auf diese Entfernung belauschen konnte und das liegt einzig und allein an meinen außergewöhnlichen Fähigkeiten. Ich höre siebenmal besser als jeder andere Mensch, meine Reflexe und meine Schnelligkeit übersteigen die eines normalen Menschen um ein Vielfaches.

Ein paar Tage nach meinem 16. Geburtstag machten ein befreundetes Ehepaar meiner Eltern und ich einen Ausflug in die Berchtesgadener Berge. Es war ein wunderschöner Tag im Frühsommer und ich genoss die Fahrt in dem offenen Wagen in vollen Zügen. Wir befanden uns auf einer Passstraße, als es passierte. In meiner Erinnerung sehe ich heute noch alles wie in Zeitlupe vor mir.

Plötzlich machte die Straße eine scharfe Linkskurve und uns kam auf unserer Spur ein anderer Wagen entgegen. Dieser war viel zu schnell unterwegs, konnte dadurch seine Spur in der Kurve nicht mehr halten und prallte frontal in unser Cabriolet. Es blieb einfach weder Platz, noch Zeit zum Ausweichen. Bei dem Aufprall wurde ich heraus geschleudert und zog mir unzählige Knochenbrüche und Schäden am Rückenmark zu. Die Freunde meiner Eltern und der Unfallverursacher haben den Crash leider nicht überlebt. Ich lag sehr lange ohne Bewusstsein an der Unfallstelle. Da ich über die Absperrung geschleudert wurde dauerte es viele Stunden, bis ich gefunden wurde, da zunächst niemand nach mir gesucht hatte. Die Erinnerung an diese Zeitspanne ist bis heute nicht zurückgekehrt. Ich hoffe, dass ich nicht zu mir gekommen bin, bis ich gefunden wurde, falls doch, bin ich sehr dankbar, mich nicht mehr erinnern zu können. Erst durch einen Anruf meines Vaters, auf das Handy der Verstorbenen, der sich inzwischen Sorgen gemacht hatte, wo wir solange bleiben, wurde die Polizei informiert, dass außer dem verunglückten Ehepaar auch noch ein Kind im Wagen saß und begann daraufhin die Suche nach mir.

Verschiedene deutsche Ärzte erklärten meinen Eltern später, dass diese Stunden maßgeblich dafür verantwortlich wären, dass ich wohl nie mehr würde laufen können. Die Schäden an meinem Rücken hätten bei sofortiger Stabilisierung und zeitnahem operativen Eingriff eventuell wieder heilen können, so jedoch sehen sie keine Heilungschancen. Meine Eltern wollten sich mit dieser Diagnose jedoch nicht zufrieden geben und brachten mich nach einigen Wochen und vielen Recherchen zur Behandlung nach Russland in eine Privatklinik. Ich konnte nach einiger Zeit wieder laufen und entwickelte zwei Jahre später, ungewöhnliche Fähigkeiten.

Mein Vater erklärte mir, dass, um mich zu heilen, ein Eingriff in meine DNA nötig war, was diese Mutation verursacht hatte. Näher ging er jedoch nicht auf meine Behandlung ein und mir war nur wichtig, dass ich wieder laufen konnte.

Es dauerte lange, bis ich mich damit abgefunden habe, anders als andere Menschen zu sein, lange Zeit hielt ich mich für einen Freak, komme jetzt jedoch sehr gut damit zurecht. Vor allem, seit mir, Prof. Dr. Juan Jintao, der Arzt, der mich damals behandelte, beigebracht hat, wie ich, vor allem den enorm gesteigerten Hörsinn beeinflussen, gegebenenfalls ausschalten kann. Es war die erste Zeit unerträglich für mich, ganz normale Geräusche, wie den Verkehr und die Gespräche anderer Personen, die ungeschützt und zu jeder Zeit auf mich einprasselten, zu ertragen. Es war mir unmöglich, mich dort aufzuhalten, wo andere Menschen sich begegnen. Jedes gesprochene Wort, jedes Geräusch, ob dies der Kaffeekocher in einer Bar, ein laufendes Radio in einer Kneipe oder das Klingeln eines Fahrrades in fünfzig Meter Entfernung war, alles prallte ungefiltert und für mein Empfinden dröhnend laut an mein Ohr. Ich musste mir die Ohren zuhalten, Tränen liefen mir die Wangen hinab, da die Geräusche anfangs immer mit Schmerzen verbunden waren. Erst als Prof. Dr. Jintao mir beibrachte, mein Gehör abzuschirmen, fand ich Ruhe und traute mich wieder unter Menschen.

Aus Langeweile und aus reiner Neugierde, hatte ich diesmal auf die Abschirmung verzichtet und zugegeben, nicht sehr anständig von mir, die Gespräche um mich herum, belauscht.

Obwohl der Milano-Malpensa Flughafen der größte in Mailand ist, darf man ihn sich nicht wie einen Großflughafen in Deutschland vorstellen. Wer die Dimensionen vom Frankfurter oder dem Münchener kennt, der hat völlig falsche Vorstellungen. Es haben sich hier zwar sehr viele Fluggesellschaften angesiedelt, es gibt jedoch nur zwei Terminals mit jeweils drei Schaltern. Die Anzahl der Reisenden, die sich gleichzeitig mit mir in der Halle befinden, ist deshalb eher überschaubar.

Eine kurze Zeit fesselt eine Mutter mit ihrer kleinen Tochter meine Aufmerksamkeit. Das Mädchen ist eine ausgesprochene Schönheit, wenn man das bei einem, vielleicht gerade einmal vierjährigen Kind sagen darf. Ihr Haar, übrigens dasselbe wie das ihrer Mutter, fiel dem Mädchen in langen, dichten, dunkelbraunen Wellen weit über die Schultern. Selbst in diesem künstlichen Licht schimmerte es in Bewegung, in einem wunderschönen rotbraun, was dem an sich dunklen Haar einen weichen und warmen Schimmer gibt. Ihr Gesicht ist das eines Engels, na ja wie man sich einen Engel vorstellt. Große dunkelbraune Augen, rosige Pausbacken, eine kleine zierliche Stupsnase und einen zum Küssen süßen Schmollmund.

Ich finde ja alle Babys und Kleinkinder sind schön, aber dieses Mädchen ist schon ein richtiger „Wonneproppen“. Sie spricht Italienisch, deshalb konnte ich nicht verstehen was gesprochen wurde, aber die Kleine ist ganz aufgeregt und man kann anhand ihrer Handbewegungen und ihrer vor Staunen großen Augen erkennen, dass sie sich wohl zum ersten Mal auf einem Flughafen befindet.

Als der Flug der Beiden aufgerufen wurde schweifte mein Blick durch die Abflughalle und blieb an den beiden Männern hängen.

Je länger ich der Unterhaltung lauschte, umso mehr kam ich zu der Überzeugung, dass sie etwas Illegales vorhaben und ich verließ die Warteschlange und begab mich auf die Suche nach dem Sicherheitspersonal, wurde auch sehr schnell fündig und versuchte den beiden Carabinieri meine Beobachtung mitzuteilen. Leider sprachen die Herren nur sehr unzulänglich Englisch, was für ein Flughafengelände schon fast fahrlässig ist und so wahrscheinlich nur in Italien möglich, sie brachten mich in das Büro des Flughafenleiters, wo ich zunächst eine Weile sitzen gelassen wurde, bis ein beleibter, schon ziemlich ergrauter, aber durchaus noch attraktiver Mann auf mich zukam und mich in korrektem Deutsch nach meinem Anliegen befragte.

Ich erklärte ihm die Situation, die er mir zunächst nicht abnahm. Da ich ihm nichts von meiner Fähigkeit erzählen konnte und wollte, nur meine Familie und engste Freunde wissen von meiner Mutation, hielt er es doch für sehr unwahrscheinlich, dass es mir möglich war, ein solches Gespräch zu belauschen. Ich erklärte ihm, dass ich sehr geübt im Lippenlesen sei und mir deshalb sicher war, dass mit den beiden Herren etwas nicht stimmt. Nach langen Minuten konnte ich ihn endlich davon überzeugen, dass er die beiden von mir beschrieben Männer, die sich hoffentlich immer noch an dem Flugschalter befinden, zur Befragung in sein Büro bringen lässt.

Ich wurde in einem anderen Raum weiter festgehalten und bereute schon fast, mich eingemischt zu haben und musste von dort aus zusehen, wie die Maschine nach München, ohne mich startete. Es dauerte beinahe zwei Stunden, bis der Flughafenleiter freundlich lächelnd wieder den Raum betrat, in dem ich warten musste.

Wie sich herausstellte, hatte ich recht, im Handgepäck eines der Herren wurde eine Pistole, in kleinste Einzelteile zerlegt, entdeckt.

Allerdings wäre eine Entdeckung der Waffe eher unwahrscheinlich gewesen, auch wenn sie nicht zerlegt worden wäre, da dieser Herr plötzlich einen Diplomatenpass vorlegte, der erst bei genauerer Untersuchung als Fälschung erkannt werden konnte. Der Flughafenleiter ging davon aus, dass die Männer wahrscheinlich vorhatten, den Check-in für VIPs zu benutzen und das Gepäck der Beiden wäre, ohne meinen Verdacht niemals kontrolliert worden.

ZWEI

>>Sehr geehrte Damen und Herrn, hier spricht ihr Flugkapitän, ich hoffe sie hatten einen angenehmen Flug, wir erreichen in wenigen Minuten den Franz-Josef-Strauß Flughafen in München. Ich wünsche ihnen einen schönen Tag. Im Namen der gesamten Crew bedanke ich mich bei ihnen und würde mich freuen, wenn sie uns bald wieder beehren.<<

Gott sei Dank, endlich zu Hause.

Mit vierstündiger Verspätung komme ich an. Leider konnte ich meine Eltern noch nicht telefonisch erreichen und sie von meinem späteren Eintreffen informieren. Kurz denke ich darüber nach, es noch einmal zu versuchen, lasse es jedoch bleiben, da ich nur einen kurzen Fahrtweg von 10 Minuten habe.

Nachdem ich durch den halben Flughafen gelaufen bin, um endlich an mein Gepäck zu kommen ist eine gute halbe Stunde später ein Taxi schnell gefunden. Kurz habe ich es bereut, nicht auf meinen Vater gehört zu haben, der mir immer wieder predigt, erster Klasse zu fliegen. Nicht der Luxus von mehr Platz und besseres Essen wäre dafür ausschlaggebend, dies ist meinem Vater nicht wichtig, doch Personen der ersten Klasse vor allem mit VIP Status, den ich als Tochter und „Vielflieger“ von Thomas Arnold genieße, werden bevorzugt abgefertigt. Ich könnte schon seit einer halben Stunde im Taxi sitzen. Egal, die Freude, meine Eltern nach einer Woche Abwesenheit wieder zu sehen, ist riesengroß und die lasse ich mir nicht durch ein paar Minuten verlorene Zeit verderben.

Schon als das Taxi in unsere Straße einbiegt bekomme ich ein beklemmendes Gefühl, das Atmen fällt mir schwer und mein Herz scheint sich zu verkrampfen. Noch denke ich über meinen irrationalen Zustand nach, da hält das Taxi vor meinem Elternhaus. Was ist hier geschehen?

Fahrzeuge mit blinkendem Blaulicht, wohin das Auge reicht, uniformierte Polizisten unterhalten sich mit Personen in Zivilkleidung, am Ende unseres Grundstücks stehen zwei Krankenwagen. Es dauert nur den Bruchteil einer Sekunde, in der ich diese Situation aufnehme. Wie in Trance übergebe ich dem Fahrer des Taxis den geforderten Beförderungspreis und steige aus dem Fahrzeug. Langsam bewege ich mich auf den Eingang zu, niemand hält mich auf.

Die Haustüre steht offen und ich betrete den Eingangsbereich, mein Blick fällt durch die geöffnete Wohnzimmertüre, auf zwei am Boden liegende Personen.

Beinahe augenblicklich erkenne ich meine Mutter und meinen Vater, mein Entsetzen löst sich in einem Schrei und ich stürze ins Zimmer, werde jedoch von einem Mann aufgehalten, der mich festhält und gleichzeitig die umstehenden Personen wütend anbrüllt, wer mich hereingelassen hätte.

Ich wehre mich, doch dem Mann gelingt es, mich aus dem Raum, in den Flur zurück zu drängen. Der Schock und mein Entsetzen lähmen mich derart, dass ich meine übermenschlichen Kräfte nicht einsetze. In jahrelangem Training und mit Selbstbeherrschung habe ich gelernt und es immer vermieden, meine Kräfte öffentlich zur Schau zu stellen, daran denke ich in diesem Moment jedoch nicht.

Mein Entsetzen ist viel zu groß, ungläubig sehe ich den Mann vor mir an.

>>Was ist hier geschehen<<, flüstere ich kaum vernehmbar.

Kriminaloberkommissar Max Krämer, wie sich der Mann vorstellt, erklärt mir, mit ein-fühlsamer Stimme, dass die Spurenlage auf einen Raub hindeutet. Er winkt einen Arzt hinzu, der mir eine Spritze verabreicht, was ich willenlos über mich ergehen lasse.

Noch immer weiß ich nicht, ob meine Eltern noch am Leben sind, allein bei dem Ge-danken, verkrampft sich mein Herz und ich bin nicht mehr in der Lage mich auf den Beinen zu halten. Das Letzte, das ich noch realisiere, bevor ich den Boden unter meinen Füssen verliere, ist dass der Kriminalbeamte mich auffängt.

Ich weiß nicht, wie lange ich bewusstlos war. Als ich wieder zu mir komme, liege ich auf dem Sofa, in der Bibliothek meines Vaters und Kriminaloberkommissar Krämer sitzt neben mir, auf einem Stuhl.

>>Sie waren kurz weggetreten<<, spricht er mich mit einer angenehm einfühlsamen Stimme an, der Anflug eines Lächelns umspielt seinen Mund.

Mir ist sofort klar, dass mich eine schlechte Nachricht erwartet. Ich setze mich mit seiner Hilfe auf und sehe ihn fragend an.

>>Sie sind Nicole Arnold, nicht wahr?<< Beginnt er mit seiner Befragung.

>>Nennen sie mich Nicole<<, erwidere ich leise.

>>Wie geht es meinen Eltern?<<

Insgeheim kenne ich die Antwort bereits, ich habe Beide auf dem Boden des Wohnzimmers liegen sehen. Kein Arzt war in der Nähe um sie zu behandeln, woraus ich schlussfolgere dass es für jede Behandlung zu spät ist.

Der Kriminalbeamte sieht mich traurig an und schüttelt nur mit dem Kopf.

Diese Geste sagt mehr als tausend Worte. Die Bestätigung meiner Befürchtung droht mir beinahe wieder die Beine weg zuziehen, nur mit äußerster Selbstbeherrschung schaffe ich es, nicht wieder ohnmächtig zu werden. Der Schmerz über den so unerwarteten Tod meiner geliebten Eltern ist einfach zu groß, ohne dass ich es beeinflussen könnte, ja ohne, dass es mir bewusst ist, laufen Tränen über mein Gesicht. Erst als Kriminaloberkommissar Krämer mir ein Taschentuch reicht, registriere ich, dass er immer noch neben mir sitzt. Mit aller Kraft die mir noch zur Verfügung steht, atme ich tief durch, ich muss mich zusammen nehmen, jetzt ist nicht die Zeit für Trauer, ich muss wissen, was hier geschehen ist.

>>Wie kommen sie darauf, dass es sich um einen Raub handelt<<, frage ich leise, aber einigermaßen gefasst nach.

Kriminaloberkommissar Krämer führt mich zurück ins Wohnzimmer, wo meine Eltern inzwischen abtransportiert wurden und weist mich auf aufgebrochene Schubladen hin, er führt mich durchs Haus, jedes Zimmer ist verwüstet, Schränke aufgebrochen, Glas ist zerschlagen worden. Ich bin entsetzt über die Zerstörungswut, ich fühle mich beschmutzt, ja fast vergewaltigt angesichts des Chaos, das hier hinterlassen wurde.

Zum ersten Mal kann ich nachvollziehen, was Einbruchopfer fühlen, wenn sie sagen, dass sie nicht mehr in dieser Wohnung leben können. Dass man immer daran denken muss, was die Einbrecher alles angefasst haben. Kurz, das Sicherheitsgefühl, welches jeder Mensch in seinen vier Wänden ganz natürlich hat, ist von einem Moment auf den anderen verloren gegangen. Nach dem ersten Schock fällt mir jedoch sofort auf, dass wirklich wertvolle Gegenstände, wie die Bilder an den Wänden, wobei es sich ausschließlich um echte Gemälde namhafter Künstler handelt, völlig unberührt sind. Bereits im Wohnzimmer ist mir aufgefallen, dass die Chinesischen Vasen, sämtliche aus der Ming-Dynastie und damit äußerst wertvoll, nicht angerührt wurden. Im Schlafzimmer schließlich stelle ich fest, dass selbst der Safe nicht aufgebrochen oder geöffnet wurde. Ich weise den Beamten darauf hin, dass mir dies sehr seltsam vorkommt, da mein Vater, wäre es den Räubern um Geld und Wertsachen gegangen, sofort die Safe Kombination genannt hätte, niemals hätte er sein Leben oder das seiner Frau wegen Geld in Gefahr gebracht. Hier handelte es sich mit Sicherheit nicht um einen Raub, der sollte nur vorgetäuscht werden. Auch diese Vermutung teile ich dem Kriminalbeamten mit, sehe jedoch an seinem Gesichtsausdruck, dass er meine Einschätzung nicht teilt.

Da der gesamte Schmuck meiner Mutter fehlt, was ich an den leeren Schatullen erkenne, sie hat es immer abgelehnt, ihn im Safe unterzubringen, die Kombination konnte sie sich einfach nicht merken und da das Haus alarmgesichert ist, war sie sicher, dass der Schmuck auch in der Kommode im Schlafzimmer gut aufgehoben wäre, sowie einige wertvolle kleinere Statuen und zwei teure Geigen, bestätigte dies nur seine Vermutung, es könne sich hier nur um einen Raub gehandelt haben.

Ich dringe nicht weiter in ihn, ob Raub oder nicht, meine Eltern sind tot, selbst wenn das Eindringen einen anderen Grund gehabt hat, diese Erkenntnis bringt sie auch nicht mehr zurück. Es gelingt mir nur mit Aufbietung meiner ganzen Kraft, mich auf den Beinen zu halten. Der Verlust meiner geliebten Eltern wird mir mit jeder Minute bewusster. Der Schmerz ist kaum auszuhalten und ich schaffe es nur mit Mühe ihm zu widerstehen. Gäbe ich dem Schmerz nach, würde ich schreiend zusammenbrechen, doch alles in mir sträubt sich, mich vor diesen, mir völlig fremden Menschen fallen zu lassen. Dabei bringt mich der Schmerz fast um.

Den Vorschlag des Kriminalbeamten, ich solle mich für ein paar Tage ins Krankenhaus Rechts der Isar begeben, lehne ich barsch ab, allerdings gebe ich ihm recht, ich möchte mich unter diesen Umständen nicht allein in unserem Haus aufhalten.

Plötzlich trifft mich die Erkenntnis, dass dies nun nicht länger mein Lebensmittelpunkt ist, ich kann hier nicht mehr länger wohnen. Fünfundzwanzig Jahre lang war dies mein Zuhause, hier habe ich gelacht, geweint und die schönsten Stunden meines Lebens erleben dürfen, mit einem Schlag ist dies alles vorbei. Dieser Gedanke treibt mir wieder die Tränen in die Augen, aber ich wische sie wütend beiseite, begebe mich in mein Zimmer und packe ein paar Sachen. Als ich gerade dabei bin, den Safe zu öffnen um die darin befindlichen Wertsachen und Bargeld herauszunehmen, betritt Prof. Dr. Juan Jintao hinter mir das Zimmer.

>>„Onkel“ Juan<<, mit einem Aufschrei werfe ich mich in seine Arme und kann nicht mehr verhindern, dass sich die Tränen ihren Weg bahnen.

Prof. Dr. Jintao sollte bei den Vorbereitungen für meine Geburtstagsparty helfen und ist deshalb schon früher hier. Er ist über die Geschehnisse im Haus bereits informiert und genauso geschockt wie Nicole. Beruhigend spricht der Professor auf sie ein, hält sie im Arm und streichelt ihr immer wieder beruhigend übers Haar.

Als Nicole sich wieder einigermaßen beruhigt hat, bitte er sie, mit zu ihm in seine Wohnung zu kommen und Beide verlassen, nachdem er bei Kriminaloberkommissar Krämer seine Adresse hinter lassen hat, tief erschüttert das Haus.

DREI

Allein die Gegenwart von Prof. Dr. Jintao beruhigt Nicole, den sie liebevoll „Onkel“ Juan nennt. Er hat sie damals nach ihrem schweren Autounfall operiert und eigentlich ist es nur ihm zu verdanken, dass sie heute nicht im Rollstuhl sitzt, sondern ein relativ normales Leben führen kann.

Vor etwa fünf Jahren kam der Professor nach Deutschland, ihr Vater hatte ihr erzählt, dass er in Zukunft hier leben möchte und ihr bei der Kontrolle ihrer Kräfte helfen wird. Nicole hatte nie näher nachgefragt, für sie war es ein Glücksfall, denn durch ihn gelang es ihr, ihre außergewöhnlichen Fähigkeiten in den Griff zu bekommen. Durch Meditationsübungen erlernte sie Techniken die ihr halfen, ihre Kräfte zu steuern und kontrolliert einzusetzen. Durch ihre „Andersartigkeit“ teilweise sozial ausgegrenzt, wurde ihr Prof. Dr. Jintao immer mehr zum Freund. Selbst heute, obwohl sie ihre Kräfte vollständig beherrscht, ist es ihr, kaum möglich, so einfache Dinge zu unternehmen, wie einen Discobesuch. Auch der Besuch von Konzerten ist ihr wegen der extremen Lautstärke, zu anstrengend oder einfach nicht möglich.

Der Umgang mit ihrer Mutation hat Nicole verändert, hat sie schneller erwachsen werden lassen als ihre Freunde. Dies und die Einschränkung möglichst wenige Menschen in ihre Kräfte einzuweihen, isolierten sie immer mehr von Gleichaltrigen und so widmete sich Nicole hauptsächlich ihrem Sprachstudium und verbringt den Großteil ihrer Freizeit mit dem Professor.

Als sie in Prof. Dr. Jintaos Wohnung ankommen, überredet dieser Nicole dazu, ein weiteres Beruhigungsmittel einzunehmen um ein wenig zur Ruhe zu kommen.

Während Nicole einige Minuten später eingeschlafen ist, begibt sich der Professor ans Telefon um die geladenen Gäste für heute Abend auszuladen. Als er nach einigen Stunden endlich mit allen Telefonaten durch ist, die geladen Gäste sind sämtlich schockiert vom Tod des beliebten Paares und nicht mit ein paar nichts sagenden Worten abzuspeisen, wird er zuletzt mit Rechtsanwalt Dr. Peter Hoffmann verbunden und als er diesem erklärt, was geschehen ist, bittet der Anwalt ihn, morgen Früh mit Nicole in die Kanzlei zu kommen, mehr könne er am Telefon nicht sagen. Nur so viel, Thomas Arnold, Nicoles Vater, habe für den Fall seines unnatürlichen Ablebens einiges für Nicole hinterlegt. Gerne hätte der Professor mehr erfahren, aber der Rechtsanwalt will am Telefon auf keinen Fall mehr sagen und vertröstet ihn auf den nächsten Tag.

Thomas hat mit seinem Ableben gerechnet?

Er war sein Freund, wieso weiß er nichts davon? Diese und weitere Fragen beschäftigen den Professor, während er für sich und Nicole eine Mahlzeit zubereitet. Er ist gerade beim Decken des Tisches, als Nicole die Küche betritt.

>>Ich glaube nicht an einen Raub, „Onkel“ Juan.<<

Während ich mich an den Tisch setze, erkläre ich dem Professor weshalb ich nicht an die Version des Raubes glauben kann und nach längerer Überlegung, „Onkel“ Juan lässt sich immer viel Zeit, bevor er sich äußert, stimmt er mir zu.

Ich bin erleichtert, der Kommissar hatte mich schon verunsichert, aber wenn der Professor auch meiner Meinung ist, dann muss es einen anderen Grund für die Tat geben, worauf ich ihn auch hinweise. Wieder sieht er mich lange und schweigend an, als ich schon denke, er hätte meine letzten Worte nicht gehört, beginnt er zu erzählen.

>>Du weißt leider nicht alles über mich und deinen Vater, Nicole<<, er sieht mich entschuldigend an, >>aber lass mich bitte von ganz vorne beginnen. Vor etwa zwanzig Jahren arbeitete ich in der Volksrepublik China, genauer gesagt in der Hauptstadt Peking, in einer von der Regierung finanzierten Klinik an der Erforschung der Gentechnik. 1980 gelang mir ein Durchbruch auf diesem Gebiet. Ich schaffte es erstmalig, mit Krebs infizierte Affen, durch Veränderung der DNA, zu heilen. Die Regierung überschüttete mich von da an mit Forschungsgeldern und ich erhielt jegliche Unterstützung die ich zum Ausbau meiner Forschungen benötigte. Ein Jahr später allerdings, als mir immer mehr Versuche glückten verlangte die Regierung, ich solle endlich meine Forschungen auf den Menschen ausweiten. Doch dazu war ich noch lange nicht bereit, aber die Regierung, damals war Deng Xiaoping der bestimmende und machthabende Politiker in der Volksrepublik, zwang mich durch Erpressung, meine Forschungen auf Menschen auszuweiten.<<

>>Erpressung?<<

Ich glaube mich verhört zu haben.

>>Ja Nicole, sie verschleppten meine Frau und meine Tochter und teilten mir mit, ich würde sie nie wieder sehen, wenn ich nicht genau das machen würde was von mir verlangt wird. Ich sollte für sie einen Soldaten erschaffen, der gegen bestimmte Gase immun ist<<, fährt der Professor resigniert fort.

>>Damals sind einige Menschen bei den Versuchen gestorben und eines Tages konnte ich es mit meinem Gewissen einfach nicht mehr vereinbaren, auch wenn ich dadurch meine Frau und meine Tochter opfern müsste, ich konnte nicht noch mehr Menschen durch meine Hände sterben sehen. 1983 stand ein Kongress über Genforschung in der Mongolei kurz bevor und ich beschloss, diesen irgendwie zur Flucht zu nutzen. Ich wäre „nur“ 500 Kilometer von der russischen Grenze entfernt, eine bessere Gelegenheit würde so schnell nicht wieder kommen. Nähere Gedanken darüber hatte ich mir gar nicht gemacht, was, wie du gleich erfahren wirst, auch nicht nötig war. Wir sind mit einer Delegation von sechs Ärzten ab Peking in die Hauptstadt Ulan Bator in der Mongolei geflogen. Ulan Bator liegt 1350 Meter über dem Meeresspiegel und ist umgeben von Gebirge und Hochland, mit durchschnittlich -2° C gilt sie als die kühlste Hauptstadt der Welt. Ich fror bereits als ich aus dem Flieger ausstieg, aber es sollte noch viel schlimmer kommen. Der Kongress fand in der National Medical University of Mangolia statt, untergebracht waren wir in einem benachbarten Hotel. Der Kongress sollte drei Tage dauern. Es war der zweite Tag des Kongresses, als ich mich verspätete, die anderen waren bereits in der Universität, als ich mich auf den Weg machte und in der Hotelhalle von einem mir unbekannten Mann angesprochen wurde. Er hätte auf eine Gelegenheit wie diese gewartet, erklärte er kurz, steckt mir eine Visitenkarte zu und bat mich, sich heute Abend mit ihm in Verbindung zu setzen, er könnte mich nach Russland bringen, setzte er flüsternd hinzu.

Lange Rede kurzer Sinn, natürlich war ich auf der Hut, es hätte sich um einen Test der chinesischen Regierung handeln können, ob ich ein Überläufer bin, aber nach einiger Überlegung war mir die mögliche Entdeckung gleich, ich wollte die Forschung bei meinen Landsleuten beenden, egal wie es für mich enden könnte und so rief ich die Nummer auf der Visitenkarte an. Zwei Stunden später saßen mein unbekannter Begleiter und ich in einem kleinen Ruderboot auf dem Fluss Selenge, der am Rand der Stadt Ulan Bator vorbeifließt und über die Grenzstadt Süchbaatar bis nach Russland hinein verläuft.

Mein Begleiter war ein kräftiger junger Kerl, der hier in der Mongolei geboren und aufgewachsen ist. Er überragte mich um mindestens eine Kopflänge, seine Statur war massig und muskulös, wie es bei vielen Mongolen der Fall ist. Seine tief schwarzen Haare trug er schon fast militärisch kurz geschnitten. Der Mann war kein gesprächiger Mensch, weshalb ich nie erfahren habe, was ihn dazu veranlasst hat, mir zur Flucht zu verhelfen. Vielleicht tat er es nur des Geldes wegen, ich habe es nie erfahren<<, fügt der Professor bedauernd hinzu. >>Die ländliche Gegend der Mongolei ist zwar nur sehr mäßig besiedelt, aber wir hatten April und die Familien verbringen nur die Wintermonate in der Stadt, sobald das Barometer nur noch geringe Minusgrade aufweist, verlagern sie ihren ständigen Wohnsitz wieder aufs Land. Aus Angst, das Motorengeräusch des kleinen Kahns könnte gehört werden, paddelten wir beinahe die gesamte Strecke. Von Ulan Bator bis in die Grenzstadt Süchbaatar sind es ca. 500 Kilometer und ich habe ständig gefroren. Wenn ich heute daran zurückdenke, weiß ich nicht mehr, wie ich diese „Reise“ überlebt habe, wir hatten kaum etwas zu essen, froren ständig und an die Angst vor Entdeckung mag ich mich nicht mehr erinnern. Ich hatte wieder begonnen, Hoffnung zu schöpfen und jetzt wollte ich leben.<<

Der Professor, schüttelt in Gedanken versunken mit dem Kopf.

>>Und deine Frau und deine Tochter?<<

Frage ich leise und voller Mitgefühl nach, die Erinnerungen meines „Onkels“ erschüttern mich sehr.

>>Ich habe sie nie wieder gesehen<<, nimmt er seine Erzählung tief traurig, seufzend wieder auf. >>Die Russen haben uns beim Grenzübertritt aufgegriffen, wir waren völlig entkräftet, mehr tot als lebendig, man hätte alles mit uns machen können, wir waren nur noch ein Schatten unserer selbst. Es geschah uns jedoch nichts, wir wurden ernährt, frisch eingekleidet und ein paar Tage nach unserer Ergreifung erschien ein Russe, der mir glaubhaft versicherte, dass diese Flucht von langer Hand geplant war und er dafür von mir erwartete, mit ihm zusammen zu arbeiten. Zunächst dachte ich, dass es sich um Leute der russischen Regierung handelt, das war jedoch nicht der Fall. Ich bin vom „Regen in die Traufe“ gekommen, wie man es in einem Sprichwort bei euch nennt. Mir wurde versichert, dass alles getan werde, um meine Familie aus China heraus zu holen, unter der Bedingung, dass ich meine Versuche in ihrem Land weiterführen würde. Man habe sich eingehend mit meiner Forschung beschäftigt und sei überglücklich, mich in ihrem Land, als Gast weiterarbeiten zu lassen. Da mir versichert wurde, dass ich erst dann mit Menschen arbeiten müsste, wenn ich dies verantworten könnte, war ich zur Zusammenarbeit bereit. Die Hoffnung, meine Familie vielleicht doch wieder sehen zu dürfen und die Möglichkeit, meine Forschungen, nach meinen Vorstellungen, weiterbringen zu können, waren damals noch sehr groß<<, fügt er entschuldigend hinzu.

>>Dies war dann auch die Klinik, in der ich dich und deinen Vater kennen lernte. In den auf meine Flucht folgenden Jahren habe ich erstaunliche Erfolge auf dem Gebiet der Gentechnik erzielt, ich entfernte Basen Stränge aus der DNA, veränderte sie und setzte sie wieder ein. Ich heilte viele Krebserkrankungen, fand eine Lösung für Menschen mit Bluterkrankheit und konnte sogar einen Fall von Albinismus heilen.

Dann wurdest du eingeliefert, Nicole, du hattest ein irreparabel geschädigtes Rückgrat, eine Heilung schien völlig ausgeschlossen. Nächtelang haben dein Vater und ich über die Möglichkeiten einer Therapie oder Heilung gesprochen. Ich hatte zu dieser Zeit bereits Versuche mit der Übertragung von tierischer DNA auf menschliche begonnen, aber die Versuchsreihe stand noch ganz am Anfang. Dein Vater war sehr verzweifelt Nicole, er brachte mich dazu, deine DNA mit der DNA von einer Katze zu kreuzen.<<

Ich kann kaum glauben, was ich da höre, >>wieso hat mir das niemals jemand erzählt<<, rufe ich eher erstaunt, als verärgert aus.

>>Dein Vater wollte nicht, dass du jemals etwas davon erfährst, er, wir Beide sind damals ein sehr großes Risiko eingegangen, es hätte auch schief gehen können<<, fügt er entschuldigend hinzu. >>Wie bereits erwähnt, stand ich noch ganz am Anfang meiner Forschung. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich tierische DNA und menschliche lediglich im Reagenzglas gekreuzt. Deine Genesung war deshalb umso erstaunlicher, es dauerte kaum vierzehn Tage, da konntest du dich wieder selbständig aufsetzen und nach zwei Monaten warst du in der Lage, wieder zu laufen. Dein Vater und nicht nur er, waren überglücklich. Von diesem Tag an begann die wunderbare Freundschaft mit deinem Vater<<, schließt der Professor lächelnd.

„Onkel“ Juan ist wieder völlig in Gedanken versunken, aber mir reicht das Gehörte noch nicht, das kann noch nicht alles sein. Als ich ihn gerade auffordern möchte, weiter zu erzählen, beginnt er von selbst.

>>Deine Genesung konnte natürlich vor meinen „Gönnern“ nicht geheim gehalten werden und so kam es wie es kommen musste, ohne dass ich noch weitere Versuche vornehmen konnte, wurden mir Patienten zugeführt, die unter Lähmungen oder auch vollkommen degenerierten Körperteilen litten. Die Behandlung wurde von mir erwartet und verlangt, erzielten meine Gönner dadurch doch Gewinne in Millionenhöhe, die Patienten waren natürlich sämtlich gut situiert<<, fügt er ärgerlich hinzu. >>Ich habe diese Behandlungen immer mit den größten Gewissensbissen durchgeführt, es lagen uns noch keine Langzeitstudien vor und es konnte nicht ausgeschlossen werden, dass die Gene mutieren würden. Meine Befürchtungen bestätigten sich, als mir dein Vater zwei Jahre später von deinen Fähigkeiten erzählte. Daraufhin begann ich bei den von mir behandelten Patienten nachzuforschen und musste zu meinem Entsetzen feststellen, dass bei fast allen schwere Krebsleiden aufgetreten waren. Einige, vor allem sehr junge Patienten waren bereits nicht mehr am Leben. Ich konnte feststellen, dass bei den Kindern, die sich noch im Wachstum befanden, die Gene stark mutierten. Es hatten sich aggressive Tumore gebildet, an denen sie innerhalb von wenigen Monaten verstarben. Zwei ältere Patienten lebten noch, waren jedoch unheilbar an Krebs erkrankt und dann warst da noch du Nicole.

Niemand erfuhr von meinen Nachforschungen, ich hielt sie geheim, beschloss jedoch, keine weiteren Behandlungen mehr vor zu nehmen. Da ich aber nicht davon ausgehen konnte, dass ich die Russen würde lange hinhalten können, setzte ich mich mit deinem Vater in Verbindung, informierte ihn über meine Nachforschungen und bat ihn mich mit nach Deutschland zu nehmen. Wie es dein Vater geschafft hat, mich aus Russland heraus zu bringen, wird nun wohl immer sein Geheimnis bleiben, aber ich werde ihm mein Leben lang dafür dankbar sein.<<Die Augen des Professors füllen sich mit Tränen, die er jedoch entschieden wegwischt. Er möchte und muss stark sein, für Nicole.

>>Wie es dann weitergeht, weißt du, seit meiner Ankunft in Deutschland kümmere ich mich nur noch um dich und deine Kräfte. Warum du allerdings nicht an Krebs erkrankt bist, ist für mich heute noch ein Rätsel, obwohl ich immer mit der Angst lebe, dass er eines Tages ausbrechen könnte, deshalb wollte dein Vater nicht, dass du etwas davon erfährst. Erst wenn wirklich sichergestellt werden könnte, dass du nicht erkranken wirst, wollte er dir die ganze Wahrheit erzählten.<<

Der Professor sieht mich, um Verzeihung bittend, an.

>>Ich mache dir keinen Vorwurf<<, lächle ich ihn beruhigend an, >>auch Vater hat nur getan, was er für richtig gehalten hat, allerdings ärgert es mich, dass er mir nicht vertraute, könnte ich ihm das doch nur noch vorwerfen<<, rufe ich verzweifelt.

Die ganze Wucht des Schmerzes trifft mich erneut. Während der Erzählung des Professors konnte ich für kurze Zeit vergessen, welch schrecklichen Verlust ich erlitten habe, doch jetzt, hier in vertrauter Umgebung bei meinem Freund und Vertrauten, kann ich mich endlich fallen lassen.

Plötzlich taucht ein furchtbarer Gedanke in mir auf. Hätte ich mich am Flughafen in Mailand nicht eingemischt, wäre ich nicht vier Stunden zu spät bei meinen Eltern aufgetaucht. Hätte ich sie retten können? Das Entsetzen springt mich an wie ein wildes Tier, ein Zittern fährt durch meinen Körper ich schluchze laut auf und lasse meinem Schmerz freien Lauf. Auf den Gedanken, dass ich vielleicht auch nicht mehr leben könnte, wäre ich pünktlich nach Hause gekommen, komme ich nicht.

Der Professor nimmt mich sanft in den Arm, versucht mich zu beruhigen und wiegt mich wie ein kleines Kind, was mich ganz langsam wieder zu mir kommen lässt. >>Vielleicht haben die Russen etwas mit dem Tod meiner Eltern zu tun<<, frage ich mit Tränen erstickter Stimme nach, meine furchtbare Erkenntnis behalte ich für mich.

>>Eher unwahrscheinlich<<, erwidert er sehr nachdenklich, >>aber die Möglichkeit besteht durchaus<<, stimmt er zögernd zu und teilt mir den Inhalt des Telefonats mit Rechtsanwalt Dr. Peter Hoffmann mit.

Der Rechtsanwalt ist nicht nur der Rechtsbeistand der Familie Arnold, sondern auch ein sehr vertrauenswürdiger Freund. Thomas Arnold hat ihn stets über alle geschäftlichen Belange informiert, auch in private Angelegenheiten ist Peter Hoffmann involviert. Er ist ein langjähriger Freund des Hauses und genießt das uneingeschränkte Vertrauen aller Familienmitglieder.

Während ich lustlos in meinem Essen herumstochere und meine Gedanken um die Möglichkeit kreisen, dass die Tätigkeit des Professors mit dem Tod meiner Eltern in Verbindung stehen könnte, bittet „Onkel“ Juan mich eindringlich, ein wenig zu Essen und dann abzuwarten, was Rechtsanwalt Hoffmann zu sagen hat, vielleicht hilft uns das weiter.

Später bitte ich meinen „Onkel“ um eine Schlaftablette, ich könnte die Nacht sonst nicht überstehen und irgendwie habe ich das Gefühl, dass ich morgen für den Termin beim Rechtsanwalt einen kühlen Kopf benötige.

VIER

Kriminaloberkommissar Max Krämer ist der leitende Ermittler des Raubdezernates in München und wurde in dieser Funktion zum Tatort, in die Münchener Villa, in Schwabing geschickt. Die Villa gehört einem schwer reichen, in der Münchener Szene wenig bekannten Unternehmer. Der Hausherr, Thomas Arnold hat sofort die Möglichkeiten, die das Internet bietet, erkannt und mit der Erfindung von Computerspielen für das „World Wide Web“, Millionen verdient. Sein Vermögen wird auf eine mindestens zwei, eher dreistellige Millionenhöhe geschätzt, genaueres ist nicht bekannt.

„Dem deutschen Steuerrecht sei Dank“.

Das Steuergeheimnis wiegt in Deutschland schwerer und wird stärker geschützt als das Recht auf Information, oder den Datenschutz. Der Verstorbene ist mit einer gebürtigen Schweizerin verheiratet und hat eine Tochter. Als Maximilian Krämer am Tatort steht und eine junge Frau, plötzlich versucht, sich Einlass in das Wohnzimmer zu verschaffen, fällt ihm ein, dass es sich um die Tochter der Eheleute handeln könnte, die versucht zu ihren toten Eltern zu gelangen. Ihm gelingt es jedoch die junge Frau abzudrängen und ihr so schonend wie möglich mitzuteilen, dass hier, nach vorliegender Spurenlage ein Raub stattgefunden hat. Die junge Frau, Nicole, wie sie ihn bittet, sie zu nennen, bricht in seinen Armen zusammen, nachdem der herbeigerufene Arzt ihr vorher noch eine Spritze zur Beruhigung geben kann. Kriminaloberkommissar Maximilian Krämer trägt sie in die angrenzende Bibliothek und legt sie dort auf ein Sofa. Nachdem er sich vergewissert hat, dass die Leichen abtransportiert werden und die Spurensicherung ihre Arbeit aufgenommen hat, nimmt er sich einen Stuhl und setzt sich neben Nicole.

Während er darauf wartet, dass sie wieder zu sich kommt, fällt ihm auf, wie schön diese Frau ist. Bewundernd gleitet sein Blick über ihren schlanken wohlgeformten Körper, er schätzt sie nicht älter als Mitte zwanzig. Sie ist sehr groß, was ihm bereits bei ihrem Eintritt aufgefallen ist, in ihren hohen Schuhen standen sie sich fast in Augenhöhe gegenüber, er schätzt sie deshalb auf gut 180 cm. Ihre goldblonden Haare fallen üppig über ihre wohlgeformten Brüste, ein Sonnenstrahl verirrt sich ins Zimmer, trifft auf ihr Haar und Max hat das Gefühl als bestände es aus gesponnenem Gold. Während er noch den Kopf über seine, angesichts der Situation, unangebrachten Gedanken schüttelt, öffnet Nicole die Augen. Noch nie hat Maximilian solche Augen gesehen, ihn strahlt ein derart intensives Grün an, dass er kurz wegsehen muss, um seine Überraschung nicht allzu deutlich erkennen zu lassen.

Nie hat er schönere Augen gesehen, ihm fällt es schwer, sich nicht darin zu verlieren. Wären die Pupillen ellipsenförmig, hätte er das Gefühl eine Katze würde ihm direkt in die Augen blicken. Kommissar Krämer kann sich diesem Blick kaum entziehen, nur die Tatsache und die Erinnerung daran, dass sie gerade ihre Eltern verloren hat und sie sich in tiefer Verzweiflung befinden muss, holt ihn wieder in die Realität zurück und er beginnt sie zu befragen.

Wie sich herausstellt, glaubt Nicole nicht an einen Raubüberfall, Max schiebt es ihrer momentanen Verfassung zu, dass sie das Augenscheinliche nicht erfassen kann. Ihm wäre es am liebsten, sie würde sich für ein paar Tage in ein Krankenhaus begeben, dies lehnte Nicole jedoch sofort ab und als ein Freund des Hauses, Prof. Dr. Jintao auftaucht und sich bereit erklärt Nicole mit zu sich nach Hause zu nehmen, ist Max mit dieser Lösung einverstanden und lässt die Beiden, nachdem er sich noch die Adresse des Professors notiert hat, gehen. Er möchte Nicole ein paar Tage Zeit geben, bevor er sie auf dem Revier vernimmt, selbst wenn er keine weiteren Fragen mehr hätte, er müsste sie wiedersehen.

Kommissar Krämer weißt einige seiner Leute an, sich in der Nachbarschaft umzuhören, ob jemand etwas Verdächtiges bemerkt hat. Es ist davon auszugehen, dass dies nicht die Tat eines Einzeltäters war, vielleicht wurde die Villa auch vorher bereits beobachtet und dies ist einem Nachbarn aufgefallen. Eher unwahrscheinlich, da es sich bei dem Anwesen um ein freistehendes Haus handelt, die nächsten Nachbarhäuser befinden sich in mehr als 100 Metern Entfernung, aber Krämer möchte nichts unversucht lassen. Vielleicht hilft ihm „Kommissar Zufall.“

Nicole bestimmt seine Gedanken und da er sich nur noch mit Mühe auf den Tatort konzentrieren kann, beschließt er, für heute Schluss zu machen und seine Schwester im Sanatorium zu besuchen.

FÜNF

Lisa Krämer ist die acht Jahre alte Schwester von Maximilian Krämer und befindet sich seit fünf Jahren in psychiatrischer Behandlung. Seit dem plötzlichen Tod ihrer beider Eltern, vor fünf Jahren, ist Lisa in eine schwere Depression verfallen. Obwohl Maximilian sofort seinen Dienst als Offizier bei der Deutschen Bundeswehr, aus persönlichen Gründen gekündigt hat, um sich nur noch ausschließlich um seine Schwester zu kümmern, ist es ihm nicht gelungen, sie aus ihrer Isolation heraus zu holen. Da sich Lisa immer mehr in sich selbst zurückzieht und Maximilian mit der Situation völlig überfordert ist, gibt er dem Drängen der Ärzte nach und weist sie in ein Münchner Sanatorium ein.

Die Ärzte behandeln sie mit Antidepressiva gegen ihre Erkrankung und Max erscheint seine Schwester bei seinen wöchentlichen Besuchen wesentlich lebendiger als kurz nach dem tragischen Unglück. Die Ärzte erklären ihm allerdings, dass dies nur die Wirkung der Antidepressiva ist, die bei vielen Patienten, vor allem am Behandlungsbeginn, Stimmung aufhellend wirken und noch ein weiter Weg vor ihnen liegt, da die Behandlung nur durch therapeutische Betreuung zum Erfolg führt, die Medikamente lediglich begleitend eingesetzt werden können. Trotzdem hat Max das Gefühl, dass Lisa sich hier wohl fühlt und besser aufgehoben ist, als bei ihm zu Hause, wo sie alles an ihre Eltern erinnert. Ihre Eltern haben ihnen eine größere Summe Geld hinterlassen, so muss sich Maximilian keine Sorgen um die Finanzierung des privat geführten Sanatoriums machen.

Die erste Zeit besucht er Lisa täglich, macht lange Spaziergänge mit ihr und glaubt fest daran, dass sie bald wieder gesund wird und er sie schnell mit nach Hause nehmen kann. Doch leider verschlechtert sich der Zustand von Lisa plötzlich von Monat zu Monat, sie zieht sich abermals immer mehr in sich zurück, der einzige Mensch, der sie überhaupt noch ab und zu erreicht, ist ihr Bruder Max.

Vor etwa zwei Jahren, baten die Ärzte Maximilian Krämer zu einem Gespräch. Sie klärten ihn darüber auf, dass sie befürchten, Lisa könnte an Schizophrenie leiden. Ihm wird erklärt, dass dies die Diagnose für eine psychische Störung des Denkens oder der Wahrnehmung ist. Eine solche Störung ist bei Kindern meist erst ab dem 8. Lebensjahr zu diagnostizieren, deshalb wurde Lisa bis heute für stark depressiv gehalten. Die Ärzte gehen jetzt davon aus, dass die Psychose durch den plötzlichen Tod ihrer Eltern ausgelöst wurde.

Die Verabreichung der Antidepressiva unterdrückten noch zusätzlich die Symptome einer Schizophrenie, so dass diese Krankheit erst jetzt diagnostiziert wurde. Schizophrenie, so wird Max weiter erklärt, ist bei Kindern vor dem Schulalter kaum oder nicht diagnostizierbar, da die Anzeichen, wie die Beeinträchtigung des Denkens, Sprechens, der Wahrnehmung und der Gefühlswelt vorausgesetzt werden und diese Fähigkeiten im Vorschulalter noch nicht vollständig ausgebildet sind.

Vielleicht hätte es sogar noch länger gedauert, ihre Psychose festzustellen, wenn Lisa nicht, entgegen ihrer verschlossenen Art, plötzlich kommunikativ geworden wäre. Allerdings sprach Lisa nicht mit im Raum anwesenden Personen, sondern wie sie selbst mitteilte, höre sie Stimmen in ihrem Kopf. Dies veranlasste die behandelnden Ärzte, die gesamte Krankheitsgeschichte von Lisa neu zu überdenken und sie sind zu der Diagnose – paranoide Schizophrenie gelangt.

Die Diagnose ist jetzt beinahe zwei Jahre her, doch jedes Mal, wenn ich dieses Sanatorium betrete habe ich das Gefühl meine kleine Schwester im Stich gelassen zu haben. Sicher, seit Lisa Neuroleptika erhält und regelmäßig an Ergo- und Arbeitstherapien teilnimmt, hat sich ihr Zustand in kleinen Schritten verbessert, aber obwohl ich das Gefühl habe, ihr fehlt es hier an nichts, kann ich doch das Gefühl nicht loswerden, nicht alles für sie getan zu haben, oder besser gesagt, sie nicht wirklich zu verstehen.

Manchmal habe ich das Gefühl, sie fühlt genau wie es in mir aussieht und obwohl sie immer noch nicht viel spricht, so denke ich doch, wenn sie mich mit ihren tief blauen Augen ansieht, sie sieht direkt in mein Herz. Lisa hat mir nie einen Vorwurf gemacht, mir nie zu verstehen gegeben, dass sie sich hier nicht wohl fühlt, aber ich kann das Gefühl, dass sie mir irgendetwas sagen möchte, sich jedoch nicht traut, nicht loswerden.

Um meiner Schwester nahe zu sein, verließ ich die Bundeswehr und bin in den Polizeidienst eingetreten. Mit irgendetwas musste ich mich beschäftigen, die ständigen Gedanken um das Wohlergehen meiner kleinen Schwester zerrten an meinen Nerven. Ich stehe auch heute noch oft völlig hilflos vor ihrem Schicksal, sie ist das einzige was ich an Familie noch habe und ich kann ihr nicht helfen, muss auf die Fähigkeit der Ärzte vertrauen. Diese Hilflosigkeit macht mich fertig.

Da das hinterlassene Geld meiner Eltern nicht ewig reichen wird, entschloss ich mich, mein Glück bei der Polizei zu versuchen, wo ich innerhalb weniger Jahre zum ersten Ermittler der Raubkommission in München aufgestiegen bin. Zurzeit stehe ich kurz vor der Beförderung zum Kriminalhauptkommissar, was mich besonders deshalb freut, da ich dann weniger Einsätze „Undercover“ übernehmen muss, die es mir immer unmöglich machen meine Schwester zu besuchen.

Heute ist ein herrlich sonniger Tag und ich freue mich darauf, ein paar Stunden mit Lisa im Park des Sanatoriums verbringen zu können, als ich sie auch schon freudig auf mich zu laufen sehe.

***

Lisa ist nicht krank, sie ist eine Telepatin und Empathin. Diese Begriffe sind ihr natürlich nicht geläufig, aber sie weiß sehr genau, dass sie nicht krank ist, obwohl alle dies denken. Lange Zeit hat sie versucht, den Ärzten, die eigentlich sehr nett sind, zu erklären, dass sie sich die Stimmen nicht einbildet und dass sie manchmal Gedanken von Personen aufnehmen kann, hat jedoch sehr schnell gemerkt, dass sie nicht verstanden wird, dass ihr, sobald sie diese Dinge anspricht mehr Tabletten als üblich verabreicht werden und das möchte sie nicht. Sicher anfangs war sie sehr traurig über den Tod ihrer Eltern, ist sie heute noch, sie wollte mit niemandem sprechen. Keiner hätte sie mit Worten trösten können, also hat sie sich zurückgezogen, hat die Außenwelt für ein paar Wochen einfach ausgeschaltet. Sie spürte, wie sehr ihr Bruder leidet, wie überfordert er mit der Situation ist und war froh, als er sie in dieses schöne große Haus gebracht hat. Hier hatte sie zunächst Ruhe, die Ruhe, die sie dringend brauchte. Doch irgendwann war es mit der Ruhe vorbei, die Stimmen haben angefangen in ihrem Kopf zu sprechen, was ihr zunächst sehr viel Angst gemacht hat. Die Ärzte haben ihr dann Medikamente gegeben und die Stimmen waren fort.

Als sie das nächste Mal wiederkamen, hatte Lisa nicht mehr so viel Angst, sie war eher neugierig, wollte wissen, woher diese Stimmen kommen und stellte mit der Zeit fest, dass es die Gedanken von Menschen waren, die sich in ihrer Nähe befanden und nicht nur Gedanken, mit der Zeit konnte sie auch Gefühle wahrnehmen. Da sie immer sofort mit Tabletten ruhig gestellt wurde, sobald sie auch nur eine Andeutung über ihre Fähigkeiten machte, beschloss sie, dass es etwas schlechtes sein muss und behielt es zukünftig für sich, wenn sie die Gedanken oder Gefühle anderer Menschen wahrnahm. Sie lernte es sogar, ihre Fähigkeit insoweit zu steuern, dass sie ihre Fähigkeit abstellen konnte.

Nur ihrem Bruder würde sie sehr gerne davon erzählen, aber sie hat Angst, dass er sie nicht versteht und aus Sorge um sie, den Ärzten davon erzählt. Größer noch ist ihre Angst, dass er sie dann vielleicht nicht mehr sehen möchte, weil er Angst vor ihr hat. Zweimal ist das passiert, sie hatte nicht darauf geachtet, dass keiner wissen durfte, dass sie Gedanken lesen kann und hatte sich bei einem Spiel mit zwei Insassen verplappert. Die Beiden sind laut schreiend vor ihr weggelaufen und haben sich seither geweigert, wieder mit ihr zu spielen. Seit dieser Zeit bekommt sie andere Medikamente und muss an verschiedenen Therapien teilnehmen, was ihr aber sehr viel Spaß macht. Einmal die Woche kommt sogar eine Lehrkraft und bringt ihr Lesen und Schreiben bei, doch am meisten freut es sie, wenn ihr Bruder sie besuchen kommt. Inzwischen kontrolliert Lisa ihre Fähigkeit so gut, dass sie diese komplett ausblenden kann und nicht Gefahr läuft, einen Fehler zu machen.

Maximilian Krämer hat keine Kenntnis davon, was in seiner Schwester vorgeht und selbst wenn er es wüsste, er hätte es nicht glauben können.

Parapsychologische Phänomene werden vom Großteil der Wissenschaftler auch heute noch als Humbug abgetan. Ein Irrtum, der bereits zwei Mal in der Geschichte widerlegt werden konnte. Noch um 1930 zählte die Hypnose zur Parapsychologie und wurde von Psychologen als Behandlungsmethode abgelehnt. Heute ist sie aus der Therapie nicht mehr weg zu denken. Selbes gilt für die Meditation, ebenso zunächst für Unfug gehalten, ist heute dieser Einfluss aus Fernost, Bestandteil der Erforschung veränderter Bewusstseinszustände und dringt immer mehr in alle Bereiche unseres fortschrittlichen und teilweise viel zu schnellen Lebens vor. Als Entspannungs-, Entschleunigung- und/oder Konzentrationstraining macht Meditation heute auch nicht mehr vor den Chefetagen von großen Konzernen halt.

Hätten die Ärzte des Sanatoriums sich etwas offener in dieser Hinsicht gezeigt, wäre vielen Menschen eine Menge Leid erspart geblieben.

SECHS

Am nächsten Morgen nehme ich mir kaum Zeit für ein ausgiebiges Frühstück, ich dränge meinen „Onkel“ wegen des Termins bei Rechtsanwalt Dr. Hoffmann, möchte endlich wissen was es mit der Bemerkung von ihm auf sich hat.

Der Anwalt empfängt uns in seiner exklusiven Münchner Kanzlei, die direkt am Karls-platz genannt „Stachus“ gegenüber dem Justizpalast liegt. Er begrüßt uns immer noch mitgenommen vom Tod meiner Eltern, aber doch erfreut uns zu sehen und wünscht mir sein herzlichstes Beileid. Ich sehe ihm an, dass ihn die Nachricht vom Tod meiner Eltern sehr getroffen hat, war er doch einer der engsten Freunde meiner Eltern. Wortlos übergibt er mir einen Umschlag, er enthält den Schließfachschlüssel unserer Hausbank. Hastig öffne ich ihn und entnehme ihm des Weiteren einen Brief, sofort erkenne ich die schöne Handschrift meines Vaters und meine Augen füllen sich mit Tränen.

Mein Mädchen, (er nannte mich immer nur liebevoll mein Mädchen)

wenn Du diese Zeilen in Deinen Händen hältst, ist etwas Schreckliches geschehen und Deine Mutter und ich sind nicht mehr am Leben.

Ich habe Dir nie alles über Deine wundervolle Genesung erzählt, möchte das hier auch nicht tun, wende Dich bitte an Onkel Juan, der wird Dir alles erklären was Du wissen musst.

Jetzt ist jedoch das eingetreten, vor dem ich seit Jahren in Angst lebe, die Russen haben die Forschung von Onkel Juan weitergeführt und sie wollen Dich und ihn zurück! Seit Jahren sind sie auf der Suche nach Onkel Juan um ihn zum Weiterführen seiner Forschungen zu zwingen, mir ist es jedoch gelungen, den Professor vor ihnen zu verbergen. In den letzten Wochen ist mir aber zu Ohren gekommen, dass sie Dich ausfindig gemacht haben, warum sie Dich unbedingt wieder zurück wollen, konnte ich bis heute nicht herausfinden.

Du wirst dich jetzt sicher fragen, woher ich das alles weiß.

Ich habe, seit die ersten Mutationen bei Dir eingesetzt haben, über Kontakte, die ich Dir später noch nennen werde herausgefunden, dass die Russen auch ohne Onkel Juan weiter mit Genmanipulation experimentieren und dies auf eine sehr illegale Weise. Die letzten Jahre haben Deine Mutter und ich viel Geld dafür eingesetzt, Labore, in denen illegale Genmanipulationen an Menschen vorgenommen werden zu zerschlagen. Dadurch sind wir ins Schussfeld von skrupellosen Menschen geraten, die alles daran setzen, uns zu beseitigen.

Wir hatten vor, Dir an Deinem 25. Geburtstag alles zu erzählen und mit Dir und Onkel Juan zu verschwinden, die ganze Angelegenheit wird zu gefährlich. Bitte mach Onkel Juan keine Vorwürfe, er wusste nichts von unseren Aktivitäten, er hätte sich lieber freiwillig gestellt, als uns alle in Gefahr zu bringen.

Du musst untertauchen mein Mädchen, verkaufe über Peter, wenn nötig, unseren gesamten Besitz! Im Schließfach wirst Du einen Ausweis für Dich finden, nutzte ihn und lass Dich irgendwo nieder, wo Dich niemand kennt.

Es gibt jetzt nur noch vier Menschen auf der Welt, auf die Du Dich zu Hundertprozent verlassen kannst.

Rechtsanwalt Dr. Peter Hoffmann

Onkel Juan

MAD Major Michael Berger – seine Adresse befindet sich im Schließfach, er kann Dich über meine Versuche, illegale Genlabore ausfindig zu machen informieren.

Dmitri Godunow – auch seine Adresse findest Du im Schließfach, er ist ein russischer Journalist und steht auf unserer Seite.

Dies sind die schwierigsten Zeilen, die ich je in meinem Leben schreiben musste, denn Du mein Mädchen wirst sie nur dann zu Lesen bekommen,

wenn ich und Deine Mutter nicht mehr leben sollten.

Ich hoffe Du weißt, dass Du für Mam und mich immer eine große Freunde warst, wir lieben Dich über alles und hoffen, dass es uns mit diesem Brief und den Informationen im Schließfach gelingt, wenigstens Dich vor dem gleichen Schicksal zu bewahren.

Eine letzte Bitte mein Mädchen, auch wenn es Dir schwer fällt, komme bitte nicht auf unsere Beerdigung, unsere Mörder werden sicherlich dort sein um auch Dich zu erwischen.

In Liebe Dein Dich immer liebender

Vater

Wortlos reiche ich den Brief an „Onkel“ Juan weiter, während mir unaufhaltsam die Tränen über das Gesicht laufen. Rechtsanwalt Dr. Peter Hoffmann nimmt mich in den Arm und ich weine bittere Tränen, der Verlust und der Schmerz sind so stark, dass ich mich nicht mehr beherrschen kann.

Mein Vater hat gewusst, was auf ihn, auf uns zukommt, er wollte noch am selben Abend meines Geburtstages, mit meiner Mutter und mir verschwinden, ein paar Stunden später und wir hätten noch zusammen sein können. Das Ganze ist so unfassbar für mich, ich bin keines vernünftigen Gedankens mehr fähig und lasse mich einfach in meinen Schmerz fallen.

Es dauert lange, bis ich mich wieder einigermaßen beruhigen kann. Schniefend bitte ich Rechtsanwalt Hoffmann, alle Konten aufzulösen und stelle ihm eine Generalvoll-macht für unser Unternehmen aus. Er soll kommissarisch die Geschäfte leiten, bis er einen geeigneten Käufer gefunden hat. Ferner bitte ich ihn um die Veräußerung aller Immobilien, aller Fahrzeuge sowie den Learjet. Bevor er irgendetwas einwenden kann, übergebe ich auch ihm den Brief meines Vaters und als er ihn gelesen hat, sieht er mich blass, aber gefasst an und versichert mir, dass er alles zu meiner Zufriedenheit erledigen wird.

Zum Schluss bitte ich ihn noch, alle Gegenstände und Möbel, die sich in der Villa meiner Eltern befinden einzulagern, ich habe im Moment nicht die Kraft, das Haus, mein Elternhaus, mein Zuhause, noch einmal zu betreten und mache mich mit dem Professor auf den Weg zur Bank. Wir sprechen kein Wort, bis wir in dem Raum, mit den Schließfächern allein sind.

>>Du solltest auch nicht zur Beerdigung meiner Eltern gehen<<, wende ich mich mit tonloser Stimme an den Professor.

Diesmal ist es mein „Onkel“, der zusammenbricht, weinend lässt er sich auf einem der bereitgestellten Stühle nieder und verbirgt das Gesicht in seinen Händen. >>Ich bin schuld, sie waren hinter mir her<<, höre ich ihn leise schluchzen.

Es schmerzt mich sehr, den zwar von Statur schmächtigen Asiaten, aber mental sehr starken Mann zusammenbrechen zu sehen. Ich sehe seine Schultern erzittern, sein langer schwarzer Zopf fällt nach vorne über die Schulter und ich höre ihn vor Schmerz wimmern. Tränen laufen unaufhaltsam über sein schönes, weich gezeichnetes Gesicht. Seine schmalen, etwas schräg stehenden Augen röten sich und zeigen einen kaum zu ertragenden Kummer.

>>Nein das glaube ich nicht „Onkel“ Juan<<, ich lege den Arm um ihn und spreche leise auf ihn ein. >>Für mich stellt sich das eher so dar, als ob diese Leute hinter mir her gewesen wären. Damit hat mein Vater bestimmt recht, warum ist mir auch nicht klar, aber das werde ich noch heraus bekommen. Dich trifft keine Schuld „Onkel“, bitte denke nicht an so etwas, du hast mir mein Leben wieder geschenkt, ohne dich würde ich nicht hier stehen. Auch mein Vater hat das immer so gesehen, meine Familie ist dir zu großem Dank verpflichtet. Lass uns nachsehen, was wir im Schließfach finden<<, ermutige ich den Professor, der sich langsam vom Stuhl erhebt und mit mir zusammen den Inhalt des Faches begutachtet.

Es kommen zwei dicke Ordner zum Vorschein, ich schlage sie kurz auf, reiche sie dann jedoch an "Onkel" Juan weiter, nachdem ein kurzer Blick gezeigt hat, dass es darin nur um Gentechnik, Forschung und die Manipulation von DNA geht. Des Weiteren befinden sich drei Ausweise, jeweils mit aktuellen Fotos von mir, meiner Mutter und von meinem Vater darin, ausgestellt auf die Namen Natascha, Olga und Nicolai Petrow, wollte mein Vater in Russland untertauchen?

Eigentlich hatte ich Antworten erwartet, aber es ergeben sich immer nur neue Fragen. Der Pass mit dem Namen Natascha trägt mein Bild. Im Schließfach befinden sich des Weiteren, eine Menge Bargeld und ein Umschlag mit den Adressen und Telefonnummern der Verbindungsleute, die mein Vater bereits im Brief erwähnt hatte. Resigniert stecke ich alles in meine Tasche, nehme mir allerdings fest vor, mich schnellstmöglich mit MAD Major Michael Berger in Verbindung zu setzen, vielleicht kann er mir einige Fragen beantworten.

Wieder in der Wohnung meines „Onkels“ angekommen, mache ich mich daran, eine Kleinigkeit zum Essen zu zubereiten, während der Professor mit den beiden Ordnern aus dem Schließfach ins Wohnzimmer verschwindet.

Die einfache Tätigkeit der Essenszubereitung tut mir gut, sie lenkt mich von meinem Schmerz ab. In den letzten paar Stunden ist meine Welt völlig aus den Fugen geraten, gerade noch war ich das wohlbehütet, aufwachsende Mädchen, der die ganze Welt offen steht. Ich musste mich nicht mit finanziellen oder familiären Problemen herumschlagen, im Gegenteil, mein Leben war ein einziger Spielplatz. Mir ist immer alles zugeflogen. Abgesehen von meinem schweren Unfall, hätte ich geschworen, neben dem Wort Glückspilz im Duden befindet sich mein Bild und nun, von einem Tag auf den anderen ist alles vorbei.

Ich bin völlig allein, werde wahrscheinlich von skrupellosen, zu allem bereiten Männern gesucht, habe mein Heim, meine Familie, einfach alles, was mir bis dahin lieb und wichtig war, verloren. Während mir diese Gedanken kommen, fühle ich mich, als würde ich neben mir stehen, mich das alles gar nicht betreffen. Wie schön wäre das, wenn alles nur ein böser Traum wäre, ich plötzlich aufwache und meine Mutter steht an meinem Bett und ruft mir lächelnd zu.

Alles liebe zum Geburtstag!

In diesem Moment wird mir sehr deutlich klar, dass ich die Stimme meiner Mutter nie wieder hören werde, nie mehr in ihre wunderschönen grünen Augen sehen darf und diese Erkenntnis lässt mich weinend zusammen brechen.