SHIT HAPPENDS - K. Krista - E-Book

SHIT HAPPENDS E-Book

K. Krista

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Beschreibung

SHIT HAPPENDS (Scheiße passiert), ist unter anderem ein Erklärungsversuch dafür, wie schnell ein Leben bergab gehen kann, wenn man die falschen Weichen stellt. Blutjung lernt Chris ihre "große Liebe" kennen. Sie bemerkt nicht, dass er sie nur benutzt. Als die Beziehung endet, fällt Chris in ein tiefes Loch. Es dauert Jahre, bis sie wieder heraus findet. Der Weg führt sie in die Drogensucht, die Prostitution und in den Knast. Sie ist keine Sympathieträgerin. Sie agiert egoistisch, rücksichtslos und berechnend, doch ist dies wirklich ihr Charakter?

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 352

Veröffentlichungsjahr: 2022

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K. Krista

SHIT HAPPENDS

ONCE UPON THE TIME

 

 

 

Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis

Titel

Über das Buch

EINS

ZWEI

DREI

VIER

FÜNF

SECHS

SIEBEN

ACHT

NEUN

ZEHN

ELF

ZWÖLF

DREIZEHN

VIERZEHN

FÜNFZEHN

SECHZEHN

SIEBZEHN

ACHZEHN

NEUNZEHN

ZWANZIG

EINUNDZWANZIG

ZWEIUNDZWANZIG

DREIUNDZWANZIG

VIERUNDZWANZIG

FÜNFUNDZWANZIG

SECHSUNDZWANZIG

SIEBENUNDZWANZIG

ACHTUNDZWANZIG

NEUNUNDZWANZIG

DREISSIG

EINUNDDREISSIG

ZWEIUNDDREISSIG

DREIUNDREISSIG

VIERUNDDREISSIG

FÜNFUNDDREISSIG

SECHSUNDDREISSIG

SIEBENUNDDREISSIG

Impressum neobooks

Über das Buch

Die Protagonistin dieses Buches ist kein Sympathieträger.

Sie agiert egoistisch, ihr Verhalten erscheint teileweise rücksichtslos und berechnend, doch ist das wirklich ihr Charakter?

Sie ist die typische „Antiheldin“.

SHIT HAPPENDS (Scheiße passiert), ist unter anderem ein Erklärungsversuch dafür, warum sie genauso gehandelt hat, wie es in diesem Buch erzählt wird. Ihre Handlungen zu billigen, wäre zu viel verlangt, doch vielleicht findet sich der eine, oder andere Leser, der Verständnis für ihr Handeln aufbringen kann, auch wenn er, oder sie, in der gleichen Situation, wahrscheinlich einen völlig anderen Weg eingeschlagen hätte.

Dieser Roman ist in großen Teilen autobiografisch.

Warum nicht zu Hundertprozent?

Unsere Erinnerungen entsprechen in den seltensten Fällen, eins zu eins den Begebenheiten, wie sie tatsächlich geschehen sind. Es werden Dinge wegelassen, oder schlicht vergessen. Rückblickend neigen wir dazu, die Dinge zu beschönigen, ob bewusst, oder unterbewusst ist uns dabei oft nicht klar. Die Vergangenheit, wie wir uns an sie erinnern gab es so wahrscheinlich nie, deshalb kann dieses Buch, die Begebenheiten, nur so authentisch wie möglich wiedergeben.

Was jedoch mit Sicherheit gesagt werden kann, es wurde nichts, aber auch gar nicht beschönigt.

SHIT HAPPENDS

ONCE UPON A TIME

Wie alles begann

Ein Roman

von

K. Krista

Man sollte eigentlich im Leben niemals

die gleiche Dummheit zweimal machen,

denn die Auswahl ist zu groß.

Bertrand Russel

***

Meine schlechtesten Entscheidungen

waren alle bestens durchdacht.

Unbekannt

EINS

Es ist einer dieser unsäglichen Sonntagnachmittage, wieder einmal weiß ich nichts mit mir anzufangen. Gelangweilt laufe ich durch meine Heimatstadt Augsburg und stehe plötzlich vor dem Spielsalon „Silberdollar“.

Wie bin ich hierhergekommen?

Ich kann mich nicht erinnern, diesen Weg eingeschlagen zu haben. Der Dealer hatte recht, drei Dias* sind zu viel, er hat mich gewarnt, die Einnahme kann zu Gedächtnislücken führen. Danke für die Warnung, Arschloch.

Dieser Scheißkerl hat mir 5,00 DM pro Tablette abgenommen, der normale Preis sind 2,00 DM. Sonntagsaufschlag, meinte er lapidar, weil keine Konkurrenz unterwegs ist, ich kann ja versuchen woanders was zu bekommen, grinste er mich süffisant an, wohl wissend, dass es an Sonntagen immer schwer ist etwas aufzutreiben und das nutzt der Typ gnadenlos aus.

Wow, das ist ja geradezu lächerlich, daran kann ich mich erinnern, aber wie ich den Weg von zu Hause bis hierher geschafft habe, daran erinnere ich mich nicht. Na ja was soll´s, so ereignisreich ist mein Leben nicht, dass ich mich an jede Minute erinnern müsste. Ich bin 17 Jahre alt, rebelliere gegen mein völlig verarmtes Elternhaus, aus dem ich lieber heute als morgen ausziehen würde und verbringe meine Zeit in Kneipen und Spielhallen.

Das war nicht immer so, aber in diesem Sommer bin ich „lebensmüde“.

Nicht dass ich mir Gedanken darüber mache, meinem Leben ein Ende zu setzen, dafür bin ich viel zu feige. Ich bin im wahrsten Sinne des Wortes einfach müde, mutlos, kraftlos, empfinde mein Leben als sinnlos. „Des Lebens müde“, so theatralisch sich dieser Spruch auch anhört, beschreibt er doch genau meine seelische Verfassung. Nichts erscheint es mir wert, dass es sich lohnt dafür zu kämpfen, dass ich irgendetwas erreichen möchte. Ja ich habe nicht einmal einen Berufswunsch, manchmal macht mich meine Perspektivlosigkeit einfach nur wütend, doch anstatt diese Wut herauszulassen, unterdrücke ich sie, ja ich ersticke sie geradezu, indem ich jegliches Gefühl in mir durch den Konsum von Alkohol, oder Tabletten abtöte. Dass ich gerade durch diese Einstellung, zwar langsam, aber sicher, in den Selbstmord laufe, entbehrt nicht einer gewissen Ironie und sollte mir erst später, fast zu spät, bewusst werden.

Ich stoße die Türe zum Spielsalon auf und mir schallt beim Betreten, in kaum vertretbarer Lautstärke, Wolfgang Petri entgegen, woran ich sofort erkenne, dass Uschi heute hinter der Theke steht und schon recht gut getankt hat.

*Diazepam - Arzneistoff aus der Gruppe der Benzodiazepine. Anwendungsgebiete: Angstzustände und als Schlafmittel. Nebenwirkungen: Wahnvorstellungen, Psychosen, zum Teil extreme Verhaltensstörungen. Niemals in Verbindung mit Alkohol einnehmen.

Laute Musik ist, laut Ali, dem Besitzer, absolut verboten, was mich des Weiteren schlussfolgern lässt, dass Ali nicht da ist. Uschi hat immer ihre Wolfgang Petri Kassette dabei wenn sie im Silberdollar bedient, ihr Musikgeschmack, übrigens der einzige Nachteil an ihr, soweit ich das beurteilen kann.

Uschi ist eine kleine zierliche Person mit der man sehr viel Spaß haben kann, abgesehen von ihrem Musikgeschmack, aber ich wiederhole mich. Für die Arbeit hinter der Theke ist sie viel zu gutmütig und eigentlich ihr bester Gast. Das Geld, welches sie hier im Silberdollar verdient, lässt sie mit Sicherheit komplett, in Form von Alkoholika wieder im Spielsalon liegen. Bei ihr kann man auch mal Getränke anschreiben lassen, was bei meiner und nicht nur bei meiner finanziellen Situation, schon oft von Vorteil war. Es verkehren hier nicht ausschließlich nur Menschen, die am Rande der Gesellschaft leben, aber der Eine, oder Andere hat schon mal einen Zahlungsengpass. Manchmal ist einfach noch zu viel Monat für das zur Verfügung stehende Geld übrig. Da freut sich so mancher Gast, wenn die Uschi hier ist, auch habe ich schon mitbekommen, dass sie die eine oder andere kleine Zeche aus ihrer eigenen Tasche bezahlt.

Bei Ali, dem Pächter des Spielsalons, ist Anschreiben nicht möglich. Naja, so pauschal stimmt das auch nicht, aber er sucht sich schon sehr genau aus, wer einen Deckel machen darf und wer nicht. Uschi ist da anders und erstaunlicherweise, selbst wenn es manchmal etwas dauert, hat sie bis heute immer das Geld, welches sie vorgestreckt hat, zurückerhalten.

Ich bleibe an der Eingangstüre stehen und orientiere mich. Meine Bewegungen sind durch die Einnahme der Dias sehr verlangsamt und mein Gesichtsfeld ist leicht eingeschränkt, weshalb ich meinen Kopf weit nach links und rechts drehen muss, um das gesamte Lokal zu überblicken. Links von mir stehen drei Billardtische, einer davon ist von zwei jungen Türken belegt, sie versuchen drei Mädchen durch ihr Machogehabe zu imponieren und dies wohl auch schaffen. Die Mädels im Alter von gerade mal 13 oder 14 Jahren, beobachten hingerissen das Spiel und bekunden durch Ausrufe wie, >>das war ein toller Schuss und ihr spielt verdammt gut<<, ihr Interesse, die Ausrufe werden sogar noch durch lautes Klatschen unterstützt. Man kann es auch übertreiben, denn es ist Offensichtlich, dass ihr Interesse wohl eher den Jungs, als dem Spiel gilt.

Mein Blick schweift ab und bleibt gegenüber der Billardtische am Kicker hängen, an dem sich Thomas, Franz und Lothar ein Match liefern. Sie haben mich noch nicht gesehen, sind viel zu vertieft in ihr Spiel und spielen wahrscheinlich gerade die nächste Runde Bier aus. Ich gehe langsam auf meine Freunde zu. Franz spielt allein gegen Lothar und Thomas. Ich stelle mich neben ihn und jetzt erst bemerken sie mich.

>>Hallo Jungs, kann ich mitspielen, ist doch unfair zwei gegen einen?<<

Ich bin seit einigen Wochen mit Franz zusammen, na ja, zusammen beschreibt unsere Beziehung nicht exakt, wir schlafen miteinander. Er ist ein netter Kerl, besorgt mir meine Tabletten und stellt keine Fragen. Eine oberflächliche Bettgeschichte, die ich auch genauso haben möchte. Freunde mit Sonderleistungen nennt man das wohl heute. Gefühle, oder gar eine Beziehung stehen zurzeit nicht auf meiner Liste.

Franz ist fünf Jahre älter als ich und arbeitet, auf Montage, als umgangssprachlich ausgedrückt „Mastenstreicher“. Er ist manchmal für eine Woche, oft aber auch für 14 Tage unterwegs, je nach Auftrag. Korrosionsschutz ist der professionelle Ausdruck für die Tätigkeit der „Mastenstreicher“, die 50 bis 150m hohe Hochspannungsmasten hinaufklettern und diese dabei mit Farbe gegen Korrosion bepinseln. Diese Tätigkeit ist nicht ungefährlich, die jungen Männer müssen in ausgesprochen guter körperlicher Verfassung sein und absolut schwindelfrei. Übermut und Selbstüberschätzung können das Leben kosten, wobei nichts dagegen spricht, wenn man über etwas Tollkühnheit verfügt, ja geradezu verfügen sollte, um diesen Job auszuüben. Die Sicherheitsvorkehrungen sind zwar sehr hoch, ohne Sicherheitsgurt darf man sich auf den Trassen nicht bewegen, da ein kleiner Farbklecks genügt um darauf auszurutschen und in die Tiefe zu stürzen.

Soviel zur Theorie, die Praxis, bzw. die Realität sieht jedoch anders aus. Aus Erzählungen weiß ich, dass diese Tätigkeit im Akkord durchgeführt wird, die Leitungen können stellenweise nur für wenige Minuten abgeschaltet werden, um zum Beispiel den Bahnverkehr nicht allzu lange zu behindern. Die Sicherungsgurte sind störend und verhindern ein zügiges Arbeiten. Der Zeitdruck und die Tatsache, dass es sich bei den Männern fast ausschließlich um junge Männer zwischen 18 und 25 Jahren handelt, die wie in meinem Bekanntenkreis, meist unter Alkohol- oder Drogeneinfluss stehend arbeiten, verleitet sie immer wieder dazu, die Gurte nicht zu benutzten. Der Job wird sehr gut bezahlt, was Franz, wenn er von der Montage nach Hause kommt, in die Lage versetzt, sehr großzügig mit dem Geld um sich zu werfen. Er wohnt ebenso wie ich noch zu Hause und hat somit seinen ganzen Monatslohn zur freien Verfügung. Was in seinem Fall so viel heißt wie Saufen, Kiffen und was ich allerdings erst später erfahren sollte - sniefen*.

Franz sieht mich mit verklärtem Blick an, das Bier neben ihm ist wohl nicht sein erstes. >>Klar kannst du mir helfen, die Beiden wollen mich abzocken, der Himmel schickt dich<<, erwidert er auf meine Frage lachend.

Auch Lothar und Thomas freuen sich über mein Erscheinen und begrüßen mich lautstark. >>Ihr habt heute aber schon gut getankt Jungs<<, grinse ich in die Runde und stelle mich zu Franz an den Kicker.

Lothar hält sein Bier hoch und Thomas und Franz stoßen mit ihm an.

>>Mann, Kleines, du hast ja noch gar nichts zu trinken, wir feiern die Entlassung von Thomas aus der Bundeswehr<<, wendet sich Franz an mich, bevor er sich, nicht mehr ganz sicheren Fußes, auf dem Weg zur Theke macht, um mir etwas zu trinken zu besorgen. Ich folge ihm und stelle dabei verwundert fest, dass ich wirklich verdammt langsam unterwegs bin, da Franz sich mit meinem Bier bereits wieder auf dem Rückweg befindet und ich den kurzen Weg bis zur Theke, noch nicht bis zur Hälfte geschafft habe.

>>Hey Chris, was machst du am Flipper? Wir wollen doch Kickern.<<

sniefen - *Milieuausdruck für Schnupfen von Heroin, oder Kokain

Nachdem Franz mein Getränk am Kicker abgestellt hat kommt er auf mich zu und ich bemerke erst jetzt, dass ich in die völlig falsche Richtung gelaufen bin und wieder fehlt mir jede Erinnerung an den Weg dorthin.

Schon wieder ein Aussetzer.

Franz sieht mich zwar verwundert an, stellt aber keine Fragen – das mag ich wirklich sehr an ihm – wir gehen zusammen zum Kicker zurück.

Thomas hält schon ungeduldig sein Weizenglas in der Hand.

>>Was wolltest du denn am Flipper?<<

>>Ich habe mich verlaufen<<, erwidere ich leicht genervt, diese Aussetzer verunsichern mich mehr als ich zugeben möchte. Um von meinem Zustand abzulenken, proste ich den Jungs zu. >>Lasst uns auf deine Entlassung anstoßen und endlich mit dem Spiel beginnen.<< Die Gläser klirren und wir nehmen alle einen großen Schluck aus unseren Getränken.

Unser Team eröffnet das Match. Ich mag dieses Spiel sehr, spiele es sehr oft und für eine Frau auch wirklich gut. Es dauert nicht lange und wir sind von mehreren interessierten Zuschauern umringt, die uns lautstark anfeuern.

Drei jüngere, stark alkoholisierte Männer, die ich noch nie hier gesehen habe, sind aus dem Thekenbereich zu uns an den Kicker gekommen. Der Thekenbereich befindet sich in einem Nebenraum und ist vom eigentlichen Spielsalon abgetrennt. Den Durchgang bildet ein großer Rundbogen durch den man eine sehr gute Sicht auf den Großteil des Spielsalons hat. Die Männer müssen an der Theke direkt in der Öffnung des Rundbogens gesessen haben, um uns von dort aus beim Spiel zu beobachten.

Mir gefällt die Situation nicht, ich sehe diese Typen zum ersten male hier und sie benehmen sich als wären wir beste Freunde. Ständig wird Thomas von dem Kerl neben ihm angefasst, sobald er ein Tor schießt, oder einen guten Ball spielt, hält er Thomas sein Getränk unter die Nase und versucht ihn zum Anzustoßen zu animieren. Es ist offensichtlich, dass er meinen Kumpel zu einer Reaktion provozieren will.

Thomas ist ein sehr ruhiger und freundlicher Mensch, ich glaube, ich habe ihn noch nie aggressiv gesehen, doch diesmal wird seine Geduld auf eine echt harte Probe gestellt. Die Aufdringlichkeit des Typen neben ihm grenzt stark an Belästigung.

Der Kerl ist einen Kopf größer als Thomas, trägt einen extremen Kurzhaarschnitt und ist wesentlich besser gebaut. Was im Grunde nicht viel heißt, da der Körper von Thomas wirklich alles andere als durchtrainiert zu nennen ist.

Er hat schon immer gern Weizen getrunken und während der Bundeswehrzeit hat er diesem Getränk noch viel häufiger zugesprochen, was sich jetzt an einem ziemlich stattlichen Bierbauch bemerkbar macht. Gegen seinen nervenden Nebenmann, sieht er, mit seinen spärlichen blonden Haaren, dem Bauch und seiner ungesunden, weißen Gesichtsfarbe, eher wie ein Opfer, denn ein Gegner aus.

Auch neben Lothar steht ein Kerl, der wie ich aus dem Augenwinkel bemerke, Lothar langsam aber sicher auf die Nerven geht. Auch er mischt sich ständig ein, klopft ihm kumpelhaft auf die Schulter oder kickt ihn vermeintlich freundschaftlich in den Oberarm.

Lothar und Franz sind in demselben Unternehmen beschäftigt und auf Grund dieser Tatsache in ausgesprochen guter körperlicher Verfassung. Lothar taxiert die Nervensäge neben sich mit einem vernichtenden Blick, der jedem anderen sofort davon abgeraten hätte, jetzt auch nur noch einmal eine falsche Bewegung zu machen. Doch die Nervensäge denkt nicht daran aufzuhören, entweder ist er schon zu betrunken, oder größenwahnsinnig, oder beides. Er verstärkt sogar noch seine Anstrengungen Lothar aufzustacheln. Grinst ihn frech an und meint, er solle das Spiel doch besser ihm überlassen und er hätte noch nie einen so blinden Torwart gesehen.

Das war´s dann auch.

Wie ich befürchtet hatte, lässt sich Lothar diesen letzten Kommentar nicht mehr gefallen und schlägt ohne Vorwarnung zu. Seine Faust trifft zielsicher auf die Nase der Nervensäge, der Geschlagene taumelt rückwärts, doch obwohl er Lothar körperlich unterlegen ist und stark aus der Nase blutet, bleibt er erstaunlicherweise auf den Beinen, schüttelte nur kurz den Kopf und meint zu uns allen gewandt, man solle die Unterhaltung besser nach draußen verlegen.

Na bitte, genau das habe ich kommen sehen, als sich diese Idioten zu uns an den Kicker stellten. Das ist ganz sicher nicht mein Tag heute.

Während ich mich mehr an den Kicker klammere, als stehen zu können, erstens wegen des Bieres welches ich während des Spiels getrunken habe und zweitens wegen des Schocks, wie schnell sich die Lage zugespitzt hat, sind die Männer schon auf dem Weg nach draußen. Ich sehe gerade noch, dass Thomas als Letzter den Spielsalon verlässt und folge ihnen nach draußen.

Ich habe kaum die Hälfte des Weges bis zur Türe zurückgelegt, als ich bereits die Sirene der Polizei höre. Das kann doch nicht sein, wie kommen die Bullen so schnell hier her? Weiter komme ich in meinen Gedanken nicht, als ich plötzlich spüre, wie mich jemand am Arm greift und mit sich zerrt.

Es ist Uschi.

>>Komm mit Chris, setz dich zu mir an die Bar, ich habe vor 10 Minuten die Polizei gerufen, wenn du jetzt nach draußen gehst, nehmen die dich mit Sicherheit mit. Jeder Idiot kann sehen, wie breit* du bist. Sei vernünftig, du kannst da draußen nichts machen, die Sache ist schon vorbei. Thomas ist abgehauen, Lothar und Franz haben es den dreien ganz schön besorgt. Ich hätte die Bullen auch raus gelassen, aber auf einmal sehe ich wie einer der Typen ein Messer in der Hand hat und auf Franz losgeht.<<

Als ich mich gegen sie wehre und versuche nach draußen zu meinen Freunden zu kommen, spricht Uschi noch eindringlicher auf mich ein.

>>Bitte Chris, komm mit, dem Franz ist nichts passiert, ich habe gerade noch gesehen, wie er dem Kerl das Messer aus der Hand geschlagen hat und jetzt sind auch die Bullen schon da. Du hilfst doch niemandem, wenn du jetzt nach draußen gehst und die dich auch noch mitnehmen.<<

Energisch zieht Uschi mich an die Bar und schnauzt mich an.

*breit – ebenso wie stoned - Milieuausdruck für – total auf Droge

>>Setzt dich endlich in Bewegung, die Bullen kommen mit Sicherheit auch noch hier rein um die Leute zu befragen, du setzt dich zu mir an die Theke und hast nichts mitgekommen.<<

Energisch stößt sich mich auf einen freien Hocker.

>>Verstehst du überhaupt was ich sage?<<

>>Ja Uschi, danke, ich verstehe dich, ich bin heute nur etwas langsam<<, erwidere ich zerknirscht. Etwas langsam, das ist die Untertreibung des Tages, wenn das stimmt was mir Uschi gerade erzählt hat, habe ich eben um drei Meter Strecke zurückzulegen, 10 Minuten gebraucht. Hatte wohl eher wieder einen Aussetzer, langsam beginnen mich diese Blackouts zu nerven.

Die Einnahme der Dias ist jetzt circa zwei Stunden, oder länger her, langsam sollte die Wirkung nachlassen, doch ich habe im Moment das Gefühl, als ob sie noch zunimmt. Wird wohl am Alkohol liegen, liest man ja in jedem Beipackzettel - bitte nicht mit Alkohol einnehmen, da dies die Wirkung des Medikaments verstärken kann – oder so ähnlich.

Da Uschi zwar mitbekommen hat, dass ich wohl irgendeine Droge genommen habe, aber nicht welche, stellt sie mir ein Bier hin, ich kläre sie nicht auf. Schlimmer kann es heute sowieso nicht mehr werden, ich nehme einen großen Schluck aus meinem Bier und drehe mich zum Fenster, um nachzusehen, was draußen passiert. Eigentlich sollte ich jetzt bei meinem Freund sein, aber ich muss Uschi recht geben, wenn die Bullen mich so sehen nehmen die mich gleich mit. Es sind zwei Streifenwagen und ein VW-Bus vorgefahren. Da draußen wimmelt es von Polizei, ein wahnsinniges Durcheinander. Ich muss mich zusammenreißen, bin wirklich viel zu breit. Mein Gesicht spiegelt sich in der Fensterscheibe und ich stelle zu meinem Entsetzen fest, dass ich nach draußen grinse und an meinen Fingern die Anzahl der Bullen abzähle. Alles so schön grün hier.

Das ist das letzte Mal, dass ich Dias genommen habe, schwöre ich in Gedanken, das Zeug macht einen völligen Idioten aus mir.

Während die Polizei die Streithähne an Handschellen gefesselt in die Streifenwagen verfrachtet, gelingt es mir nur unter Aufbietung all meiner Kräfte, mich von dem Geschehen abzuwenden und dem Fenster den Rücken zu zukehren. Uschi wirft mir einen viel sagenden Blick zu, der wohl bedeuten soll, reiß dich zusammen.

Was denkt die denn, dass mir dieser Zustand Spaß macht?

Ich verstärke meine Anstrengung noch und es gelingt mir, einigermaßen normal zu erscheinen. Bloß nicht wieder blöde zu grinsen anfangen. Ich nehme noch einen kräftigen Schluck von meinem Bier und sehe aus dem Augenwinkel auch schon wie zwei Polizeibeamte beginnen die Gäste zu befragen, ob jemand mitbekommen hat und um was es da draußen ging.

Scheiße, wenn die jetzt zu mir kommen ist es aus. Die nehmen mich zu einer Blutprobe mit und ich bin wegen Verstoß gegen das BTMG* dran. Uschi gibt mir ein Zeichen und ich verstehe Gott sei Dank sofort was sie meint, lege meinen Kopf auf die Theke und spiele tote Maus. Da höre ich auch schon, wie sie mit einem der beiden Beamten spricht.

>>Die hat überhaupt nichts mitbekommen, ist eine Freundin von mir. Hat ein bisschen viel getankt heute. Ich habe gleich Schichtende und bringe sie dann nach Hause. Sie schläft schon seit einer halben Stunde, die hat sicher nichts mitbekommen<<, säuselt sie dem Beamten an.

Die nun entstehende Gesprächspause, kommt mir unendlich lange vor. Er lässt Uschi noch eine Visitenkarte da, falls ihr oder mir doch noch etwas einfallen sollte und verlässt mit seinem Kollegen den Spielsalon. Eine gefühlte Ewigkeit später, spüre ich Uschis Hand auf meinem Arm und hebe langsam den Kopf. In Echtzeit sind wohl gerade mal zwei Minuten vergangen, denn aus dem Augenwinkel kann ich sehen, dass das Polizeifahrzeug noch nicht weggefahren ist.

>>Mann Chris, das war knapp. Ich dachte schon die wollen überhaupt nicht mehr gehen.<<

>>Danke dir Uschi, du hast mir den Arsch gerettet. Das hätte ich jetzt wirklich nicht brauchen können. Gib mir bitte noch einen Asbach, auf den Schreck brauche ich jetzt einen Kurzen.<<

>>Hier dein Getränk, eigentlich siehst du ja eher aus, als hättest du heute schon genug.<< Uschi zögert kurz, stellt mir aber dann doch den Asbach hin, sie muss Umsatz machen, sonst wechselt Ali sie schneller aus, als sie Prost sagen kann.

>>Es war nicht alles gelogen was ich dem Bullen erzählt habe, ich mache wirklich gleich Schluss für heute, der Ali müsste in einer halben Stunde da sein, ich könnte dich dann bei dir zu Hause absetzen, wäre kein Umweg für mich.<<

>>Danke, aber ich will noch nicht nach Hause, ist noch früh am Abend und meine Alten sind noch nicht im Bett, denen will ich heute nicht auch noch über den Weg laufen.<<

>>Dann komm doch mit zu mir nach Hause, kannst dich ausschlafen und morgen früh wird sich der Franz dann sicher bei dir melden. Die behalten ihn ja höchstens für eine Nacht drin, wegen einer Schlägerei geht der nicht gleich in U-Haft<<, versucht sie mich besorgt zum Mitgehen zu bewegen.

>>Hast ja recht und ich danke dir auch für das Angebot, aber ich bleibe lieber noch ein bisschen hier. Das hier ist auch mein letzter Alkohol, versprochen, mir reicht es für heute, ich bleibe nicht mehr lange. Danke noch mal für alles, hast was gut bei mir.<<

ZWEI

Scheiße, ich muss eingeschlafen sein, was quatschen die Typen da neben mir?

Wo kommen die überhaupt her?

Und warum sitze ich am Billardtisch?

Bereits der vierte Aussetzer.

Ich sollte sehen, dass ich nach Hause komme, wer weiß wo ich heute sonst noch lande. Lässt die Wirkung denn überhaupt nicht mehr nach?

Was höre ich da? Koks? München? Was quatschen die da?

>>He Jungs, ihr solltet hier besser nicht so laut von Koks quatschen, gerade eben war die Bude noch voller Bullen, vielleicht kommen sie ja noch einmal vorbei.<<

Beide lachen und der eine meint, das sei schon mindestens eine Stunde her.

Jetzt erst erkenne ich sie wieder, das sind die zwei jungen Türken, die ich schon beim Reinkommen gesehen habe.

>>Na habt ihr die Mädels verscheucht, haben es wohl mit der Angst zu tun bekommen bei eurem Machogehabe?<<

>>Die waren viel zu jung für uns, wir stehen nicht auf so junges Gemüse. Hast du denn heute noch was vor? Wir fahren gleich nach München in eine Disco, ein bisschen koksen und die Sau raus lassen, hast nicht Lust mit zukommen?<<

Koks würde mich wieder auf die Beine bringen, aber mit zwei Türken allein nach München fahren? >>Habt ihr das Koks denn hier?<<

>>Nein wir besorgen erst in München welches<<, entgegnet einer der Jungs.

Nicht gut.

Ich war in München noch nie in einer Disco, soll schon der Bär los sein in der bayrischen Hauptstadt, kein Vergleich mit Augsburg, es fällt mir sehr schwer rational zu denken, mein Hirn fühlt sich an wie eine dicke neblige Suppe.

Die beiden scheinen zu bemerken, dass ich über ihren Vorschlag nachdenke und beginnen auf mich einzureden.

>>Wir bleiben auch nicht sehr lange, besorgen uns was zu sniefen, gehen für zwei Stunden in die Disco und fahren dich dann direkt nach Hause. Komm mach den Spaß doch mit, wir holen unterwegs auch noch ein weiteres Mädchen ab, damit du nicht so alleine bist<<, fordern die Jungs mich freundlich auf.

Ich bin wohl eine totale Idiotin. Ist das nicht genau die Situation vor der mich meine Mutter immer gewarnt hat? Gehe nie mit einem fremden Mann mit und das hier sind gleich zwei. Ich habe die Jungs noch nie hier gesehen, aber nach diesem Scheiß Tag habe ich jetzt richtig Lust auf ein bisschen Koks und Spaß.

Ich erhebe mich und wende mich dem Ausgang zu.

>>Also los, auf was wartet ihr noch?<<

Das lassen sich die beiden jungen Männer nicht zweimal sagen, sie bezahlen ihre Zeche und schon sitzen wir im Auto. So kommt es mir zumindest vor, aber auf mein Zeitgefühl ist heute kein Verlass, wie ich den ganzen Tag schon feststellen durfte.

Die Jungs haben mich auf den Rücksitz verfrachtet, ehrlich, wie ich da hingekommen bin weiß ich nicht mehr. Ich bekomme noch mit, wie wir durch Augsburg kurven und dann ist mal wieder ein Blackout angesagt, denn als ich wieder zu mir komme ist es draußen stockdunkel, in weiter Ferne sehe ich eine Straßenlaterne aber um mich und das Fahrzeug herum, kein Mensch, keine Autos, keine Häuser, wir stehen irgendwo am Arsch der Welt.

Die Beifahrertüre öffnet sich, einer der Typen steigt aus, kommt zu mir nach hinten und plötzlich wird mir eiskalt bewusst was jetzt folgt. Er greift sofort nach meinen Händen und versucht beruhigend auf mich einzureden, so was in der Art wie, ist alles nicht so schlimm, stell dich nicht so an und ähnlichen Mist. Ich spüre wie mein Adrenalinspiegel steigt, wie die Wut auf mich selbst und auf die beiden Typen in mir hoch kocht, keine Spur mehr von Müdigkeit, oder Desorientierung, in diesem Moment bin ich total klar. Ich trete um mich und schaffe es irgendwie gleichzeitig die Fahrzeugtüre zu öffnen, Gott sei Dank ein PKW mit vier Türen. Ich falle mehr, als dass ich aus dem Fahrzeug springe und laufe los. Während ich renne wird mir bewusst, dass ich hier über einen Acker laufe, es ist keine Menschenseele in der Nähe, verdammt noch mal wo bin ich überhaupt?

Während ich mich noch zu orientieren versuche, spüre ich schon eine Hand in meinem Rücken, sie krallt sich in meiner Jacke fest und zieht mich mit aller Gewalt zurück. Ich stürze, aus und vorbei, ich beginne zu weinen, als ob dies einen Wert hätte. Soll er Mitleid mit mir bekommen? Lächerlich.

Es sind meine Nerven die für einen Moment versagen. Er schafft es natürlich mich wieder ins Fahrzeug zu verfrachten, redet auf mich ein und versucht mir die Kleider vom Leib zu reißen, was er auch schafft, meine Bluse hängt inzwischen nur noch in Fetzen, ich höre nicht auf zu Heulen, irgendwie muss da ein Damm gebrochen sein, ich kann nicht aufhören zu weinen, allerdings höre ich auch nicht auf mich zu wehren, ich kratze, ich beiße, ich trete. Er kommt nicht an mich heran, plötzlich lässt er von mir ab und ich atme auf.

Zu früh, viel zu früh, der zweite Kerl mischt sich ein, wie konnte ich nur vergessen, dass die zu zweit sind, ich trete kräftiger, wehre mich mit Händen und Füßen, gebärde mich wie eine Wilde, sie schaffen es zu zweit nicht mich zu bändigen. Ganz plötzlich lässt einer von ihnen von mir ab, ich verstärke meine Anstrengungen gegen den verbliebenen Angreifer noch, als ich plötzlich einen kalten und scharfen Gegenstand an meinem Hals spüre. Die Worte die dann folgen werde ich in meinem Leben nie mehr vergessen.

>>Wenn du überleben willst dann höre jetzt sofort auf dich zu wehren, sonst bringe ich dich um.<< Einer der Vergewaltiger hält ein Messer an meinen Hals und verstärkt den Druck bis er spürt, dass meine Gegenwehr erlahmt. Noch heute, viele Jahre nach diesem Erlebnis, überlege ich, ob ich mich weiter hätte wehren sollen?

Hätte ich das Risiko eingehen sollen?

Ich tat es nicht und habe überlebt, aber würde ich heute noch einmal in dieselbe Situation kommen, ich denke, ich würde bis zum Tode kämpfen. Ich habe in den letzten Jahren viel Schmerz und Verlust kennen lernen müssen, aber nichts wiegt so schwer und ist so schwer zu verarbeiten, wie die Erniedrigung und Hilflosigkeit, die bei einer Vergewaltigung empfunden wird. Sie begleitet dich dein gesamtes Leben. Du lernst mit dem Geschehenen zu Leben und irgendwie verarbeitest du es auch, aber vergessen wirst du die Vergewaltigung nie und es wird auch nach Jahren nicht leichter sich ihrer zu erinnern.

Während ich mich mit allen mir zur Verfügung stehenden Kräften gewehrt habe, waren meine Tränen versiegt, nun, da mir bewusst wird, dass ich verloren habe, beginnen sie wieder zu fließen. Lautlos rinnen die Tränen über mein Gesicht, ich schalte ab. Jede Gegenwehr ist zwecklos, ich komme gegen zwei Männer nicht an.

Ich habe es wohl den Dias zu verdanken, dass mein Gehirn nur noch wahr nimmt wie sie sich Gummis überziehen, bevor sie nacheinander in mich eindringen.

An den genauen Hergang der Vergewaltigung fehlt mir jede Erinnerung, was mir im Nachhinein gesehen vielleicht dabei geholfen hat, diese einigermaßen zu verarbeiten. Dies und die Tatsache, dass ich bereits sexuellen Kontakt hatte. Anderenfalls denke ich, wäre dies das Aus für meine heterosexuelle Ausrichtung gewesen. Es sollte dennoch eine Weile dauern, bis ich wieder einen Mann an mich ranlassen würde.

Dass die Typen Gummis benutzt haben, lässt für mich den Schluss zu, dass sie dies wohl schon öfter gemacht haben, nur keine Spuren hinterlassen. Auch die Tatsache, wie professionell sie vorgegangen sind bestärkt meine Annahme.

Rückblickend gehe ich davon aus, dass mich wohl wechselseitig einer festgehalten haben muss, während der andere mich vergewaltigte. Ich hatte jede Gegenwehr aufgegeben, ich wünsche mir nur noch, dass es ein Ende hat. Irgendein Ende. Zu diesem Zeitpunkt ist es mir sogar egal ob sie mich danach töten, mein Widerstand ist gebrochen und mein Geist abgeschaltet.

Irgendwann lassen sie von mir ab und ich bemerke, dass wir wieder fahren. Der Typ auf dem Beifahrersitz spricht ständig auf mich ein. Zunächst verstehe ich überhaupt nicht was er von mir will, erst langsam dringt seine Stimme zu mir durch und ich sehe auch wieder Straßen und Häuser, ich erkenne zwar die Gegend noch nicht, aber wir sind auf dem Weg nach Hause.

Nach Hause? Wie komme ich denn darauf?

Jetzt erst verstehe ich warum der Typ ständig auf mich einredet, er will wissen wo ich wohne.

>>Bitte Mädchen, hör hoch auf zu weinen, sag uns wo du wohnst, wir bringen dich nach Hause. Es war doch gar nicht so schlimm, jetzt weine doch nicht die ganze Zeit, wir sind gleich am Spielsalon, wo wohnst du denn?<<

Ich weine immer noch?

Jetzt fällt mir auf, dass mein Gesicht, mein Hals, mein Dekolletee nass vor Tränen ist. Mühsam und mit zitterten Händen raffe ich meine zerrissene Bluse über meinen Brüsten zusammen. >>Wie spät ist es?<< Frage ich mit tonloser, für mich kaum als meine Stimme erkennbar, nach.

>>Drei Uhr morgens.<<

>>Fahrt am Spielsalon vorbei, die nächste links bis hoch zur Kreuzung, dann wieder links und rechts an der Bushaltestelle, könnt ihr mich raus lassen.<<

Die fahren mich tatsächlich nach Hause, jetzt fehlt nur noch, dass sie sich entschuldigen, der Typ geht mir tierisch auf die Nerven mit seinem, ist doch nicht so schlimm, Gequatsche. Hätte ich jetzt eine Pistole, oder sein Messer, dann würde ich ihm zeigen was nicht so schlimm ist.

Kaum hält das Fahrzeug an der Bushaltestelle an, springe ich auch schon aus dem Wagen, wer weiß, vielleicht überlegen sie es sich doch noch anders. Kein Gedanke daran, mir das Kennzeichen, oder den Autotyp zu merken, nur weg!

Den kurzen Weg bis zu meiner elterlichen Wohnung renne ich so schnell ich kann, die Haustüre ist, Gott sei Dank, nicht abgeschlossen, sodass ich nur die Wohnungstüre aufschließen muss. Ich bin trotz meiner körperlichen und seelischen Anspannung sehr leise, da ich nicht möchte, dass meine Eltern etwas mitbekommen, bzw. meine Kleidung sehen. Ein Blick in den Spiegel zeigt mir, dass ich fürchterlich aussehe. Mein Gesicht ist vom Weinen geschwollen, oder bin ich auch geschlagen worden? Ich kann mich nicht erinnern. Einige meiner Fingernägel sind abgebrochen und blutig. Meine Jeans ist zwar schmutzig aber noch in Ordnung, ich werfe sie in die Wäsche, den Slip, den BH und die Bluse werfe ich sofort in den Abfall und begebe mich ins Bad.

Es ist drei Uhr morgens und meine Mutter wird bestimmt wach, wenn ich jetzt das Badewasser einlasse, aber ich kann nicht anders, ich muss den Dreck und den Geruch, ich muss alles von mir abwaschen. Noch nie habe ich mich dermaßen beschmutzt gefühlt. Meine Mutter wird wie immer denken ich wäre betrunken, das macht es einfacher, ich werde ihr sicher nicht erklären was passiert ist, um mir dann anhören zu müssen, dass dies ja schon lange überfällig gewesen sei, bei dem Gesindel, mit dem ich mich herumtreibe. Verdammte Drogen, wie konnte ich es nur so weit kommen lassen, ich kann nicht einmal zur Polizei gehen.

Schöne Vergewaltigung, ich bin freiwillig zu den beiden Typen ins Auto gestiegen, ich kann sie nicht beschreiben, Türken waren es, ca. 25 oder 27 Jahre alt, ich weiß nicht einmal mehr die Automarke. Wer wird mir das denn abnehmen, da mache ich mich ja lächerlich und dann alles noch einmal von vorn erzählen. Vielleicht nehmen sie mir sogar Blut ab und stellen fest, dass ich Dias genommen habe. Nein, da muss ich jetzt allein durch, ich habe mir das selber eingebrockt, also muss ich es auch selbst auslöffeln. Verdammt, wie konnte es nur soweit kommen?

Die Dias haben mich wahrscheinlich vor den schlimmsten Erinnerungen geschützt, aber andererseits wäre ich ohne diese Tabletten nie in eine solche Situation gekommen. Niemals vorher habe ich mich in eine solche Situation begeben. Werde ich nach diesem Erlebnis, jemals wieder einem Mann vertrauen können?

Es war das letzte Mal, dass ich Drogen zu mir nahm, die mein Urteilsvermögen dermaßen beeinflussten, bzw. völlig außer Kraft setzten. Ab sofort waren Tabletten, vor allem in Verbindung mit Alkohol für mich tabu.

DREI

Wie es so weit kommen konnte weiß ich leider nur zu gut.

Der Grund, warum mir das Leben am Arsch vorbei geht, warum ich jeden Tag aufs Neue Drogen konsumiere, immer auf der Suche nach der Droge, die mich endlich alles vergessen lässt, ist mir oft nur zu klar. Ich bin ständig auf der Suche nach etwas, das mich endlich den Mann vergessen lässt den „Frau“, die erste große Liebe nennt.

Meine Mutter hat einen Satz, den sie oft in Bezug auf meine Männerauswahl zu mir sagt. Wo die Liebe hinfällt, bei dir fällt sie immer auf den Misthaufen.

In meinem Fall ist da wohl etwas Wahres dran, aber schützt das Wissen, dass man den falschen Mann liebt, vor der Liebe zu ihm?

Mir war dieses Wissen kein Schutz.

Es beginnt ein Jahr vorher.

Ich feiere diesen Sommer meinen 16. Geburtstag. Die Realschule habe ich nach der neunten Klasse verlassen und habe nur einen großen Wunsch. Ich möchte unbedingt so schnell als möglich aus meinem Elternhaus ausziehen, dazu benötige ich eine Arbeit, die es mir ermöglicht, mein eigenes Leben zu finanzieren. Eine Ausbildung interessiert mich zu diesem Zeitpunkt wenig. Mein Ziel ist es, schnell Geld zu verdienen, um mir eine eigene Wohnung leisten zu können. Da die Realschule meinen Eltern schon immer zu teuer war und ich als Mädchen eh nicht unbedingt Bildung benötige, da ich irgendwann einmal heiraten würde, O-Ton meiner Mutter, war es kein Problem sie von meinem Austritt, ein Jahr vor dem Abschluss zu überzeugen. Was meine Eltern auf die Idee brachte, ich könnte so schnell als möglich heiraten wollen, ist mir nie ganz klar geworden und zeigt sehr eindringlich, wie wenig sie von mir wissen und wie schlecht sie mich kennen.

Meine Eltern haben sicher das Beste für mich gewollt und zu ihrer Ehrenrettung sollte ich hier vielleicht erwähnen, dass sie bereits im fortgeschrittenen Alter waren, als ich auf die Welt kam. Mein Vater war bei meiner Geburt bereit 53 Jahre alt, meine Mutter nur unwesentlich jünger. Sie war fast 50, im Grunde ein Wunder, dass sie mich überhaupt noch bekam. Ich kann mich noch sehr gut daran erinnern, dass jeder der mich zum ersten Male mit meinem Vater sah, von der Annahme ausging, dies wäre mein Opa. Dieser große Altersunterschied war sicherlich der Hauptgrund, warum ein wirkliches Verstehen zwischen meinen Eltern und mir, sobald ich in die Pubertät kam, unmöglich war und immer wieder zu großen Konflikten und so zu meinem Wunsch führte, so bald als möglich mein Elternhaus zu verlassen.

Ich habe nach den Sommerferien mit dem Berufsgrundschuljahr in Hauswirtschaft begonnen, nicht dass ich daran sehr interessiert bin, aber ich benötige dieses Jahr, da ich erst 16 Jahre alt bin und berufsschulpflichtig. Da ich keine Lehre machen möchte hatte man mir eröffnet, dass ich dieses Jahr absolvieren müsse um die Berufsschulfreiheit zu erreichen, um dann sofort, ohne eine Lehre Vollzeit arbeiten zu dürfen. Also muss ich dieses Jahr irgendwie durchstehen.

***

Die Schule langweilt mich schon nach den ersten Wochen.

In meiner Klasse sind nur Hauptschüler, die jetzt den Lernstoff durchnehmen, den ich in der neunten Klasse Realschule gerade hinter mich gebracht hatte. So dauert es auch nicht lange und ich beginne erst eine Stunde, dann zwei Stunden, dann halbe Tage und schon bald, eine ganze Woche zu fehlen. Behilflich bei meinen Entschuldigungen, ist ein Arztsöhnchen, mit dem ich locker befreundet bin, er verschafft mir die nötigen Krankmeldungen. Lutz ist mit gerade mal 20 Jahren bereits Alkoholiker und für eine Flasche Wodka, oder ähnliches, gerne bereit, ein Rezept oder wie in meinem Fall, eine Krankmeldung auszuschreiben, oder diese von seinem Vater zu stehlen, wie er es genau anstellte, an eine unterzeichnete Krankmeldung zu kommen, interessierte mich nicht wirklich. Solange man es nicht übertreibt und damit die Schule herausfordert, die Krankmeldungen beim Arzt nachzuprüfen, ist das eine absolut sichere Sache. Bei den Arbeiten (Tests) und allen wichtigen Terminen der Schule bin ich immer anwesend und schreibe zum Erstaunen meiner Lehrkräfte gute Noten. Die so ergaunerte Freizeit verbringe ich am liebsten mit meiner besten Freundin Susi, sie hat, wie ich, die Realschule nach der neunten Klasse verlassen, sucht allerdings eine Lehrstelle und bis sie einen Ausbildungsplatz gefunden hat, vertreiben wir uns gemeinsam die Zeit. Unser liebster Zeitvertreib ist es durch die Städte zu trampen, dadurch nette Leute kennen zu lernen, Städte in der Umgebung ansehen und an den Wochenenden in Discos rumzuhängen. Was mit 16 Jahren noch gar nicht so einfach ist, da die meisten Discos Kontrollen durchführen und die Leute erst ab 18 Jahren rein lassen.

Da gibt es jedoch gleich 100 Meter neben dem Silberdollar eine kleine Disco, deren Besitzer so gut wie nie auftaucht und die Bedienung sowie der DJ gute Freunde von mir sind. Es handelt sich dabei wirklich nur um eine sehr kleine Disco, sie befindet sich im ersten Obergeschoß über einer Drogerie, vielleicht mag ich sie gerade deshalb so gern, weil sie so klein und überschaubar ist. Wir sind jedes Wochenende da. Es passen vielleicht einhundert Leute rein, dann ist allerdings jegliches Tanzen unmöglich, wie gesagt, die Disco ist sehr klein und hört auch noch auf den originellen Namen „Disco“. Da hat sich der Besitzer richtig angestrengt bei der Namensfindung. Sie öffnet bereits um 20.oo Uhr, was für meine Freundin und mich von Vorteil ist, denn Susi muss leider immer um 23.oo Uhr zu Hause sein und da sie in Königsbrunn wohnt muss sie bereits um 22.30 Uhr zum Bus hetzen, damit sie pünktlich zu Hause ankommt. Susis Eltern sind sehr gläubige Zeugen Jehova und sollte meine Freundin es sich auch nur einmal erlauben zu spät kommen, so wäre es das gewesen, mit den Wochenendausflügen. Übernachten darf sie auch nicht bei mir, selbst wenn ich das gewollt hätte. Wir sind ja schon froh, dass sie überhaupt am Wochenende zu mir kommen darf. Von den Discobesuchen wissen ihre Eltern selbstverständlich nichts.

Das letzte Wochenende verbrachte ich bei meiner Schwester in Landsberg und freue mich ganz besonders darauf, diesen Samstag wieder mit Susi in die Disco zu gehen.

Wir treffen uns auch bereits um 18.3o Uhr und machen uns im Spielsalon auf den Toiletten schon mal ausgehfertig. Susi mit zu mir nach Hause zu nehmen möchte ich nicht, ich nehme nie Freunde mit nach Hause. Die Verhältnisse unter denen ich lebe sind so ärmlich dass ich mich dafür schäme und zwischen meiner Mutter und mir gibt es immer Streit, was auch nicht jeder mitbekommen muss. Die Eltern von Susi dürfen nicht mitbekommen, dass sie sich schminkt, also bleibt nur die geräumige Toilette im Silberdollar.

>>Mensch Chris, letzten Samstag hast du in der Disco gefehlt, ich habe einen total süßen Mann kennen gelernt. Er war mit seinem Bruder da und hat richtig was springen lassen. Der Mann heißt Jürgen, er ist 25 Jahre alt und er und sein Bruder haben richtig viel Geld.<<

>>Spinnst du? 25 Jahre, du bist erst 16 Jahre alt, ist der nicht ein bisschen alt?<<

Ich bin total entsetzt, was will meine Freundin von so einem alten Knacker?

>>Was du wieder denkst, ich bin nicht verliebt in ihn, ich finde ihn und seinen Bruder nur total nett. Die Beiden haben mich auch um kurz vor 23.oo Uhr nach Hause gefahren.<<

>>Nur du mit den beiden Männern? Hast du nicht bedacht, was da hätte alles passieren können? Sonst bist du so ein Angsthase und bin ich mal ein Wochenende nicht da, da lässt sie sich gleich von zwei Männern nach Hause fahren, ich glaube es ja nicht.<<

>>Reg dich ab Chris, ist ja nichts passiert, die sind wirklich schwer in Ordnung.<<

>>Hätte aber!<< Entgegne ich hitzig.

>>Was hätte aber? Du wirst sie heute Abend kennen lernen, Jürgen wird auf alle Fälle da sein, ob Rainer kommt ist noch unsicher.<<

>>Na ich weiß nicht, wie alt ist denn dieser Rainer? Wahrscheinlich genauso alt, was wollen die von so jungen Mädchen?<< Meine Bedenken nehmen eher zu.

>>Ich weiß es doch nicht, vielleicht sind sie einfach nett? Jetzt zieh nicht so ein Gesicht. Die Jungs werden dir gefallen, glaube mir, die wollen sich nur amüsieren und zu rauchen bringen sie auch etwas mit.<<

>>Na jetzt weiß ich woher der Wind weht, die bringen Marihuana mit, hätte ich mir ja denken können, dass die dich damit geködert haben. Ich war vorhin noch an der Notapotheke und habe mir X-112* besorgt<<, eröffne ich Susi erfreut.

*X-112 - Tropfen zum Abnehmen, damals noch Rezeptfrei, bei Überdosierung stark aufputschende Wirkung

>>Bin mal gespannt, wie lange das noch gut geht. Der Apotheker schaut mich jedes Mal noch blöder an. Ich kann ihn sogar verstehen<<