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Was ist Selbstsupervision und Selbstcoaching und wie funktioniert das? Beratungsformate mit Außenperspektive erfreuen sich einer hohen Nachfrage. In psychiatrischen und psychosozialen Arbeitsfeldern ist Supervision meist ein fest etablierter Bestandteil der Arbeit, in Organisationen hilft an diversen Hierarchieebenen ansetzende Beratung, Veränderungen für alle lebbar zu gestalten. Teams und Führungskräfte lassen sich coachen, Spitzensportlerinnen, Politiker und andere Personen des öffentlichen Lebens sowieso. Aber was, wenn man/frau in dringenden Fällen keine Standleitung zu einem persönlichen Coach hat und ein Blick von außen gerade nicht zur Verfügung steht? Was, wenn es schwierig wird im Job, etwa, weil der Fall eine unerwartete Wendung genommen hat, ein Projektteam auf der Stelle tritt, neue Akteure hinzugekommen sind? Da hilft nur, die rettende Hand am eigenen Arm zu ergreifen. Heike Kramann versammelt in diesem Buch systemische Beratungsmethoden für eine professionelle kollegiale Beratung mit sich selbst. Mit zahlreichen Übungen mit und ohne Körpereinsatz und vielen nützlichen Hintergrundinformationen ausgestattet lädt das Buch zum Ausprobieren ein.
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Seitenzahl: 206
Veröffentlichungsjahr: 2020
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Heike Kramann
Do it yourself: Selbstsupervision und Selbstcoaching
Ein Methodenkoffer für mehr Souveränität und Leichtigkeit im Beruf
Unter Mitarbeit von Hansjörg Stahl
Vandenhoeck & Ruprecht
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über https://dnb.de abrufbar.
© 2020, Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG,
Theaterstraße 13, D-37073 Göttingen
Alle Rechte vorbehalten. Das Werk und seine Teile sind urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung in anderen als den gesetzlich zugelassenen Fällen bedarf der vorherigen schriftlichen Einwilligung des Verlages.
Umschlagabbildung: Dimitris Vetsikas/PixabaySatz: SchwabScantechnik, GöttingenEPUB-Produktion: Lumina Datametics, Griesheim
Vandenhoeck & Ruprecht Verlage | www.vandenhoeck-ruprecht-verlage.com
ISBN 978-3-647-99974-6
Inhalt
Vom Heimwerken und Selbstmachen: Eine kleine Vorrede
Kompass gefällig? Einige gute Gründe für berufliche Selbsthilfe
Proviant: Ein kleiner systemischer Brühwürfel
Reiseutensilien: Ich packe meinen Koffer
Reisegruppe: Alle an Bord?
Reisezweck oder wenn #stayathome und das Plündern der eigenen Vorratskammer Sie nicht weiterbringen
Supervision und Coaching: Alles eine Frage des Bedeutungsrahmens?
Was ist Supervision, was ist Coaching oder welchen Schuh wollen Sie sich anziehen?
Was ist was? Zum Verhältnis von Supervision und Coaching
Intervision und kollegiale Beratung: Mitreisende ins Boot holen
Alle an Bord: Formen kollegialer Beratung
Definitionen: Von der Super- zur Intervision und weitere Formen gemeinsamer Beratung
Was bringt mir das? Vom Nutzen kollegialer Beratungsformen
Ablauf: Routenplaner Teil 1
Fallbesprechung und Anliegenklärung: Routenplaner Teil 2
Do it yourself: Gewinn und Grenzen der Selbstberatung
Die Überwindung des Zustands des Nichtkönnens: Triviale und komplexe Fragen
Wie viel Komplexitätsreduktion darf es sein?
It takes two to tango (normalerweise)
Wenn Sie sich trotzdem verlaufen haben: Die Grenzen der Selbstberatung
Ein schöner Ort: Ihr (Selbst-)Beratungsraum
Hart am Wind und dazu ein dickes Fell: Von beruflichen Herausforderungen und einer guten Grundimmunisierung
Resilienz: Ein Bollwerk gegen beruflichen Stress?
Zwischen Oblomow und Hamsterrad: Vom Sinn der Arbeit
Gefühlte Unlust: Veränderung des inneren Verhältnisses zur Arbeit
Kritik von außen: Es kommt immer auf das Wie an
Organisationsinterne Veränderungen: Passungen erhalten und neu herstellen
Jeder Zeit ihre Krankheit: Zum Begriff des Burn-out
Blick in den Maschinenraum: Von Organisationen und ihren Funktionslogiken
Zugehörigkeiten und Sinnzuschreibungen: Das kann ganz schön komplex sein
Für alle der passende Rahmen: Gute Führung
Weniger Reibung ist manchmal mehr Energie: Allein arbeiten
Nach rechts und gleichzeitig nach links: Dilemmata und andere berufliche Widersprüche
Vom Nutzen guter Fragen: Ein Beispiel aus der Klinik
Noch ein Beispiel: Triage in der Erziehungs- und Familienberatungsstelle
Erste Erkenntnisse: Irgendwie muss es weitergehen
Heavy Rotations: Im Dilemmazirkel
Lösungen: Vom Bauchgefühl und dem Wunder gelingender Kommunikation
Aufstehen und Krone richten: Tröstungen
Der Methodenkoffer: Tools für die erfolgreiche Selbstberatung
Zentrum Körper und Dialog der Leiber: Embodiment und hypnosystemisches Arbeiten
Übung 1: Polynesisches Segeln oder kein Schiff wird kommen – Krisen kompetent meistern
Übung 2: Umgang mit scheinbar Unveränderbarem – drei kleine Imaginationen (nach Stahl)
Übung 3: Talentkreis (nach Hagemann u. Rottmann, 2005)
Übung 4: Der Schutzmantel, die Schutzhülle oder eine Tarnkappe voll Kraft
Übung 5: Arbeiten mit der Affektbilanz (nach Storch u. Krause, 2007)
Übung 6: Dream-Team – meine Unterstützer*innen in schwierigen Fällen
Übung 7: Assoziation, Dissoziation und zurück – wenn es nicht so läuft, wie es laufen soll
Verorten ist ein Grundgefühl: Systemische Strukturaufstellungen
Übung 8: Basisvariante Strukturaufstellung
Übung 9: Die Aufstellung des ausgeblendeten Themas (nach Sparrer u. Varga von Kibéd, 2000)
Übung 10: Kleine innere Dilemmaaufstellung (nach Sparrer u. Varga von Kibéd)
Ist eine Rose nur eine Rose? Zur Arbeit mit Metaphern
Übung 11: Mit Metaphern arbeiten
Übung 12: Bildbetrachtung
Übung 13: Nicht nur für Ärztinnen und Ärzte – »Herzcoaching« (nach Stahl aus Müller u. Hoffman, 2002)
Übung 14: Die innere Goldwaage oder passe ich (noch) zu meinem Job? (nach Radatz, 2006)
Übung 15: Gehirnjogging als »einsamer Waldlauf«
Vom Erzählen guter Geschichten: Der narrative Ansatz
Übung 16: Das Problem externalisieren (nach Stahl)
Übung 17: Ambivalenz externalisieren
Das Multisensorium ernst nehmen: Impacttechniken
Übung 18: Kleine Dezentrierungsübung mit Objekt – kurze Anleitung für eine Beratung mit sich selbst (nach Stahl)
Übung 19: Disney-Methode 3 + 1: Neue Perspektiven erschließen
Übung 20: Timeline und Processing – Sichtbarmachen innerer und äußerer Prozesse (gemäß NLP)
Übung 21: Auftragskarussell (nach Molter u. von Schlippe, in von Schlippe u. Schweitzer, 2009, S. 238 ff.)
Wunschbild: Nachbemerkungen
Zum Schluss: Drei Fragen
Dank
Literatur
Vom Heimwerken und Selbstmachen: Eine kleine Vorrede
»Ansonsten kann man aber alles selber machen, Punkt!«
Susanne Klingner (2011)
Do it yourself (kurz DIY und D. I. Y.) »ist eine Phrase aus dem Englischen und bedeutet übersetzt Mach es selbst. Mit der Phrase werden grundsätzlich Tätigkeiten bezeichnet, die von Amateuren ohne professionelle Hilfe ausgeführt werden. Besonders häufig gebraucht wird der Slogan im alltagskulturellen Kontext in Verbindung mit handwerklichem Selbermachen wie Reparieren, Verbessern, Wiederverwenden oder Herstellen.«1
Do it yourself ist aktuell sehr im Trend mit ansteigenden Zahlen seit Jahren.2 Die Zahl der Selbstmachenden dürfte sich in der Coronakrise zur Zeit des großen Lockdown im März und April 2020 noch weiter erhöht haben: kahle Stellen in den Regalen, wo sonst Mehl und Hefe lagen3, jede*r sprach vom Essen, die Baumärkte – wo sie denn geöffnet waren – hatten reichlich Kundschaft.
Auch das »Zeitmagazin« (Nr. 17 vom 17.04.2020) griff den Trend auf. Es porträtierte eine New Yorker Köchin und widmete das gesamte Heft dem Thema »Kochen und Backen«. Im Podcast »Fest und Flauschig«, laut Zeitmagazin dem in Berlin zweitbeliebtesten Podcast (Zeitmagazin Nr. 18 vom 24.03.2020), rapportierten Olli Schulz und Jan Böhmermann täglich ihre Mahlzeiten (zwischen Ragout fin und Wildschweinrücken), und Jan Böhmermann berichtete von Baumarktbesuchen, um Ersatzteile für ein zu reparierendes Lampenkabel zu kaufen. Auch Gäste in der Sendung durften kulinarisch glänzen. Zum Beispiel war zu erfahren, dass Katrin Bauerfeind einen Sauerteig hütet und päppelt und Dirk von Lowtzow sich von Yotam Ottolenghis vegetarischen Rezepten inspirieren lässt.
Unser kollektives Selbstmachen in Coronazeiten gipfelte schließlich bei vielen im eigenhändigen Nähen von möglichst cool und individuell aussehenden Community-Masken. Wir mutierten zu dem, was wir heimlich schon immer waren: einer Nation von Selbst- oder Selbermachenden. Und benötigten dazu nicht mehr als eine (Näh-) Anleitung und den Willen, es hinzukriegen.
Also genau das, was auch erforderlich ist für eine erfolgreiche Beratung mit sich selbst!
1https://de.wikipedia.org/wiki/Do_it_yourself (20.1.2020).
2 Gerade die Deutschen gelten als eine Nation der Selbermacher*innen: https://yougov.de/news/2017/07/17/do-it-yourself-bei-den-deutschen-im-trend/ (29.07.2020). Der Historiker Jonathan Voges hat dem Thema »Do It Yourself« sogar seine Dissertation gewidmet und legt damit ganz nebenbei eine Kultur-, Sozial und Wirtschaftsgeschichte der alten Bundesrepublik vor (Voges, 2017).
3 Der Verbraucherzentrale Brandenburg zufolge war Hefe zeitweise sogar teurer als Silber. https://www.verbraucherzentrale-brandenburg.de/presse-meldungen/presse-bb/hefe-teurer-als-silber-46278 (22.4.2020).
Kompass gefällig? Einige gute Gründe für berufliche Selbsthilfe
Warum ein Buch zur Selbstsupervision/zum Selbstcoaching? Nicht selten berichteten Kolleg*innen in Workshops oder im persönlichen Gespräch, dass sie in einer bestimmten schwierigen beruflichen Situation froh gewesen wären, wenn sie für die Klärung eine Außenperspektive zur Verfügung gehabt hätten, was aber leider nicht der Fall gewesen sei. Andere erzählten, dass es zwar Supervision gebe, aber nur alle sechs Wochen, oder dass das Team die Supervision jedes Jahr neu beantragten müsse, sodass regelmäßig mehrmonatliche Supervisionspausen einträten, oder dass es nur ein bestimmtes, sehr knappes Jahreskontingent an Supervision gebe, mit dem man skrupulös wirtschaften müsse.
Außer Frage scheint, dass Beratungsformate mit Außenperspektive – ob man diese dann Supervision oder Coaching4 nennen sollte, darüber lässt sich lange debattieren – häufig als wichtiges Instrument nachgefragt werden, um eine Tätigkeit etwa im psychosozialen, pädagogischen und ärztlichen Bereich und natürlich auch in der Wirtschaft professionell zu verrichten, gleichzeitig aber nicht überall fest etabliert sind und in manchen Fällen nicht oder gerade dann nicht, wenn es vonnöten wäre, zur Verfügung stehen.
Möglicherweise kommt da ein Buch mit Navigationshilfen für knifflige berufliche Situationen gerade recht. Es kann und will zwar eine Supervision/ein professionelles Coaching nicht ersetzen, könnte aber hilfreich sein in Fällen, in denen gerade kein beraterisches Gegenüber verfügbar ist, aber eine Fragestellung dringend einer Antwort harrt. Mögliche Gründe hierfür könnten sein:
–Eine Supervision/ein Coaching ist in Ihrem Arbeitskontext aktuell nicht oder grundsätzlich nicht vorgesehen.
–Sie sind derzeit aus logistischen Gründen nicht in der Lage, Supervision zu nutzen.
–Sie sind derzeit aus monetären Gründen nicht in der Lage, Supervision in Anspruch zu nehmen.
–Das Thema/die Fragestellung, die Sie gern supervisorisch bearbeiten möchten, ist bei Ihnen sehr schambesetzt. Sie fürchten, alles, was sich da falsch machen lassen könnte, hätten Sie falsch gemacht, sodass Sie im direkten Kontakt mit der Supervisorin das Gefühl haben müssten, sich eine Blöße zu geben. Sie wählen also eher den Weg, mithilfe eines Buches mit sich in einen (hoffentlich) wertschätzenden Austausch zu treten.
–Selbstsupervision und Supervision/Coaching mit einem realen Gegenüber sind für Sie einander ergänzende Optionen, Ihr Tun zu professionalisieren. Sie nutzen einfach beide Möglichkeiten und sind gespannt, welche Ideen sich für Ihre Fragestellungen nutzbar machen lassen.
Unter den vielen Tools, die in Supervisions- und Coachingweiterbildungen vermittelt werden und die meine Kolleg*innen und ich in der Arbeit verwenden, gibt es etliche, die sich – teilweise abgewandelt, teilweise aber auch eins zu eins übertragbar – ziemlich gut auch für eine freundliche professionelle kollegiale Beratung mit sich selbst nutzen lassen.5
Empirisch durch einige Workshops beglaubigt und für geeignet befunden, als Selbstberatungstools vermittlungs- und anwendungsfreundlich genug zu sein, liegen sie jetzt gesammelt als Buch vor. Für alle Kolleg*innen, die unterwegs sind zu neuen Ufern und die Beratung ohne Berater*in einmal für sich ausprobieren wollen und dafür noch einige praktikable Formate suchen.
Theoretisch folgt das Buch keiner Theorie, ist jedoch, der fachlichen Orientierung der Verfasserin folgend, ein primär systemisch orientiertes.
Proviant: Ein kleiner systemischer Brühwürfel
Es gibt viele gute, dicke und dünnere Bücher, die eine schöne Einführung in die Theorie und Praxis des systemischen Arbeitens bieten. Dieses Buch hat nicht diesen Anspruch, es will ein paar praktische, interessante wirkungsvolle Methoden vorstellen, die primär in der systemischen beraterischen Arbeit – wie Supervision, Coaching, auch Therapie – Anwendung finden.
Sie müssen als Leser*in und Anwender*in kein einschlägiges systemisches Vorwissen haben. Eine grundsätzliche Aufgeschlossenheit, einmal etwas anderes auszuprobieren, genügt schon. Wenn Sie dann noch bereit sind, statt textbasierter kognitiver Interventionen einmal solche anzuwenden, die mehr an der sinnlichen Erfahrung ansetzen, dann ist das eine gute Basis.
Mittelbar und eingestreut findet sich im Buch dann doch ein wenig Theorie zum systemischen Ansatz und auch zum systemischen Verständnis gesellschaftlicher Phänomene und Alltagspraktiken, allerdings eher situativ und nicht systematisch als Lehrbuch kondensiert. Das ist hoffentlich ausreichend hilfreich, um zu verstehen, warum hier diese und dort jene Methode empfohlen wird.
Als kurzer Einstieg für systemische Neulinge sollen an dieser Stelle ein paar wenige einführende Sätze zum Begriff »systemisch« ausreichen. All jene, die tiefer in die Materie einsteigen wollen, finden in den im Buch zitierten Werken reichlich Lesestoff.
Die systemische Praxis hat viele Mütter und Väter, die – teils eng an theoretischen Konzepten orientiert, teils diese eher als Anregung aufnehmend – verschiedene beraterische Ansätze entwickelt haben, die alle, so unterschiedlich sie auch sein mögen, unter der Flagge »systemisch« segeln. Wesentliche Leitsätze sind:
–Probleme und »Störungen« sind nicht Eigenschaften einzelner Individuen, sondern Ausdruck von Kommunikationen und Beziehungen innerhalb eines Systems6. Das kann eine Paarbeziehung, eine Familie, eine größere Organisation sein.
–Probleme sind nicht per se schlecht, sondern geben wichtige Hinweise auf bis dato ungenutzte Lösungs- und Entwicklungsmöglichkeiten.
–Die Inanspruchnehmenden sind Expert*innen für ihre Fragestellungen, Berater*innen hingegen sind die Expert*innen für einen lösungsanregenden Dialog und damit die passenden Fragen.
–Die Praxis ist weitestgehend ressourcenorientiert: Der systemische Ansatz geht von der Annahme aus, dass jede*r neben seinen Defiziten und Schwächen auch über Stärken, Kenntnisse und positive Eigenschaften verfügt. Diese können in der Beratung herausgearbeitet und dann genutzt werden, um alte Muster, Glaubenssätze und Verhaltensweisen infrage zu stellen und produktive Suchprozesse anzuregen.
–Es gibt nicht die eine systemische Richtung. Wie auch in anderen Verfahren, haben sich Strömungen herausgebildet, »Schulen« implizit und explizit gegründet, wenden die einen ein bestimmtes Verfahren niemals an, während andere fast ausschließlich damit arbeiten. Wie im echten Leben spielen persönliche Präferenzen und die Möglichkeit, bestimmte Dinge im beruflichen Alltag anwenden zu können oder auch nicht, eine bedeutsame Rolle.
Dieses Buch ist als Arbeitshilfe mit einer sehr anwendungsorientierten Zielsetzung gedacht und vermittelt deshalb Methoden aus sehr unterschiedlichen systemischen »Schulen« und Richtungen. Die Auswahl wurde dem Zweck untergeordnet und nicht der Vorliebe für eine bestimmte Richtung. Die Tools sollten selbsterklärend oder wenigstens in ihrer Verschriftlichung verstehbar sein und gut anwendbar und idealerweise auch überwiegend Ihre sinnliche Wahrnehmung anregen.
Wie schon erwähnt, sind tiefere theoretische Vorkenntnisse zum Verstehen und Anwenden der hier vorgestellten Formate nicht oder zumindest nicht in all ihrer Komplexität erforderlich. Also einfach in guter Selbstmachtradition beherzt machen und sich freuen, wenn es klappt!
Damit aber das eigene Tun doch, wenn gewünscht, in einen Theoriezusammenhang gebracht werden kann, damit Sie also eine kleine Orientierung haben und nicht ganz ohne Kompass reisen müssen, werden die hier vorgestellten Beratungsformate den jeweiligen systemischen »Schulen« bzw. Richtungen zugeordnet und jeweils mit einem kleinen einführenden theoretischen Text eingeleitet.
Reiseutensilien: Ich packe meinen Koffer
Ehe es praktisch wird, geht es zunächst um ein paar notwendige Begriffsdefinitionen: Was ist Supervision? Was ist dagegen Coaching? Welche Unterschiede lassen sich finden, welche Gemeinsamkeiten? Und wie kann die Anwendung dieser Praktiken auf sich selbst funktionieren?
Mit Blick auf die Praxis werden dann die Kontextbedingungen des beraterischen Handelns skizziert, ergänzt um Anmerkungen zur Funktionslogik von Organisationen, zum Phänomen des Burnout und wie man/frau sich davor schützen kann. Dabei – so viel sei hier schon gesagt – stellen das Wissen um die beruflichen Rahmenbedingungen und die Kenntnis der eigenen Einflussmöglichkeiten schon einmal ganz brauchbare präventive Faktoren dar.
Es folgt im Kapitel »Hart am Wind …«, in Anlehnung an Bernd Schmid (2008) sowie Julika Zwack und Ulrike Bossmann (2017), eine Darstellung von beruflichen Entscheidungsdilemmata und wie diese trotz diverser Schwierig- und Widrigkeiten sich auflösen lassen. So gerüstet kann es spätestens jetzt losgehen mit der beruflichen Selbstberatung.
Einige der vorgestellten Tools im Kapitel »Der Methodenkoffer …« haben mehrere Mütter und Väter, ohne dass immer klar ist, wer denn nun Urheber/-in ist. Wo bekannt, werden sie genannt. Einige Methoden können, wie schon gesagt, mehreren systemischen Strömungen zugerechnet werden, lassen sich damit also nicht eindeutig zuordnen7, werden aber dennoch – um Wiederholungen zu vermeiden – nur einmal erläutert. Das Botanisieren und Katalogisieren hat eben seine Grenzen und auch hier im Kleinen bildet sich die Komplexität des Großen und Ganzen im (beruflichen) Leben ab.
Was alle Formate eint, ist, dass sie leicht anwendbar sind, mit wenigen bis keinen Hilfsmitteln auskommen und bei den Anwender*innen – hoffentlich – neue Ideen freisetzen, mit denen Lösungen wahrscheinlicher werden.
Sehr viele eignen sich für die Selbstberatung, also für Sie selbst im Einzelsetting mit sich, einige können Sie darüber hinaus gut auch mit Gewinn in der Peergruppe, Ihrer Intervisionsgruppe und, falls vorhanden, mit Ihrem Team oder in anderen Mehrpersonensettings anwenden (siehe hierzu auch das Kapitel zur Intervision).
Überwiegend werden, wie schon angedeutet, Techniken beschrieben, die nicht nur bzw. in den meisten Fällen sogar sehr wenig den Weg über Sprache und Kognition gehen, sondern häufig dazu anregen, über Unterschiedsbildungen und Wahrnehmungen in verschiedenen Sinnesmodalitäten Veränderung zu erkunden.
Sich mit sich selbst in Sprache zu unterhalten, ist nämlich erheblich schwieriger, als gezielt und systematisch das wahrzunehmen, was der Körper und seine Sinnesorgane ohnehin artikulieren.8 So lässt sich das Buch auch als eine kleine Anleitung lesen, diese Wahrnehmung zu schulen und dem einen oder anderen Organsystem einmal interessierter zuzuhören.
Reisegruppe: Alle an Bord?
An wen wendet sich das Buch? Adressat*innen sind Kolleg*innen, die im weitesten Sinne klinisch tätig sind und im psychosozialen und pädagogischen Feld arbeiten, unabhängig von den jeweiligen Hierarchieebenen. Dazu zählen niedergelassene wie angestellte Psychotherapeut*innen, Professionelle aus dem Gebiet der Sozialen Arbeit, des Bildungswesens und in Beratungssettings. Auch in Kliniken und Praxen tätige ärztliche und nichtärztliche Kolleg*innen dürfen sich angesprochen fühlen und gern und explizit auch Menschen, die als Führungskräfte tätig sind im Profit- oder Non-Profit-Bereich und sich mehr durch den Begriff »Coaching« mitgenommen fühlen.
Systemisches Vorwissen ist, wie gesagt, nicht notwendigerweise Voraussetzung, stellt aber auch kein Hindernis dar, um dieses Buch zu lesen und Tools daraus anzuwenden. Mit Vorkenntnissen können Sie den jeweils vorangestellten Theorieteil, der die Erläuterung der Formate rahmt, gern überblättern, sofern der Inhalt Ihnen allzu bekannt vorkommt. Oder aber Sie schließen sich gedanklich hier oder da an und lesen dann vertiefend, entlang der Literaturhinweise oder der eigenen Neugierde folgend, weiter.
Verfügen Sie (noch) über keine systemischen Vorkenntnisse, so nutzen Sie einfach die hier vorgestellten Tools für Ihre Anliegen. Wenn Sie unterwegs auf den Geschmack kommen und mehr dazu wissen wollen, als Sie den einführenden Texten entnehmen können, so lassen Sie sich gern ebenfalls über die genannten Literaturhinweise zum Weiterlesen verführen.
Reisezweck oder wenn #stayathome und das Plündern der eigenen Vorratskammer Sie nicht weiterbringen
Für die folgenden und sicher noch einige andere beruflichen Fragestellungen könnte dieses Buch Ihnen ein kleiner Kompass sein:
–Wenn Sie ab und zu etwas Hilfe gebrauchen könnten beim Navigieren zwischen zwei oder mehreren beruflichen Entscheidungsoptionen;
–wenn Sie herausfinden wollen, welche Aspekte sich noch hinter der Fragestellung, die Sie gerade beschäftigt, verbergen;
–wenn Sie Ihr Verhältnis zu bestimmten Kolleg*innen oder zu Ihrem Team klären wollen;
–wenn Sie Ihre eigene Verortung innerhalb Ihrer Organisation überprüfen wollen;
–wenn Sie bestimmte Verläufe, etwa Beratungsprozesse oder Beschäftigungsverhältnisse, noch einmal Revue passieren lassen möchten;
–wenn Sie sich selbst in Bezug auf die anderen Mitspielenden in einem bestimmten Fall reflektieren möchten.
Lesen Sie das Buch als kleine Navigationshilfe für ambiguitätsgesättigte Situationen. Testen Sie, welche der hier vorgestellten Tools zu Ihnen als Person und zu Ihnen mit je spezifischen Fragestellungen am besten passt. Experimentieren Sie, wandeln Sie Anwendungen ab, wenn es Ihnen notwendig erscheint. Packen Sie sich dann einen kleinen Werkzeugkoffer mit Lieblingsformaten voll und werfen Sie, was Sie nicht verwenden können, zurück ins Meer.
In diesem Sinne viel Vergnügen und gute Fahrt!
4 Auf die Unterschiede und Gemeinsamkeiten wird weiter unten noch Bezug genommen.
5 Für die meisten Leser*innen dürfte das kein ganz neuer Gedanke sein, irgendwann waren wir alle schon in der Situation, eine schwierige Frage sofort und hier und jetzt und ohne weiteren professionellen Beistand klären zu müssen, und haben dabei das eine oder das andere Handwerkszeug, das sich schon in der Arbeit mit Klient*innen oder Kund*innen als brauchbar erwiesen hat, benutzt. Sonja Radatz z. B. versammelt in ihrem Coachingbuch einige explizit so genannte »Selbstcoaching«-Tools (Radatz, 2006, S. 103 ff.). Auch Bernd Schumacher geht in seinem Supervisionsbuch auf das Format »Selbstsupervision« (Schumacher, 2006, S. 297 ff.) ein und bei Insa Sparrer und Matthias Varga von Kibéd (2000) finden sich Aufstellungen, die als Selbstaufstellungen beschrieben sind.
6 Eine Begriffsbestimmung für »System«, die mehrheitsfähig sein dürfte, ist die, dass ein System stets aus mehreren zueinander in Beziehung stehenden Einheiten besteht und von seiner Umwelt abgegrenzt ist. Mehr dazu z. B. in Simon (2006).
7 Zum Beispiel passt die »Disneystrategie« in die Abteilung »Hypnosystemisches Arbeiten«. Da sie aber Stühle zur Veranschaulichung benutzt, kann sie auch in der Abteilung »Impacttechniken« vorgestellt werden, ebenso z. B. das »Processing« mit einem Seil als Hilfsmittel.
8 Mehr dazu in den Kapiteln Embodiment/Hypnosystemisches Arbeiten sowie Metaphern.
Supervision und Coaching: Alles eine Frage des Bedeutungsrahmens?
»Das Wichtigste in der Kunst ist der Rahmen.«
Frank Zappa
Nach diesen einleitenden Worten ist es Zeit, sich dem zuzuwenden, von dem das Buch handelt: (Selbst-)Supervision und (Selbst-) Coaching. Gibt es Unterschiede jenseits des »Wordings«, Unterschiede, die das eine vom anderen klar hinsichtlich verschiedener Parameter wie Praktiken, Kontexte, Inanspruchnehmende, Anbietende trennen? Falls ja, welche? Und machen diese Unterschiede einen Unterschied im Bateson’schen Sinn?9 Oder können wir möglicherweise mit unterschiedlichen Landkarten dieselbe Landschaft durchstreifen, und zwar erfolgreich?10 Die immer passende pragmatisch-systemische Antwort lautet: Kommt darauf an, nämlich darauf, wer was beobachtet.
Ehe wir uns der Unterscheidung zwischen Supervision und Selbstsupervision bzw. Coaching und Selbstcoaching zuwenden, befragen wir erst einmal die primären Begriffe.
Was ist Supervision, was ist Coaching oder welchen Schuh wollen Sie sich anziehen?
Laut »Coaching-Report«11 ist Supervision eine Methode, um Einzelne, Teams, Gruppen und Organisationen bei der Reflexion und Verbesserung ihres privaten, beruflichen oder ehrenamtlichen Handelns zu begleiten. Folien sind, je nach Zielvereinbarung, die Arbeitspraxis, die Rollen- und Beziehungsdynamik zwischen Supervisand*in und Klient*in, die Zusammenarbeit im Team bzw. in der Organisation der Supervisand*innen etc.
Laut David Keel (2003), der mit seiner Definition von Supervision im Coaching-Report zitiert wird, umfasst die Supervision die Reflexion von Problematiken, die die Supervisandin im Arbeitskontext erlebt hat oder auf die sie sich vorbereiten will. Die Reflexion fokussiert auf das Verhalten und das Innenleben aller Beteiligten und Betroffenen und auf das Verhältnis des zu supervisierenden Systems zu anderen, assoziierten Systemen.
Supervision wird in aller Regel im sogenannten Non-Profit-Bereich angeboten und nachgefragt.
Was ist was? Zum Verhältnis von Supervision und Coaching
Hier sind, auch wieder laut Coaching-Report (s. Fußnote 11), mehrere Bestimmungen möglich, von denen eine lautet: Supervision ist Coaching, d. h., eigentlich gibt es – jenseits der Begriffe – keine Unterschiede zwischen den beiden Formaten. Also ein und derselbe Wein in verschiedenen Schläuchen respektive ein und dieselbe Beratung, die eben nur in Räumen mit unterschiedlichen Türschildern stattfindet, wobei die Bezeichnung »Supervision« eher im Non-Profit-Bereich gebraucht wird, dort auch in der Beratung von Führungskräften. In der Wirtschaft hingegen ist die Bezeichnung »Coaching« üblich und dieses wird auch vorwiegend von Führungskräften genutzt.12
Eine zweite Position blickt auf die Funktionen: Demzufolge hilft Supervision den Mitarbeitenden mit der Arbeitsaufgabe, den Klient*innen und den Settings zurechtzukommen. Coaching hingegen ist eine Beratungsform für Führungskräfte in Bezug auf deren Verhalten gegenüber den Mitarbeitenden.
Schließlich noch eine dritte Definition: Supervision stellt einen arbeitsbezogenen Reflexionsrahmen zur Verfügung, Coaching hingegen ist klar lösungsorientiert. So gesehen ist dann jede Supervision auch Coaching, aber nicht jedes Coaching auch Supervision, da alle Coachingelemente in Supervision enthalten sind, nicht jedoch alle Supervisionselemente im Coaching.
Sonja Radatz’ Bild vom Systemischen Coaching als einem »gemeinsame[n] Tanz« (Radatz, 2006, S. 13 ff.) zwischen »gleichwertigen Partnern« ist sehr ansprechend, weil die Tanzmetapher sofort Assoziationen freisetzt von gut gelaunten Menschen, die sich kraftvoll, anmutig und bezogen aufeinander im Raum bewegen, allerdings gehört zu den Regeln beim Paartanz, dass eine*r führt, der/die andere folgt.
Im Weiteren definiert Radatz Systemisches Coaching als »Beratung ohne Ratschlag – eine Beziehung zwischen Coach und Coachee, in der der Coach die Verantwortung für die Gestaltung des Coachingprozesses und der Coachee die inhaltliche Verantwortung übernimmt – also die Verantwortung dafür, an seinem Problem zu arbeiten« (S. 16), eine Definition, der man/frau sich sicher gut anschließen kann.
Coaching hat Radatz zufolge primär einen Gegenwartsaspekt, nämlich, dem oder der Ratsuchenden zu helfen, die als vorhanden vorausgesetzten Problemlösungsfähigkeiten aufzurufen und sich ihrer bei der Klärung einer Fragestellung zu bedienen.
Der Zukunftsaspekt liegt darin, dass beim Coaching persönliche bisherige Handlungsmuster weiterentwickelt werden können, um nutzbar gemacht zu werden für die Lösung künftiger ähnlicher Probleme (S. 17).
Man ahnt, dass es dann auch einen Vergangenheitsaspekt geben muss, nämlich unsere jeweils individuelle persönliche Struktur mit unseren Werten, Glaubenssätzen, Geschichten, die wir und andere uns über uns erzählen, mit unseren Zielen und Denkmustern (S. 20), die uns beim Lösen von Problemen helfen oder aber auch uns dabei im Weg stehen.
Mit Humberto Maturana und Francisco Varela (1987) wird davon ausgegangen, dass diese Strukturen insofern operational geschlossen sind, als man nicht gezielt von außen mit dem Wunsch nach einem bestimmten Ergebnis intervenieren kann, weil der Mensch eben kein Zigarettenautomat ist, in den man oben eine Münze wirft und unten kommt eine Schachtel heraus mit einem Kamel darauf. Aber dennoch ist natürlich Veränderung nicht nur möglich, sondern geschieht im Prinzip immer, was schon Heraklit wusste, als er sagte, dass man nie zweimal in denselben Fluss steigt: Alles, was wir erleben, und alle Begegnungen, die wir haben, alle Erlebnisse, alle Interaktionen hinterlassen in uns Spuren, die letztendlich eine Veränderung bewirken. Wir überprüfen und modifizieren entweder aktiv unsere Haltung des In-der-Welt-Seins oder wir lassen die Aneinanderreihung von unterschiedsbildenden Augenblicken einfach geschehen, ohne dass wir darüber reflektieren. Die Veränderungen können auch unsere Glaubenssätze, die Arten des Problemlösens, unsere Werte und vieles mehr umfassen.
Thematische Abgrenzungen nimmt Radatz eher nicht vor: Systemisches Coaching kann ihr zufolge mit Organisationen durchgeführt werden, zur Klärung individueller beruflicher Fragen und auch für Fragestellungen im privaten Bereich (Radatz, 2006, S. 17).
Im Unterschied zur Supervision, die z. B. als prozessorientierte Teamsupervision einige Sitzungen zur Klärung einer bestimmten Fragestellung/eines Themas beanspruchen kann, bemisst Radatz den Coachingprozess im Sinne der Klärung einer Fragestellung generell auf schlanke, sportliche 90 Minuten.
Jürgen Hargens und Uwe Grau (1995, S. 27) formulieren den Supervisionsgedanken so: »In diesem Sinn begreifen wir Supervision als ›Anwendungswissenschaft‹ – als Anwendung eines grundlegenden psychologischen Wissenskanons auf unterschiedliche berufliche Kontexte –, um den dort Tätigen eine kompetenzorientierte Reflexion ihres Handelns zu ermöglichen und zu erleichtern.«
