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"Virgin Diaries" heißt das Format, in dem Jugendliche über ihr, noch bevorstehendes, erstes Mal reden. Die erste Staffel aus dem Jahr 2007 diente als Grundlage für die medienwissenschaftliche Analyse. Eine Bachlorarbeit.
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Seitenzahl: 90
Veröffentlichungsjahr: 2020
Einleitung
Das Dokumentarische und die Realität
2.1 Die Vorstellung von Wirklichkeit bzw. Realität
2.2 Die Wirklichkeit und der Dokumentarfilm (Hohenberger)
2.3 Reality TV - das Realitätsfernsehen?
Die Authentizität
Mehr Emotionen, bitte!
4.1 Emotionen allgemein und Emotionen im Jugendalter
4.2 Bedeutung der Emotionen für die Medien
4.3 Emotionalisierung als Gestaltungsmittel
Die Doku-Soap – ein Genre entsteht
Das Sende Format „Virgin Diaries“
Die Analyse
7.1 Der Trailer und die Musik
7.2 Die Protagonisten
7.2.1. Auswahl der Protagonisten
7.2.2 Motivation zum Mitmachen
7.2.3 Charaktere
7.3 Das Agieren der Protagonisten vor der Kamera
7.4 Die „Diary Cam“
7.5 Off-Kommentar
7.6 Die Zwischentitel
7.7 Kamera: Einstellungsgröße und Länge
7.8 Montage/ Schnitt
7.9 Plot, Plot und nochmals Plot
7.10 Inszenierung
7.11 Ort/ Umgebung
7.12 Der Blick durch das Schlüsselloch
Mögliche Faktoren der Zerstörung von Authentizität
Die Darstellung von Wirklichkeit in der Doku-Soap „Virgin Diaries“
Fazit
Literaturverzeichnis
„Demnächst werden wir auf dem Bildschirm ganz viele neue Doku-Soaps sehen. Der Boom ist nicht aufzuhalten.“1
So lauten die ersten Sätze, die Fritz Wolf vor neun Jahren in seinem berühmten Artikel „Plot, Plot und wieder Plot“ schrieb. Er sollte recht behalten, denn bis heute ist die Doku-Soap beliebt und auf der Vielzahl deutscher Fernsehkanäle zu sehen. Eine von ihnen soll der Gegenstand dieser Arbeit werden. „Virgin Diaries“ heißt das Format, in dem Jugendliche über ihr, noch bevorstehendes, ersten Mal reden. Die erste Staffel aus dem Jahr 2007 dient als Grundlage für die Analyse.
Drei Schwerpunkte sollen bei dieser Analyse wegweisend sein:
Wenn man sich mit dokumentarischen Formen beschäftigt, dann ist die Frage nach der Beziehung zur Wirklichkeit unerlässlich. Daher soll als erstes allgemein auf das Verhältnis des Dokumentarischen zur Realität eingegangen werden, um im Verlauf der Arbeit schließlich speziell darzustellen, welche Rolle die Konstruktion von Wirklichkeit in der zu analysierenden Doku-Soap „Virgin Diaries“ spielt.
Da die Doku-Soap ein Hybrid aus Soap Opera und dokumentarischen Formen ist, hat sich die Frage nach einer ordnungsgemäßen Analyseform gestellt:
Trying to analyse the docu-soap within the coventional terms of documentary criticism is an unrewarding project suggesting perhaps that we would reformulate the terms of the analysis. Maybe we should make more progress if we began with the ‘soap’ part of the genre, to think of these new documentary series as essentially about entertainment and drama rather than about the world we live in.2
Allerdings ist es auch unzureichend die Doku-Soap nur von ihrer seriellen Seite zu beleuchten, denn schließlich kann man ihre andere Seite, nämlich ihren Bezug zum Authentischen, nicht einfach übersehen. Daher soll der Frage nachgegangen werden, wie viel „Soap“ und wie viel „Dokumentarisches“ eigentlich in „Virgin Diaries“ steckt. Das soll dadurch erreicht werden, indem die beiden wichtigsten Faktoren der unterschiedlichen Genres analysiert werden: die Authentisierung und die Emotionalisierung.
Da das Darstellen und Auslösen von Emotionen in einer Soap sehr wichtig ist, sollen diese erst allgemein und dann speziell in Bezug auf „Virgin Diaries“ betrachtet und analysiert werden. Im Verlauf der Analyse wird stets folgende Frage gestellt werden: Durch welche Mittel soll eine Emotionalisierung erreicht werden?
Auf der anderen Seite ist es interessant herauszufinden wie stark der dokumentarische Gehalt ausgeprägt ist, daher widmet sich die Arbeit auch der Authentizität. Einerseits soll gefragt werden, welche Rolle die Authentizität allgemein für dokumentarische Formate spielt, um dann im Bezug auf die Sendung fragen zu können: Durch welche Mittel soll eine Authentisierung erreicht werden? Wird diese möglicherweise durch bestimmte Faktoren zerstört?
Durch die herausragendste Eigenschaft der Soap, die Emotionalisierung, und dem wichtigsten Faktor des Dokumentarischen, dem Verhältnis zur Realität und Authentizität, soll eine geeignete Analyse der Doku-Soap „Virgin Diaries“ erzielt werden.
Im Fazit soll anhand der Analyse eine Tendenz aufgestellt werden wie viel Authentisches, also „Doku“ und wie viel Emotionales, also „Soap“, sich in „Virgin Diaries“ befindet.
1 Wolf, Fritz: Plot, Plot und wieder Plot. ‚Doku-Soap’: Mode oder Zukunft des Dokumentarfilms? In: epd medien, NR 22, 24. März 1999. http://www.epd.de/medien/1999/22leiter.htm 29.04.2004. S. 1.
2 Dovey zitiert nach Holmes, Sue; Jermyn, Deborah. In: Unterstanding Reality Televion. London: Routledge 2004. S. 17.
Der Dokumentarfilm wird oft definiert, indem man ihn vom fiktionalen Film abgrenzt. Der Realitätsbezug soll das Dokumentarische charakterisieren, doch das bringt oft Schwierigkeiten mit sich. Denn Realität ist kein Gegenstand, den man elementar definieren kann. Das folgende Kapitel setzt sich mit dem Verhältnis des Dokumentarfilms zur Realität auseinander. Dazu gehört auch der Versuch sich allgemein mit der Wirklichkeit und der Abbildbarkeit von Wirklichkeit auseinander zu setzen. Schließlich soll das Reality TV, welches auch als Überbegriff über den Doku-Soaps steht, als „Realitätsfernsehen“ betrachtet werden.
Schon Platons „Höhlengleichnis“ thematisiert circa 400 vor Christus die Problematik der Wirklichkeit. Darin beschreibt Sokrates im Dialog Menschen, die sich von Geburt an in einer Höhle befinden und festgekettet sind. Sie können einander nicht sehen, denn ihre Augen sind auf eine Wand gerichtet. Auf diese Wand fallen Schatten von oben, wo ein Feuer brennt und Menschen mit Gegenständen vorbeilaufen. Die Höhlenbewohner sehen ihr ganzes Leben lang nur diese Schatten, die für sie ihre Welt bilden. Sokrates fragt sich in diesem Dialog, was passieren würde, wenn einer der Höhlenmenschen befreit werden würde. Wie würde er auf die Welt reagieren und welche Welt wäre dann die ursprüngliche für ihn?4
Wenn man sich nun vorstellt, diese Schatten in der Höhle wären ein großer Plasmafernsehbildschirm, sie hätten nie etwas anderes als die verschiedenen Programme in ihrem Leben gesehen und kämen dann frei. Wie wäre dann ihre Vorstellung von der Welt? Würde die neue „Realität“ die der Fernsehdarstellung ähneln? Auf jeden Fall würden sie die Wirklichkeit, die sie von Geburt an aus dem Fernsehen kennen als die einzig Wahre betrachten.
Das „Höhlengleichnis“ zeigt, dass die Vorstellung von Realität stark von der Subjektivität des Betrachters abhängig ist. Es wird deutlich, dass es nicht die eine Wirklichkeit gibt, sondern, dass verschiedene Vorstellungen von der Welt existieren. Man kann an dem Höhlengleichnis erkennen, dass es keinen Kompromiss geben kann. Wenn es zwei verschiedene Konstrukte von der Welt und Realität gibt, so kann man nur daraus schließen, dass es unmöglich ist eine einheitliche, objektive und allgemeine Vorstellung von der Wirklichkeit zu schaffen.
Wenn man über die Abbildbarkeit von Wirklichkeit durch Medien sprechen will, ist Vorsicht geboten, denn wenn es nicht „die Wirklichkeit“ gibt, kann man sie auch nicht ohne Probleme abbilden. Dass Realität auf Bildern nicht greifbar ist, zeigt beispielsweise die Beschäftigung mit der Fotographie. Bertolt Brecht erkannte die Problematik der Abbildbarkeit von Realität durch die Fotographie:
Die Lage wird dadurch so kompliziert, daß weniger denn je eine einfache Wiedergabe der Realität etwas über die Realität aussagt. Eine Fotografie der Kruppwerke oder der AEG ergibt beinahe nichts über diese Industrien. Die eigentliche Realität ist ins Funktionelle gerutscht.5
Fotographien geben demnach nichts von dem Alltag preis, der sonst im Kruppwerk herrscht. Gerade durch das Fotographieren wird eine Situation erzeugt, die nicht natürlich ist. Die Arbeiter stehen zusammen und lächeln in die Kamera, jedoch hat das nichts mit ihrem Arbeitsalltag gemeinsam. Wie bereits im philosophischen Teil festgestellt, ist es schwierig über die Vorstellung von Wirklichkeit zu sprechen, die Darstellung dieser, beispielsweise durch eine Fotographie, erweist sich jedoch als noch komplizierter. Auch André Bazin hat sich mit der Konzeption von Realismus auf Fotos und in Filmen beschäftigt und verbildlicht die Problematik durch eine treffende Metapher:
Unter dieser Perspektive [...] erschien der Film als die zeitliche Vollendung der fotografischen Objektivität. Der Film will nicht mehr nur den in einem Augenblick festgehaltenen Gegenstand erhalten, wie der Bernstein den intakten Körper von Insekten einer vergangenen Zeit; er befreite die barocke Kunst von ihrer krankhaften Katalepsie. Zum ersten Mal ist das Bild der Dinge auch ihrer Dauer, eine sich bewegende Mumie.6
Die Fotographie ist für Bazin wie ein Bernstein, der die Dinge nur in einem kurzen Moment festhält. Durch den Film wird die bisherige momentartige Kunst, die der Krankheit Katalepsie (Bewegungsstörung, Nervenkrankheit) geglichen hat, erweitert und bekommt nun Bewegung eingehaucht. Das Bild der Mumie zeigt jedoch auch, dass der Film die realen Personen nicht so abbilden kann, wie sie außerhalb des Filmes erscheinen würden. Besonders für dokumentarische Formate ist die Beschäftigung mit dem Verhältnis zur Realität wichtig. Diese wird im nächsten Kapitel thematisiert.
Die besondere Eigenschaft von dokumentarischen Formaten ist ihre Beziehung zur Realität. Doch genau diese ist oft sehr problematisch. Trinh T. Minh-ha sieht darin auch eine Gefahr: „Die Realität ist phantastischer, auf eigentümliche Weise manipulativer und macht einen verrückter als die Fiktion.“7
Die Dokumentarfilme bilden die Wirklichkeit nicht ab, denn die „Bilder konstituieren ihre eigene ‚Wirklichkeit’“8. Jedoch wird diese mediale Errichtung oft mit der Realität gleichgesetzt. So zielen beispielsweise Propagandafilme genau darauf ab das Mediale als das Reale zu verkaufen. Die meisten Dokumentarfilmtheoretiker wie Heinz B. Heller sind sich jedoch einig: „Wie jeder Film ist auch der Dokumentarfilm nur ein Film: ein Zeichen der Zeit, aber niemals die Wirklichkeit selbst.“9
Für die Dokumentarfilmtheorie ist das Thema „Abbildung von Wirklichkeit“ bezeichnend. Einer der wichtigsten Meilensteine der Theorien verfasste dazu Eva Hohenberger mit ihrer Dissertation „Die Wirklichkeit des Films“. Der Begriffsapparat erscheint einleuchtend und soll im Verlauf der Arbeit verwendet werden. Daher soll er im Folgenden vorgestellt und erläutert werden.
Hohenberger ebnet eine neue Theorie des Dokumentarischen, indem sie den Schwerpunkt auf die Realitäts- bzw. Wirklichkeitsproblematik setzt. Dabei entwirft sie fünf Arten von Realitäten, um sie alle unabhängig voneinander zu betrachten.
1) Die nichtfilmische Realität10
Die erste Realität wird als die nichtfilmische benannt. Diese Realität funktioniert ohne das Filmen.
Sie gibt im weitesten Sinn (ideologisch, politisch) vor, was gefilmt wird, welche Themen aktuell sind. Sie ist darüber hinaus das Reservoir überhaupt abbildbarer Realität.11
Bevor die Filmarbeiten beginnen, existiert nur die nichtfilmische Realität, sie funktioniert aber auch unabhängig von der Produktion. Dass es wichtig ist, diese von den anderen Realitäten abzugrenzen, zeigt Hohenberger an dem Beispiel des Parlaments. Die Ankündigung eines Fernsehteams lässt die Anzahl der Abgeordneten steigen, denn man weiß,
daß ohne die ankündigte Anwesenheit eines Fernsehteams wesentlich weniger Abgeordnete überhaupt im Parlament erscheinen, so daß das Parlament letztlich gegenüber den Ausschüssen und Verwaltungsgremien an Funktion verliert.12
Hohenberger weist schließlich auf Hachmeister und fragt sich, ob die nichtfilmische Realität überhaupt noch existiert, da die menschliche Wahrnehmung „alles Reale nur noch als Film sehen kann.“13
2) Die vorfilmische Realität14
Die zweite Realität bezieht sich auf die Veränderung, die während eines Drehs stattfindet. Denn die vorfilmische Realität stellt die Realität dar, „die im Moment der Filmaufnahme vor der Kamera ist.“15 Wie im Fall des Parlaments verhalten sich die Gefilmten anders als sonst in der nichtfilmischen Realität. Der Filmemacher wählt einen „Realitätsausschnitt“16
