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Nach den verstörenden Ereignissen in Bethramdor findet Deorn sich allein im hohen Norden wieder, erneut auf den Fersen des Ësarothtûm. Doch die Eiswüste hält weitaus mehr bereit, als er mit seinem hitzigen Gemüt einzusehen gewillt ist. Zurück in Lithanea ringen Sivana, Tianna und Filbur mit den Folgen von ihrem und König Arnoths Handeln. Eine schwere Entscheidung steht ihnen bevor. Wenn sie den Dunkelhüter und seinen Ësarothtûm aufhalten wollen, müssen sie einen umstrittenen Pfad wählen, der nicht nur für den Feind eine Gefahr sein wird. Dabei werden sie Hilfe aus Arthadon benötigen. Leider versuchen Merina und Amila dort verzweifelt, Valkas davor zu bewahren, mehr als nur seinen Rang einzubüßen. Aber vielleicht ist genau das notwendig, damit er bereit für ein unerwartetes Bündnis ist, dass die Werte des Heerführers aufs Ärgste in Frage stellen wird.
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Veröffentlichungsjahr: 2025
WELTENBAUM VERLAG
Vollständige Taschenbuchausgabe
07/2025 1. Auflage
Dolmatûm
Die Flamme der Erkenntnis
© by Tino Took
© by Weltenbaum Verlag
Egerten Straße 42
79400 Kandern
Umschlaggestaltung: © 2025 by Magicalcover
Lektorat: Julia Schoch-Daub / Feder und Flamme Lektorat
Korrektorat: Mary Bee Lektorat
Buchsatz: Giusy Amé
Autorenfoto: Privat
ISBN 978-3-69067-013-5
www.weltenbaumverlag.com
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TINO TOOK
Dolmatûm
Die Flamme der Erkenntnis
Band 2
High-Fantasy
Für meine geliebte Louise.
Ohne deine aufrichtige Liebe, Unterstützung und vor allem unendliche Geduld hätte ich wohl nur wieder aufgegeben.
Ich liebe dich!
Weiß.
Undurchdringliches Weiß, begleitet von einem unbarmherzigen, steifen Wind, der, einer eisigen Welle gleich, das Land mit tödlicher Kälte zu überschwemmen suchte. Wild umherwirbelnde Schneeflocken stachen wie kleine Nadeln auf alles ein, was sich durch die weite Ebene bewegte.
Knirschend sanken die Pferdehufe in den Schnee, zitternd vor Erschöpfung. Das Schnaufen ging im heulenden Nordwind unter und die stets in kürzeren Abständen aus den Nüstern aufsteigenden Atemwolken wurden gnadenlos in alle Richtungen zerstoben, eins werdend mit den restlichen, umherfliegenden Eiskristallen in der Luft.
Umgeben von Eis, sank der ausgelaugte Pferdekörper zu Boden. Niemand hörte den Aufprall. Und niemand sah den nicht minder erschöpften jungen Mann aus dem Sattel und in den dichten Schnee fallen. Der nun pferdlose Reiter erhob sich wenige Momente später und marschierte wankend, aber unbeirrt, voran in Richtung Norden. Voran in den undurchdringlichen Sturm.
Deorns gesamter Körper fühlte sich an, als würde er von einem Skelett aus Eiszapfen zusammengehalten. Der Frost kroch ihm bis ins tiefste Innere seines Herzens, welches nur weiterzuschlagen schien, weil er es nicht anders erlaubte. Das blonde Haar war steifgefroren und aus dem rot-violetten Gesicht starrten die graublauen Augen mit bohrender Intensität stur in die weiße Unendlichkeit.
Schon lange hatte er die Spur des Tûm verloren, doch hielt ihn das nicht von einer Verfolgung ab. Nach dem Überqueren der Nordgrenze Bethramdors vor acht Tagen und dem Ritt durch die trostlose Hügellandschaft zwischen dem Cûin und Medras-Gebirge gelangte er immer tiefer in die karge Tundra der Hrenga. Nachdem er die fahlgrüne Vegetation durchschritten hatte, erstreckte sich eine endlose Landschaft aus Schnee und Eis vor ihm, in der sich nichts regte, außer den von frostigen Böen aufgeworfenen Puderschneewirbel in den umliegenden Eisdünen. Dann kam der Sturm.
Bilder flammten in seinem müden Geist auf. Wallendes dunkles Haar, liebreizende Augen und ein Lächeln, wie es nie ein zweites gab.
Das Antlitz der Frau, die er mehr als alles andere geliebt hatte. Schmerz und Terror flackerten für Sekundenbruchteile auf und wischten die Schönheit aus ihrem Gesicht, bevor blaue Flammen auf sie niedergingen.
Eisblaue Augen mit der Schärfe von Rasiermessern starrten ihm in die Seele, donnernd und grollend vor schrecklicher Präsenz, während tief schneidende Worte auf ihn niederprasselten.
Sie hat dich verlassen, Deorn.
Die Stimme seines Vaters hallte mit zunehmender Lautstärke in seinem pochenden Schädel wider.
Sie lebt und sie ist glücklich.
Deorns Knie gaben nach und mit einem im Heulen des Sturms nicht vernehmbaren Knirschen landete er bäuchlings im Schnee.
Du wirst ihr nie wieder ein Haar krümmen.
Nie hatte er ihr etwas getan. Nie hätte sie ihn verlassen. Niemals!
Die steif gefrorenen Augenlider fielen ihm zu. Von Wut und Verzweiflung zerfressen, gab er sich der bitteren Kälte hin.
Talia.
Gorm.
Bevor sein Geist im weißen Nichts versank, schlug ihm nur das Echo seines Vaters Namens durch den Wind entgegen, wie eine Mahnung aus dem Jenseits und bereit, Deorn in selbiges zu geleiten.
Gorm ...!
Schweißgebadet schreckte Sivana aus dem Schlaf hoch. Ihr Atem ging stoßweise und ein Schauer, der ihre Glieder beben ließ, überkam sie. Sie vergrub das Gesicht in den Händen, bevor sie sich das schwarze Haar zurückstrich.
Verflucht noch eins!
Nicht eine einzige Nacht gönnte ihr Geist ihrem nach Ruhe schreienden Körper. Die unaufhörliche Flut von Bildern, das Echo der schmerzverzerrten Schreie. Und die stechende Trauer vermengt mit Unglaube, dass all dies Wirklichkeit war.
Sie setzte sich in dem breiten Bett auf und verharrte auf der Bettkante, umhüllt von Dunkelheit, die nur von einem dünnen Strahl von Mondlicht durchbrochen wurde, der durch die halbherzig zusammengezogenen Vorhänge ins Zimmer fiel. Ihre Sachen lagen auf einem Haufen in der Ecke, durcheinandergeworfen mit Teilen ihrer Rüstung aus Leder und Stahl. Dort lag sie unverändert seit ihrer Rückkehr vor zwei Tagen.
Der Marsch zurück nach Ilá-ar-Lithan war lang und erschöpfend für alle Überlebenden gewesen. Die Magier hatten, wie jeder andere Krieger, kaum genug Kraft gehabt, sich auf den Beinen zu halten, geschweige denn Portale zu erstellen. Also war ihnen nur der Fußmarsch geblieben. Nach 14 Tagen hatten sie endlich wieder die Hauptstadt Lithaneas erreicht. Die Verluste waren hoch und die Trauer unter den Daheimgebliebenen legte sich auf das Gemüt der Bevölkerung wie ein schwarzes Tuch, das nicht einmal Arnoth zu lüften vermochte.
»Was ist los?«Die gewohnt liebliche Stimme Tiannas drang verschlafen an ihr Ohr. Sanft strich ihre Hand an Sivanas von Narben zerfurchten Rücken entlang.
»Nichts«, entgegnete Sivana. »Nur schlecht geträumt.«
Sie spürte Bewegung hinter sich. Dann legte sich ein Arm um sie, gefolgt von einer wohligen Wärme, die sich mit Tiannas Körper an ihren Rücken schmiegte. Sivana lehnte sich in die Umarmung hinein und schloss die Augen. Wie gut ihr diese Nähe tat. Und doch ...
»Ich muss mir die Beine vertreten.«
Sie erhob sich schwerfällig von der Bettkante und warf sich ein paar notdürftige Kleidungsstücke über.
»Soll ich mit dir kommen?«, bot Tianna an.
»Ist schon gut. Ruh dich aus. Ich muss nur etwas den Kopf freikriegen.«
Tianna hakte nicht weiter nach und ließ sie gewähren.
»Bleib nicht zu lange weg. Ich halte dir deine Seite warm.«
Sie schloss die Augen und im Mondschein konnte Sivana die Andeutung eines Lächelns erkennen. Sie machte ein paar Schritte auf ihre Partnerin zu, gab ihr einen Kuss auf die Stirn und strich ihr zart über die Wange. Dann begab sie sich nach draußen.
Die Tür fiel hinter ihr ins Schloss und sie schritt den leeren Palastkorridor entlang. Die Stille war so angenehm beruhigend, als wäre sie soeben in ein heißes Lavendelbad gestiegen, was ihre Gedanken mit voller Lautlosigkeit betäubte. Der weiche Teppich strich ihr sanft um die nackten Füße, während sie sich in Richtung Empfangshalle begab und durch das schwere Palasttor in die frische Nachtluft hinaustrat.
Die Brise fühlte sich kühl auf ihrer schweißüberzogenen Haut an und ließ sie schaudern. Sie schlang die Arme um ihren Oberkörper und trat an die Stufen heran, die zur Stadt hinunterführten. Einen Moment genoss sie den Ausblick auf die mondbeschienenen Dächer der Stadt und die dahinterliegende weitläufige Landschaft. Ein Anblick, der sich inzwischen wie zu Hause für sie anfühlte.
Ein kurzes Schaben erklang, gefolgt von einem Zischen und Knistern. Sivana wandte sich um und erblickte Olfur, der an die Palastwand gelehnt seine Pfeife anfeuerte. Das gelborangene Licht flimmerte verspielt auf und erhellte das von Sorgenfalten durchfurchte Gesicht des Zwerges und den braunen, zu drei Zöpfen gebundenen Bart. Ein paar paffende Züge später sah er auf.
»Findest du auch keine Ruhe?«
Sivana kam auf den Zwerg zu und lehnte sich neben ihm an die Wand.
»Was hält dich wach?«, fragte er weiter.
Die Schmerzen ihrer Glieder nach den Anstrengungen der vergangenen Tage, dachte sie. Ihr aufschreiender Arm, den diese gnadenlose Kriegerin Arthadons mit ihren heftigen Schwerthieben zu zertrümmern gedroht hatte. Das Blitzen, Klirren und Donnern der Schlacht. Der Geruch verbrannten Fleisches. Die letzten Atemzüge Lorwigs.
Der Fund vom Schwert ihres besten Freundes.
Im Körper seines eigenen Vaters.
»Wie stehst du all das durch?«, fragte Sivana den Zwerg. »Nach dem Fortgang aus Grimnost, nach dem Angriff des Tûm. Und nun nach dieser Schlacht. Was hilft dir, nicht den Verstand zu verlieren?«
»Mein Ziel.«Olfur kaute gedankenversunken auf seiner Pfeife, während der aromatische Tabakrauch in Sivanas Nase stieg.»Wenn du ein Ziel hast, stehst du die einschneidendsten Ereignisse durch und verkraftest die tiefsten Wunden. Du musst einfach immer wieder aufstehen und weitergehen, egal wie oft oder wie hart man dich zu Boden wirft. Weil du weißt, dass all dies einem Zweck dient und es all das wert ist.«
»Aber ist es das?«Sivana sah die verstreuten Toten vor dem geistigen Auge, unter Staub und Stein begraben und von Feuer und Ësaroth entstellt.
»Es ist schwer, Abschied von Kameraden zu nehmen«, sagte Olfur. »Noch schwerer von Freunden. Es wird nie leichter, glaube mir. Doch mit der Zeit kannst du lernen, ihrem Tod eine Bedeutung zu geben. Und daraus kannst du Kraft schöpfen. Die Kraft, weiterzumachen und an ihrer statt weiterzukämpfen.«
»Und wenn ich das nicht kann?«
Der Zwerg zog an seiner Pfeife, bevor er antwortete.
»Sieh dir deine Freunde an. Sie alle haben ein Ziel vor Augen. Insbesondere Deorn. So sehr mir sein kopfloses Verhalten widerstrebt, so kann man nicht umhin, seine Tatenkraft zu bewundern und seine Willensstärke, mit der er Rückschläge verarbeitet.«
Deorn. Obwohl sie Angst hatte, die Wahrheit herauszufinden, so wünschte sie sich dennoch, ihr Freund wäre bei ihnen.
Sie brauchte Antworten.
Was hatte ihn dazu bewegt, seinen eigenen Vater zu ermorden?
Oder war all dies nur ein schreckliches Missverständnis?
»Machst du dir große Sorgen um ihn?«, fragte Olfur.
Sivana antwortete nicht.
»Du hast richtig gehandelt«, versicherte der Zwerg ihr. »Welchen Zweck hätte es gehabt, ihm blind nachzureiten? Wir mussten uns neu gruppieren, einen neuen Plan ausarbeiten. Und es erfüllt mich mit Freude und Stolz, dass du das erkannt hast.«
Der Zwerg schenkte ihr ein Lächeln, bevor er seine Pfeife ausklopfte.
»Deorn wird schon zurechtkommen, stur und unverwüstlich, wie er ist. Und vielleicht lernt er auf diese Weise endlich seine Lektion. Hier jedoch gibt es genug Leute, die unsere Hilfe brauchen.«
Mit einem zutraulichen Klopfen auf ihre Schulter begab sich Olfur wieder in den Palast.
Wie immer schaffte es ihr Freund, sie grübelnd zurückzulassen. So würde sie sicherlich keine Ruhe finden.
Dennoch beschloss sie, es zumindest zu versuchen. Schließlich blieb ihr nur noch ein Tag, um ihre Energie für die bevorstehende, von Arnoth einberufene Versammlung zurückzuerlangen.
Eine Versammlung, welche die Weichen für die Zukunft des Landes und womöglich der gesamten Welt stellen würden.
»Vorsicht! Nicht so schnell. Noch ein Stück weiter. Sehr gut!«
Mit lauter Stimme dirigierte Valkas den von Ochsen gezogenen Transportschlitten, bis dieser an gewünschter Stelle zum Stillstand kam. Die Arbeiter warfen Seile um den massiven Steinblock und hielten die Kranarbeiter zum Aufzug an. Mit vereinter Kraft wurde der Block in die Luft gehoben und in das zu reparierende Mauerstück eingefügt.
Seit den frühen Morgenstunden hatte er bei den Reparaturarbeiten geholfen. Die lange Reihe von Transporten war fürs Erste abgefertigt und sie mussten auf die nächste Lieferung der Steinmetze warten. Valkas schnaufte, wischte sich den Schweiß aus den Augen und nahm ein paar erfrischende Schlucke aus dem nahestehenden Wasserfass.
»Heerführer Valkas!«
Eine ältere Dame kam auf ihn zugeeilt, in Tränen aufgelöst.»Wo ist mein Mann, Heerführer? Niemand kann mir helfen. Ich will doch nur wissen, wo mein Mann ist.«
Valkas fiel es schwer, nicht selbst in Tränen auszubrechen. Seit Tagen schon wanderte die Frau in der Stadt umher auf der Suche nach ihrem Ehemann.
Seit man den Leichnam ihres Mannes vor ihr aufgebahrt hatte.
Er würde nie den gepeinigten Schrei der Witwe vergessen, den sie bei dem Anblick ausgestoßen hatte. Das schluchzende Stammeln des im Unglaube hervorgebrachten Flehens, er solle doch endlich aufwachen.
»Ich flehe Euch an, Heerführer, bitte!«
»Ist schon gut, Marla«, antwortete er ruhig und ergriff ihre mit Falten übersäten Hände. »Ich weiß, wo man dir helfen kann.«
»Habt Dank, Herr! Ihr seid zu gütig. Mein Ertwin war noch nie so lange fort und ich weiß nicht, was ich sonst tun soll. Vielleicht ist er verletzt?«
Geduldig nickend lauschte Valkas dem wirren Wortschwall der Alten, während er sie durch die Stadt führte. Geschäftig huschten Soldaten und Lieferanten durch die Straßen, überlieferten Befehle, trugen Baumaterialien oder Vorräte. Viele Häuser waren durch die magischen Angriffe Lithaneas beschädigt worden. Die dadurch ausgelöste Obdachlosigkeit war ein weiteres der zahlreichen Probleme, die ihm Sorgen bereiteten. Es war noch nicht einmal Sonnenzeit und die Vorräte drohten lange vor dem Beginn der Erntezeit knapp zu werden. Nur die bereits begonnenen Ernten von Zwiebeln, Spargel, Lauch und Brokkoli hielten die Stadt momentan in der wirtschaftlichen Waage, zusammen mit den letzten Beständen von getrocknetem Lamm und den spärlich eintreffenden Lieferungen von Fisch aus dem Norden. Sie brauchten jedoch möglichst bald Getreide und Kartoffeln, um die Menschen ausreichend zu stärken.
»Ohhhh, da sind wir ja schon!«, riss die Alte ihn aus seinen Gedanken.Sie standen vor einer offenen Markthalle, in der für die Bedürftigen Betten und Liegen aufgestellt wurden. Eine kleine Frau mit einem braungrauen Haarknoten kam auf sie zugeeilt.
»Da bist du ja wieder!«, sprach sie mit von Fürsorge erfüllter Stimme. »Ich habe mir schon Sorgen um dich gemacht.«
»Wie unnötig, Liebes«, antwortete die alte Marla. »Ich habe doch nur Hilfe geholt. Dieser werte Mann wird mir nämlich bei der Suche nach meinem Ertwin helfen.«
»Wie nett von ihm! Zuerst musst du aber etwas essen, verstanden? Ausgehungert kannst du deinem Mann nicht helfen.«
»Ich weiß, ich weiß. Das sagt mein Ertwin auch immer. ‚Du musst mehr essen, Liebling!‘«
Vor sich hinmurmelnd ließ sie Valkas‘ Hand los und tapste zielstrebig auf die Kochstelle am anderen Ende der Markthalle zu.
»Danke, dass Ihr sie hergebracht habt, Heerführer«, sprach die besorgte Frau an Valkas gerichtet.
»Das ist kein Problem, Kara«, wehrte er ab. »Hier weiß ich zumindest, dass sie in guten Händen ist.«
Tatsächlich konnte er sich keinen besseren Ort wünschen, an dem man sich um die Leute kümmerte. Kara war mit so viel Herzblut an der Versorgung und Pflege beteiligt, dass er glaubte, sie könne eine gesamte Armee im Alleingang wieder aufpäppeln. Und das, obwohl sie selbst einen schweren Verlust hingenommen hatte.
Valkas hatte ihr die Nachricht vom tragischen Fall ihres Ehemannes persönlich überbracht, aus Respekt für dessen unvergleichliche Tapferkeit bei der Verteidigung der Stadt. Die Meldung, dass der hünenhafte Hauptmann gefallen sei, hatte den Heerführer schwer getroffen. Noch am selben Tag hatte sich Kara freiwillig im Krankenlager zur Pflege und als Köchin gemeldet, wo sie Tag und Nacht bis zur völligen Erschöpfung arbeitete.
Welch eine strahlende Zukunft ihnen bevorstünde, dachte Valkas sich, beherbergte die Welt nur mehr Menschen wie sie. Er hoffte inständig, dass die beiden Kinder hatten, mit denen die herausragenden Charakterzüge der Eltern weiterlebten.
Mit einem letzten dankbaren Kopfnicken verabschiedete er sich von Kara. Die allmorgendliche Meldung bei König Érothan stand bevor, er musste sich beeilen. Und mit schwerem Herzen an den mageren Gestalten vorbeischreitend begab er sich zum Palast.
Der König war noch nicht eingetroffen. Stattdessen wurde er von Korand erwartet.
»Da bist du ja endlich«, begrüßte dieser ihn. »Ich hatte gehofft, dich beim Treffen der Militärriege zu sprechen.«
Das war ihm vollkommen entfallen.
»Die Bauarbeiter an der Stadtmauer brauchten Hilfe, tut mir leid.«
»Und wir brauchen solide Führung. Du kannst nicht überall zugleich sein.«
Valkas kniff die Augen zusammen.
»Ich weiß um meine Aufgaben. Feldherr.«
Korand war klug genug, nicht weiter nachzubohren, doch spürte Valkas, dass ihm noch einiges auf der Zunge lag.
Eine Tür hinter dem Thron öffnete sich und König Érothan kam zügigen Schrittes auf sie zu, um auf selbigem Platz zu nehmen.
»Wie ist die Lage in der Stadt?«, fragte der Halbelf an Valkas gerichtet.
»Angespannt«, antwortete der Heerführer. »Die Leute leiden, Herr. Die Schlacht hat die Lage verschärft und das Volk beginnt zusehends nach Alternativen zu suchen.«
Érothan blickte nachdenklich ins Leere, bevor er das Wort ergriff.»Wenn die Leute einen Aufstand planen, müssen wir vorbereitet sein.«
»Mit Verlaub, mein König, soweit sollten wir es gar nicht erst kommen lassen. Stattdessen sollten wir etwas unternehmen, um den Menschen zu helfen. Die Menschen brauchen Verpflegung. Und zwar schnell!«
»Es ist nicht mehr lange bis zur Erntezeit«, entgegnete Érothan gelassen. »Die Lieferungen sind zwar spärlicher, aber ausreichend.«
Valkas schüttelte den Kopf, die Bilder der abgemagerten Menschen in den Straßen Bethramdors vor dem geistigen Auge.
»Die Frühgemüseernten sind mager und neigen sich bereits dem Ende zu. Die frühesten Kartoffelernten können in 20 Tagen eingefahren werden. Das ist eine lange Zeit für Hungernde. Und momentan sieht es nicht einmal so aus, als würde diese frühe Ernte durchkommen. Es ist zu trocken, Herr.«
»Und was schlagt Ihr vor, Heerführer?« Die Stimme des Königs klang unerwartet herausfordernd. »Was genau soll ich unternehmen?«
»Lasst mich die Armee für Wassertransporte abstellen, um die Felder vor dem Verdorren zu bewahren.«
»Und wer verteidigt die Stadt?«
Valkas seufzte.
»Was nutzt uns die Verteidigung, wenn niemand mehr zum Verteidigen da ist?«
Er hielt einen Moment inne und sammelte sich.
»Bittet zumindest die Nachbarländer um Beistand.«
»Diese haben die gleichen Probleme. Wir können keine Hilfe von Völkern erwarten, denen es noch schlechter geht als uns.«
Nicht überall. Die Worte schossen ihm so unerwartet durch den Kopf, dass der Schreck durch seine Knochen fuhr. Er verdrängte den Gedanken mit aller Kraft, bemüht, sich nichts anmerken zu lassen.
»Valkas, ich kann verstehen, wie Ihr Euch fühlt«, sprach Érothan in dem für ihn üblichen, warmen Ton. »Die Zeiten sind schwer, für uns alle. Doch müssen wir nun Stärke zeigen. Und Ausdauer. Das Volk hat diese Kraft in sich, das weiß ich. Und die Menschen werden die Notwendigkeit erkennen und durchhalten. Unsere Aufgabe ist es, sie dabei in jeder Form zu unterstützen, die uns unter dem Banner von Verantwortung und Moral zur Verfügung steht.«
Dann erhob sich der König, trat an Valkas heran und legte die Hand auf seine Schulter.
»Doch dafür brauche ich Eure Unterstützung. Bitte versagt mir diese nicht, wenn ich sie am dringendsten benötige.«
Valkas schluckte. Zögernd nickte er, worauf der König anerkennend zurück nickte.
»Verzeiht mir«, sprach er und verbeugte sich. »Doch ich muss weiter meinen Aufgaben nachgehen.«
Mit diesen Worten wandte er sich ab und ließ Korand und den König alleine im Saal zurück.
Der Tag neigte sich dem Ende zu und eine sternenlose Nacht sank auf Arthadon nieder. Valkas saß vorgebeugt, das Gesicht in den Händen vergraben, am mit Papieren überfüllten Arbeitstisch in dem kerzenbeschienenen Schlafgemach. Die Worte Érothans hallten noch immer in seinem Ohr.
Bitte versagt mir diese nicht, wenn ich sie am dringendsten benötige.
Es klopfte. Einen Augenblick später öffnetesich die Tür unter leisem Knarren und Amila steckte ihren blondgelockten Kopf durch die Öffnung.
»Tut mir leid, wenn ich störe. Ich habe mir Sorgen gemacht, als du nicht zum Abendessen gekommen bist.«
Valkas schloss die Augen. Wie konnte er das nur vergessen?
»Tut mir leid, Amila«, entschuldigte er sich. »Bitte sei mir nicht böse. Ich war einfach ...«Er hielt inne.
Die junge Magierin trat leise ein und schloss die Tür hinter sich. Dann kniete sie neben ihm nieder und legte ihre zierlichen Hände auf seinen Unterarm.»Selbstverständlich bin ich dir nicht böse. Du hast so viel um die Ohren, ich kann mir nicht einmal ansatzweise vorstellen, welchem Stress du ausgesetzt bist.«
Valkas atmete tief durch, wobei ihm der wohlige Blumenduft Amilas in die Nase stieg. Doch selbst dieser vermochte seine gedrückte Stimmung heute nicht zu heben.
»Wie sieht es in der Akademie aus?«, fragte er.
»Wir kommen klar. Einige Magier erholen sich noch immer von der Schlacht. Die Verteidigung hatte ihnen wirklich viel abverlangt.«
»Ohne sie hätten wir einen weitaus höheren Preis gezahlt. Und wir hätten noch mehr zerstörte Häuser und Obdachlose als ohnehin schon.«Die Bilder der von Schmutz überzogenen Kinder im Arm ihrer verzweifelten Eltern nagten an ihm.
»Hör zu«, sprach Amila. »Die Menschen brauchen Hilfe und du versuchst dein Bestes. Seit Tagen springst du von einem Ort zum anderen, packst an, wo es nötig ist und bist dem Volk eine tatkräftige Stütze. Doch du brauchst Ruhe und Erholung. Du bist niemandem eine Hilfe, wenn du zusammenbrichst.«
»Und wer ist dann für die Leute da?«
Amila senkte ihren Kopf. Sie wusste, dass er nicht tatenlos zusehen konnte. Sie wusste um seine Verzweiflung. Um seine Sorge um die Menschen Bethramdors. Um das Königreich. Und er wusste um ihre Sorge um ihn. Ein Kreislauf, der sich seit dem Ende der Schlacht zwischen ihnen etabliert hatte.
»Versprich mir wenigstens, etwas mehr auf dich achtzugeben«, bat sie. »Und wenn es irgendwas gibt, das ich tun kann, dann komm bitte zu mir.«
Sie erhob sich und ließ sich auf seinem Schoß nieder, die Arme um seinen Hals gelegt. Amila sah ihm tief in die Augen und die rosigen Lippen formten ein herzerweichendes Lächeln.
»Du bist nicht allein, vergiss das nie. Ich bin immer bereit, Sorge, Leid und Trauer mit dir zu teilen. Immer.«
Mit diesen Worten lehnte sie sich vor und küsste ihn. Ihre weichen Locken strichen ihm über das müde Gesicht und ihre Wärme ergriff Besitz von seinem Körper. Eng umschlungen verharrten sie, für eine kurze Weile die Probleme der Welt vergessend.
Nicht lange und Valkas‘ Kopf sank gegen Amilas Schulter. Amila strich ihm sanft durch das kurze dunkle Haar und lächelte zufrieden. Um ihn nicht um seine wohlverdiente Ruhe zu bringen, schmiegte sie sich dicht an den schlafenden Heerführer. Sie flüsterte ihm liebevolle Worte ins Ohr und hüllte ihn in eine magische Traumdecke aus Zuversicht und Hoffnung, auf dass er neue Motivation daraus ziehen möge.
Mit einem letzten Seufzer schloss sie die Augen und gesellte sich im Traum zu ihm.
Ein Klirren schreckte Sivana auf.
Eilig bemühte sie sich, den umgestoßenen Becher wieder aufzurichten und erblickte die sich plätschernd ausbreitende Lache warmer Milch auf der Tischplatte und über dessen Kante hinaus bis auf den Tavernenboden. Sie stöhnte und entschuldigte sich bereits lautstark bei der freundlichen Wirtin, die sofort mit trockenen Tüchern und schwingenden Zöpfen auf sie zugeeilt kam.
»Tut mir leid, Linna. Ich muss wohl eingenickt sein.«
»Passiert den Besten unter uns, meine Liebe. Zum Glück war es keine heiße Suppe.«
Nach Trockenlegung des Milchsees und mit einem neuen Krug versorgt, sammelte sich Sivana mit vor Müdigkeit schmerzenden Augen, entschlossen, nicht erneut vom Schlaf übermannt zu werden.
Nach einer kurzen und mit Unterbrechungen durchmengten Nachtruhe, die als solche kaum bezeichnet werden dürfte, hatte sie sich frustriert aufgerafft, um ihr Frühstück im Alten Wagenrad zu sich zu nehmen. Die Straßen waren so ruhig gewesen, wie man es für die Stunden kurz nach Sonnenaufgang erwartete. Weshalb sie alleine in der Taverne saß. Genau wie in Leandra, als sie in der Trauer um Talia gefangen war, erinnerte sie sich.
Inzwischen waren vereinzelte Tische von den ersten Frühaufstehern in Beschlag genommen und die anfängliche Ruhe durch Klimpern, Klirren und Klatsch ersetzt.
»Kann ich dir noch etwas bringen?«, fragte die junge Frau, die soeben an ihrem Tisch vorbeikam.
Andela war Linnas Bedienungshilfe für die Morgenstunden. Ein schüchternes Mädchen mit orangerotem lockigem Haar und Stupsnase, welches bei Sivanas erstem Besuch in der Taverne derart nervös war, dass sie wiederholt die Getränke verschüttet hatte und voller Verzweiflung in Tränen ausgebrochen war. Die Schüchternheit saß noch immer tief in der 17-jährigen, doch hatte sie ihre Tollpatschigkeit unter Kontrolle bekommen, mehr Selbstbewusstsein aufgebaut und Sivana als Freundin ins Herz geschlossen.
»Danke, ich brauche nichts«, antwortete diese mühsam lächelnd.
»Außer eine Mütze gesunden Schlafes?« Andela legte ihren Kopf schief.
»Das kann ich wohl für eine Weile abschreiben«, entgegnete Sivana.
Das junge Mädchen setzte sich zu ihr an den Tisch, stützte ihre Ellenbogen auf der noch immer milchfeuchten Tischplatte auf und legte ihr Kinn in die zugehörige Hand.
»Was ist denn los?«, fragte sie.
Sivana wich ihrem besorgten Blick aus und starrte auf einen Punkt im Holz des Tisches, der wie ein dunkelbraunes Auge zu ihr zurückstarrte. Wo sollte sie nur anfangen?
»Da ist ja meine Angebetete!«, schallte es plötzlich durch den Raum.Hinter Andela erschien ein ausgiebig gepolsterter junger Mann mit kurzem, dunklen Haar und rundem Gesicht, dessen Kinn und Pausbacken aufgrund des nur stellenweisen Bartwuchses und den Aknenarben einem Flickenteppich nicht unähnlich waren. Er drückte dem Mädchen einen fetten Schmatzer auf die tiefrot anlaufende Wange und ließ sich neben ihr nieder, den dicken Arm um die im Vergleich zerbrechlich wirkenden Schultern des Mädchens gelegt.
»Du machst mich schon wieder ganz verlegen, Tomo!«
Tomo, der eigentlich Tomodir hieß, drückte sie nur umso fester an sich.
»Ich kann einfach nicht anders, meine Liebe. Wenn ich dich sehe, bricht die Freude einfach aus mir heraus.«
Sivana könnte sich ein Lächeln nicht verkneifen. Tomodir erhaschte einen Blick darauf und zeigte mit dem Finger in ihre Richtung, während er Andela breit grinsend ansah.
»Siehst du? Sivana muss auch schon lachen. Es ist ansteckend!«
»Das ist, weil du albern bist, nichts weiter«, wehrte das Mädchen ab. »Außerdem geht es Sivana momentan nicht so gut.«
»Kann ich mir schon denken, bei allem, was passiert ist«, erwiderte Tomodir.
Seine Miene veränderte sich und er nahm den Arm von der Schulter seiner Geliebten, um sich über den Tisch zu beugen. Dann sprach er mit gesenkter Stimme weiter.
»Stimmt es, dass unsere Krieger von einem riesigen Monster bei lebendigem Leib verbrannt wurden?«
Mit unerwarteter Wucht stieß Andela dem jungen Mann ihren Ellenbogen in den ausufernden Brustkorb, woraufhin dieser ein lautes Keuchen vernehmen ließ.
»Tomo! Du bist echt unmöglich!«
»Was denn?«, rief Tomodir aus und rieb sich dabei die Brust. »Man hört so viele Dinge, dass man nicht mehr weiß, was man glauben soll. Bei Sivana kann ich immerhin sicher sein, dass keine überzogenen Geschichten dabei sind.«
Die Stimmen der beiden Streithähne verstummten langsam in ihren Ohren und rückten in immer größere Ferne. Stattdessen ertönte ein Fiepen in ihrem Kopf, das zusehends anschwoll. Ihr Blick verschwamm und Bilder des Schlachtfeldes blitzten vor ihrem inneren Auge auf.
»Hey, Sivana!«
Tomodirs Stimme riss sie plötzlich wieder in die Gegenwart.
»Tut mir leid, ich hätte das nicht so direkt ansprechen sollen.«
»Ist schon gut«, beruhigte Sivana den jungen Mann. »Es ist mir sogar lieber, wenn man nachfragt, als einfach jedes Gerücht weiterzutratschen.«
»Sag ich auch immer«, bekräftigte er eifrig nickend. »Und die Gerüchte werden zunehmend wilder und unglaubwürdiger, das kann ich dir sagen.«
»Ach wirklich? Was erzählt man sich denn so?«
Tomodir wirkte aufgeregt.
»Dieses Ësaroth, von dem die Leute immer wieder reden, soll auf das Schlachtfeld niedergefahren sein, in Form eines gewaltigen Monsters. Den ganzen Himmel hat es mit seinen Schwingen verdeckt! Und Arnoth hat es einfach mir nichts, dir nichts mit Magie niedergeschossen. Angeblich soll er Lichtmagie beherrschen. Manche behaupten sogar, er sei einer der legendären Hüter!«
Andela rollte mit den Augen.
»Kein Wunder, dass du nicht mehr klar denken kannst, wenn du deinen Kopf mit diesen Märchen vollstopfst.«
»Ich frag doch nur!«, sprach Tomodir mit zur Abwehr hochgehaltenen Händen.
»Es ist wahr.«
Mit aufgerissenen Augen drehte sich Andela zu Sivana um und Tomodir wirkte nicht minder überrascht ob ihrer Bestätigung.
»Dieses Monster existiert wirklich. Es war der Tûm, wegen dem wir vor anderthalb Jahren nach Ilá-ar-Lithan gekommen waren.«
»Der Tûm, der Deorns Frau getötet hat?«, fragte Tomodir.
Sivana nickte.
»Und es stimmt, Arnoth ist der Lichthüter. Er konnte den Tûm zumindest in die Flucht schlagen, doch hatte ihn das stark geschwächt. Hinzu kommt, dass auch unser Motiv zum Angriff auf Bethramdor nichtig wurde. Deshalb hat er umgehend den Angriff abgebrochen, um nicht weitere unnötige Leben aufs Spiel zu setzen. Und nun muss Arnoth einen neuen Plan schmieden, um den Tûm und seinen Schöpfer ausfindig zu machen.«
»Erst mal muss er die Leute beruhigen!«, entgegnete Tomodir, bevor er die Arme verschränkte. »Viele Menschen sind wegen seiner Entscheidung ums Leben gekommen, das vergisst man nicht so schnell.«
Andela nickte. »Es stimmt. Seit ich in der Taverne aushelfe, habe ich noch nie jemanden schlecht über den König reden hören. Bis zum Tag eurer Rückkehr.«
»Also«, schloss Tomodir, sich erneut nach vorne lehnend, »was will der König nun unternehmen?«
Sivana antwortete nicht. Die Menschen Lithaneas kannten nichts als Frieden und Ruhe in ihrer neuen Heimat. Zu sehen, wie Krieg und Tod sie selbst hier heimsuchten, war wie eine Schockwelle durch das Land gegangen. Und auch sie stellte sich die Frage, was der König vorhatte, um die Wogen zu glätten.
»Ich bin mir sicher, Arnoth wird das Richtige tun. Er hat nicht gezögert, seinen Fehler offen zuzugeben. Es macht nichts wieder gut, versteht mich richtig. Doch es stimmt mich zuversichtlich, was die Zukunft des Landes und des Volkes angeht.«
Tomodir grinste gespielt hämisch.
»Hör dich mal an, Sivana. Du klingst schon fast wie ein Botschafter mit deinen geschmeidigen Worten. Hätte nie gedacht, dass ich das mal sage, so locker wie du immer drauf warst.«
Die Tavernentür schwang auf und Tianna trat ein, sich eilig umschauend, bis sie Sivana erblickte.
»Dachte ich mir, dass ich dich hier finde«, rief sie ihrer Partnerin zu. »Es ist Zeit.«
»Zeit für was?«, fragte Tomodir verwundert.
»Zeit, die Antworten auf deine Fragen zu erhalten«, antwortete Sivana. »Hoffentlich.«
Mit diesen Worten erhob sie sich, folgte Tianna aus der Taverne hinaus und ließ das junge Paar dabei mit fragenden Gesichtern zurück.
Wenig später rutschte sie ungeduldig auf ihrem Stuhl umher.Die Stimmung im Versammlungssaal war spürbar angespannt.
Hochrangige Führungskräfte aus verschiedenen Bereichen der Stadt hatten sich an diesem Morgen versammelt und erwarteten Arnoths Ankunft. Krieger, Heiler, Magier, Handwerker, Schmiede, Fischer, Jäger, Bauern. Sie alle wurden von jemandem vertreten, der die Neuigkeiten entgegennehmen und die Anordnungen umsetzen solle.
Filbur trommelte mit den kräftigen Fingern auf der massiven Tischplatte. Seine Uniform war speziell für ihn zurechtgeschneidert, damit der rechte Ärmel nicht unnötig im Weg baumelte. Stattdessen hatte man ihn auf Schulterhöhe gekürzt und mit einem fein bestickten Saum versehen. Der stets länger werdende helle Bart wellte sich bereits wie sein schulterlanges Haar. In seinen Augen stand eine Mischung aus Wut und Ungeduld.
Seit Filbur mit der Verantwortung für die Zwergenarmee betraut wurde, war er deutlich ernster geworden. Und Sivana konnte nicht leugnen, wie sehr er einem gewissen jungen Mann zu ähneln begann.
Tianna hingegen strahlte lockere Gelassenheit aus. Sivana musste lächeln, was ihr einen notwendigen Schub von Entspannung durch den Körper jagte. Ganz gleich, was passierte, sie würden es schon zusammen durchstehen.
Die Tür am anderen Ende des Saales öffnete sich. Arnoth betrat den Raum, dicht gefolgt von Olfur. Sie erhoben sich, doch der König winkte ab und bat sie, sitzen zu bleiben.
»Ich hatte viel Zeit, über die vergangenen Ereignisse nachzudenken. Zeit, um die Toten zu betrauern.«
Er hielt einen Moment inne und senkte den Blick, bevor er fortfuhr.»Ich habe mir einen unverzeihlichen Fehltritt erlaubt. Voreilig gezogene Schlüsse veranlassten mich, ein friedliches Nachbarland anzugreifen und damit Tod und Verderben über sie und uns zu bringen. Und alles nur, um herauszufinden, dass Bethramdor nichts mit allem zu tun hatte.«Ein Schleier aus Reue legte sich über das Gesicht des Königs.»Ich habe mich irreführen lassen, von meinem Drang, der Welt zu helfen. Ich wollte eine Stütze für die Bewohner Lithaneas sein. Stattdessen bin ich eine nicht tragbare Bürde geworden.«
Er blickte auf und seine Traurigkeit wich einem festeren Ausdruck von Entschlossenheit.
»Darum werde ich mit sofortiger Wirkung die Führung des Landes abgeben.«
Den Leuten im Raum stockte der Atem und sie protestierten lautstark. Arnoth gebot dem aufgebrachten Wortschwall Einhalt.
»Meine Aufgabe besteht nicht mehr darin, dieses Land erblühen zu lassen. Meine Pflicht ist es nun, mehr als je zuvor, seine Sicherheit zu wahren. Da ich mich in aller Öffentlichkeit als Lichthüter enthüllt habe, stellt meine Anwesenheit eine viel zu große Gefahr für die Menschen dar. Finstere Mächte richten nun ihren Blick auf Lithanea, die mich an meiner Aufgabe der Gleichgewichtswahrung zu hindern wünschen und denen ich ein Dorn im Auge bin. Ich werde meine Pflicht als Hüter treu erfüllen. Aus diesem Grund muss ich Lithanea verlassen, um den Blick des Bösen von Euch allen abzulenken. Ich allein werde ihr Ziel sein, niemand sonst.«
Er erhob sich und der Aufruhr hatte sich in Sprachlosigkeit gewandelt. Warm lächelnd breitete Arnoth die Arme aus.
»Ich danke Euch für Eure Unterstützung in den letzten Jahren. Ihr braucht keinen König mehr. Ihr alle werdet gemeinsam einen Weg finden, als Gemeinschaft. Bis Ihr ein Kollektiv gefunden habt, welches die Interessen des Volkes würdig vertritt, überlasse ich Olfur die Führung. Er soll die Regierungsbildung überwachen und mit Euch zusammen die passenden Vertreter aller notwendigen Bereiche der Gesellschaft finden. Bei ihm seid Ihr in guten Händen.«
Sivana blickte zu Olfur hinüber, welcher ihren Blick jedoch nicht erwiderte.
»Bitte legt dem Volk meine Gründe offen dar. Ich hoffe, dass die Leute es verstehen. Wenn Ihr mich nun entschuldigen würdet, ich muss meine Abreise vorbereiten.«
Mit diesen Worten wandte er sich um und verließ den Versammlungssaal. Einige Momente später erhoben sich die ersten Stellvertreter und gingen auf Olfur zu, sicher mit dem brennenden Bedürfnis, Antworten auf ihre zahlreichen Fragen zu bekommen. Ein Bedürfnis, das Sivana teilte. Doch brauchte sie diese nicht von Olfur.
Rasch stand sie auf, Tiannas verwunderten Blick in ihrem Rücken spürend, und folgte Arnoth aus dem Saal hinaus. Sie bog um eine Ecke und der hochgewachsene Mann am Ende des Ganges war gerade dabei, durch eine weitere Tür zu verschwinden.
»Wartet!«, rief sie Arnoth zu, woraufhin dieser innehielt.
»Was habt Ihr vor?«
»Ich muss meiner Pflicht nachgehen.«
»Das meine ich nicht. Was genau ist Euer Plan?«
»Die Menschen vor dem Zorn des Dunkelhüters zu schützen.«
»Das habe ich bereits verstanden. Doch was genau habt Ihr vor? Ihr werdet doch nicht einfach ziellos durch die Lande streifen.«
Arnoth seufzte kurz.
»Hör zu, Sivana. Der Pfad, auf den ich mich begeben muss, ist äußerst gefährlich. Ich kann dich da nicht mit hineinziehen.«
»Was soll das heißen, mich nicht ‚mit hineinziehen‘? Ich bin schon zwei Jahre lang bis zum Hals drin. Das Gleiche gilt für Olfur, Filbur und unsere Kameraden. Und besonders für Deorn, von dem wir nicht einmal wissen, wo er sich momentan aufhält!«
Sivana ballte die Fäuste und zwang sich mit aller Kraft, ihrer Wut nicht körperlich Ausdruck zu verleihen. Das Bild ihres einsam im Norden umherziehenden Freundes flackerte vor ihrem geistigen Auge auf.
Arnoth legte ihr die Hände auf die bebenden Schultern.
»Ich weiß, dass du dich um Deorn sorgst. Das tue ich auch. Darum begebe ich mich umgehend auf die Suche nach ihm.«
Die Worte trafen Sivana völlig unvorbereitet und die soeben verspürte Wut flaute ab. Arnoth lächelte und fuhr fort.
»Ich musste zunächst die Weichen für mein Volk stellen, seine Sicherheit und Stabilität gewährleisten. Und ich habe vollstes Vertrauen in Deorns Fähigkeiten, solange ohne mich zurechtzukommen. Ein Vertrauen, das auch du in ihn haben solltest. Nun, da Lithanea in fähigen Händen ist, kann ich mich ungestört auf die Suche nach ihm begeben.«
Sivana spürte, wie ihr die Röte ins Gesicht stieg. Sie hätte Arnoth nicht so anfahren dürfen.
»Und die Suche nach dem Dunkelhüter, nach dem Tûm?«, fragte sie. »Ihr stellt diese für ihn zurück?«
Arnoth nickte.
»Ich habe Deorn versprochen, dass er mir bei der Suche zur Seite steht. Und mein Wort halte ich. Du weißt besser, als irgendwer sonst, wie sehr Deorn dieses Ziel erreichen will. Darum werden wir es entweder zusammen verfolgen oder gar nicht.«
»Dann werde ich mit Euch kommen!«
»Nein, Sivana«, widersprach Arnoth ihr entschieden. »Die Leute brauchen dich. Dein Feingefühl und deine Hilfsbereitschaft sind für das Volk zurzeit unentbehrlich. Darum möchte ich, dass du Olfur unterstützend zur Seite stehst und jenen hilfst, die Beistand benötigen.«
Sivana wollte widersprechen. Aber dann fielen ihr die Verletzten und Trauernden ein. Jene Leute, die tapfer für ihre Sache eingestanden waren und nun mit den Folgen leben mussten. Sie hörte die Schreie, das Weinen und Klagen der Zurückgekehrten. Plötzlich drang Arnoths Stimme zu ihr vor.
»Ich werde Deorn heil zurückbringen. Das verspreche ich.«
Sie nickte dankbar und erwiderte sein Lächeln.
»Das ist alles schön und gut«, schallte auf einmal eine brummige Stimme den Gang entlang. »Doch was unternehmen wir gegen diese blaue Bestie?«
Filbur stapfte auf sie zu, grimmig dreinschauend und Arnoth mit festem Blick fixierend.
»Auch ich habe mit diesem Tûm noch ein Steinchen zu hämmern. Ich werde hier nicht tatenlos rumsitzen!«
Arnoths Miene verhärtete sich.
»Ich verstehe deinen Ärger. Doch müssen wir uns auch um die Leute kümmern. Eine rachsüchtige Jagd ist nicht in ihrem Interesse.«
»Scheiß auf die Leute!«, brach es aus Filbur heraus. »Was die hier tun, ist mir doch egal. Ich will einzig und allein den Tûm finden, genau wie Deorn.«
Sivana sah ihren Freund erschrocken an, dessen Augen mit einem Feuer glühten, das ihr Angst einflößte.
»Es ist zu gefährlich«, beharrte Arnoth.
»Das sagtet Ihr bereits«, warf Filbur ein. »Die Gefahr muss aber schon bestanden haben, als Ihr uns damals Eure Unterstützung zugesichert habt. Was hat sich so plötzlich geändert?«
Wiederholt seufzte Arnoth.
»Ich werde es euch erklären. Doch nicht hier draußen.«
Er schaute sich vorsichtig um. Dann öffnete er die Tür hinter sich und ließ sie eintreten. Rasch folgten die beiden seiner Aufforderung. Und mit einem letzten misstrauischen Blick in den Gang hinaus, verschwand auch Arnoth in dem Studierzimmer, bevor er es magisch versiegelte.
Vollkommene Dunkelheit umgab Deorn. Erdrückende Stille paarte sich mit der an ihm zerrenden Einsamkeit im allumfassenden Nichts.
Plötzlich lichtete sich die Finsternis und er machte vor sich ein Glimmen aus. Rot und Orange leuchtend nahm das Licht die Gestalt von glühenden Kohlen an, gelegentliche Funken stiebend. Knistern und Knacken begleitete die Darstellung. Ein helles Klingen ertönte, das an Lautstärke gewann, bis es einem dröhnenden Schmettern gleichkam. Er ließ den Blick wandern und erblickte einen rußbedeckten Amboss. Ein Rohling glühte so heiß, dass er beinahe Weiß strahlte. Ein donnernder Hammerschlag ging darauf nieder, Funken in alle Richtungen stiebend.
»Geh nicht zu nahe an den Ofen, Sohn!«
Der riesige weißbärtige Mann legte den massiven Schmiedehammer auf dem Amboss ab und trat an Deorn heran.
»Aber du gehst doch selbst immer ganz dicht heran!«, hörte dieser sich mit kindlicher Stimme widersprechen. »Und du lebst auch noch!«
»Ich bin die Hitze gewöhnt, mein Junge. Es braucht schon mehr, um mich aus dem Leder zu hauen.«
Bevor Deorn etwas sagen konnte, verschwamm das Bild und der Leichnam seines Vaters manifestierte sich vor ihm. Sein Schwert steckte im Rücken des massiven Körpers und der ihm gut bekannte Schwertknauf ragte wie ein Totenkreuz in die Höhe. Wut und Trauer formierten sich zu einem glühend heißen Gebilde in seinem Inneren.
»Wie konntest du das nur tun?«
Die zarte Stimme neben ihm erhellte sein Gemüt wie ein frischer Frühlingswind. Er wandte sich um und blickte in die strahlend blauen Augen, die ihm vor langer Zeit das Herz gestohlen hatten. Dieselben schönen Augen, die ihn nun voller Wehmut und Schmerz ansahen.
»Er hat Lügen über dich verbreitet«, rief Deorn seiner Geliebten zu. »Er behauptete, ich wäre nicht gut zu dir gewesen. Hätte dir Leid zugefügt.« Deorns Stimme bebte. »Das würde ich niemals tun!«
»Natürlich nicht, Deorn. Das würdest du niemals tun.«Ihre Stimme veränderte sich.»Natürlich nicht ...«
Jegliche Wärme war verschwunden und die Worte verzerrten sich zu einem Zischen. Talias Körper begann sich zu biegen, zu strecken und zu wachsen. Flügel brachen aus ihrem Rücken hervor und ihr noch immer auf Deorn ruhender Blick durchbohrte ihn nun mit eisigen Stichen. Ihr Lächeln verzog sich zu einer grotesken Fratze mit spitzen Zähnen und ihre gesamte Haut verfärbte sich glühend blau. Mit einem trommelfellzerreißenden Brüllen schmetterte sie den jungen Mann zu Boden und begrub ihn unter einem heißkalten Flammenmeer.
Schweißgebadet wachte Deorn auf. Sein Herz hämmerte wie ein wildgewordener Zwergenschmied von innen an seinen Brustkorb. Das Gesicht glühte so heiß, dass er fürchtete, bei lebendigem Leibe geröstet zu werden. Die Hitze umgab ihn wie die mehrschichtigen Lagen aus Wolldecken, die in dem unbekannten Bett auf ihm ruhten. Schwer atmend sah er sich um.
Er befand sich in einem unförmig verwinkelten Raum, schummrig und lediglich durch die flackernden Flammen im Kamin unweit des Bettes erhellt. Ein einsamer Tisch mit einem kleinen Hocker stand in der Ecke, überladen mit Pergamenten, Büchern und leeren Tellern. Das Prasseln des Feuers wurde nur gelegentlich vom Pfeifen des Windes begleitet, das vom Schornstein über der Feuerstelle kommen musste.
Deorn richtete sich auf und spürte seine Gelenke knacken. Wie lange hatte er hier bewegungslos geruht? Und wieso war er überhaupt hier?
»Du bist endlich wach?«Eine alte Frau tauchte hinter einer Ecke des Raumes auf, eine dampfende Schüssel vor sich tragend. Ihr glänzendes silberweißes Haar fiel ihr über das von tiefen Falten eingedeckte Gesicht und bis auf die Schultern hinab. Sie stellte die Schüssel neben Deorn auf einen kleinen Hocker und strich sich die hellen Strähnen aus den Augen, die ihn emotionslos zu durchleuchten schienen.
»Wusste doch, dass du es schaffst, Junge«, sprach sie mit zittriger Stimme.
»Wo bin ich?«, fragte Deorn verwundert.
»Mitten in der eisigen Welt, die dich beinahe das Leben gekostet hat.«Sie reichte ihm die Schüssel sowie einen hölzernen Löffel.»Iss! Du hast vier Tage durchgeschlafen. Die Suppe wird dir helfen, wieder zu Kräften zu kommen.«
Der kräftige Geruch des unbekannten Gebräus stieg Deorn in die Nase, die sich bereits unfreiwillig rümpfte. Als er einen Löffel voll in den Mund nahm, zogen sich ihm die Geschmacksnerven zusammen. Bitterscharf und erdig.
»Hat mich meine letzten Krötenbeine gekostet, um dir das zu brauen.«
Deorn stockte und sein Magen verkrampfte sich. Er spürte geradezu, wie die Farbe aus seinem Gesicht wich und starrte entgeistert auf die Schale in seiner Hand.
Dann lachte die Alte.»Konnte ich mir nicht verkneifen. Keine Kröten, versprochen. Nur ein Gemisch aus Wurzeln und Flechten, die dich wieder aufpäppeln sollen. Schmeckt scheußlich, hilft aber.«
Beruhigt atmete er durch. Doch der Appetit war ihm fürs Erste vergangen.
»Wie habt Ihr mich in diesem Schneesturm gefunden?«, fragte Deorn und löffelte die eklige, aber wohl helfende Suppe.
Die Alte sah ihn eindringlich an. »Wenn man lange genug hier im Eis lebt, dann bekommt man ein seltsames Gespür für alles, was dort draußen vor sich geht.«
»Ihr wollt also meine Gegenwart gespürt haben?« Deorn bemühte sich, nicht abwertend zu klingen.
»Eher eine altbekannte Gegenwart«, korrigierte sie ihn. »Ich lag zwar falsch, doch immerhin habe ich dich gefunden. Gerade noch rechtzeitig, möchte ich meinen.«
Er schüttelte ungläubig den Kopf. Die Einsamkeit schien der alten Frau schwer zuzusetzen. Doch änderte dies nichts daran, dass sie ihn gerettet hatte.
»Ich bin Euch dankbar für die Hilfe. Wer seid Ihr?«
»Oh, man hat mich lange nicht mehr bei meinem Namen genannt, junger Mann.«Sie erhob sich sachte und legte Feuerholz nach.»Arndea nannte man mich einst. Vor langer Zeit.«
»Mein Name ist Deorn, Sohn von ...«
Er stockte kurz, die Stiche im Herzen unterdrückend, die der Gedanke an seinen Vater hervorrief. Die Wut flammte erneut in ihm auf und er brachte es nicht über sich, die Worte auszusprechen. Er wich dem Blick der Alten aus, bevor er weitersprach.
»Nochmals, ich danke Euch für die warme Unterkunft und gütige Pflege. Doch ich kann nicht bleiben.«
»Was ist es, das dich in die tödliche Gefahr zurücktreibt, der du soeben erst knapp entronnen bist?«
»Mein Versprechen, keine Gefahr zu scheuen und mein Ziel zu erreichen.«
Die Alte lachte warmherzig.»Wenn es dir so wichtig ist, rate ich dir, ein Weilchen länger zu ruhen.«
Deorn klaubte seine Sachen zusammen, die neben dem Bett sorgsam verstaut waren.
»Je länger ich warte, desto weiter rückt mein Ziel in die Ferne. Ich darf keine Zeit verlieren.«Er schnürte die letzten Riemen fest und überprüfte den Sitz seiner Rüstung sowie den Zustand der Klinge. Dann stapfte er an der alten Dame vorbei und begab sich um die Ecke, hinter der sie zuvor aufgetaucht war. Ein weitläufiger zweiter Raum erstreckte sich vor ihm und er erspähte eine massive Tür am anderen Ende, auf die er sich zu bewegte.
»Du wirst den Tûm auf diese Weise weder finden noch töten.«
Deorn hielt inne. Er wandte sich um und sah Arndea neben dem Kaminfeuer stehen.
»Woher wisst Ihr von dem Tûm?«, fragte er misstrauisch.
»Das war alles, was du von dir gegeben hast in deinem fiebrigen Zustand. Und ich weiß, was der Tûm ist. Die Neuigkeiten haben sogar diese eisigen Lande erreicht.«
»Dann wisst Ihr auch, warum er sterben muss.«
»Ich weiß, was Leute zu wissen glauben. Doch du bist noch nicht bereit für diese Reise.«
Deorn hörte nicht länger zu. Stattdessen griff er entschlossen nach dem eiskalten Metall des Türknaufs und verließ Arndeas Heim.
Er trat in einen langgezogenen, steinernen Tunnel. Die felsigen Wände und der leicht ansteigende Boden unter seinen Füßen war mit einer eisigen Schicht überzogen, die es ihm erschwerte, beständig Halt zu finden. Vorsichtig wagte er einen Schritt nach dem anderen, die Hand zur Hilfe an die überfrorene Steinwand gelegt. Das Heulen des Windes wurde zusehends lauter und bald strömte Tageslicht in den Gang vor ihm. Er machte eine Öffnung in der Ferne aus und bewegte sich hin und her schlitternd darauf zu, bis er unter dem grellen Schein der Sonne ins Freie hinaustrat.
Eine endlos erscheinende Ebene aus strahlendem Weiß erstreckte sich vor seinen Augen. Vereinzelte Felsansammlungen hoben sich wie steinerne Scherben aus dem schneebedeckten Boden. Hinter Deorn erhob sich eine ähnliche Steinformation. Er bewegte sich vorwärts und stand sofort knietief in der Decke aus Pulverschnee.
Schritt für Schritt den eisigen Gang unter dem Felsen hinter sich lassend, kämpfte er sich voran in Richtung Norden.
Er durfte nicht noch mehr Zeit verlieren.
Sein Gesicht fühlte sich heiß an und die Hitze breitete sich langsam in seinem gesamten Körper aus. Sein Schädel pulsierte vor Schmerz und ihm war, als würden seine Gedanken lebendig werden. Erinnerungsfetzen an seinen Vater blitzten vor ihm auf. Wände aus Feuer, die auf dem Schlachtfeld vor Arthadon aus dem Boden hervorbrachen. Das Gefühl der Klinge, die Muskeln und Knochen durchbohrten, schmatzend und knackend. Und die brennende Wut, Lügen vorgesetzt zu bekommen.
Hinter sich vernahm er das leichte Prasseln fallender Gesteinsbrocken, worauf er herumschnellte.
Nichts.
Dann strich ihm ein eisiger Windhauch über die Haut. Die Haare stellten sich ihm im Nacken auf und vorsichtig warf er einen Blick über die Schulter.
Eine langgezogene, mit Zacken wie Eiszapfen bedeckte Kreatur kauerte wenige Schritte von ihm in völliger Stille im Schnee, wie aus Glas geformt. Spindeldürre Glieder mit scharfen Ecken und Kanten stützten den schmalen Körper und die mit langen Krallen versehenen Klauen lagen auf der weißen Schneedecke, ohne einzusinken. Eine schillernde Eisschicht ging von ihnen aus, die den weichen Untergrund in festen zu wandeln schien. Die aufgerissenen, silberblauen Augen fixierten Deorn und die schlangengleichen Pupillen waren derart verengt, dass sie kaum breiter als ein einzelnes pechschwarzes Haar waren.
Er tastete behutsam nach seinem Schwert, während die Kreatur ein fauchendes Zischen verlauten ließ. Die fiebrige Hitze überrollte ihn nun mit aller Gewalt und das Donnern und Grollen in seinem Ohr gewann an Lautstärke. Sein Blick verschwamm und er musste blinzeln, um den Fokus nicht zu verlieren. In diesem Moment schoss die Kreatur auf ihn zu.
Reflexartig riss Deorn sein Schwert in die Höhe. Mit einem Knirschen schlugen die rasiermesserscharfen Klauen auf seiner Waffe ein, kaum eine Handbreit von seiner Kehle entfernt. Von der Wucht des Angriffs getroffen, landete Deorn auf dem Rücken und die Kreatur sprang über ihn hinweg. Der lange wie von Glasscherben überzogene Schwanz peitschte wild hin und her, während Deorn sich aufrappelte. Da vernahm er ein erneutes Fauchen, dieses Mal hoch über sich. Er erblickte zwei weitere der Kreaturen an den Hängen der scharfkantigen Felswand. Mit gelenkigen langen Schritten krochen sie herab, den Blick ebenfalls auf Deorn gerichtet.
Ein rasender Schmerz fuhr Deorn durch die Schläfe. Das Brennen seines Inneren traf auf den beißenden Eiswind, der über die Ebene fegte, und er hatte Schwierigkeiten, diesen Widerspruch von Empfindungen zu verarbeiten. Bis sein getrübter Blick sich vollends verdunkelte und er die Landung im weichen Schnee und das beutehungrige Niedergehen der Kreaturen auf seinen regungslosen Körper nicht mehr mitbekam.
»Ich sagte doch, du bist noch nicht bereit.«
Deorn erwachte erneut in dem mit Wolldecken belegten Bett, mit Arndea an seiner Seite. Sein Puls raste. Hatte er geträumt? Er betastete sich hastig, auf der Suche nach möglichen Wunden von den monströsen Jägern.
»Du solltest inzwischen gelernt haben, auf Ältere zu hören.« Arndea schritt selbstsicherer als zuvor im Raum umher und lehnte ein helles Bündel in die Ecke neben die Feuerstelle. Dann kehrte Ernst in ihre Stimme zurück.»Du bist nicht verletzt. Ich konnte im letzten Moment verhindern, dass du in Stücke gerissen wirst.«
»Was waren diese Viecher?«
»Hjënnti. Die schnellsten und unbarmherzigsten Jäger dieser Eiswelt. Einer allein ist bereits tödlich genug, sogar für die erfahrensten Krieger. Tauchen sie jedoch in Gruppen auf, dann findet man von ihren Opfern nicht einmal mehr die Gebeine.«
»Und doch gelang es Euch, mich zu retten«, schloss Deorn und sah die Alte eindringlich an. »Ihr seht mir allerdings nicht wie eine Kriegerin aus.«
Arndea lachte heiter auf.»Wenn man lang genug in dieser lebensfeindlichen Umgebung gelebt hat, dann lernt man so einige Kniffe, mein Junge.«
»Einige Kniffe, natürlich.« Deorn gab sich keine Mühe, den Sarkasmus in seiner Stimme zu verbergen und setzte sich im Bett auf. »Nennen wir das Kind doch beim Namen, Ihr seid hervorragend ausgebildet und habt Euch womöglich sogar magische Fähigkeiten angeeignet. Warum ein Geheimnis darum machen?«
Arndea setzte sich an den Tisch und einen Moment lang sahen sie sich wortlos an. Dann schloss sie die Augen und lächelte.
»Ich hätte wissen müssen, dass man dir so schnell nichts vormacht. Musst du von deinem Vater haben, dem alten Sturkopf.«
Deorn stockte.
»Mein Vater?«, fragte er zögernd, woraufhin Arndea nickte.
»Ich dachte, ihn in dem Eissturm gespürt zu haben, und machte mich auf den Weg, ihn willkommen zu heißen. Immerhin haben wir uns seit vielen Jahren nicht mehr gesehen. Doch zu meiner großen Überraschung fand ich dich an seiner statt.«
Sie lehnte sich mit neugierigem Gesichtsausdruck vor. »Wie geht es Gorm?«
Deorn schluckte schwer und wandte seinen Blick ab. Ein stechender Schmerz durchfuhr ihn, als hätte jemand ein glühendes Messer von innen über seine Eingeweide gezogen. Sein impulsiver Griff nach dem zerbrochenen Schwert blitzte vor seinem geistigen Auge auf. Er hörte das erstickte Röcheln seines Vaters in seinen Ohren sowie das Tropfen des Blutes von der Klinge auf den felsigen Grund des Schlachtfeldes. Der pure Zorn, der ihn übermannt hatte und der sich wie ein Inferno in seinem Körper ausgebreitet hatte, bevor um ihn herum Flammensäulen aus dem Boden schossen.
»Er ist verstorben. Vor ein paar Tagen erst.«
Ein grauer Schleier schien sich über Arndeas Gesicht zu legen und die hoffnungsvolle Neugier in ihrem Blick wich Traurigkeit. Eine Weile herrschte Stille und sie wirkte in Gedanken versunken.
»Woher kanntet Ihr meinen Vater?«, fragte Deorn vorsichtig.
Arndea antwortete nicht sofort. Ihr Blick veränderte sich und schien ins Leere zu gehen.
»Ich kannte Gorm schon, seit er ein Junge war«, sprach sie dann. »Elternlos und allein wuchs er auf der Straße auf. Wild und ungezähmt sein Geist, unermesslich stark sein Körper. Doch ebenjene Kraft war es, die ihn zusehends in Schwierigkeiten brachte. Als Gorm acht Jahre alt war, hatten die Kinder der Stadt genug und stellten sich vereint gegen ihn.«
Sie schaute Deorn an, einen verträumten Schimmer in den Augen.
»Blutend und mit gebrochenen Knochen fand ich ihn in einer Seitenstraße, zum Sterben zurückgelassen. Mitleid überkam mich und ich, selbst kinderlos, nahm ihn bei mir auf. Ich pflegte ihn gesund und lehrte ihn Zurückhaltung und Geduld. Anstatt zu kämpfen, steckte er seine Kraft in das Schmiedehandwerk. Und so wuchs er zu dem starken, aber einfühlsamen Mann heran, der später dein Vater werden sollte.«
Sein Vater hatte nie viel über seine Vergangenheit gesprochen. Er wusste nur, dass er um die Welt gereist war und sich in Leandra niedergelassen hatte, weil er dort Kara kennengelernt hatte. Seine Mutter hatte viele Anwerber für ihre 16 Jahre gehabt, doch hatte sie jeden Annäherungsversuch entschieden zurückgewiesen. Als Gorm ihr den Hof machte und Kara seine Liebe zu erwidern schien, stieß es den Dorfbewohnern böse auf und nicht wenige wurden handgreiflich. Der riesige Fremde machte allerdings kurzen Prozess mit ihnen und seine Kraft, Entschlossenheit und Leidenschaft verstärkten Karas Zuneigung umso mehr.
Gegen den Willen von Karas Eltern vermählten sie sich und wenig später erblickte Deorn das Licht der Welt. Gorm machte sich bald als Schmied einen Namen mit nie dagewesener meisterlicher Arbeit und die Leute erkannten endlich den gutmütigen und sanften Menschen hinter seiner rauen Fassade.
Wäre er doch nur in Leandra geblieben, dachte Deorn verbittert.
»Ich spüre eine seltsame Schwere in deinem Blick«, stellte Arndea plötzlich fest. »Du scheinst nicht mit mir einer Meinung zu sein, was deinen Vater angeht. Was ist zwischen euch vorgefallen?«
Deorn mied erneut ihren Blick. Seine gespaltenen Gefühle rangen noch immer um die Vorherrschaft in seinem Herzen. Hatte sein Vater tatsächlich Talia dabei geholfen, ihn zu verlassen? Es ergab keinen Sinn, dass Talia ihn überhaupt verlassen wollte. Oder war all dies nur eine Lüge gewesen, um ihn vom Vormarsch gegen Bethramdor abzuhalten? Doch ganz gleich, aus welchem Blickwinkel er es betrachtete, eines war ihm unmissverständlich klar: Sein Vater hatte ihn belogen. Wie konnte ein Sohn seinem Vater solche Hinterlist verzeihen?
Mit zusammengepressten Lippen murmelte Deorn eine Antwort, die mehr an sich selbst als an Arndea gerichtet schien.
»Manchmal sind die Menschen, die uns am nächsten stehen, jene, die wir am wenigsten kennen. Und manchmal realisieren wir dies erst nach langer Zeit.«
Ein seltsames Echo hallte in seinem Kopf wider und legte sich wie ein betäubender Schleier über sein Gehör. Ein Gewirr aus Worten klang in seinen Ohren. Wie aus großer Entfernung drangen Wortfetzen zu ihm durch, lauter werdend, aber ohne jeden Zusammenhang. Bis Deorn plötzlich ein Flüstern vernahm, welches hinter seinem Rücken zu ihm durchdrang.
Ruckartig wandte er sich um, doch niemand war dort.
»Was ist los, Deorn?«, fragte Arndea.
»Ich dachte, ich hätte eine Stimme gehört.«
Arndea blickte ihn verwundert an, während er misstrauisch lauschte. Eine unbehagliche Stille breitete sich im Raum aus, die nur gelegentlich vom Knistern der Feuerstelle durchbrochen wurde.
Irgendetwas stimmte nicht.
Die Hitze der Flammen griff zusehends um sich und strich mit zunehmender Intensität über Deorns rechte Gesichtshälfte, von wo aus sie sich unaufhaltsam über seinen gesamten Körper ausbreitete. Schnaufend schlug Deorn die schwere Bettdecke zurück und machte Anstalten, sich zu erheben, doch Arndea stand auf, um ihn zurückzuhalten.
»Bitte, du musst dich weiter ausruhen«, ermahnte sie den jungen Mann.
»Mir geht es gut, glaubt mir!«, widersprach dieser trotzig.
»Das sagtest du letztes Mal auch. Und es hat dich beinahe das Leben gekostet.«
Erneut ertönte der Wortschwall in ihm, lauter und dröhnender als zuvor. Er ließ sich zurück aufs Bett sinken und presste die Hände an den Kopf in dem verzweifelten Versuch, die Flut an Geräuschen und Worten auszublenden.
»Was ist dieser Lärm?!«, fragte er stöhnend.
»Wovon redest du?«
»Diese Stimmen! Es hört sich an, als würden hunderte Stimmen durcheinanderbrüllen.«
Arndea legte ihm die Hände auf die Schultern und drückte ihn sanft zurück ins Bett.
»Wie ich bereits sagte, du musst dich ausruhen.«
»Hört endlich auf!«, schrie Deorn sie an und stieß sie von sich. »Sagt mir lieber, was hier los ist!«
In einem Anfall von Rage schwang Deorn sich erneut aus dem Bett. Die Hitze überrollte ihn wie eine Flutwelle, als hätte das Feuer des Kamins Besitz von seinem Körper ergriffen. Und zu seiner Überraschung schossen plötzlich Flammen neben ihm aus der Bettdecke hervor. Jene Stelle, die er soeben berührt hatte.
Erschrocken machte er einen Satz nach hinten und krachte mit dem Kopf gegen die kühle Felswand neben dem Kamin. Von Schwindelgefühl überrumpelt suchte er nach Halt, doch als er ein zum Trocknen aufgehängtes Bündel von Kleidern neben der Feuerstelle zu greifen bekam, gingen auch diese in Flammen auf.
Panik breitete sich in ihm aus und er bemühte sich, Abstand von allen Gegenständen um ihn herum zu nehmen. Arndea eilte rasch heran und erstickte die Flammenherde, sodass bald nur noch Rauchschwaden und verkohlte Stofffetzen übrigblieben.
»Was ...«, stammelte Deorn, dessen Zittern auch seine Stimme ergriffen hatte. Frustration, Wut und Angst übermannten ihn und er konnte nicht anders, als laut zu schreien. »Was geschieht mit mir?!«
Arndea drehte sich zu ihm um.
»Du wirst dich mit der Zeit daran gewöhnen.«
»Woran gewöhnen, verdammt nochmal?! Den Verstand zu verlieren?«
»An deine neuen Fähigkeiten und an den Widerhall jener Stimme, die nun ein Teil von dir ist.«
Deorn blickte Arndea mit geweiteten Augen an, während ihm der Schweiß von der Stirn und die Wangen herunter lief.
»Was ist ein Teil von mir?«
Zu seiner Überraschung lächelte die alte Frau, eine fürsorgliche Wärme ausstrahlend.
»Der Rothtûm, der dich zu seinem Hüter erwählt hat.«
Deorn hielt inne. Hatte sie gerade gesagt ...?
»Ich soll ein Hüter sein? Warum ... wie ...?«
Seine Stimme versagte und er wurde erneut von gleißender Hitze überwältigt.
»Kämpf nicht gegen die Stimme an«, sprach Arndea sanft. »Lass sie in deinen Geist ein. Versuche, einen Einklang mit dem Strom an Gedanken und Bildern zu finden.«
Wie in reißenden Gewässern gefangen, von Stein zu Stein geschleudert, trudelte er von einem Bild zum nächsten, von einem lauten Klang zum anderen. Eine solche Macht hatte er noch nie auf sich eindrücken gespürt.
»Atme tief durch«, hörte er Arndeas Stimme wie aus weiter Ferne.
Und tatsächlich ließ der gewaltige Druck in seinem Geist langsam nach. Wie ein zu eng gebundener Lederriemen, der sich behutsam löste, lockerte sich auch sein Verstand wieder auf. Eine angenehme Kühle legte sich über seine zuvor glühende Haut wie eine morgendliche Blütenzeitbrise.
»Was geschieht mit mir?«, brachte Deorn keuchend hervor.
»Was du durchmachst, ist völlig normal«, beruhigte Arndea ihn. »Dein Tûm muss die Verbindung zu seinem neuen Vanari festigen. Dich kennenlernen.«
»Aber wie ist das möglich? Hüter werden wiedergeboren, nicht wahr? Geboren ...«
Deorns Verwirrung vermengte sich zusehends mit Unsicherheit und sein Puls beschleunigte sich wieder. Arndea kam behutsam auf ihn zu und führte den jungen Mann zu einem der Stühle, wo er sich sachte niederließ. Nervös schloss er die Arme um seinen Oberkörper, während die alte Frau das Wort ergriff.
»Es stimmt, normalerweise bindet sich ein Tûm an eine neugeborene Seele. Das formt ein frühes Band und damit eine besonders tiefe und machtvolle Verbindung zueinander. Doch springt die Verbindung gelegentlich mitten ins Leben eines als würdig erachteten Partner, ausgelöst durch traumatische Ereignisse oder weil der vormalige Hüter seine Rolle an jemanden weitergibt, der ihm würdig erscheint.«
Bevor Deorn dies verarbeiten konnte, schoss erneut eine Flut von Bildern und Geräuschen durch seinen schwirrenden Kopf, begleitet von dem Echo vielstimmiger Worte.
»Und warum höre ich diese Stimmen?«, fragte er, die Hand an die Schläfe gepresst. »Ist das der Tûm?«
Arndea schüttelte den Kopf.
»Was du hörst, ist das kollektive Gedächtnis aller Vanari, die vor dir gedient haben. Ihre Erlebnisse, Erfahrungen und Gedanken fließen in deine über und werden mit der Zeit eins werden. Es mag überwältigend wirken, doch die Wogen werden sich glätten und bald wirst du Stück für Stück Einblick in die lange Vergangenheit der Welt erhalten.«
Deorn glaubte, seinen Kopf dröhnen zu spüren, wenn er nur daran dachte. Arndea nickte ihm aufmunternd zu.
»Keine Sorge. Dein Vater hat auch eine Weile gebraucht, bevor er die Gedanken zähmen und kontrollieren konnte.«
Überrascht horchte Deorn auf und sah Arndea direkt in die eisblauen Augen.
»Dein Vater war der Feuerhüter. Und du führst nun sein Erbe fort.«
Hinter Sivana und Filbur fiel die massive Holztür ins Schloss. Arnoth prüfte, dass sie ausgiebig verriegelt war.
»Nehmt Platz«, bat er die beiden, worauf sie sich auf ein paar gepolsterte Stühle niederließen, die neben einem mit Pergament und Papierstapeln übersäten Tisch platziert waren.
Obgleich draußen die Sonne hoch am Himmel stand, war der Raum schummrig, was gewiss an den schweren Vorhängen lag. An den Wänden zogen sich endlose Schränke entlang, deren Regale sich unter der Last von Büchern derart bogen, dass Sivana jeden Moment mit ihrem krachenden Kollaps rechnete.
Arnoth wandte sich ihnen zu.»Ihr wollt wissen, was sich geändert hat seit der Schlacht? Eine ganze Menge.«Dann setzte er sich zu den beiden an den Tisch. Selbst im dämmrigen Licht seines Studierzimmers konnte Sivana erkennen, wie sich Sorgenfalten über Arnoths Gesicht zogen.
»Mein ursprünglicher Plan war es, den Tûm direkt zu konfrontieren. Ich hatte gehofft, dass die Kräfte des Lichts ausreichend wären. Doch leider lag ich damit falsch.«
»Und Euer Lichttûm hat nicht mehr drauf als einen solchen Lichtstrahl?«, rief Filbur beinahe spöttisch aus. »Dieses urzeitliche Wesen, das unseren Himmel umkreist, und uns alle angeblich zerquetschen könnte wie Ameisen. Das soll seine ganze Kraft gewesen sein?«
Arnoth warf dem Zwerg einen strengen Blick zu.
»Mein Tûm hatte damit nichts zu tun. Ich war es, der diese Lichtsäule beschworen hatte.«
