Dolmatûm - Band 3 - Tino Took - E-Book

Dolmatûm - Band 3 E-Book

Tino Took

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Beschreibung

Endlich wiedervereint bereiten sich Deorn und seine Gefährten, unter der Führung des geschwächten Arnoth, darauf vor, dem Dunkelhüter und dem Ësarothtûm entgegenzutreten. Aber um das dafür benötigte, mächtige Eadolma zu erschaffen, müssen sie sich der Finsternis selbst stellen. Ihr Gegner bleibt indessen nicht untätig. Die Gefahren, die er besonders in Bethramdor heraufbeschwört, stellen Valkas und Merina vor eine schwere Wahl: Ihr eigenes Volk oder ihre Aufgabe? Derweil stehen Deorn und Sivana nach einer schicksalsträchtigen Enthüllung vor einer schmerzlichen Entscheidung, die nicht nur ihre Freundschaft, sondern auch das Gelingen ihres gesamten Unterfangens gefährdet. Nur eines ist sicher: ihr Erfolg wird Opfer fordern. Doch wer ist bereit, sie zu bringen?

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EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2025

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WELTENBAUM VERLAG

Vollständige Taschenbuchausgabe

12/2025 1. Auflage

Dolmatûm

Das Herz der Finsternis

© by Tino Took

© by Weltenbaum Verlag

Egerten Straße 42

79400 Kandern

Umschlaggestaltung: © 2025 by Magicalcover

Druck: CreativWorkDesign

Lektorat: Julia Schoch-Daub / Feder und Flamme Lektorat

Korrektorat: Petra Schütze

Buchsatz: Giusy Amé

Autorenfoto: Privat

ISBN 978-3-69067-030-2

www.weltenbaumverlag.com

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Bibliografische Informationen der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.de abrufbar.

TINO TOOK

Dolmatûm

Das Herz der Finsternis

Band 3

High-Fantasy

Für Helge

Ohne dessen jahrelange Unterstützung, Geduld und harte Arbeit ihr diese Reihe wohl nie zu gelesen bekommen hättet.

Möge der Tentakel-Tómas mit dir sein, mein Freund!

Aussprache / Phonetiktabelle

Alte Sprache / Namen

Vokale

< i >

[ i:]

[ ɪ ]- wenn kurz; wenn im Auslaut

Biene

Licht

< î >

[ i:] - nur lang

< e >

[ e ] / [ e:]

[ ə ]- weich, eher im Auslaut

recht

Worte

< é >

[ ɛi ] / [ ɛi:]

Hey!

< ë >

[ ɛ ] / [ ɛ:]

Äste, Väter

< a >

[ a ] / [ a:]

Lamm, kam

< á >

[ ai ] / [ai:]

Keim

< â >

[ a:]- nur lang

< o >

[ o:]

[ ɔ ]

Ofen

kommen

< ó >

[ oi ] / [oi:]

Eule

< ô >

[ ɔ:]- nur lang

kommen, aber mit langem o

< u >

[ u:]

[ ᴜ ]

Uhr

Nummer

< û >

[ ᴜ:]- nur lang

Nummer, aber langes u

< ie >

[ ije ]

jeder

< ia >

[ ija ]

Jagd

< io >

[ ijɔ ]

Joch

< iu >

[ ijᴜ ]

Junge

< b >

[ b ]

Brot

< c >

[ k ]

Karte

< d >

[ d ]

Dorn

< dh >

[ ð ]

engl. then

< f >

[ f ]

Fahrt

< g >

[ g ]

gehen

< h >

[ h ]

haben

< hj >

[ ç ]

Licht

< hl >

[ çl ]

ch + l

< hr>

[ çr ]

fast stummes ch + r

< hv >

[ çv ]

fast stummes ch + v

< hw >

[ çw ]

fast stummes ch + w

< l >

[ l ]

laut

< m >

[ m ]

Maus

< n >

[ n ]

Nase

< p >

[ p ]

platt

< r >

[ r ]

Gerolltes r

< s >

[ s ]

sehen

< t >

[ t ]

toll

< th >

[ θ ]

engl. thunder

< v >

[ v ]

wollen

< w >

[ w ]

engl. when

Konsonanten

Kapitel 1

Mein lieber Deorn,

wenn du diese Worte liest, wird es schon viele Tage her sein, dass wir uns zuletzt begegnet sind. Ich sehe vor mir, wie du ungeduldig auf meine Rückkehr wartest, wie du es bereits tatest, wenn ich nur einen Tag unterwegs war. Wie schwer es für den Deorn sein muss, den ich tief in meinem Herzen trage.

An jenen Deorn ist dieser Brief gerichtet. Den Jungen, der einst schüchtern vor mir stand und mich mit graublauen Augen voller Liebe ansah. Den Mann, der um meine Hand anhielt und mich unterstützte, schätzte und respektierte. Der mich liebte, wie ich bin. Und es ist derselbe Deorn, den ich um Verständnis bitte, da der Schmerz für ihn unentbehrlich sein wird.

Doch ist es der andere Deorn, der mich zu meiner Entscheidung trieb. Jener Deorn, der sich mit fortschreitenden Monden mehr und mehr zeigte. Genährt von Unsicherheit, unbegründeter Eifersucht und angefeuert von giftigen Worten falscher Freunde wuchs das Geschwür von für mich unerklärlichem Zorn in deinem Herzen. Ein Zorn, der wie Hammerschläge auf mich niederging.

Mein geliebter Deorn wird diese Worte mit Verwunderung lesen, hat er doch kaum eine Ahnung von den Taten seines wütenden Ichs. Unzählige Male erwachtest du am Morgen mit vom Bier vernebeltem Kopf, verwirrt und schockiert beim Anblick deiner gepeinigten Geliebten. Wie oft hast du um Verzeihung gebeten, Besserung gelobt. Und wie oft habe ich dir diese gewährt.

Doch die Finsternis ließ nicht los. Sie wuchs. Schmerz und Pein wurden zum Alltag. Der liebenswerte junge Mann war kaum mehr zugegen. Die Wärme seines Blickes hatte sich in eisige Kälte verwandelt, die mich in einen Käfig aus Angst sperrte.

Und ich war ihm hilflos ausgeliefert.

Lange fehlten mir der Mut und die Kraft, mich dem Bösen entgegenzustellen. Doch bald musste ich meine Furcht hintanstellen und an das Wohl des in mir wachsenden unschuldigen Lebens denken.

Mein einst geliebter Deorn, dies ist mein Abschied an dich. Lange werde ich aus Torn fort sein, wenn du diese Zeilen liest. Es missfällt mir, dir unter falschen Vorwänden entschwunden zu sein, doch sah ich keine andere Möglichkeit. Ich werde nicht zulassen, dass deine zornige Seite jene ungeborene Seele zerstört, wie sie es mit meiner getan hat. Und nach allem, was ich bei dir durchmachen musste, blicke ich nicht mit Bedauern zurück, sondern mit Sehnsucht und Erleichterung voraus in eine ungewisse Zukunft für mich und mein Kind.

Eine Zukunft ohne Schmerz.

Eine Zukunft ohne dich.

Talia

Kapitel 2

Dumpf klang es in Deorns Ohren.

Poch!

Deorn reagierte nicht. Unverändert starrte er vor sich hin. Eine Strähne seines langen blonden Haares glitt langsam in sein Blickfeld. Doch alles, was er spürte, war das Papier zwischen seinen Fingern.

Poch!

Die Stille im Raum dröhnte fast so laut in seinem Kopf wie das Schlagen seines Herzens. Ein anschwellendes Sirren gesellte sich dazu wie ein näherkommender Schwarm von Mücken, bis es sich in ein hohes Fiepen verwandelte. Die Hitze jagte durch seine Adern, erfüllte jede Faser seines Körpers und drohte, ihn erbarmungslos zu verbrennen.

Doch geschah es nicht.

Stattdessen warfen die Flammen seines schmerzenden Herzens lose Fetzen von Bildern auf, die vor seinem Auge aufflackerten. Wallendes, schwarzes Haar. Volle Lippen zu einem verliebten Lächeln geformt. Strahlend blaue Augen.

Seine Hände verkrampften sich. Er spürte das Papier zwischen seinen Fingern knittern. Das leise Rascheln und Knistern drang an sein Ohr wie Eisregen, der gegen feines Fensterglas schlug.

Erinnerungen einer längst vergangenen Zeit.

Die Bilder veränderten sich. Blaue Flammen schossen auf Talia zu und drohten ihr Abbild zu verschlingen. Doch dann verpuffte das Ësaroth in der Finsternis. Stattdessen formte sich das Bild eines Händlerkarrens, auf welchem die junge Frau sacht hin- und herschaukelte. Sie hob ihre zierliche Hand und winkte lächelnd zum Abschied. Ein Lächeln, das nicht von freudiger Sehnsucht herrührte, wie er einst geglaubt hatte.

Das Roth in seinem Herzen schwoll an. Glühende Flammen schoben sich in sein Blickfeld und die Szenerie verschwand.

»Ich weiß nicht, was ich tun soll!«

Talias Worte klangen schluchzend aus dem Flammenmeer heraus.

»Hab keine Angst.«

Eine tiefe Stimme ertönte wie das Grollen eines fernen Gewitters. Sie schien von Deorn selbst auszugehen.

Der Schleier aus Flammen hob sich. Talia saß zusammengekauert an eine Wand gelehnt, das Gesicht in den Händen begraben. Ihr Haar war wirr und durcheinander. Eine prankengleiche Hand schob sich in Deorns Blickfeld. Sie legte sich sanft auf die Schulter der jungen Frau.

»Ich werde dir helfen«, sprach die tief grollende Stimme erneut. »Er wird dir nie wieder etwas antun. Und deinem Kind auch nicht!«

Talia blickte auf und sah ihn direkt an. Sie schniefte vernehmlich, ihre Augen waren gerötet und die Wangen glänzten von den ununterbrochenen Strömen aus Tränen.

»Danke, Gorm!«

Explosionsartig schossen die Flammen wieder hervor. Talias Antlitz verschwand. Doch das Feuer aus Zorn und Schmerz brannte so heiß in Deorns Innerem wie nie zuvor. Er ballte die Fäuste, das Knistern von Papier in seiner Hand ignorierend.

Talia lebte. Sie hatte ihn verlassen. Mit der Hilfe seines eigenen Vaters.

Seine Gedanken überschlugen sich. Rasend beschleunigte sich sein Puls und das Pochen seines Herzens wurde so heftig, dass es wie Kriegstrommeln in seinem Inneren hallte.

Er wird dir nie wieder etwas antun.

Mit einem glühenden Stich durchfuhr ihn ein Schmerz, dass er zusammenzuckte. Erneut schossen Bilder durch seinen Kopf. Vernebelte Abbilder seines Hauses in Leandra. Seines Schlafzimmers.

»Tut mir leid, dass es später wurde!«, sprach Talia, die zitternd unter ihm auf dem Boden lag. Sie hielt sich die Wange. »Der Händler wollte nur, dass ich sicher im Dunkeln nach Hause komme, das ist alles!«

Seine Muskeln spannten sich an und seine Faust ballte sich.

»Bitte nicht ...«, flehte Talia und wich vor ihm zurück.

Dann wurde es schwarz.

Du wirst ihr nie wieder ein Haar krümmen.

Die Stimme seines Vaters dröhnte durch die Finsternis. Dann folgte ein Reißen, ein Schneiden. Ein hustendes Gurgeln. Ein dumpfer Aufprall.

Er wird dir nie wieder etwas antun.

Das Grollen nahm zu und umgab ihn wie ein undurchdringlicher Nebel.

Und deinem Kind auch nicht!

Die Worte klangen wie ein Echo in seinem Kopf.

Mein Kind.

Er war wie betäubt. Sein Magen verkrampfte sich. Er vermochte nicht, seine Gedanken in Worte zu fassen. Stattdessen verschwamm alles in einen endlosen Strom aus Farben, die bald an Intensität einbüßten und einen Strudel aus tiefstem Schwarz formten.

Da loderte das Roth in ihm mit neuer Kraft auf. Wie ein reißendes Inferno fuhr es durch seinen Körper. Die Dunkelheit verschwand und mit glühendem Orange und Rot strahlend tauchte seine Unterkunft wieder vor ihm auf. Die Schatten der Möbel flackerten und bewegten sich hin und her im Schein des Feuers, das von ihm ausging.

Kurz darauf fiel ein brennendes Stück Papier zu Boden, wo nichts von ihm übrigblieb als ein Häufchen Asche.

Kapitel 3

Es tat gut, das Gras unter sich zu spüren. Die Wärme des prasselnden Feuers umspielte ihr Gesicht, nur gelegentlich unterbrochen von einem seichten Luftzug milden Sonnenzeitwindes.

Merina ließ den Blick schweifen. Sie saß auf einer niedrigen Bank, die aus Totholz gefertigt zu sein schien. Unregelmäßig, knorrig, löchrig. Doch war das Holz wunderschön geglättet worden und die einst scharfen Bruchstellen und Kanten meisterlich geschliffen und abgerundet. Vor ihr war eine kleine Feuerstelle, umgeben von weiteren Holzbänken.

Das stille Fleckchen lag ein wenig abseits der elfischen Häuser, weshalb Merina dem eiligen Gewusel Élathals entgehen konnte. Die Geschäftigkeit der mëerischen Hauptstadt klang langsam ab. Herumeilende Elfen fielen der abendlich einsetzenden Erschöpfung nach einem langen, hektischen Tag zum Opfer, was Merina ihren schwerer werdenden Schritten ansehen konnte.

Und viel zu tun hatten sie in der Tat.

Zwei Tage war der Kampf mit dem Tûm und den Dróghgûl her. Nachdem sie zwischenzeitlich im mëerischen Grenzwald versorgt wurden, hatte man sie schnellstmöglich nach Élathal zurückgebracht, um den Verwundeten die schnellstmögliche Hilfe bieten zu können. Und derer gab es viele.

Merina sah an sich herab. Ihr linker Arm lag schwer bandagiert in einer eleganten Schlinge. Der von ihm ausgehende Schmerz war inzwischen normal für sie geworden. Statt ständig das Gesicht zu verziehen, nahm sie das unaufhörliche Ziehen und Kribbeln hin wie das Rauschen eines Wasserfalls. Ohne die Heilkunde der Elfen wäre der Schmerz wohl um einiges heftiger, vermutete sie.

»Da bist du also.«

Merina wandte sich um und erkannte Amila.

»Du solltest dich doch ausruhen, haben die Heiler gesagt«, mahnte die junge Magierin.

»Das tue ich doch«, erwiderte Merina. »Ist doch angenehm ruhig hier draußen.«

Amila verschränkte die Arme und schnalzte missbilligend mit der Zunge. Doch dann schüttelte sie nur den Kopf.

»Lass das nur nicht Valkas sehen. Nachdem du ihn damals so angefahren hast, als er in Ilá-ar-Lithan aus dem Krankenzimmer verschwunden ist.«

Merina musste lächeln. Amila konnte sich ein Schmunzeln auch nicht verkneifen und setzte sich neben ihr auf die Bank.

»Wo treibt er sich eigentlich herum?«, fragte Merina. »Ich hab ihn seit unserem Ritt zurück nicht mehr zu Gesicht bekommen.«

»Du weißt doch, wie er ist. Er kann nicht stillsitzen, solange irgendwo Hilfe benötigt wird. Außerdem will er sich wohl einfach ablenken, damit er nicht zu ungeduldig auf Neuigkeiten wartet.«

Merina nickte. Nach ihrer Ankunft hatte das mëerische Königspaar Arnoth zu sich gebeten, um die letzten Ereignisse aufzuarbeiten. Und sie vermuteten, dass er bei dieser Gelegenheit erneut ihren Plan für das Eadolma vortragen und um Unterstützung bitten würde.

Valkas hatte sie jedoch überrascht. Seit dieser sich gestern mit Arnoth unterhalten hatte, wirkte er zielstrebiger, entschlossener. Merina fand es verwunderlich, dass er überhaupt an den ehemaligen Anführer Lithaneas herangetreten war. Gut zu wissen, dachte sie sich milde lächelnd, dass Valkas wieder sein volles Potenzial auszuschöpfen gedachte.

»Hoffen wir mal, dass Arnoth den König und die Königin überzeugen kann«, sprach Amila. »Allerdings mache ich mir keine großen Hoffnungen. Ihre Ablehnung war sehr bestimmt.«

Merina nickte. »Wohl wahr. Doch beim letzten Mal hofften Iléthan und Ërithel, die Bedrohung einfach aussitzen zu können. Die Tatsache, dass der Ësarothtûm und die Dróghgûl ihr Reich angegriffen und viele ihrer Landsleute getötet haben, dürfte diese Hoffnung gedämpft haben. Selbst mit unserer Unterstützung und Arnoths zeitnaher Ankunft haben wir den Angriff schließlich nur mit Mühe abwehren können.«

»Ganz recht!«, ertönte eine brummige Stimme.

Filbur gesellte sich zu ihnen, begleitet von Tianna.

»Und ich kann nicht immer da sein, um dem Biest das Auge auszuhacken!«, fügte der Zwerg hinzu. Er schob seine breite Brust merklich nach vorne und stemmte die Arme in die Hüften.

»Es grenzt für mich immer noch an ein Wunder, dass wir es überhaupt geschafft haben, den Tûm zu verwunden«, warf Tianna ein, während sie sich auf eine der Bänke fallen ließ. Mit einem Blick zu ihrem Zwergenfreund fügte sie hinzu: »Wer hätte auch ahnen können, dass du heimlich eine Anti-Ësarothtûm-Konstruktion gebaut hast!«

»Ja, was hat es damit eigentlich auf sich?« Amila zeigte auf den anthrazit glänzenden Arm.

»Das«, sprach der Zwerg und hob selbigen Arm an, »ist das Ergebnis vieler schlafloser Nächte. Dank der Ësarothproben, die ich auf der Heimreise von der Schlacht in Bethramdor eingesammelt habe, konnte ich ein Material erschaffen, das dem der Schmelzrinnen in Grimnost ähnelt. Es ist also genauso ësarothfest, lässt sich aber besser bearbeiten und ist leichter. Ich nenne es Filburium!«

»Wie bescheiden ...«, merkte Tianna kopfschüttelnd an. Filbur ignorierte die Anmerkung und fuhr fort.

»Mit ein wenig Hilfe der Magier Lithaneas konnten wir der Apparatur letztlich die nötige mechanische Beweglichkeit und ... Anpassungsfähigkeit einhauchen.«

Ein Klicken folgte. Dann formte der Arm sich zu einem breiten runden Schild, der aus vielen sich überlappenden Ringplatten zu bestehen schien.

»Und wenn dies zu wenig Schutz bietet ...«

Einige Ringplatten schoben sich vom Zentrum des Schildes dazu, bis Filbur hinter der Wand aus Anthrazit verborgen war. Merina hörte eine weitere Folge von Klicklauten und lautes Klimpern. Der Schild verkleinerte sich erneut, bis er völlig verschwand und nur der glänzende Arm zu sehen war.

»Nun, da ich die Apparatur getestet habe, können wir Schilde und Waffen gleicher Art herstellen«, erklärte der Zwerg stolz. »Sobald ich wieder in Lithanea bin, werde ich die Schmiede in Gang setzen. Beim nächsten Mal wird der Tûm mehr als nur ein Auge verlieren!«

»Dann leg mir einen linken Arm beiseite«, bat Merina den Zwerg. »Nur für alle Fälle.«

»Sag sowas nicht!«, rief Amila umgehend. »Dein Arm wird schon wieder in Ordnung kommen, verstanden!«

Merina verkniff sich ein Lächeln ob des scharfen Tons. Es machte einfach zu viel Spaß, die junge Frau aufzuregen. Filbur hingegen brach in bellendes Gelächter aus. Amila schüttelte nur den Kopf.

»Wo wir gerade bei neuen Errungenschaften sind«, setzte der Zwerg wieder etwas ernster an. »Deorn hat dem Tûm auch ziemlich Feuer unterm Arsch gemacht. Im wahrsten Sinne!«

Merina erinnerte sich an den jungen Mann, von dem Filbur sprach. Sie hatte ihn kaum gesehen, seit er mit Arnoth auf dem Schlachtfeld aufgetaucht war.

»Ich mag ihn nicht«, tat Amila plötzlich kund.

Da sah Merina zu der jungen Magierin hinüber. Diese mied ihren Blick und knetete die Finger, bevor sie die Arme eng um ihren Körper schlang.

»Mach dir keine Sorgen«, beschwichtigte Tianna sie. »Deorn wirkt zwar etwas kühl und abweisend, doch er hat ein gutes Herz.«

»Außerdem wären wir ohne ihn nicht hier«, fügte Filbur entschieden hinzu. »Deorns Entschlossenheit, den Tûm zur Strecke zu bringen, hat uns damals nach Lithanea gebracht. Seine Willenskraft und Stärke ist genau das, was wir brauchen. Dazu noch Arnoths Weisheit und Erfahrung! Und schon werden wir dem Tûm und dem Dunkelhüter das Handwerk legen!«

Merina dachte daran, als sie Deorn vorletzte Nacht zum ersten Mal gesehen hatte. Der harte Blick in seinen Augen. Das Feuer, das in ihnen brannte. Es bestand kein Zweifel, dass diesem Mann eine ungeheure Stärke innewohnte. Und das Selbstbewusstsein, mit dem er diese trug, hatte Merina nur selten bei einem Menschen erlebt.

Tianna sah nachdenklich drein. »Es wundert mich allerdings, dass er sich von uns fernhält. Und Sivana ist seit Deorns Rückkehr auch viel stiller als sonst.«

»Sie ist wahrscheinlich stinkwütend, weil Deorn so lange fort war«, erklärte Filbur. »Kann man ihr nicht verübeln. War ja nicht das erste Mal bei diesem Hitzkopf. Aber immerhin kam er mit äußerst hilfreicher Feuermagie zurück! Wo auch immer er das nun wieder gelernt hat.«

Merinas Neugier auf den jungen Mann wuchs. Derartige Fähigkeiten waren nicht ohne Nutzen für ihr Vorhaben. Schwerter und Äxte allein würden sich nur bis zu einem gewissen Punkt gegen ihren Feind bewähren. Und so klug Amila auch war, Merina bezweifelte dennoch, dass ihre magischen Kräfte genügten, um dem Dunkelhüter ernsthaft gefährlich zu werden.

»Angesichts der Lage sollten wir diese neuen Fähigkeiten willkommen heißen, findet ihr nicht?«, fragte sie die anderen.

»Erst recht, wenn Arnoth so angeschlagen ist«, fügte Tianna hinzu. »Seit er den Tûm aus dem Himmel geholt hat, ist er nicht mehr derselbe. Hinzu kam die lange Reise, der letzte Kampf ... All das muss ihm einiges abverlangt haben.«

»Mehr als ihr glaubt.«

Ëthel trat in den rötlichen Schein des Feuers. Er strich sich das helle Haar aus dem dunklen Gesicht. In den grellblauen Katzenaugen spiegelte sich dieselbe Sorge wider, die in seinen Worten mitschwang.

»Ich habe einige Gesprächsfetzen von den Heilern aufgeschnappt, die sich um Fámir kümmern. Sie haben auch Arnoth wieder auf die Beine geholfen. Fürs Erste.«

Der Elf schwieg einen Moment und sah bedrückt zu Boden.

»Es besteht große Gefahr, dass Arnoths Körper nicht mehr lange standhält.«

Kapitel 4

Sivanas Kopf schmerzte.

Vornübergebeugt stützte sie ihren brummenden Schädel in die Hände. Strähnen ihres glänzenden schwarzen Haares fielen ihr vor die Augen und umschlossen ihr Blickfeld wie ein finsterer Käfig. Stille sirrte mit betäubender Lautstärke in ihren Ohren und benebelte sie.

Nur vage erinnerte sie sich an die Ereignisse des vergangenen Tages. Tiannas besorgte Nachfrage, was passiert sei. Ihre halbherzige Antwort. Die wortkarge Reise zurück nach Élathal. Der übelkeitserregende Schwindel beim bloßen Gedanken an ihr letztes Gespräch mit Deorn.

Vor ihrem geistigen Auge erblickte sie das lächelnde Antlitz Talias, die zufrieden auf einer Wiese an einen Baum gelehnt saß und die Ruhe des Moments genoss. Fernab aller Sorgen. Fernab von Deorn.

Fernab von Sivana.

Seit Deorn ihr eröffnet hatte, was Gorm ihm vor seinem Tod gestand, kreiste dieses Bild unaufhörlich in ihrem Kopf. Ein Schimmer von Hoffnung, die sie nie zu hegen gewagt hatte. Wenn Talia tatsächlich am Leben war, würde sie ihre Freundin wiedersehen können? Wohin war sie verschwunden? Sivanas Herz raste vor Freude. Dabei war ihr gleich, ob diese gerechtfertigt oder reines Wunschdenken war.

Dann kehrte der Schmerz zurück. Doch kam dieser nicht von ihrem gedankenüberladenen Kopf. Stattdessen schoss er durch die leicht geschwollene Wangenmuskulatur und ihr Gesicht verzog sich unwillkürlich. Sanft betastete sie die Stelle mit ihrer Hand.

Die Bestätigung, dass Deorn seinen Vater erschlagen hatte, lag wie ein tonnenschwerer Felsen auf ihrer Brust. Doch war es nicht der Vatermord allein, der Sivana Sorge bereitete. Es war die Tatsache, dass Deorn derart gewaltbereit war, wenn er mit unbequemen Wahrheiten konfrontiert wurde. Dass er zu so etwas fähig war, hätte sie bis gestern für unmöglich gehalten.

Was sie jedoch am meisten beunruhigte, war, dass Deorn keine Freude zu empfinden schien bei der Aussicht, Talia am Leben zu wissen. Keine Erleichterung, keine Sehnsucht.

Du glaubst meinem Vater also mehr als mir?

Die vorwurfsvollen Worte klangen in Sivanas Ohren. Die Wellen des Zorns, die ihr von Deorn entgegengeschlagen waren, jagten ihr noch immer einen Schauer über den Rücken.

Da klopfte es an der Tür.

Ruckartig fand Sivana sich in der Gegenwart wieder. Sie blinzelte und versuchte, sich zu orientieren. Das Licht der untergehenden Sonne verlor die letzte Wärme des zu Ende gehenden Tages und ging von feurigem Rot in kühles Violett über, welches sich wie ein Dunst im Raum ausbreitete.

Kraftlos wankend erhob sie sich und öffnete die Tür. Ein ihr unbekannter Elf stand vor ihr und verneigte sich höflich.

»Herr Arnoth bittet Euch zu sich.«

Als sie in Arnoths Unterkunft ankam, schaute sie rasch in die Runde. Valkas, Merina, Amila, Tianna, Filbur. Sie alle waren versammelt. Ëthel stand ein wenig abseits und beobachtete die Gruppe aufmerksam.

Arnoth war noch nicht hier. Deorn fehlte ebenfalls.

Tiannas Blick traf den ihren und sie winkte Sivana zu sich herüber. Zögernd trat diese auf ihre Partnerin zu.

»Du siehst blass aus«, flüsterte Tianna.

Sivana schwieg.

»Seit Deorn zurück ist, verhältst du dich seltsam«, hakte ihre Gefährtin nach. »Verrätst du mir endlich, was los ist?«

»Das ist jetzt nicht der rechte Moment.«

»War es das den ganzen Tag nicht?«

Sivana seufzte und ignorierte die Frage. Stattdessen sah sie sich im Raum um. Neugier, Unruhe und Aufregung spiegelten sich auf den Mienen der Anwesenden. Ihre eigene Anspannung wurde jedoch von den an ihr zehrenden Zweifeln und Sorgen verdeckt, die sie wie Dornen stachen.

Da öffnete sich die Tür. Alle Köpfe wandten sich um. Arnoth trat ein, vorsichtig einen Schritt vor den anderen machend. Selbst in den wenigen Stunden seiner Abwesenheit schien der ehemalige König weiter gealtert zu sein. Wie ein sich ausbreitender Waldbrand zog das Grau über seinen Kopf, raubte dem dunklen Haar Strähne für Strähne die verbliebene Farbe und Kraft.

Dann betrat Deorn den Raum, den Blick mit Ernst und Eifer erfüllt. Was Arnoth an Stärke fehlte, schien sein Begleiter wettzumachen. Sivana schauderte. Die Aura, die von Deorn ausging, war schwer in Worte zu fassen. Selbstbewusstsein strömte ihm aus den Poren und kroch auf Sivana zu wie Nebel über einem Berghang. Und als der glühende Griff von Deorns Präsenz sie packte, schoss ein scharfer Schmerz durch ihre Wangenknochen.

Arnoth nahm vorsichtig auf einem gepolsterten Stuhl Platz. Sein Begleiter bezog kerzengerade und mit breiten Schultern neben ihm Stellung, wobei er die Hände hinter dem Rücken verschränkt hielt. Sivana versuchte, seinen Blick zu erhaschen, doch gelang es ihr nicht. Deorn starrte stur geradeaus. Arnoth hingegen blickte in die Runde und lächelte sanftmütig.

»Ich danke euch, dass ihr so schnell kommen konntet.«

Seine Stimme war kraftvoller als am Tag zuvor. Allerdings war sie weit von jener Stärke und Fülle entfernt, die Sivana einst in Lithanea an die Ohren gedrungen war.

»Das werte Königspaar hat mir großzügigerweise die Möglichkeit gegeben, unser Anliegen erneut vorzulegen. Und nach vielen Stunden sind wir endlich zu einer Einigung gekommen.«

Er holte tief Luft. Die damit eintretende Stille kam Sivana wie eine Ewigkeit vor. Ihre Muskeln spannten sich an und sie hörte einen Moment auf zu atmen.

»Sie sind gewillt, uns zu helfen.«

Ein vernehmliches Ausatmen ertönte und lockerte die Stimmung im Raum umgehend.

»Vorgestern wurde zweifellos das Ausmaß der Gefahr erkennbar, die der Tûm, und mit ihm der Dunkelhüter, für die Elfen und die gesamte Welt darstellt. Der König und die Königin erkennen an, dass sie die Situation unterschätzt haben.«

Dann wurde sein Blick ernster.

»Allerdings halten sie an ihren Bedenken fest, die sie bezüglich der Erschaffung eines Eadolma hegen. Wir werden ihre Hilfe nur bekommen, wenn wir einer Bedingung zustimmen: Sobald die Gefahr des Dunkelhüters gebannt ist, muss das Eadolma umgehend zerstört werden.«

Alle reihum nickten. Dies waren vollkommen gerechtfertigte Forderungen. Was brachte ihnen die Eliminierung einer Gefahr, wenn daraus eine neue erstünde? Und Arnoth schien es genauso zu sehen.

»Ich denke, dass wir uns alle einig sein können, dass diese Bedingungen akzeptabel sind. Und ich weiß, dass besonders Sivana diese wertschätzen wird.«

Er lächelte der jungen Frau zu. Die Wärme in seinem Blick durchdrang sie mit einer ihr wohlvertrauten Mischung aus Vertrauen und Anerkennung, die er ihr schon viele Male vermittelt hatte. Trotz ihrer düsteren Gedanken hinsichtlich Deorns überkam sie für einen kurzen Moment das Gefühl von Erleichterung. Ihre Sorgen um die Gefahr, die von dem Eadolma ausgeht, waren zwar nicht gebannt, aber die Zuversicht überwog zum ersten Mal, seit sie den Plan geschmiedet hatten.

Sie lächelte Arnoth dankbar zu.

Dieser nickte und wandte sich wieder an den Rest der Gruppe.

»Das Königspaar erlaubt uns, ihren Ëlómari zu konsultieren, ihren ‚Wissenden‘. Er wird uns den Weg zu den fehlenden Dolmae weisen.«

Ein Hustenanfall überkam ihn. Deorn warf Arnoth einen besorgten Blick zu. Dieser jedoch winkte entschieden ab und lächelte mühsam.

»Wie ihr aber seht, bin ich nicht in der besten Verfassung. Mein Körper gibt den Folgen meiner Taten zusehends nach. Und auch mein Geist droht, seine Zuverlässigkeit einzubüßen. Aus diesem Grund habe ich erwirkt, dass Deorn mich begleiten darf.«

Dieser verzog keine Miene, er strich sich lediglich eine blonde Strähne hinters Ohr. Sivana konnte nicht umhin, einen bitteren Nachgeschmack zu empfinden. Ihr Gespräch mit Deorn und sein unerwarteter Ausbruch ihr gegenüber ließen sie stocken.

Andererseits hatte sie nichts anderes erwartet. Das Band, welches die beiden Männer seit ihrem Zusammentreffen in Lithanea geknüpft hatten, war immer stärker geworden. Daher war es nur natürlich, dass Arnoth seinen Schüler und Begleiter an seiner Seite wissen wollte.

Dennoch sah sie verstohlen in die Runde. Niemand sagte etwas. Nur Amila trat von einem Bein aufs andere und schaute auf ihre Füße. Verwundert zog Sivana die Brauen zusammen. Warum war die junge Magierin so nervös? Doch bevor sie sich weiter damit befassen konnte, riss Arnoth sie aus seinen Gedanken.

»Zusätzlich bitte ich Valkas, mich zu begleiten.«

Kapitel 5

Valkas sah verwundert auf, die dunklen Augen seines Gegenübers ruhten auf ihm. Die Wärme des Blickes vermengte sich mit jener des ihm geschenkten Lächelns. Doch minderte dies nicht die Überraschung, die er aufgrund der unverhofft geäußerten Bitte empfand.

Nach ihrem Gespräch war Valkas auch bei ihrem Ritt zurück in die Elfenhauptstadt in unmittelbarer Nähe Arnoths geblieben. Entgegen allen Erwartungen war die Stimmung zwischen ihnen entspannt gewesen, losgelöst von vergangenen Auseinandersetzungen und Differenzen. Valkas hatte eine Last von sich abfallen gefühlt, von der er gar nicht gewusst hatte, dass sie existierte. Seine Bereitwilligkeit, Arnoth aus Notwendigkeit als Unterstützung anzuerkennen, hatte sich in seinem Inneren ausgebreitet wie die wohlige Wärme eines heimischen Kaminfeuers.

Zusammenarbeit war ihre einzige Hoffnung auf die Rettung seines Volkes. Verbitterung hingegen brachte ihnen nichts als Zwietracht und Misstrauen. Und das könnte der Unterschied zwischen Erfolg und Scheitern sein. Ein Fehler, den er nicht zu begehen bereit war.

Während er sich noch immer sammelte, fuhr der ehemalige König Lithaneas fort.

»Ich weiß Euer diplomatisches Feingefühl zu schätzen und habe keine Zweifel, dass ihr derart vertrauliche Informationen zu bewahren wisst. Das werte Königspaar teilt dieses Vertrauen. Mehr noch: Sie schätzen Eure Hingabe und aufrichtige Sorge um das Wohlergehen jener, denen ihr dient. Zudem kennen sie Euch besser als mich und Deorn. Und angesichts meiner letzten Handlungen fühlen sie sich nicht sehr wohl mit dem Gedanken, dass ich die alleinige Verantwortung für diese Aufgabe trage. Und wer könnte es ihnen verdenken?«

Er hielt einen Moment inne und senkte den Blick. Doch dann schüttelte er den Kopf.

»Deshalb möchte das Königspaar Euch mit der Überwachung der rechtmäßigen Nutzung und nach erfolgreichem Abschluss Eurer Aufgabe mit der Zerstörung des Eadolmas betrauen. Eine Entscheidung, die ich vollkommen unterstütze. Ich habe vollstes Vertrauen, dass Ihr der Aufgabe gerecht werdet. Darum wäre ich froh, Euch an meiner Seite zu wissen.«

Valkas wusste nicht, wie er reagieren sollte. Doch bevor er sich bewusst entschlossen hatte, neigte er bereits seinen Kopf und nahm die Bitte dankend an.

Arnoth lächelte sanftmütig.

»Das gilt für Euch beide«, legte er mit einem schweifenden Blick von Valkas zu Deorn nach. Dann adressierte er mit einer Handgeste die gesamte Gruppe. »Für jeden Einzelnen von Euch. Nur gemeinsam können wir unser Ziel erreichen. So sehr ich einst gehofft hatte, diese Bürde niemand anderem auferlegen zu müssen, umso mehr erkenne ich, dass ich der Aufgabe nicht länger allein gewachsen bin.«

Erneut sah er Valkas an. Das Leuchten in Arnoths Augen, welches ihm am gestrigen Morgen vollkommen gefehlt hatte, war wieder da. Und mit neuer Kraft in der Stimme fügte der einstige König hinzu:»Doch gemeinsam werden wir es schaffen.«

Wenige Augenblicke später machten sie sich bereit, das Königspaar zu sehen. Je eher sie die gewünschte Hilfe entgegennehmen konnten, desto besser, hatte Arnoth allen klargemacht. Dieser bewegte sich auf die Tür zu, während Deorn ihm zur Seite stand, falls er eine Stütze benötigte.

Valkas verarbeitete noch immer die Ereignisse. Seine eigene Verwunderung fand er auch in den Blicken Merinas und Amilas wieder.

»Musst wohl ganz schönen Eindruck geschunden haben«, sagte Merina mit sarkastischem Unterton.

»Du hast es doch gehört: Offenbar mag man mich. Ich bin liebenswert!«, gab er übertrieben trocken zurück, was ihm ein Lächeln von der verletzten Kriegerin einbrachte.

Dann suchte er Amilas Blick. Sie jedoch sah Arnoth und Deorn hinterher.

»Was ist los?«

»Gar nichts ...«, antwortete die Magierin abwesend.

Valkas sah zu Merina hinüber. Diese verstand sofort und zog sich zurück. Sie trieb den Rest der zurückgebliebenen Gruppe in Richtung Tür, wodurch sie ihm und Amila mehr Freiraum verschaffte.

»Komm schon, was beschäftigt dich?«, fragte er seine Gefährtin.Einen Moment länger war Amilas Aufmerksamkeit auf den davonschreitenden Arnoth und seinen Begleiter gerichtet. Dann endlich wandte sie sich Valkas zu.

»Nur ein Gefühl ...«

Sie senkte den Blick und sah auf ihre Hände. Merklich nervös knetete sie ihre Finger, die zu Valkas’ Erstaunen leicht zitterten. Er umschloss ihre unruhigen Hände mit den seinen und sah sie eindringlich an. Sie schaute ihn verlegen an und biss sich auf die Lippen.

»Ich fühle mich unwohl in Deorns Gegenwart, das ist alles.«

Valkas stutzte, glaubte er doch, sie hätte Arnoth misstrauisch beäugt.

»Ist irgendwas geschehen, seit er hier war?«

Sie schüttelte leicht den Kopf und ihre Locken schwangen sanft hin und her.

»Nein, nichts dergleichen.«

Er sah die junge Frau eindringlich an.

»Dir ist irgendwas in Deorns Aura aufgefallen.«

Amila seufzte. Sie sah sich verstohlen um, bevor sie leise antwortete.

»Sie ist so ... wechselhaft. Leichte Schwankungen sind nicht ungewöhnlich. Aber bei ihm … Es ist wie ein Gewitter von Gefühlen. Und immer wieder bricht ein starker Blitz aus Zorn aus dem Gewirr hervor.«

Ihr Blick flackerte kurz und ihr Geist schien aus dem Raum zu fliegen, vom Wind herumgewirbelt zu werden und weitaus weniger gefasst wieder in ihrem Körper zu landen. Mit einem kaum merklichen Ruck kehrte sie in den Moment zurück.

»Umso besser, dass du an Arnoths Seite bist.«

Sie lächelte, bevor sie sich an Valkas schmiegte. Dieser gab ihr einen Kuss auf die Stirn und erwiderte die Umarmung. Der rosige Duft ihres goldenen Haares umspielte seine Nase.

Dabei beobachtete er den jungen Mann, der Arnoth soeben die Tür aufhielt. Als hätte er Valkas’ Augen auf sich ruhen gespürt, wandte Deorn seinen Kopf und sah zu ihm herüber. Ihre Blicke trafen sich. Jegliche Bewegung im Raum schien sich zu verlangsamen, während Valkas’ Herz wild zu schlagen begann. Das pulsierende Pochen vermischte sich mit einem Rauschen in seinen Ohren, das jedes andere Geräusch um ihn herum verstummen ließ. Deorns Lippen bewegten sich, doch drangen keine vernehmbaren Laute aus ihnen hervor.

Dann, als wäre ein Damm gebrochen, schoss die Welt mit all ihren Sinneseindrücken auf Valkas ein, betäubte Augen und Ohren und überwältigte ihn mit rasender Geschwindigkeit. Wie ein Schwall kalten Wassers hallten ihm Worte entgegen.

»Kommt, Herr Valkas. Wir werden erwartet.«

Schweigend sahen die Umstehenden abwechselnd zu Valkas und dem jungen Mann, der soeben lächelnd seine Hand ausgestreckt hatte, wie um ihn zum Folgen zu ermuntern. Deorns Worte waren von einer Klarheit erfüllt, die frischen Blütenzeitbrisen ähnelte. Freundlichkeit strahlte aus ihnen hervor, Ermutigung und Vertrauen. Doch schwang auch ein Hauch sanfter Führung darin mit, die dem ehemaligen Heerführer nicht entging.

Valkas löste sich von Amila, die ihn noch einmal eindringlich ansah. Dann nickte sie ihm zu. Aufmunternd lächelnd erwiderte er die Geste und folgte Deorns Aufforderung. Im Vorbeigehen warf Merina ihm einen bestätigenden Blick zu. Er würde sie nicht enttäuschen. Erinner dich, was auf dem Spiel steht, ermahnte er sich.Erfülle deine Aufgabe!

Dann trat er ins Freie hinaus. Mit dem Verlassen des Zimmers glitt die einengende Anspannung von ihm ab wie ein schwerer Mantel. Das gedämpfte Gemurmel seiner Gefährten rückte in den Hintergrund und sanftes Rascheln von Blättern vermengt mit fernem Vogelgezwitscher umgab ihn. Er atmete einmal tief durch.

»Ist mit Amila alles in Ordnung?«, fragte Arnoth flüsternd.

Valkas nickte, wenngleich ihm die Worte der Magierin weiter im Kopf umherschwirrten. Unwillkürlich warf er einen Blick zurück und beobachtete, wie Deorn langsam die Tür hinter ihnen schloss.

»Sie wollte nur, dass ich auf mich aufpasse, mehr nicht.« Dabei setzte er ein Lächeln auf, das sich gezwungener anfühlte, als er es beabsichtigt hatte.

Arnoth sah ihm tief in die Augen, dann legte er Valkas eine Hand auf die Schulter und neigte sich ihm zu.

»Amilas Gabe dient ihr gut. Ähnliche Zweifel kamen auch mir gelegentlich.«

Seine Gesichtszüge wurden ernster.

»Doch wenngleich ich nicht mehr im Besitz meiner vollen Stärke bin, so versichere ich Euch, dass ich mir meiner Umgebung bestens bewusst bin.«

Dann klopfte Arnoth ihm leicht auf die Schultern, bevor er sich zum Gehen abwandte. Valkas war von einer Starre erfasst und biss knirschend die Zähne zusammen. Er kam sich wie ein Idiot vor, dass er seine Gedanken derart offenbart hatte. Als wäre er auch nur annähernd in der Position, Deorn zu beurteilen, sei es mit Amilas Einblick oder ohne.

»Wir haben uns noch nicht vorgestellt«, erklang es zu seiner Linken.

Valkas zuckte leicht zusammen. Ebenjener junge Begleiter Arnoths war soeben an ihn herangetreten.

»Ich bin Deorn. Arnoth hat schon oft von Euch gesprochen.« Er streckte Valkas eine Hand entgegen.

Einen Moment zögerte dieser, doch dann begrüßte er den Mann, dessen Griff erstaunlich kräftig war.

»Ich vermute, es war zumeist in meinen Kapazitäten als Heerführer«, erwiderte Valkas und bemühte sich, lockerer zu wirken. Er würde den gleichen Fehler nicht noch einmal machen.

»In der Tat«, antwortete Deorn. »Dass Ihr Euch entschieden habt, uns trotz Eurer einstigen Stellung bei unserem Unterfangen zu unterstützen, bringt Euch den Respekt meines Herrn ein. Und damit auch meinen.«

Dann wurde der Blick des jungen Mannes ernst.

»Dass Érothan Euch derart geblendet hat, ist schrecklich. Wie er uns alle geblendet hat. Doch wir werden ihn für seine Taten zur Rechenschaft ziehen. Für all jene, die durch sein Handeln ums Leben kamen.«

»Nein, Deorn«, warf Arnoth entschieden ein. »Wir kämpfen nicht für die Vergeltung vergangener Schreckenstaten, sondern für das Verhindern zukünftiger.«

Deorn zog kurz die Augenbrauen zusammen, sagte aber nichts.

Das rötliche Licht des fortschreitenden Abends spiegelte sich auf seinem blonden Haar. Möglichst unauffällig beobachtete Valkas den jungen Mann. War es das, wovor Amila ihn gewarnt hatte?

»Allerdings kann ich nicht leugnen«, fuhr Arnoth fort, »dass es auch mich mit Wut erfüllte, als ich von Érothans wahrer Identität erfahren habe. All die Zeit, die wir einander gegenübergestanden, politische Ansichten ausgetauscht und miteinander gerungen haben. Kein Wunder, dass meine Appelle an ihn nie beherzigt wurden. So viel Leid hätte unseren Völkern erspart bleiben können ...«

Er seufzte.

»Umso wichtiger ist es, dass wir unsere Aufgabe verantwortungsbewusst angehen. Grämt euch also nicht ob des Verlustes der Vergangenheit, wenn es eine Zukunft zu retten gibt.«

Den Rest des Weges brachten sie schweigend hinter sich. Bald kamen sie ans Palasttor, wo die Wachen sie passieren ließen. Sie schritten durch die ausschweifende Halle auf den Thronsaal zu, der sich knospengleich und von dicken Ästen umschlungen im Zentrum erhob. Kaum hatten sie die solide Rankentür des Saales erreicht, da öffnete sie sich.

Das Königspaar trat heraus und begrüßte die Gäste, worauf diese sich höflich verneigten. Iléthan hatte sein grellblondes Haar zusammengebunden und seine helle Haut strahlte wie ein aufgehender Stern in der Dämmerung. Die Königin hingegen trug ihre gewellte dunkle Haarpracht offen, wodurch sie einen schwarzen Rahmen um ihr bronzefarbenes Antlitz formte. Beider Elfen Kleidung war in Pastellgrün gehalten und wirkte auf den ersten Blick schlicht, doch erkannte Valkas die intrikaten Stickereien, die mehr durch Textur als durch Farbe herausstachen.

Da ergriff König Iléthan das Wort. »Nur wenige haben je zu Gesicht bekommen, was Ihr sehen werdet. Ich muss Euch also mit Nachdruck zu verstehen geben, dass Verschwiegenheit das oberste Gebot ist.«

Sie nickten einvernehmlich.

»Erlaubt mir eine letzte Sicherheitsmaßnahme, werte Herren«, bat Ërithel.

Der Schimmer in ihren kastanienbraunen Augen veränderte sich und sie sah einen nach dem anderen eindringlich an. Arnoth, der seine Hand auf Deorns Schulter gelegt hatte, richtete sich so gerade auf, wie es ihm möglich war, und erwiderte den Blick der Königin mit aller Offenheit. Deorn tat es ihm gleich.

Dann wandte sie sich Valkas zu. Wie bei ihrem ersten Treffen spürte er, dass ihre Augen sich in sein Inneres bohrten. Ihr Blick verharrte lange, kreisend wie ein Adler über den Bergen, der nach den kleinsten Bewegungen Ausschau hielt. Scharfe Kälte ging von ihrer Präsenz aus. Als sie sich aus ihm zurückzog, hinterließ sie ein tiefgreifendes Gefühl der Verwundbarkeit. Dieses verflüchtigte sich umgehend, als sie ihm ein mildes Lächeln schenkte und sich für die Kooperation bedankte.

»So sei es also«, folgerte Iléthan. »Bitte folgt mir!«

Der König und die Königin bewegten sich um die verästelten und umrankten Wände des Thronsaales herum und auf den hinteren Teil der Palasthalle zu. Er schnippte mit dem Finger, hell und klar wie das Klingen zweier Silberkelche. Einige weißblaue Lichter erschienen und sammelten sich um den König. Als ihre Zahl zunahm, wirbelten sie zunächst langsam, dann mit zunehmender Geschwindigkeit um Iléthan herum, bevor sie eins nach dem anderen in den glatten Holzboden eintauchten. Strahlende Linien formten sich und bildeten seltsame Zeichen, die in einem großen Kreis angeordnet waren. Die Intensität der leuchtenden Symbole nahm stetig zu und wenige Augenblicke später drang das Geräusch brechenden und knackenden Holzes an Valkas’ Ohr.

Dann öffnete sich der Boden unter ihnen. Zahlreiche eng umschlungene Ranken, Äste und Wurzeln wanden sich knarrend aus der Mitte des Kreises heraus in Richtung des weiß-blau strahlenden Randes und gaben den Blick frei auf einen Abgrund, dessen Finsternis Valkas an die wabernde Schwärze eines Dróghgûl erinnerte. Unter Klappern und Knarren formten sich einige schmale Holzstufen vor ihren Füßen und bildeten eine gewundene Treppe hinab in die Dunkelheit.

Iléthan machte eine lockere Handbewegung, woraufhin sich die verbliebenen Lichtpunkte über seiner Hand zu einer einzelnen Sphäre verbanden, die wie eine Fackel aus Sternenlicht strahlte. Bedachten Schrittes begab der König sich die Treppen hinunter, gefolgt von Ërithel, Arnoth und Deorn.

Valkas jedoch zögerte. Schwindel ergriff ihn. Die Erinnerungen an seine Zeit im Kerker warfen sich mit Wucht in sein Bewusstsein und lähmten ihn. Sein Atem stockte und er konnte den Schweiß auf seiner Stirn spüren. Sein Blick verschwamm. Die Dunkelheit des Abgrunds stieg aus der Tiefe empor und drohte ihn zu umschließen wie ein gewaltiger Mantel aus Einsamkeit.

Da spürte er plötzlich eine sanfte Berührung an seiner Schulter. Schlagartig zog sich die Finsternis zurück und sein Blick klarte auf. Er blinzelte und sah in die tiefbraunen Augen Ërithels. Bevor er wusste, wie ihm geschah, beugte sie sich vor und ein Flüstern mit der Frische eines Bergbaches drang in sein Ohr.

»Lasst die Erinnerung an das Envoran nicht die Zielstrebigkeit Eures Geistes trüben, Herr Valkas. Ihr habt nichts zu befürchten, das verspreche ich Euch!«

Dann schenkte sie ihm ein verständnisvolles Lächeln. Er holte tief Luft und spürte, wie die Schatten der Vergangenheit sich zurückzogen. Du schaffst das, hörte er sich in seinem Kopf sagen. Und mit neu gefasstem Mut und Ërithels ermutigender Hand auf der Schulter folgte er den anderen in die unbekannte Tiefe.

Kapitel 6

Der Schein von Iléthans schwebender Lichtkugel tauchte sie in ein kühles Weiß, welches mit vereinzelten Funken aus Blau angereichert war. Ihre Schritte hallten von den Wänden wider. Eine Stufe nach der anderen stiegen sie weiter hinab.

Bald machte Valkas einige Konturen aus, die in das weißblaue Licht rückten. Lange, verzweigte Netzwerke von Wurzeln schlangen und wanden sich umeinander, knorrig und von tiefen Furchen durchsetzt. Die undurchdringlich wirkenden Wände kamen mit jedem Schritt nach unten näher, bis sie einen Tunnel formten und die Stufen gingen in einen schnurgeraden Pfad über, dem sie unter Iléthans Führung folgten. Inzwischen war es so still geworden, dass Valkas jeder einzelne Atemzug mit dröhnender Lautstärke durch die Ohren rauschte. Sogar der Klang ihrer Schritte entschwand seiner Wahrnehmung. Ihm war, als würde alles um sie herum von einer omnipräsenten unsichtbaren Macht verschlungen.

Da ertönte ein Brummen, das in ein tiefes Knarren überging. Während Valkas sich wunderte, woher diese Geräusche kamen, bemerkte er eine Wand aus Wurzeln und Ranken, die sich in stockenden Bewegungen aus ihrem Geflecht lösten und den Weg für die Neuankömmlinge freigaben.

Da ließ Iléthan das Licht erlöschen. Valkas erwartete, völlig in Dunkelheit gehüllt zu werden. Stattdessen drang ein zunächst schummriger Schein aus dem offenen Zugang vor ihnen, der mit zunehmender Anpassung seiner Augen heller und klarer wurde. Als sie eintraten, bot sich ihm ein spektakulärer Anblick.

Von einer erhöhten Plattform aus sahen sie in eine weitläufige Kaverne hinab, die von gigantischen Wurzeln geformt und umschlossen wurde – jede breiter als die meisten Häuser hoch waren. Die langen Furchen waren so tief, dass ein ausgewachsener Mann aufrecht in ihnen stehen und nicht über den Rand zu schauen vermochte. Valkas sah leichte Bewegungen in den Wänden. Wie ein Brustkorb hoben sich die Wurzelarme in unterschiedlichen Rhythmen, als holten sie mit sanften Atemzügen Luft.

Als er es schaffte, seinen Blick von den Wänden zu lösen, sah er zahlreiche kleine schwebende Lichter, ähnlich derer, die zuvor Iléthan umkreist hatten. Sie warfen denselben weißblauen Schein auf die ausufernde Ebene, die ein Labyrinth aus hoch aufragenden Regalen beherbergte. Ein mehrere Meter breiter Gang im Zentrum verästelte sich wie Adern eines Blattes. Manche mündeten in abgeschirmte Nischen, in denen sich große Tische mit sanft weißblauer Beleuchtung befanden.

Doch am meisten bewunderte Valkas, was über ihren Köpfen schwebte. Eine riesige Sphäre, die leicht pulsierte und mit Licht gefüllt war, welches sie in stets wechselnden Wellen aus Weiß und Himmelblau in den Raum aussandte. Sie hatte keine feste Form, waberte wie eine Qualle im Wellengang. Ein leises Klingen und Singen ging davon aus, ähnlich dem Rieseln eines Baches über feine Kiesel oder dem sanften Streicheln des Morgenwindes durch ein silbernes Windspiel.

Sie schritten eine verzierte Treppe hinab in die Mitte des Raumes. Die winzigen Lichtpunkte schwirrten wie Staubpartikelchen um sie herum. Sie stiegen zu der Sphäre über ihren Köpfen auf und sanken aus ihr hernieder, verschwanden jedoch im Nichts, sobald Valkas sie genauer anzuschauen suchte. Er fühlte sich seltsam beobachtet, geradezu abgetastet. Die Haare in seinem Nacken stellten sich auf.

»Eure Majestät!«

Eine helle Stimme klang durch den Raum. Valkas sah sich um und erblickte zu ihrer Linken einen Elfen, der mit gemächlichen Schritten auf sie zukam. Sein Kopf war kahlgeschoren, bis auf zwei dünne haselnussbraune Haarsträhnen, die ihm auf beiden Seiten von der Schläfe bis über sein zartes Kinn herabhingen. Die Strähnen waren am Ende mit silbernen Perlen geschmückt, die zum Silber seines Gewands passten. Der aufwendig mit Stickereien aus Blättern und Blüten verzierte Stoff fiel ihm glatt von den schmalen Schultern und ergoss sich bis zum Boden.

»Eure Anwesenheit ehrt mich!«, sprach der Elf und verneigte sich vor Iléthan.

»Die Ehre ist die unsere, mein guter Hennior.«

Erneut verbeugte der Elf sich, bevor er mit einer Handbewegung zu seiner Linken wies und sie eindringlich mit seinen dunkelbraunen Augen ansah.

»Der Ëlómari ist bereit, Euch und Eure Gäste zu empfangen.«

Iléthan bedankte sich mit einer leichten Neigung des Kopfes. Dann wandte Hennior sich ab und hielt sie höflich dazu an, ihm zu folgen. Gemeinsam schritten sie durch den breiten Mittelgang, der die riesige Halle teilte. Sie passierten alte wie neue Regale, Schränke und Vitrinen gefüllt mit Büchern, Schriftrollen, zerbrechlich aussehenden Objekten und wertvollen Schmuckstücken. All diese Gegenstände strahlten eine Aura längst vergangener Zeiten aus, die Valkas mit Ehrfurcht erfüllte. Das Gefühl, dass er hier nicht hergehörte, verstärkte sich mit jedem Schritt.

Als sie das Ende des Ganges erreichten, öffnete sich der Boden wie zuvor in der königlichen Halle. Doch dieses Mal waren die Treppenstufen breiter, die Geländer aufwendig geschnitzt und verziert. Ein dünner, aber weicher Teppich bedeckte die Holzstufen, die sie langsam hinuntergingen. Am Fuße der Treppe befand sich eine Tür, die von selbst ihre beiden Flügel öffnete, als die Gruppe näherkam. Hennior machte einen Schritt zur Seite und ließ sie eintreten.

Sie fanden sich in einem perfekt runden Zimmer wieder. Das Licht war um ein Vielfaches greller, ohne dass Valkas eine Lichtquelle ausmachen konnte. Der Raum war unmöbliert, umgeben von elfenbeinfarbenen Wänden, die ebenfalls völlig kahl und schmucklos waren. Die Leere des Zimmers traf Valkas so unvorbereitet, dass er die Person in dessen Mitte erst verspätet bemerkte.

Die zierliche Gestalt mit kurzem, zurückgestrichenem und strahlend weißem Haar stand kerzengerade und sah mit leicht zur Seite geneigtem Kopf zu ihnen herüber. Die Augen waren leer und leuchteten im selben Ton wie die Wände um sie herum, was die blasse Haut im Kontrast nahezu dunkel wirken ließ. Dann machte die Gestalt einige Schritte auf sie zu, wobei die Bewegungen fließend und geisterhaft wirkten. Dies musste der Wissende der Mëeri sein, vermutete Valkas.

»Seid willkommen.«

Die Stimme schien alle Höhen und Tiefen im selben Moment zu erzeugen und klang weder männlich noch weiblich, weder alt noch jung. Iléthan verneigte sich. Arnoth tat es dem Elfen gleich, weshalb Deorn und Valkas sich ihm anschlossen. Die Gestalt nickte anerkennend, bevor der mëerische König das Wort ergriff.

»Ehrenwerter Ëlómari, dies sind die Gäste, welche uns um Hilfe bitten.« Valkas war von der Ehrfurcht überrascht, mit der Iléthan zu der strahlenden Gestalt sprach. »Arnoth, einstiger König von Lithanea. Deorn, sein treuester Helfer und Unterstützer. Und Valkas, ehemaliger Heerführer von Bethramdor.«

Die weißen Augen des Ëlómari sahen einen nach dem anderen an. Valkas überkam ein kalter Schauer, als der leere Blick den seinen traf. Es war eine Sache, von Königin Ërithel derart eindringlich beobachtet zu werden. Doch das Strahlen, welches ihm grell und scharf in die Seele schien, war eine einschüchternde Erfahrung, die nichts gleichkam, was er je zuvor erlebt hatte.

Er hatte nicht das Gefühl, dass der Ëlómari seine Gedanken durchforschte. Der suchende Blick hielt sich von jeder Erinnerung fern und begutachtete einzig die Umgebung seines tiefsten Inneren. Es war, als würde er gezielt nur an der Oberfläche seines Wesens kratzen. Trotzdem kam es Valkas vor, als offenbarte er seine persönlichsten Gedanken.

»Ein jeder von Euch trägt seine eigene Finsternis mit sich. Dennoch seid ihr bereit, diese in ihrer Reinheit zu konfrontieren. Mutig. Töricht.«

»Ich fürchte, es ist unabdingbar«, antwortete Arnoth.

»Unabdingbar«, wiederholte der Wissende. »Die Welt ist instabil. Ihr verlangt nach Ausgleich. Ungleichgewicht, um Ungleichgewicht auszugleichen? Gewagt.«

Dann ruhten die Augen auf Arnoth.

»Der Vanari ersucht keine Belehrung, weiß er doch um die Konsequenzen. Euch verlangt nach Wegfindung.«

In einer fließenden Bewegung schwang die Gestalt herum und das strahlende Weiß des Raumes erlosch. Finsternis umgab sie, einzig durchbrochen vom Schimmern des Ëlómari. Alle materiellen Grenzen des einstigen Zimmers waren verschwunden und Valkas hatte das Gefühl, in völliger Leere zu schweben. Wie damals in Mennoths Arbeitszimmer überkam ihn ein Anfall von Schwindel, welchen er nur mit Mühe abschütteln konnte.

»Euch verlangt nach dem Dróghdolma. Doch wagt ihr nicht, dem Dróghtûm und seinem Vanari gegenüberzutreten. Weise. Eine andere Quelle gilt es zu finden. Ein Schmelztiegel tiefster Finsternis.«

Er machte eine ausschweifende Handbewegung. Die wabernde Erscheinung eines riesigen Buches materialisierte sich vor den Anwesenden. Der Einband öffnete sich und die Seiten wirbelten wie vom Wind geblasen von einer Seite zur anderen, bevor der Ëlómari ihnen mit einer Geste Einhalt gebot. Die winzige Schrift auf den vergilbten Seiten hob sich in starkem Kontrast hervor und stach mithilfe von leuchtenden Umrandungen aus der geisterhaften Erscheinung heraus.

»78. Sturmtag des Jahres 1978«, verkündete der Wissenswahrer. »Eine Tragödie nie dagewesenen Ausmaßes trug sich zu. Erlösung war das Ziel. Schrecken die Realität. Tod die Konsequenz. Eine unsagbare Anzahl verirrter Seelen fand ihr grausames Ende.«

»Die Víanavale.«

Valkas wandte sich um und die restlichen Anwesenden taten es ihm gleich. Es war die Elfenkönigin, die mit einem leichten Beben in der Stimme geantwortet hatte. Die Arme waren eng um ihren Oberkörper geschlungen, die Finger in den dünnen Stoff gekrallt.

»Sternenkinder nannten sie sich. Eine geheimnisumwobene Gemeinschaft, deren Name allein mich mit Trauer erfüllt. Und mit Schmerz.«

Sie senkte den Blick, was Iléthan ihr gleichtat. Niemand sagte etwas. Nur Deorn sah sich fragend um. Eine Verwirrung, die Valkas teilte.

»Víanavale?«, setzte Valkas an und durchbrach das betroffene Schweigen. »Ich habe noch nie von dieser Gemeinde gehört.«

»Dies ist nicht verwunderlich«, warf Iléthan ein. »Die Víanavale waren sehr zurückgezogen. Aufzeichnungen gab es nur wenige. Und noch weniger Menschen verließen die Gemeinde zu ihrer Zeit, um Einzelheiten zu berichten.«

»Und doch wisst Ihr von Ihnen?«, fragte Deorn.

Valkas war überrascht von dem Tonfall, den der junge Mann wählte. Es klang scharf, zweifelnd. Vorlaut. Etwas, das sie sich nicht leisten konnten. Wenn der König dies bemerkte, so ließ er es sich zu Valkas’ Beruhigung nicht anmerken.

»Unser Ëlómari hat Zugang zu vielerlei Wissen. Besonders jenes, was die Geschichte zu verdrängen sucht. Manche Ereignisse sollten nämlich nie völlig vergessen werden, dienen sie schließlich als Warnung für zukünftige Generationen. Wir hüten dieses Wissen und möchten verhindern, dass es in die Hände unreifer Geister fällt. Und derer gibt es leider zu viele in der Welt.«

Iléthan warf Deorn einen belehrenden Blick zu.

»Weshalb Ihr auch dieses Wissen mit der größtmöglichen Sorgfalt verwahrt«, fügte Valkas einlenkend hinzu, bevor der junge Mann etwas erwidern konnte.

Einen Moment erinnerte er sich an die Verbannung Érothans, nachdem dieser sich unrechtmäßig Zugang zu den Archiven verschafft hatte. Zugleich überkam ihn eine Welle von Nervosität bei dem Gedanken, dass ihrer kleinen Gruppe die Ehre gewährt wurde, etwas von diesem Wissen zu erlangen. Der machtvolle Auftritt des Ësarothtûm musste den Elfen den Ernst der Lage überdeutlich gemacht haben, dass sie sich zu diesem Schritt entschlossen.

»Und was macht diese Sternenkinder so furchterregend?«, fragte Deorn.

»Éthriva.«, antwortete der Ëlómari mit voller Stimme. »Éthriva ist Hingabe. Éthriva ist Opfer. Ein Wort. Zwei Blickwinkel. Der Erste ist Wortlaut. Der Zweite ist Wahrheit.«

Valkas verstand nicht, was der Wissenswahrer damit sagen wollte. Iléthan musste dies bemerkt haben.

»Die Víanavale sahen sich als elitäre Glaubensgemeinschaft an, die sich den Sternen entgegensehnten. Sie strebten danach, den irdischen Fesseln ihrer Körper zu entfliehen und ihren Geist ‚neuen Horizonten‘ zu öffnen, wie sie es nannten. Auf der Suche nach ebenjenen Horizonten folgten ihre Anhänger dem Pfad der Hingabe. Leider nahm diese schreckliche Formen an. Unvorstellbar schreckliche Formen.«

Valkas’ Magen verkrampfte sich. Es waren nicht nur die Worte des Königs, die ihn schaudern ließen. Es war der Ton, mit welchem er diese untermalte, ähnlich einem von Ferne angekündigten Gewitter: Die schwere Schwüle hing in der Luft, doch Blitz und Donner blieben aus.

»Ich habe einmal von den Víanavale gelesen«, eröffnete Arnoth zu Valkas’ Überraschung. Er hob sein ergrautes Haupt leicht und sah den mëerischen König an. »Wie ihr bereits erwähntet, waren die Informationen spärlich. Wie soll dieser alte Kult bei Beschaffung des Dróghdolma helfen?«

Statt zu antworten, machte der Ëlómari eine Handbewegung. Zwischen ihnen erhoben sich Abbildungen zerfallener Überreste steinerner Bauten um die zuvor beschworenen Schriften herum, türmten sich im Raum auf und umgaben sie wie Säulen greifbarer Dunkelheit. Die finsteren Formationen strahlten eine unheilvolle Präsenz aus, die Valkas in den Boden zu drücken drohte.

Der Ëlómari ergriff erneut das Wort, wobei seine Stimme in der dargebotenen Kulisse bedrohlicher wirkte.

»Als Anbeter der Sterne waren die Víanavale bei Nacht aktiv. Sie beteten, veranstalteten Feste, pflegten ihre Gemeinde. Doch vor allem gingen sie ihren Ritualen nach.«

»Rituale, die den Dróghtûm anriefen?«, warf Deorn ein, dessen Ungeduld Valkas zu nerven begann.

»Im Gegenteil. Die Víanavale glaubten nicht an die Tûm. Wir wissen, dass die Sterne nichts weiter sind als funkelnde Abbildungen am Leibe des Dróghtûm. Doch für sie waren die Sterne ferne paradiesische Welten, nach denen sie sich sehnten. Mithilfe ihrer nächtlichen Rituale wünschten sie, jenen unerreichbaren Landen näherzukommen. Doch nur jene, die aufrichtigste und tiefste Hingabe bewiesen, würden je dort angelangen. So der Glaube.«

Schatten fanden sich zu menschenähnlichen Gestalten zusammen, die sich in unregelmäßigen Abständen ruckartig verzerrten. Stimmen ertönten in der Luft, deren Worte Valkas nicht ausmachen konnte.

»In jener Nacht versammelten die Anführer der Gemeinde ihre Anhänger zum letzten Mal. Die ultimative Hingabe stand bevor. Ein letztes Opfer. Das wahre Éthriva! Und wer nicht willens war, dem Ruf zu folgen ...«

Dann verwandelten sich die Laute der Schattengestalten um sie herum in schrille Schreie. Die daraus erstehende Kakophonie fürchterlichen Kreischens schmerzte Valkas in den Ohren. Das Sirren von Klingen mischte sich unter das Weinen unzähliger Menschen. Unsichtbare Münder würgten, spien und röchelten. Fäuste hämmerten an dicke Tore, Fingernägel kratzten über Mauern und Pflastersteine. Finstere Körper brachen, knackten und schlugen klatschend auf längst vergangenen Grund. Ein Rauschen von Flammen folgte, doch kein wärmendes Licht wollte die undurchdringliche Nacht erhellen.

Grauen erfüllte Valkas. Die Klänge drangen ihm schneidend unter die Haut und sanken selbst in die letzten Fasern seines wild hämmernden Herzens. Valkas bemerkte erst jetzt, dass er den Atem angehalten hatte. Die bedrohliche Anspannung, die die herzzerreißenden Schreie und grauenhaften Laute in ihm ausgelöst hatten, verkrampfte selbst die kleinsten Muskeln in seinem Körper.

»Es waren also diese Schreckenstaten, die das Dunkel anzogen ...«, murmelte er.

»Nein«, widersprach der Ëlómari. »Nicht die Natur der verübten Taten waren der Grund. Es war die Energie, die mit ihnen einherging und sie umgab.«

»Ich verstehe nicht recht«, gab Valkas zu.

»Die Víanavale riefen regelmäßig den Nachthimmel an, erbaten Gehör, brachten Opfer. Das Dróghdolma hörte zu. Obwohl die Gemeinde nicht daran glaubte, änderte es nichts an der Tatsache, dass sie all diese Energie in die Nacht freigaben. Nicht nur die Rituale förderten den Energiestrom. Hoffnung, oft falscher Natur. Zorn, genährt von Neid und Sehnsucht. Schmerz, verursacht von Trauer und Verlust. Wie viele Seelen weinten sich in den Schlaf, fluchten verbittert in ihren Gemächern, träumten von den Paradiesen, die man ihnen versprach? Die Nacht sog all diese Emotionen in sich auf, nährte sich an der schieren Kraft, mit welcher sie sich darboten.«

Er hielt einen Moment inne und ließ den strahlenden Blick auf Valkas ruhen.

»Gut und Böse trennen sich nicht in Licht und Schatten, Herr Valkas. Die Dolmatûm werten nicht nach unseren Maßstäben. Jedes Dolma kann sowohl zum Guten wie auch zum Schlechten eingesetzt werden. Licht kann erhellen wie auch blenden. Feuer kann verbrennen oder wärmen. Doch wenn man Holz ins Feuer wirft, verurteilt man das Feuer, weil es dieses verschlingt?«Die Stimme des Ëlómari wurde leiser, aber nicht minder eindringlich.

»Damals entluden sich im Zentrum der Stätte derart starke und vielfältige Gefühle und Energien, dass sich sogar reines Drógh zusammenfand, um sie aufzunehmen.«

Die Dunkelheit um sie herum nahm wie auf Befehl Gestalt an. Ein riesiger Kopf mit bohrend schwarzen Augen und aufgerissenem Maul erhob sich, gefolgt von einem Körper mit gewaltigen Schwingen und langem Schwanz. Dann richtete sich das Abbild des Dróghtûm auf und beugte sich drohend wie ein lebendig gewordener Nachthimmel über sie.

»Wenn Euch wahrlich nach der Quelle verlangt, so findet ihr sie am Ort des Geschehens. Im Herzen der Finsternis.«

Unter der monströsen Erscheinung wirbelten verschwommene Formen umher wie Öl in einem Glas voll schwarzen Wassers. Ein Strom löste sich aus dem Gemisch und wie flüssiges Pech sammelten sich die Schatten zwischen ihnen und dem Ëlómari, türmten sich hoch auf und nahmen die Gestalt eines grob zylinderförmigen Felsens an. Die Konturen wurden schärfer. Die tiefschwarze Masse wurde ersetzt mit graubraunem Gestein. Valkas kniff die Augen zusammen. Zu seiner Überraschung erkannte er den steil aufragenden Berg.

Maroghdûn.

Kapitel 7

Sivanas Fuß wippte unaufhörlich auf und ab. Wie das rhythmische Trommeln kleiner Regentropfen fuhren ihre Fingerspitzen auf die Holzbank herab, auf welcher sie sich niedergelassen hatte. Auf und nieder. Auf und nieder. Dann stieß sie zum gefühlt hundertsten Mal einen Seufzer aus.

Sivana vermochte nicht, ihre Augen von der Straße zu nehmen. Der Abend war weit fortgeschritten und nur wenige der weißblauen Lichter erhellten die Fenster der umliegenden Unterkünfte. Mild strich der Wind durch ihre Haare und trug ihr den Duft der zahllosen Blüten aus den mëerischen Gärten zu.

Wo blieben die drei nur? Konnte es wirklich derart lange dauern, das nächste Ziel für ihr Vorhaben in Erfahrung zu bringen? Andererseits hatte das Königspaar Arnoth bereits den halben Tag in Beschlag genommen, damit ihm diese Möglichkeit überhaupt gewährt wurde. Gedulde dich, ermahnte sie sich. Immerhin würden sie auf diese Weise einen klaren Weg vor sich haben. Etwas, was sie schon eine Weile nicht mehr gehabt hatten.

Doch wohin führte sie dieser Pfad?

Hinter ihr polterte es, dann folgte ein grummelndes Fluchen. Sivana schloss kurz die Augen und atmete einmal tief durch, bevor sie sich von der Bank erhob und wieder ins Innere von Arnoths Unterkunft begab.

Kaum hatte sie die Tür aufgestoßen, erblickte sie einen verärgert dreinblickenden Filbur, umgeben von zersplitterten Holzstücken, die zuvor ein Stuhl gewesen waren. Ein anthrazitfarbener Haken surrte soeben mithilfe einer langen Kette zu Filburs rechtem Arm zurück und faltete sich unter mechanischem Klicken zusammen.

»Musst du wirklich hier drinnen dein neues Werkzeug ausprobieren?«, brachte Sivana gereizt hervor.

»Tschuldigung!«, brummte der Zwerg. »Diese Elfenstühle halten einfach nichts aus!«

»Sie sollen auch nur deinen Hintern aushalten, keinen Steinschlag«, warf Tianna ein, die an die Wand gelehnt auf einer Bank saß, ein Bein an die Brust gezogen, das andere locker von sich gestreckt.

»Pass einfach besser auf, verstanden?«, ermahnte Sivana ihren Freund. »Wir sind hier schließlich zu Gast.«

Während Filbur murrend die kläglichen Überreste des zerbrochenen Stuhls aufsammelte und nach draußen brachte, gesellte Sivana sich zu Tianna.

»Sei nicht zu hart mit ihm«, murmelte diese ihr zu.

»Du musst gerade reden!«

Tianna wischte den Einwurf mit einer Handbewegung fort.

»Von mir erwartet er das. Aber du bist die Ruhige von uns beiden.«

Sivana ging nicht weiter darauf ein und ließ ihren Blick auf der Tür ruhen. Erneut wippte ihr Bein auf und ab – bis sie Tiannas Hand auf ihrem Oberschenkel spürte.

»Entspann dich! Wir werden unsere Antworten früh genug bekommen.«

Vielleicht war es das, was sie so nervös machte. Die letzten Antworten auf in ihr brennende Fragen hatten ihr keine Erlösung gebracht. Im Gegenteil. In ihr zerrte seither der reißende Zwiespalt von Hoffnung und Schmerz.

»Wo auch immer der Weg hinführt«, fragte sie ihre Partnerin, »du bleibst an meiner Seite?«

Sivana erwartete einen bösen Blick. Oder einen Stoß in die Rippen. Stattdessen spürte sie nur einen Arm, der sich um ihre Schultern legte, gefolgt von einem Kuss auf die Stirn und dem sanften Druck einer liebenden Umarmung. Die Wärme, die Tianna ausstrahlte, sank tief in ihr Inneres und vertrieb die Kälte ihrer Zweifel für einen Moment, den Sivana nicht enden lassen wollte. Sie lehnte ihren Kopf gegen Tiannas und es gelang ihr sogar, ein Lächeln hervorzubringen.

Klirr!

Sie seufzte schwer. Neben sich bemerkte sie, wie Tianna die Augen rollte. Doch dann sah ihre Gefährtin sie an, nickte ihr aufmunternd zu und gemeinsam erhoben sie sich, um draußen nach der Lärmursache zu sehen.

Vor der Unterkunft erblickten sie Filbur, der neben ein paar Tonscherben stand und entnervt die Arme in die Hüfte gestemmt hatte.

»Ist einfach nicht mein Tag heute.«

Sivana wollte schon etwas erwidern, hielt jedoch inne. Dann schüttelte sie nur grinsend den Kopf, worauf Filbur mit gespielter Unschuldsmiene und Schulterzucken antwortete und Tianna lachte.

Das Schmunzeln noch auf den Lippen, ließ Sivana den Blick schweifen. Eine Bewegung in der nächtlichen Dunkelheit erregte ihre Aufmerksamkeit.

Deorn war zurückgekehrt.