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Talia ist tot. Der Schmerz darüber zerreißt Deorn und treibt ihn in tiefe Trauer. Doch als er erfährt, dass seine geliebte Frau nicht einer natürlichen Katastrophe, sondern einem mächtigen, unbändigen Monster zum Opfer fiel, verwandelt sich sein Kummer in glühenden Rachedurst. Getrieben von dem Verlangen, die Wahrheit zu enthüllen, begibt er sich mit seiner treuen Freundin Sivana auf eine gefährliche Reise. Gerüchten folgend, die von welterschütternden Kräften sprechen, tauchen sie immer tiefer in eine Welt ein, die Deorns Menschlichkeit zu verschlingen droht. Wird er die Wahrheit herausfinden, ohne sich selbst dabei zu verlieren?
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Veröffentlichungsjahr: 2025
WELTENBAUM VERLAG
Vollständige Taschenbuchausgabe
01/2025 1. Auflage
Dolmatûm
Die Jagd nach dem Ësaroth
© by Tino Took
© by Weltenbaum Verlag
Egerten Straße 42
79400 Kandern
Umschlaggestaltung: © 2023 by Magicalcover
Lektorat: Julia Schoch-Daub / Feder und Flamme Lektorat
Korrektorat: Michael Kothe
Buchsatz: Giusy Amé
Autorenfoto: Privat
ISBN 978-3-949640-95-7
www.weltenbaumverlag.com
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Bibliografische Informationen der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.de abrufbar.
TINO TOOK
Dolmatûm
Die Jagd nach dem Ësaroth
Band 1
High-Fantasy
Für meine Mutter,
die mich stets liebend und geduldig
bei jedem noch so verrückten Unternehmen
Unterstützt und an mich glaubt.
Prolog
Die Sonne war schon lange hinter dem Horizont verschwunden und Nacht breitete sich über dem Land aus. Nur die Sterne schimmerten fern von allem Geschehen am pechschwarzen Himmel und spendeten das einzige Licht. Weitere Lichter gesellten sich dazu, in der kleinen Hafenstadt Torn wurden Fackeln entzündet, um den Bewohnern die nächtlichen Straßen zu erhellen.
Der alte, von harter Arbeit schwer gebeugte Wachmann ließ seinen Blick über die Häuser wandern und nahm sich eine Fackel aus der Halterung neben ihm. Das flackernde, warme Licht strahlte hell auf der hohen Brüstung, die sich wie ein Ring um die gesamte Stadt schloss und von der aus der alte Mann seinen Blick über das Meer schweifen ließ. Die Wellen schlugen seicht gegen die Stadtmauern und waren leiser als gewöhnlich. Normalerweise herrschte an Felandors Südküste ein schärferer Wind, der das Wasser zu monströsen Wassermassen aufzutürmen vermochte. Nur ein massives Tor ermöglichte eine Verbindung zwischen Hafen und Meer, durch das alle Fischer und Händler Zugang hatten, wenn das Wetter es erlaubte.
Nahe des westlichen Stadttores, das vom Hafen auf die weiten Ebenen Süd-Felandors führte, stand der alte Mann auf der Stadtmauer und sah abwechselnd über die schiefergedeckten Dächer und die brechenden Wellen hinweg. Unter ihm zogen die letzten Menschen durch das Tor, um sich zur nächtlichen Ruhe zu begeben. Einige wenige Karren machten sich auf den Weg aus der Stadt hinaus. Die üblichen Händler, schoss ihm durch den Kopf. Manchmal begaben sie sich am Abend auf den Weg, weil sie es vorzogen, in der Natur zu übernachten.
Der Blick des Wachmanns wanderte erneut über das Meer und blieb an einer Gebirgsformation am Horizont hängen. Sie ragte viele Meilen von der Küste entfernt aus dem Wasser und trotz der großen Entfernung streckte sie sich weit in den Himmel.
Man hörte ständig Geschichten über die Beschaffenheit, die Entstehung und die Wesen, die dort angeblich lebten. Manche erzählten von Lichtern, die gelegentlich aufflammten und den Himmel wie Blitze erhellten. Andere wollten tosendes Gebrüll gehört haben. Darum nennen es die Leute Crótha Bédûne, die Insel des Grollens. Er selbst hatte dergleichen nie vernommen. Und er verspürte nicht den Drang, mehr zu erfahren. Ihm war gleich, was es auf der Insel gab und welche Ungetüme sich dort herumtrieben. Hauptsache, sie blieben seiner Heimatstadt fern. Niemand vermochte zu sagen, was davon Seemannsgarn war. Kein Mensch kehrte bisher zurück, um von dem Erlebten und Gesehenen zu berichten.
Er wanderte auf die andere Seite des Tores und schaute an der Mauer hinunter. Seine Gedanken schweiften von der Brüstung in die Stadt, schlängelten sich durch die verwinkelten Straßen und Gassen bis zu seinem Haus, wo seine Frau tief und fest schlief und ihm für seine Heimkehr wie immer seine Mahlzeit bereitgestellt hatte. Doch würde es noch drei weitere Stunden dauern, bis die Ablösung käme und er sein Abendessen genießen und sich an sie schmiegen würde.
Heute war es zu ruhig auf seinem Posten, fast gänzlich ohne Wind. Sogar die sonst kreischenden Möwen waren fort. Er gähnte herzhaft und streckte sich.
Weitere Sterne tauchten am Himmel auf, die wie kleine Schwärme wirkten, und sich breit in verschiedene Richtungen über das Himmelsgewölbe zogen. Manchmal blitzte ein Stern stärker auf, nur um sogleich wieder an Glanz zu verlieren.
Ein solcher Lichtpunkt fiel dem Wachmann ins Auge. Dieser blinkte nicht. Stattdessen bewegte er sich langsam zwischen den anderen Sternen umher. Und er wurde größer.
Der alte Mann beobachtete das Phänomen mit wachsamem Interesse. Er entfernte sich von den äußeren Zinnen, weiter gen Himmel starrend, und versuchte zu erkennen, was dort oben vor sich ging. Der Lichtpunkt schwoll weiter an, doch verlor er dabei immer mehr an Leuchtkraft, bis er sich stattdessen schwarz vor dem restlichen Nachthimmel abzeichnete.
Panisch erkannte der Mann, dass etwas Riesiges von oben herabfiel. Der Schatten fuhr gnadenlos auf die kleine Hafenstadt herab und wuchs zu gewaltiger Größe heran. Die nächtliche Stille war wie weggefegt von ohrenbetäubendem Lärm. Er presste sich die Hände auf die Ohren und sank nieder, als hätte ihn etwas zu Boden gedrückt. Das Brüllen wurde immer lauter. Er öffnete die Augen und begriff, dass es von diesem inzwischen zu gigantischer Größe angewachsenen Schatten kam.
Dann hörte die dunkle Gestalt auf zu brüllen. Sie bäumte sich in der Luft auf, den Himmel bedeckend, und ein bläulicher Schimmer ging von ihr aus. Der Wachmann rappelte sich mühsam auf. Fassungslos stand er auf der Brüstung und bemerkte nur am Rande, wie in der Stadt hinter ihm auf einmal Aufruhr herrschte.
Erneut hörte er das donnernde Getöse und dieses Mal sah er vor sich ein grellblaues Licht, das Torn erhellte und ihn derart blendete, dass ihm die Augen schmerzten. Begleitet von dem Gebrüll brach das tosende Blau knisternd über ihn und die gesamte Stadt herein. Der alte Wachmann nahm die unerträgliche Hitze und das Zusammenbrechen der Mauer zu seinen Füßen nur für einen Sekundenbruchteil wahr, bevor jeder Schmerz für immer vorüber war.
Kapitel 1
11. Sonnentag 3157
Umhüllt von schwindendem Tageslicht saß ein junger Mann auf einem Hügel abseits seines Dorfes und starrte mit leerem Blick auf den Boden vor ihm. Frisch aufgeschüttete Erde, frei von Gras. Über dem kleinen Fleck erhob sich ein grob bearbeiteter Stein.
Ein Grab ohne Leichnam, gefüllt mit Andenken und Erinnerungsstücken der Hinterbliebenen.
Die untergehende Sonne tauchte die Felder und Wiesen in feuriges Orange. Die verbliebenen Sonnenstrahlen des Tages fielen auf den grob geschlagenen Stein und die fein gemeißelten Linien. Letzte Worte, die einer verstorbenen Seele den Weg zur endgültigen Ruhestätte erleichterten.
Deorn konnten keine tröstenden Verse helfen. Selbst Tage nach Talias Beerdigung brannte der Verlust in seinem Herzen. Stattdessen sah er sich umso stärker dazu verleitet, sich die vergangenen gemeinsamen Jahre vor Augen zu führen, die hier zu Grabe lagen. Jahre, die vor ihnen gelegen hätten. Viele, viele Jahre.
Nacht hatte sich über dem Hügel breitgemacht. Deorn erhob sich langsam und wankte, nahm jedoch die Gliederschmerzen seiner tauben Beine kaum wahr. Versunken im tiefen Meer der Erinnerungen und der Trauer fuhr er sich durch das blonde, schulterlange Haar und begrub das Gesicht einen Moment in den Händen, bis sie über die stoppeligen Wangen glitten und wieder herabfielen.
Sein Heimatdorf lag nur wenige Minuten von dem Hügel entfernt. Leandra war in der wachsenden Dunkelheit nur anhand vereinzelter leuchtender Punkte zu erkennen, die vom Feuerschein aus dem Inneren der Häuser in die mondlose Nacht gebrannt wurden. Es war ein kleines Dorf verglichen mit jenen im Rest des Landes. Aber die zahlreichen Händler kreierten eine geschäftige Atmosphäre, die mit den meisten Städten Kiendors mithalten konnte. Der Boden war eben und fruchtbar, was äußerst ertragreiche Ernten mit sich brachte. Weitläufige Felder und Äcker reihten sich aneinander, reich an Getreide und Gemüse jeder Art. So war es zumindest einmal gewesen.
Heute fiel es den Einwohnern zusehends schwerer, genug Essen auf den Tisch zu bringen. Für sich, die Familie und erst recht für den Rest des Dorfes. Dennoch versuchten weiterhin zahlreiche Händler ihr Glück, Waren aus dem sonst von Ernteerfolg gesegneten Leandra zu erstehen.
Dies war ein solcher Tag. Trotz der späten Stunde liefen Menschen kreuz und quer durch die Straßen, die Arme entweder vollgepackt mit Errungenschaften oder vollkommen leer, um mehr Güter zu erwerben. Deorn erblickte die Wagen der Kaufleute, um die sich die Leute scharten, wild durcheinanderredend. Die üblichen heimischen Stände füllten den überschaubaren Marktplatz, von denen die Menschen ihre Waren unter das angereiste Volk zu bringen suchten.
Deorn jedoch verfolgte ein anderes Ziel. Es gab viele Erinnerungen in Bier zu ertränken.
In den Drei Ähren herrschte ungewohnte Ruhe für einen frühen Sonnenzeitabend. Jorlef stach ein frisches Fass Bier an und es duftete nach gebratenem Schwein. Jene angenehmen Düfte vermengten sich mit dunstigen Ansammlungen von Rauch und Schweiß. Sivana saß leicht gebeugt und mit halb zufallenden Augen an einem kleinen Tisch in der Ecke des Schankraumes. Einige Stunden hatte sie hier verbracht, während Jorlef sie gutmütig mit Speis und Trank versorgte. Der alte Schankwirt konnte hart und direkt sein, vor allem gegenüber Raufbolden, aber im Grunde schlug ein gutes Herz in seiner breiten Brust.
Sivana hielt den Kopf in den Händen und ihr Blick verschwamm. Erinnerungen überschwemmten ihren Geist und warfen sie zurück in die Zeit, in der Talia noch unter ihnen geweilt hatte. Sie war eine beliebte junge Frau gewesen, den Kopf voller Träume und ein Herz aus Gold. Sivana erinnerte sich, wie aufgeregt Talia herbeigeeilt war, wenn Händler und Reisende Geschichten aus aller Welt erzählten.
Appetitlos schob sie ihr Essen auf dem Teller umher und schaute sich um. Hinter der Theke sah sie den Wirt umherräumen. Geschickt umkreiste ihn eine zierliche schwarzgelockte Dame. Helia arbeitete wie immer hart und mit bester Laune. Selbst wenn die Herrschaften der jungen Frau manche Abende näher kamen, als ihnen zustand, und Jorlef einschreiten musste.
Vereinzelte Tische waren mit einsamen Seelen besetzt, die Hunger und Durst nach einem langen Arbeitstag zu stillen suchten. In einer im von Kerzenlicht erhellten Ecke unweit des Taverneneingangs hing eine Gruppe Händler schweigend über ihren Schüsseln und schlang gierig die heiß dampfende Suppe herunter.
Da war schon wieder eine. Eine weitere Erinnerung, die Sivana heimsuchte. Händler, denen Talia Löcher in den Bauch fragen würde. So lange, bis ihr Ehemann sie von den Reisenden fortzog, damit sie ihre Ruhe hatten. Wie es Talia genervt hatte, wenn Deorn das tat.
Sivana biss sich auf die Lippen.
Deorn ...
Er war ihr in den letzten Tagen aus dem Weg gegangen. Sie verstand das und drängte sich ihm nicht auf. Seit sie sich kannten, hatte sie immer mit Deorn gefühlt, im Guten wie im Schlechten. Und sie hatten sowohl die schönsten als auch schlimmsten Erfahrungen miteinander geteilt.
Die Wut, als Deorn einst wegen seiner Schüchternheit von den Jungen gehänselt wurde, die mit Händlern zu Besuch in Leandra waren. Sivana war ihm zur Hilfe gekommen, aber sie schubsten ihn nur weiter umher. Warum er von einem Mädchen beschützt werden müsse, lachten sie. Doch sie zog Deorn entschlossen fort und munterte den niedergeschlagenen Jungen hartnäckig wieder auf. Die Freude, als Deorn die zierliche Talia kennenlernte, die mit ihren Eltern ins Dorf gezogen war. Wie schnell sich die zwei verliebt hatten. Sie selbst hatte die junge Frau früh als enge Freundin ins Herz geschlossen. Wie glücklich die beiden waren, erinnerte sie sich lächelnd.
Die Tavernentür schwang auf und ein junger Mann mit blondem, schulterlangem Haar trat ein. Ihre Blicke trafen sich und Sivana sah den Schmerz in seinen Augen. Sie nickte ihm zu, woraufhin er schweren Schrittes zu hier hinüberkam und auf einem leeren Stuhl zusammensank.
»Wie geht es dir heute, Deorn?«, fragte sie vorsichtig.
Deorn brummte nur.
Sivana senkte den Blick, stocherte weiter mit der Gabel auf ihrem Teller herum. Deorn bat die herbeieilende Helia um einen Krug Bier, woraufhin sie sich geschickt zwischen den restlichen Stühlen und Tischen in Richtung Theke zurückschlängelte.
»Die Hitze nimmt immer mehr zu. Glaubst du, deine Felder retten zu können?« Sivana wollte sich umgehend auf die Lippen hauen, so sehr hallte der stümperhafte Versuch eines Themenwechsels in ihren Ohren. Kein Wunder, dass ihr Gegenüber nur vor sich hinstarrte und sich lieber dem eben servierten Bierkrug widmete.
Sei einfach du selbst, ermahnte sie sich. Also setzte sie erneut an. »Hör zu, du kanntest Talia besser als ich. Ihr hattet etwas Besonderes, habt euch ohne Worte verstanden. Und ich verlange nicht, dass du deine Gefühle nun mit mir teilst. Doch du kannst immer zu mir kommen.«
Deorn nahm einen weiteren Schluck und wischte sich den Schaum von der Oberlippe. Er schloss die Augen einen Moment lang und nickte. »Das weiß ich doch. Es ist nur ... Ich fühle mich so hilflos. Schuldig. Ich hätte sie nie gehen lassen dürfen ...«
»Talia hat ihre Eltern seit Ewigkeiten nicht mehr gesehen. Es wäre falsch gewesen, sie hierzubehalten.«
»Sie wäre noch am Leben ...«
»Aber zutiefst traurig. Und du würdest nie etwas tun, was sie unglücklich macht.« Sivana lehnte sich über den Tisch und legte ihm sanft eine Hand auf den Unterarm. »Es ist nicht deine Schuld. Niemand hat Schuld daran. Es war eine schreckliche Katastrophe, die niemand hätte vorhersehen oder verhindern können.«
Ihre Blicke trafen sich. Eine gähnende Leere starrte ihr aus den Augen und den Tiefen von Deorns verwundeter Seele entgegen. Sie bemühte sich, so viel Wärme wie möglich auszustrahlen. »Es ist nicht deine Schuld. Verstanden?«
Mit einem leichten Beben im Atem stieß er einen Luftstoß aus. Er legte seine Hand auf die ihre und nickte erneut. »Ich wünschte nur, ich könnte ...«
Krachend flog die Tavernentür auf und donnernde Stimmen erfüllten den Raum. »Schenket ein, Kameraden und Dorfschönheiten!«
Sivana schloss die Augen und stöhnte innerlich auf.
Drei wuchtige Kerle polterten an Stühlen und Tischen vorbei in die Mitte der Taverne. Jeder von ihnen war, wie üblich, vollkommen zerzaust. Faring am Kinn, Hagurt auf dem Kopf und Timbur im Gehirn. Die Trampel schoben grob Stühle und Tische zur Seite, um sich ihren Weg zu bahnen, bis sie an ihrem Lieblingstisch saßen und johlend Bier forderten. Faring sah auf und stieß seine Kumpane an, bevor sie allesamt zu ihnen an den Tisch stolperten.
»Hey, Deorn! Du bist heute früh dran!« Faring rülpste donnernd.
»Siehst beschissen aus«, stellte Timbur fest. »Brauchst gut gelaunte Gesellschaft.«
»Genau«, warf Hagurt ein. Er legte einen baumstammdicken, von Schweiß und Dreck überzogenen Arm um Deorns Schulter und deutete auf Sivana. »Lass dich von der nicht runterziehen. Wir heitern dich schon wieder auf!« Mit einem Ruck wurde ihr Freund widerstandslos auf die Beine gezogen und die drei Zottel stapften mit ihrem vierten Kameraden zurück zu ihrem Stammtisch, lauthals mehr Bier ordernd.
Sivana verkniff sich mit aller Macht einen bissigen Kommentar. Die Klotzköpfe würden ohnehin nicht auf sie hören. Mit einem traurigen Kopfschütteln erhob sie sich und verließ die Taverne.
Einen wütenden Tritt gegen die Tür später schlug ihr die milder werdende Nachtluft entgegen. Doch minderte die nicht das in ihr brodelnde Unwohlsein.
Sie hatte Deorn schon oft genug gesagt, dass die Gesellschaft der drei Getreidefarmer ihm nicht guttat. Bald würde er selbst sich täglich in die Ohnmacht saufen und mit ihnen darüber streiten, wer nach den meisten Krügen die schwersten Felsen heben könne.
»Au ...!«
Scharren vermengte sich mit einem gequälten Stöhnen. Aus den Gedanken gerissen lenkte sie ihren Blick wieder auf die Straße und erblickte einen knochigen alten Mann vor sich, der sich mühsam aufzurichten versuchte.
»Oh nein! Bitte verzeih mir, Guntar!« Sie kniete nieder und half dem verwirrt dreinblickenden Fischer auf die wackeligen Beine.
»Ich war völlig in Gedanken versunken. Geht es dir gut?«
»Ach, mich haut so schnell nichts um. Nicht auf Dauer zumindest.« Der Alte lachte auf und Sivana fühlte sich ein wenig besser.
Sie blickte auf die zerstreuten Utensilien, die der Fischer bei ihrem Zusammenstoß verloren hatte, und half ihm beim Aufsammeln. »Komm schon, ich helf dir, alles nach Hause zu bringen. Du hast wieder neue Köder gekauft, wie ich sehe.«
Die Abwechslung genießend begleitete sie Guntar die Straße hinunter.
»Zu gütig, Kind«, bedankte er sich schließlich. »Du bist ein gutes Mädchen. Sag ich deinen Eltern ja immer wieder. Lass sie gewähren, sag ich immer, sie wird schon was aus sich machen. Ein gutes Mädchen, wirklich, jaja.«
»Ist schon gut, Guntar. Pass auf dich auf! Und viel Erfolg morgen mit den neuen Ködern!«
Schmunzelnd verabschiedete sie sich und begab sich selbst auf den Heimweg. Das Haus wird leer sein, wie so oft. Nur eine lange Liste von Aufgaben und ein wachsender Bücherberg erwarteten sie. Beide mussten abgearbeitet sein, wenn ihre Eltern in ein paar Tagen zurückkehrten.
Sie seufzte, als sie an Guntars wohlgemeinte Worte dachte. Als ob ihre Eltern sie je gewähren lassen würden.
Kapitel 2
»Komm her, Junge!« Faring zog Deorn zu sich heran, während er sich das strähnige, braune Haar aus dem roten Gesicht strich. »Hey, Süße! Ein Bier für unseren Freund hier!«, rief er der jungen Bardame zu. Dann lallte er Deorn laut ins Ohr. »Wie geh’s dir?«
Deorn leerte seinen Bierkrug und brummte nur.
Faring zuckte mit den Schultern und nahm einen weiteren Schluck aus seinem Krug. »Schon gut, wennu nich reden willst. Musst ja nicht, kannst einfach trinken. Dann wirste schon wieder munter.«
»Zumindest biste abgelenkt«, warf Hagurt ein.
»Ablen’ung is gut«, stimmte Timbur nickend zu. Sein kahler Kopf schwang vor und zurück. »Du brauchs’ noch’n Bier!«
Deorn wusste nicht genau, warum er sich von ihnen hatte mitzerren lassen. Die drei Farmer waren zwar keine unangenehme Gesellschaft, doch musste man dafür in der richtigen Stimmung sein. Die neuesten Gerüchte, die nach Leandra getragen wurden, waren häufig Ursache für hitzige Debatten, unterbrochen nur von geifernden Blicken und unerträglich direkten Annäherungsversuchen. Im Umtrunk wirkten sie Helia gegenüber zwar ungehobelt und herablassend, aber Deorn glaubte nicht, dass sie es böse meinten. So sind Männer manchmal, hatte Faring schon so oft zur Beschwichtigung eingeworfen. An all diesen Dingen hatte Deorn kein Interesse. Erst recht nicht heute. Doch er hatte nicht die Kraft, um gegen die dröhnende Schwerkraft ihrer Worte anzukämpfen. Er nahm einen neuen Krug kühlen Bieres von Faring entgegen.
»Wo waren wir stehen geblieben?«, fragte Hagurt. »Ach ja, Vildar!«
»Ganz richtig, hast du von den Unruhen in der Hauptstadt gehört, Deorn? Die Leute gehen langsam auf die Barrikaden. Wegen dem Wetter und allem.«
»Is’ albern, sag ich euch!«, lallte Timbur dazwischen. »Kann der Köni’ do’ nix für, dass es erst zu kalt und dann zu heiß is!«
»Aber irgendwas muss er doch tun können«, entgegnete Faring und fuhr sich durch den buschigen Bart. »Aus Bethramdor im Westen hört man nicht von solchen Problemen. Und in diesem neuen Königreich, diesem Lithanea, da scheint alles zu blühen und zu gedeihen. Irgendwas machen die da anders, sag ich euch!«
Deorn trank schweigend sein Bier. Lithanea war in letzter Zeit oft Thema. Viele Gerüchte von Reisenden, die ein Land von Reichtum und Wohlstand beschrieben. Völlig überzogen, dachte er bei sich. Sicher drangen die Neuigkeiten ihrer Probleme nur nicht bis Leandra durch. Dennoch gab es einige Menschen, die von zu Hause aufbrachen, um ihr Glück in diesem neuen Land zu finden.
Die Ernten waren zuletzt immer karger ausgefallen. Deorn hatte erst vor wenigen Jahren selbst mit dem Anbau von Kartoffeln und Rüben begonnen und sofort Schwierigkeiten gehabt. Er hatte es auf seine Unerfahrenheit geschoben, doch schon bald sprachen andere Farmer von ähnlichen Problemen.
Die letzte Eiszeit war besonders schlimm gewesen. Talia hatte sogar vorgeschlagen, zu ihren Eltern in den Süden zu ziehen. Aber er wollte Leandra nicht verlassen. Alles würde sich früher oder später wieder richten, versprach er ihr. Tatsächlich sah es zu Beginn des Jahres vielversprechend aus. Doch dann brachten starke Stürme Regen, Hagel und sogar Schnee aus dem Norden. Die halbe Aussaat verkam.
Faring schrieb heißblütig alles irgendwelchen Fremden zu. Hagurt warf die neuesten Gerüchte in die Runde, die Leandra von außerhalb erreichten. Und Timbur trank eher still vor sich hin, mit Ausnahme von gelegentlichen Ausrufen und Flüchen.
Deorn beschloss, sich dem Wortschwall seiner Bauernkumpane hinzugeben. Eifrig leerte er die stets nachkommenden Krüge und bemühte sich, alles andere zu vergessen.
Stunden später schwankte Deorn die Hauptstraße entlang und seinem Heim entgegen. Die Blicke der umstehenden Dorfbewohner ignorierte er hartnäckig.
Abseits der restlichen Häuser am Ende der Nordstraße stand sein eigenes Heim. Eine gemütliche Hütte aus solidem Holz, groß genug, um eine kleine Familie zu beherbergen. Das hatte er zumindest gehofft.
Er erinnerte sich an die kleinen Streitigkeiten während des Baus mit seinem Vater. Oft musste seine Sturheit der Erfahrung des Vaters weichen. Nach Monden harter Arbeit jedoch stand das Haus und er und Talia konnten ihre erste Eiszeit im eigenen Heim verbringen. Er sehnte sich zurück zu den gemütlichen, eng umschlungen verbrachten Nächten vor prasselndem Kaminfeuer, alle Sorgen vergessend und von ihrer strahlenden Zukunft träumend.
Heute herrschte wildes Chaos auf dem Hof. Auf den Feldern ließen vereinzelte Pflanzen ihre Köpfe hängen und die ersten Blätter färbten sich braun aufgrund des Wassermangels. Doch all dies kümmerte Deorn nicht. Er begab sich schwerfällig in Richtung Haustür und trat ins halbdunkle Innere. Zu seiner Überraschung wurde er erwartet.
Eine hochgewachsene, stämmige Gestalt saß an dem eichenen Tisch nahe der Kochecke. Sogar im Sitzen dominierte sein Vater den Raum mit bloßem Dasein. Das flackernde Kerzenlicht spiegelte sich auf dem kahlen Haupt und warf ein Wechselspiel von Schatten über die rußigen muskelbepackten Arme und in das Gewirr seines weißen, bauschigen Bartes. Er wandte sich Deorn zu und seine besorgte Miene erhellte sich kurz mit einem angedeuteten Lächeln. »Wieder zu Hause?«, fragte er mit tief grollender, aber dennoch sanft wirkender Stimme.
Deorn setzte sich zu ihm.
»Deine Mutter wollte, dass ich nach dir sehe«, fuhr der Mann fort. »Gorm, der Junge braucht jemanden an seiner Seite. Geh zu ihm!«, sprach er in leicht veränderter Stimme. »Du weißt ja, wie sie ist.«
Natürlich wusste er das. So sehr es ihn oft nervte, sie meinte es nur gut. Er wich dem Blick seines Vaters aus. »Ich wollte einfach allein sein.«
Eine Weile schwiegen sie sich an. Die Stille wurde nur gelegentlich vom leisen Pfeifen des Windes entlang der Fenster unterbrochen.
»Trauer ist eine Last, die schwerer wiegt als alle Berge der Welt«, brummte Gorm in die Geräuschlosigkeit hinein. »Ich weiß, dass alles um dich herum dunkel, einsam und verlassen scheint. Ich habe es schon oft durchmachen müssen. Öfter als die meisten. Und ich kann dir nur sagen, dass es hilft, über seine Trauer zu sprechen, statt sie allein zu bekämpfen.«
Deorn schloss die Augen und unterdrückte den aufbrodelnden Drang zum Widerspruch. Natürlich verstand sein Vater, selbstverständlich! Jeder verstand es besser als er selbst, nicht wahr?
»Bitte rede mit uns, mein Sohn.«
»Lass mich einfach in Ruhe!« Deorns Stimme brach lauter hervor, als er es selbst erwartet hatte. Aber diese Vorträge standen ihm bereits bis zum Hals.
Einen Moment ließ Gorm seinen Blick traurig auf ihm ruhen. Doch dann erhob er sich wortlos von seinem Stuhl, stapfte an Deorn vorbei und verließ das Haus mit einem Knarren der Haustür. Das folgende Klicken des Schlosses mündete in Stille.
Schnaufend erhob sich Deorn ebenfalls und begab sich ins Schlafzimmer. Zwei große, mit Büchern gefüllte Regale ragten neben einem kleinen Tisch in die Höhe, auf welchem reges Chaos herrschte. Jeder, der Deorn und Talia kannte, wusste, wer für die Ansammlung von Büchern verantwortlich war. Eine Leidenschaft, die Deorn nie ganz nachvollziehen konnte.
An der Wand gegenüber der Tür stand ein großes Bett. Einst sorgfältig zurechtgemacht und geordnet war es nun zerworfen und wirr, die weiche Daunendecke zerknüllt und über die Bettkante hängend. Er wankte darauf zu und ließ sich auf die Kante nieder, während sein Blick auf das Schränkchen neben dem Kopfende fiel. Auf dem Nachttischchen lag ein sauber zusammengefaltetes, schneeweißes Leinentuch mit blau verzierten Rändern. Talias Lieblingstuch. Daneben stand in einer schlank geformten Tonvase eine kleine Flusslilie, deren cremefarbene Blüte sich stark nach unten neigte und drohte, das erste Blütenblatt zu verlieren. An der Vase lehnte ein Briefumschlag, beschriftet mit Deorns Namen, in schwungvollen Buchstaben geschrieben. Er hatte den Brief noch immer nicht gelesen.
16 Tage war es her, dass Talia sich auf den Weg nach Torn begeben hatte. Schon lange hatte sie um den Besuch bei ihren Eltern gebeten. Doch obwohl Deorn sie nur ungern fortgehen ließ, gewährte er ihren Wunsch. Sie versprach, ihm sofort eine Nachricht zu schicken, sobald sie ankam. »4. Sonnentag 3157« war als Datum auf dem Umschlag vermerkt, in der gleichen elegant geschwungenen Handschrift wie auch Deorns Name darunter. Die Ankunft des Briefes hatte ihn beruhigt.
Und am folgenden Morgen erreichte sie die schreckliche Nachricht.
Torn war vollkommen zerstört. Das Gesicht des Boten, einer der Begleiter von Talias Reisegruppe aus Händlern und Spielleuten, war kreidebleich geworden, als er Deorn erblickte.
Deorn starrte den versiegelten Brief an und rieb sich die zitternden Hände. Doch dann schüttelte er wie immer den Kopf. Er brauchte mehr Zeit. Mehr Zeit, das plötzliche Fehlen der wichtigsten Person in seinem Leben zu verarbeiten, um vielleicht irgendwann akzeptieren zu können, dass sie nie wieder zurückkehren würde. Erst dann konnte er sich den Gedanken und Worten seiner Frau ein letztes Mal öffnen.
Er versuchte, sich eine Zukunft vor sein inneres Auge zu führen, doch sah er nichts als einen Mahlstrom aus Bildern der Vergangenheit. Taumelnd stürzte er in die endlosen Tiefen seines Bewusstseins, in welchem die Erinnerungen zusehends eine Einheit mit einer alles verschlingender Finsternis bildeten. Aus jener Dunkelheit überkam ihn nach einer gefühlten Ewigkeit ein trunkener und mit qualvollen Albträumen gefüllter Schlaf.
Kapitel 3
Biergefüllte Tage, Nachmittage und Abende folgten. Und auch diesen Mittag verbrachte Deorn vornübergebeugt an der Theke in den Drei Ähren unter den wachsamen Augen Jorlefs. Deorns Blick verschwamm zusehends und die Welt drehte sich vor seinen Augen.
»Was soll das, mein Junge?«
Deorn wandte sich mit wirrem Kopf und halb zugefallenen Augen um. Die verschwommene Gestalt seines Vaters war hinter ihm aufgetaucht, mit derartig grimmigem Gesichtsausdruck, dass die umstehenden Leute vor ihm zurückwichen, doch Deorn wandte sich nur wieder dem halbleeren Bierkrug zu. »Lass mich in Ruhe!«
»Gorm, der Junge braucht Zeit«, erklang eine weichere, zarte Stimme, die Deorn seiner Mutter zuordnete.
»Nein, Kara!«, dröhnte die Stimme seines Vaters durch Deorns Gedanken. »Ich werde nicht zulassen, dass mein einziger Sohn zum Säufer wird!« Prankenartige Hände ergriffen seine Schultern und bevor Deorn es sich versah, hob sein Körper sich aus dem Stuhl und wurde über den staubigen Dielenboden geschleift. Im nächsten Moment strich frische Luft über Deorns Gesicht und er kniff beim Anblick der grellen Mittagssonne die Augen zusammen.
Mit einem Ruck wurde er nach vorne geschleudert und landete auf der staubigen Straße.
»Trauer hin oder her, du kannst dich nicht derart gehen lassen«, schimpfte Gorm.
Deorn rappelte sich wankend auf, klopfte den Staub von seinen Kleidern und blickte seinem Vater direkt in die Augen. In einiger Entfernung hinter ihm stand mit vor den Mund geschlagener Hand Deorns Mutter, winzig im Vergleich zu ihrem Ehemann, das ergrauende Haar zu einem Knoten gebunden.
Deorn spuckte entschieden aus. »Nichts weißt du. Keiner von euch. Also wag es nicht, mir Vorschriften zu machen. Niemand kannte sie so gut wie ich und niemand sonst wird je verstehen, wie tief meine Trauer sitzt. Wie ich damit umgehe, ist daher allein meine Sache!«
Gorm atmete schwer, das Gesicht zornverzerrt. Dann schüttelte er den Kopf und wandte sich zum Gehen. »Talia würde sich schämen.«
Ein Funke blitzte in Deorn auf. Sein Herz setzte aus und begann sofort zu rasen wie nie zuvor. Hitze wallte in ihm auf. Schlagartig fand er sich mit ausholender Faust im Ansturm auf seinen Vater wieder.
Bevor er seinen Schlag landen konnte, packte Gorm seinen Arm und schleuderte ihn zu Boden. Erneut im Staub liegend, versuchte sich Deorn zu sammeln, Tränen von Trauer und Wut in den Augen.
»Es ist nicht meine Schuld, dass Talia fort ist, Deorn«, sprach Gorm mahnend, aber mit Traurigkeit in seiner Stimme. »Also lass deine Wut nicht an mir aus.«
Mit einem letzten Ruck stieß er Deorn von sich in den Staub der Straße und ließ ihn zurück.
Fluchend schlug Deorn auf den festgetretenen Erdboden ein, bis sich kleine spitze Steine schmerzhaft in seine Faust gruben. Erinnerungen an Talia schossen ihm durch den Kopf, vermengt mit den scharfen Worten seines Vaters, als wollten sie ihn peinigen. Er biss die Zähne zusammen.
Was wusste sein Vater schon davon, welche Schmerzen ihm die bloße Existenz bereitete? Die bohrenden Erinnerungen, die brennend und schneidend in seinem Inneren umherflogen.
Neben ihm erreichten zwei Reiter die Taverne, banden ihre Pferde an die dafür vorgesehenen Pfähle und begaben sich nach drinnen, was ihn aus seinen Gedanken riss. Er rappelte sich bedrohlich wankend auf und schleppte sich zurück in die Drei Ähren, um seinen Umtrunk fortzusetzen.
Er setzte sich wieder an seinen gewohnten Platz und kümmerte sich nicht um das herrschende Durcheinander und das Gejohle der übrigen Gäste. Bis es auf einmal verstummte.
Verwundert blickte er sich um, die Ursache dieser Stimmungsveränderung suchend, und bemerkte die beiden Reiter, die an einem Tisch in der Ecke saßen, umringt von vornübergebeugten Zuhörern. Gemurmel breitete sich in der Gruppe aus, dem Deorn zunächst keine Beachtung schenkte, bis er plötzlich ein paar Worte aufschnappte, die seine Aufmerksamkeit erregten.
»... dass Torn ... zerstört ... riesiges Monster ...«
In einem eiligen Zug leerte er seinen Bierkrug und erhob sich unbeholfen aus dem Sitz.
Taumelnd mühte er sich ab, einen Fuß vor den anderen zu setzen und schritt auf die beiden Reiter und die versammelte Menge zu. Er stolperte gegen einen Stuhl, verlor das Gleichgewicht und die Welt neigte sich wie in Zeitlupe zur Seite. Ein stechender Schmerz schoss ihm durch den Schädel, gefolgt von Lichtblitzen vor dem sich trübenden Blickfeld.
Dann umgab ihn völlige Dunkelheit.
Deorn erwachte mit dröhnendem Schädel und vernebeltem Blick. Mühsam setzte er sich in dem Bett auf, in dem man ihn untergebracht hatte, und schaute sich um. Er war in einer der Schlafkammern der Taverne.
»Gut, du bist wach.«
Neben ihm saß eine junge Frau mit kastanienbraunen Augen und schwarzem Haar, das ihr glatt auf die Schultern fiel. Ihre hellbraune Haut glänzte bronzefarben im Schein der untergehenden Sonne, die ihre letzten Strahlen durch die Fenstervorhänge warf.
»Was machst du denn hier, Sivana?«, fragte Deorn.
Er rieb sich die Seite seines Kopfes und versuchte, den beißenden Schmerz einzudämmen. Erfolglos.
»Jorlef und ich haben dich nach deinem Sturz hier hergebracht«, erklärte sie. »Ich wollte dich nicht hier alleine lassen, bis es dir besser geht.«
Die Tür schwang auf und Jorlef trat herein, zufrieden lächelnd. »War n ganz schön heftiger Sturz, Junge«, merkte der Wirt an. »Hätte schlimm ausgehen können. Aber Sivana war ja rechtzeitig zur Stelle.«
Der Sturz, dachte Deorn mit pochender Schläfe.
Die Reiter.
Das Monster!
»Wer waren die Reiter?«
Der Gesichtsausdruck des Wirtes veränderte sich und er wich Deorns Blick aus. Auch Sivana vermied den Augenkontakt.
»Was ist los?«, fragte er.
Jorlef sah ihn an und antwortete nur zögerlich. »Boten aus Felandor.«
»Ich habe etwas von einem Monster gehört!«, hakte Deorn mit Ungeduld in seinem Herzen nach.
»Nur Erzählungen und Gerüchte ...«
»Was haben die Reiter erzählt?«
»Irgendwas von ‘nem gewaltigen, fliegenden Ungetüm. Ist alles, was ich mitbekommen hab.«
Deorn schwang sich in einem plötzlichen Anflug von Tatendrang aus dem Bett und kleidete sich an.
»Deorn!«, rief Sivana aus. »Was hast du vor?«
»Na was wohl? Ich werde die beiden selbst nach Einzelheiten fragen.« Er warf sich rasch sein Leinenhemd über und war auf dem Weg zur Tür, wo Jorlef ihn sanft zurückhielt.
»Beruhige dich, Deorn«, bat ihn Sivana mit ruhiger Stimme. »Leg dich erst mal wieder hin, du solltest nicht ...«
»Wo sind sie hingegangen?«, unterbrach Deorn sie, die Hände des Wirtes von sich reißend.
Erneut hielt Jorlef inne, bevor er schlussendlich nachgab. »Sie wollten nach Grimnost. Aber das ist viele Tagesmärsche entfernt und du bist noch immer ...«
Bevor Jorlef seinen Satz zu Ende bringen konnte, war Deorn bereits aus dem Raum gestürmt.
Ein Kribbeln wanderte über seine Haut und breitete sich überall in ihm aus. Er musste herausfinden, was die Boten wussten. Sein Ziel stand also fest: Grimnost, die alte Zwergenstadt im Cûin-Gebirge nördlich von Leandra.
Er folgte der Straße durch das Dorf und bis zu seinem Haus. Die Dorfbewohner warfen ihm verwunderte Blicke zu. Schnaubend ignorierte er das hinzukommende Gemurmel und eilte weiter.
»Niemand weiß, was ich durchmache!«, schimpfte Deorn wütend vor sich hin, während er seinen Hof betrat. »Niemand.«
»Nein, das wissen wir nicht«, erklang auf einmal eine Stimme hinter ihm. Er wandte sich um und erkannte Sivana, die leicht außer Atem am Hoftor stand.
»Was hast du vor?«, fragte sie.
»Herausfinden, was dieses Monster war, das Talia auf dem Gewissen hat.«
»Und wie willst du das anstellen?«
Deorn antwortete nicht und wandte sich stattdessen zum Gehen.
»Lass mich nicht einfach so stehen, verstanden!«, schimpfte Sivana. »Wir waren immer füreinander da, also lass mich dir helfen.«
Deorn sammelte im Eingangsbereich seine Sachen zusammen. »Ich weiß, dass Talia auch deine Freundin war«, sprach er mit angespannter Stimme, während er ein Stoffbündel packte und sich mit einem Messer in der Hand zu Sivana umdrehte. »Doch wirst du nie verstehen, wie es sich für mich anfühlt.«
»Das behaupte ich auch nicht, Deorn. Ich ... ich bin genauso ratlos wie du, was ich tun soll. Also lass uns reden, einverstanden?«
Deorn atmete einmal tief ein und wieder aus. »Dann lass uns reden.«
Der Mond erhob sich langsam über den fernen Bergen und tauchte die Felder, Bäume und den Fluss in ein angenehm weißes Licht. Das Wasser am Ufer rauschte leise und bildete eine schillernde Geräuschkulisse im Einklang mit den Grillen, nur gelegentlich von dem Rufen einer Eule unterbrochen. Ein seichter Wind raschelte durch die langen Zweige der Trauerweide und vollendete die Harmonie der frühen Nacht.
Deorn saß mit Sivana am Ufer unter der Weide und betrachtete die Spiegelung des Mondlichts auf der Wasseroberfläche. Der dünne Mantel, den er ihr gegeben hatte, war über ihren Schultern ausgebreitet und umgab sie wie eine schützende Hülle in der kühlen Nachtbrise. Schweigend blickte er nach unten auf den kleinen Holzblock in seinen Händen und begann, ihn mit seinem Messer zu bearbeiten.
»Was machst du dieses Mal?«, fragte Sivana leise.
»Keine Ahnung«, antwortete Deorn kurz angebunden. Er wollte auch gar nicht darüber nachdenken. Über gar nichts. Leider schlug der Ablenkungsversuch fehl, weshalb er wieder den Blick hob. Er beobachtete die Fledermäuse, die als flink schwirrende, schwarze Flecke an ihnen vorbei über den Himmel schossen. Der Fluss Élor wand sich durch die weiten Ebenen in Richtung Nordwesten. Dann fiel sein Blick auf das hoch am Horizont aufragende Cûin-Gebirge.
»Da willst du hinmarschieren?«, fragte Sivana ungläubig.
Deorn nickte. »Die Reiter sind auf dem Weg dorthin. Also werde ich da auch hingehen. Ich muss herausfinden, was sie über dieses Monster wissen.«
»Und was soll das ändern?«
Deorn stutzte. Im ersten Moment wollte ihm keine Antwort einfallen. Doch dann blitzten Bilder seiner liebevoll lachenden Frau vor seinen Augen auf, die in unergründlicher Schwärze versank, die kein Licht zu durchdringen vermochte.
»Bisher dachte ich, dass Talia aufgrund eines unglücklichen Zufalls aus meinem Leben gerissen wurde«, erklärte er mit leerem Blick auf seinen halb geschnitzten Holzblock. »Eine Katastrophe, die niemand hatte kommen sehen und niemand hatte verhindern können. Doch lag ich damit falsch. Wir alle lagen falsch. Ich muss den wahren Grund für Talias Tod herausfinden. Das bin ich ihr schuldig.«
»Also willst du diesen Reitern auf der Suche nach der Wahrheit nachjagen?«
Er presste die Lippen aufeinander, dass es schmerzte. Als er sich dessen bewusst wurde, bemühte er sich um Ruhe. »Es ist alles, was mir bleibt.«
Sivana senkte den Blick. »Und du willst einfach so blind in die Welt hinausstürmen ohne einen Plan?«
»Ich kann hier nicht einfach rumsitzen und das Ganze vergessen, Sivana!« Er warf seinen Holzblock in den sanft dahinfließenden Fluss. »Wenn es irgendetwas gibt, was ich tun kann, dann werde ich es tun! Egal wie lange es dauert, egal wohin es mich führt.«
Der Atem rauschte durch seine Lungen und entwich ihm in scharfen Zügen. Erneut beschleunigte sich sein Herzschlag und sein Gesicht brannte so sehr, dass er sich an die Schmelze seines Vaters erinnert fühlte.
Zu seiner Überraschung legte Sivana ihm eine Hand auf die Schulter. »Dann werde ich dir dabei helfen!«
Kapitel 4
Die Nacht verflog. Der Morgen graute. Faring, Hagurt und Timbur schleppten sich verkatert über ihre Felder, schweißgebadet, rot im Gesicht. Guntar zog in Richtung Fluss, bereit seine Netze und Angelruten auszuwerfen, und die Jäger begaben sich zum nächsten Wald. Die Händler bauten ihre Stände auf dem Marktplatz auf, bereit für einen neuen Tag, der ihre Taschen mit Gold und die der Einwohner mit Gütern aller Art füllen würde.
Deorn und Sivana waren nach kurzem Schlaf am frühen Morgen erwacht. Niemand nahm Notiz davon, wie sie eilig im Dorf auf und ab liefen. Die Sonne stieg höher in den Himmel hinauf, bevor sie sich langsam dem Horizont entgegen neigte und längere Schatten in die Landschaft warf. Die Dorfbewohner beendeten bald ihre tägliche Arbeit und fanden sich in der Taverne oder zu Hause zum Abendessen ein.
Ein Tag wie jeder andere.
Für zwei Personen jedoch würde es der letzte Tag in der Normalität sein.
Nachdem alle Vorbereitungen abgeschlossen waren, fühlte sich Deorn zur Abreise bereit. Sein Magen verknotete sich bei dem Gedanken, wie sein Fortgang seine Familie träfe. Niemals würden sie zulassen, dass er sich auf eigene Faust in den Norden aufmachte, um Gerüchten über ein angebliches Monster nachzujagen. Doch genau das hatte er vor. Er würde den beiden Boten hinterherziehen, seine eigenen Nachforschungen anstellen, herausfinden, was dieses Monster war. Und wo er es finden könne.
Er konnte ihnen nicht unter die Augen treten. Nicht nach ihrer Auseinandersetzung am Tag zuvor.
Deorn holte tief Luft. Die Flut an Gedanken, die ihn den ganzen Tag über geplagt hatten, drohten erneut die Oberhand zu gewinnen. Nein, er würde es nicht zulassen!
Er hatte ein Ziel vor Augen. Und ihm war gleich, was er zurücklassen musste, solange er es erreichte.
Was hatte er schon zu verlieren?
Es war beruhigend zu wissen, dass Sivana ihn in seinem Vorhaben unterstützte, statt es ihm auszureden. Genau das brauchte er jetzt: jemanden, der vertrauenswürdig war, verlässlich und treu.
Er war sich noch immer nicht sicher, was er mitnehmen sollte. Bisher war er nur selten gereist, erst recht nicht so lange und auf unbestimmte Zeit. Aber auch wenn er nicht genau sagen konnte, wo Grimnost lag, so besaß er doch die alte und vereinfachte Karte, über der Talia so gerne verträumt gebrütet hatte. Sie umfasste das gesamte Land Kiendor und einen Großteil des östlichen Cûin-Gebirges.
Zu guter Letzt zog Deorn eine Truhe unter dem Bett hervor, in welcher sich eine fein gearbeitete Lederscheide mit stählernen Verstärkungen befand. Vorsichtig zog er das zugehörige Schwert heraus und besah es sich im Kerzenschein. Die Klinge glänzte sanft. Sie lag noch immer perfekt in der Hand, mit einer breiten Parierstange, einem mit schwarzem Leder gebundenen Griff und einem karoförmigen Knauf, der eine ebenso karoförmige Aushöhlung im Zentrum hatte.
Er ließ die Finger über den Stahl gleiten. Gorms Schmiedesignatur war fein in den Knauf eingearbeitet und auf der Parierstange war Deorns Name eingelassen. Er erinnerte sich noch gut an die Worte seines Vaters.
Das Schwert trägt deinen Namen, um ihm eine Bestimmung zu geben. Denn nur mit Bestimmung kann volles Potenzial erreicht werden.
Hoffentlich hatte er recht. Das Training mit seinem Vater war eine Weile her und umfasste nur wenige Grundlagen. Doch sollte es reichen, sich im Notfall zu verteidigen. Er ließ die Waffe zurück in die Scheide gleiten und verstaute sie mit den restlichen Sachen im Reisegepäck.
Erneut erwachten Erinnerungen aus der Zeit des Hausbaus, wie hier alles mühevoll errichtet und ausgearbeitet wurde. Die ersten Tage ohne Möbel. Die erste Eiszeit, in der er mit Talia eine gemütliche Ecke am Ofen eingerichtet hatte. Die ersten, wenngleich mageren Ernteerfolge und das befriedigende Gefühl des Füllens ihrer Vorratskammer mit selbst angebautem Gemüse und Obst aus Feld und Garten.
Sein Blick fiel auf den Brief, noch immer ungeöffnet auf dem Nachttisch gegen die Vase mit der Flusslilie gelehnt. Er hatte das Gefühl, als würde er ihn stumm darum bitten, endlich das Geheimnis seines Inhalts zu erkunden.
Doch dies war nicht die Zeit.
Stattdessen ging Deorn zum Bücherregal und wählte ein kleines in Leder gebundenes Buch. Er trennte den Einband heraus, legte die nun nackten Seiten zurück ins Regal, bevor er den Brief in dem ledernen Umschlag verstaute und die Ränder provisorisch mit Nadel und Faden verschloss. So war er besser für die bevorstehende Reise gerüstet und auftretende Nässe würde ihm nicht so schnell zu schaffen machen. Mit festem Griff um den Einband schwor sich, den Brief zu lesen, sobald er sein Ziel erreicht hätte.Ganz gleich, wie lange es dauerte.
Er legte sich auf das ungemachte Bett. Talias Duft hing noch immer in der Luft, stieg aus dem Stoff empor in seine Nase. Mit Blick auf die gepackten Sachen vermengten sich die mit Sehnsucht gefüllten Düfte mit dem schwer im Magen liegenden Stein, der mit jedem Herzschlag an Gewicht gewann. Wild pendelnd schwang sein Gemüt zwischen Vergangenheit und Zukunft hin und her. Er schloss die Augen, bemüht, seine Gedanken auszublenden.
Er brauchte Schlaf.
Er brauchte Kraft. Kraft für eine Reise ins Unbekannte, bei der die Suche nach Wahrheit der einzige wegführende Fackelschein sein würde.
Bevor der Schlaf ihn letztlich übermannte, flackerte eine alte Geschichte in seinem Geist auf, der er als kleiner Junge einmal am Lagerfeuer des Dorfältesten gelauscht hatte. Sie beinhaltete einen Satz, der ihm seit jeher einfiel, sobald er über die große weite Welt und ihre zahlreichen Gefahren und Geheimnisse nachdachte.
Die Welt ist ein Nebel, den nur lichten sollte, wer das darin Verborgene nicht fürchtet.
Kapitel 5
Unbarmherzig hatte die Sonne seit ihrem am frühen Morgen begonnenen Marsch auf sie heruntergebrannt.
Deorn wischte sich den Schweiß von der Stirn. Die weiten Ebenen hatten ihnen kaum schattige Zuflüchte geboten, weshalb der hereinbrechende Abend eine lang herbeigesehnte Abkühlung bot. Zugleich rückte ihr Tagesziel endlich in greifbare Nähe: den Wald an den südlichen Ausläufern des Cûin-Gebirges.
Sivana erfüllte die Luft mit melodisch hellem Pfeifen, das sich mit dem Gezwitscher der Vögel vermengte. Klänge, die einen starken Kontrast zu seinem eigenen Gemüt darstellten, das sich seit ihrem Abmarsch nicht gänzlich abschütteln ließ.
Dunkle Wolken hatten sich um seinen Geist gesammelt, in welchen sich Talias Grabstein, das zornige Antlitz seines Vaters und die unförmige Gestalt eines Monsters in regelmäßigen Abständen ablösten und ihn zu Boden zu ziehen drohten.
Der Wald rückte langsam näher, was sich auch durch das Entgegenwehen seines frischen Duftes zeigte. Dahinter erhoben sich die felsigen Türme des Gebirges. Deorn kam sich mit jedem Schritt in Richtung Norden kleiner vor, verglichen mit diesen Felsmassiven.
Die Wiesen nahmen an Dichte und Wildheit zu, durchwachsen von Hecken und Gebüschen aller Art. Dickstämmige Bäume mit ausuferndem Blattwerk wuchsen vor ihnen in die Höhe und nahmen Deorn und Sivana bald die Sicht auf die dahinterliegenden Gebirgshänge. Als sie in den kühlen Schatten der im Wind schwankenden, sattgrünen Baumkronen traten, atmeten sie tief durch und wischten sich den Schweiß des heißen Tagesmarsches aus dem Gesicht.
Nach einer kurzen Verschnaufpause zogen sie weiter gen Norden und horchten nach dem Plätschern eines Baches, an dem sie ihren Wasservorrat aufstocken konnten. Bald fanden sie nicht nur Wasser, sondern auch einige Pilze, die sie kannten und daher für das bald bevorstehende Abendessen mitnahmen. Deorn besah sich das braunweiße Gewächs in seiner Hand. Dieser Pilz wuchs fast das ganze Jahr hindurch. Sobald die eine Eiszeit abklang, schauten die frühen Sprösslinge aus der Erde und wenige Wochen später genoss man die erste Pilzpfanne. Das ließ sich bis zum Beginn der nächsten Eiszeit fortsetzen, weshalb man ihn Drei-Zeiten-Pilz nannte.
Die Sonne verschwand bald gänzlich aus ihrem Blick. Der Schein eines Feuers dominierte nun die Umgebung, warf flackernde Schatten auf die Baumstämme und sein Knistern wurde nur von ihren Stimmen übertönt. Der Duft ihrer Pilzpfanne lag noch immer in der Luft und die Wärme ihrer Mahlzeit erfasste allmählich auch Deorns Gemüt.
»Wie geht es dir bei dem Gedanken, deine Heimat zurückzulassen?«, fragte Deorn.
»Ehrlich gesagt macht es mir nicht viel aus«, antwortete Sivana nach kurzem Überlegen und stocherte mit einem Zweig die Glut zurecht. »Ich will die Welt von den Bergen herab betrachten, das weite Meer befahren und mich in endlosen Wäldern beinahe verlaufen. Ich möchte Menschen aus anderen Ländern von meiner Heimat berichten und ihren eigenen Geschichten lauschen. Es gibt viele Gründe, die Welt entdecken zu wollen.« Sivana schwieg einen Moment, offenbar in Gedanken versunken, bevor sie mit trauriger Miene fortfuhr. »Meine Eltern werden mir allerdings sehr fehlen. Du weißt ja, wie sie sind, immer um mich besorgt, auch wenn sie selbst ständig in der Weltgeschichte herumreisen. Doch die Welt ist zu interessant, um nicht gesehen zu werden. Wer weiß, vielleicht kehre ich nie zurück, nachdem wir unser Ziel erreicht haben.«
Deorn dachte an Sivanas Eltern. Als Händler waren sie immer beschäftigt, oft unterwegs. Daher lebte Sivana meist bei ihm zu Hause, in ihren Kindheitstagen wie auch heute, und gehört quasi zur Familie.
Er schüttelte den Gedanken ab und sah Sivana entschlossen an. »Vergiss dabei aber nicht, dass wir eine Aufgabe zu erfüllen haben.«
Sivana nickte rasch. »Natürlich. Herausfinden, was Talia wirklich getötet hat.« Dann hielt sie einen Moment inne und ein besorgter Ausdruck legte sich über ihr Gesicht. »Und was, wenn wir tatsächlich herausfinden, dass Torn von einem mächtigen Monster zerstört wurde?«
Deorns Hand zuckte unwillkürlich und seine Augenbrauen zogen sich zusammen. Er wusste genau, was er dann tun würde. Doch er bezweifelte, dass Sivana diesen Plan guthieß.
»Erst müssen wir herausfinden, womit wir es genau zu tun haben«, erwiderte er stattdessen. »Dann werden wir weitersehen. Irgendetwas müssen die Zwerge wissen, sonst wären die Boten nicht dorthin unterwegs. Wir werden die Wahrheit herausfinden!« Vor seinem geistigen Auge erschien Talia, die weinend nach Hilfe rief. Strahlend schwarzes Haar klebte ihr auf den verweinten Wangen, die gerötet glänzten.
Deorn starrte in das rot-orange Glimmen zu seinen Füßen und seine Finger krallten sich in den Stoff seiner Leinenhosen. »Es fühlt sich noch immer unwirklich an, dass Talia nicht mehr da ist.«
Sivana legte ihm sanft eine Hand auf den Unterarm. »Wir werden herausfinden, was mit ihr geschehen ist. Versprochen!«
Deorn zwang sich zu einem Lächeln und legte seine Hand auf ihre. »Danke, dass du mit mir gekommen bist. Egal wie wir es anstellen, zusammen werden wir es schaffen, Talia zu rächen.«
Sivana nickte. »Du und ich, egal was geschieht.«
Er lehnte sich zurück. Müdigkeit gewann die Oberhand, die zuvor unter dem Gefühl des wohlgesättigten Magens und dem Gewicht der Unterhaltung geschlummert hatte. Nun kroch sie mit gesammelter Kraft an die Oberfläche und zwang ihn zu einem genüsslichen Gähnen, dem sich Sivana kurz darauf anschloss. Das Flüstern der sanft im Abendwind raschelnden Baumkronen wiegte Deorn in den Schlaf, begleitet von Eulenrufen und dem kaum vernehmbaren Fließen des Flusses.
Es war kurz nach Sonnenaufgang, als sie aus einem erholsamen, langen Schlaf erwachten. Sie packten ihre Sachen zusammen und zogen mit neuer Kraft weiter nach Norden. Je tiefer sie in den Wald gelangten, desto dichter wurde das Unterholz. Kletten griffen nach ihren Kleidern und sie blieben an dornenbewachsenen Sträuchern hängen, obwohl sie sich die größte Mühe gaben, ihnen auszuweichen. Gelegentlich waren sie zum Halten oder gar zur Umkehr gezwungen, da der eingeschlagene Weg sie nicht weiter vordringen ließ und sie einen neuen suchen mussten. So schön der Wald sich darbot, wenn man durch ihn hindurch wollte, stellte die Vielfalt an Gewächsen eher eine Last als eine Pracht dar. Zusätzlich zwangen sie neben den störenden Dornengewächsen auch schwer auszumachende Spalten zu mehr Vorsicht.
