Donnerstags ist Damenwahl - Helena Schipunow - E-Book

Donnerstags ist Damenwahl E-Book

Helena Schipunow

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9,99 €

Beschreibung

Zwei unzertrennliche Freundinnen aus Cloppenburg ziehen los und wollen nur das eine - tanzen. Auf ihren abenteuerlichen Ausflügen stellen sie fest, dass auch Männer ganz oft das Herz auf der Zunge tragen, aus einem spontanen Blind Date eine filmreife Szene werden kann, große starke Männer manchmal gern mit Teddybären spielen, ein dicker Bauch viel mehr Platz für Schmetterlinge bietet und dass man die Liebe des Lebens auch ohne Singleportale und Tanzlokalen treffen kann.

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MOBI

Seitenzahl: 159

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Helena Schipunow

Donnerstags ist Damenwahl

© 2021 Helena Schipunow

Verlag und Druck:

tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg

ISBN

Paperback:

978-3-347-15786-6

Hardcover:

978-3-347-15787-3

e-Book:

978-3-347-15788-0

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

„Ich war schon immer der Ansicht, dass das größte Privileg,die größte Hilfe und der größte Trostin einer Freundschaft darin besteht,dass man nichts erklären muss.“

Katherina Mansfield

Für meine beste Freundin

Inhalt

In Freud und Leid

Kleider machen Bräute

Auf jeden Topf passt ein Deckel?

Im „Country“

Männergeschichten

Gute Tänzer fallen nicht vom Himmel

Blind Date

Thai-Massage

Lustige und traurige Fischkopf-Geschichten

Ein Schuss geht nach hinten los

„Thommys Singletanz“

Spieglein Spieglein an der Wand

Bärenstarke Konkurrenz

Es hat gefunkt!

Das interkulturelle Quartett

Die Ruhrpott-Liebe

Der dritte Schuss sitzt

Corona-Epilog

In Freud und Leid

„Lass uns was trinken gehen“, schlug meine Freundin plötzlich vor. Wir standen vor der Autowerkstatt, zu der ich Lisa gebracht hatte, damit sie ihren reparierten Mazda abholen konnte.

Ich wunderte mich. Es war Montag, kurz nach ihrem Feierabend. Normalerweise ist meine Freundin nach der Arbeit ziemlich müde.

„Wieso willst du heut schon was trinken? Wir haben erst Montag…“, scherzte ich.

„Wir können meinetwegen auch bei McDonald`s eine Mezzo Mix trinken“, meinte Lisa ungeduldig und zeigte auf das gegenüberliegende Restaurant.

„Seit wann trinkst du denn Mezzo Mix?“, bohrte ich weiter und merkte dann, dass meine beste Freundin todunglücklich war.

Nach kurzem Hin und Her fuhren wir zu Lisa nach Hause. Sie schmierte sich schnell ein paar Brote und öffnete schon mal den Rotwein.

„Sagst du mir endlich, was los ist?“

Ohne zu antworten schlug Lisa die Hände vors Gesicht und fing an zu weinen.

Kurze Zeit später wusste ich, dass sie Stress auf der Arbeit hatte und deshalb völlig fertig war. „Puh“, atmete ich auf, „ich dachte schon, es wäre was Schlimmes passiert“, und nahm meine Freundin in den Arm.

„Wie gut, dass wir uns beide haben“, schluchzte sie schon etwas ruhiger.

Ich erläuterte Lisa, dass man sich in unserem Alter, bei gut bis sehr gut gelungenen Kindern und einer verhältnismäßig guten Gesundheit über kleine Turbulenzen auf der Arbeit überhaupt nicht aufregen sollte. „Es ist nur dein Job. Dein Vorgesetzter ist auch nur ein Mann!“, kam ich zum Ende meiner kleinen Rede und wir lachten.

„Wie gut, dass wir uns haben“, wiederholte Lisa. Und damit hatte sie recht.

Dann saßen wir in ihrem gemütlichen Wohnzimmer und tranken Rotwein. Ich den herben, sie den halbtrockenen. Das Wetter war herbstlich mies, mit Wind und Regen, der gegen die Fensterscheiben peitschte. Umso leckerer war der Wein und umso süßer die aufgetischten Pralinen.

„Weißt du noch, wie wir uns kennengelernt haben?“, fragte ich meine Freundin.

„Ja, natürlich“, war die Antwort. „In der Tanzschule Wienholt, im Sommer 2010.“

Als sie zum ersten Mal im Standard- und Lateinkurs auftauchte, war ich schon seit einem halben Jahr dabei. Wir waren etwas früh im Tanzsaal und saßen schweigend da. Eine Tanzlehrerin, die zu der Zeit in unserem Kurs aushalf, kam herein und setzte sich zu uns. Besonders gesprächig war keine. Die Neue, sprich Lisa, meinte, das Schweigen brechen zu müssen, wandte sich an die Tanzlehrerin, nicht wissend, dass sie eine ist und fragte sie ganz höflich: „Klappt es schon mit dem Tanzen?“

Die Dame machte ein verwundertes Gesicht und überlegte, was sie antworten sollte. Ich hielt es für wichtig, die Neue aufzuklären, lächelte sie mit einer Prise Sarkasmus an und teilte sachlich mit: „Das ist die Tanzlehrerin.“ Wir lachten.

Ein paar Wochen später, kurz vor der Sommerpause, fand unser letzter Tanzabend statt und ich fuhr zu Wienholt. Als ich auf dem Parkplatz ankam, sah ich auch schon meinen damaligen Tanzpartner aus dem Auto steigen. Wir hielten noch einen kleinen Small Talk und wollten gerade reingehen, als ein großer und schlanker Mann ungefähr Mitte 40 auf uns zukam. Henry, mein Tanzpartner, begrüßte ihn lebhaft und fragte, was er denn hier mache. Es stellte sich heraus, dass er wie Henry aus dem kleinen beschaulichen Dorf Altenoythe am Rand des Landkreises stammte, dessen Postbote war und dass die beiden sich seit Jahren kannten. Ich sah den Postboten an und merkte, dass ich sein Gesicht irgendwie kannte. „Woher kenne ich ihn?“, fragte ich mich. Der Postbote starrte mich auch immer wieder an und in seinen Augen sah ich dieselbe Frage. Plötzlich klingelte es bei mir: Fischkopf! Wir hatten mal über Fischkopf kommuniziert!

„Fischkopf“ ist eine der größten regionalen Singlebörsen für den Norden Deutschlands. Über 500 000 Singles aus Hamburg, Bremen, Oldenburg und natürlich Cloppenburg suchen hier ihr Glück. Auf Empfehlung einer Kollegin hatte ich mich vor einiger Zeit bei „Fischkopf“ angemeldet. Damals ahnte ich noch nicht, wie viele spannende, lustige und auch peinliche Momente mir dieses Portal bescheren würde. In all den Jahren meldete ich mich da ständig an und ab, weil ich es nie lange aushielt. Aber die Idee, ein Buch über das Singledasein zu schreiben, verdanke ich zum Teil ihm.

Der Postbote hatte unter dem Nicknamen „Netter“ genau wie ich ein Profilfoto hochgeladen. Ich erinnerte mich plötzlich, dass er angab, aus dem Raum Friesoythe zu kommen und ein sehr guter Tänzer zu sein. Wir hatten eine Zeit lang hin- und hergeschrieben. Irgendwann wurde der „Nette“ ziemlich aufdringlich und frech. Ohne lange zu überlegen blockierte ich ihn und vergaß seine Existenz.

Jetzt stand er vor mir – der „begnadete Tänzer“ aus dem Raum Friesoythe.

„Ich warte hier auf eine Dame, mit der ich mich zum Tanzen verabredet habe“, erzählte der „Nette“ stolz. „Mal sehen, wer kommt. Es ist nämlich ein Blind Date. Ich weiß nur, dass sie in Cloppenburg wohnt und einen blauen Mazda fährt“, berichtete er.

In dem Moment fuhr ein nagelneuer, himmelblauer Mazda vor. Aus dem Auto stieg Lisa – hübsch und schlank, im knappen Röckchen, die kurzen blonden Haare frech gestylt, angeberisch braungebrannt und doch etwas verlegen durch den unerwarteten Empfang. Wir begrüßten uns inzwischen schon etwas herzlicher und ich konnte ein Grinsen nicht unterdrücken. Henry und ich gingen zum Gebäude, Lisa und der Postbote folgten uns.

Der Tanzabend begann und die ersten Paare verteilten sich im Saal. Die Tanzfläche füllte sich und ich verlor das „frischgebackene Paar“ aus den Augen. Während der ersten Tanzpause setzte sich Lisa zu mir.

„Der kann überhaupt keinen Discofox tanzen“, berichtete sie halblaut, aber ziemlich giftig. „Seine Schritte sind nicht sauber und er knallt seine Hacken ganz laut gegeneinander“, klagte sie weiter. „Und dabei meint der Kerl, er wäre John Travolto.“

Wir lachten. Auf meine Frage, wo sie ihn kennengelernt habe, erklärte Lisa, sie habe auf seine Zeitungsannonce reagiert. Er suchte eine Lebenspartnerin und nannte sich einen leidenschaftlichen Tänzer. Reingefallen!

Ich erzählte Lisa meine kurze Fischkopf-Geschichte. Wir sahen uns schelmisch lächelnd an und im selben Moment verbündeten wir uns, ohne es selbst zu wissen, gegen den Postboten aus Althenoythe und, ich befürchte, auch gegen die gesamte Männerwelt. Zwischen Lisa und mir entstand ein unsichtbares Band des Vertrauens, aus dem sich später eine wahre Freundschaft entwickelte, die uns in guten und in schlechten Zeiten zusammenhielt, stützte und durch die wir uns gegenseitig stärkten.

Eine Freundschaft fürs Leben, zum Reden und Schweigen, zum Geheimnisseanvertrauen und Sorgenteilen, zum Lachen und Weinen.

Sprüche von Männern wie „Zwischen euch beide passt auch kein Blatt Papier“ oder „Euch gibt's nur im Doppelpack. Wenn eine da ist, schwirrt auch die zweite irgendwo in der Nähe rum“, hörten wir auf unseren Touren öfter.

Der letzte, hier zitierte, beeindruckte uns besonders: „Ich bewundere immer wieder, dass zwei so verschiedene Freundinnen derart zu ihrem Typ passend gekleidet und harmonisch im Umgang miteinander sind.“

„Sind wir so verschieden?“, überlegte Lisa später auf der Heimfahrt.

„Klar, sind wir das. Du eine flotte, sportliche Bikerbraut mit fetzigem Haarschnitt, im Lederrock und Fransenshirt und ich mit artig geföhnten Haaren, im Nostalgie-Kleid mit Libellen und Slingback-Schuhen mit Zierschleifen. Unterschiedlicher kann man überhaupt nicht sein“, brachte ich die Sache auf den Punkt.

Deshalb sind wir ja auch immer wieder ein Hingucker.

Unsere Flaschen waren inzwischen leer. Die vom Inhalt befreite Pralinenschachtel stand einsam auf dem Couchtisch. Irgendwie hatte ich den Eindruck, dass sie mich die ganze Zeit vorwurfsvoll anschielte. Oder war es nur der Wein?

„Du darfst jetzt nicht mehr fahren“, stellte Lisa überraschend streng fest. „Entweder du pennst in meinem Gästezimmer oder ich rufe dir ein Taxi.“

„Du weißt doch, ich wach gern in meinem eigenen Bett auf“, bemerkte ich leise und meine Freundin griff seufzend zum Hörer.

Das Taxi kam eine Viertelstunde später. Genau um Mitternacht.

Kleider machen Bräute

„Wie alt war die Braut?“ Ich traute meinen Ohren nicht.

„75“, antwortete Marita gelassen.

Wir saßen in der Sauna des Fitnessstudios und ließen es uns nach der Sportrunde gut gehen. Am Mittwoch ist hier Damentag und nicht wirklich viel los. „Ob die Frauen wohl wegbleiben, weil die Kerle nicht reindürfen?“, hatten wir uns schon mal lachend gefragt. Aber eigentlich ist es ohne Männer ganz gut in der Sauna, so kann man über sie besser lästern und sich die verrücktesten Dinge erzählen. So wie heute.

Marita arbeitet seit Jahren in einem großen Braut- und Abendmodegeschäft im Emsland und hat schon viele Frauen erlebt, die vor den Altar treten wollten. Unter den sich trauenden Damen ist alles vertreten – von zufriedenen und glücklichen bis zu hysterischen, deren Ansprüchen sogar ein Fachgeschäft wie dieses nicht gerecht werden kann.

Die Frauen kommen in Scharen – mit Freundinnen, Müttern, Patentanten und angehenden Schwiegermüttern im Schlepptau. Alle wollen am Glück der Braut teilhaben und bei der Auswahl des Kleides behilflich sein. Jede Ehekandidatin scheint zu glauben, sie müsse die hübscheste Braut dieses Planeten sein. Stundenlange Anproben, kritische Blicke und manchmal auch viel zu hohe Ansprüche für die vorhandenen Möglichkeiten können nervenaufreibend sein und unheimlich viel Kraft kosten.

„Sag du mal einer Braut, dass das ausgewählte Kleid ihr nicht steht und auch nicht stehen kann, weil sie, zum Beispiel, zu mollig ist! Bring ihr das durch die Blume bei und überzeug sie, dass ein anderer Schnitt sie in eine wahre Prinzessin verwandelt! Das ist die Kunst, die uns Verkäufern abverlangt wird!“, fachsimpelte Marita.

„Siehst du“, zwinkerte ich Lisa zu, „man kann auch noch mit 75 heiraten. Also haben wir noch genug Zeit.“

„Klar“, reagierte meine Freundin prompt, „wenn wir dann unsere künstlichen Knie und Hüften haben und nicht mehr tanzen können, dann gehen wir zum Traualtar. Mit Rollator.“

„Wie kommt man auf die Idee, in diesem Alter noch zu heiraten?“, bohrte ich hartnäckig weiter und wollte wissen, ob die Braut dazu etwas gesagt hatte.

Marita erzählte, dass es dafür einen ganz prosaischen Grund gab: Das Paar hatte viele Jahre ohne Trauschein zusammengelebt und als der ältere Herr eines Tages mit einem Herzinfarkt ins Krankenhaus kam, verweigerten die Ärzte der Lebensgefährtin die Auskunft über seinen Gesundheitszustand. Sobald er sich einigermaßen erholt hatte, wurde geheiratet. „Damit so eine Situation nie wieder vorkommt“, beendete Marita ihren Bericht.

„Ach so.“ Die Enttäuschung meiner Freundin war groß. „Ich hatte mir gerade eine romantische Geschichte mit Liebe auf den ersten Blick vorgestellt oder mit einem Wiedersehen mit der Jugendliebe nach 50 Jahren. Wenn es nur um die Informationen über den Gesundheitszustand geht, dann ist es total langweilig.“

„Es gibt aber auch andere Informationen, zu denen man als Ehefrau Zugang bekommt. Wie zum Beispiel die über den Kontostand und Ersparnisse“, kam die nüchterne Anmerkung einer Dame aus der anderen Ecke der Sauna, die sich unser Gespräch die ganze Zeit angehört hatte.

An den Damentagen wird wirklich viel gelacht.

Auf jeden Topf passt ein Deckel?

Es ist ja nicht so, dass Lisa und ich auf Teufel komm raus unter die Haube wollen. Doch im Laufe der Jahre haben wir schon öfter versucht, unser Singleleben zu beenden. Und jedes Mal, wenn eine von uns damit gescheitert war und sich von der Enttäuschung erholte, wurde uns deutlicher bewusst, dass eine echte Frauenfreundschaft auch nicht schlecht ist. Wir meldeten uns bei „Fischkopf“, „Paarfinder“ , Lovoo“ und anderen Singlebörsen an, sahen uns jeden Dienstag die Nordwest-Zeitung an, weil an diesem Tag die Kleinanzeigen mit der Rubrik „Er sucht“ erscheint, wir gingen zum Tanzen und lernten die Tanzszenen von Oldenburg, Bad Zwischenahn, Osnabrück, Bremen und Umgebung kennen, aber es ergab sich nichts Dauerhaftes, nichts Beständiges, wonach wir uns sehnten.

„Was soll´s“, sagten wir nur, „wir haben ja uns!“ Und genossen das Leben in vollen Zügen.

„Unsere Touren werden immer weiter und die Röcke immer kürzer“, bemerkte ich eines Abends, als wir das Tanzlokal in Haltern am See ansteuerten.

Mit einem speziellen Lächeln gab meine Freundin von sich: „Was glaubst du, wie viele verbitterte Ehefrauen uns heute Abend beneiden?“

Ich gab ihr natürlich recht.

Im „Country“

Heute fahren wir ins „Country“!

Vor einigen Wochen erfuhren wir, dass es in der Grafschaft Bentheim ein sehr ansprechendes Tanzlokal gibt. Das sei auf Frauen und Männer jenseits der 50 zugeschnitten und man könne dort wunderbar Discofox tanzen. Am Donnerstag sei im Lokal der Bär los, weil für jeden Tanz Damenwahl angesagt sei.

Lisa und ich wurden natürlich neugierig und nahmen uns fest vor, das gepriesene Tanzlokal aufzusuchen. Erstklassig gestylt und gekonnt gekleidet machten wir uns auf den Weg. Laut Navi lag Bad Bentheim knappe 100 Kilometer entfernt. Meine Freundin war am Steuer und wir, supergut gelaunt, legten schon mal eine Schlager-CD ein. Zur Einstimmung.

Ich mag diese Fahrten zum Tanzen. Wenn Lisa und ich, wie zwei Teenager mit Vorfreude erfüllt, ins Auto steigen und starten. Gehegt und gepflegt, die Tanzschuhe auf dem Rücksitz.

„Hast du Handcreme im Auto?“ Die brauchte ich plötzlich dringend.

„Nein, sorry, die Dame“, flachste meine Freundin. „Eigentlich brauchen wir in jedem Auto einen Notkoffer oder wenigstens eine Kulturtasche mit Handcreme, Deo, Bürste, Nagelfeile, Strumpfhose, falls einer von uns auf den Fuß getreten wird und sie eine Laufmasche oder sogar ein Loch hat“, philosophierte sie.

„Ja, und für den Rückweg, wenn wir sehr müde sind, brauchen wir Hausanzüge, Puschen und eine Wolldecke für den Beifahrer“, machte ich weiter. Wir müssen bequem reisen, schließlich sind wir nicht mehr die Jüngsten“, legte Lisa einen drauf. Und obwohl das tatsächlich stimmt, waren wir beide an diesem Abend etwas aufgeregt, aber auch neugierig auf das Unbekannte.

„Mir ist mulmig“, hörte ich plötzlich den vertrauten Satz.

„Mir auch!“, meldete ich zurück.

Jedes Mal vor der Ankunft im Tanzlokal sagten wir uns diesen Satz und er war nicht unbedingt gelogen oder übertrieben. Eine gewisse Anspannung, Vorfreude und Erwartung oder der Wunsch nach einer angenehmen Überraschung hing schon in der parfümierten Luft.

„Was ist denn hier los?“, rief Lisa, als wir auf den riesigen Parkplatz des Lokals einbogen. Er war komplett voll! Wir fuhren im Schneckentempo, in der Hoffnung, doch noch eine Lücke zwischen den Autos aus Rheine, Osnabrück, Bremen und dem Emsland, aus den Niederlanden und weiß Gott woher zu finden. Als uns das endlich gelang, wurden wir beide plötzlich unsicher.

Erstmal in den Spiegel schauen, die Lippen nachziehen, die Haare richten, die Tanzschuhe anziehen. Dann noch einen Moment sitzen bleiben und gucken, was für Männer und Frauen ins Lokal gehen. Der übliche Ablauf. Aber heute verzögerte sich das Ganze.

„Mir ist ganz doll mulmig!“, jammerte ich.

„Ach was“, so die Robuste, „komm jetzt.“

„Aber du gehst vor“, bestimmte ich. „Weil du älter und mutiger bist!“

„Danke“, zischt Lisa gar nicht böse. „Los geht’s. Die haben bestimmt schon den roten Teppich ausgerollt.“

Als wir reinkamen, staunten wir: Von der Eingangstür, an der Theke vorbei und bis zur Tanzfläche führte tatsächlich ein roter Läufer. Wir blieben stehen. Uns empfing eine ältere Dame, die hinter einem uralten Kassengerät saß. Mit freundlichem Lächeln streckte sie uns die Verzehrkarten entgegen und wünschte uns einen angenehmen Abend.

„Den werden wir haben“, strahlte ich die Kassiererin an. Einige Gäste drehten sich schon zu uns um. Weil wir hier neu waren, wurden die Blicke der an der Theke sitzenden Männer immer neugieriger.

„Da sind sie, die Traumprinzen“, stichelte ich und freute mich, dass ich nicht fahren musste und einen Rotwein trinken durfte. Zum Ankommen, zum Entspannen, zum Wohl.

Das schon etwas in die Jahre gekommene Lokal war groß, urig und gut besucht. Hinter der langen Theke flitzte das flotte Personal herum und gab sein Bestes. Alle Barhocker und Sitzgruppen im Saal waren belegt und die runde Tanzfläche war brechend voll. „Warum hast du nicht nein gesagt?“, feuerte Roland Kaiser die Tanzenden an.

Nun standen wir da und versuchten entspannt zu wirken – Lisa mit ihrer Apfelschorle und ich mit meinem trockenen Dornfelder in der Hand. Wenn man in einem Tanzlokal neu ist, wird man von vielen Männern und manchmal auch Frauen erstmal unter die Lupe genommen. Eigentlich ist das normal und wir beide wissen das. Aber wir brauchen dann doch eine gewisse Zeit, bis die erste Unsicherheit verflogen ist. „Jeden Donnerstag von 20 bis 3 Uhr!“, kündigte der DJ laut an. „Los, Lieschen, schnapp dir den Großen da, der starrt dich schon die ganze Zeit an“, schickte ich meine Freundin vor. In dieser Hinsicht ist Lisa wirklich viel mutiger als ich. Sie ist es, die ganz locker auf einen Mann zugeht und ihn fragt: „Kannst du auch tanzen oder bist du nur zum Rumstehen hier?“ Sie ist es, die leicht ins Gespräch kommt und eine halbe Stunde später die komplette Lebensgeschichte des Gegenübers kennt. Und sie ist es, die auch schon mal für mich losmarschiert ist und den Beziehungsstatus des Typen geklärt hat, der mich interessierte.

Wer abstreitet, dass es eine wahre Freundschaft zwischen Frauen geben kann, der kennt uns nicht.

Es war ein sehr schöner Abend! Wir forderten auf und wurden aufgefordert. Wir tanzten fast pausenlos und genossen es unheimlich. Im „Country“ gab es wirklich sehr gute Tänzer und einige von denen sahen nicht schlecht aus und waren nicht so alt. Zu vorgerückter Stunde hatte jede von uns einen Tanzpartner und Kavalier an der Seite. In den Tanzpausen saßen wir an der Bar, unterhielten uns und ließen es uns gut gehen. Der Wein, die Musik, das schöne Ambiente trugen reichlich dazu bei. Dann tanzten wir wieder und flirteten dabei ordentlich. Die Tanzfläche wurde immer leerer – endlich hatten wir genügend Platz, um unsere Tanzkünste zu entfalten!

„Ein weißes Boot mit nem Segel darauf“, schnulzten die Fantasy-Sänger. „Hab‘ ich für dich schon heimlich gebaut“, wurde mein hübscher Tänzer Alois immer romantischer. Wir vergaßen die Zeit, die Menschen um uns herum – es gab nur noch die Tanzfläche mit einer riesigen Spiegelsäule in der Mitte, wo ich doch ab und zu reinschaute, um zu kontrollieren, ob die Haare immer noch gut lagen und die Tanzhaltung korrekt war. Irgendwann sah ich mich um und merkte, dass auf der Tanzfläche nur noch zwei Paare schwebten – es ist leicht zu erraten, wer es war. Ich warf einen Blick auf die große Uhr an der Wand: 2 Uhr! Keine Gäste mehr da! Nur das abgekämpfte Personal samt Chef stand hinter der aufgeräumten Theke und guckte uns erwartungsvoll und sichtlich genervt an.

„Ich finde, wir sollten jetzt abhauen. Die fangen gleich an zu fegen“, meinte Lisa, nüchtern wie sie war.

„Aber wir haben noch eine Stunde!“, maulte ich. Dann sah ich erneut die müden Blicke der Frauen hinter der Theke und lenkte ein. „Okay, die Armen wollen zu ihren Männern. Erlösen wir sie.“