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Maria erinnert sich, wie sie in den 1960er-Jahren auf einem Bauernhof mit ihren Brüdern Josef und Franz im Dorf aufgewachsen ist. Während Josef, der Älteste, in die Fußstapfen des Vaters tritt, entzieht sich Franz, Nesthäkchen und Liebling der Mutter, den traditionellen Erwartungen des rauen Alltags. Maria ist zerrissen zwischen Anpassung und Sehnsucht. Sie träumt von einem selbstbestimmten Leben außerhalb der engen Grenzen des Dorfes, bleibt aber, heiratet Toni und bekommt ein Kind. Mittellos und in Abhängigkeit gefangen, arbeitet Maria pflichtbewusst mit, wo sie gebraucht wird, und pflegt nahe Angehörige. Als Maria Toni eines Tages reglos am Boden vorfindet, sieht sie erstmals eine Chance, dem vorgezeichneten Leben zu entgehen. Verena Dolovai erzählt in ihrem Roman von patriarchal geprägten dörflichen Strukturen und der Schwierigkeit, auszubrechen. Gelingt es Maria, das Dorf hinter sich zu lassen? Und wo ist eigentlich Franz?
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Seitenzahl: 191
Veröffentlichungsjahr: 2024
Cover
Impressum
Autorin und Klappentext
Titelseite
Buchanfang
Wir bedanken uns für die finanzielle Unterstützung beim
Land Niederösterreich.
Die Autorin bedankt sich bei der Kunstsammlung des Landes Oberösterreich für das Aufenthaltsstipendium 2022
in Bad Hall zum Zweck der Arbeit am vorliegenden Roman.
© 2024, Septime Verlag, Wien
Alle Rechte vorbehalten.
Lektorat: Elisabeth Schöberl
Umschlag: Jürgen Schütz
Umschlagmotiv: © i-stock
EPUB-Konvertierung: Esther Unterhofer
ISBN: 978-3-99120-041-3
Printversion: Hardcover, Schutzumschlag
ISBN: 978-3-99120-035-2
www.septime-verlag.at
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Verena Dolovai
VERENA DOLOVAI wurde 1975 in Gmunden geboren. Nach absolvierten Studien der Rechtswissenschaften & Dolmetsch- und Übersetzerwissenschaften an der Universität Wien ist sie als Juristin und Autorin tätig. Verena Dolovai arbeitet in Wien, lebt in Klosterneuburg und ist auch in der Literaturvermittlung engagiert. Sie hat zahlreiche Texte in literarischen Zeitschriften und Anthologien veröffentlicht und ist Mitglied der Grazer Autorinnen Autorenversammlung, der Interessengemeinschaft Autorinnen Autoren und von Podium Literatur.
Dorf ohne Franz ist ihr Debütroman.
Klappentext:
Maria erinnert sich, wie sie in den 1960er-Jahren auf einem Bauernhof mit ihren Brüdern Josef und Franz im Dorf aufgewachsen ist. Während Josef, der Älteste, in die Fußstapfen des Vaters tritt, entzieht sich Franz, Nesthäkchen und Liebling der Mutter, den traditionellen Erwartungen des rauen Alltags. Maria ist zerrissen zwischen Anpassung und Sehnsucht. Sie träumt von einem selbstbestimmten Leben außerhalb der engen Grenzen des Dorfes, bleibt aber, heiratet Toni und bekommt ein Kind. Mittellos und in Abhängigkeit gefangen, arbeitet Maria pflichtbewusst mit, wo sie gebraucht wird, und pflegt nahe Angehörige.
Als Maria Toni eines Tages reglos am Boden vorfindet, sieht sie erstmals eine Chance, dem vorgezeichneten Leben zu entgehen.
Verena Dolovai erzählt in ihrem Roman von patriarchal geprägten dörflichen Strukturen und der Schwierigkeit, auszubrechen. Gelingt es Maria, das Dorf hinter sich zu lassen? Und wo ist eigentlich Franz?
Verena Dolovai
Dorf ohne Franz
Roman | Septime Verlag
Für Josefa
Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,
Mag lähmender Gewöhnung sich entraffen
Hermann Hesse, Stufen
Meine Knie schmerzen. Ich hebe den Kopf und richte meinen Blick auf das Kreuz. Dann stütze ich mich mit den Händen an der Rücklehne der Bankreihe vor mir ab, stehe auf und sehe auf die Uhr. Toni wartet sicher schon auf sein Mittagessen. Der Pfarrer sagt immer: Der liebe Gott sieht alles. Ich klopfe den Staub von meinem Rock, mache einen Knicks und das Kreuzzeichen Richtung Altar, drehe mich um und gehe zum Ausgang. Das schwere Kirchentor öffnen. Als mir die Mittagssonne durch den offenen Spalt ins Gesicht sticht, kneife ich die Augen zusammen. Die Luft ist so dick, dass ich kaum atmen kann. Der heißeste Tag des Jahres, haben sie heute Früh im Radio gesagt. Mit jedem Schritt klebt mein Rock mehr an den Oberschenkeln. Ich gehe dicht am Zaun von Josefs Grund entlang. Seine Enkel spielen auf der Wiese Fangen.
Josef hat als ältestes von uns Geschwistern den Hof bekommen. Und die angrenzenden Baugrundstücke. Dabei hätte jedes Kind einen Grund bekommen sollen, Josef, Franz und ich. Aber damals, als es darum ging, den Besitz aufzuteilen, war Josef dauernd bei Papa. Geredet haben sie. Gestört hat sie niemand. Ich nicht und Mama auch nicht. Die Männer durfte man nicht unterbrechen. Sie hatten wichtige Dinge zu besprechen. Mit mir redete Papa anders. Da schlug er den gleichen Ton an wie mit der Magd. Immer ging es um irgendwelche Arbeiten, die ich erledigen sollte. Mama war im Stall, in der Küche oder auf dem Feld. Eine Ausbildung zur Köchin wollte ich in der Stadt machen, aber Mama und Papa waren dagegen. Auf dem Hof würden sie mich brauchen. Im Nähzimmer, in der Nacht, hielt mir Papa schließlich einen Zettel unter die Nase. Unterschreib! Hinter ihm Mama, Josef, Franz und der Herr Notar. Ich sah auf das Papier. Durchlesen musst du das nicht, meinte Papa. So ein Theater wegen einer Unterschrift, dachte ich und kritzelte meinen Namen auf die punktierte Linie. Erbverzicht stand oben drüber. Dann stopfte ich die Socken weiter.
Ich gehe über den Marktplatz, an der Volksschule und am Gemeindeamt vorbei. Schön haben sie die Fassade gestrichen. Überhaupt sieht jetztalles schöner aus als damals. Es gibt viele Geschäfte. Sie heißen so wie in jedem anderen Ort auch. Sogar der Kaugummiautomat mit den Gummibällen ist abmontiert worden. Wenn es um die Gemeinde geht, hilft Josef auch mit. Wie früher. Ich habe den Gasthof beinahe erreicht. Die Hühnersuppe wird nun genau richtig sein. Ich öffne die Tür zur Einliegerwohnung. Einzelne Haarsträhnen haften an meinem Gesicht. Toni?, rufe ich, nachdem ich die Schuhe abgestreift habe. Es riecht nach Hühnersuppe. Ich klopfe an die Tür von Tonis Zimmer. Er antwortet nicht. Ich öffne die Tür und spüre einen Widerstand. Als ich durch den offenen Türspalt luge, sehe ich, dass Toni auf dem Boden liegt. Aus seinem Mund läuft Speichel. Seine Augen sehen seltsam verdreht aus. Langsam schließe ich die Tür wieder. Gehe nach draußen. Gehe immer weiter. Aus dem Dorf hinaus.
Von Beginn an ist Franz Mamas Liebling. Er ist fünf Jahre nach Josef und vier Jahre nach mir geboren. Das Nesthäkchen, ein paar Wochen zu früh in einer kalten Februarnacht auf die Welt gekommen. Die Russen und Amerikaner schon zehn Jahre weg. Der Krieg bereits zwanzig Jahre vorbei. Die knarzenden Schritte der herannahenden Hebamme auf dem von Schnee und Eis bedeckten Boden. Papa, der die ächzende Tür zur Stube aufmacht, mit der Hand den Weg nach oben anzeigt, wo die grellen Schreie herkommen. Mein Bruder Josef und ich mit großen Augen hinter Papa versteckt. Sein Atem riecht scharf nach Alkohol. Die Magd hat ihn vom Wirt geholt, als die Wehen viel zu früh bei Mama eingesetzt hatten. Die Hebamme in ihrem hellen Gewand, eine weiße Schürze umgebunden, eine schwarze Tasche in der Hand. Sie hinterlässt nasse Spuren. Es raschelt, als sie die steile Treppe hinaufwetzt, den Schreien folgt. Die Tür des Schlafzimmers fällt zu. Aber die Schreie sind immer noch zu hören. Papa gießt sich Schnaps ein. In einem Zug kippt er die klare Flüssigkeit hinunter und stöhnt tief und laut, als würde ihm selbst die Niederkunft bevorstehen. Er schüttelt Josef und mich ab wie lästige Fliegen und scheucht uns in den Hof hinaus. Wir rennen in den Stall. Der vertraute Geruch von warmen Kuhfladen und Heu. Das Kalb steht unter der Mutterkuh und hängt an einer Zitze. Es ist nicht mehr so wackelig auf den Beinen wie vor einigen Tagen. Die Kühe schielen uns von der Seite an, während wir an ihnen vorbeischlüpfen. Ich rufe nach Minka. Die Katze erwartet Nachwuchs und ich vermute sie im Stall. Schon öfter hat sie hier ihre Jungen zur Welt gebracht, von denen Papa meist alle ertränkte. Minka kommt nicht. Wir laufen wieder nach draußen und die Stufen zum Heuboden hinauf. Drängen uns in eine Ecke, bauen uns ein Nest aus Stroh. Kuscheln uns eng aneinander. Josef zittert. Sein Kopf ist heiß. Bist du krank?, frage ich ihn. Er zuckt mit den Schultern. Ich höre seine Zähne aufeinanderschlagen. Mir ist kalt, sagt er. Ich decke ihn mit Stroh zu und presse mich enger an ihn. Mamas Schreie hören wir nur mehr dumpf aus weiter Ferne. Wir schlafen ein.
Es dämmert bereits, als die Magd unsere Namen ruft. Wir reiben uns den Schlaf aus den Augen und stolpern die Stufen hinunter. Der Bub ist klein, aber gesund. Eurer Mama geht es gut, empfängt uns die Magd im Hof und gestikuliert mit ihren Händen aufgeregt herum. Ihr könnt raufgehen. Die Hebamme ist schon fort. Euer Papa ist oben. Josef drückt die Türklinke hinunter. Es quietscht, als er die Tür langsam aufmacht.
Im Schlafzimmer riecht es nach Käse, Blut, Metall. Papa sitzt am Bettrand. Wir gehen auf das Bett zu. Daneben steht eine Schüssel mit roter Flüssigkeit und einem Fetzen. Hinter Papas dunkler Gestalt taucht Mama auf. An ihrer nackten Brust haftet ein schwarzes Köpfchen. Mama bemerkt uns, sieht auf und sagt mit belegter Stimme: Das ist euer Bruder Franz. Ihre dunklen Augen sind wässrig. Ihr Haar ist so nass wie das des Säuglings. Josef sagt: Der ist aber klein. –Hauptsache, ein Bub!, sagt Papa. Ich greife nach dem Köpfchen, möchte es berühren. Möchte spüren, ob es sich anfühlt wie feuchtes Maulwurfsfell, doch Mama klopft auf meine Finger und sagt: Später, Maria! Ich mache einen Schritt zurück. Papa ruft nach der Magd. Bring die beiden wieder runter! Die Gretl braucht jetzt eine Ruh! Ich werfe noch einen Blick auf das Baby namens Franz. Es macht ein seltsames Geräusch, es klingt wie ein Stöhnen, wie das Grunzen meines verstorbenen Großvaters, wenn er auf der Sitzbank in der Küche eingeschlafen war. Unser Bruder Franz ist gerade erst geboren und klingt wie ein alter Mann.
Mama erholt sich gut von der Geburt. Der metallische Geruch aus unserem Schlafzimmer ist jenem nach Muttermilch und süßlichem Stuhl gewichen. Wir hören den kleinen Franz an Mamas Brust schmatzen, hören ihn furzen, hören ihn weinen, während Papa die Geburt seines zweiten Sohnes immer nochnächtelang imGasthof feiert. Wenn die Kirchturmglocken zur vollen Stunde drei Mal schlagen, kommt er ins Bett gekrochen. Der Geruch des Säuglings vermischt sich mit Papas herben Ausdünstungen. Spätestens dann ist es vorbei mit dem Schlaf. Während Josef sich nicht daran zu stören scheint und weiter im Traum lacht, bekomme ich kein Auge mehr zu. Nebenan ist die Kammer der Großmutter. Sie ist bereits bettlägerig. Ein Oberschenkelhalsbruch nach einem Sturz über die Treppe hat ihr zunächst eine Operation im Krankenhaus, danach ein schmerzvolles Dahinsiechen in der Kammer beschert. Von der Operation hat sie sich nicht mehr erholt. Dazu ihr Herzleiden, das sich nach dem Aufenthalt im Krankenhaus zunehmend verschlechtert hat. Dass sie der Mann vom Gemeindeamt regelmäßig in der Kammer aufsucht, scheint keinen zu wundern oder gar zu stören. Ich denke: Der kümmert sich aber fürsorglich um die Großmutter! Josef hingegen meint, die würden ekelhafte Dinge treiben. Er steckt seinen rechten Zeigefinger durch das Loch, das sein linker Daumen mit seinem linken Zeigefinger geformt hat, schiebt den rechten Zeigefinger hin und her und grinst.
Während in unserem Schlafzimmer lauthals geschnarcht, gestöhnt, gefurzt, im Traum gelacht wird, ist aus der Kammer meist nur mehr ein zart leidendes Wimmern zu hören. Aber hin und wieder schreit die Großmutter nach meinem verstorbenen Großvater. Ein aggressiver Tonfall, der so ganz anders klingt als die sonstigen Laute aus ihrem Mund. Das sind die Medikamente, meint Papa. Sie kennt sich nimmer aus! Josef und mir ist die Großmutter unheimlich geworden. Wir meiden die Kammer.
Als es ans Ende ihrer Tage geht, ruft Papa nach dem Pfarrer. Mit gesenktem Kopf tritt er aus der Kammer. Dann schiebt Papa uns hinein, damit wir uns von der Großmutter verabschieden können. Josef und ich gehen zum Bett der Großmutter und stellen uns ans Kopfende. Großmutter sieht aus wie ein Geist. Die bleiche Gesichtsfarbe lässt sich kaum von jener des Bettlakens unterscheiden. Der Übergang vom Nachthemd zu dem Berg von Decken, unter denen sie liegt, ist fließend. Großmutters Augen sind geschlossen, der Mund halb offen, die Wangen eingefallen. Dünn wie Pergament überzieht die faltige Haut ihr Gesicht. Kann sie uns hören?, fragt Josef und wendet sich an Papa. Der zuckt die Schultern. Josef berührt Großmutters Gesicht und sagt: Kalt. Papa tritt näher ans Bett heran. Er legt sein Ohr an ihren Mund, stöhnt kurz auf. Eine Mischung aus Schmerz und Erleichterung. Er schickt uns nach draußen. Wenige Stunden später kommen ein paar Männer mit einem Sarg.
Es ist ein Sonntag, an dem die Großmutter beerdigt wird. Papa und drei weitere Männer schultern den Sarg und führen den Trauerzug mit dem Pfarrer an. Es folgen Mama, mit Franz um den Bauch gebunden, sowie links und rechts von ihr Josef und ich. Hinter uns der Bürgermeister, der Wirt mit seiner Frau und den beiden Söhnen Toni und Ferdinand, der Wasserverband, die Feuerwehr, alle Bauern aus dem Ort, alte, gebückte Männer und Frauen, auf Stöcke gestützt. Schlurfend, einen Fuß hinter den anderen herziehend, eine Traube zu Boden geneigter Köpfe in Schwarz. Das Ende des Trauerzugs bilden junge Erwachsene und Kinder. Ich drehe mich um und sehe, wie Toni, der ältere Sohn des Wirts, mit dem Fuß einen Stein zur Seite schießt und daraufhin einen strengen Blick seiner Mutter erntet. Sie zieht ihn an der Hand näher zu sich heran. Toni lacht mir verschmitzt zu. Ich drehe mich wieder nach vorn.
Am Friedhof angekommen ertönt ein lauter Trommelschlag. Ein weiterer. Hörner, Trompeten setzen ein. Schwermütige Töne, ansonsten Stille. Wir versammeln uns um das offene Familiengrab. Ein riesiger Erdhaufen ist daneben aufgeschüttet. Vor dem Grab ist ein Kübel mit Erde auf einer Leiter platziert. Eine kleine Schaufel steckt darin. Der Pfarrer beginnt mit seiner Ansprache. Die Pfarrgemeinde habe ein wertvolles Mitglied der katholischen Kirche verloren. Eine gute Christin sei Hannelore gewesen. Jeden Sonntag habe sie der heiligen Messe beigewohnt, regelmäßig habe sie Abbitte geleistet und ihre Sünden gebeichtet. Ein arbeitsames Leben in mit ihrem bereits verstorbenen Ehemann verbundener Treue habe sie geführt. Drei Söhne habe sie geboren, von denenzwei im Krieg gefallen seien. Aber beim Herrgott habe sie Trost für den Verlust gefunden. Bescheiden und fleißig sei sie stets gewesen. Geduldig habe sie den Schmerz ertragen bis zu ihrem Ende. Der Herr sei ihr beigestanden in den letzten Stunden ihres Todes. Nun habe er sie von ihrem Leiden erlöst. Viel Schöneres würde nun auf Hannelore warten. Ihre Seele würde in uns allen weiterleben. Sie sei wieder vereint mit ihrem geliebten Ehemann. Amen.
Der Sarg wird an Seilen in das offene Grab hinabgelassen. Die Sargträger stöhnen. Franz beginnt zu weinen. Mamatänzeltherum, streicht sein Köpfchen. Sie macht Schschsch. Papa stellt sich vor das Grab. Seine eisblauen Augen leuchten. Feine Äderchen durchziehen seine rauen Wangen, eine Schnittwunde vom Rasieren klafft auf seinem Kinn auseinander. Das Haar hat er streng zur Seite gescheitelt. Feine Schuppen sammeln sich in seinem Nacken. Papa nimmt die Schaufel aus dem Kübel, lädt Erde darauf und lässt sie ins Grab rieseln. Er macht das Kreuzzeichen und tritt zur Seite. Mama und wir Kinder sind nun an der Reihe. Josef tut es Papa gleich. Er drückt mir die Schaufel in die Hand und nickt mir zu. Die Erde ist härter, als ich vermutet habe. Nur ein paar kärgliche Erdklümpchen kann ich davon lösen und lasse sie auf den Sarg bröseln. Unter angestrengtem Ächzen sticht Mama mit der rechten Hand in die Erde, ihr linker Arm umklammert Franz. Sie seufzt, als die Erde auf den Sarg fällt, und tritt einen Schritt zur Seite. Nach und nach verabschiedet sich das ganze Dorf von meiner Großmutter Hannelore, macht Kreuzzeichen oder Knicks oder beides und lässt Erde hinabgleiten. Dann schütten die Totengräber das Grab zu.
Der Trauerzug trottet durch das Friedhofstor hinaus Richtung Gasthof, während Papa, Mama, Josef, Franz und ich noch eine Weile stehen bleiben. Jetzt ist es Zeit, meint der Pfarrer zu Papa und legt die Hand auf seine Schultern. Papa nickt und kehrt dem Grab den Rücken zu. Er geht mit dem Pfarrer hinaus, Mama folgt den beiden. Als sie draußen sind, stellt sich Josef breitbeinig vor das Grab und spuckt hinein. Ich reiße die Augen auf und frage: Wieso machst du das? – Sie war eine Hexe, erwidert er mit kalter Miene, schiebt mit dem Fuß Kieselsteine ins Grab und geht pfeifend durch das Friedhofstor nach draußen.
Mama will den kleinen Franz nicht aus der Hand geben. Keiner außer ihr darf ihn halten. Er sei zu zart, zu zerbrechlich, meint Mama abwehrend, als sich im Gasthof die Frauen um sie drängen und ihre Hände nach meinem kleinen Bruder strecken. Das Leben geht weiter, sagen die Stimmen. Oder: Geburt und Tod, so nah beieinander. Oder: Der Herrgott gibt, der Herrgott nimmt. Und dass Franz die Augen von Hannelore habe. Die zuvor achtsam eingesteckten Hemden und Blusen der Trauergäste hängen mittlerweile schlampig aus Hosenbünden und Röcken, als wäre die Anspannung auch von den Kleidungsstücken gefallen. Die Kinder wieseln zwischen den Beinen der Erwachsenen und den Tischen umher, während die Frauen Teller mit Rindfleisch und Semmelkren über ihre Köpfe hinweg servieren. Auch unsere Magd hilft aus.
Ich muss dringend aufs Klo und laufe auf den Gang hinaus. Als ich ums Eck biege, sehe ich sie. Unsere Magd. Ihre halb offene Bluse, die üppigen weißen Brüste hervorquellend. Und Papa, der die Magd mit der einen Hand an die Wand drückt, mit der anderen unter die Bluse der Magd fährt. Ich bleibe stehen. Kann den Blick nicht von den beiden wenden. Höre Papa schnaufen, etwas in ihr Ohr flüstern. Sie kichert. Ich trete zurück. Sie sind so miteinander beschäftigt, dass sie mich nicht bemerken. Langsam gehe ich in die Gaststube zurück. Ein Rauchschleier hat sich mittlerweile über die Tische gelegt, ich kneife die Augen zusammen, sie brennen. Ich spüre Tränen aufsteigen, suche nach Mama, suche nach Josef. Aufs Klo muss ich auch noch immer. Ich presse die Beine zusammen. Jemand tippt mir auf die Schulter. Ich erschrecke, drehe mich um. Blicke in die frechen Augen von Toni, eine riesige Zahnlücke offenbart sich. Tausend Sommersprossen bedecken seine Nase. Wir spielen Verstecken, ich kenne das beste Versteck hier. Soll ich es dir zeigen?, fragt er. Ich spüre, wie es warm zwischen meinen Beinen wird. Bestürzt schüttle ich den Kopf und laufe davon.
Als ich wieder zurückkomme, trage ich das Alltagskleid. Mama fragt verärgert: Was ist denn mit dem schönen Kleid passiert? Warum hast du eine andere Strumpfhose an? Du weißt doch, dass erst am nächsten Samstag wieder gewaschen wird! – Es war schmutzig, antworte ich. Sie grummelt irgendetwas. Dann ist sie wieder mit Franz beschäftigt. Mittlerweile sitzt die Trauergemeinschaft bei Kaffee und Kuchen. Jeder Mann hat zusätzlich ein Glas Bier vor sich stehen. Voll. Halb voll. Leer. Neues Bier wird gebracht. Der Bierkreislauf wiederholt sich immer und immer wieder. Schaum in Bärten. Schaum auf Lippen. Schaum auf dem Handrücken. Der Wirt hat sich an den Stammtisch gesetzt. Dorthin, wo jeder seinen festen Platz hat nach der Messe am Sonntag. Am Kopf des Tisches der Wirt, rechts von ihm der Pfarrer, links von ihm der Bürgermeister, daneben Papa. Ich suche Josef und sehe ihn mit den anderen Buben auf dem Gang stehen. Sie bilden einen Kreis. Wie eine eingeschworene Gesellschaft, in der niemand anderer etwas verloren hat. Wenn die Buben da sind, bin ich für Josef Luft. Toni zeigt auf mich, während ich mich langsam nähere. Ich höre ihr unterdrücktes Lachen wie einen Traktor stottern und bleibe stehen. Josef sieht mich an. Dann Richtung Boden. Sie hat sich in die Hose gemacht!, schreit Toni. Und dann brechen sie in lautes Gelächter aus. Josef verschränkt die Arme und wendet sich von mir ab. Am liebsten würde ich mich in Luft auflösen. Stattdessen klebe ich am Boden fest. Scheine Wurzeln zu schlagen wie ein Baum. Bis mir einer das Kleid hochreißt und schreit: Eh nicht mehr nass! Eine Träne löst sich und bahnt sich den Weg über mein Gesicht. Ich wische sie mit dem Handrücken weg, so schnell ich kann. Dann drehe ich mich um und gehe mit zusammengebissenen Zähnen in die Gaststube zurück. Ich setze mich artig neben Mama, bis sich die Gaststube leert. Übrig ist nur mehr einer, der von Glas zu Glas geht, sich die Bierreste der anderen in sein eigenes Glas zusammenleert und alles austrinkt.
Abends, als Josef und ich allein sind, erzähle ich ihm, dass ich Papa mit der Magd gesehen habe. Ich bin sicher, Josef wird es Mama weitererzählen.
Doch es ist nicht nötig. Mama scheint es bereits zu wissen. Ihr Gesicht sieht aus, als hätte es einen langen Kampf gegen die Tränen ausgefochten und schließlich verloren. Ergeben ihre Augen, die sich wie kleine schwarze Knöpfe hinter den aufgequollenen Wangen verstecken und erholen. An diesem Abend legt sie sich früher als sonst mit Franz ins Bett. Papa ist noch immer nicht zu Hause. Die Magd auch nicht.
Josef und ich stehen jeden Tag um sechs Uhr auf. Wir gehen mit der Magd in den Stall und sehen ihr beim Melken zu. Mit sicherem Griff umklammert sie die Zitzen, drückt zu und lässt den Milchstrahl in den Blecheimer spritzen. Dann sind wir an der Reihe. Das Kuheuter ist glatt und warm. Mir will es nicht so recht gelingen wie Josef, der die Handbewegung der Magd perfekt nachahmt und mit reichlich Milch im Eimer belohnt wird. Wird schon noch!, ermuntert mich die Magd. Wir helfen auch beim Füttern und Stallausmisten. Am Abend wird noch einmal gemolken. Seit Großmutter tot ist, schläft Josef in der Kammer. Und ich muss mich ins Zimmer zur Magd legen. Sie zeigt mir, wie sich Mädchen schön machen. Gut riechen musst du, meint sie. Und Lippen so rot wie Blut, das mögen die Männer. Sie sprüht mir süßen Duft auf mein Handgelenk. Ich muss husten, die Magd lacht. Mein Blick wandert zu ihren Brüsten. Ja, das mögen die Männer auch, wirst sehen. Aber du musst mehr essen. Sonst werden deine Brüste nicht wachsen und dann schaust du aus wie ein Bub. Da wird dich keiner angreifen wollen!
Franz wird das Zentrum von Mamas Welt. Vielleicht will sie sich aber auch nur mit meinem kleinen Bruder ablenken, die Augen verschließen vor Papas Blicken, die nicht ihr, sondern der Magd gelten. Der Magd, deren Kittel kürzer ist als jener aller anderen. Der Magd, deren Bluse offener, deren Lippen roter, deren Duft lieblicher ist.
Der kleine Franz wird größer. Auch wenn er ein schlechter Esser ist und nur langsam wächst. Er ist nicht so pausbackig und robust vom Körperbau her wie Josef und ich. Keine Pölsterchen um seine Knochen, keine kleinkindhaften Speckfalten in seiner Haut. Er spuckt beim Essen alles aus, es tropft und sabbert aus seinem Mund. Unermüdlich fängt Mama das Essen auf und kippt es zurück in die kleine Öffnung. Franz streckt die Zunge heraus und kippt Flüssiges wie Festes zurück nach draußen. Einzig Apfelmus schluckt er hinunter. Ich darf Franz nicht füttern, obwohl ich gern würde. Er weckt auch meine mütterlichen Instinkte und ich möchte ihn umsorgen, möchte ihn drücken, mit ihm kuscheln, mit ihm spielen und ihn beaufsichtigen wie meine Puppe. Leider lässt ihn Mama selten aus ihrer Obhut. Nie errötet seine Haut, weder wenn sie zu starker Hitze noch wenn sie zu starker Kälte ausgesetzt ist. Stets ist Franz blass. Unter seiner Haut schimmern in zartem Blau dünne Äderchen, die sich auf seinem Gesicht verzweigen. Mama
