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Dr. Daniel ist eine echte Erfolgsserie. Sie vereint medizinisch hochaktuelle Fälle und menschliche Schicksale, die uns zutiefst bewegen – und einen Arzt, den man sich in seiner Güte und Herzlichkeit zum Freund wünscht. »Nicht weinen, mein Liebling«, tröstete Louisa Sorrenti ihre zwölfjährige Stieftochter Violetta, die mit angezogenen Beinen und leise wimmernd auf der Untersuchungsliege lag. »Gleich wird ein Doktor kommen, der dir helfen kann.« »Mein Bauch tut so weh, Mama«, jammerte Violetta. Mit einer zärtlichen Geste streichelte Louisa über das tiefschwarze Haar des Mädchens. »Ich weiß, mein Schatz«, entgegnete sie teilnahmsvoll. »Es dauert sicher nicht mehr lange…« Sie unterbrach sich, als ein junger Arzt hereintrat. Er begrüßte Louisa, stellte sich als Dr. Kaiser vor und warf dann einen Blick auf den Überweisungsschein des Arztes, den die Stiefmutter der kleinen Patientin mitgebracht hatte. »Na, dann wollen wir mal sehen, was dir solche Schmerzen bereitet«, meinte er, während er zur Untersuchungsliege trat. Er schob Violettas Pulli hoch und ihre Hose ein Stück hinunter. Danach tastete er gewissenhaft den Bauch der Zwölfjährigen ab. Mit einem Schmerzenslaut zog Violetta ihre Beine wieder an, Tränen kullerten über ihre Wangen. Tröstend streichelte Dr. Kaiser über ihr dichtes Haar. »Schon vorbei, Kleines«, erklärte er beruhigend. »Jetzt tue ich dir nicht mehr weh.« Er lächelte sie an. »Dein Blinddarm ist schuld an deinen Bauchschmerzen, aber den werden wir nun gleich herausnehmen.« Er wandte sich Louisa zu. »Ihre Tochter hat eine akute Blinddarmentzündung. Wir müssen sofort operieren. Sind Ihnen irgendwelche Allergien bei ihr bekannt?« »Nein«, antwortete Louisa. »Violetta hatte nie irgendwelche Probleme in dieser Richtung.« Der Arzt machte sich eine Notiz. »Sehr gut.« Wieder sah er Louisa an. »Wann hat die Kleine zuletzt etwas gegessen?« »Heute mittag, allerdings nicht sehr viel, weil sie da schon Bauchschmerzen hatte.« Sie lächelte entschuldigend. »Ich
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Seitenzahl: 112
Veröffentlichungsjahr: 2016
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»Nicht weinen, mein Liebling«, tröstete Louisa Sorrenti ihre zwölfjährige Stieftochter Violetta, die mit angezogenen Beinen und leise wimmernd auf der Untersuchungsliege lag. »Gleich wird ein Doktor kommen, der dir helfen kann.«
»Mein Bauch tut so weh, Mama«, jammerte Violetta.
Mit einer zärtlichen Geste streichelte Louisa über das tiefschwarze Haar des Mädchens.
»Ich weiß, mein Schatz«, entgegnete sie teilnahmsvoll. »Es dauert sicher nicht mehr lange…« Sie unterbrach sich, als ein junger Arzt hereintrat. Er begrüßte Louisa, stellte sich als Dr. Kaiser vor und warf dann einen Blick auf den Überweisungsschein des Arztes, den die Stiefmutter der kleinen Patientin mitgebracht hatte.
»Na, dann wollen wir mal sehen, was dir solche Schmerzen bereitet«, meinte er, während er zur Untersuchungsliege trat. Er schob Violettas Pulli hoch und ihre Hose ein Stück hinunter. Danach tastete er gewissenhaft den Bauch der Zwölfjährigen ab.
Mit einem Schmerzenslaut zog Violetta ihre Beine wieder an, Tränen kullerten über ihre Wangen. Tröstend streichelte Dr. Kaiser über ihr dichtes Haar.
»Schon vorbei, Kleines«, erklärte er beruhigend. »Jetzt tue ich dir nicht mehr weh.« Er lächelte sie an. »Dein Blinddarm ist schuld an deinen Bauchschmerzen, aber den werden wir nun gleich herausnehmen.« Er wandte sich Louisa zu. »Ihre Tochter hat eine akute Blinddarmentzündung. Wir müssen sofort operieren. Sind Ihnen irgendwelche Allergien bei ihr bekannt?«
»Nein«, antwortete Louisa. »Violetta hatte nie irgendwelche Probleme in dieser Richtung.«
Der Arzt machte sich eine Notiz. »Sehr gut.« Wieder sah er Louisa an. »Wann hat die Kleine zuletzt etwas gegessen?«
»Heute mittag, allerdings nicht sehr viel, weil sie da schon Bauchschmerzen hatte.« Sie lächelte entschuldigend. »Ich dachte natürlich nicht gleich an eine Blinddarmentzündung. Kinder haben ja leicht mal Bauchweh.«
»Da haben Sie recht«, stimmte der Arzt zu, machte erneut eine Notiz und wies dann die hereintretende Krankenschwester an, Violetta zum Operationssaal zu bringen. Er beobachtete noch, wie sich Louisa liebevoll von ihrer Tochter verabschiedete, ihr versicherte, daß alles gut werden würde, und dem Kind dann mit sorgenvollem Blick nachsah.
»Machen Sie sich keine Gedanken, Frau Sorrenti«, meinte Dr. Kaiser. »Violetta ist hier in den besten Händen. Chefarzt Dr. Breuer wird den Eingriff persönlich vornehmen.«
Überrascht sah Louisa ihn an. »Ich dachte immer, Blinddarmoperationen wären Routineeingriffe, die von… wie soll ich sagen… von ganz normalen Ärzten durchgeführt würden.«
Dr. Kaiser lächelte. »Dr. Breuer ist Chirurg aus Leidenschaft; er muß einfach am OP-Tisch stehen, und er ist der gewissenhafteste Arzt, den Sie sich für ihre Tochter wünschen können.«
»Das beruhigt mich sehr«, versicherte Louisa.
Dr. Kaiser begleitete sie noch in den Aufenthaltsraum, dann machte er sich auf den Weg zum Operationssaal. Inzwischen hatte der Anästhesist schon die Narkose eingeleitet und spritzte dem Mädchen nun ein Medikament zur Muskelerschlaffung.
»He, was ist das denn?« murmelte er erstaunt, als es unmittelbar nach der Injektion bei Violetta zu heftigen Muskelkontraktionen kam.
Der Anästhesist überprüfte die Dosierung und spritzte nach kurzem Überlegen noch einmal nach, dann nahm er von der Schwester das Lanryngoskop entgegen, prüfte die Stimmbänder der Patientin und schob anschließend durch ihren Mund den Endotrachealtubus in ihre Luftröhre. Über den Tubus bekam Violetta nun Sauerstoff und die entsprechende Menge Narkosegas verabreicht.
»Bereit«, verkündete der Anästhesist knapp, während er noch immer die leicht verkrampften Muskeln beobachtete. Das Muskelrelaxans hätte eigentlich längst wirken und die nötige Muskelerschlaffung herbeiführen sollen.
Jetzt trat Dr. Breuer an den OP-Tisch und streckte die rechte Hand aus. »Skalpell.«
Mit routinierter Sicherheit wollte er den Schnitt ausführen, hielt aber mitten in der Bewegung inne.
»Die Patientin ist ja völlig verkrampft«, stellte er fest und warf dem Anästhesisten einen verständnislosen Blick zu. »Hat die noch keine Muskelrelaxantien bekommen?«
»Doch«, antwortete der Anästhesist. »Ich habe sogar nachgespritzt, aber…« Er stockte. »Was ist das denn?«
Rasch trat der Chefarzt zu ihm und betrachtete die Anzeigen auf dem Monitor.
»Die ausgeatmete Luft enthält viel zu viel Kohlendioxid«, stellte er fest.
Der Anästhesist nickte. »Ich verstehe das nicht.« Er blickte auf die verkrampften Muskeln des Mädchens. »Beginnende Azidose. Verdammt, was ist das nur?«
»Vielleicht doch eine Allergie?« warf Dr. Kaiser dazwischen.
»Unmöglich«, entgegnete der Anästhesist. »Eine Narkose-Allergie äußert sich anders.« Er warf einen Blick auf das Fieberthermometer. »Ihre Temperatur ist sprunghaft gestiegen. Sie liegt jetzt bereits bei vierzig Grad.«
»Vermutlich eine Reaktion auf die Entzündung«, meinte Dr. Breuer. »Geben Sie ihr ein fiebersenkendes Medikament. In der Zwischenzeit mache ich sie auf. Vielleicht löst sich das Problem, wenn der entzündete Blinddarm draußen ist.» Allerdings würde das eigentlich allem widersprechen, was Dr. Breuer während der vielen Jahre seiner Tätigkeit als Chirurg gelernt hatte. Er war noch immer irritiert.
Trotz der extremen Muskelverkrampfungen setzte Dr. Breuer den Bauchschnitt. Fast im selben Moment eskalierte die Situation.
Violetta erlitt einen massiven Krampfanfall, während ihr ganzer Körper blau anlief. Verbissen versuchte der Ansästhesist, dem entsetzlichen Krampfanfall des Kindes Herr zu werden. Aus den Augenwinkeln erkannte er, daß die Körpertemperatur der Kleinen schon annähernd bei zweiundvierzig Grad lag. Über die Infusionskanüle verabreichte er Violetta ein entkrampfendes Medikament. Genau jetzt aber schrillte der anhaltende Piepton durch den Raum, der anzeigte, daß das Herz seinen Dienst versagte.
»Defibrillator!« brüllte der Chefarzt, während Dr. Kaiser mit Herzmassage begann.
»Auf 260 laden!« befahl Dr. Breuer, dann preßte er die Defibrillatorpaddel auf Violettas Brust. »Zurücktreten!« Ein Stromstoß jagte durch den zierlichen Körper der Kleinen, doch der Herzmonitor gab immer noch diesen schrecklichen Piepton von sich, der einem durch Mark und Bein fuhr.
»300!« Die Stimme des Chefarztes überschlug sich, doch auch der zweite Elektroschock brachte keinen Erfolg, und dann zeigte auch der Hirnmonitor eine Nullinie.
»Sie ist tot«, flüsterte der Anästhesist betroffen.
Dr. Breuer sackte förmlich zusammen. »Nein, o Gott, nein…« Er blickte auf die Zwölfjährige, deren lebloser Körper noch immer bläulich verfärbt war. »Was, um Himmels willen, ist denn da nur passiert?«
»Kreislaufversagen?« fragte Dr. Kaiser tonlos. Unwillkürlich mußt er daran denken, was er zu Violettas Stiefmutter vor kaum einer Viertelstunde gesagt hatte. Machen Sie sich keine Gedanken…
Und jetzt war das kleine Mädchen tot.
»Das war nicht der Kreislauf«, entgegnete der Anästhesist mit Entschiedenheit, dann schaltete er den Monitor ab. Der entsetzliche Pfeifton verstummte, doch die plötzliche Stimme legte sich noch drückender auf das Gemüt der Ärzte und Schwestern, die an der Operation teilgenommen hatten.
Erschöpft zog sich Dr. Breuer die grüne Haube vom Kopf und nahm den Mundschutz ab. Sein Gesicht wirkte verhärmt und beinahe grau. In diesem Moment schien er in erschreckendem Maße gealtert zu sein.
»Sie war erst zwölf«, murmelte er.
Er warf einen letzten Blick auf das tote Kind, dann verließ er mit schleppenden Schritten den Operationssaal. Während seiner langjährigen Laufbahn als Chirurg hatte er so manchen Exitus erlebt, und jeder einzelne hatte ihm zugesetzt, doch dieser hier war mit Abstand der furchtbarste von allen.
*
Unruhig ging Louisa Sorrenti im Aufenthaltsraum auf und ab, dabei blickte sie immer wieder ungeduldig zu der Uhr, die über der Eingangstür hing. Warum dauerte das nur so lange? Bei Paola war es doch damals so schnell gegangen.
In diesem Moment trat ein Arzt Anfang sechzig in den Aufenthaltsraum.
»Frau Sorrenti?« fragte er sie leise.
»Ja.« Louisa runzelte die Stirn. »Ist etwas mit Violetta?«
Der Arzt atmete tief durch.
»Ich bin Dr. Breuer«, stellte er sich vor, dann strich er mit einer Hand nervös über sein lichtes Haar. »Ich habe die Operation bei Ihrer Tochter vorgenommen, und…« Er stockte kurz. »Ich… Frau Sorrenti, es tut mir sehr leid, aber… ich muß Ihnen eine sehr traurige Mitteilung machen.«
Der Chefarzt sah, wie Louisa erstarrte. Ihr Gesicht glich jetzt einer Maske.
»Violetta…« begann Dr. Breuer langsam. »Sie bekam während des Eingriffs ganz plötzlich hohes Fieber und Muskelkrämpfe. Wir haben alles getan, doch es gelang uns einfach nicht, ihren Zustand unter Kontrolle zu bringen.«
»Soll das heißen…« Louisa räusperte sich, weil ihre Stimme auf einmal sehr rauh klang. »Violetta ist… tot? Gestorben bei einer angeblich so harmlosen Routineoperation?«
»Keine Operation ist harmlos«, berichtigte Dr. Breuer automatisch, dann ergriff er Louisas Hand. »Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie leid es mir tut. Es ist ganz entsetzlich. Und ich weiß nicht einmal, woran genau Violetta gestorben ist. Alle Ärzte, die bei der Operation dabei waren, können auf eine langjährige Erfahrung zurückblicken, aber… wir haben so etwas noch nie zuvor erlebt.«
Aufschluchzend schlug Louisa die Hände vors Gesicht. »Ob Sie die Todesursache kennen oder nicht… das ist für mich doch völlig gleichgültig! Meine Tochter ist tot… meine kleine Violetta! Vor einer Stunde war sie noch am Leben, und jetzt…« Ihre restlichen Worte gingen in hilflosem Schluchzen unter.
Dr. Breuer fühlte sich ganz elend. Es war ohnehin jedesmal schrecklich genug, den Angehörigen eines verstorbenen Patienten eine solche Mitteilung machen zu müssen, aber wenn es sich auch noch um ein zwölfjähriges Kind handelte… und darüber hinaus um eine Patientin, die nicht lebensgefährlich krank gewesen war… bei der nur ein Routineeingriff hatte gemacht werden sollen…
»Frau Sorrenti, ich weiß, daß es für Sie jetzt sehr grausam klingen muß, aber um die Todesursache Ihrer Tochter festzustellen, müßten Sie einer Autopsie zustimmen«, brachte Dr. Breuer mühsam hervor. Er haßte es, in solchen Augenblicken von derartigen Dingen sprechen zu müssen, aber es war leider unumgänglich, weil die Pathologie informiert werden mußte.
»Niemals!« brauste Louisa auf. »Wie können Sie annehmen, ich würde einwilligen, daß Sie meine kleine Violetta verstümmeln! Sie ist tot, auch eine Autopsie kann sie nicht wieder lebendig machen! Es ist mir völlig egal, woran sie gestorben ist. Mein kleines Mädchen ist tot…« Wieder begann sie zu schluchzen.
»Es tut mir leid«, murmelte Dr. Breuer.
Aus völlig verweinten Augen blickte Louisa den Chefarzt an. »Kann ich sie sehen? Nur noch ein letztes Mal?«
Dr. Breuer nickte. »Selbstverständlich, Frau Sorrenti. Allerdings… ich weiß nicht, ob das jetzt gut für Sie wäre.«
»Machen Sie sich darüber keine Gedanken«, entgegnete Louisa nicht ohne Schärfe. »Ich weiß sehr gut, was ich aushalten kann.«
Dr. Breuer begleitete sie zu dem Raum, in den man Violetta gebracht hatte. Die Operationswunde war geschlossen worden, der Anästhesist hatte Tubus und Infusionskanüle entfernt, dann hatte man das Mädchen mit einem weißen Tuch zugedeckt. Dr. Breuer zögerte einen Augenblick.
»Sind Sie wirklich sicher, daß Sie sie sehen wollen?« vergewisserte er sich noch einmal.
Louisa nickte gefaßt. »Ja, ich bin vollkommen sicher.«
Dr. Breuer griff nach dem Tuch und zog es so weit zurück, daß Louisa einen Blick auf Violettas Gesicht werfen konnte. Noch immer war die bläuliche Verfärbung zu erkennen.
Aufmerksam betrachtete Dr. Breuer die Frau, die so gefaßt auf ihre tote Tochter hinunterblickte. Irgendwie rechnete er damit, daß sich ihr offensichtlicher Schockzustand legen und sie zusammenbrechen würde. Doch Louisa beugte sich jetzt über Violetta und hauchte einen Kuß auf ihre Stirn.
»Leb wohl, mein Kleines«, hauchte sie. »Mein armes Kleines…«
*
»Francesca, Marisa, hört doch jetzt auf mit diesem Unsinn«, tadelte Tiziana Sorrenti ihre beiden jüngeren Schwestern, die sich im Grimassenschneiden gerade gegenseitig zu übertreffen versuchten.
Nach dem Tod seiner ersten Frau hatte Paolo Sorrenti wieder geheiratet, um seinen Kindern eine Mutter zu geben. Aus dieser Ehe war die kleine Francesca hervorgegangen, und vor allem Tiziana war in das Nesthäkchen von Anfang an ganz vernarrt gewesen.
Paolo Sorrenti hatte diese Entwicklung mit großem Wohlwollen verfolgt. Er war ganz glücklich gewesen, weil sich seine zweite Frau Louisa so rührend um die Kinder kümmerte und die vier Mädchen in so inniger Liebe aneinanderhingen. Allerdings hatte er das traute Familienglück nicht lange genießen können. Nur vier Jahre nach Francescas Geburt war er bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen.
Für die Kinder war das ein harter Schlag gewesen, und vor allem die kleine Francesca hatte lange nicht begreifen können, weshalb ihr geliebter Papa nicht mehr heimgekommen war. Tiziana hatte manchmal den Eindruck, als würde Francesca noch immer auf die Rückkehr des Vaters warten, allerdings war es auch für sie, Marisa und Violetta schwierig genug zu begreifen, daß ihr zärtlicher Papa nun für immer weg sein sollte.
Tiziana wurde aus ihren Gedanken gerissen, als sie das Geräusch der sich öffnenden Haustür vernahm. Rasch lief sie die Treppe hinunter, blieb auf dem letzten Treppenabsatz aber stehen, als sie das bleiche Gesicht ihrer Stiefmutter sah.
»Mama, was ist mit Violetta?« fragte Tiziana mit bebender Stimme. »Ist sie… sehr krank?«
Louisa bedeckte mit einer Hand ihre Augen. »Oh, Tizia, es ist so schrecklich. Violetta… unsere kleine Violetta… sie ist… tot.«
Aus weitaufgerissenen Augen starrte Tiziana ihre Stiefmutter an. Ihr Mund öffnete sich, als wolle sie schreien, doch kein Ton entrang sich ihrer Brust, und dann schlug sie eine Hand vor den Mund.
»O Gott«, stöhnte sie. »Mama… bitte sag… sag, daß es nicht wahr ist. Nicht Violetta…«
Die Achtzehnjährige stürzte sich weinend in Louisas Arme.
»Es ist so schrecklich«, stammelte Louisa, während sie tröstend Tizianas Rücken streichelte. Dabei lag ein Ausdruck auf ihrem Gesicht, der weder zu ihren Worten noch zu dem Tonfall in ihrer Stimme paßte, aber Tiziana weinte noch immer an Louisas Schulter und konnte dies nicht erkennen.
»Mama, was ist denn los?«
Die kleine Francesca kam an der Hand ihrer fünfzehnjährigen Halbschwester Marisa die Treppe herunter und blickte verstört auf die weinende Tiziana.
Louisa löste sich von der ältesten und nahm ihr Töchterchen auf den Arm.
»Francesca, Liebes, es ist etwas Schreckliches passiert«, erzählte sie leise. »Violetta… sie wird nicht mehr heimkommen.«
Entsetzen breitete sich auf dem Gesicht der Achtjährigen aus. »Wie Papa?«
Louisa nickte nach kurzem Zögern. »Ja, Schätzchen, genauso wie Papa.«
