Operation vor laufender Kamera - Marie Francoise - E-Book

Operation vor laufender Kamera E-Book

Marie Francoise

0,0

Beschreibung

Dr. Daniel ist eine echte Erfolgsserie. Sie vereint medizinisch hochaktuelle Fälle und menschliche Schicksale, die uns zutiefst bewegen – und einen Arzt, den man sich in seiner Güte und Herzlichkeit zum Freund wünscht. Seit zwei Stunden brütete Eberhard Schütz nun schon über einem Wust von Papieren, doch er konnte rechnen, soviel er wollte – seine Gemeinde Steinhausen steckte tief in den roten Zahlen. Bürgermeister Schütz seufzte abgrundtief und zupfte unaufhörlich an seinem Ohrläppchen, wie er es immer tat, wenn er scharf nachdachte. Doch alles Grübeln nützte nichts. Die Ausgaben der Gemeinde waren im vergangenen Jahr nun mal beträchtlich höher gewesen als die Einnahmen, und es sah nicht so aus, als würde sich in diesem Jahr sehr viel daran ändern. »Was ist los, Eberhard?« wollte seine Frau Waltraud wissen, die hier im Ort zu den gefürchtetsten Klatschbasen zählte. »Nichts«, behauptete Bürgermeister Schütz mit bekümmertem Gesicht. »Genauso schaust du aus«, urteilte Waltraud, dann warf sie einen Blick über seine Schulter. Rasch deckte der Bürgermeister die Papiere mit einer Hand zu. »Das sind Dokumente, die dich nichts angehen. Immerhin…« »Die Gemeinde hat also Schulden«, vermutete Waltraud. Die Papiere, auf die sie einen kurzen Blick hatte werfen können, waren für sie zwar nichts anderes als böhmische Dörfer, aber sie kannte ihren Mann lange genug, um zu wissen, daß seine abgrundtiefen Seufzer und sein kummervoller Blick nur mit Geldsorgen zusammenhängen konnten. Da das Konto der Familie Schütz aber wohlgefüllt war, deuteten seine Symptome auf die anscheinend leere Geldkasse hin. Bürgermeister Schütz schwieg mit zusammengepreßten Lippen. Eine deutlichere Antwort hätte er seiner Frau kaum geben können. Waltraud setzte sich ihm gegenüber und schlug die Beine übereinander, was bei ihrem Übergewicht nicht sehr graziös wirkte. »Ich habe es dir ja immer gesagt – Steinhausen bräuchte eine Kurklinik, dann würde

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 111

Veröffentlichungsjahr: 2016

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Dr. Daniel – 83 –Operation vor laufender Kamera

Marie Francoise

Seit zwei Stunden brütete Eberhard Schütz nun schon über einem Wust von Papieren, doch er konnte rechnen, soviel er wollte – seine Gemeinde Steinhausen steckte tief in den roten Zahlen.

Bürgermeister Schütz seufzte abgrundtief und zupfte unaufhörlich an seinem Ohrläppchen, wie er es immer tat, wenn er scharf nachdachte. Doch alles Grübeln nützte nichts. Die Ausgaben der Gemeinde waren im vergangenen Jahr nun mal beträchtlich höher gewesen als die Einnahmen, und es sah nicht so aus, als würde sich in diesem Jahr sehr viel daran ändern.

»Was ist los, Eberhard?« wollte seine Frau Waltraud wissen, die hier im Ort zu den gefürchtetsten Klatschbasen zählte.

»Nichts«, behauptete Bürgermeister Schütz mit bekümmertem Gesicht.

»Genauso schaust du aus«, urteilte Waltraud, dann warf sie einen Blick über seine Schulter.

Rasch deckte der Bürgermeister die Papiere mit einer Hand zu. »Das sind Dokumente, die dich nichts angehen. Immerhin…«

»Die Gemeinde hat also Schulden«, vermutete Waltraud. Die Papiere, auf die sie einen kurzen Blick hatte werfen können, waren für sie zwar nichts anderes als böhmische Dörfer, aber sie kannte ihren Mann lange genug, um zu wissen, daß seine abgrundtiefen Seufzer und sein kummervoller Blick nur mit Geldsorgen zusammenhängen konnten. Da das Konto der Familie Schütz aber wohlgefüllt war, deuteten seine Symptome auf die anscheinend leere Geldkasse hin.

Bürgermeister Schütz schwieg mit zusammengepreßten Lippen. Eine deutlichere Antwort hätte er seiner Frau kaum geben können.

Waltraud setzte sich ihm gegenüber und schlug die Beine übereinander, was bei ihrem Übergewicht nicht sehr graziös wirkte.

»Ich habe es dir ja immer gesagt – Steinhausen bräuchte eine Kurklinik, dann würde endlich der Rubel rollen«, meinte Waltraud in einem belehrenden Ton.

»Kurgäste sind großzügig, außerdem bekommen sie Besucher von außerhalb, die ebenfalls Geld mitbringen würden. Dazu ein paar Kurkonzerte und ein hübsch angelegter Freizeitpark. Möglicherweise könnte man sogar das Wasser des Waldsees als Heilwasser vermarkten.«

Eberhard Schütz seufzte erneut. »Alles schön und gut, die Waldsee-Klinik verfügt nur über Chirurgie und Gynäkologie. Sie ist nun mal keine Kurklinik und wird auch niemals eine werden.« Hilflos zuckte er die Schultern. »Schon damals, als Metzler noch Chefarzt war, habe ich einen Anstoß in dieser Richtung versucht, aber Metzler hat sich sofort quergestellt.«

»Vielleicht ist der neue Chefarzt… dieser Dr. Scheibler, ja entgegenkommender«, hakte Waltraud nach. »Für ihn wäre eine Kurklinik doch auch profitabler.« Sie verzog das Gesicht. »Außerdem müßte er dann nicht ständig an irgendwelchen Menschen herumschneiden.«

Bedächtig wiegte Bürgermeister Schütz den Kopf hin und her. Dr. Wolfgang Metzler, der frühere Chefarzt der Waldsee-Klinik, der jetzt am Kreiskrankenhaus arbeitete, war einst hier in Steinhausen geboren und aufgewachsen, und obwohl er sich später viele Jahre beruflich im Ausland aufgehalten hatte, war es für den Bürgermeister leicht gewesen, seine Reaktionen einzuschätzen.

Mit Dr. Gerrit Scheibler verhielt es sich anders. Er lebte und arbeitete erst seit der Einweihung der Waldsee-Klinik hier in Steinhausen, und von einigen gelegentlichen Begegnungen abgesehen, kannte der Bürgermeister ihn nicht sonderlich gut.

»Es gibt ja auch noch Dr. Daniel«, wandte er ein. »Und der ist Direktor der Waldsee-Klinik. Du kennst ihn, Waltraud, er würde einer Kurklinik nie zustimmen.«

»Man müßte ihn irgendwie unter Druck setzen«, überlegte Waltraud halblaut.

»Den kann man nicht…« begann der Bürgermeister, unterbrach sich jedoch mitten im Satz. Vielleicht gab es ja doch eine Möglichkeit…

*

Die Gemeinderatsmitglieder waren über die außerordentliche Sitzung ziemlich erstaunt und auch nicht sonderlich erfreut. Außerordentliche Gemeinderatssitzungen hatten grundsätzlich einen bitteren Nachgeschmack. Meistens waren sie darüber hinaus auch noch mit Arbeit verbunden.

Jetzt eröffnete Bürgermeister Schütz die Sitzung und kam sofort zum Thema.

»Steinhausen braucht eine Kurklinik!«

Seine Gemeinderatsmitglieder sahen ihn an, als hätte er vorgeschlagen, Steinhausen solle sich an einem Weltraumprojekt beteiligen.

»Wie sollen wir eine zweite Klinik überhaupt finanzieren?« wollte Simon Gruber, der Besitzer des Gasthofes zum Goldenen Löwenwissen. Wie immer sprach er dabei recht leise und zurückhaltend, was seinen Grund darin hatte, daß er zu Hause bei seiner Frau Hermine nicht viel zu melden hatte. Es war für ihn immer wieder ein kleines Wunder, wieviel Gewicht seine Stimme hier im Gemeinderat hatte. »Ich meine… die Waldsee-Klinik ist ja schon hier, und… und überhaupt…«

»Ich spreche nicht von einer zweiten Klinik«, stellte Bürgermeister Schütz klar. »Ich möchte die Waldsee-Klinik zu einer Kurklinik umgestalten. Das würde der Gemeinde erheblich mehr Profit bringen als ein normales Krankenhaus.«

»Da wird Dr. Daniel aber niemals mitspielen«, prophezeite der Apotheker Albert Loess.

Bürgermeister Schütz lächelte wissend. »Es wird ihm nichts anderes übrigbleiben. Erinnern Sie sich noch, wie seinerzeit die Waldsee-Klinik finanziert wurde?«

»Und ob«, bekräftigte der Apotheker. »Rainer Bergmann hat ein Grundstück aus seinem Privatbesitz zur Verfügung gestellt und die gesamte Finanzierung gesichert.«

»Bis auf eine Ausnahme«, fügte der Bürgermeister mit einem siegessicheren Lächeln hinzu. »Die Innenausstattung hat mehr gekostet, als aufgrund der Kostenvoranschläge zu erwarten war. Rainer Bergmann war zu jenem Zeitpunkt finanziell nicht mehr ganz so gut gestellt, daher hat die Gemeinde der Klinik ein Darlehen zur Verfügung gestellt, das mittlerweile zwar fast zur Hälfte zurückgezahlt ist, aber die andere Hälfte…«

»Sie wollen das Darlehen kündigen?« fiel Apotheker Loess ihm ins Wort, dann schüttelte er den Kopf. »Dazu haben Sie kein Recht. Wenn die monatlichen Ratenzahlungen immer pünktlich geleistet wurden…«

»Die Gemeinde steckt tief in den roten Zahlen«, deklamierte Bürgermeister Schütz. »Das macht eine sofortige Rückforderung des restlichen Darlehens erforderlich.« Mit einem süffisanten Lächeln zuckte er die Schultern. »Vielleicht kann die Klinik ja bezahlen.«

»Und wenn nicht?« wollte der Apotheker wissen.

Unwillkürlich rieb sich Bürgermeister Schütz die Hände. »Dann, mein lieber Herr Loess, wird Dr. Daniel eben doch gezwungen sein, meinen Vorschlag zu akzeptieren.«

*

Dr. Robert Daniel hatte keine Ahnung, welches Unheil sich über der Waldsee-Klinik zusammenbraute. Er freute sich an diesem Abend lediglich auf ein gemütliches Beisammensein mit seiner Frau Manon. Irene Hansen, Dr. Daniels ältere, verwitwete Schwester, die der Familie den Haushalt führte, war bei der Haushälterin des Pfarrers eingeladen, und die kleine Tessa, das quirlige Adoptivtöchterchen der Daniels, schlief bereits. Stefan, Dr. Daniels Sohn aus erster Ehe, hatte Nachtdienst in der Klinik, wo er gerade seinen Facharzt machte, und Karina, die Tochter des Arztes, lebte schon seit einigen Monaten bei ihrem Verlobten Dr. Jeffrey Parker.

Dr. Daniel und seine Frau blickten also einem fast ungewöhnlich ruhigen Feierabend entgegen – vorausgesetzt, es würde kein Notfall dazwischenkommen, was im Hause Daniel normalerweise beinahe zur alltäglichen Routine gehörte.

»Diese Ruhe ist direkt unheimlich«, stellte Dr. Daniel auch schon fest.« Irgendwie erwarte ich jeden Moment, daß das Telefon klingelt.«

»Das will ich nicht hoffen«, entgegnete Manon lächelnd. »Einen einzigen Abend im Jahr möchte ich dich auch mal ganz für mich allein haben.«

Dr. Daniel schmunzelte. »Du übertreibst schamlos.«

Nachdenklich legte Manon einen Finger an ihr Kinn. »Du hast recht. Wenn ich so überlege, dann waren es dieses Jahr schon zwei Abende, an denen du zu Hause gewesen bist.«

Zärtlich stupste Dr. Daniel seine Frau an der Nase. »Das war jetzt aber ganz schön boshaft von dir, dabei reiße ich mich wahrlich nicht darum, jeden Abend in der Klinik oder in der Praxis zu verbringen.«

Manon küßte ihn liebevoll. »Weiß ich doch.« Sie seufzte. »Du bist bei deinen Patientinnen einfach zu beliebt, und wenn sie mit ihren Ängsten und Sorgen zu dir kommen, kannst du eben nicht nein sagen.« Sie küßte ihn erneut. »Aber diese Warmherzigkeit ist ja auch ein Grund, weshalb ich dich so liebe.«

Zärtlich nahm Dr. Daniel seine Frau in die Arme. Dabei fiel sein Blick auf die Uhr.

»Schon gleich neun«, stellte er fest. »Liebling, wir wollten uns doch ›Medizin aktuell‹ anschauen.«

Manon nickte. »Daran hätte ich beinahe nicht mehr gedacht.«

Das wöchentliche Gesundheitsmagazin, das immer sehr außergewöhnliche Fälle aufgriff und dokumentierte, war die einzige Fernsehsendung, die Dr. Daniel und seine Frau regelmäßig verfolgten.

»Heute befindet sich Amrei Huber in einer Spezialklinik für Hauterkrankungen«, kündigte die Fernsehansagerin an. »Dabei verfolgt sie den Fall eines neurodermitiskranken Jungen:«

»Eine schreckliche Krankheit«, stellte Manon fest, während die junge Moderatorin Amrei Huber die Leidensgeschichte des Fünfjährigen berichtete und die Behandlungsversuche aufzeigte, die seine Eltern schon unternommen hatten.

Jetzt hatten sie eine Spezialklinik ausfindig gemacht und hofften nun mit Hilfe der dortigen Ärzte, ihrem Kind ein erträgliches Leben schaffen zu können.

Dabei zeugten die Ausführungen von Amrei Huber von beachtlichem Fachwissen, was sowohl Dr. Daniel als auch Manon imponierte. Immerhin verfolgten sie diese Sendereihe von Anfang an und wußten daher, daß die junge Moderatorin keinerlei medizinische Grundausbildung vorzuweisen hatte. Alles, was sie wußte, hatte sie sich durch Fleiß und Mühe selbst erarbeitet.

»Ob der kleine Nils jemals geheilt werden kann, bleibt offen«, führte Amrei Huber zum Ende hin aus. »Durch die spezielle Diät, die mit Hilfe der Ärzte erarbeitet wurde, kann er wenigstens einigermaßen beschwerdefrei leben und zumindest weitgehend auf Cortison verzichten. Ob das für einen fünfjährigen Jungen ein wirklicher Erfolg ist, muß jeder für sich selbst entscheiden.« Sie zögerte einen Moment, dann fügte sie hinzu: »Für mich wäre es kein Erfolg. Ich würde bestimmt weitersuchen, bis mein Kind geheilt wäre – auch wenn ich dabei alternative Wege wählen müßte.« Sie lächelte in die Kamera. »Das war‘s für heute von ›Medizin aktuell‹. Ich wünsche Ihnen einen schönen Abend.«

Dr. Daniel griff nach der Fernbedienung und schaltete den Apparat aus.

»Könntest du diesen angeblichen Heilerfolg auch akzeptieren, wenn es um dein Kind ginge?« wollte Manon wissen.

»Ich weiß es nicht«, gestand Dr. Daniel. »Im Moment ist vielleicht nur wichtig, daß das Kind beschwerdefrei ist.« Er seufzte. »Eine Diät ist für einen Fünfjährigen sicher schwer einzuhalten, aber wohl immer noch besser als Cortison oder tage- und nächtelang Kratzen. Du hast ja gesehen, wie er vor dieser Therapie ausgesehen hat.«

Manon nickte erschüttert. »Es muß schrecklich sein, wenn man danebenstehen muß und nichts tun kann.« Sie stand auf. »Diese Sendung ist wirklich immer wieder interessant.« Lächelnd fügte sie hinzu: »Sogar für uns Ärzte.«

Dr. Daniel nickte zustimmend und erhob sich ebenfalls. Da trat Manon zu ihm und schlang ihre Arme um seine Hüften.

»Mal sehen, wie lange es noch dauert, bis Amrei Huber in die Waldsee-Klinik kommt und dich zum Fernsehstar macht«, meinte sie scherzhaft.

Lachend winkte Dr. Daniel ab. »Darauf wirst du noch sehr lange warten müssen.«

Manon wurde ernst. »Wer weiß? Immerhin bist du mit deinen Kinderwunschbehandlungen, die du in der Waldsee-Klinik mit viel Erfolg durchführst, weit über die Grenzen Bayerns hinaus bekannt. Ich könnte mir durchaus vorstellen, daß das für ›Medizin aktuell‹ ein interessantes Thema sein könnte.«

»Möglich«, räumte Dr. Daniel ein, dann fügte er mit einem schiefen Grinsen hinzu: »Allerdings würde ich mich nicht gerade darum reißen, ins Fernsehen zu kommen. Du weißt, wie ungern ich im Rampenlicht stehe. Als Wolfgang mir damals bei der Eröffnungsfeier der Waldsee-Klinik den Direktor aufs Auge gedrückt hat, hat mir der Trubel um meine Person schon voll und ganz gereicht.«

Manon stupste ihn scherzhaft an. »Ach komm, es macht dir doch sogar großen Spaß, die Geschicke der Klinik zu leiten.«

»Ja, schon«, gab Dr. Daniel zu. »Aber es steckt auch viel Verantwortung dahinter, und manchmal habe ich das Gefühl, als könnte ich mich wegen der Praxis nicht so um die Klinik kümmern, wie es nötig wäre.«

»Gerrit ist auch noch da«, entgegnete Manon. Sie zögerte einen Moment, ehe sie fortfuhr: »Ich sage es nur ungern, weil ich Wolfgang von Herzen mag, aber… Gerrit ist ein besserer Chefarzt, als Wolfgang es je gewesen ist.«

Dr. Daniel nickte. »Ich weiß. Gerrit ist ruhiger… besonnener. Wolfgang wollte immer schon mit dem Kopf durch die Wand. Mit seiner Impulsivität war er gelegentlich wie der sprichwörtliche Elefant im Porzellanladen.« Er schmunzelte ein wenig. »Das wird sich jetzt, wo er Chefarzt des Kreiskrankenhauses ist, auch nicht geändert haben, aber da bekommen wir es eben nicht mehr mit.« Er überlegte einen Moment. »Allerdings hat sich der Ruf des Kreiskrankenhauses in medizinischer Hinsicht wesentlich gebessert, seit Wolfgang das Steuer in der Hand hält.«

»Das ist richtig«, stimmte Manon zu. »Ich hatte in letzter Zeit einige Patienten, die ich in die Klinik überweisen mußte. Alle waren von der Versorgung im Kreiskrankenhaus sehr angetan. Wolfgang scheint nicht nur seine Ärzte fest im Griff zu haben, sondern auch das Pflegepersonal. Zu Zeiten des früheren Chefarztes muß da einiges im argen gelegen haben.«

»Ja, Dr. Breuer war in den letzten Monaten vor seinem freiwilligen Rücktritt nicht mehr so wie früher.« Dr. Daniel unterdrückte mit Mühe ein Gähnen. »Ich glaube, für mich wird’s allmählich Zeit. Morgen wartet bestimmt wieder ein anstrengender Tag auf mich.«

Manon küßte ihn liebevoll. »Nicht nur auf dich, mein Schatz.«

*

Ziemlich selbstkritisch verfolgte Amrei Huber die Aufzeichnung ihrer Sendung.

»Die letzten Sätze hätte ich besser nicht sagen sollen«, urteilte sie. Medizin aktuellist eine Reportage, da muß ich objektiv bleiben.«

»Du hast diesen kleinen Jungen über Wochen hinweg begleitet«, wandte ihr Mann Klaus ein. »Es ist doch ganz unmöglich, da objektiv zu bleiben. Was der Kleine durchgemacht hat, läßt niemanden kalt, der Kinder mag. Im übrigen hast du dich mit deiner Sendung mittlerweile so etabliert, daß man dir auch eine private Meinung gestatten wird.«Er lächelte seine junge Frau an. »Du erzielst schließlich mit die höchsten Einschaltquoten. Geschlagen wirst du höchstens mal von König Fußball, und das auch nur, wenn es sich um ein wichtiges Spiel handelt.«

Klaus machte keinen Hehl daraus, daß er auf seine Frau sehr stolz war. Ihr sicheres Auftreten, ihre Gewandtheit in Bewegung und Sprache, gepaart mit ihrem warmherzigen, äußerst sensiblen Wesen, hatten schon bei der ersten Begegnung eine Liebe in ihm entfacht, die nie verlöschen würde. Amrei zu verlieren – das wäre für Klaus das Schrecklichste, was ihm passieren könnte.

Vertrauensvoll schmiegte sich die junge Frau nun an ihn.