Dr. Holl 1850 - Arztroman - Katrin Kastell - E-Book

Dr. Holl 1850 - Arztroman E-Book

Katrin Kastell

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1,49 €

Beschreibung

Notruf von zu Hause - Er stand im OP, als man ihm die Nachricht überbrachte Die fünfzehnjährige Svenja Braig kommt nach einer schweren Virusgrippe nicht mehr richtig auf die Beine. Noch Monate später ist sie nach der geringsten Anstrengung vollkommen erschöpft. Ihr Hausarzt meint, sie müsse nur Geduld haben, sich mehr bewegen und auf die Regenerationskräfte ihres jungen Körpers vertrauen. Okay, dann wird sie jetzt genau das tun! Sie sehnt sich so sehr danach, endlich wieder Sport zu treiben. Schwimmen, das war immer ihre Leidenschaft! Gleich am Tag nach dem Besuch bei ihrem Hausarzt geht Svenja mit Chris Holl, mit dem sie eng befreundet ist, ins Freibad. Glücklich gleitet sie ins Schwimmerbecken und krault los wie in alten Zeiten. Doch schon nach wenigen Metern geht Svenja die Puste aus, ihr Herz beginnt zu schmerzen - und dann sinkt sie plötzlich wie ein Stein in die Tiefe ...

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Seitenzahl: 117

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Inhalt

Cover

Impressum

Notruf von zu Hause

Vorschau

BASTEI ENTERTAINMENT

Vollständige eBook-Ausgabeder beim Bastei Verlag erschienenen Romanheftausgabe

Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG

© 2018 by Bastei Lübbe AG, Köln

Programmleiterin Romanhefte: Ute Müller

Verantwortlich für den Inhalt

Titelbild: HRAUN / iStockphoto

eBook-Produktion:3w+p GmbH, Rimpar

ISBN 978-3-7325-7384-4

www.bastei-entertainment.de

www.lesejury.de

www.bastei.de

Notruf von zu Hause

Er stand im OP, als man ihm die Nachricht überbrachte

Von Katrin Kastell

Die fünfzehnjährige Svenja Braig kommt nach einer schweren Virusgrippe nicht mehr richtig auf die Beine. Noch Monate später ist sie nach der geringsten Anstrengung vollkommen erschöpft. Ihr Hausarzt meint, sie müsse nur Geduld haben, sich mehr bewegen und auf die Regenerationskräfte ihres jungen Körpers vertrauen.

Okay, dann wird sie jetzt genau das tun! Sie sehnt sich so sehr danach, endlich wieder Sport zu treiben. Schwimmen, das war immer ihre Leidenschaft!

Gleich am Tag nach dem Besuch bei ihrem Hausarzt geht Svenja mit Chris Holl, mit dem sie eng befreundet ist, ins Freibad. Glücklich gleitet sie ins Schwimmerbecken und krault los wie in alten Zeiten. Doch schon nach wenigen Metern geht Svenja die Puste aus, ihr Herz beginnt zu schmerzen – und dann sinkt sie plötzlich wie ein Stein in die Tiefe …

„Chris, könntest du uns vielleicht deine werte Aufmerksamkeit schenken? Es ist bestimmt spannend, was da gerade draußen auf dem Schulhof passiert, aber ich bitte doch darum, dass du meinen hochinteressanten Mathematikunterricht zur Kenntnis nimmst!“

Chris Holl fuhr erschrocken herum und lief rot an. Sein Lehrer stand direkt neben ihm. Der Junge hatte ihn nicht kommen hören und keine Ahnung, um was es gerade im Unterricht genau ging. Er war voll und ganz in seine Tagträumereien versunken gewesen.

Es war Frühling. Der Mai brachte alles zum Blühen und Sprießen, auch die Fantasie und das Begehren eines Fünfzehnjährigen.

„Guten Morgen! Wir haben Freitagmorgen, den vierzehnten Mai, und ein Tiefdruckgebiet droht mit Unwetter, Blitz und Donner. Aufgewacht?“, fragte Herr Kübler ironisch. „Ein Kaffee zum Munterwerden?“

Seine Klassenkameraden kicherten, und Chris wäre am liebsten vor Scham im Boden versunken. Der Lehrer hatte eine Gleichung mit zwei Unbekannten an die Tafel geschrieben, daraus folgerte Chris, dass er nur ein paar Minuten abwesend gewesen sein konnte. Er setzte sich aufrecht hin und spielte nun den Souveränen.

„Mit viel Milch und Zucker, und ich hätte gerne ein Plätzchen dazu!“, gab er schlagfertig zurück.

Die Klasse brach in Gelächter aus, und der Lehrer stimmte heiter mit ein. Chris war einer seiner besten Schüler, und schließlich hatte er ihm Kaffee angeboten. Schlagfertigkeit war kein Grund zum Tadeln.

„In Ordnung! Bestellung aufgenommen. Nächste Woche am Mittwoch haben wir wieder in der ersten und zweiten Stunde Mathe. Ich bringe uns allen einen Muntermacher mit – Plätzchen und etwas zu trinken. Im Gegenzug kommst du gleich mal nach vorne und löst für uns die Gleichung an der Tafel.“

„Mach ich doch gerne!“, tönte Chris und strahlte seinen Lehrer an, ohne sich anmerken zu lassen, wie unwohl er sich dabei fühlte, gleich vor der Klasse zu stehen.

„Das nenne ich den rechten Elan! Sehr gut! Freiwillige Opfer sind mir immer am liebsten.“

„Immer wieder gerne!“ Scheinbar vollkommen gelassen ging Chris nach vorne.

Dem Sohn der Holls fiel Mathe normalerweise recht leicht. Trotzdem zitterte seine Hand etwas, als er zur Kreide griff. Kaum hatte er dann aber begonnen, die Gleichung aufzulösen, ging es wie von allein. Das mochte er an Zahlen. Es gab immer klare Lösungen und ein Richtig und Falsch. Die Aufgabe war nicht einfach, aber er meisterte sie anstandslos.

„Gut gemacht!“, lobte der Lehrer ihn anerkennend. „Du kannst dich wieder setzen, aber versuche, bis zum Ende der Stunde bei uns zu bleiben – im Geiste!“

„Wird gemacht!“ Erleichtert setzte Chris sich wieder in seine Bank.

Svenja lächelte ihn an, als er an ihr vorüberging, und eigentlich hatte sich die ganze Peinlichkeit schon dafür gelohnt, fand er. Svenja war mit Abstand das tollste Mädchen der Klasse, und Chris war ein wenig verliebt in sie, wenn er sich das auch nicht anmerken ließ. Bei ihr hatte er leider ohnehin keine Chance. Sie war mit einem Jungen aus der Oberstufe zusammen.

In den vergangenen vier Wochen hatte sie im Unterricht gefehlt, weil sie eine schwere Grippe gehabt hatte. An diesem Morgen war sie das erste Mal wieder in der Schule, wirkte aber noch ziemlich müde und angeschlagen. Sie war etwas bleich und sah noch krank aus, fand Chris. Allerdings wurde sie dadurch in seinen Augen nur noch schöner. Eigentlich gab es so gut wie nichts, was sie für ihn nicht schöner und begehrenswerter gemacht hätte.

„Dem hast du es aber gegeben! Das war voll cool!“ In der großen Pause war Chris der Held. Er fand das eher lästig. Herr Kübler war ein wirklich guter Lehrer und konnte spitze erklären. Chris besuchte seinen Unterricht gerne und passte meist auf.

Svenja verbrachte die Pause wie immer mit ihrem Freund. Sie war fünfzehn genau wie Chris, wirkte aber viel erwachsener, wie sie mit den Schülern der Oberstufe zusammenstand.

Soweit Chris das beurteilen konnte, wurde sie von denen voll akzeptiert. Unauffällig, wie er dachte, äugte er immer wieder zu ihr hinüber. Sie war schön und klug und überhaupt rundum toll, und er merkte erst jetzt, wie sehr er sie in den letzten vier Wochen vermisst hatte.

„Gib es auf! Für Svenja sind wir unsichtbar“, meinte da Paul, ein Klassenkamerad, den er nicht sonderlich mochte und etwas langweilig fand.

„Da muss ich nichts aufgeben! Was geht mich das an?“, knurrte Chris unwirsch, der sich ertappt fühlte, und sah ihn ärgerlich an.

„Sei doch nicht gleich sauer!“ Beleidigt ging Paul davon, und Chris gelang es, für den Rest der Pause keinen Blick mehr in Svenjas Richtung zu werfen.

***

„Wie war es heute in der Schule?“, fragte Julia Holl ihren Sohn, als er zum Mittagessen nach Hause kam. Er hatte an drei Tagen Nachmittagsschule, und dann lohnte es sich kaum, zum Essen zu kommen.

Dann blieb er meist in der Schule und aß dort eine Semmel. Freitags hatte er aber schon nach der vierten Stunde frei, und das genoss er und war für gewöhnlich bester Laune, wenn er aus der Schule kam und ein langes Wochenende vor sich wusste.

„Geht so“, brummelte Chris an diesem Mittag dagegen relativ mürrisch.

Seine Mutter füllte seinen Teller und sagte nichts mehr. Sie kannte ihren Sohn. Wenn Chris in dieser Stimmung war, kam man nicht an ihn heran. In zehn Minuten konnte sich das Blatt schon wenden, und er redete und erzählte ohne Punkt und Komma. Pubertät war eine anstrengende Angelegenheit für alle Beteiligten.

„Kommt Papa heute heim?“, wollte Chris nach ein paar Minuten wissen. Ausnahmsweise saßen Julia und er einmal alleine am Tisch. Seine älteren Geschwister, die Zwillinge Dani und Marc, aßen an diesem Mittag in der Mensa an der Uni. Sie waren zwanzig und studierten, waren aber in München geblieben und wohnten noch in der Villa ihrer Eltern.

Marc setzte die Familientradition fort und studierte Medizin wie sein Vater, seine Mutter und sein Großvater es getan hatten. Dani dagegen hatte sich für Biologie entschieden.

Juju, das Nesthäkchen der Familie, war elf. Sie verbrachte den Mittag bei einer Schulfreundin, die im Gegenzug auch oft bei den Holls einen Tag verbrachte. Die Mädchen waren seit einer Weile unzertrennlich und kicherten und lachten um die Wette. Es war eine Freude, ihnen zuzusehen.

„Genieße es, solange es noch andauert!“, hatte Julia am Wochenende zu ihrem Mann, Dr. Stefan Holl, gesagt, als ihm das andauernde Kichern in den höchsten Quietschtönen doch etwas auf die Nerven gegangen war. „Sind sie erst in der Pubertät …“

„So betrachtet, stopfe ich mir lieber etwas Watte in die Ohren, damit mein Trommelfell keinen Schaden nimmt“, hatte ihr Mann erwidert, und sie hatten gelacht.

„Papa hat Spätdienst heute und kommt frühestens gegen zweiundzwanzig Uhr. Musst du etwas mit ihm besprechen? Um diese Zeit ist er bestimmt in seinem Büro und genehmigt sich einen Kaffee, falls nicht gerade ein Notfall behandelt werden muss. Wenn du willst, kannst du ihn anrufen. Er freut sich“, schlug Julia vor.

Dr. Stefan Holl war Gynäkologe und leitete die Berling-Klinik in München, die sein Schwiegervater einmal gegründet hatte, der allerdings schon lange im verdienten Ruhestand war.

Auch Julia war Medizinerin. Sie hatte einige Jahre als Kinderärztin praktiziert, sich dann aber dafür entschieden, zu Hause zu bleiben und ihren vier Kindern und ihrem Mann ein warmes Zuhause zu schaffen.

So gerne sie ihren Beruf auch ausgeübt hatte, war ihr die Entscheidung nicht schwergefallen. Ihrer Überzeugung nach musste man als Arzt alles geben. Dieser Beruf verlangte es, dass man sich voll für seine Patienten einbrachte.

Aus diesem Grund hatte sie auch großes Verständnis für ihren Mann. Sie wusste als Tochter eines Klinikleiters, frühere Ärztin und Ehefrau eines Klinikleiters nur zu genau, welche Kompromisse man eingehen musste, um Beruf und Familie irgendwie zu vereinbaren.

„Ach, es ist nichts!“, meinte Chris, aber seine Mutter sah ihm an, dass ihn etwas quälte.

„Was ist los, Schatz?“, fragte sie sanft.

„Mama, wie hat Papa es angestellt, dich zu bekommen? Ich meine, er ist toll. Klar! Aber du hättest doch jeden haben können. Warum hast du ausgerechnet ihn gewählt?“, rückte Chris schließlich mit der Sprache heraus.

Ihm ging Svenja an diesem Tag nicht mehr aus dem Kopf. Hatte er wirklich keine Chancen, oder ließ sich da etwas machen?

„Oje! Warum verliebt man sich in einen bestimmten Menschen? Chris, das ist keine leichte Frage, und ich fürchte, es gibt keine klare und eindeutige Antwort“, sagte Julia. „Ich mache uns jetzt erst einmal einen Kaffee.“

Sie verschwand in die Küche. Ihr Mittlerer wurde erwachsen. Er hatte sich verliebt. Julia war schon seit einer Weile aufgefallen, dass etwas nicht mit Chris stimmte. Wie sehr hätte sie ihm eine schöne, romantische erste Liebe gewünscht. Danach sah es aber im Augenblick nicht aus.

Mit zwei großen Kaffeetassen kehrte sie zu ihm ins Esszimmer zurück.

„Ich habe deinen Vater an der Uni ein paarmal gesehen, und na ja, wir hatten noch kein Wort gewechselt, und dennoch dachte ich immerzu an ihn. Es hat gleich bei mir gefunkt. Später hat er mir erzählt, dass es bei ihm ähnlich war. Es hat gedauert, bis er den Mut fand, mich anzusprechen, weil er keine Abfuhr riskieren wollte, und ich bin ihm aus demselben Grund ausgewichen.“

„Ganz schön dumm!“, kommentierte Chris, der nie auf den Gedanken gekommen wäre, Svenja aus dem Weg zu gehen. Eher suchte er nach Möglichkeiten, sich geschickt mitten auf ihrem Weg zu platzieren, damit sie ihn zur Kenntnis nehmen musste.

„Stimmt! Sonderlich vernünftig und klug stellen sich die Wenigsten an, wenn es um die Liebe geht. Ich glaube, sie macht den meisten von uns Angst“, antwortete Julia schmunzelnd.

„Warum ist das so, Mama? Eigentlich ist es doch schön, wenn man sich gut versteht und tolle Dinge zusammen macht. Ich meine, ich möchte später schon gerne einmal eine Familie und Kinder und so.“ Chris errötete und wich dem Blick seiner Mutter aus.

Sie unterdrückte ein Lächeln. Da wusste einer relativ genau, was er wollte. Julia freute sich über ihren Sohn.

„Wenn man jemanden lieb hat, dann wird man verwundbar. Man kann sich plötzlich gegenseitig ziemlich wehtun, und meist tut man das auch irgendwann. Selbst wenn man es nicht will und aufpasst wie ein Luchs, kann es passieren und passiert“, versuchte sie ihm zu erklären. „Es gehört Mut dazu, sich einem anderen Menschen zu öffnen und solche Verletzungen zu riskieren, obwohl es zugleich die einzige Möglichkeit ist, einander nah zu sein.“

„Hat Papa dir schon mal wehgetan?“, wollte Chris wissen, den das Ganze irgendwie verwirrte.

Musste es tatsächlich so kompliziert sein? Er vermutete ganz im Geheimen, dass Frauen an dem Punkt vielleicht etwas anders waren als Männer.

Warum konnte er nicht einfach etwas sagen oder tun, was Svenja derart begeisterte, dass sie diesem doofen Oberstufentypen den Laufpass gab und sich lieber mit ihm traf? Er versprach sich sachdienliche Tipps von seinem Vater, wie man eine Frau für sich gewann.

„Klar, genau wie ich ihm. Das gehört dazu. Wenn man das einmal begriffen hat, fürchtet man sich nicht mehr so sehr davor, sondern geht offen damit um und sagt sofort, wenn der andere absichtlich oder aus Versehen eine Grenze verletzt. Das muss man lernen. Es ist nicht leicht“, fuhr Julia einfühlsam fort und wollte ihren Sohn auf das vorbereiten, was da so alles noch auf ihn lauerte.

Chris nickte, obwohl ihm das doch ein wenig zu spanisch vorkam. Er wollte am Wochenende in aller Stille seinen Vater beiseiteziehen und ihn um ein paar Tipps in Sachen Eroberung von Frauenherzen bitten. Mit dem, was seine Mutter da sagte, konnte er eher wenig anfangen, aber das sagte er ihr natürlich nicht.

***

„Hm, du möchtest also einen Eroberungsfeldzug starten?“ Dr. Stefan Holl verstand auf Anhieb, um was es seinem Sohn ging. Sie standen zusammen auf der Terrasse, während der Rest der Familie am Samstag noch am Mittagstisch saß und über die besonderen Ereignisse der verstrichenen Woche plauderte.

„Ja! Svenja ist klasse“, bekam er zur Antwort.

„Nun gut, aber sie ist mit einem anderen Jungen zusammen“, erinnerte der Vater ihn.

„Schon, aber der denkt nur an sein Abitur und an seinen Fußballverein. Er ist in der Jugendauswahl von Bayern München und plant, einmal ganz groß herauszukommen. Scheinbar redet er sehr viel über Fußball – zu viel.“

„Du weißt ganz schön gut Bescheid“, wunderte sich sein Vater.

„Man muss doch seinen Gegenspieler kennen. Lisa ist Svenjas beste Freundin, und sie erzählt ihr so ziemlich alles, und ich finde Lisa nett, und sie erzählt mir ziemlich viel“, verriet Chris ihm.

„Ganz schön ausgebufft!“ Sein Vater pfiff anerkennend durch die Zähne.

„Michael ist der beste Schüler seines Jahrgangs und ein erfolgreicher Sportler. Wenn ich gegen den eine Chance haben möchte, muss ich mir etwas einfallen lassen“, meinte Chris skeptisch. „Es ist klasse, dass Svenja Fußball langweilig findet, oder?“

„Hm“, brummte Stefan Holl.

„Papa, klar akzeptiere ich, dass sie mit Michael zusammen ist, aber kann ich mich nicht trotzdem freuen, wenn er auch einmal eine Schwäche hat oder Mist baut? Darf ich ihr nicht zeigen, dass ich sie mag?“, rechtfertigte sich Chris.