Dr. Holl 1868 - Arztroman - Katrin Kastell - E-Book

Dr. Holl 1868 - Arztroman E-Book

Katrin Kastell

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Beschreibung

Ein ungeheurer Verdacht War der Chirurg nicht nüchtern, als er operierte? Von Katrin Kastell Voller Bewunderung beobachtet die junge Chirurgin Rebecca Taubner ihren Kollegen Dr. Johannes Vaninski, der mit geradezu traumwandlerischer Sicherheit das Organ freilegt, den Tumor herausschneidet und dabei so wenig wie möglich gesundes Gewebe verletzt. Johannes macht seine Sache wie immer großartig!, denkt Rebecca verliebt. Jetzt nur noch ein kleiner Schnitt und dann ... Als seine schlanken Finger plötzlich unkontrolliert zu zittern beginnen, erstarrt sie - aber nur für einen winzigen Moment. Rasch verändert sie ihre Position an der Tabula, um Johannes vor den Blicken der Kollegen abzuschirmen. Dann beendet sie die schwierige Operation, als wäre dies genauso abgesprochen gewesen ... Ja, für Johannes Vaninski würde Rebecca alles tun! Längst weiß sie, dass er ein Alkoholproblem hat und für seine Patienten im OP zu einer tickenden Zeitbombe geworden ist. Doch blind vor Liebe verstrickt sich Rebecca in ein gefährliches Spiel, in dem sie nur verlieren kann ...

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Seitenzahl: 128

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Inhalt

Cover

Impressum

Ein ungeheurer Verdacht

Vorschau

BASTEI ENTERTAINMENT

Vollständige eBook-Ausgabeder beim Bastei Verlag erschienenen Romanheftausgabe

Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG

© 2019 by Bastei Lübbe AG, Köln

Programmleiterin Romanhefte: Ute Müller

Verantwortlich für den Inhalt

Titelbild: Squaredpixels / iStockphoto

eBook-Produktion:3w+p GmbH, Rimpar

ISBN 9-783-7325-8371-3

www.bastei-entertainment.de

www.lesejury.de

www.bastei.de

Ein ungeheurer Verdacht

War der Chirurg nicht nüchtern, als er operierte?

Von Katrin Kastell

Voller Bewunderung beobachtet die junge Chirurgin Rebecca Taubner ihren Kollegen Dr. Johannes Vaninski, der mit geradezu traumwandlerischer Sicherheit das Organ freilegt, den Tumor herausschneidet und dabei so wenig wie möglich gesundes Gewebe verletzt. Johannes macht seine Sache wie immer großartig!, denkt Rebecca verliebt. Jetzt nur noch ein kleiner Schnitt und dann …

Als seine schlanken Finger plötzlich unkontrolliert zu zittern beginnen, erstarrt sie – aber nur für einen winzigen Moment. Rasch verändert sie ihre Position an der Tabula, um Johannes vor den Blicken der Kollegen abzuschirmen. Dann beendet sie die schwierige Operation, als wäre dies genauso abgesprochen gewesen …

Ja, für Johannes Vaninski würde Rebecca alles tun! Längst weiß sie, dass er ein Alkoholproblem hat und für seine Patienten im OP zu einer tickenden Zeitbombe geworden ist. Doch blind vor Liebe verstrickt sich Rebecca in ein gefährliches Spiel, in dem sie nur verlieren kann …

München stöhnte unter dem Föhn. Kopfschmerzen, Kreislaufbeschwerden und Schwindelanfälle – es gab viele Leiden, die durch den ungewöhnlich warmen Wind und das drückende Wetter ausgelöst wurden. Und es gab so gut wie kein Leiden, das man nicht dem Föhn anlastete, mochte er daran schuld sein oder nicht.

„Ach, ihr jungen Dinger“, stellte Schwester Annegret auf der Chirurgischen Station der Berling-Klinik seufzend fest und betrachtete eine Schwester und einen Pfleger, die altersmäßig ihre Enkelkinder hätten sein können. „Ihr haltet doch gar nichts mehr aus. Mir macht das alles nichts.“

Die beiden sahen einander an und hüteten sich, der Schwester zu widersprechen, die zum lebenden Inventar der Münchner Privatklinik gehörte. Dafür genoss Annegret zu großes Ansehen.

„Und wenn ihr auf unseren Chef schaut“, fuhr Annegret fort und bediente sich an der Kaffeemaschine im Aufenthaltsraum, „werdet ihr auch nichts merken. Dem macht das Wetter so wenig zu schaffen wie unserem Dr. Falk, und der muss gerade operieren.“

Der Schwesternruf ertönte, und sofort verließen die beiden jungen Mitarbeiter der Berling-Klinik den Raum, obwohl nur einer von ihnen nötig gewesen wäre. Sie waren jedoch froh, dem missbilligenden Blick Schwester Annegrets zu entkommen.

„Eine kritische Bemerkung vertragen diese jungen Dinger so wenig wie den Föhn“, meinte Annegret kopfschüttelnd und nahm einen Schluck Kaffee. „Ach ja, da bin ich eben aus einem anderen Holz geschnitzt.“

Dr. Daniel Falk, der von Schwester Annegret angesprochene Leiter der Chirurgischen Station, erlebte zur selben Zeit dramatische Momente im OP. Eben noch war die Blinddarmoperation völlig normal verlaufen, und es hatte nicht die geringsten Anzeichen für eine Komplikation gegeben.

Plötzlich warnte Dr. Andrea Kellberg, die Anästhesistin, vor einem gefährlichen Abfall der Werte der Patientin.

Dr. Falk erteilte der bereitstehenden OP-Schwester Anweisungen. Dr. Michael Wolfram, sein Assistenzarzt, verabreichte der Patientin eine Spritze. Dr. Kellberg verfolgte unausgesetzt die Anzeigen auf den Monitoren. Eine Warnmeldung jagte die andere.

Es gelang der Anästhesistin nicht, den drohenden Kollaps aufzufangen, und Dr. Falk und Dr. Wolfram erreichten mit zusätzlichen Maßnahmen ebenfalls nichts.

„Herzstillstand“, meldete Dr. Andrea Kellberg.

„Reanimation.“

Der Chefarzt der Chirurgie bemühte sich gemeinsam mit seinem Assistenzarzt fast zehn Minuten lang um die erst achtundvierzig Jahre alte Patientin. Sie brachten das Herz noch einmal für eine knappe Minute zum Schlagen, doch danach versagte der Kreislauf vollständig.

„Exitus.“

Das Wort hing schwer in dem sterilen Raum. Dr. Falk nahm langsam den Mundschutz ab. Niemand sah ihm an, was er in diesen Sekunden dachte oder fühlte, während er die leblose Gestalt auf dem OP-Tisch betrachtete. Dann drehte er sich um und ging hinaus, um sich der grünen Chirurgenkleidung zu entledigen.

Dr. Wolfram sagte kein Wort, während er dem Beispiel seines Chefs folgte. Erst als er fertig war, wandte er sich fragend an Dr. Falk.

„Ich spreche mit den Angehörigen“, erwiderte Dr. Daniel Falk auf die stumme Frage seines Assistenten. Nachdem Michael Wolfram den OP-Bereich auf einem Weg verlassen hatte, auf dem er den wartenden Angehörigen der Verstorbenen nicht begegnete, holte Dr. Falk tief Luft und ging zum Warteraum, um die schwere Aufgabe hinter sich zu bringen …

Robert Gernhammer wurde auf der Inneren Station der Berling-Klinik wegen eines Magengeschwürs medikamentös behandelt. Chefarzt Dr. Holl und sein Freund und Stellvertreter Daniel Falk waren nach eingehenden Untersuchungen zu der Entscheidung gekommen, bei diesem Patienten nicht zu operieren. Das Geschwür war gutartig und musste nicht unbedingt herausgeschnitten werden. Nur wenn es nicht auf Medikamente ansprach, sollte ein operativer Eingriff erwogen werden.

Im Patientenblatt von Robert Gernhammer war verzeichnet, dass der Achtundfünfzigjährige unter leichten Herzrhythmusstörungen litt. Sie waren in keiner Weise beunruhigend und in diesem Alter auch nicht ungewöhnlich, hatten jedoch zur Entscheidung der beiden leitenden Ärzte der Münchner Privatklinik beigetragen.

„Der Föhn geht einem gewaltig auf die Nerven, finden Sie nicht auch?“, fragte Robert Gernhammer den etwas jüngeren Mann, der ihm im Patientenzimmer am Tisch gegenüber saß und in der Zeitung las. Er selbst hatte den Fernseher eingeschaltet, den Ton jedoch weggedreht, weil ihn das laufende Fußballspiel nicht interessierte.

„Föhn?“ Sein Mitpatient ließ die Zeitung sinken. „Ich merke davon nichts. Es ist angenehm warm, und die Sonne scheint und … He, was ist los?“, rief er, als Robert Gernhammer von einer Sekunde auf die andere mit dem Oberkörper auf den Tisch kippte. Der Kopf schlug hart auf.

In seiner Aufregung betätigte der Patient nicht den Schwesternruf, sondern stürzte auf den Korridor und rief einem soeben vorbeigehenden Arzt zu, dass es einen Notfall gab.

Dr. Peter Donat eilte sofort zu Robert Gernhammer, stellte einen Herzinfarkt fest und leitete mithilfe von Pfleger Lucca die Reanimation ein.

Schwester Maria kam den beiden zu Hilfe. Maria und Lucca waren auf eine solche Aufgabe bestens vorbereitet. Beide besaßen eine Spezialausbildung für die Intensivstation. Und Dr. Donat war ein erfahrener Assistenzarzt. Trotzdem waren alle Bemühungen vergeblich …

Dr. Stefan Holl hatte nicht mit einer so einfachen Geburt gerechnet. Für Marie Lehner, vierundzwanzig, war es das erste Kind, das an diesem Frühlingstag das Licht der Welt erblicken sollte.

Erik Lehner, ebenfalls vierundzwanzig, war bei seiner Frau und sprach ihr Mut zu, half ihr, wo er nur konnte, und war vermutlich aufgeregter als die werdende Mutter.

Dr. Stefan Holl hatte bei Frau Lehner sämtliche Voruntersuchungen in seiner Klinik durchgeführt und wusste, dass sie ein gesundes Kind erwartete, einen Jungen, wie die Ultraschalluntersuchung ergeben hatte. Die jungen Eltern freuten sich sehr auf das Kind.

Vor drei Stunden war Marie Lehner mit Wehen eingeliefert worden, und jetzt war es schon so weit. Dr. Holl sah bereits das Kind, und nach nochmaligem Pressen hielt er den neuen Erdenbürger in den Händen.

Schwester Olli, die ihm assistierte, wartete wie er auf den ersten Schrei des Babys. Es war ein kräftiger, lauter Schrei, und Olli lächelte zusammen mit Dr. Holl und den erschöpften, aber überglücklichen Eltern.

Die Schwester war soeben dabei, das Baby zu säubern, als sie Dr. Holl plötzlich einen alarmierten Blick zuwarf.

„Herr Doktor“, sagte sie leise.

Dr. Holl hörte sofort an ihrem Ton, dass etwas nicht stimmte. Ein Blick auf das Baby alarmierte ihn. Es atmete nicht mehr und gab überhaupt kein Lebenszeichen von sich.

Der Chefarzt der Berling-Klinik, dessen Fachgebiet die Gynäkologie war, tat alles in seiner Macht Stehende, doch nach einigen Minuten blieb es ihm nicht erspart, den fassungslosen Eltern die traurige Wahrheit beizubringen.

Das Neugeborene war unmittelbar nach der Geburt gestorben.

***

Schwester Annegret verließ den Aufenthaltsraum und wollte in die Cafeteria gehen, um eine Kleinigkeit zu essen, als sie den Chefarzt an einem Fenster des Korridors stehen sah.

Das war nicht Dr. Holls Art. Er stand nie einfach irgendwo herum und starrte ins Leere. Dafür hatte er gar keine Zeit. Langsam ging die alte Pflegerin, die schon unter seinem Schwiegervater, dem Klinikgründer Professor Walter Berling, gearbeitet hatte, näher.

„Herr Dr. Holl?“, sagte sie leise und blieb neben ihm stehen. „Stimmt etwas nicht?“

Ohne sich zu ihr umzudrehen, holte Stefan Holl tief Atem und stieß ihn langsam wieder aus.

„Sie waren doch vorhin im Kreißsaal“, fuhr Annegret fort, die fast immer über alles in der Klinik Bescheid wusste. „Ist etwas schiefgegangen?“

„Das Baby ist sofort nach der Geburt gestorben“, antwortete er so leise, dass Annegret es kaum verstand. „Die Eltern waren so glücklich, und dann …“ Er zuckte mit den Schultern.

„Und was ist passiert?“ Annegret konnte es sich dank der treuen Dienste, die sie in diesem Haus geleistet hatte, erlauben, mit dem Chefarzt fast auf gleicher Ebene zu sprechen.

Wieder zuckte Dr. Holl mit den Schultern.

„Keine Ahnung“, gestand er ein. „Ich habe alle Voruntersuchungen durchgeführt. Es gab nicht den geringsten Hinweis auf Probleme. In einigen Tagen wissen wir mehr, Annchen.“

Schwester Annegret wollte schon fragen, ob sie etwas für den Chefarzt tun könnte, doch Dr. Holl wandte sich ab und ging wortlos davon. Aus der Richtung, die er einschlug, erriet Annegret, dass er sich in sein Büro zurückziehen wollte.

Genauso war es. Stefan Holl benutzte die Tür, die vom Korridor direkt in sein Büro führte. Moni Wolfram warf vom Vorzimmer einen Blick herein. Sie kannte ihren Chef lange und sah ihm an, wann er allein sein wollte. Wortlos stand die Sekretärin auf und schloss die Verbindungstür.

Stefan Holl setzte sich hinter den Schreibtisch und lehnte sich zurück, rieb sich über das Gesicht und seufzte. Der Föhn hatte ihn nicht gestört, doch dieses Erlebnis nahm ihn mit. Leben und Tod lagen dicht beisammen, in einem Krankenhaus noch näher als anderswo. Und er hatte bei den zahlreichen Geburten, bei denen er geholfen hatte, schon viel erlebt. Doch dieser blitzartige Schicksalsschlag …

Er runzelte die Stirn, als es an der Tür zum Vorraum klopfte.

„Ja, bitte“, sagte er und zwang sich, seine Stimme nicht unwillig klingen zu lassen. Seine Sekretärin hatte die Tür aus Rücksichtnahme geschlossen. Wenn sie jetzt doch eine Störung zuließ, musste es wichtig sein.

Sein Freund und Stellvertreter Daniel Falk kam herein und sah so mitgenommen aus, wie Stefan sich fühlte. Daniel setzte sich auf einen der Besucherstühle vor dem Schreibtisch, legte den Kopf in den Nacken und stieß einen Seufzer aus.

„Wir haben eine Patientin verloren“, sagte er dann ohne Umschweife. „Ingeborg Weiß.“

„Die Appendektomie?“, fragte Stefan Holl erstaunt. Sie hatten am Morgen die anstehenden Fälle besprochen. Daher war er informiert, dass es sich bei Frau Weiß um die einzige heute angesetzte Operation handelte.

Daniel Falk nickte. „Kreislaufkollaps.“ Er schüttelte denn Kopf, als könnte er es nicht glauben. „Eine ganz einfache Blinddarmoperation, und die Patientin stirbt uns unter den Händen weg.“

Der zweite Todesfall an diesem Tag berührte Stefan Holl zwar ebenfalls, erinnerte ihn jedoch gleichzeitig an seine Pflichten als Chefarzt.

„Anzeichen für einen Narkosefehler?“, fragte er so nüchtern wie möglich, obwohl es ihm nicht leichtfiel, sich nach einer möglichen Schuld von Dr. Andrea Kellberg zu erkundigen.

Daniel Falk schüttelte den Kopf. „Nicht, soweit ich das feststellen konnte. Wir müssen eine interne Untersuchung durchführen, Stefan.“

„Was sagen die Angehörigen?“

„Nicht viel – der Schock“, räumte Daniel ein. „Ich habe sie auf die Möglichkeit eines solchen Zwischenfalls hingewiesen, den man nicht vorhersehen kann.“

„Warten wir ab, ob es von dieser Seite noch zu Schwierigkeiten …“ Stefan Holl unterbrach sich und betrachtete mit gerunzelter Stirn das Telefon. Was war denn jetzt wieder los? „Ja, Moni?“, fragte er, nachdem er den Hörer ans Ohr genommen hatte.

„Dr. Donat von der Inneren“, erwiderte seine Sekretärin und stellte durch, noch ehe sie dazu eine Anweisung erhalten hatte.

„Holl.“ Der Chefarzt der Berling-Klinik hörte eine knappe Minute zu. „Danke.“ Danach legte er auf und lehnte sich mit geschlossenen Augen zurück.

Daniel Falk ließ einige Zeit verstreichen.

„Was ist los?“, fragte er dann. Niemand brauchte ihm zu sagen, dass noch etwas geschehen war. Dafür kannte er seinen Freund Stefan viel zu gut.

Stefan Holl öffnete die Augen, sah jedoch nicht seinen Freund und Stellvertreter an. Sein Blick fiel auf einen gerahmten Sinnspruch, den seine Frau Julia ihm vor langer Zeit geschenkt hatte und der in Sichtweite des Schreibtisches an der Wand hing.

„Immer wenn du denkst, es geht nicht mehr, kommt von irgendwo ein Lichtlein her.“

Heute fiel es Stefan Holl schwer, Trost und Kraft in diesem Spruch zu finden.

„Robert Gernhammer, Magengeschwür, Patient der Inneren“, erklärte er seinem Freund. „Herzinfarkt. Der Kollege Donat war eine knappe Minute später zur Stelle, konnte aber nichts mehr machen.“

Daniel Falk schüttelte den Kopf. „Und ich hatte mir schon eingeredet, in unserem Haus wäre das Sterben abgeschafft worden“, bemerkte er und spielte mit dieser Bemerkung darauf an, dass es schon unverhältnismäßig lange keinen Todesfall mehr gegeben hatte.

„Wenn wir das abschaffen könnten, würden wir zur Klinik Nummer eins in der ganzen Welt aufsteigen“, erwiderte Stefan. „Was für ein Tag, Daniel!“

„Ja, dem schließe ich mich an.“ Daniel Falk sah auf die Uhr. „Allerdings ist der Tag noch lange nicht zu Ende, was bedeutet, dass die Arbeit ruft.“ Er sammelte Energie und stand auf. „Bis später, Stefan.“

Der Klinikleiter nickte seinem Freund stumm zu. Nachdem sich die Tür hinter Daniel geschlossen hatte, blieb Stefan Holl sekundenlang still sitzen. Sein Blick fiel schließlich auf das Telefon.

Einer spontanen Idee folgend, griff er zum Hörer und wählte seine Privatnummer.

„Holl“, meldete sich Julia nach dem dritten Klingelzeichen.

„Ich bin es.“

„Stefan, was ist los?“, erkundigte sich seine Frau, während es im Hintergrund polterte, als wäre soeben das halbe Haus eingestürzt. „Chris, kannst du die Treppe nicht wenigstens leise heruntergehen, wenn ich telefoniere?“, rief Julia.

Stefan lächelte matt. Dieses Getöse, das sein jüngerer Sohn auf rätselhafte Weise stets auf der Treppe erzeugte und das einem voll ausgewachsenen Elefanten entsprochen hätte, kannte er nur zu gut.

„Ich bin wieder da, Stefan.“ Julia seufzte. „Also, was ist denn?“

„Was hältst du davon, wenn wir den heutigen Abend bei deinem Vater und Nessy verbringen?“, schlug er vor. „Wenn Trixi und Axel Zeit haben … und wenn die Kinder wollen, zumindest Chris und Juju …“ Er verstummte und spielte mit der Telefonschnur.

Einige Sekunden verstrichen. „Ich werde organisieren, was nur geht“, versprach Julia dann, und er hörte ihr an, dass sie ihn genau verstanden hatte. Heute Abend brauchte er mehr Ablenkung, als ihm seine eigene sechsköpfige Familie ohnedies jeden Tag bot. „Wir sehen uns dann nach Feierabend.“

„Danke.“ Stefan Holl legte auf und betrachtete erneut den Sinnspruch, der wenigstens auf ihn zutraf. Seine Familie und vor allem seine Frau waren das Licht, das ihm immer wieder den Weg zeigte, den er beschreiten musste.

***

Dr. Johannes Vaninski hatte nicht ohne Grund ein Nobelcafé in Münchens Innenstadt ausgesucht. Er hoffte, dass Waltraud sich in der gediegenen Atmosphäre zusammennahm und nicht wie bei der letzte Aussprache einen hysterischen Anfall bekam.

Das heißt, verbesserte er sich verbittert, während er seiner Exfrau entgegenblickte, nur er hatte von Hysterie gesprochen. Waltraud hatte es gerechtfertigte Empörung genannt.

Sie war elegant, mit vierzig zwei Jahre jünger als er, und sie verstand es, für ihr Aussehen viel Geld auszugeben, ohne dass es protzig wirkte. Sein Geld.

Damals bei der Heirat war er überzeugt gewesen, die ideale Ehefrau zu bekommen, die sich ein erfolgreicher Chirurg wünschen konnte. Seit der Scheidung vor einem Jahr dachte er anders darüber, aber das war nur natürlich.

Er stand auf, als Waltraud an den Tisch trat, und begrüßte sie mit einem knappen Kopfnicken.