Dr. Holl 1911 - Arztroman - Katrin Kastell - E-Book

Dr. Holl 1911 - Arztroman E-Book

Katrin Kastell

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Beschreibung

Mitten in der rasenden, berauschenden Fahrt, die Justus Wassermann am Skisport am meisten liebt, spürt er plötzlich einen stechenden Schmerz im Knie. Vorsichtshalber lässt der erfolgreiche Eiskunstläufer die Stelle in der Berling-Klinik untersuchen. Doch Dr. Holl hat keine guten Neuigkeiten für seinen Patienten: In Justus' Knie hat sich ein aggressiver Knochenkrebs gefressen, das Bein muss unverzüglich amputiert werden. Wie eine Lawine walzt diese Nachricht Justus' Welt nieder. Unter Schock stimmt der Hochleistungssportler der Amputation zu. Erst danach begreift er voller Entsetzen: Sein Unterschenkel wurde mit dem Fuß nach hinten an den Stumpf seines Oberschenkels angenäht! Die Ärzte nennen es eine "Umkehrplastik" zu dem Zweck, das Osteosarkom zu entfernen. Justus nennt es eine Verstümmelung zu dem Zweck, seinem ehemals sportlichen, aktiven und glücklichen Leben jeglichen Wert zu nehmen! Voller Bitterkeit beschließt der frühere Eiskunstläufer, jede weitere Behandlung abzulehnen - die rettende Chemotherapie eingeschlossen. Solch ein Leben wäre definitiv schlimmer als der Tod ...

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Seitenzahl: 126

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Inhalt

Cover

Schlimmer als der Tod

Vorschau

Impressum

Schlimmer als der Tod

Dr. Holl und ein Patient, der jegliche Behandlung verweigerte

Von Katrin Kastell

Mitten in der rasenden, berauschenden Fahrt, die Justus Wassermann am Skisport am meisten liebt, spürt er plötzlich einen stechenden Schmerz im Knie. Vorsichtshalber lässt der erfolgreiche Eiskunstläufer die Stelle in der Berling-Klinik untersuchen. Doch Dr. Holl hat keine guten Neuigkeiten für seinen Patienten: In Justus' Knie hat sich ein aggressiver Knochenkrebs gefressen, das Bein muss amputiert werden.

Wie eine Lawine walzt diese Nachricht Justus' Welt nieder. Unter Schock stimmt der Hochleistungssportler der Amputation zu. Erst nach der OP begreift er voller Entsetzen: Sein Unterschenkel wurde mit dem Fuß nach hinten an den Stumpf seines Oberschenkels angenäht! Die Ärzte nennen es eine »Umkehrplastik« zu dem Zweck, das Osteosarkom zu entfernen. Justus nennt es eine Verstümmelung mit dem Ziel, seinem ehemals sportlichen, aktiven und glücklichen Leben jeglichen Wert zu nehmen!

Voller Bitterkeit beschließt der frühere Eiskunstläufer, jede weitere Behandlung abzulehnen – die rettende Chemotherapie eingeschlossen. Solch ein Leben wäre definitiv schlimmer als der Tod ...

»Das ist doch nicht notwendig, Kind.« Naomi Kleinschmidts Schwiegermutter schlug die Hände über dem Kopf zusammen. »Du und Tobi, ihr seid doch alles, was wir jetzt noch haben. Und was immer uns gehört, gehört euch, auch wenn es nicht viel ist.«

»Das weiß ich doch, Doro. Besser als bei euch könnte es uns nicht gehen, und wir sind sehr dankbar, euch zu haben.«

Liebevoll legte Naomi einen Arm um die alte Dame, die sie wie die Mutter liebte, die sie nie gehabt hatte. Ihre eigene Mutter hatte nie viel Interesse an ihr gezeigt. Seit Naomi mit achtzehn Jahren ausgezogen war, um Alexander, die Liebe ihres Lebens, zu heiraten, hatten sie kaum noch Kontakt miteinander gehabt. Ihre Mutter kannte nicht einmal ihren Enkelsohn.

Alexanders Eltern hingegen hatten Naomi mit offenen Armen aufgenommen, obwohl sie zwölf Jahre jünger als ihr Sohn und im Grunde noch ein Kind gewesen war. Bei ihnen hatte sie Geborgenheit und Liebe erfahren. Außerdem waren sie die besten Großeltern der Welt.

»Na also«, mischte sich nun auch Waldemar Kleinschmidt, ihr Schwiegervater, ein. »Was soll dann also dieser Unsinn damit, dass du wieder arbeiten gehen willst? Du bist unsere Schwiegertochter, und Tobi ist unser Enkel. Wir werden für euch beide sorgen, bis wir eines Tages die Augen schließen, und euch wird es nie an etwas fehlen. So hätte es auch unser Sohn gewollt.«

Der alte Herr gab gerne ein wenig den Brummbären, war im Grunde aber genauso warmherzig und liebevoll wie seine Frau.

»Ich habe euch fest in mein Herz geschlossen, Waldemar«, sagte Naomi. »Tobi und ich werden euch immer brauchen und hier bei euch ein zweites Zuhause haben. Aber ich weiß auch, wie hart es für euch ist, zwei Menschen zusätzlich zu ernähren.«

Ihre Schwiegereltern waren bereits Ende dreißig gewesen, als nach vielen vergeblichen Versuchen doch noch ihr Sohn Alexander zur Welt gekommen war.

Dorothee Kleinschmidt hatte ihren Beruf als Sekretärin aufgegeben, um ganz für ihr ersehntes, einziges Kind da zu sein, und Waldemar Kleinschmidt hatte die Familie mit seiner Arbeit als Gleisbauer ernährt. Sie waren eine durch und durch glückliche Familie gewesen, aber Reichtümer hatten sie wahrlich nicht ansammeln können.

Ihre Rente war alles andere als üppig, und das gemütliche Reihenhäuschen, in dem Alexander aufgewachsen war, wurde für vier Personen ein wenig eng. Vor allem, wenn einer der vier ein lebhafter Fünfjähriger war, der am liebsten den ganzen Tag als Cowboy verkleidet durchs Haus ritt, dem Fußballstar Ronaldo nacheiferte oder seine Holzeisenbahn von einem Raum in den nächsten fahren ließ.

Aber das war nicht der einzige Grund für Naomis Wunsch, wieder arbeiten zu gehen und in die Dachwohnung in Münchens Zentrum zurückzukehren, in der sie mit ihrer kleinen Familie einstmals zu Hause gewesen war.

»Außerdem wird es einfach Zeit, dass ich versuche, mich wieder auf eigene Füße zu stellen«, gestand sie ihren Schwiegereltern. »Wir sind gern hier bei euch, das wisst ihr. Wir kommen auch immer wieder gern zu Besuch. Aber wenn wir es jetzt nicht schaffen, in unsere Wohnung zurückzuziehen und uns daran zu gewöhnen, allein dort zu leben, schaffen wir es nie.«

»Und warum solltet ihr euch daran gewöhnen?«, fragte ihre Schwiegermutter, und ihre großen, braunen Augen, die Alexander und Tobias von ihr geerbt hatten, füllten sich mit Tränen. »Unser Junge ist tot, gestorben mit nur siebenunddreißig Jahren. Dein Mann ist tot. Tobis Papa ist tot. An so etwas gewöhnt man sich nicht.«

»Du sagst es, Doro«, schloss Waldemar Kleinschmidt sich an. »Dass Eltern ihr Kind zu Grabe tragen müssen, ist nicht natürlich, und dafür gibt es auch keinen Trost. Wir leben für euch weiter und wollen unser Bestes geben, damit es euch so gut geht wie nur möglich. Aber daran gewöhnen? Nein, niemals.«

»So habe ich es doch nicht gemeint«, beschwichtigte Naomi und drückte Dorothee noch fester an sich. »Ich werde mich auch nie daran gewöhnen, dass Alexander nicht mehr bei mir ist, und Tobi wird sich nicht daran gewöhnen, dass sein Papa nie mehr abends nach Hause kommt und ihn vor Wiedersehensfreude in die Luft wirft. Wir werden Alexander niemals vergessen, darum braucht ihr euch absolut keine Sorgen zu machen.«

Allein der Gedanke war wie ein Stich ins Herz.

Wie konnte sie einen Mann vergessen, der ihr nie etwas anderes geschenkt hatte als Liebe, Zärtlichkeit und behütende Fürsorge? Nein, Alexander war kein reicher Mann gewesen. Als Archäologe hatte er zwar seinen Traumberuf ausgeübt und seine Frau wie auch seinen Sohn an dieser spannenden Tätigkeit teilhaben lassen, doch viel Geld war damit nicht zu machen gewesen. Seiner Familie aber hatte es dennoch an nichts gefehlt, für Naomi und Tobias hatte er sich krummgelegt.

Er hatte ihnen die wunderschöne Eigentumswohnung mit der Dachterrasse in Münchens Zentrum gekauft, hatte seine Frau und seinen Sohn mit Geschenken überschüttet und dafür gesorgt, dass sie jedes Jahr zusammen in einen herrlichen Urlaub fahren konnten.

Die Erinnerung an diese wunderschöne Zeit war jetzt alles, was ihr geblieben war, und sie würde für den Rest ihres Lebens davon zehren müssen.

Dass es keine Ersparnisse gab und Alexander auch keine Lebensversicherung abgeschlossen hatte, war nicht verwunderlich. Wer rechnete schon mit siebenunddreißig Jahren damit, dass er sterben und sein Kind nicht aufwachsen sehen würde?

***

Noch immer stand Naomi ihren Schwiegereltern gegenüber und hing ihren Erinnerungen nach.

Es tat unendlich weh, wenn sie an ihren großen Verlust zurückdachte. Alexander war fast nie krank gewesen, hatte sich gesund ernährt und immer auf sich geachtet. Und dann war er am letzten Tag eines traumhaften Familienurlaubs am Weißensee während einer Wanderung gestürzt und hatte auf einmal vor Schmerzen sein Bein nicht mehr bewegen können.

Sie beide – Naomi genauso wie Alexander – hatten angenommen, er wäre eben unglücklich gefallen und hätte sich den Knochen oder eine Sehne verletzt. Daheim in München wollte er sich untersuchen lassen, um sicherzugehen, dass nichts gebrochen war. Und dann, so hatte er gesagt, würde er bestimmt bald wieder mit Tobias Fußball spielen.

Auf der Heimfahrt aber hatte Naomi bemerkt, wie schlecht es ihrem Mann ging. Er war vor Schmerzen fast apathisch gewesen, hatte sie beim Fahren nicht ablösen können und war ihr merkwürdig kurzatmig vorgekommen.

Dennoch hatte Naomis Verstand sie beruhigt, dass es keinen Grund zur Sorge geben konnte. Sie war als Krankenpflegehelferin ausgebildet, und auch wenn sie den Beruf nur kurze Zeit ausgeübt hatte, weil dann Tobias zur Welt gekommen war, wusste sie, dass Beinverletzungen furchtbar schmerzen konnten, aber meist wieder gut verheilten.

Trotzdem hatte sie ein beklemmendes Gefühl beschlichen, als sie ihren Mann betrachtet hatte, und sie hatte darauf bestanden, ihn sofort in die Berling-Klinik zu fahren, die von ihrer Wohnung die nächstgelegene medizinische Einrichtung war und darüber hinaus einen hervorragenden Ruf genoss.

Naomi hatte erwartet, man würde ein Röntgenbild anfertigen und Alexander dann mit seiner Familie nach Hause schicken. Als Dr. Holl, der Chefarzt der Klinik, ihr jedoch persönlich mitgeteilt hatte, dass man ihren Mann gern über Nacht auf der Station behalten würde, um einige weitere Untersuchungen durchzuführen, war Naomi zum ersten Mal vor Angst eiskalt geworden.

Drei Wochen später war Alexander von ihr gegangen.

Ein Osteosarkom im Knie, ein bösartiger Knochentumor, und er hatte bereits in die Lunge und in weitere Teile seines Körpers gestreut. Die Metastasen waren so zahlreich, dass keinerlei Therapie mehr möglich gewesen war.

Also waren die Familienangehörigen Dr. Holls Vorschlag gefolgt, Alexander in ein ruhiges, schönes Zimmer zu verlegen, wo sie alle – seine Frau, sein Kind und seine Eltern, die die Welt nicht mehr verstanden – Tag und Nacht hatten bei ihm sein können.

Gefangen in den Erinnerungen drückte Naomi ihre Schwiegermutter noch einmal liebevoll an sich.

Es war ein Segen gewesen, dass sie sich aneinander hatten festhalten können und dass Naomi und Tobias bei Alexanders Eltern hatten unterschlüpfen können wie verwundete Tiere in eine schützende Höhle. So hatten sie das Grauen der ersten Wochen überstanden, den ersten Advent und das erste Weihnachtsfest – ohne Alexander. Seine Großeltern waren Tobias ein wunderbarer Trost gewesen.

Ewig aber konnte es so nicht weitergehen.

Tobias kam nächsten Sommer in die Schule. Er brauchte andere Kinder um sich, musste wieder in seinen geliebten Kindergarten gehen, und schon in seinem Interesse durfte sich seine Mutter nicht bis in alle Zeiten hier draußen vergraben.

Von der winzigen Witwenrente, die sie erhielt, konnte sie kaum die Raten für die Wohnung abzahlen. Sie brauchte Geld, um sich und Tobias zu ernähren, konnte nicht noch länger ihren Schwiegereltern auf der Tasche liegen.

Aber das war nicht alles.

Auch sie selbst brauchte irgendetwas, das sie tun konnte; eine Aufgabe, die sie ablenken, ihrem Leben wieder Impulse geben würde.

Sie liebte Tobias über alles, aber sie durfte nicht ihren ganzen verbleibenden Lebenssinn in ihrem Kind sehen. Für den Jungen wäre das eine zu große Belastung. Tobias hatte seinen Vater verloren. Das war hart genug. Er sollte dennoch frei und unbesorgt aufwachsen dürfen, nicht seine ganze Kindheit und Jugend hindurch das Gefühl haben, dass das Befinden seiner Mutter allein von ihm abhängig war.

Naomi war so tief in ihre Gedanken versunken, dass sie nicht bemerkte, wie ihr Schwiegervater hinter sie trat. Er legte ihr seine schweren, an Schaufeln erinnernden Hände auf die Schultern.

Waldemar Kleinschmidt war ein Baum von einem Mann. Einer, der Dächer reparieren und Keller trockenlegen, auf einer Schulter ein Fass tragen und seine zarte Frau in die Höhe heben und über eine Schwelle tragen konnte, als hätte sie kein Gewicht.

Diesen kraftvollen Riesen über dem toten Körper seines Sohnes zusammenbrechen und haltlos wie ein kleines Kind weinen zu sehen, gehörte zu den schlimmsten Dingen, die Naomi, jemals erlebt hatte.

»Wir haben euch beide gern hier, Naomi«, sagte ihr Schwiegervater. »Ihr seid das Wichtigste, das es jetzt noch in unserem Leben gibt. Ich hoffe, das weißt du. Unser Junge kommt nicht mehr wieder. Alles, was jetzt noch für uns zählt, sind unser Mädchen und unser Enkel. Ginge es nach uns, dann würdest du die Wohnung verkaufen und mit Tobias hier bei uns bleiben. Wenn es aber nicht das ist, was du willst und was dir guttut, meine Kleine, dann sollst du wenigstens wissen, dass wir für dich und Tobi da sind, wann immer ihr uns braucht.«

Naomi benötigte eine ganze Weile, ehe sie wieder sprechen konnte. Ihre Rührung überwältigte sie, und Tränen begannen, ihr die Wangen hinunterzulaufen.

»Danke, Waldemar«, presste sie heraus. »Es ist ein solches Glück, dass ich euch habe.«

»Glück hast du ja nun wirklich nicht, meine arme Kleine«, widersprach Dorothee. »So früh den Mann zu verlieren, in so jungem Alter schon Witwe zu sein und allein mit einem Kind ...«

»Nein, Dorchen«, widersprach Naomi fest und nannte die Schwiegermutter bei dem zärtlichen Kosenamen, den Alexander manchmal benutzt hatte. »Ich bin nicht allein. So hart es ist, Alexander nicht mehr bei mir zu haben, so wundervoll war es, mit ihm zu leben. Das bleibt mir für immer. Und er hat mir euch vermacht.«

Sie lächelte ihrer Schwiegermutter zu, und die tapfere alte Frau schaffte es, das Lächeln zu erwidern.

»Dürfen wir Tobi manchmal vom Kindergarten abholen, wenn du länger arbeiten musst?«, fragte sie hoffnungsvoll. »Es wird ganz schön leer und still in unserem Leben werden, wenn ihr beiden weg seid.«

»Nein, wird es nicht«, beschied sie Naomi. »Denn wir sind nicht weg, sondern wohnen nur wieder in unserer Wohnung. Natürlich dürft ihr Tobi abholen, wann immer ihr wollt. Ihr dürft nicht nur, ihr müsst. Wir sind doch eine Familie, und Oma und Opa sind die größten für Tobi. Und am Wochenende kommen wir euch besuchen, oder wir laden euch zu uns ein.«

Waldemar tätschelte ihr die Schultern, und Dorothee zwang sich weiter zum Lächeln. Naomi wusste, die beiden alten Leute gaben sich alle Mühe, ihr zu vermitteln, dass sie mit ihrem Entschluss zurechtkamen und sie unbelastet ihren Weg gehen konnte.

Naomi aber wusste, dass es nicht so war. Ihre Schwiegereltern hatten auch jetzt, im Alter, noch ein aktives Leben geführt, waren viel gereist, hatten einen fröhlichen Freundeskreis gepflegt und Museen, Theater und Konzerte besucht. Das Zentrum ihres Lebens aber war ihr einziger Sohn gewesen, und mit seinem Tod waren sie im Innern zerbrochen.

Ich weiß, wie es sich anfühlt, denn mir ist dasselbe geschehen, dachte Naomi.

Eine Chance auf Heilung bestand nicht. Aber ihrem Sohn zuliebe musste sie es schaffen, den Schmerz zumindest ein wenig zu betäuben.

»Wo willst du denn überhaupt arbeiten?«, fragte ihr Schwiegervater. »Wieder in der Felsenstein-Klinik, wo du deine Ausbildung gemacht hast? Damals warst du dort doch aber überhaupt nicht glücklich. Wäre es nicht besser, nach etwas anderem zu suchen?«

Naomi unterdrückte ein Seufzen.

Ihre Schwiegereltern stellten es sich so leicht vor. In ihren Augen war sie die großartigste Krankenschwester aller Zeiten, alle Kliniken rissen sich um sie, und sie konnte unter den Stellenangeboten auswählen.

Die Wahrheit sah leider anders aus: Sie hatte lediglich eine Ausbildung zur Pflegehelferin, besaß kaum Berufspraxis und war durch ihren Sohn nicht flexibel einsetzbar.

Nachtschichten, die in den meisten Krankenhäusern verlangt wurden, konnte sie unmöglich absolvieren, denn Tobias litt seit Alexanders Tod unter Albträumen, in denen er seine Mutter auch noch verlor. Er brauchte sie in der Nacht, und sie konnte ihn keinem anderen anvertrauen.

Es würde hart werden, einen Klinikchef davon zu überzeugen, sie einzustellen. Und am Ende würde ihr womöglich nichts anderes übrig bleiben, als in der Felsenstein-Klinik anzuklopfen.

Ihr Schwiegervater hatte jedoch recht: Sie hatte die Arbeit dort gehasst, weil es dort zugegangen war wie auf einem Verschiebebahnhof. Für die Patienten hatte niemand Zeit gehabt, die Mitarbeiter waren angeschrien worden, und die gesamte Atmosphäre war ganz einfach der Genesung nicht förderlich gewesen.

»Ich werde alle Optionen gründlich prüfen«, gab sie Waldemar schließlich zur Antwort. »Wichtig ist mir, dass die Stellung gut mit Tobis Betreuung vereinbar ist, und wenn das bei der Felsenstein-Klinik gegeben ist, kommt sie für mich in Betracht. Als Erstes habe ich aber eine andere Idee, und um die will ich mich nächste Woche kümmern.«

***

»Ist es nicht himmlisch, mein Liebling?«

In eleganten Schwüngen sauste Justus Wassermann neben seiner Verlobten Annalena den schneebedeckten Ski-Hang hinunter. Der Himmel war strahlend blau, das Licht der Sonne glitzerte auf dem makellosen Schnee, und sein Leben war wie so oft einfach perfekt.

»Kannst du mir sagen, warum wir morgen schon wieder nach München zurück müssen?«, rief er dann euphorisch.