Dr. Holl 1916 - Arztroman - Katrin Kastell - E-Book

Dr. Holl 1916 - Arztroman E-Book

Katrin Kastell

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Beschreibung

In den schillerndsten Farben malen sich die Kunststudentin Anna und ihr Freund Jonas die geplante Weltreise aus: Mit ihrem VW-Bulli tuckern sie durch die engen, geschlängelten Gässchen süditalienischer Dörfer, dann entlang der spanischen Küste und weiter nach Paris, in die Stadt der Liebe, um am Ufer der Seine an ihren Staffeleien den Zauber der Metropole auf Leinwand zu bannen ... Doch dann platzen Annas Träume schlagartig - und sie steht allein da, ohne Jonas, ohne die Malerei und ohne jegliche Hoffnung. Der Grund dafür ist eine niederschmetternde Diagnose: Die Kunststudentin leidet an der seltenen Augenkrankheit Lebersche Optikusatrophie. Die Ärzte geben ihr nur noch wenige Monate, dann wird sie fast vollständig erblindet sein. Verzweifelt zieht sie sich zurück, ihre Sehkraft schwindet von Tag zu Tag mehr, Unfälle häufen sich. Unaufhaltsam droht ein pechschwarzes Nichts Anna zu verschlucken - bis er auftaucht, der rettende Silberstreif am Horizont ...

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Seitenzahl: 126

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Inhalt

Cover

Und es erlosch das Licht ...

Vorschau

Impressum

Und es erlosch das Licht ...

Als Anna zu erblinden drohte, fand sie den Weg zum Glück

Von Katrin Kastell

In den schillerndsten Farben malen sich die Kunststudentin Anna und ihr Freund Jonas die geplante Weltreise aus: Mit ihrem VW-Bulli tuckern sie durch die engen, verwinkelten Gässchen süditalienischer Dörfer, dann entlang der spanischen Küste und weiter nach Paris, in die Stadt der Liebe, um am Ufer der Seine an ihren Staffeleien den Zauber der Metropole auf die Leinwand zu bannen ...

Doch dann platzen Annas Träume schlagartig – und sie steht allein da, ohne Jonas, ohne die Malerei und ohne jegliche Hoffnung. Der Grund dafür ist eine niederschmetternde Diagnose: Die Kunststudentin leidet an der seltenen Augenkrankheit Lebersche Optikusatrophie. Die Ärzte geben ihr nur noch wenige Monate, dann wird sie fast vollständig erblindet sein. Verzweifelt zieht sie sich zurück, ihre Sehkraft schwindet von Tag zu Tag mehr, Unfälle häufen sich. Unaufhaltsam droht ein pechschwarzes Nichts Anna zu verschlucken – bis er auftaucht, der rettende Silberstreif am Horizont ...

Ein Krachen, gefolgt von einem Schrei, ließ Chefarzt Dr. Stefan Holl kurz zusammenzucken, als er an diesem Abend im Frühsommer von der Münchner Berling-Klinik zurückkam.

Mit einem Schlag waren die Gedanken an einen Grillabend im Kreis der Familie vergessen. Im Laufen nestelte er den Schlüssel aus der Tasche und schloss die Tür auf.

Herzzerreißendes Schluchzen aus dem Wohnzimmer ließ ihn das Schlimmste befürchten. An Ort und Stelle ließ er die Tasche fallen und rannte los.

»Um Gottes willen, was ist passiert?«

Stefan stieß die Tür zum Wohnzimmer auf. Wie vom Donner gerührt, blieb er stehen.

»So ein Mist!«

Das war nicht gerade die Antwort, die er erwartet hatte.

Chris, fünfzehnjähriger Sohn der Holls, lag wie ein Käfer in einem Meer aus weißer Farbe auf dem Sofa. Seine Mutter saß mit zuckenden Schultern auf dem Boden neben der umgefallenen Leiter. Nesthäkchen Juju kniete neben ihrer Mama.

Mit ein paar Schritten war Stefan bei den beiden. Er beugte sich über seine Frau.

»Liebling! Bist du verletzt?«

Julia hob den Kopf und drehte sich um. In diesem Moment bemerkte Stefan, dass sie nicht weinte. Ganz im Gegenteil, Julia lachte so sehr, dass ihr die Tränen über die Wangen liefen.

»Du weinst ja gar nicht.«

»Nein«, japste sie und nahm dankbar das Taschentuch, das er ihr reichte. »Tut mir leid, mein Schatz. Ich wollte dich nicht erschrecken. Aber das war gerade ein Anblick für die Götter.«

Stefan richtete sich auf und atmete tief durch, um sein wild schlagendes Herz zu beruhigen.

In der Klinik gab es nichts, was ihn so schnell aus der Ruhe brachte. Es gehörte zu seinem Beruf, in einer schwierigen Situation besonnen zu bleiben, um vernünftige Entscheidungen treffen zu können. Ging es jedoch um die Gesundheit seiner Familie, unterschied er sich in nichts von all den anderen liebenden Familienvätern.

Möglich, dass er sogar noch ein wenig sensibler war, war er sich als Klinikchef doch der Gefahren bewusst, die hinter jeder Ecke lauerten. Diesmal war die Aufregung zum Glück umsonst gewesen.

Stefan hielt seinem Sohn die Hand hin und half ihm vom Sofa auf. Juju kringelte sich vor Lachen.

»Jetzt schaust du auch aus wie ein Malermeister. Wir sind die Familie Klecks.«

Tatsächlich, von Stefans Hand tropfte weiße Farbe auf den rechten Schuh. Farbspritzer zierten seine Hose. Unterdessen hatte sich Julia vom Boden hochgerappelt und betrachtete das Malheur.

Beim Sturz von der Leiter hatte Chris nicht nur den Farbeimer mit sich gerissen, sondern auch noch die Folie zerstört, mit der die Couch zum Schutz vor der Wandfarbe abgedeckt worden war.

»Ein Glück, dass du kein Handwerker werden willst«, sagte sie, immer noch lächelnd, zu ihrem Sohn.

»Sonst müsste Chris Hunger leiden und immer zu uns zum Essen kommen«, zog Juju messerscharf ihren eigenen Schluss.

»Darüber würde ich mich ja freuen.« Stefan zwinkerte seinem jüngsten Sohn zu. »Aber wenn ich an die Schadensersatzansprüche deiner Kunden denke, solltest du wirklich besser auf eine Maler-Karriere verzichten.«

Unter den weißen Farbsprenkeln in seinem Gesicht wurde Chris blass.

»Heißt das, ich muss ein neues Sofa für uns kaufen?«

Seine Eltern lachten. »So weit kommt es noch«, beruhigte Stefan seinen Sohn. »Aber du wirst uns helfen, das gute Stück so zu reinigen, dass wir es noch für einen wohltätigen Zweck spenden können. Immerhin ist die Couch erst drei Jahre alt.«

Julia wiegte den Kopf.

»Frau Freisleben sprach mich neulich an. Sie war auf der Suche nach einem Sofa für den Jugendraum«, berichtete sie. »Mit einem Bezug drüber ist es für diese Zwecke noch wunderbar geeignet.«

Jujus Blick flog von einem zum anderen.

»Heißt das, wir bekommen ein neues Sofa? So ein ganz großes, gemütliches Kuschelsofa, wie Michaela und Stefan eines haben?«

Schon die ganze Zeit war sie neidisch auf Cousine und Cousin, die immer so schön vor dem Fernseher fläzen konnten.

»Au ja, und ich repariere den Beamer von Onkel Axel. Dann können wir auf einer Leinwand Kinofilme im Wohnzimmer schauen!«, rief Chris freudig.

Nach einer Flaute in der Schule hatte der Fünfzehnjährige offenbar seine Berufung gefunden. Seit einiger Zeit beschäftigte er sich mit Computer- und Netzwerktechnik. Stundenlang verschwand er in seinem Zimmer, um aus alten Festplatten, Kabeln und Steckern neue Geräte zu bauen. Elektro-Informationstechnik hieß sein neuer Berufswunsch. Mit diesem Ziel vor Augen wurden sogar seine Schulnoten langsam wieder besser, worüber beide Elternteile sehr zufrieden waren. Dennoch fand seine Idee besonders bei Julia nicht viel Anklang.

»Ich finde, unser Fernseher ist groß genug«, lehnte sie freundlich, aber bestimmt ab. »Doch wenn ihr schon euer Lümmelsofa bekommt, wünsche ich mir endlich ein hübsches Bild für die kahle Wand dort.«

Juju schlang die Arme um ihre Mama und drückte die Wange an Julias flachen Bauch.

»Warum hast du denn nichts gesagt, Mama?«, fragte sie mit treuherzigem Augenaufschlag. »Ich male dir doch eins. Was willst du haben? Eine bunte Blumenwiese? Oder lieber einen Wald mit vielen Bäumen?«

»Deine Bilder hängt sich kein Me...«, setzte Chris an, als sein Vater ihm das Wort abschnitt.

»Deine Bilder sind wunderschön, mein Schatz«, eilte er seiner Tochter zu Hilfe. »Aber ich glaube, die Mama wünscht sich ein Bild von einem Künstler, das wir verkaufen können, falls unsere Kinder wieder einmal versuchen, Handwerker zu spielen.«

Er zwinkerte hinüber zu seinem Sohn, der den Mund wieder schloss und sich mit einem vielsagenden Grinsen begnügte.

***

»Es tut mir sehr leid, Frau Reither«, sagte der Augenarzt Dr. Jürgen Steinert am nächsten Tag zu der jungen Patientin, die ihm gegenüber auf einem Stuhl saß. »Aber ich fürchte, ich habe keine guten Nachrichten für Sie.«

Das hatte Anna schon geahnt, seit sie vor ein paar Tagen in ihrem Ölmalkurs so sehr von ihrer Skizze abgewichen war, dass der Dozent ernsthaft an ihrer Begabung gezweifelt hatte.

Es hatte nicht an der durchaus berechtigten Kritik gelegen, dass sie in Tränen ausgebrochen war. Ihre Verzweiflung war vielmehr der Erkenntnis geschuldet, dass mit ihren Augen irgendetwas nicht stimmte. Eine Sorge, die der Augenarzt Dr. Steinert nach aufwändigen Untersuchungen jetzt bestätigen musste.

Bei Annas letztem Besuch hatte er sie lächerlich kleine Buchstaben lesen und Zahlen in einem Kreis aus Farbtupfern erkennen lassen. Er hatte ihr Gesichtsfeld gemessen und eine Aberrometrie durchgeführt, eine Untersuchung, bei der optische Abbildungsfehler durch unregelmäßige Lichtbrechung an der Hornhaut, Linse und im Glaskörper festgestellt wurden. Das Ergebnis all dieser Tests präsentierte er ihr an diesem herrlichen Tag im Frühsommer.

»Sie leiden an der sogenannten Leberschen Optikusatrophie.«

Anna zog eine Augenbraue hoch.

»Was haben meine Augen mit meiner Leber zu tun?«

Dr. Steinert lächelte milde.

»Die Bezeichnung stammt von ihrem Entdecker Doktor Theodor von Leber. Er entdeckte, dass bei dieser Erkrankung des Sehnervs die Mutation einer mitochondrialen Gen-Sequenz auftritt.«

Warum nur hatten so viele Ärzte die Angewohnheit, ihre Unsicherheit hinter unverständlichen Fachbegriffen zu verstecken? Doch damit würde er bei Anna nicht durchkommen.

»Und was heißt das auf Deutsch?«, fragte sie keck nach.

Eine Erkrankung des Sehnervs war noch lange kein Grund, die Flinte ins Korn zu werfen. Dann trug sie eben eine Brille – oder Kontaktlinsen, wenn sie Jonas damit besser gefiel.

Erwartungsvoll musterte sie ihren Arzt, der irgendetwas auf den Zettel kritzelte, der vor ihm auf dem Schreibtisch lag.

»Also gut, Frau Reither. Bei der Leberschen Optikusatrophie handelt es sich um eine Erbkrankheit, die ausschließlich von den Müttern an ihre Kinder weitergeben wird. Warum vorwiegend Männer erkranken, ist bislang nicht bekannt.«

»Aber ... ich bin kein Mann«, machte Anna ihren Arzt auf diese unabänderliche Tatsache aufmerksam.

Dr. Steinert lächelte. »Ja, das ist nicht zu übersehen.«

Er verbot sich einen Blick in den Ausschnitt ihres T-Shirts, aus dem die Spitze ihres BHs hervorblitzte.

Das war kein Zufall. Im Anschluss an diesen Termin war Anna mit ihrem Freund Jonas verabredet. Seit einem Jahr waren sie und der wesentlich ältere Kunstpädagoge ein Paar. Eigentlich war Jonas Maler. Solang der internationale Durchbruch auf sich warten ließ, unterrichtete er jedoch an der Akademie der Bildenden Künste in München.

In der Mensa hatten sie zufällig hintereinander angestanden, um Essen zu holen. Diese Gelegenheit hatte Anna für ein paar fachliche Fragen genutzt. Darüber waren sie ins Gespräch gekommen und hatten schnell festgestellt, dass sie viel mehr verband als nur die Liebe zur Kunst.

Der gemeinsame Traum, in einem ausgebauten Bus die Welt zu erkunden und unterwegs ihr Geld mit dem Verkauf der eigenen Bilder zu verdienen, steigerte die gegenseitige Anziehungskraft ins Unermessliche.

Ehe Anna und Jonas es sich versahen, waren sie ein Paar geworden. Von nun an träumten sie gemeinsam von der endlosen Freiheit, der sie an diesem Nachmittag ein Stück näher kommen sollten.

Dr. Steinert räusperte sich. »Frau Reither? Haben Sie gehört, was ich gesagt habe?«

Anna zuckte zusammen. »Tut mir leid.« Die junge Frau schenkte ihm ein entschuldigendes Lächeln, einer von vielen Gesichtsausdrücken, die sie als Teenager vor dem Spiegel geübt hatte. »Ich war mit den Gedanken woanders. Keine Sorge, eine Brille ist zwar unangenehm, aber kein Beinbruch. Und zur Not gibt es ja auch noch Kontaktlinsen.«

»Frau Reither ...«

»Schlimmer?« Anna legte den Kopf schief. Eine Strähne ihres Haares fiel ihr ins Gesicht. Sie klemmte sie hinters Ohr. Gut, eine Laserbehandlung war nicht gerade das, wovon sie träumte. Aber wenn es denn sein musste, würde sie eben in den sauren Apfel beißen. »Wenn eine Operation nötig ist, vereinbaren Sie bitte einen Termin in einer Augenklinik für mich. Als Künstlerin kann ich es mir nicht erlauben, schlecht zu sehen. Außerdem kaufen mein Freund und ich heute Nachmittag einen Bus, den wir zu einem rollenden Zuhause ausbauen wollen.« Sie lachte fröhlich. »Sie sehen, ich habe überhaupt keine Zeit für solche Sachen.«

»Ich gebe ungern den Spielverderber«, seufzte Dr. Steinert. »Aber offenbar verkennen Sie den Ernst der Lage. Ihre Sehkraft verschlechtert sich auf beiden Augen unterschiedlich schnell.«

»Das ist doch nicht ungewöhnlich«, erwiderte Anna. Sie hatte irgendwo gelesen, dass jeder Mensch ein besseres und ein schlechteres Auge hatte. Dass sie in letzter Zeit Rot und Grün schlechter voneinander unterscheiden konnte und sie die Farben auf ihrer Palette nur verschwommen wahrnahm, verdrängte sie vorsichtshalber. Schließlich war ihr Körper keine Maschine, und auch ihre Augen hatten mal einen schlechten Tag. »Aber wenn Sie meinen, dass etwas unternommen werden muss, bin ich einverstanden.«

»Ihr Vertrauen ehrt mich.« Dr. Steinert verschränkte die Hände auf dem Schreibtisch. Er sah aus, als hätte er in eine Zitrone gebissen. »Offenbar habe ich mich nicht deutlich genug ausgedrückt. Für die Lebersche Optikusatrophie gibt es keine Heilung. Über kurz oder lang werden Sie erblinden.«

Bleierne Stille erfüllte die Luft. Plötzlich sprang Anna vom Stuhl auf und trat ans Fenster. Unten in der ruhigen Seitenstraße spielten drei Kinder mit einem hellblauen Fußball. Die saftgrünen Blätter der Bäume wiegten sich leise im Wind. Der Himmel war azurblau. Weiße Wattewölkchen schwebten darauf wie Schiffchen im Meer. Es war ein Bild des Friedens. Alles war gut.

»Ausgeschlossen. Sie müssen sich irren!«, widersprach sie trotzig und kehrte zum Stuhl vor dem Schreibtisch zurück.

Um ein Haar hätte sie die Sitzfläche verfehlt. Geradeso landete sie noch auf der Stuhlkante. Der Stuhl wackelte gefährlich, fiel aber nicht um.

Na bitte, das Glück war doch noch auf ihrer Seite!

»Leider nein. Die Krankheit wird voranschreiten«, fuhr Dr. Steinert fort. »Ihr rechtes Auge ist bereits betroffen. Das andere wird demnächst folgen. Da die Krankheit noch nicht behandelt werden kann, müssen Sie mit einem dramatischen Rückgang Ihrer Sehkraft rechnen. Meist bleiben nur zwei bis fünf Prozent erhalten.«

Anna schluckte. Langsam aber sicher durchdrangen die Worte des Augenarztes ihr Bewusstsein.

»Wie lange dauert es? Fünf Jahre? Drei ... oder sogar nur ein Jahr?«

Dreimal schüttelte der Arzt den Kopf.

»Dazwischen kann ein Zeitraum von neun Monaten liegen. Es ist aber auch möglich, dass es innerhalb weniger Tage passiert.«

»Und Sie können gar nichts dagegen tun? Ich meine, überhaupt nichts?«

Annas Stimme klirrte wie zerbrochenes Glas.

»Ich bedaure.« Dr. Steinert beugte sich wieder über das Papier, auf das er vorhin die Hieroglyphen gekritzelt hatte. »Ich schreibe Ihnen eine Überweisung für die Berling-Klinik und vereinbare einen Termin. Die Kollegen dort werden eine Magnetresonanztomografie von Ihrem Gehirn vornehmen, um mögliche Begleiterkrankungen auszuschließen.«

Die Computertastatur klapperte unter seinen Fingern. Kurz darauf ratterte der Drucker. Dr. Steinert bückte sich und schob Anna das bedruckte Stück Papier über den Tisch.

»Wie sind Sie hergekommen?«, fragte der Arzt kurz darauf.

»Sie tun ja gerade so, als ob ich schon blind wäre!«, empörte sich Anna und stand auf. Im nächsten Moment tat ihr die Reaktion leid. »Keine Angst, ich komme schon noch ganz gut allein zurecht«, fügte sie etwas sanfter hinzu.

»In so einer Situation ist es besser, nicht allein da draußen unterwegs zu sein«, mahnte der Arzt freundlich.

Doch Anna ließ sich nicht umstimmen. Sie musste für sich sein und nachdenken.

»Vergessen Sie den Termin in der Klinik nicht!«, rief Dr. Steinert ihr nach.

Dann fiel die Tür hinter Anna schon ins Schloss.

***

Obwohl Anna in den vergangenen Jahren bereits ein paarmal wegen irgendwelcher Lappalien bei Dr. Steinert gewesen war – eine Bindehautentzündung, eine Routineuntersuchung, zuletzt ein Farbspritzer, der ihr ins Auge gesprungen war –, hatte sie dem Treppenhaus kein einziges Mal Beachtung geschenkt. Diesmal war es anders.

Auf dem Weg nach draußen nahm sie jede noch so unbedeutende Kleinigkeit wahr. Sie sah die Spuren von Kinderhänden an der weißen Wand. Ein Kaugummi klebte auf den Fliesen. Im Treppenabgang hing ein großformatiges Bild mit roten, gelben, grünen und blauen Regenschirmen, die zwischen Häuserwänden zu schweben schienen.

Draußen vor der Tür war das Klingelbrett angebracht. Anna beugte sich vor, um die Namen darauf zu lesen. Sie rieb sich die Augen, wandte sich abrupt ab und rempelte um ein Haar einen Passanten an, der arglos über den Gehweg spazierte. Anna entschuldigte sich und wandte sich ab, als der junge Mann stehen blieb.

»Anna?«, rief er ihr nach. »Warte doch mal!«

Mit wenigen Schritten war er neben ihr.

Anna sah ihn an und schnell wieder weg. Ausgerechnet Maik aus ihrem Grafikkurs! Offenbar war heute nicht gerade ihr Glückstag.

Nicht, dass sie ihn nicht mochte. Ganz im Gegenteil, Maik war nett, witzig und hilfsbereit und immer zur Stelle, wenn Not am Mann war. Das gefiel wiederum Jonas nicht. Wenn er erfahren würde, dass Anna den Konkurrenten in ihrer Freizeit getroffen hatte, wäre wieder einmal Feuer unter dem Dach.

»Oh, hallo Maik«, begrüßte Anna ihn daher mit der gebotenen Zurückhaltung.