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In Nachbarschaft zu Schanghai liegt die Küstenprovinz Zhejiang, die Wiege und das Zentrum der chinesischen Privatwirtschaft. Wer China besser verstehen will, muss auf diese Provinz schauen. Nirgendwo ist der kapitalistische Mittelstand so stark wie im Hinterhof Schanghais. Viele Pioniere der neuen Zeit sind bäuerlicher Herkunft. Sie bestachen die kommunistischen Kader, verbündeten sich mit ihren ärgsten Feinden und legten den Grundstein für eine frühkapitalistische Industrie. Längst sind einzelne Firmengründer zu Weltmarktführern aufgestiegen. Die "Bauern" Zhejiangs machten vor, was Deng Xiaoping erst nachträglich legalisierte. Die Auflösung des Kollektivs hatte Mao vorausgesehen und für die Zeit nach seinem Tod befürchtet. Sein Volk - ein Volk von Eigensinnigen, von "Rechtabweichlern". Welch Ironie der Geschichte! Denn schließlich sind es seine Erben, die das Geschick Chinas und der Welt heute mitbestimmen. Doch ein Wirtschaftswachstum so gigantischen Ausmaßes bringt Unruhe und Unordnung mit sich. Gelingt es China, Maos größtes Vermächtnis - die Einheit des Staates - auch in kommenden Krisen zu bewahren? Seit 1994 reiste Michael Gleich mehrfach nach China. Die Menschen, die er trifft, berichten ihm Dinge, die außerhalb Chinas kaum bekannt sind. Drache auf tönernen Füßen - ein Wirtschaftskrimi als literarische Reportage. Und ein Essay über die Selbstbehauptung des Menschen unter widrigsten Umständen.
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Seitenzahl: 464
Veröffentlichungsjahr: 2011
Copyright © 2011 Picus Verlag Ges.m.b.H., Wien Alle Rechte vorbehalten Grafische Gestaltung: Dorothea Löcker, Wien Umschlagabbildung: © Vidler Steve/www.buenosdias.at Datenkonvertierung E-Book: Nakadake, Wien ISBN 978-3-7117-5013-6 Dieses E-Book ist urheberrechtlich geschützt
Informationen über das aktuelle Programm des Picus Verlags und Veranstaltungen unterwww.picus.at
Für Annette, um aller Dinge willen, die nur sie weiß
Das Land muss zerstört und dann neu geformt werden. Das gilt für das Land, die Nation und die Menschheit. Die Zerstörung des Universums ist nichts anderes. Menschen wie ich sehnen sich nach seiner Zerstörung, denn wenn das alte Universum zerstört ist, wird ein neues Universum gebildet. Das ist doch besser!
Mao
»It’s a show, a spectacle, sort of ceremony!«, sagte Jin Dujuan. Sie führte uns, zwei Dutzend Ausländer, durch die chinesische Ostküstenprovinz Zhejiang, durch das »Land der Pioniere«, wie sie zu sagen pflegte. Wohin wir auch kamen und wann immer wir nach Einzelheiten fragten – Jin Dujuan und die Funktionäre deckten uns ein mit tausend Wörtern, die keine Informationen lieferten. Unser indischer Kollege Sylvanus Lamare sprach vom »Dauerbeschuss chinesischer Nebelwerfer«.
In der kommenden Nacht stand also ein Schauspiel bevor. Aber was für ein Schauspiel? Worum ging es? Wer würde auftreten? Wir Ausländer wollten gerne schon ein paar Stunden vorher Klarheit haben, und Jin Dujuan wirkte gequält. Wenn wir für ihr Empfinden zu neugierig wurden, neigte sie den Kopf zur Seite und ihr Lächeln gefror. Was, um Himmels willen, hatten wir Fremde an Überraschungen auszusetzen?
Die fünfunddreißigjährige Mitarbeiterin des Presse- und Informationsamts steckte in einem Dilemma. Sie hatte nicht die Befugnis, den Gästen mehr als nötig zu verraten. Andererseits wollte sie höflich sein. Folglich redete und redete sie, um wenigstens den Anschein zu erwecken, als käme sie unserem Wunsch nach vollständigen Informationen entgegen.
[12]Unter Mao spielte die Provinz Zhejiang wirtschaftlich keine Rolle. Doch nach seinem Tod war die Provinz, in der fünfundvierzig Millionen Menschen lebten, zu einer chinesischen Vorzeigeprovinz aufgestiegen. Die Wirtschaft verdoppelte sich innerhalb kürzester Frist. Zhejiang wurde Teil des globalen Dorfes.
Die Fläche der Provinz war ungefähr so groß wie die Fläche Portugals. Der Vergleich mit Portugal bot sich auch im Hinblick auf die Wirtschaftsleistung an. Das Bruttoinlandsprodukt hatte schon in etwa die Höhe des portugiesischen erreicht. Allerdings lebten in Zhejiang nicht so wenige Menschen wie in Portugal, sondern so viele wie in Spanien, und die Wirtschaft der chinesischen Provinz wuchs Jahr für Jahr um sagenhafte zwölf bis vierzehn Prozent. Damit das Wachstumstempo hoch blieb, forcierte die Provinzregierung die Öffnung zum Weltmarkt, suchte nach weiteren Exportmärkten und warb um noch mehr ausländische Investoren. Aber es gibt in China zweiundzwanzig Provinzen, fünf autonome Gebiete, vier regierungsunmittelbare Städte und zwei Sonderverwaltungszonen, und die Regierungen der einen Provinz wetteifern gegen die der anderen. Die Funktionäre Zhejiangs wollten erreichen, dass die Welt von ihrer Provinz hört und dass ihr Reich in diesen Berichten eine gute Figur macht.
Eine unabhängige Recherche im Schlepptau der Funktionäre war unmöglich. Trotzdem hatte ich mich auf diese mehrtägige Gruppenreise im Regierungsbus eingelassen. Im Anschluss wollte ich die Provinz Zhejiang auf eigene Faust erkunden.
Alan Soldofsky saß vorne im Bus, direkt hinter Jin Dujuan. Der Amerikaner war etwas stoffelig, sobald es um praktische Dinge ging. Wir mussten häufig auf ihn warten, weil er etwas vergessen hatte. Mal suchte er seine Kamera, mal hatte er seinen Rucksack verlegt.
[13]Soldofsky lehrte Anglistik und Creative Writing an einer kalifornischen Universität. Insbesondere auf unseren Busfahrten zitierte er häufig amerikanische und europäische Dichter. Ein paar Autoren der chinesischen Moderne hatte er ebenfalls auf Lager. Nach einigen Tagen ging er manchem aus unserer Gruppe mit seinen Zitaten und literarischen Assoziationen ein wenig auf die Nerven, aber wenn er Jin Dujuan im Bus das Mikrofon wegschnappte, war man ihm ausgeliefert.
Er hielt sich das erste Mal in China auf. China hatte ihn entzündet und zugleich in Unruhe versetzt, wie vermutlich jeden in unserem Bus. Allerdings haftete Soldofskys Unruhe etwas an, das ans Panische grenzte. Je länger wir durch die Provinz reisten, umso seltener schaute er aus dem Busfenster. Und wenn er nicht gerade Zitate vortrug, zog er seine graue Baseballkappe tief ins Gesicht und schien zu dösen. Dabei zuckten manchmal seine Hände, sein grauweißer Oberlippen- und Kinnbart bewegte sich, und wir hörten ihn murmeln. Ich stellte mir vor, er hätte in Vorbereitung seines Chinabesuchs einen Narren gefressen an jenen weisen Wandergelehrten, die Chinas Generationen über Tausende von Jahren erzogen haben.
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