Drachenschwert Trilogie - Marlies Lüer - E-Book

Drachenschwert Trilogie E-Book

Marlies Lüer

0,0
7,99 €

oder
Beschreibung

Midirs Sohn, ein in Schottland gestrandeter Anderswelt-Elb namens Fearghas, schmiedete einst ein machtvolles Zeremonialschwert, welches einem dunklen und verbotenen Zweck diente. Hundert Jahre später wirkt sich diese Tat auf Tibbys Leben aus: An ihrem 18. Geburtstag wird ihr eine alte Holzkiste zugespielt, randvoll mit faszinierenden Relikten aus grauer Vorzeit, vererbt von der ersten Erdsängerin. Das Tagebuch spricht von einem Familiengeheimnis und als die Nacht hereinbricht, erfährt sie die überwältigende Vision eines Schwertes, um dessen Griff sich ein kleiner, rotglühender Drache windet. Ein hypnotischer Sog ruft sie in die Highlands. Viele Jahre später steht Tibby und ihrer Enkelin Ailith eine schwere Bewährungsprobe bevor – die Göttin Gäa ruft die Erdsängerinnen zum Kampf gegen dämonische Kräfte. Das Schwert des Elben ist dabei Hilfe und Gefahr zugleich. Der Kreis schließt sich und Midirs Sohn muss sich für seine Taten verantworten.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0



 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Drachenschwert

 

Gesamtausgabe 2021

 

 

Drachenschwert-TrilogieGesamtausgabe (erweitert und überarbeitet)

Copyright © 2021 by Marlies Lüer

Autor

Marlies Lüer

Esslinger Str. 22

70736 Fellbach

 

www.Silberworte.de

 

ISBN: 9798738996184

Imprint: Independently published

 

 

Mitwirkende

Buchsatz: Rike Moor, Lektorat Nordlicht

Illustration d. Reittieres: Alexandra Fröb

Cover: Susanne Ptak

Bildrechte: ©Studio 77 FX vector, © O.S., © T Studio,

©Reinhold Leitner/shutterstock.com

 

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist

urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist

ohne Zustimmung des Autors unzulässig. Dies gilt

insbesondere für die elektronische oder sonstige

Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und

öffentliche Zugänglichmachung.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Drachenschwert

 

Gesamtausgabe 2021

 

 

Inhaltsverzeichnis

 

 

Auf der anderen Seite der Wirklichkeit

Fearghas erzählt …

Midirs Sohn

Erdsängerin

Schwertgeist

 

 

 

Auf der anderen Seite der Wirklichkeit

-EINS-

Auf der Lichtung in der Mitte des Waldes von Magiyamusa hatte sich eine kleine Gruppe Anderweltler versammelt. Der Meisterlehrer Endurion blickte zufrieden auf die im Halbkreis sitzenden Schüler. Er hatte das Glück, in einer geburtenstarken Ära unterrichten zu dürfen. Da Elben und die meisten anderen Wesen der Anderwelt sich durch eine extreme Langlebigkeit auszeichneten, war Nachwuchs selten und kostbar. Und nun saßen vor ihm sage und schreibe gleich vier Elbenkinder, etwa im selben Alter.

Nacheinander schaute er sie an. Da war die überaus zarte Elbin, die dem Element Luft angehörte. Ihre Haut war durchscheinend, die Haare fast weiß, selbst ihr Name war nur ein Hauch. Nur Luft-elben konnten ihn korrekt aussprechen, besser gesagt: aushauchen. Wenn sie durch den Wald schritt, war es mehr ein Schweben und die Blätter der Bäume tanzten entzückt in dem lieblichen Luftstrom, den sie durch ihren Atem bewegte.

Das nächste Kind war wesentlich robuster. Tamrin, ein lustiger Bursche, der es liebte, mit seiner Vorstellungskraft Felsen zu modellieren. Neulich hatte er sogar die Hagedornkönigin in einer Felswand des Berges Chrysotann verewigt. Zur Erleichterung des Meisterlehrers befand sich die humorlose Königin gerade im Baumschlaf und hatte das „Kunstwerk“ nicht gesehen. Endurion hatte heimlich einen Zauber hineingewoben, der das Bildnis im Moment des königlichen Erwachsens in ein überaus schmeichelhaftes verändern würde.

Die dritte im Bunde war eine Wasserelbin. Ein rätselhaftes Wesen, das nicht gerne sprach, aber alles kommentierte, was nicht ihren Vorstelllungen von „richtig oder falsch“ entsprach. Uisge hatte sich lange Algen ins Haar geflochten und trug eine Halskette aus lebendigen Fischen, die munter im Kreis um ihren mageren Hals schwammen. Ein magisches Geschenk ihrer Mutter zur Einschulung.

Der vierte Schüler war ein blauhaariger Feuerelb mit dem ungewöhnlich fremdartigen Namen Fearghas. Endurion hatte ein wenig üben müssen, um ihn korrekt auszusprechen, er klang wie Ferragasch. Der Junge hatte einen recht sprunghaften Charakter. Immerzu Feuer und Flamme für Neues, immerzu in Bewegung! Immer begeistert, bis zu dem Moment, wo sein Interesse an einer Sache erlosch und er sich einem neuen Wissensgebiet zuwandte. Endurion hielt ihn für den vielversprechendsten Schüler.

„Heute, meine lieben Kinder, wollen wir einen Trank zubereiten, der, wenn er euch gelingt, viel Ruhm und Ehre einbringen wird. Mit diesem Elixier kann man Edelsteinen zu noch größerer Schönheit verhelfen. Ihr braucht dazu Krzystowink-Wurzeln aus dem Reich der Steintrolle und Allulalaara-Beeren, die am Fuße des Chrysotann-Gebirges wachsen. Es ist nicht einfach, sie zu ernten. Lasst euch überraschen, was ich damit meine. Und nun geht, gebraucht eure Sinne und eure Magie! Ich bereite während eurer Abwesenheit die Kochstellen vor.“

„Kochstellen?“, fragte Tamrin. „Wieso denn das? Sollen wir nicht einen Sprechzauber anwenden?“

„Nein, gewiss nicht. Dafür seid ihr noch nicht reif genug. Ihr werdet den Trank kochen. Ja, wie auf Menschen-Art in einem Kupferkessel über dem Feuer. Das wird ein Spaß!“ Der Meisterlehrer lachte vergnügt in sich hinein.

Uisge entgegnete keck, davon habe sie schon gehört, dass der ehrwürdige Meister eine Vorliebe für die Dinge der Menschenwelt habe, doch hätte sie es nicht glauben wollen. Aber nun stelle sie fest, dass dem doch so sei. Ihre Algen im Haar kräuselten sich, was das elbische Pendant war zu Haaren, die vor Schreck zu Berge standen.

Endurion warf ihr einen strengen Blick zu, woraufhin die Fischlein sich erschrocken blubbernd in ihren Haaren versteckten.

„Nun aber los, ab mit euch, holt die Zutaten!“

 

Lange Zeit später, als zur Zufriedenheit des Meisters drei Kessel brodelten und dampften und die Schüler sich mit den Feinheiten der Zubereitung abmühten, kam auch Fearghas in aller Seelenruhe angeschlendert. Er trug die stinkende, schleimige Krzystowink-Wurzel in einem aus Farnstengeln eigens gewobenen Beutel und die Allulalaara-Beeren hatte er auf einen Faden der Eisenspinne gezogen. Kleidung, Gesicht und Hände trugen deutliche Spuren der Arbeit.

Uisge kicherte bei seinem Anblick und versprühte dabei Schwaden von feinen Wassertröpfchen. Tamrin hatte ein breites Grinsen im Gesicht, sagte aber nichts. Er war eh der Meinung, dass ein guter Elb solch einem Versager und Sonderling, wie Fearghas einer war, keine Beachtung schenken sollte. Allein schon der menschliche Name! Das ließ doch tief blicken. Die kleine Elbin der Luft seufzte und schaute angewidert auf die zerkratzten Hände, die zerrissene Kleidung und überhaupt! Dieser Mitschüler war einfach unter ihrer Würde.

Endurion hingegen lächelte milde. „Fearghas, komm näher. Sag, was hast du da für ein Ding in der Hand?“

Fearghas antwortete stolz: „Ich nenne es einen Grabler. Damit habe ich die Wurzel ausgegraben.“

„Interessant! In der Welt der Menschen nennt man so ein Gerät Schaufel. Du hast nicht deine Magie benutzt?“

„Doch, doch, Meister. Ich habe mit meiner Magie diesen Gegenstand erschaffen und damit habe ich dann tief gegraben, bis die ganze Wurzel frei lag. Das war schwere Arbeit, aber ich habe nicht aufgegeben. Das Loch war zuletzt tiefer als ich lang bin. Zu meinem Glück kam ein Langarm-Zwerg des Wegs, er hat mir herausgeholfen. Der Stein-Troll wollte nicht helfen, der hat mich bloß ausgelacht und Kiesel nach mir geworfen, als ich da unten im Loch festsaß. Und schau, Meister, so viele Beeren! Und ich habe auch nicht geweint, als die Dornen meine Hände zerkratzten.“

Gerührt wollte Endurion dem Knaben übers Haar streicheln, doch hielt er sich im letzten Moment zurück, da er vor den anderen Kindern keine Schwäche oder besondere Zuneigung zeigen durfte. Aber dieser jüngste und kleinste seiner Schüler rührte sein altes Elbenherz an.

„Lieber Junge, was ich meinte, war: Warum hast du nicht mit magischem Gesang die Wurzel dazu bewogen, dir entgegenzukommen? Und auch die Dornen des Allulalaara-Strauches hättest du mit Magie weich zaubern können für die Zeit des Pflückens.“

Fearghas machte ein betretenes Gesicht. „Oh.“

„Nun denn. Du hast den ersten Teil der Aufgabe erfüllt. Zwar nicht so, wie ich es erwartet hätte, aber deine Vorgehensweise ist sehr originell. Gut gemacht, mein Schüler. Jetzt gehe zu deinem Kessel und erinnere dich, was ich euch neulich über Zaubertränke gelehrt habe. Denk daran: Das Feuer unter dem Kessel muss sehr heiß sein, sonst wandelt sich nicht der Schleim der Wurzel.“

Eifrig lief Fearghas zu seinen Mitschülern und schüttete Wurzel und Beeren in seinen Kessel. Dann trat er drei Schritte zurück und spie mit Inbrunst eine Flamme aus, die für drei Kessel gereicht hätte. Im nächsten Moment hüllte eine schwarze, stinkende Rauchwolke Schüler und Lehrer ein. Selbst die Bäume, die die Lichtung umstanden, waren von Ruß bedeckt und fingen an zu husten.

Tränen liefen über Fearghas‘ Gesichtchen. Was hatte er nun wieder falsch gemacht?

„Beim großen Dagda!“, rief Endurion aus. „Du hast das Wasser vergessen!“ Der Meisterlehrer schwenkte mit weit ausholenden Bewegungen des Armes seinen Zauberstab aus Haselholz und sog die Rauchwolke ein. Gegen den Gestank konnte er leider nichts ausrichten. Er nahm den Unglücksknaben tröstend in seine Arme und wischte ihm unauffällig die Tränen ab, inständig hoffend, dass die anderen Kinder das Weinen nicht bemerkt hatten. Elben weinen nicht. Nie!

„Der Unterricht ist für heute beendet. Geht alle heim.“

Ernst schaute er Fearghas hinterher, der mit hängenden Schultern im Wald verschwand. Er hatte den Gerüchten über seine Herkunft keinen Glauben schenken wollen. Doch nun hatte er es mit eigenen Augen gesehen. Tränen! Das konnte nur eines bedeuten.

 

 

 

 

-ZWEI-

Fearghas schniefte und wischte sich das komische Wasser weg, das über sein Gesicht lief. Uisge hat wirklich eine sehr feuchte Aussprache, dachte er. Ihm entfuhr ein abgrundtiefer Seufzer. Er hatte sich so viel Mühe gegeben und dann endete alles in Aufruhr. Wieder einmal gründlich blamiert. Es schien aber auch nichts zu geben, was er wirklich gut konnte. Gandarel und Andariella, seine Eltern, hatten bisher viel Geduld mit ihm gehabt. Aber jetzt, wo er groß genug war, in die Waldschule zu gehen, erwarteten sie mehr von ihm. Wie sollte er sie nur zufriedenstellen?

Entmutigt hockte er sich auf eine Baumwurzel und schmiegte sich an den rauen Stamm. Der Baum hatte ein Herz für kleine Elben und tätschelte das Kind mit seinen Zweigen. Die Blätter kitzelten Fearghas an der Nase und er musste niesen. Dabei entfuhr ihm ein kleiner Feuerstrahl aus dem linken Nasenloch und der Baum zog erschrocken seine Zweige zurück. Ein zweiter Seufzer, noch abgrundtiefer, entfuhr dem Elbenknaben. Eine Entschuldigung murmelnd, erhob er sich und ging tiefer in den Wald hinein. Da flatterte ihm ein Flügelbote entgegen. Der Träger der Kunde, wie er auch von den Bewohnern Magiyamusas genannt wurde, hielt direkt auf ihn zu und überbrachte eine Botschaft. Die Gedankenbilder des Absenders waren in Form von Symbolen in den magischen Flügelstaub gebannt. Beim Empfänger angekommen, flatterte der Bote heftig mit seinen großen Flügeln und der Staub ordnete sich in eine vielfarbige Form und auch in Klang. Das Bild zeigte Fearghas seinen Vater Gandarel. Es ertönte eine wortreiche Ermahnung, nicht wieder zu spät zum Benimm-Unterricht zu erscheinen, den Andariella höchstpersönlich erteilte. Du weißt doch, wie deine Mutter ist! Mit diesem Satz endete die Botschaft. Der nunmehr entleerte „Staub“ schwebte zurück auf die Flügel und der Träger der Kunde flatterte eilig davon, seinem nächsten Auftrag entgegen.

Allerdings wusste Fearghas, wie seine Mutter war! Streng und vornehm bis zum Abwinken. Nach dem Desaster, das er heute auf der Lichtung angerichtet hatte, mochte er sich nicht auch noch dem Drill der ehrwürdigen Andariella aussetzen. Er überlegte, was er stattdessen tun könnte und ging in Gedanken seine persönliche Liste an unterhaltsamen Streichen durch. Vielleicht könnte er einen der blauen Schwäne der Hagedornkönigin in Rosa umfärben? Oder ihm wenigstens ein paar lustige Streifen verpassen? Ob die Königin noch schlief? Wenn nicht, wäre das Risiko, erwischt zu werden, zu groß. Er könnte auch an den Fluss Moramag gehen und dessen Wasser mit seinem Feuer erwärmen, das konnten die dort lebenden Wasser-Kobolde gar nicht leiden. Allerdings hatte er beim letzten Mal eine Tracht Prügel einkassiert. Manche Wasser-Kobolde kamen offensichtlich doch problemlos an Land, was er eigentlich nicht erwartet hätte. Pech gehabt.

Da hörte Fearghas ein leises Zischen. Er kannte dieses Geräusch. Ein Portal war dabei, sich zu öffnen. Das war die Gelegenheit für ihn! Der kleine Elb schlich sich an. Ja, dort hinter dem moosbewachsenen Felsen entstand ein Durchgang zur Erde. Aufmerksam beobachtete er die Umgebung, ob ein Erwachsener zugegen war, der ein Tor mittels Reise-Amulett öffnete. Aber nein. Keiner weit und breit. Dieses Portal war ein Webfehler in der Matrix. Wunderbar. Noch nie war Fearghas auf der anderen Seite der Wirklichkeit gewesen. Diese Gelegenheit konnte er sich nicht entgehen lassen. Er hatte schon immer wissen wollen, welche Gestalt er in der anderen Welt annehmen würde. Wild entschlossen nahm er Anlauf und sprang hindurch. Während er durch Zeit und Raum schwebte, fiel ihm ein, dass er gar nicht wusste, wie er zurückkommen würde, sollte das Tor sich unerwartet schnell schließen.

Fearghas purzelte aus dem Portal und fiel auf die Nase. Ihm war schwindelig, auch konnte er alles nur verschwommen sehen. Damit hatte er nicht gerechnet und es ängstigte ihn ein wenig. Was, wenn das Tor sich schloss, während er hier hilflos lag? Doch schon im nächsten Moment ließ das Schwindelgefühl nach und er fühlte sich wieder wohl. Dann klarte auch sein Blick auf. Das erste, was er sah, waren seine klauenbewehrten Pfoten. Pfoten! Beim großen Dagda – was war er? Fearghas sprang auf und landete auf vier stämmigen Beinen. Aufgeregt schlug sein Schwanz … Schwanz? Rote Schuppenhaut! Eine lange Schnauze! Bei allen Göttern – er war ein Drache! Fearghas war das glücklichste Feuerelben-Kind aller Welten. Sein heimlicher Wunsch, seine größte Hoffnung, war Realität geworden. Er stampfte mit seinen kräftigen Beinen und führte einen Drachentanz auf. Dabei behielt er trotz aller Begeisterung das Portal im Auge. Er wusste, wenn es wieder anfing zu zischeln, musste er sofort hindurch gehen, um in seine Welt zurückzukehren. Noch war es still. Er entfernte sich ein wenig, um diesen Teil der Erde zu erkunden. Auch hier war Wald. Die Bäume waren ähnlich wie die aus Magiyamusa, aber sie waren so still und starr. Ob sie nicht an seiner Freude teilhaben konnten? Fühlten die Erd-Bäume überhaupt etwas? Fearghas nahm sich vor, Endurion zu diesem Thema zu befragen. Aufmerksam behielt er das Tor im Auge. Immer noch war es stabil. Sollte er es wagen? Seine Nüstern nahmen einen überaus interessanten Duft wahr. Ähnlich wie der Klang von aufblühenden Moos-Sternen. Aber er hörte hier nichts, nur seine Nase spürte etwas. Wie merkwürdig. Wie verwirrend! Funktionierten Sinnesorgane auf der Erde anders? Auch hierzu würde er Endurion befragen müssen.

Seine Neugier überwog nun die Vorsicht und er entfernte sich weiter vom Tor. Da, ganz hinten im Wald, auf einer kleinen Lichtung, entdeckte er ein Rudel Tiere. Das konnte er jetzt schon, Tiere von Menschen unterscheiden. Sein Vater hatte es ihm einmal erklärt. Das größte der Tiere hatte auf seinem Kopf etwas in der Art von Hörnern, ungefähr so wie ein junger Berg-Troll sie hat. Aber sie waren verzweigt und sahen viel interessanter aus. Kleinere Tiere, die ihm sehr ähnlich waren, taten sich am grünen Gras gütlich. Die Farben hier auf der Erde waren wirklich seltsam. Aber interessant! Die Kleineren hatten keine Hörner, aber dieselbe Fellfarbe. Fearghas dachte scharf nach. Wenn er sich richtig erinnerte an die Lektion von Gandarel, dann musste es sich hier um einen Kirsch und seine weiblichen Untertanen handeln. Oder hieß es Hirsch? Birsch? Er wusste es nicht mehr so genau. Und dann machte sein Drachenherz einen Hüpfer. Da war ja noch ein Lebewesen! Von ihm ging dieser angenehme Duft aus. Es trug ein langes, weißes Gewand und einen kleidsamen metallenen Reif auf dem Kopf. Eindeutig ein Mensch! Und ebenso eindeutig ein Mädchen. Ihre Haare reichten fast bis auf den Waldboden und waren schwarz wie die Füße eines Sumpf-Trolls. Fearghas, der das Zischeln des Tores überhörte, weil er sich ganz und gar auf die unverhoffte Gesellschaft konzentrierte, schlich sich an das niedliche Mädchen an. Er wollte sie überraschen! Was sie wohl zu Besuch aus der Anderwelt sagen würde? Fearghas überlegte sich eine besonders freundliche kleine Ansprache, doch sollte er nicht dazu kommen, auch nur ein Wort davon über seine nunmehr wulstigen Lippen zu bringen. Sein hohes Gewicht, das er als Drache hatte, ließ einen dicken Ast unter seiner linken Vorderpfote bersten und das Mädchen fuhr erschrocken herum.

Sie fing an zu kreischen, und Fearghas entfuhr vor lauter Schreck eine Rauchfahne. Der Hirsch floh mit seiner Herde und die Eule in der Eiche erwachte aus ihrem Tagesschlaf.

„Bitte, nicht schreien! Lauf nicht weg! Ich will doch nur mit dir reden.“

Dem Mädchen versagte die Stimme und sie verstummte auf der Stelle. Ihr Mund blieb offenstehen, was, ehrlich gesagt, nicht besonders intelligent aussah. Einen Drachen zu sehen, groß wie ein Pferd, war schon schlimm genug. Einen Drachen dann auch noch sprechen zu hören, das ging über ihre Kraft. Sie verdrehte die Augen und fiel in eine gnädige Ohnmacht.

Ratlos blieb Fearghas neben ihr stehen. Er stupste sie dann und wann mit einer seiner goldenen Krallen vorsichtig an. Ohne Erfolg. Dann leckte er mit seiner rauen Zunge einmal quer über ihr Gesicht, von Ohr zu Ohr. Kein Erfolg.

„PRINZESSIN! Haltet durch, Hochwohlgeborene! Wir eilen zu Eurer Rettung!“

Vier Ritter in voller Rüstung brachen durchs Unterholz und griffen den verdutzten Fearghas mit Schwertern und Piken an.

Menschen mit metallener Haut? Das hatten weder Gandarel noch Endurion jemals erwähnt.

Die Drachenhaut war zum Glück unverletzbar, wie Fearghas erleichtert feststellte. Doch als der größte der Männer ihm eine Pike ins Nasenloch stach, quiekte er in höchsten Tönen und fand das gar nicht lustig. Er musste niesen, und natürlich entfuhr ihm dabei ein Feuerstrahl, der leider gewissen Schaden anrichtete. Die Haare des Mädchens waren nun nicht mehr bodenlang, eher hüftlang. In dem Durcheinander ergriff einer der Beschützer die ausgebüxte Königstochter und trug sie auf seinen Armen davon. Die verbliebenen Ritter hieben weiterhin todesmutig auf den verstörten roten Drachen ein.

„Ich wollte doch nur ein wenig mit ihr reden!“, rief er. „Was ist denn daran so falsch?“

Ärgerlich schlug er mit seinem Schwanz die Männer aus seiner Reichweite.

Das Erscheinen eines Drachen im königlichen Forst war eine Sache. Ein sprechender Drache allerdings, war eine andere Sache! Das fiel nicht in den Zuständigkeitsbereich eines wackeren und unterbezahlten Recken, das überließen sie lieber dem Priester und Teufelsaustreiber. Eilends zogen sie sich zurück, zufrieden damit, das Königskind gerettet zu haben aus den goldenen Klauen eines Ungeheuers.

Mit leerem Blick stierte Fearghas ihnen hinterher. Er fühlte sich von der ganzen Situation nun doch etwas überfordert. Die Erde war nicht das, was er sich erhofft hatte. Aber immerhin kannte er nun seine Gestalt, die er in der anderen Wirklichkeit hatte. Ein Drache zu sein, war eine ehrenvolle Angelegenheit für einen Feuer-Elb aus Magiyamusa. Der Ausflug hatte sich insgesamt gelohnt. Da hörte er ein Räuspern hinter sich. Noch ein Metall-Mann? Er drehte sich langsam um und zuckte mit dem Schwanz, was, wie er hoffte, gefährlich aussehen sollte. Doch unter der Eiche stand ein unbewaffneter Mensch. Er trug einen Schlapphut, der sein fehlendes Auge nur unvollständig verbarg.

„Hattest du genug Spaß für heute?“

Fearghas antwortete nicht. Seiner Erfahrung nach kam das bei Menschen nicht gut an.

„Das Portal hat sich inzwischen geschlossen.“

„Oh“, entfuhr es ihm.

Moment! Wieso wusste der da von dem Portal? Fearghas kniff seine Augen zusammen und betrachtete den Mann, der da so gelassen und feixend am Baum lehnte, genauer. Irgendwie kam er ihm bekannt vor. Dann fiel es ihm wie Schuppen von den Augen! Wie Drachenschuppen, um genau zu sein. Vor ihm stand kein Geringerer als Midir. Halbgott, Weltenwanderer und Fürst der Anderwelt!

Mit der ganzen Anmut, die einem Drachen zur Verfügung steht, verbeugte sich Fearghas tief, so wie seine Mutter Andariella es ihn gelehrt hatte.

„Hoher Herr! Ich grüße Euch und bin Euer untertänigster Diener.“

Diese Worte kamen dem, was seine Mutter ihm tatsächlich beigebracht hatte, ziemlich nahe.

„Du hast hier für etwas Aufregung gesorgt, stimmt’s?“

„Nun ja.“ Verlegen kratzte sich Fearghas hinter seinem spitzen Ohr. „Eigentlich wollte ich nur …“

Midir machte eine kleine Handbewegung und murmelte eine magische Formel. Einen Moment später war aus dem pferdegroßen, stattlichen Drachen ein ganz kleiner geworden, etwa so groß wie ein Kaninchen oder eine Ratte. Enttäuscht blickte Fearghas an sich herab. Warum bestrafte der Fürst ihn so hart?

„Das ist keine Strafe, mein kleiner Abenteurer. Das dient deinem Schutz. So bist du viel unauffälliger. Sag, wie gedachtest du wieder zurückzukommen?“

„Durch das Portal, mein Fürst.“

„Das hat sich längst geschlossen.“

„Oh.“

Verlegen scharrte Fearghas mit den Pfoten über den Waldboden. Er saß diesmal richtig in der Klemme.

„Hast du ein Glück, mein Kleiner, dass ich zufällig in Gwynned unterwegs war, um die Ogam-Steine zu zählen.“

„Gwynned? Ich dachte, ich sei auf der Erde.“

„Das bist du auch. Hier gibt es viele Namen für die vielen Länder und Reiche der ganzen Welt. Du hast noch viel zu lernen. Nun komm, lass uns heimkehren.“

„Aber mein Fürst, Ihr habt doch gesagt, das Portal sei geschlossen.“

„Und wenn schon, ich bin der Herr der Anderwelt, ich komme und gehe wie es mir beliebt. Setz dich auf meine Schulter, Kleiner.“

Fearghas spannte seine Flügel weit aus und gehorchte erleichtert. Als sie nach dem Überwinden von Zeit und Raum im Wald von Magiyamusa standen, war er wieder der Elbenknabe. Midir setzte ihn von seiner Schulter ab.

„Mein Fürst, werdet Ihr meinen Eltern davon erzählen?“

„Hast du denn vor, ihnen von deinem Abenteuer zu berichten?“

„Nein, Herr!“

„Siehst du, ich auch nicht.“

Midir zwinkerte ihm verschwörerisch zu und bedeutete ihm, sich zu trollen. Mit einem wehmütigen Lächeln blickte er dem Sohn seines Herzens und seiner Lenden hinterher.

Er kommt ganz nach seiner Mutter, dachte Midir.

 

Wie es weitergeht, wollt Ihr wissen?

Aus Kindern werden Leute, und so wurde aus dem Knaben ein Mann, dem eine besondere Ehre zuteilwurde: Fearghas ist nun der Soldat der Hagedornkönigin, ihre Ein-Mann-Armee.

 

 

Fearghas erzählt …

Man sagt leichthin, dies sei ein Anfang und jenes das Ende. Man glaubt genau zu wissen, an welchem Punkt man steht und dass man noch nie zuvor dort gewesen sei. Doch ist es wirklich so?

Ich bin Fearghas. Der Soldat der Hagedornkönigin. Die Ein-Mann-Armee aus Magiyamusa, dem Teil der Anderwelt, dem ich entstamme. Und auch das ist nur die halbe Wahrheit. Denn ich bin, ich war, ich werde sein – viel mehr als nur das.

Magiyamusa ist meine Heimat. Dieser Wald, in dem der Heilige Hagedorn den Mittelpunkt bildet, beherbergt sehr viele verschiedene Völker. Da gibt es die Elben (zu denen ich gehöre), die Feen, die Trolle und Zwerge, Kobolde – und das sind auch nur Oberbegriffe, jede Art teilt sich noch in Unterarten auf. Es gibt auch viele Wesen, die ihr, die ihr euch Menschen nennt, als „Tiere“ bezeichnen würdet. Für uns aber sind sie Brüder und Schwestern. Den höchsten Rang bekleiden alte Wulliwusche. Wir haben auch unsere eigenen Götter und Halbgötter. Danu und Dagda sind die obersten Götter in der Anderwelt, jedenfalls im keltischen Teil der Anderwelt. Jeder irdische Kontinent hat seine eigene Anderwelt! Mit ganz eigenen Wesen: einfache, und die, die sich Götter oder Dämonen nennen.

Der Hagedorn, dieser heilige Baum seit Urzeiten, trägt Blüte, Frucht und Samen zugleich. Er ist der Lebensspender unserer Welt und auch die Wiege, das Haus und das Grab der dreigestaltigen Hagedornkönigin. Sie war, ist und wird sein, meine Herrin. Ihr Menschen werdet es vielleicht nicht von euren Herrschern kennen, aber SIE, die Unvergleichliche, ist Kind, Frau und Alte zugleich. Ihr Erscheinungsbild ändert sich mal fließend, mal abrupt. Wenn die Goldene Frucht des Baumes fällt, ist der Hagedorn die Wiege der Königin. Ihre Zauberin hegt und pflegt sie, bis sie laufen kann. Dann ist sie das königliche Kind. Wild, stürmisch, überbordend vor Lebensfreude. Der Wald erfrischt seine Energie, denn sie IST der Wald von Magiyamusa. Doch ist dies auch eine gefährliche, anstrengende Zeit für die Völker. Sie ist in dieser Phase neugierig, egoistisch, spontan und rücksichtslos. Sie will Spaß? Sie holt sich ihren Spaß! Auch wenn dies Leid für andere bedeutet. Insbesondere die Menschen, die unglückseligen, die durch ein unsichtbares Tor in die Anderwelt fielen und nun hier umherirren, werden oft zum Ziel ihres Spottes. Wenn dann die Zeit der Kriegerin anbricht, dann ist die Königin von strahlender Kraft und Stärke, niemand würde es wagen, sich ihr zu widersetzen. Kein Dämon würde in dieser Phase in den Wald eindringen, kein Dunkel-Elf der Unseelies würde seine hässliche Fratze zeigen. Doch ist dies genau die Zeit, in der die Schatten unserer Welt in eure Welt eindringen und arme Wanderer quälen, entführen und Neugeborene zu Wechselbälgern machen. Unsere Königin ist dann kampflustig, doch weil es unter ihrer Würde ist, die Existenz der Unseelies und der dämonischen Kreaturen anzuerkennen, muss ich herhalten als Gegenpart, an dem sie ihre Kraft erproben kann. Doch auch diese Phase endet irgendwann und mit etwas Glück bevor ich mein letztes Quäntchen Kraft und Lebensfreude verloren habe. Wenn sie schließlich zur Alten wird, ruhiger, weiser, aber auch nörgelig und garstig, dann lässt sie sich von der Riesenfledermaus über den Wald fliegen. Meistens ist dies eine Zeit der Ruhe für uns Magiyamusaner. Wenn sie schließlich selber ihre Kraft verliert und sich erneuern muss, kehrt sie zum Heiligen Hagedorn zurück und lehnt sich an den Stamm des Baumes. Ihre faltige Haut wird dann borkig und braun, letztlich sinkt sie in den Hagedorn hinein und verschwindet. Bis dann -irgendwann- eine neue Goldene Frucht vom Baum fällt und der Zyklus von vorn beginnt.

 

Endurion der Stille, der Urheber der Chronik der Weisen von Magiyamusa, hat einmal gesagt: Zuweilen geschieht es, dass ein seltenes Ereignis sich wiederholt, aller Wahrscheinlichkeit zum Trotz. Wie die Medaille zwei Seiten hat, und der Spiegel eine Fläche, die den Betrachter gleichzeitig zum Betrachteten macht, so haben auch Welt und Anderwelt ihre Geheimnisse und Bestimmungen. Und ihre Wege neben den Wegen. Der Reisende meint, den ersten Schritt zu tun, und doch ist er, unwissentlich, schon weit über das Ziel hinausgeschossen.

Mein Weg, meine Reise, begann, als ich durch das Portal ging, welches ich mit dem Amulett der Hagedorn-Zauberin öffnete. Ihr müsst wissen, wenn wir die Ebenen wechseln, also von der Anderwelt in eure Welt gehen, also auf die Erde kommen, dann wechseln die, die hier in Magiyamusa eine menschenähnliche Gestalt haben, ihr Äußeres in ein Tier. Ich zum Beispiel wandele mich zu einem roten, feuerspeienden Drachen. Das Element Feuer, dem ich dem Geist und Blut nach angehöre (mein Blut ist übrigens von grüner Farbe!), spiegelt sich auch in meiner rotgoldenen Uniform wider, die ich im magiyamusanischen Wald trage. Komme ich zur Erde mit einem Auftrag, so habe ich rotgoldene Drachenschuppen. Recht kleidsam und praktisch, wenn ihr mich fragt. Im Lauf der Jahrhunderte, eurer Zeitrechnung nach, habe ich den Drachenkörper minimiert. Zuletzt war er nicht viel größer als der einer Ratte. Das ist weniger auffällig, als wäre ich haushoch und furchterregend. Mein letzter Auftrag lautete: Finde meinen Lieblings-Schwan, den Geatadoran böswillig stahl und zur Erde brachte.

Und so kam es, dass ich zum ersten Mal Celia begegnete. Celia ist der Mensch, der mich den Wert der Freundschaft und auch der Gastfreundschaft lehrte. Damals war sie ein kleines Mädchen nur, ein Waisenkind obendrein. Aber mutiger als alle Waldtrolle zusammen! Ich bekomme heute noch eine, wie sagt ihr Menschen? Gänsehaut? Ja, ich bekomme einen wohligen Schauer, wenn ich an dieses Kind denke. Sie hat es als erste und einzige gewagt, der Hagedornkönigin zu widersprechen. Und sie überlistete mit ihrer Intelligenz und dem kindlich-reinen Herzen unsere Herrscherin. Ich darf sagen, dass ich daran nicht gänzlich unbeteiligt war. Es war mein erster Schritt auf meiner Reise zu einem selbstbestimmten Lebewesen. Ja, das ist Celias erstes Geschenk an mich gewesen.

Ihr zweites Geschenk machte sie mir, als ich, durch Raum und Zeit geschleudert, auf die finsterkalte Erde fiel, mitten in ein Lagerfeuer hinein. Meine erste irdische Erfahrung in einem menschenähnlichen Körper war die, dass mein Anblick Menschen ängstigt. Sie warfen mit Steinen nach mir. Dabei war ich selber angsterfüllt. Denn – das hätte so nicht passieren dürfen, ich hätte nach dem Übergang ein Drache sein müssen. Aber der Wandel war vergiftet durch den Wahnsinn der Königin. Ja, ich muss es so sagen. Das Land, die Königin, das Volk … alles verdarb im Lauf der Zeiten, durch die enge Verquickung mit der Erden-Ebene. Die Menschheit ist auf einem unguten Weg. Sie vergiftet Wasser, Luft und Erde, sie raubt und plündert ihre Mutter, den Planeten. Gaia, der gute Erdmutter-Geist, leidet unsäglich. Und all dies wirkte sich auch auf die Anderwelt aus.

Doch ich komme davon ab, was ich über Celia erzählen wollte. Sie gab mir auch das Geschenk der Gastfreundschaft. Wisst ihr, was das Schönste und Beste war? Robena! Mein Herz glühte vor lauter Liebe zu diesem Menschenmädchen. Endlich, endlich fand ich bei ihr, was ich als Elb mir verbotenerweise immer ersehnt hatte: Liebe. Echte Liebe und Mitgefühl. Celia liebte ich auch, und sie mich – aber mit Robena war es ganz was anderes. Da war die Liebe nicht auf die Seele beschränkt, sie schloss auch ihren Körper mit ein. Liebe auf Menschenart ist so ganz anders als die elbische Art!

Mein Weg war ein Weg mit Umwegen. Nicht lange währte unser Glück. Ich verlor erst meine Gestalt, dann mich selbst, schließlich sogar meine Berechtigung als Elb unter Elben wieder heimzukehren.

Nun, wollt ihr wissen, wie es mir weiterhin erging, und ob ich Robena für immer verloren habe? Dann lest meine Geschichte. Die Menschenfrau Marlies Lüer hat sie aufgeschrieben. Sie nannte das Buch „Midirs Sohn“ – denn das bin ich! Und sie hat die Geschichte auch fortgeschrieben. Denn mein Lebensweg eröffnete weiteren Wesen ihre Lebensbahn. Meine Erbinnen, die Erdsängerinnen, haben ihre eigenen Bücher bekommen.

Jedes Mal, wenn dieses Buch aufgeschlagen und gelesen wird, beginnt meine Reise von vorn.

 

Ich bin, ich war, ich werde sein – Fearghas, der Soldat der Hagedorn-Königin.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Midirs Sohn

 

 

 

 

 

 

Ich bin der Wächter des Tores. Beantworte meine Frage!

Liebst du Magie?

Ich höre ein Ja. Du darfst passieren.

Das Tor ist nun offen.

Tritt ein in die wundersame Welt Magiyamusa!

 

 

 

 

Die wundersame Geschichte von Celia, die durch ein Tor gehen musste …

(Vorgeschichte in sieben Teilen)

- 1 -

„Wie oft soll ich dir noch sagen, dass du keine albernen Geschichten erzählen sollst?“

Celia duckte sich, um dem Schlag mit dem nassen Handtuch zu entgehen. Wobei, ein Treffer wäre ja halb so wild gewesen. Sonst nahm die Köchin, die Celias Meinung nach, diesen Ehrentitel gar nicht verdiente, gern mal die grobe Kelle oder, wenn sie betrunken war, auch den hölzernen Fleischklopfer.

„Aber wenn ich es doch sage! Im Sommer kommt mein Bräutigam und holt mich zum Tanz, und ich werde das schönste aller Kleider tragen.“

„Das ich nicht lache! Du kleine Kröte und zum Tanz gehen? Mit einem Bräutigam gar? Du bist erst elf Jahre alt und potthässlich. Dich holt niemand zum Tanz, du wirst mal ‘ne alte Jungfer!“

Von der Ofenbank her kam ein leises Kichern. „Eine alte Jungfer, wie du eine bist, Brenda?“ Seamus, der hagere alte Hausknecht, grinste unverschämt und zeigte dabei seine lückenhaften Zahnreihen. Obwohl, genau genommen konnte man nicht guten Gewissens von Zahnreihen sprechen, denn der Alte hatte nur noch vier Zähne im Mund. Abgesehen von seiner ewig qualmenden Pfeife. Er paffte voller Hingabe, was die Köchin ärgerte, denn sie konnte den Gestank des billigen Tabaks nicht leiden.

„Ich bin keine alte Jungfer, merk dir das, du Tagedieb, sondern eine ehrbare Witwe.“ Brenda machte den Rücken steif und ein hochmütiges Gesicht, was aber sehr komisch aussah, denn sie hatte zwei Doppelkinne und auf ihrem ersten Kinn wuchsen einzelne, schwarze Haare nebst einer Warze, die einer Kröte zur Ehre gereicht hätte. Sie strich ihre strähnigen grauen Haare aus dem Gesicht und schaute den Hausknecht herausfordernd an.

Seamus klopfte seine Pfeife auf der Ofenbank aus und kicherte wieder. „Ja. Du hast drei bedauernswerte Ehemänner ins Grab gebracht, wirklich eine ehrenwerte Leistung. Wie wär´s mit mir als Numero Vier? Du könntest mir meine alten Knochen wärmen und meine Strümpfe flicken. Denn Kochen kannst du ja nicht.“

Brenda griff nach der Bratpfanne und wollte ihm eins überziehen, aber in dem Moment betrat der Herr des Waisenhauses die Küche. Er hatte einen Burschen am Ohr gepackt und zog den jammernden Waisenknaben hinter sich her. Celia warf das schmuddelige Geschirrtuch fort und nutzte die Unruhe, um zu verschwinden. Sie huschte leichtfüßig durch die Hintertür und rannte zur Holzscheune im Hinterhof. Sie mochte diesen Ort, denn er war mit Brennnesseln überwuchert, an deren unscheinbaren Blüten sich zahlreiche Schmetterlinge labten. Und sie hatte Schmetterlinge schon immer bewundert für ihre zarte Schönheit.

Aus der Ferne hörte sie das Gekeife von Brandy-Brenda, wie sie die alte Vettel bei sich nannte. Offenbar hatte Jimmy Fraser sich schon wieder beim Essen klauen erwischen lassen. Welche Strafe er diesmal wohl erhalten würde? Celia kauerte sich in ihr Versteck, eine Kuhle zwischen den Brennnesseln und dem Beinwell, der dort ebenso reichlich wuchs, aber trotz seiner rauen Blätter ihr nicht wehtat. Hier würde sie bleiben, bis die kleine Glocke zur Abendmahlzeit schellte. Obwohl im Garten des Waisenhauses reichlich gutes Gemüse wuchs, bekamen die Kinder meistens nur Spinat, Zwiebeln und Graupenbrei vorgesetzt. Und später im Jahr gab es Kohl, bis er ihnen zum Halse raushing. Die feineren Gemüsearten wie Möhren und Pastinaken und anderes mehr, blieben den Erwachsenen vorbehalten. Genau wie die Eier und Suppenhühner. Celia verschloss sich vor den Eindrücken der Außenwelt, zog sich in ihr Inneres zurück und gab sich ganz ihren Tagträumen hin. Träumen von besseren Zeiten als diesen. Zeiten, in denen sie kein elendes Waisenkind gewesen war, sondern geliebte Tochter ihrer Eltern. Warum nur hatten sie sie allein gelassen? Oft hatte sie früher ihren Vater gebeten, nach dem Abendessen Geschichten über ihre Mutter zu erzählen. Sie war vier Jahre alt gewesen, als sie verschwand. Es war am 21. März gewesen, am ersten Frühlingstag. Als Celia morgens aufwachte, war ihre Mutter fort, das Bett war leer. Sie konnte sich immer noch, sieben lange Jahre danach, an dieses Entsetzen erinnern, das die kleine Celia fühlte, als der Vater nach einem langen Tag der Suche erschöpft heimkehrte. Ohne ihre Mutter. Er schüttelte nur traurig den Kopf und schloss sie in seine Arme. Weinend wiegte er sich mit dem Kind auf dem Schoß langsam vor und zurück. Nicht lange danach verließen sie ihre schottische Heimat und zogen nach England, weit, weit fort. Vater kaufte eine Schusterwerkstatt in Hazlemere, wo sie fünf Jahre verbrachten, bevor auch er an einem 21. März im Jahre es Herrn 1799 spurlos verschwand. Die Behörden erklärten beide Eltern für tot.

Celia hatte nach all den Jahren keine Tränen mehr. Im Dorf wollte oder konnte sich niemand mit einem weiteren Maul, das es zu stopfen galt, belasten. Also brachte der Priester der Holy Trinity Church sie nach Uxbridge, Greater London, ins nächstbeste Waisenhaus. Fünf lange Stunden waren sie zu Fuß unterwegs gewesen. Und weil er noch im Hellen wieder zurück in Hazlemere sein wollte, hielt er sich nicht lang mit der Verabschiedung auf. „Sei ein gutes Kind und arbeite hart. Vor allem aber sprich deine Gebete“, waren seine letzten Worte an sie. Irgendwie konnte sie es verstehen, dass der Priester sie unterwegs nicht ein einziges Mal angelächelt oder getröstet hatte. Nur selten hatten sie den Gottesdienst besucht. Keine guten Christen, sagten seine quietschenden Schuhsohlen bei jedem Schritt.

Sie war nun völlig mittellos, denn die Schusterwerkstatt war noch nicht abgezahlt gewesen, obwohl ihr Vater so hart gearbeitet hatte, wie er nur konnte. Er hatte sich sogar nebenbei als Straßenfeger verdingt, dennoch musste er jeden Penny zweimal umdrehen. So lebte sie also seit zwei Jahren von Gottes und Brandy-Brendas Gnaden. Mehr schlecht als recht, aber sie wollte nicht klagen. Sie war eben ein Nichts und Niemand. Es gab keinen Menschen, zu dem sie gehörte. Ob sie lebte oder starb - einerlei!

Ihr einziger Reichtum waren die Geschichten, die Vater ihr früher vorgelesen hatte. Und die wenigen Erinnerungen an ihre Mutter. Als sie alt genug geworden war, um selber Bücher zu lesen, da ging sie jede Woche in die kleine Bücherei der Hazlemere-Gemeindekirche und lieh sich eines aus. Am allerliebsten Bücher über ferne Länder, eben alles, was aufregend und fremd war. Es gab vielleicht ein Dutzend Bücher zum Ausleihen über die weite Welt, mehr nicht. Aber für Celia waren sie die Welt. Und an Tagen wie diesen, wenn sie das Waisendasein nicht mehr ertrug, begab sie sich wieder auf Reisen. Sie erzählte sich mit leiser Stimme die unglaublichsten Geschichten aus Turkmenistan und Bali, vom Südpol, wo die Albatrosse flogen und Seeleoparden Pinguine jagten. Sie reiste in Gedanken in die Sahara, besuchte die Tuareg und tanzte mit deren Frauen den Tanz der Kamele.

Die blecherne Glocke riss sie allzu bald aus ihren Träumen von fernen Ländern. Abendessen! Celia schlich sich ins Waisenhaus zurück. Sie kam als letzte an den großen Tisch, der in der Diele aufgestellt war. Mr. Woodhouse, der Leiter des Waisenhauses, machte schon seine Runde und inspizierte die Hände der Kinder. Mochten ihre Körper noch so verlaust und verdreckt sein, aber auf saubere Hände achtete er. Nicht, dass es ihm dabei um die Gesundheit der achtundzwanzig Kinder gegangen wäre, für die er die Verantwortung trug, weil er dafür von der Gemeinde bezahlt wurde. Nein, es war sein Steckenpferd, sich groß aufzuspielen und die Kinder mit den schmutzigsten Händen erst später essen zu lassen, wenn der Kessel schon fast geleert war. Und heute erwischte es Celia.

„Na, kleines Fräulein? Heute besonders aufsässig, wie ich hörte, ja? Und die Fingernägel sind pottschwarz, ja? Dann stell dich mal schön in die Ecke und warte, bis die anderen mit Essen fertig sind, ja?“

Er hatte die entnervende Angewohnheit, fast jeden seiner Sätze mit einem näselnden ‚ja?‘ zu beenden. Celia trollte sich, hinter seinem Rücken Faxen machend, in die dunkelste Ecke der Diele, die den Delinquenten vorbehalten war. Auf das Abendessen konnte sie zur Not verzichten, denn ihr Magen war noch gut gefüllt. Im Essenklauen war sie viel geschickter als Jimmy, obwohl er zwei oder drei Jahre älter war als sie.

„So, und jetzt hört mir gut zu, ja? Ihr Waisen lebt von der Barmherzigkeit der Stadt und ihrer Bewohner. Darum hat der Gemeinderat beschlossen, dass die Ältesten und Kräftigsten unter euch zum Arbeitsdienst herangezogen werden. Das wird euch auf das spätere Leben außerhalb dieser Hallen der Geborgenheit vorbereiten. Ja?“

Celia war froh, in einiger Entfernung in der Ecke zu stehen. So konnte sie ihr glucksendes Lachen ob der Hallen der Geborgenheit abschwächen in eine Art Schluckauf. Gerade noch rechtzeitig, denn Mr. Woodhouse suchte irritiert nach der Quelle des despektierlichen Geräusches und drehte sich zu ihr um. Zum Glück hatte sie ihre Mimik rechtzeitig wieder unter Kontrolle und machte ein unschuldiges Gesicht. Der Heimleiter zuckte mit seinen knochigen Schultern und stolzierte nun an den Tischreihen auf und ab, wie ein Storch im Salat.

„Morgen nach dem Frühstück werden sich alle von euch, die älter als zehn Jahre sind, bei mir im Büro melden. Die Jungen werden als Straßenfeger, Müllkutschergehilfen, Hundefänger und Rattenjäger arbeiten. Die Mädchen in der Armenküche und im Hospiz, oder sie werden einzelnen Personen zugeteilt, die in irgendeiner Weise Hilfe benötigen. Seid dankbar dafür und arbeitet hart, macht mir keine Schande! Wir leben in einer modernen Zeit, müsst ihr euch klarmachen. Wir leben in einem neuen Jahrhundert! Eine neue Gesellschaft formiert sich! Das Jahr 1801 soll ein Meilenstein werden, hat der Bürgermeister beschlossen. Also werde ich ihm dabei helfen, denn der Bürgermeister hilft auch mir, äh … euch!“

Brenda und Seamus hatten der Rede ihres Arbeitgebers mit zunehmender Skepsis gelauscht. „Sir, bitte wartet einen Moment, Sir!“ Seamus katzbuckelte und stellte sich Mr. Woodhouse ungeniert in den Weg und Brenda folgte seinem Beispiel, was durch ihre enorme Körperfülle sehr effektiv war, was das Versperren des Weges anging. „Sir, wir fragen uns, wer denn uns beiden bei der vielen, vielen Arbeit helfen soll, wenn Ihr, Sir, die Großen alle fortschickt in die Gemeinde? Die Kleinen sind viel zu dumm und zu schwach, hier die Arbeit zu tun. Das könnt Ihr doch nicht von ihnen verlangen! Seht nur, wie blass die armen Geschöpfe sind.“

Brenda packte grob ein fünfjähriges Mädchen am Arm und zerrte es vor die Füße des Heimleiters. „Seht, wie mickrig das arme Ding ist“, klagte sie scheinheilig. „Wie soll so ein Kind denn am Waschkessel stehen oder das Holz hacken?“ Sie legte ihren Kopf schief und schaute ihren Arbeitgeber mitleidheischend an.

Mr. Woodhouse blickte verärgert von einem Dienstboten zum anderen. „Was weiß ich, gebt ihr eben eine andere Arbeit. Sie kann doch die Treppe wischen. Oder noch besser: macht die Arbeit selber! Wozu bezahle ich euch beide denn?“

Er schob sich, den Bauch eingezogen, an Brenda vorbei und verließ die Diele, doch Seamus folgte ihm auf den Fersen.

„Sir, bitte Sir, wartet eine Weile. Wo wir gerade vom Bezahlen sprechen … könntet Ihr euch vorstellen, mir ein wenig mehr Lohn zu geben? Der Schnaps wird auch immer teurer, und Ihr wisst doch, edler Herr, ich trinke ihn nur zu medizinischen Zwecken.“

Mr. Woodhouse schnaubte verächtlich und murmelte etwas von siechen Schmarotzern, mit denen er sich plagen müsse und verschwand dann in seinem privaten Bereich. Den Schlüssel seiner Tür drehte er zwei Mal um und ward bis zum nächsten Morgen nicht mehr gesehen.

Celia hatte den Trubel genutzt, um aus der Küche Käse und altes Brot zu stibitzen und verschwand damit in die obere Etage des alten Hauses, wo die Schlafsäle lagen. Rechts der Jungenschlafsaal, zur Linken der Mädchenschlafsaal. Es gab 20 Betten für 28 Kinder. Die Kleinsten teilten sich Betten. Im Winter schliefen selbst die Größeren auch zu zweit oder zu dritt in einem Bett, um sich gegenseitig zu wärmen. Als es Zeit zum Schlafengehen war, rief Celia die Kleinen zusammen, hockte sich mit ihnen auf ihr Bett und verteilte Brot und Käse. „Welche Gute-Nacht-Geschichte wollt ihr heute hören?“

Peter und Paul, die rothaarigen Zwillinge, kuschelten sich rechts und links in Celias Arme und riefen mit den anderen Kindern um die Wette ihren Geschichtenwunsch aus. „Der arme Sultan!“ „Die Geschichte vom Lügenhansel!“ „Das Märchen vom Sternfall!“ „Nein, die Geschichte, wie du Brandy-Brenda einen Frosch in den Schuh getan hast!“

Celia lachte. „Nicht so laut, seid still, sonst kommen die Erwachsenen noch hoch und schimpfen uns aus. Lilly, du hast ja noch gar nichts gesagt. Welche Geschichte möchtest du hören?“

Lilly, die kleine Schwarzhaarige mit den dunkelbraunen Augen und der leisen Stimme, wisperte „Roseneinhorn.“

„Ah, die Geschichte vom Lavendelpferd und dem Roseneinhorn möchtest du gern hören? Sind die anderen einverstanden? Ja? Gut, dann esst jetzt euer Brot auf und krümelt nicht so ins Bett. Teilt den Käse gerecht auf, seid brav. Also, ich beginne jetzt mit dem Märchen.“

Celia wusste, dass auch die Größeren immer gerne zuhörten, obwohl sie das nie zugeben würden. Sie sammelte ihre Gedanken, suchte nach dem Einstieg und begann: „Es war einmal vor langer Zeit eine kleine Prinzessin, gar lieblich anzuschauen. Sie war des Königs Augenstern und das Herzblatt der Königin. Die Untertanen des Reiches lebten satt und zufrieden in ihren Dörfern und Städten, waren fleißig und ehrbar und litten nur selten Not. Die Natur bot reichlich Nahrung für den Körper und Schönheit fürs Gemüt. Es hieß im Volksmund, die kleine Prinzessin mit dem goldenen Haar sei nicht nur schön wie die Sonne selbst, sondern sie wäre auch der Garant für des Volkes Wohlergehen, denn seit ihrer Geburt vor acht Jahren hatte es keine Überflutung, keine wilden Stürme und auch keine Dürren mehr gegeben. Volk und Regenten priesen ihr Glück und fühlten sich innerhalb der Grenzen ihres Landes so sicher, dass sie nicht mehr auf die umliegenden Nachbarländer achteten …“ Celia erzählte eine halbe Stunde lang und kurz vorm Ende waren Peter und Paul schon eingeschlafen. Jimmy, einer der älteren Jungen, kam bald darauf und nahm die beiden Kleinen auf den Arm, um sie in den Jungenschlafsaal zu bringen.

„Haben sie dich schwer bestraft?“, flüsterte Celia.

„Es ging so. Was sind schon ein paar blaue Flecken mehr?“ Jimmy lächelte schief und ging dann mit seiner schlafenden Last über den Flur. „Gute Nacht, allesamt.“

„Dir auch eine Gute Nacht, Jimmy.“ Celia zog sich die raue Wolldecke über Schultern und Ohren und schlief innerhalb kürzester Zeit ein.

 

Am nächsten Morgen versammelten sich nach dem Frühstück, das aus wässrigem Haferbrei mit etwas gebratenem, ranzigem Speck bestand, die Waisen zwischen elf und vierzehn Jahren vor dem Büro des Heimleiters. Sobald ein Kind zum jungen Erwachsenen mit fünfzehn Jahren wurde, erwartete man von ihm, dass es sich ein Auskommen außerhalb des Waisenhauses suchte. Celia wurde sich dessen wieder bewusst, als sie mit acht anderen Kindern vor Mr. Woodhouse stand. Vier Jahre musste sie es hier noch aushalten, es sei denn, es geschähe das Unglaubliche, das Wunder aller Wunder: Jemand würde sie adoptieren.

Der Sekretär des Bürgermeisters war gekommen und Mr. Woodhouse scharwenzelte um ihn herum, als wäre der Mann die Numero Zwo gleich hinter dem Herrgott.

Wenn Celia nicht so viel Angst gehabt hätte vor der Aufgabe, die man ihr gleich aufzwingen würde, hätte sie bestimmt bei dem Anblick des katzbuckelnden Mr. Woodhouse lachen müssen.

Der Sekretär blickte nicht unfreundlich auf die Kinderschar. Nachdem er von dem Getue des Heimleiters genug hatte und aller Höflichkeit Genüge getan war, entfaltete er einen Bogen Papier und verlas die Namen jedes Kindes und teilte ihm eine Aufgabe zu. Robby und Barney wurden zu Straßenfegern ernannt, Jimmy und George mussten Hunde und Ratten fangen, Riley sollte zu den Müllkutschern. Grace und Holly, die ältesten der Mädchen, wurden ins Hospiz geschickt, um die Nonnen bei der Arbeit zu entlasten, Ruby kam zur Armenküche und Celia, nun ja, Celia zu Lord Campbell. Jeder wusste, wer Lord Campbell war: Der reichste Mann der Stadt. Und wohl auch der verschrobenste. Ein gewisser Ruf eilte ihm voraus.

„So, und nun tummelt euch, ihr Kinder, und seid fleißig, ja? Euer Mittagessen bekommt ihr an eurer Arbeitsstelle. Seid vor Sonnenuntergang zurück, ja?“

Mr. Woodhouse wedelte mit einer Hand und scheuchte die Kinderschar davon.

„Celia, du bleibst noch einen Moment hier. Hör zu, ja? Lord Campbell ist alt und klapprig, und du wirst ihm in Haus und Hof zur Hand gehen. Gib ihm keine Widerworte. Er kann Kinder nicht leiden. Der Bürgermeister legt großen Wert darauf, dass der Alte, ähm … dass der ehrenwerte Lord zufriedengestellt wird. Also: erzähl ihm keine Märchen und Hirngespinste, ja? Ja?? Tu was er will, und alles wird gut. Und nun troll dich.“

 

- 2 -

Celia stand mit weichen Knien vor dem schmiedeeisernen Tor, das in eine hohe, efeuüberwucherte Mauer aus grob behauenen Steinen eingelassen war. Eine Kreuzspinne hatte zwischen den Stäben ein Netz gesponnen. Einige der Insekten darin lebten noch und unternahmen letzte Fluchtversuche. Noch zögerte Celia, die Tür zu öffnen. Er kann Kinder nicht leiden, hatte Mr. Woodhouse gesagt. Würde er sie schlagen, wenn sie ihre Arbeit nicht gut machte? Für einen langen, aufregenden Moment erwägte Celia davonzulaufen. Ihre Flucht würde man erst nach Sonnenuntergang bemerken. Zeit genug, um aus der Stadt zu verschwinden. Für immer fort aus diesem grässlichen Waisenhaus. Aber wohin? Und wer sollte dann den Kleinen Geschichten erzählen, damit sie ihr Elend für eine Weile vergessen konnten? Nein, sie konnte nicht weg. Celia straffte ihre Schultern und stieß die schwere Tür auf, die nach ihrem Durchgang wie von alleine mit einem grässlichen Quietschen wieder ins Schloss fiel.

Entschlossen ging sie auf das Haus zu, das inmitten eines prächtigen Gartens lag. Auf dem zweiten Blick sah Celia, dass die Pracht der vielen Rhododendren, Pfingstrosen und Akeleien eine wilde, vernachlässigte Pracht war. Auch die Teerosen und Lavendelsträucher hatten lange nicht mehr die Hand eines Gärtners gespürt. Ein plötzlich aufkommender Windstoß beschleunigte ihre Schritte, und sie kam schneller als gewollt vor der Haustür zum Stehen. Der Hausbaum, ein Ahorn mit dunkelbrauner, vom hohen Alter rauer Rinde, neigte sich ihr zu, als wolle er mit seinen grünenden Ästen ihr Gesicht streicheln.

Sie nahm ihren Mut zusammen und griff nach dem eisernen Türklopfer, der die Gestalt eines ihr unbekannten Fabelwesens hatte. Es sah aus wie eine Mischung aus Adler und Löwe. Drei Mal ließ sie das Ding gegen die Holztür bollern. Anhaltende Stille verschluckte das Geräusch allmählich. War Lord Campbell gar nicht daheim? Celia wiederholte das Anklopfen, diesmal mit mehr Kraft.

„Zum Teufel aber auch, mach nicht so einen Lärm, sondern komm einfach rein!“, brüllte eine Altmännerstimme. Celia sprang erschrocken vom Türsims und kämpfte gegen den Impuls an, sich hinter der nächsten Hecke zu verstecken. Aber dann dachte sie an Mr. Woodhouse und den Bürgermeister, die ihr das eingebrockt hatten. Sie würde die Herren nicht enttäuschen, das konnte sie sich einfach nicht leisten! Das Mädchen atmete tief durch und betrat das Haus. Vorsichtig lugte sie nach allen Seiten und entdeckte schließlich, dass im Raum, der von der Eingangshalle aus gesehen links lag, ein alter Mann in einem Lehnsessel saß. Mürrisch winkte er sie zu sich her.

„Mach schon, Mädchen. Komm rein und schließ die Tür hinter dir, mir ist kalt.“

Celia beeilte sich, der Forderung nachzukommen. Dann knickste sie vor Lord Campbell und schaute unsicher zu Boden.

„Komm her zu mir, komm schon. Bist du etwa die Hilfskraft, die der Bürgermeister mir aufgedrängt hat?“

Celia betrat den Wohnraum und nickte stumm.

„Du bist ein mageres, kleines Ding. Sag, wie alt bist du denn? Acht oder neun?“

Erbost blickte Celia auf und sagte ihm ins Gesicht: „Ich bin elf Jahre alt, Sir.“

„Mylord, wenn es recht ist. Das ist die korrekte Anrede, nicht Sir. Ich hatte eine Frau erwartet, eine Haushälterin. Und was schickt mir der alte Wichtigtuer? Ein Kind! Nicht zu fassen. Er hat einen seltsamen Humor, unser verehrter Herr Bürgermeister. Nun denn. Was kannst du, Kind? Hast du einen Namen?“

„Ich heiße Celia, Mylord. Und ich kann alle nötigen Arbeiten verrichten. Im Waisenhaus müssen wir von morgens bis abends arbeiten.“

„Soso, Celia also. Dann sei so gut und entzünde das Kaminfeuer. Mir ist leider über Nacht die Glut verloschen, und jetzt friere ich.“

Konzentriert machte Celia sich an die Arbeit und wenig später brannte das Feuer. Sie legte Scheit für Scheit auf, bis der Kamin eine wohlige Wärme ausstrahlte.

Lord Campbell betrachtete sie nachdenklich. „Du sagtest, im Waisenhaus müsstest du viel arbeiten? Wie lange bist du schon dort?“

„Zwei lange Jahre.“

„Behandeln sie euch gut?“

Celia sah dem alten Mann prüfend ins faltige Gesicht. Seine Augen wurden durch einen milchigen Schimmer getrübt, aber dennoch sah sie in ihnen, aller Erwartung zum Trotz, so etwas wie Güte und echtes Interesse. Sie atmete einmal tief ein und aus und stieß dann hervor: „Nein, Mylord. Seht Ihr die Narbe, die sich über meine Stirn und das Auge zieht? Das war Brandy-Brenda. Sie schlägt alle Kinder in ihrer Reichweite, sobald sie betrunken ist. Und nicht nur mit der Hand. Wir bekommen auch nicht genug zu essen.“ Erschrocken darüber, dass sie einem Fremden eben Schlechtes über das Waisenhaus gesagt hatte, so wahr es auch sein mochte, schlug sie sich die Hand vor den Mund und hätte am liebsten ihre Worte zurückgenommen. Was, wenn er Mr. Woodhouse davon erzählte? Wenn Brenda davon erführe? Sie hätte ab sofort die Hölle auf Erden. „Sir, Mylord, bitte, das dürft Ihr aber keinem sagen, was ich Euch eben erzählt habe.“

„Keine Sorge, mein Kind. Ich werde nichts tun, was dir schaden könnte. Wie wäre es, wenn du uns Frühstück machst? Du findest alles in der Küche am Ende des Flures. Nimm, was dir beliebt. Mir ist es egal, was auf den Tisch kommt. Und noch was - ach, was soll´s. Schon gut, geh einfach.“ Der alte Mann machte eine ungeduldige, wedelnde Handbewegung.

„Wird gemacht, Sir! Mylord, meine ich.“

Celia raffte ihren Rock und flitzte in die Küche. Dort angekommen, schaute sie sich zuerst gründlich um. Das Herdfeuer war hier nicht völlig erloschen, sie schürte es und suchte sich dann die Gerätschaften zusammen, die sie für ein anständiges englisches Frühstück brauchte. Alles war hier so sauber und ordentlich! Der Inhalt des Küchenschrankes und der Vorratskisten trieb ihr Tränen in die Augen. All das gute Essen! Und so viel! Heute würde ein Festtag sein. Aufgeregt briet Celia Würste und Eier, röstete Brot, kochte Tee und fand auf der Fensterbank sogar ein kleines Kräutergärtlein mit Schnittlauch, Petersilie und Oregano. Als alles fertig war, belud sie ein großes Tablett mit all den Schätzen und schleppte es leise keuchend in den Salon, wo sie den Tisch decken wollte. Überrascht hörte sie, wie Lord Campbell mit jemandem leise zu sprechen schien. Du sollst da runterkommen. Los, verschwinde, sie kommt gleich wieder! Was sie dann sah, verschlug ihr die Sprache. Verwirrt blieb sie, beladen mit dem schweren Tablett, in der Tür zum Salon stehen und starrte auf diese unfassbare Szene: Eine junge Frau, mit überaus weißen und langen Haaren, gekleidet in ein Männernachthemd, hockte barfüßig auf dem Esstisch!

Lord Campbell schaute verzweifelt zwischen Celia und der jungen Frau hin und her. Man sah, wie es hinter seiner Stirn arbeitete und er schließlich eine Entscheidung traf. „Celia, komm und stell das Tablett ab, bevor es dir runterfällt. Und du, junge Dame, komm da jetzt runter! Sofort!“ Die Angesprochene gehorchte verschüchtert.

Celia beeilte sich, die letzten Schritte zum Tisch zurückzulegen. Ihre Arme zitterten, als sie von der Last befreit wurden. Verunsichert schaute sie zu dem alten Herrn auf und wartete ab, was nun geschah.

„Mach weiter, Kind. Deck den Tisch und stell noch eine Tasse und einen Teller dazu. Ich will dir das erklären, nun, da du von ihrer Anwesenheit weißt. Darf ich vorstellen? Ally, das ist Celia. Sie wird bei der Hausarbeit helfen. Celia, das ist Lady Ally Ferry, eine … äh, Verwandte von mir. Sie ist, nun ja, sie ist ein wenig seltsam. Denk dir nichts dabei. Und vor allem - hör zu, das ist wichtig - vor allem darfst du niemandem, keiner Menschen Seele, von ihr erzählen! Versprich mir das! Schwöre bei deiner Liebe zu deinen verstorbenen Eltern, Gott hab sie selig, dass du niemandem von Ally erzählen wirst!“

Celia flüsterte eingeschüchtert: „Ich schwöre.“ Sie schenkte mit niedergeschlagenen Augen Tee ein, stellte Sahne und Zucker auf den Tisch und servierte Würste und Eier mit Toast. Aus dem Augenwinkel beobachtete sie die junge Frau, die noch kein Wort gesagt hatte. Schweigend aß Celia und genoss die nahrhafte Mahlzeit, zu der sie dem Himmel sei Dank eingeladen war, ebenso sehr wie Lord Campbell. Lady Ally hingegen schien mit dem Frühstück nicht zufrieden zu sein. Sie nahm alles in die Hand und ließ die krosse, heiße Wurst und die Spiegeleier mit einem leisen Schmerzenslaut wieder fallen, schnupperte am Toast und leckte daran. Dann griff sie mit fettigen Fingern nach der Zuckerdose und verstreute gelangweilt die süßen, weißen Körnchen auf dem Tisch. Mit großen Augen verfolgte Celia ihr eigentümliches Gebaren.

Lord Campbell murmelte mit vollem Mund: „Habe dir ja gesagt, sie ist seltsam. Ich verstecke sie nicht grundlos, aber heute ist sie aus ihrem Zimmer entwischt. Stell dir mal vor, was die Leute sagen würden! Sie würden sie mir wegnehmen und ins Irrenhaus sperren. Dort würde sie vor Kummer sterben, innerhalb kürzester Zeit. Das ist so sicher wie das Amen in der Kirche.“

Celia nickte. „Das glaube ich Euch sofort, Mylord. Sie scheint nicht viel zu sprechen. War sie schon immer so?“

Der Alte wischte sich seinen fettigen Mund mit einer Serviette ab und nahm bedächtig einen Schluck Tee, bevor er antwortete. „Ich will es mal so formulieren: Sie ist so, seit ich sie kenne. Und sprechen kann sie, macht aber nur selten den Mund auf. Ihren Namen hat sie bisher gesagt, und kaum mehr.“

Celia horchte auf. Ihren Namen hat sie gesagt?Er hätte doch ihren Namen wissen müssen, wenn sie miteinander verwandt sind. Und überhaupt, hier stimmt etwas nicht, dachte sie bei sich. Waren das wirklich Schwimmhäute an den Füßen, was ich vorhin gesehen habe? Wieso hat sie einen weißen Flaum auf den Fingern? Und warum isst sie nicht diese wunderbare Mahlzeit?

„Mylord, Eure Verwandte“, Celia dehnte mit Absicht das Wort, „ist eine wunderschöne Frau, aber warum isst sie wie ein Kleinkind, besser gesagt, sie isst ja gar nichts und matscht nur. Dabei sieht sie doch irgendwie hungrig aus. Und traurig. Und warum trägt sie ein Männernachthemd?“

„Weil sie nackt war, als sie auftauchte“, rutschte dem alten Lord heraus.

„Wie bitte, nackt?“, fragte Celia mit schriller Stimme. „Sie wurde ausgeraubt? Und hat ihr denn niemand geholfen? Hat sie gar einen Schock erlitten?“

Lord Campbell blickte erfreut auf. „Ja, ausgeraubt, richtig. Und einen Schock erlitten hat sie in der Tat! Darum benimmt sie sich so kindisch.“ Er nickte heftig mit dem Kopf und seine langen, ungepflegten, eisengrauen Haare fielen ihm in die Stirn. „Du hast das ganz richtig erkannt, bist ein kluges Kind“, sagte er gönnerhaft. „Wenn du mit Essen fertig bist, dann geh in die Küche und wasche das Geschirr ab. Danach werde ich dir noch andere Arbeiten auftragen. Du findest mich in meinem Studierzimmer gegenüber.“

Mühsam stand er vom Tisch auf, schob den schweren Holzstuhl zurück und ging, auf seinen Stock gestützt, schwerfällig aus dem Raum. Auf der Diele blieb er kurz stehen. Celia hatte den Eindruck, ihm wäre gerade etwas eingefallen. Er wechselte in der Tat die Richtung, ging zur Haustür und verriegelte sie. Den Schlüssel steckte er in die Tasche seines Hausmantels. Dann erst ging er in seine Studierstube. „Kümmere dich auch um Ally“, bat er im Gehen.

Eins war Celia sonnenklar: Hier stimmte etwas ganz und gar nicht. Nachdenklich sammelte sie die Reste des Frühstücks ein und behielt die Lady im Auge. Ally folgte ihr in die Küche und sah sich interessiert darin um, so als wäre sie zum ersten Mal in diesem Raum. Celia griff sich den Wasserkessel, der über dem Herdfeuer simmerte, und mischte sich das Abwaschwasser, das in eine große Schale gefüllt war, bis die Temperatur für ihre Hände erträglich war. Wohin mit den Wurstresten? Ob Lord Campbell sie später essen würde? Oder sollte sie die Reste den Schweinen vorwerfen? Gab es hier überhaupt Schweine hinterm Haus? Celia beschloss, vorerst alle essbaren Reste auf einem Teller zu sammeln und ihren Dienstherrn später danach zu fragen.

Ally patschte derweil mit beiden Händen im Abwaschwasser. Sie strahlte und rief: „Wasser, Wasser!“ Celia lachte, weil es so komisch aussah, wie die erwachsene Frau mit dem Wasser spielte und ihr Nachthemd dabei klatschnass machte.

„Aber Lady Ferry, ich brauche das Wasser doch! Lasst mir etwas davon übrig“, kicherte Celia. Sie sah die Frau nun genauer an. Und staunte über das hüftlange, weiße Haar. Die Augen der Lady waren dunkelbraun, fast schwarz. Die Augenbrauen wiederum waren hellgrau. Celia hatte noch nie einen Menschen gesehen, der auch nur annähernd Ähnlichkeit mit ihr gehabt hätte. Wäre die Frau nicht so schön und freundlich gewesen, hätte man sich vor ihr fürchten können, wegen ihrer Andersartigkeit. Andererseits, wirklich viele Menschen waren ihr ohnehin noch nicht begegnet, schon gar nicht Adlige. Wie wollte sie da Vergleiche anstellen? Celia öffnete nacheinander die Deckel der großen Holzfässer, die in der Küche standen. Eines enthielt Wasser, und so begann sie erneut, sich um den Abwasch zu kümmern. Wollte die Lady etwa in der Küche bleiben? Hatte eine Lady denn nicht wichtige oder vornehme Dinge zu tun? Celia beugte sich über die Schale und reinigte konzentriert die zahlreichen Pfannen und Töpfe, die herumstanden. Der Holzvorrat für den Herd musste auch aufgestockt werden, bemerkte sie. Plötzlich hörte Celia ein schwappendes Geräusch und erschrak, weil ihre Beine nass gespritzt wurden. Lady Ally war juchzend in das große Holzfass gestiegen und rief überglücklich: „Wasser, viel Wasser!“, und tauchte dann auch noch unter!

Celia kreischte entsetzt auf. Das ging aber nun wirklich zu weit! Wie sollte sie mit einer dermaßen verrückten Person fertig werden? „Lord Campbell, kommen Sie schnell! Ich brauche ihre Hilfe.“

Der alte Mann erhob sich ächzend aus seinem Schaukelstuhl, griff sich seinen Stock und humpelte in die Küche. Seine Gesichtsfarbe war ungesund blass, die schmalen Lippen bläulich. „Was ist denn nun schon wieder?“ fragte er atemlos.

„Sehen Sie selbst, Mylord. Die Lady ist total verrückt geworden, sie badet in der Küche im Wasserfass. Was soll ich denn bloß tun?“

„Bring mir einen Stuhl“, ächzte er.

„Einen Stuhl? Wozu braucht die Lady einen Stuhl?“

„Nicht sie, ich! Schnell, ich muss mich wieder setzen.“

Er griff sich an die Brust und sein Atem ging mühsam. Da verstand Celia, was los war und schaffte in Windeseile einen Stuhl aus dem Salon heran. Sie half ihm, sich zu setzen und war sehr besorgt. So aufregend hatte sie sich ihren ersten Arbeitstag nicht vorgestellt, wirklich nicht!

„Mylord, habt Ihr irgendwo eine Medizin, die ich Euch bringen soll?“

Campbell schüttelte vergrätzt den Kopf. „Ach wo, diese Quacksalber, die sich anmaßender Weise Ärzte und Apotheker nennen, vergiften einen doch bloß mit dem Zeug. Ich brauche nur etwas frische Luft. Hier, der Schlüssel zur Hintertür.“ Er wühlte in seiner rechten Jackentasche und übergab ihn Celia, die sofort die Tür weit öffnete, und anschließend ein Fenster.

„Nein, nein, nicht!“ jammerte der Alte. Aber er meinte nicht Celia, sondern Ally, die mit Begeisterung aus dem Fass kletterte und nach draußen in den Garten stürmte. „Hinterher, los, lauf ihr hinterher, dass sie bloß nicht auf die Straße läuft.“