Drachenzähmen leicht gemacht (11). Verräterisches Drachenmal - Cressida Cowell - E-Book

Drachenzähmen leicht gemacht (11). Verräterisches Drachenmal E-Book

Cressida Cowell

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Beschreibung

Hicks und die Gefährten des Drachenmals haben sich hoch oben in den tückischen Nebeln des Mordsgebirges versteckt. Dort warten sie auf ihre Chance. Denn obwohl die Drachenspione der Hexe Excellinor die gesamten Inselküsten kontrollieren, ist Hicks fest entschlossen, der neue König von Wilderwest zu werden. Doch kann er es tatsächlich schaffen, Alwin die verlorenen Artefakte abzuknöpfen, noch bevor die Drachenrebellion die gesamte Welt in Feuer taucht?

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Seitenzahl: 253

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Cressida Cowell

Drachenzähmen leicht gemacht

Verräterisches Drachenmal

In der Reihe »Drachenzähmen leicht gemacht« von Cressida Cowell sind im Arena Verlag erschienen:

Band 1 Drachenzähmen leicht gemachtBand 2 Drachenzähmen leicht gemacht. Wilde Piraten voraus!Band 3 Drachenzähmen leicht gemacht. Strenggeheimes DrachenflüsternBand 4 Drachenzähmen leicht gemacht. Mörderische DrachenflücheBand 5 Drachenzähmen leicht gemacht. Brandgefährliche FeuerspeierBand 6 Drachenzähmen leicht gemacht. Handbuch für echte HeldenBand 7 Drachenzähmen leicht gemacht. Im Auge des DrachensturmsBand 8 Drachenzähmen leicht gemacht. Flammendes DrachenherzBand 9 Drachenzähmen leicht gemacht. Jagd um das DrachenerbeBand 10 Drachenzähmen leicht gemacht. Suche nach dem DrachenjuwelBand 11 Drachenzähmen leicht gemacht. Verräterisches Drachenmal

www.drachenzaehmen.de

Hicks der Hartnäckige vom Hauenstein der Dritte

war ein Furcht einflößender Schwertkämpfer, ein Drachenflüsterer und überhaupt der größte Wikingerheld, der jemals lebte. Doch seine Memoiren entführen dich in die Zeit, als er noch ein ganz gewöhnlicher Junge war und sich überhaupt nicht vorstellen konnte, dass aus ihm mal ein Held werden würde.

Cressida Cowell

verbrachte ihre Kindheit in London sowie auf einer unbewohnten Insel an der schottischen Westküste. Sie war überzeugt, dass es dort nur so von Drachen wimmelte, und ist seither von ihnen fasziniert. Neben den Aufzeichnungen von Hicks’ Memoiren hat sie mehrere Bilderbücher geschrieben und illustriert. Sie lebt mit ihrem Mann und drei Kindern im englischen Hammersmith.

Clara Vath

liebte es schon als Kind, bunten und verrückten Fantasiewesen eine Gestalt zu geben. Dass ihr dabei auch der ein oder andere Drache begegnet ist, kam ihr bei der Arbeit an Hicks’ Memoiren sehr gelegen. Seit 2012 arbeitet sie als freie Illustratorin für verschiedene Unternehmen.

Cressida Cowell

Verräterisches Drachenmal

Aus dem Englischen von Karlheinz Dürr

Mit Illustrationen von Clara Vath

 

 

 

 

Über dieses Buch

Hicks und die Gefährten des Drachenmals haben sich hoch oben in den tückischen Nebeln des Mordsgebirges versteckt. Dort warten sie auf ihre Chance. Denn obwohl die Drachenspione der Hexe Excellinor die gesamten Inselküsten kontrollieren, ist Hicks fest entschlossen, der neue König von Wilderwest zu werden. Doch kann er es tatsächlich schaffen, Alwin die verlorenen Artefakte abzuknöpfen, noch bevor die Drachenrebellion die gesamte Welt in Feuer taucht?

Ich danke Simon Cowell, Anne McNeil, Naomi Pottesman, Jennifer Stephenson und Judit Komar für ihre Unterstützung bei diesem Buch.

Dieses Buch ist Johnnie Willis-Bund gewidmet, mit allen guten Wünschen von seiner Patin.

Die Originalausgabe erschien erstmals 2013 unter dem Titel »How To Betray A Dragon’s Hero« bei Hodder Children’s Books, London.

© 2012 by Cressida Cowell

1. Auflage 2019

© 2019 Arena Verlag GmbH, Würzburg

Alle Rechte vorbehalten

Aus dem Englischen von Karlheinz Dürr

Einband, Satz und Illustration: Clara Vath

Gesamtherstellung: Westermann Druck Zwickau GmbH

E-Book-Herstellung und Auslieferung: readbox publishing GmbH, Dortmundwww.readbox.net

 

E-Book ISBN 978-3-401-80798-0

 

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DIE INSEL DES NEUEN TAGES IST VERFLUCHT

Noch nie haben wir die Insel des Neuen Tages gesehen. Bisher haben wir uns noch niemals auch nur in die Nähe der Insel gewagt.

Einst lag dort eine blühende Stadt mit hundert prächtigen Burgen und Schlössern, auf deren Türmen die Flaggen und Banner des Wilderwest trotzig im Meereswind knatterten. Die Stadt war von unzähligen Sklaven – Menschen und Drachen – erbaut worden. Und wie so viele Städte, die von Sklaven erbaut wurden, war auch diese Stadt prächtig und schön anzusehen.

Doch vor einem Jahrhundert tat Grimmbart der Abscheuliche, der letzte König des Wilderwest, etwas wahrlich Abscheuliches. Grimmbarts Sohn, Hicks der Hartnäckige vom Hauenstein der Zweite, war mit seinem Dachen Wildwut vor König Grimmbart getreten. In friedlicher Absicht hatten sie dem König die Bitte vorgetragen, das Elend der Sklaven ein für alle Mal zu beenden. Doch Grimmbart missverstand die Bitte – er sah darin nichts anderes als einen Aufstand, eine Rebellion gegen seine Herrschaft. Rasend vor Wut zog er sein Schwert »Sturmklinge« und schlug auf seinen eigenen Sohn ein, bis sich dessen Blut über den Sitz seines Throns ergoss.

Und von dieser Stunde an lag ein Fluch auf der Insel des Neuen Tages. Das Heer der Drachen, das in friedlichem Protest gegen die Sklaverei herbeigezogen war, fiel über die Stadt her und legte sie in Schutt und Asche. Die hundert prächtigen Schlösser und Burgen wurden dem Erdboden gleichgemacht. Der Drache Wildwut geriet in Gefangenschaft, wurde in schwere Ketten gelegt und in die Tiefen eines Kerkers im Wald geworfen.

Doch Grimmbart der Abscheuliche bereute seine furchtbare Tat. Er schwor, dass es niemals mehr einen neuen König von Wilderwest geben solle, es sei denn, dieser neue König wäre ein besserer Mensch, als er es gewesen war. Und jeder, der König werden wolle, müsse eine wahrhaft unmögliche Aufgabe vollbringen. Grimmbart verteilte zehn Dinge, die »Dinge des Königs«, in den fernsten Winkeln der Barbarenwelt.

Er sorgte dafür, dass diese Dinge von den grausamsten Ungeheuern und furchtbarsten Drachen bewacht würden. Nur ein wahrer Held sollte die Dinge finden und sammeln und den Fluch aufheben können. Und dieser Held würde dann der nächste König des Wilderwest werden.

Obwohl es eigentlich unmöglich war, dass jemals ein Held diese zehn Dinge finden würde, errichtete Grimmbart noch drei weitere, letzte Hürden: Erstens dürfe der Held nur am letzten Tage des Julfests gekrönt werden, das die Wikinger nach uralter Tradition jedes Jahr an den zwölf Tagen zwischen der Wintersonnenwende und dem ersten Tag des neuen Jahres feierten. Zweitens müsse die Krönung auf der Insel des Neuen Tages stattfinden und nirgendwo sonst. Und drittens müsse die Krönung auf dem Sockel des Throns erfolgen, auf dem Grimmbarts Sohn, Hicks der Zweite, verblutet war.

Doch bis es so weit war, musste die Insel geschützt werden. Deshalb setzte Grimmbart Wächter ein – Menschenkrieger, kampferprobte Drachen und unheimliche Sandgeister –, die die Festungsruine bewachten. Es waren furchtbare Wächter, grausamer und grauenvoller, als man sich vorstellen konnte. Jeder, der versuchte, unbefugt die Insel zu betreten, würde auf der Stelle getötet.

Doch jetzt braucht der Archipel einen neuen König, und es braucht ihn dringender als jemals zuvor. Denn der Drache Wildwut ist aus seinem Waldkerker entkommen und er ist entschlossen, die gesamte Menschheit auszulöschen.

Der Drache hat seinen Siegeszug bereits angetreten. Den gesamten Nordteil des Archipels hat er in Schutt und Asche gelegt. Die Menschen waren in die Flucht geschlagen worden und haben sich in ihrer Angst in Höhlen und unterirdische Verstecke geflüchtet.

Nichts und niemand kann den Drachen Wildwut noch aufhalten. Niemand – außer einem neuen König. Denn ein neuer König wird das Geheimnis des zehnten der Zehn Verlorenen Dinge des Königs erfahren: des Drachenjuwels. Dieses Juwel ist so ungeheuer mächtig, dass es sämtliche Drachen ein für alle Mal vernichten kann.

Wie gesagt: Nur einmal im Jahr kommt die Zeit, in der ein möglicher König die Insel des Neuen Tages betreten darf.

Am zwölften Morgen des Julfests.

Heute ist der neunte Tag des Julfests.

Und da sehen wir ihn auch schon, den ungewöhnlich großen, einsamen Fährmann, der von der Insel des Neuen Tages über den Heldensund zum Festland hinüberrudert, auf dem sich das Mordsgebirge erhebt. Der Fährmann ist Druide und Wächter der Insel des Neuen Tages. Er trägt eine Augenbinde, die er erst abnehmen darf, wenn ein neuer König von Wilderwest gekrönt wird. Die Augenbinde soll sicherstellen, dass er ein unparteiischer, unversöhnlicher Richter ist und dass es nichts gibt, das ihn in seiner Rolle als Druidenwächter beeinflussen kann. Aber eine überirdische Macht sorgt dafür, dass er die Gestalt spüren kann, die zusammen mit einer kleinen Gefolgschaft am Ufer auf ihn wartet.

Die Gestalt ist kein anderer als UG Ugglitugg. Neue Hoffnung keimt im Fährmann auf. Endlich … gerade noch rechtzeitig … Hier kommt ein Held, der das Königreich für sich beansprucht! Und das, noch bevor der Drache Wildwut die gesamte Menschheit auslöschen konnte.

Der Druidenwächter lässt sein Fährboot auf den Singenden Sand am Strand der Fährmannsgabe auflaufen. Er breitet die Arme aus und verkündet mit schallender Stimme den Warnungsgruß, wie es schon sein Vater, sein Großvater und sein Urgroßvater jedes Jahr getan haben: »Wer immer du auch sein magst, der du dich dem Neuen Tag zu nähern wagst! Nur der eine, der des Königs Verlorene Dinge besitzt, kann zum König gekrönt werden und darf weiterleben …«

Und der Druidenwächter wendet sich an UG Ugglitugg und stellt ihm mit feierlicher Stimme die entscheidende Frage: »Bist du der Mann, der König werden will?«

UG erwidert: »Ja, der bin ich.«

»Bist du der, der von allen Stämmen des Archipels erwählt wurde?«

Wieder nickt UG. »Ja, der bin ich.«

»Hast du die Fährmannsgabe mitgebracht?«

»Ja, das habe ich«, sagt UG Ugglitugg.

Der Druidenwächter nickt mit ernster Miene, doch zugleich mit steigender Hoffnung: »So zeige mir denn des Königs Dinge.«

UG Ugglitugg schnippt mit den Fingern als Zeichen für seine Gefolgsleute, die Dinge des Königs vorzulegen.

Und dies sind die Verlorenen Dinge des Königs: der zahnlose Drache, Grimmbarts zweitbestes Schwert, der römische Schild, der Pfeil-aus-dem–Land-das-es-noch-nicht-gibt, der Herzstein, das Tickdings, der Schlüssel-aller-Schlüssel, der Thron, die Krone und das Drachenjuwel.

UGs Gefolgsleute legen die Dinge vor den Fährmann auf den Strand und ziehen sich mit tiefen Verbeugungen zurück. Der Druidenwächter tritt näher, um jedes einzelne der Dinge des Königs zu prüfen. Lange, lange bleibt er stumm, nimmt jedes einzelne der Dinge in die Hände, tastet es auf allen Seiten ab und prüft es auf seine Echtheit.

Dann, endlich, tritt er zurück. Ein grimmiger Ton liegt in seiner Stimme, als er nun laut und weithin schallend verkündet: »Diese Dinge sind GEFÄLSCHT! Besonders armselig ist die Fälschung des zahnlosen Drachen. Es ist grausam, einem wehrlosen Geschöpf solche Schmerzen zuzufügen! Wir werden ihm auf der Insel ein neues Zuhause geben.«

Tatsächlich hatte UG Ugglitugg einem armen, kleinen Dickfüßigen Stolperdrachen sämtliche Zähne ziehen lassen, um ihn als den echten zahnlosen Drachen auszugeben, von dem in der Prophezeiung die Rede ist.

UG Ugglitugg wird so weiß wie ein frisch gewaschenes Schaffell.

»Und nun zu DIR, UG Ugglitugg!«, fährt der Druidenwächter fort. »Wisse: Wer auch immer sich der Insel des Neuen Tages mit einem falschen Tribut nähert, stirbt einen grausamen, schnellen und entsetzlichen Tod, zusammen mit allen Gefolgsleuten.«

Der Druide breitet die Arme aus und ruft mit Donnerstimme: »ERHEBT EUCH, O IHR BESCHÜTZER DES NEUEN TAGES! ERHEBT EUCH UND VOLLBRINGT EURE GRAUSAMSTEN TATEN!«

Und rings um UG Ugglitugg und seine Gefolgsleute beginnt der Sand zu brodeln, Blasen zu werfen – und aus den Blasen platzen Gestalten. Der Strand gebiert Kreaturen von unvorstellbarer Hässlichkeit, riesige Geschöpfe, brüllend vor Wut, Blutlust und Rachedurst. Den Wikingern bleibt keine Zeit mehr zu reagieren, sich zu wehren, um ihr Leben zu kämpfen. UG Ugglitugg und seine Männer finden nicht einmal mehr die Zeit, sich ihre Gegner genau anzuschauen … ob sie Drachen sind oder etwas noch Böseres.

Die Kreaturen packen UG Ugglitugg, packen seine Gefolgsleute, die ihr Leben lang nichts als Angst und Schrecken verbreitet haben und nun selbst vor heillosem Entsetzen und in unbändiger Todesangst schreien. Und die Kreaturen reißen sie mit sich, schießen in die Höhe, immer weiter hinauf, in die schwarzgrauen Wolken, und noch höher in den Himmel, wo die Luft dünner und kälter wird, so eisig und erstickend kalt, dass es den Menschen den Atem raubt … und dort, in der obersten Atmosphäre, die wie Feuer alles vernichtet und verzehrt, findet die Bestrafung dieser Menschen ihr Ende. Sie kehren nur noch als Ascheflocken und violetter Regen auf die Erde zurück.

Denn dies ist die Vergeltung, die die Druidenwächter all jenen zuteilwerden lassen, die es wagen, ohne die Zehn Verlorenen Dinge des Königs die Insel des Neuen Tages zu betreten.

Einsam steht nun der Druidenwächter am Strand. Er seufzt, krault sanft den Kopf des armen, zahnlosen Dickfüßigen Stolperdrachen und flüstert ihm zu, dass alles wieder gut werden wird. Und er murmelt vor sich hin: »Noch zwei Tage … nur noch zwei Tage bleiben dem Helden, hierherzukommen und uns alle zu retten.«

Niedergeschlagen steigt er in sein kleines Boot. Denn eigentlich rechnet er nicht mehr damit, dass der richtige Held kommen wird. Warum sollte er auch? Er hat soeben ein Ritual hinter sich gebracht, das seit neunundneunzig Jahren jedes Jahr stattgefunden hat – denn in all der Zeit sind nur Unwürdige gekommen.

Noch an zwei weiteren Tagen wird er über den Sund rudern und auf die Ankunft des Helden warten. Doch wenn er bis zum elften Tag des Julfests nicht eintrifft, wird es zu spät sein. Grimmbarts Gesetze, die er vor einem Jahrhundert verkündete, dürfen nicht verletzt werden. Dann wird ein Jahr lang niemand mehr die Insel betreten können – bis zum nächsten Julfest.

Doch dann wird es ENDGÜLTIG zu spät sein. Denn bis dahin wird der Drache Wildwut zu stark geworden sein. Deshalb ist das jetzige Jahr die allerletzte Chance.

Ein Held muss kommen, um Krone und Thron für sich zu beanspruchen, und er muss alle Verlorenen Dinge mitbringen …

… sonst ist die Welt verloren.

PROLOGVON HICKS DEM HARTNÄCKIGENVOM HAUENSTEIN III.

Die beiden letzten Bände meiner Memoiren erstrecken sich nur über die beiden letzten Tage des Julfests. Damals war ich 14 Jahre alt. Und obwohl es nur 48 Stunden waren, muss ich euch warnen: Es waren die dunkelsten, entsetzlichsten Stunden und noch heute fällt es mir schwer zu beschreiben, was an diesen beiden Tagen passierte. Denn an diesen Tagen musste ich nicht nur den Druiden gegenübertreten, sondern auch dem heiß lodernden Zorn des Drachen Wildwut.

Das war die Zeit, in der die Drachen vor ihrer endgültigen Vernichtung standen.

Das Buch, das ich euch heute vorlege, beginnt mit dem Krieg zwischen Drachen und Menschen. Beide Seiten versuchen, die andere zu besiegen, und ich selbst werde von den grausamen Drachen des Drachenaufstands, von der Hexe Excellinor und von ihrem Sohn, Alwin dem Verräter, gejagt.

Wenn ich heute auf diesen blassen, schmächtigen Vierzehnjährigen zurückblicke, packt mich die Angst um ihn, denn noch ahnt er nicht, was ihm bevorsteht. Er durchlebt diesen furchtbaren Krieg, er ist dem Tod schon mehrfach direkt begegnet, doch noch hat er niemanden verloren, den er liebt. Aber allmählich beginnt er zu begreifen, was es bedeutet, Anführer zu sein und die ganze Verantwortung auf sich zu nehmen, die damit einhergeht. Und dennoch hat er diese Bürde noch nicht als sein Schicksal akzeptiert.

Wird es ihm am Ende gelingen, die Drachen zu retten?

Wie gerne würde ich ihm helfen! Wie gerne würde ich mich über Raum und Sterne und Zeit hinwegsetzen, ihn an der Hand nehmen und ihn durch diese schwierige Zeit geleiten. Aber natürlich lebt er in der Vergangenheit, in jenem fernen Land, und so laut ich auch rufe, er wird mich nicht hören.

Jetzt bin ich ein alter, alter Mann und wenn ich auf mein Leben zurückblicke, erkenne ich ein Muster und den Grund für die Finsternis, die damals herrschte.

Große Dinge entstehen aus der Liebe und aus dem Schmerz. Ein großes Schwert muss aus dem besten Stahl geschmiedet werden. Aber was aus einem großen Schwert ein wirklich großartiges, ein mächtiges Schwert macht, wird erst erkennbar, nachdem das Schwert gefertigt wurde. Schmiede nennen dies die »Prüfung« des Schwerts. Mit dem mächtigen Schmiedehammer wird die Klinge in Form geschlagen und gehämmert. Sie wird in die unbändige Hitze des Feuers gehalten, bis das Metall weich wird, und dann schnell im Wasser abgeschreckt, um es wieder zu härten. Je höher die Temperatur und je heißer das Feuer, desto stärker und mächtiger wird das Schwert.

Durch diese harte Prüfung wird aus einem Schwert ein gutes Schwert – oder ein schlechtes.

Und so ähnlich lässt es sich auch beschreiben, wie aus einem Krieger ein wahrer Held wird.

1. DU SOLLST IM VERSTECK BLEIBEN!

Es war eine kalte, neblige Nacht im Mordsgebirge.

Eine wunderbare Nacht für einen Verrat.

In Kriegszeiten ist es keine gute Idee, allein im Wald des Mordsgebirges herumzuirren. Wenn die Drachen des Roten Zorns auch nur die leiseste Spur einer Spur entdeckten, dass sich zwischen den verkohlten Baumstämmen in den Tälern oder auf den nebligen Gebirgspässen Menschen aufhielten, würden sie diese gnadenlos jagen.

Und doch war dort unten, tief im Wald, weit entfernt von jeder hilfreichen Seele, eine Menschenstimme zu hören, die voller Verzweiflung »Hilfe! Hilfe! Hilfe!« schrie. Und tatsächlich hatte sich eine kleine Bande mutiger, aber nichtsdestotrotz törichter Menschlinge und Drachen aufgemacht, um dem Verzweifelten zu Hilfe zu eilen.

Hicks der Hartnäckige vom Hauenstein der Dritte saß auf dem Rücken eines Dreiköpfigen Todesschattens, der so dicht über dem Gewirr der nackten, verkohlten Äste flog, dass seine Flügel beim Abwärtsschlag gelegentlich die höchsten Baumwipfel streiften.

Todesschatten sind Chamäleondrachen und deshalb konnte sich dieser Drache genau der Farbe des Nachthimmels anpassen, sogar samt den Sternen, die sich langsam über seine matt glänzenden Flanken bewegten.

Hicks’ Knie zitterten vor Anstrengung, sich im Sattel festzuhalten. Für jemanden, der von so vielen Leuten gesucht wurde, sah er jedoch sehr gewöhnlich und unauffällig aus. Ein bohnendünner Teenager in einem feuerfesten, aber ziemlich schäbigen Drachenlederanzug, der an vielen Stellen Löcher hatte. Auch Hicks’ Gesicht war zerkratzt, sein Haar stand wild und wirr in die Höhe und in seinen Augen lag der gehetzte Ausdruck eines Menschen, der schon viel zu lange durch den gesamten Archipel gejagt wurde.

Hicks hatte das Schwert gezückt. Seine Ohren klingelten vom scharfen Heulen des kalten Flugwindes – aber mit heftig pochendem Herzen blickte er über die Flügel des Todesschattens auf die rußgeschwärzte Ödnis, über die er hinwegflog, und suchte nach dem Lebewesen, das diesen erbärmlichen Hilferuf ausstieß.

»Hilfe! Hilfe! Hilfe!«, kreischte die Stimme und nun endlich konnte er ein winziges Flackern tief im Wald erkennen, ein Lagerfeuer, das aufleuchtete und fast wieder erlosch wie das zarte Flimmern eines Glühwürmchens.

Man darf sich nicht darüber wundern, dass Hicks nervös war, denn unter ihm zog das vollständig verwüstete Gebiet vorbei, das der Drache Wildwut und der Drachenaufstand, der Rote Zorn, in Schutt und Asche gelegt hatten. Und nichts und niemanden auf der Welt jagte der Drache Wildwut so unerbittlich, so gnadenlos wie Hicks. Denn der Drache Wildwut hatte feierlich geschworen, diesen Jungen zu finden, auch wenn er dabei die ganze restliche Welt abfackeln musste.

Er hatte geschworen, dass dieser Junge nirgendwo eine Zuflucht finden würde – hinter keinem Felsen, auf keinem Eiland, in keiner Höhle, an keiner noch so steilen Klippe. Und so wild und irre war diese erbarmungslose Jagd gewesen, dass im weiten Umfeld nur noch eine verwüstete Landschaft zurückgeblieben war, in der die scharfzackigen Stümpfe verbrannter Baumruinen anklagend in die Höhe ragten und Strände vom rußgeschwärzten Geröll zerschmetterter Felsen übersät waren.

»Um Thors willen«, flüsterte Hicks’ bester Freund Fischbein, der hinter ihm auf dem Rücken des Todesschattens saß.

Fischbein war, auch wenn man sich das kaum vorstellen konnte, noch dünner und schmächtiger als Hicks. Eine zerbrochene Brille hing gefährlich schief auf seiner Nasenspitze. »Bestimmt wird uns der Drachenaufstand in Fetzen reißen! Deine Mutter hat dir doch ausdrücklich eingeschärft, du sollst IM VERSTECK BLEIBEN und es UNTER GAR KEINEN UMSTÄNDEN VERLASSEN!«, protestierte Fischbein. »Wir hätten doch nur noch zwei Tage warten müssen, nämlich bis zum vorletzten Tag des Julfests! Und außerdem hat sie gesagt, dass wir nur eine einzige Aufgabe hätten – nämlich uns an genau diesem vorletzten Tag mit den Gefährten des Drachenmals auf dem Singenden Sand an der Fährmannsgabe einzufinden! MEHR sollten wir doch gar nicht tun! Deine Mutter hat hoch und heilig versprochen, dass sie sich um alles andere kümmern würde …«

»Aber was ist, wenn einer von unseren Gefährten ganz allein dort unten im Wald liegt?«, wandte Hicks ein.

Fischbein seufzte.

»Du hast recht«, sagte er und zog mit zitternder Hand das Schwert. »Natürlich hast du recht. Weiß ich doch. Nur macht es mir so große Angst …«

Da schwang sich der Todesschatten zu dem kleinen flackernden Licht hinunter und je näher sie kamen, desto deutlicher und lauter hörten sie die rufende Stimme. Es war unmöglich, auf diesen verzweifelten Hilferuf nicht zu reagieren! Was mochte dem Menschenwesen zugestoßen sein, dass es solche Schreie ausstoßen konnte?

»Hilfe! Hilfe! Hilfe!«

Einen Menschen, der einen anderen Menschen um Hilfe anfleht, darf man nicht im Stich lassen. Hicks schluckte und schaute auf die verkohlten Bäume hinunter. Hier hatte einst ein lebender, atmender Wald gestanden. Jetzt herrschte die Totenstille einer versengten, verbrannten Ödnis, in der sich nichts mehr regte.

Hicks und seine beiden menschlichen Freunde, die hinter ihm auf dem Drachen saßen, waren so weiß wie Betttücher. Sie hatten sich in einer geheimen Baumhöhle versteckt und deshalb seit einem Monat kein Tageslicht mehr gesehen. Ihre Drachen hatten sie abwechselnd mit Nahrung und Brennholz versorgt und dies war das erste Mal in der ganzen Zeit, dass sie sich aus ihrem Versteck wagten.

Das dritte Menschenwesen auf dem Rücken des Todesschattens war ein kleines, wildes Wikingermädchen namens Kamikazzi, das zum Stamm der Sumpfdiebe gehörte. Ihr Haar sah immer so aus, als hätte darin eine Familie von aufgeregten Eichhörnchen die ganze Nacht eine wilde Party gefeiert.

»Ach, hör schon auf, Fischbein«, flüsterte Kamikazzi und pfiff glücklich vor sich hin. »Du weißt doch, dass wir das machen müssen. Außerdem: Ich persönlich finde es super, endlich wieder ein bisschen Bewegung zu bekommen. Für meinen Geschmack hocken wir schon viel zu lang in diesem düsteren Versteck herum.«

Um ehrlich zu sein, hatte Kamikazzi zu diesem Zeitpunkt die Schnauze dermaßen voll vom Sichverstecken, dass sie für alles bereit gewesen wäre, selbst wenn Hicks vorgeschlagen hätte, die entsetzlich lange Zunge des Drachen Wildwut als Rutschbahn zu benutzen.

»Ein bisschen Bewegung?!«, brauste Fischbein auf. »Ein bisschen Bewegung nennst du das? Das hier ist ganz bestimmt kein Fitnessprogramm für dicke Sumpfdiebinnen!«

Über dem Dreiköpfigen Todesschatten flogen drei kleine Jagddrachen und ein Reitdrache. Zwei der Jagdrachen gehörten zu Hicks: ein sehr, sehr alter namens Wotansfang mit zerschlissenen, brüchigen, dünnen Flügeln und ein sehr junger namens Ohnezahn, der frechste Jagddrache im gesamten Barbarenarchipel. Der dritte Jagddrache war ein Chamäleon-Kapriziösdrache namens Sturmfliege, der Kamikazzi gehörte.

Der vierte Drache hieß Espenlaubler und war Hicks’ langbeiniger, langflügeliger, sanftmütiger, aber ziemlich verwahrlost aussehender Reitdrache. Er wedelte mit seinem Schwanz, während er hoffnungsvoll darauf wartete, dass endlich jemand eine Entscheidung traf.

»O-O-Ohnezahn will nach Hause«, jammerte Ohnezahn weinerlich auf Drachenesisch, der Sprache der Drachen. Nur Hicks allein verstand diese Sprache, denn Hicks war ein Drachenflüsterer.

Ohnezahns große gelbgrüne Augen traten vor Angst und Entsetzen fast aus den Höhlen. Fremd-Menschlinge, mit denen er nichts zu tun hatte, waren ihm völlig egal, er wollte nur einfach nach Hause, aber das hätte er vor Sturmfliege niemals zugegeben. Denn Ohnezahn war unsterblich in Sturmfliege verknallt und gab gern ein bisschen an, wenn sie in der Nähe war.

»Hi-hi-hier draußen ist es vi-hi-hiel zu ka-ka-kalt«, jammerte Ohnezahn weiter.

Er stotterte ein bisschen und wenn es so klirrend kalt war wie jetzt, wurde es sogar noch schlimmer.

»Ich hab dir doch gesagt, du sollst deinen Mantel anziehen«, schimpfte ihn Hicks aus. »Wie oft hab ich dir das schon gesagt! Aber was sagst du? Oh nein, im Mantel wird mir viel zu warm …«

»In dem M-M-Mantel sehe ich aus wie ein P-P-Plüschdrache!«, wehrte sich Ohnezahn. »Und eigentlich ist es O-O-Ohnezahn gar nicht sooo kalt … Ohnezahn ist es sogar richtig wa-wa-warm … vielleicht ein b-b-bisschen zu warm … Ohnezahn will ins Versteck zurück zum A-A-Abkühlen …«

Tatsächlich war der viel-zu-warme Ohnezahn so unterkühlt, dass er sich fast blau verfärbte.

»Ist nicht, weil O-O-Ohnezahn Angst hat vor dem Drachenaufstand«, schnaubte Ohnezahn verächtlich. »N-n-nein. Ohnezahn macht die D-D-Drachenrebellen fertig, sogar m-m-mit einem Flügel auf den R-R-Rücken gebunden! K-k-kein Problem, Sturmfliege!«, prahlte er. »Stimmt doch, W-W-Wotansfang? Ohnezahn hat mal sogar Wildwut in den Hi-Hi-Hintern gebissen, so fest, da-da-dass der weinen musste! A-a-aber jetzt ist es Ohnezahn so warm, dass seine F-F-Flügel ganz schlapp werden … SCHAU MAL!« Ohnezahn streckte seine Flügel aus und ließ die Spitzen herabhängen. »Flitter-flatter, flitter-flatter«, säuselte er in selbstmitleidigem Tonfall.

»Ja, stimmt, ich spüre auch schon so ein komisches Kitzeln in der Kehle«, zischte Sturmfliege. Seit sie Kamikazzis Jagddrache geworden war, hatte sie Nordisch, die Sprache der Wikinger, immer besser sprechen gelernt, was bei Drachen außerordentlich selten vorkam. »Vielleicht sollten wir wirklich zurückfliegen und uns ein bisschen hinlegen … oder vielleicht sollte ich zurückfliegen und Ohnezahns Mantel holen?« Sie schaute Ohnezahn verführerisch an. »In deinem Mantel siehst du nämlich total süß aus, Ohnezahn«, flötete sie.

»Oh, äh, echt, meinst du wi-wi-wirklich?«, fragte Ohnezahn, dem der Mantel plötzlich gar nicht mehr so hässlich vorkam.

»Schwachsinn«, sagte Kamikazzi. »Wahrscheinlich hast du nur mal wieder eine Verdauungsstörung, Sturmfliege. Du musst endlich damit aufhören, ganze Eichhörnchen zu verschlingen.«

»VERDAUUNGSSTÖRUNG?«, schnaubte Sturmfliege pikiert. Ihr wunderbarer Drachenleib war lila (die Farbe, die ihre Haut immer zeigte, wenn sie log), aber als sie jetzt wütend wurde, breitete sich von ihrer Brust ein schwarzer Fleck aus, wie wenn man ein wenig Tinte in ein Glas Wasser gießt. »VERDAUUNGSSTÖRUNG? Ich bin Künstlerin, ein Freigeist … Ich fliege, wohin mich der Wind trägt … Freigeister haben keine Verdauungsprobleme!«

»Ich glaube, ich muss dich warnen, Hicks«, sagte der Wotansfang mit seiner alten, brüchigen Flüsterstimme. »Der Hilferuf könnte auch eine Falle sein, die Alwin und seine Gefolgschaft dir stellen wollen.«

Der Wotansfang war wie ein zerknittertes vergilbtes Blatt, so alt und verrunzelt, dass man ihn kaum noch für einen Drachen halten mochte, sondern eher für einen alterschwachen Dachshund, ausgetrocknet wie eine Rosine. Vor Kälte waren seine Ohren violett angelaufen und zitterten, was immer dann geschah, wenn eine große GEFAHR drohte.

»Nimm den Rat, den ich dir aus tausendjähriger Erfahrung gebe, Hicks«, krächzte der Wotansfang weiter. »Für ein Lagerfeuer kommt mir das Licht dort unten ziemlich eigenartig vor. Ich habe noch nie ein Lagerfeuer gesehen, das sich fortbewegt … nicht in tausend Jahren.«

Der Wotansfang hatte recht. Das Lagerfeuer bewegte sich wirklich langsam durch das Tal. Manchmal wurde es vom schweren, sich ständig verändernden Nebel völlig verschluckt, aber dann flackerte es plötzlich wieder auf und war ein Stückchen weiter vorgerückt.

Ein Lagerfeuer, das sich bewegt? Das war doch unmöglich, oder nicht?

Die menschliche Stimme hatte inzwischen aufgehört, nach Hilfe zu rufen. Irgendwie war das noch beunruhigender. War der Rufer stumm gemacht worden? Hatten ihn womöglich entsetzliche Ungeheuer verschlungen, die dort unten in dieser toten Landschaft lauerten?

Sie hatten das Licht inzwischen eingeholt, sodass es nun größer und heller leuchtete, und Hicks konnte sogar schon den unverkennbaren Geruch eines Feuers riechen. Das Licht folgte einem Fluss, der sich wie eine Schlange mitten durch die Schlucht zog.

Dann bog der Fluss um eine Felsenecke. Und da war es …

Ein Lagerfeuer, das auf einer Eisscholle brannte, die von der kräftigen Strömung ziemlich schnell mitgerissen wurde. Und auf der Eisscholle lag ein Mensch. Er lag auf dem Bauch und war an seinen Reitdrachen gekettet, der tief schlief. Der Reitdrache war ein Tornadodrache mit einer Menge Narben und Peitschenspuren an seinen langen Seiten.

Hicks erkannte sofort, warum dieser Mensch nach Hilfe gerufen hatte. Denn an den Ufern des Flusses flitzten dunkle Gestalten entlang, die die Eisscholle verfolgten – ein ganzes, riesiges Rudel von Wolfsfängen. Wahrscheinlich hatte der Mensch irgendwo weiter flussaufwärts auf einem zugefrorenen See kampiert. In der Nacht musste das Eis aufgebrochen sein und die Scholle, auf der er schlief, hatte sich gelöst und war wie ein kleines Floß flussabwärts getrieben – wo dann die Wolfsfänge seinen Geruch gewittert und sofort die Verfolgung aufgenommen hatten. Wolfsfänge waren eine neutrale Drachenart, sie hatten sich dem Drachenaufstand nicht angeschlossen. Allerdings hatte das nichts an ihrem fiesen Charakter geändert: Sie waren zwar flügellos, galten aber als brutale und absolut gnadenlose Killer.

Ein paar Wolfsfänge waren bereits in den Fluss gesprungen und versuchten nun mit gierig heraushängenden Lefzen, auf die Eisscholle zu klettern. Verzweifelt versuchte der Mensch, sie mit seinem Schwert abzuwehren.

Nun, das erklärte zumindest, warum der Mensch geschrien hatte. Aber warum hatte er aufgehört zu schreien?

Und warum verfolgten die Wolfsfänge ihr Opfer ohne ihr übliches Heulen, ohne den geringsten Lärm, während sie mit aller Kraft versuchten, auf die Eisscholle zu klettern?

Um Thors willen, um Thors willen …

Der Mensch hatte aufgehört zu schreien, weil er etwas anderes bemerkt hatte, etwas, das am Ufer sein Nachtlager aufgeschlagen hatte – und weil es nicht nur ein einziges »etwas anderes« war, sondern eine ganze Menge davon, und dieses »Etwas« war viel, viel schlimmer als die Wolfsfänge.

Hicks wurde buchstäblich von Entsetzen geschüttelt, als ihm klar wurde, dass er sich getäuscht hatte. Am Ufer lag etwas, das er für umgestürzte Baumstämme gehalten hatte. Doch es waren keine Baumstämme. Es waren Sichelflügler, Zungengrabscherdrachen, Hirnspechte und Barbarenschlächter, die allesamt zu den entsetzlichsten, fürchterlichsten, grausamsten Drachenarten des Roten Zorns gehörten.

Und es waren auch nicht nur ein paar wenige. Sondern unzählig viele Drachen – so weit das Auge reichte. Tief schlafend kühlten sie ihre heißen Feuerkörper in der eiskalten Strömung. Auf ihrer Schuppenhaut erzeugte das Wasser einen übelkeiterregenden, nach faulen Eiern stinkenden Dunst, der wie ein Nebel über dem Fluss hing.

Ein riesiger Barbarenschlächter nagte im Schlaf an den Überresten eines gigantischen Baums. Ein anderer Drache, ein Hirnspecht, hackte auf den armseligen, blutgetränkten Fetzen eines Mantels herum und Hicks konnte nur hoffen, dass dieser Mantel nicht einem Gefährten des Drachenmals gehört hatte.

Hicks lenkte den Todesschatten nach unten und versuchte, das Eisfloß mit dem verängstigten Menschen einzuholen, das von der immer stärker werdenden Strömung flussabwärts gerissen wurde. Drei Paar Menschenaugen und sieben Paar Drachenaugen spähten durch den Dunst auf den Menschen hinunter, der mit dem Schwert nach rechts und links auf die Schnauzen der Wolfsfänge eindrosch, um sie davon abzuhalten, ihn ins Wasser zu ziehen.

Der Mensch war ein Mann. Ein junger Mann, der inzwischen jede Hoffnung begraben hatte, dass ihn jemand doch noch retten würde. Sein Gesicht war gezeichnet von der Todesangst, die er empfand.

Hicks stockte der Atem, als er ihn erkannte.

Es war Rotznase.

2. AUF WELCHER SEITE STEHST DU EIGENTLICH?

Hicks war so geschockt, Rotznase dort unten zu entdecken, dass es sich wie ein Schlag in den Magen anfühlte. Rotznase war Hicks’ Vetter, aber auch sein ärgster Feind.

Wann hatte Hicks Rotznase zuletzt gesehen? Das war auf dem Schlachtfeld in den Bernstein-Sklavenlanden gewesen. Rotznase hatte sich nicht entscheiden können, auf welche Seite er sich stellen sollte: auf die Seite Alwins und der Hexe oder auf die Seite von Hicks und den Gefährten des Drachenmals. Für welche Seite hatte er sich schließlich entschieden?

Kamikazzi und Fischbein kannten natürlich längst die Antwort auf diese Frage.

»Kommt, Leute, drehen wir um. Wir müssen ins Versteck zurück«, flüsterte Kamikazzi voller Abscheu.

Fischbein seufzte. »Ganz meine Meinung.«

»He, wartet mal kurz«, flüsterte Hicks. »Wir können nicht einfach NACH HAUSE fliegen und Rotznase seinem Schicksal überlassen!«

Fischbein starrte Hicks an. Sein Blick war so leer, wie er nur sein konnte – der Blick eines Jungen, der schon viel zu lange vor den Drachen des Roten Zorns auf der Flucht war.

»Hicks«, sagte Fischbein schließlich, »ich glaube nicht,