Dreamworks - Lucy Luck - E-Book

Dreamworks E-Book

Lucy Luck

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Beschreibung

Ich kam hierher um allein zu sein. Ich wusste nicht, dass die Stille eine Lüge war. Oder das Ende. Ja, das Ende ist auch eine Lüge. Und was ist das Leben? Das ist keine.

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Veröffentlichungsjahr: 2014

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Lucy Luck

Dreamworks

BookRix GmbH & Co. KG81371 München

Title

Dreamworks

Lucy Luck

28. Januar 2014

 

 

 

 

Numb

Das Licht störte mich sehr. Ich konnte es noch nie so genau erklären, aber, wenn draußen die Sonne schien, hasste ich es, wenn drinnen Licht brannte. Wahrscheinlich bevorzug-te ich ohnehin das Tageslicht mehr als jede andere Form von Licht, die ja dennoch nur eine Art Nachbildung zu sein schien.

Das Sofa, auf dem ich saß, war auch ungemütlich. Dennch war ich zu träge, um davon aufzustehen. Außerdem wusste ich nicht, was was ich tun sollte, wohin ich gehen wollte, wenn ich erst einmal aufgestanden war.

Das Zimmer war zu klein. Die Tür stand offen und ich hatte das Gefühl, als würde jeden Moment jemand hereinplatzen, was an diesem Tag schon oft passiert war.

Meine Aufmerksamkeit war außerhalb dieses Raumes. An diesem Ort hielt mich nichts, ich wollte hier nicht sein. Ich fühlte mich unbehaglich in diesem Krankenhaus. Die Geräusche vom Gang hallten undeutlich durch die offene Tür. Oder ich nahm sie nur so undeutlich wahr.

Es hingen viele Bilder an der Wand, doch hatte ich, seit ich hier war, noch nicht die Lust verspürt, sie mir anzuse-hen. Sie waren einfach da, genau wie alles andere in diesem abstoßenden Zimmer auch: Der Plastikboden, die Kunst-ledersofas, das verlassene Krankenhausbett, der Geruch...

”Bleibst du noch?”, fragte sie.

Ich wandte mich ihr zu. Sie stand nur wenige Schritte von mir entfernt. Wahrscheinlich hatte sie sich gerade die Fotos an den Wänden angesehen. Ihr Blick war traurig und nur wenige Gefühle ließen sich von ihrem Gesicht ablesen. Ihre Körperhaltung verriet dafür umso mehr: Ihre Beine waren überkreuzt und ihre Schultern hingen nach vorne.

Nur in ihrer Stimme, in der Frage, klang ein kleines Stück Hoffnung mit. Schnell bemühte ich mich um eine Antwort. Mein Kopf war so leer, dass mir das wirklich schwer fiel.

”Aber ja.”, stotterte ich also, wie immer. Ich gab immer die selbe Antwort und dennoch hatte sie Bedenken, ich könnte plötzlich gehen.

Erleichtert atmete sie aus. Dennoch entspannte sie sich keineswegs. Sie blieb weiterhin verkrampft und wandte sich nun zur Wand um, ihr Gesicht stets verbissen.

In ihrem Ohr trug sie einen filigran gearbeiteten goldenen Ohrring. Ihre langen blonden Haare hatten einen schwachen rötlichen Stich. Oder kam das nur vom Licht? Sie war nicht sehr viel größer als ich und von zierlicher Statur. Ihre Haut war glatt und zeigte keinen Makel. Nur ein einziger Makel trübte ihre Schönheit: Der gehetzte Ausdruck auf ihrem Gesicht. Plötzlich trat sie mit einem Schritt ganz nah an mich heran.

”Sieh sie dir an!”, brachte sie hervor.

Ich hatte kaum gemerkt, dass ich aufgestanden war. Nun sah ich mir die Bilder an, auf die sie wies. Ich erkannte, dass es Fotografien waren. Sie waren alle gleich groß und sorgfältig eingerahmt. Jedes Foto hatte einen andersfärbigen Holzrahmen. Alle waren sorgfältig und fast peinlich sym-metrisch aufgereiht. Kein Einziges hing schief. Auf den Fotos waren Menschen zu sehen. Mitunter öfters ein Mädchen, das ihr ähnlich sah. Sie war hübsch und zeigte der Kamera ein strahlendes Lächeln. Das nächste Bild ließ mich innerlich zusammenzucken. Es war wieder dieses fremde Mädchen zu sehen. Sie lag quer über dem Sofa, auf dem ich ich immer saß. Unter ihr lag ein anderes Mädchen.

Es war sie.

Sie sah anders aus als jetzt, viel befreiter. Beide Mädchen lachten in die Kamera und ihre Augen leuchteten vor Freude. Sie balgten sich spaßhalber auf dem Sofa.

Ich versuchte mich zu erinnern. Wann hatte ich sie zuletzt so befreit lachen gesehen? Hatte ich das überhaupt schon einmal? Und wieder glitten meine Gedanken ab und versanken in diesem tiefen, gefühlszersetzenden Schlamm.

Mein Kopf war leer, als sie mit hasserfüllter Stimme sagte, dass es bei diesem Mädchen genau so war, wie bei ihr.

Ich konnte meinen eigenen Körper nicht mehr spüren, als sie mir erklärte:

”Sie sind in der Nacht rein gekommen und haben ihr noch mehr davon gegeben. Niemand war da. Ihre Schwestern waren nach Hause gegangen und ich war in ein anderes Zimmer verlegt worden. Zu ihren Eltern haben sie gesagt, sie sei während einem Krampfanfall erstickt, und sie hätten alles menschenmögliche getan, um sie zu retten.”

Sie schluckte schwer.

Ïch allein wusste, was geschehen war... Was sie mit ihr machten... und wie sie sie entstellten. Ich hab’ zugesehen. Und in der nächsten Woche kamen sie zu mir.”

Wie gerne wollte ich meinen Arm tröstend um sie legen, aufmunternde Worte in ihr Ohr flüstern und ihr das Gefühl geben, nicht alleine zu sein. Doch ich konnte kaum atmen, geschweige denn, mich bewegen.

Zwischen uns machte sich eine kleine Frage breit, immer breiter. Zuerst schienen wir es kaum zu merken. Schließlich schrie uns das Warum so sehr im Kopf und unseren Herzen, dass wir es nicht mehr aushielten. ”Warum? ”

Auf meine Ohren drückten sich Wattebäusche, als sie mich fragte, ob wir rausgehen würden. Einige Augenblicke später waren wir vom grausamen Zauber des Zimmers befreit und wandelten im Garten des Krankenhauses.

Die Wiesen waren von einem gesunden, saftigen Grün und die Landschaft hügelte sich sanft bis zum Horizont. Natürlich war der Garten nicht so groß wie er schien, aber das war in dem Moment nicht von Bedeutung. Überall wuchsen zierliche Bäume mit sehr dünnen Stämmen. Aber die Bäume waren dennoch sehr hoch. Doch sie hielten das Sonnenlicht nicht davon ab, den gesamten Garten zu durchfluten. Warum musste sie sterben? Ich konnte sie gar nicht mehr umarmen, selbst wenn ich es vollbrächte, aus der lähmenden Gefühllosigkeit auszubrechen. Auch wenn sie keinen Meter von mir eintfernt neben mir herging, eine Berührung und alles könnte vorbei sein.

Wir schlenderten im Garten umher, von Hügel zu Hügel.

Niemand sagte etwas, wir verstanden uns ohne Worte.

Nach einiger Zeit, in der ich meinen Gedanken nachhing, merkte ich, dass sie nicht mehr an meiner Seite war. Etwas erschrocken drehte ich mich um mich selbst. Ich stand auf einem Hügel, der etwas höher war, als die umliegenden.

Dann sah ich sie unter einem Baum stehen, der eine besonders helle Rinde hatte. Das Licht war keine Täuschung.

Ihr Haar hatte jetzt die Farbe eines Fuchses und umrahm te ihr Gesicht und ihre Schultern.

”Spring!”, rief sie mir zu.

Zum ersten Mal lächelte sie. Der Moment raubte mir den Atem. Sie war von so unglaublicher Schönheit... Das Sonnenlicht tat ihr gut. Ihre Augen leuchteten von neuem Glanz, was ihr einzigartiges Lächeln noch schöner machte. Ihre Haltung war nur noch ein klein wenig verkrampft. Sie hielt ihre Hände zu Fäusten geballt, wie immer, aber sie stand beinahe gerade und ihre Schultern waren nur sehr wenig nach vorne gekrümmt.

"Spring einfach”, sagte sie noch einmal.

Da machte sich Angst in mir breit. Der Hügel war wirklich sehr hoch. So hoch, dass sie nur ein kleiner Mensch unter all den Bäumen war. Ich konnte die Baumkronen von oben sehen. Vielleicht genoss die Sonne ihre Aussicht. Ich konnte es nicht, denn ich sollte springen.

Und ich tat es.

Im ersten Moment schoss mir durch den Kopf, dass ich nie gedacht hätte, einmal so zu sterben. Aber ich kam gar nicht so weit, den Gedanken zu Ende zu denken, denn im nächsten Moment passierte etwas, das ich mir bis heute nie zu erklären vermochte. Heute kann ich mich nur noch an ihr Lächeln erinnern. Es lag etwas Besonderes in Ihrem Blick, etwas, das nur mir galt. Vielleicht war es Stolz. Sie war stolz auf mich, dass ich tatsächlich gesprungen war.

Und dann flog ich. Ich konnte es nicht glauben. Aber selbst das beklemmende Gefühl war fort und ich fühlte mich für einen kurzen Augenblick frei. Ich flog über die Wiesen, zwischen den Bäumen hindurch. Nicht sehr weit, denn ich hatte Angst, zu weit von ihr weg zu fliegen. Also kam ich immer wieder zu ihr zurück.

Warum musste sie nur sterben?