Drei Brüder – Eiszeit - Frank Oberon - E-Book

Drei Brüder – Eiszeit E-Book

Frank Oberon

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Beschreibung

Am Tegernsee werden zahlreiche Diebstahlsdelikte für Schutzgastechnik, einem Verfahren für korrosionsbeständige Schweißnähte, bewusst verharmlost. Vermutlich bastelt nur ein couragierter Senner eine Weltraumrakete nach dem Vorbild von Astronaut Farmer, gäbe es da nicht Todesfälle, bei denen es selbst dem hart gesottenem Kommissar Piotrowski kalt den Rücken runterläuft. Bei diesem Autor ist man schnell mittendrin in einer völlig schrägen Geschichte. Die Protagonisten tun ein Übriges: die Münchner SoKo, eine bizarre Gruppe um Hauptkommissar Piotrowski und der Grunge-Lady Rebecca, seiner Assistentin mit brillanten Ideen, und die drei Brüder Chris, Rick und Rudi, deren Eigenschaften man mit genial, lebensfroh und erdverbunden beschreiben kann.

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Seitenzahl: 511

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Inhalt

Impressum

Einleitung

Die drei Brüder

Das Ermittlerteam

Ratgeber

Vorwort

2009

Samstag, 14. August

Sonntag, 23. August

Montag, 24. August

Dienstag, 25. August

Mittwoch, 26. August

Donnerstag, 27. August

Freitag, 28. August

Samstag, 29. August

Montag, 31. August

Dienstag, 1. September

Mittwoch, 3. September

Samstag, 5. September

Montag, 7. September

Mittwoch, 9. September

Donnerstag, 10. September

Freitag, 11. September

Samstag, 12. September

Montag, 14. September

Dienstag, 15. September

Mittwoch, 16. September

Samstag, 19. September

Montag, 21. September

Mittwoch, 23. September

Donnerstag, 24. September

Freitag, 25. September

Montag, 28. September

Dienstag, 29. September

Mittwoch, 30. September

Donnerstag, 1. Oktober

Freitag, 2. Oktober

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Seitenliste

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Cover

Impressum

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie.

Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://www.d-nb.de abrufbar.

Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Funk und Fern­sehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger, elektronische Datenträger und ­auszugsweisen Nachdruck, sind vorbehalten.

© 2025 novum publishing gmbh

Rathausgasse 73, A-7311 Neckenmarkt

[email protected]

ISBN Printausgabe: 978-3-7116-0765-2

ISBN e-book: 978-3-7116-0766-9

Lektorat: Volker Wieckhorst

Umschlagabbildungen: Olena Agapova, Mikhail Dudarev | Dreamstime.com

Umschlaggestaltung, Layout & Satz: novum publishing gmbh

Innenabbildungen: Frank Oberon

www.novumverlag.com

Einleitung

Glauben Sie, dass es mehr zwischen Himmel und Erde gibt, als uns phantasielose Wissenschaftler glauben machen wollen?

Ja Lesen Sie dieses Buch … Sie sind nicht allein.

Nein Lesen Sie dieses Buch … Und fragen Sie sich noch mal.

Im Übrigen kann es überall passieren. München mit seinem Alpenvorland ist da keine Ausnahme. In Bayern macht es nur mehr Spaß.

Die drei Brüder

Prof. Dr. Chris Fox ist ein weltbekannter Atomphysiker. Wie sein Zwillingsbruder Rick ist er ledig, auch weil ihm seine Forschungsreisen in die subatomare Welt der Quanten keine Zeit für lokale Romanzen lassen. Er hat zwar ein Auge auf Rebecca geworfen, eine attraktive Kriminalbeamtin der Münchner SoKo. Aber die steht nicht auf Männer.

Rick Fox lebt im Münchner Stadtteil Lehel. Im Gegensatz zu seinem Zwillingsbruder pflegt er einen lockeren Lebensstil, liebt seine Nachbarin Samantha und Gin Tonic und raucht Joints. Beruflich ist er selbstständig und programmiert Algorithmen. Unklar ist, warum er im linken Auge eine Bionic-Linse hat. Unter den Brüdern wird darüber nicht gesprochen.

Rudi Fox ist Bergführer und besitzt ein Sportgeschäft für Alpinsport in Oberaudorf. Das Leben seiner zwei Brüder ist ihm fremd, weil er zum einen nichts von Quantenmechanik versteht und zum anderen nichts mit dem lasziven Leben in der Münchner Szene zu tun haben will.

Des Weiteren …

Samantha Hilbert ist Ricks Nachbarin. Beide schätzen ihre Unabhängigkeit, treffen sich aber mehrmals pro Woche, wenn ihr Hormonspiegel überschwappt. Sie liebt und hasst Ricks lockeren Lebensstil. Als Journalistin kennt sie die Münchner Szene. Ihr Büro ist ein Tisch im Café Magnifique.

Das Ermittlerteam

Hubert Piotrowski leitet als Hauptkommissar die SoKo München. Wie sein Vorbild Maigret hat er einen messerscharfen Verstand. Einzige Schwachpunkte sind sein schlechtes Namensgedächtnis und seine Nerven, die mit ihm durchgehen, wenn der Dezernatsleiter am Rad dreht oder seine Mitarbeiterin Rebecca hin und wieder intergalaktische Ideen hat.

Rebecca Jones ist noch nicht so lange im SoKo-Team. Aber sie hat sich schnell einen Namen gemacht, weil ihre unkonventionelle Denkweise oft entscheidend ist, den Rätseln von Verbrechen auf die Spur zu kommen. Aber auch ihr Äußeres fällt auf: schlohweiße kurze Haare, schwarz geschminkt und gekleidet. Und sie macht bewusst keinen Hehl daraus, dass sie homosexuell ist.

Jens Thorwald ist Piotrowskis Stellvertreter. Er ist ein loyaler Kollege und die gute Seele im Ermittlerteam. Ohne ihn würden die Konflikte seines Chefs mit Rebecca häufiger eskalieren.

Des Weiteren …

Dr. Julius Pauli, der Dezernatsleiter. Viel Konstruktives hat er zu aktuellen Fällen nicht beizutragen. Gut aber, dass er mit dem Ministerpräsidenten per Du ist, besonders dann, wenn der lahme Fortschritt seiner SoKo von der Presse durch den Kakao gezogen wird.

Ratgeber

Wenn Sie Ihre Party etwas aufpeppen wollen, dann laden Sie einfach einen Centaur ein. Das Mischwesen aus fifty-fifty Pferd-Mensch nennen die Griechen Kéntauros (Κένταυρος). Passen Sie aber auf, dass es Ihnen nicht so ergeht wie neulich auf der Hochzeit von Peirithos und Hippodameia. Der beschwipste Centaur namens Eurytion hat die jungfräuliche Braut mitten im Festsaal ordentlich vernascht. Hätte er nicht gedacht, der Bräutigam, dass seine Hippodameia (Pferdeflüsterin) so weit geht. Naiv, denn nomen est omen, vor allem bei den Griechen. Als Eurytion sich über die restlichen weiblichen Gäste hermachen wollte, war es den Männern dann doch des Guten zu viel. Sie haben Eurytion in den Pferdearsch getreten und ihn kurzerhand rausgeworfen, noch bevor es die Nachspeise gab.

Würde der Centaur statt auf dem Peloponnes in Bayern leben, könnte er an der Universität Weihenstephan die Bierbraukunst erlernen und mit etwas Fortune zum Wiesn-Wirt avancieren. Dann könnte er auch seinen festlich geschmückten Brauereiwagen selbst aufs Oktoberfest ziehen.

Vorwort

Der Centaur zählt zu den antiken Sternbildern des Ptolemäus. Es wurde bekannt durch den Namen seines hellsten Sterns, Alpha Centauri. Er ist ein Doppelsternsystem, Alpha Centauri A und B, und das nächstbenachbarte Sternensystem zu unserer Sonne. Am Himmel leicht zu finden: der dritthellste Stern, falls das einen interessiert.

Interessieren sollte uns aber, dass sich Wissenschaftler vorstellen können, irgendwann Alpha Centauri mit einem Photonenantrieb zu erreichen. Wie gesagt, irgendwann. Andersrum vermuten moderne Kosmologen schon seit einiger Zeit, dass Besucher aus Alpha Centauri unter uns sind. Aber warum dann noch hinfahren?

Und welche Gefahr besteht?

Antwort: kommt darauf an.

Zunächst sind es keine Centauri griechischer Art, die über unsere Mädels herfallen, sondern ganz nette Burschen, sofern sie von Centauri A kommen.

Anders sieht es aus, wenn sie in der anderen Doppelsternhälfte wohnen, Centauri B. Das sollen Typen mit schwierigem Charakter sein, dem Infamen zugeneigt, leicht zu haben für Verbrechen, wenn es sich lohnt. Man soll sie an ihrer faltigen Stirn und am grimmigen Blick erkennen können.

2009

Es ist das Jahr der runden Geburtstage:

Vor 400 Jahren begann die Erforschung des Weltalls,Galilei und Kepler richteten Teleskope gen Himmel.Friedrich Schiller feiert seinen 250. Geburtstag,er ist immer noch allgegenwärtig.Charles Darwin wäre 200 Jahre alt geworden,er musste Mutationen Platz machen.Die Bundesrepublik ist 60 Jahre alt geworden,am 07.09.1949 startete der 1. Deutsche Bundestag.Die 50. Rechen-Olympiade endete mit einem Eklat,der gruselige Gewinner mit der faltigen Stirn erschien nicht zur Preisverleihung.Vor 20 Jahren fiel die innerdeutsche Mauer,Trabbis qualmten westdeutsche Städte zu.

Eigentlich geht das Jahr ganz gut los. Im Januar beginnt die Amtszeit von Barack Obama, und ein beherzter US-Aviator, der einem pfiffigen Seehund ähnlich sieht, landet seinen Airbus unbeschadet auf dem Hudson River.

Und vermutlich nur für eine intellektuelle Minderheit interessant: Der Neptun ist wieder genau dort, wo man ihn vor 713.980 Tagen entdeckt hatte … tja.

Ja, und dann taucht noch eine Schweinegrippe in Mexiko auf. Interessiert aber keine Sau, zumindest keine in Bayern.

In München und Umgebung ist es weitgehend ruhig geblieben. Die SoKo München mit Hauptkommissar Hubert Piotrowski und seinem Team Jens Thorwald und Rebecca Jones hatten unaufgeregte Wochen, keine spektakulären Morde und keine außerirdischen Inzidenzen. So jedenfalls deren allgemeine Einschätzung der Ereignisse.

Allerdings gab es im Umkreis des Tegernsees mehrere Einbruchsdelikte bei Herstellern von Schweißbrennern mit Schutzgastechnik, einem Verfahren für korrosionsbeständige Schweißnähte. Vermutlich, so die Einschätzung von Rebecca, bastelt ein beherzter Bergbauer eine Weltraumrakete nach dem Vorbild von Astronaut Farmer. Ein couragierter Senner würde lediglich dem Aufruf der Weltraumbehörde folgen, demzufolge die Eroberung des Universums nur mit privatem Engagement möglich sei. Auf solch zweckdienliche Hinweise reagiert Hauptkommissar Piotrowski meist mit rollenden Augen und entnervtem Blick in Richtung seines Deputy Jens Thorwald. Dieser kennt dieses harmlose Intermezzo zwischen den beiden zur Genüge. Gleichwohl, Rebecca ist der Farbpunkt in ihrem Team und so erfrischend in ihrer phantasievollen Eingebung bezüglich Motiv und Täter, auch wenn diese oft den Tiefen des Weltraums entstammen. Kurioserweise waren ihre Gedanken in den Mordfällen der letzten Jahre nie ganz falsch. Das hat ihr einen gewissen Spielraum für solche Science-Fiction-Scheiße, wie ihr Chef das bezeichnet, eingebracht. Rebeccas Affinität zu extraterrestrischen Themen entspringt dem Spannungsfeld mit dem Atomphysiker Professor Chris Fox, einem Physik-Realo, und dessen Bruder Rick, einem Joint rauchenden Science-Fiction-Fan. Mit Chris verbindet sie eine eher platonische Liebe, weil sie mehr auf Frauen steht. Rick löst in ihr ambivalente Gefühle aus. Er lebt mit ihrer Freundin Samantha in einer eher lockeren Beziehung, die nicht ihren Wertvorstellungen entspricht.

Niemand am Tegernsee widmete der Einbruchsserie große Aufmerksamkeit. Zugegeben, das war schon weit entfernt von Böser-Buben-Streich, und keiner wusste, wozu und für wen das gut sein sollte. Außerdem ist eine Schweißvorrichtung mit Schutzgasflaschen nicht wertvoll und zudem schwer zu transportieren. Der Hehlerpreis ist praktisch null. Aber bis dato war niemand zu Tode gekommen, also nannte man es bewusst verharmlosend Einbruch. Auf der Gefühls­ebene indes breitete sich eine bedrückende Stimmung aus. Eine bedrohlich empfundene Ungewissheit zog durch die Straßen der Gemeinden rund um den Tegernsee. Irgendwer musste ja etwas Größeres planen, und dass es keine Einrichtung für wohltätige Zwecke werden würde, war auch allen klar. In Bayern hat in solchen Fällen schnell dermit dem Pferdefuß seine haarigen Hände im Spiel. Rückblickend wäre es besser gewesen, diesem bigott verankerten Spürsinn der bayerischen Seele mehr Aufmerksamkeit zu widmen, anstatt, der bayerischen Bierruhe folgend, es bei Einbruch mit Diebstahl zu belassen.

Für mehr Gesprächsstoff sorgte eine zeitgleich auftretende Pferdepest in der Gegend, auch wenn heute das Pferd in Bayern nur noch repräsentative Aufgaben hat. Die meisten stehen auf der Weide rum für Touristen, die Sportlichen rennen im Kreis rum für Wettjunkies, und die Auserwählten ziehen geschmückte Brauereiwagen aufs Oktoberfest. Auf gut Deutsch: Es wurde ernst.

Als das Virus auf einen Bergbauern übersprang, wurde hektisch ein humanverträgliches Vakzin entwickelt. Die drei Brüder Rick, Chris und Rudi Fox haben sich alle impfen lassen, Chris aus purer wissenschaftlicher Solidarität mit seinen Kollegen der medizinischen Fakultät, Rick aus reiner mathematischer Logik der Risikoabwägung und Rudi, weil sich seine Brüder hatten impfen lassen, aber auch, weil er Vorbild für die Teilnehmer seiner Bergtouren sein will. Warum der Bergfex Rudi seine alpinen Ansprüche dieses Jahr einem Downgrade unterworfen hat, blieb lange im Dunkeln. Also dieses Jahr keine Klettertouren in Südtirol mit Beal-Karabinern, keine Höhlenexpeditionen mit Neoprenanzug und Stirnlampen, nein, dieses Jahr eher langweilige Wanderungen am Tegernsee mit eher unsportlichen Sommergästen.

»Ja, hat’s ihn jetzt ganz dawischt, an Rudi?«

Chris’ Kommentar wird von seinem Bruder Rick mit ratlosem Schulterzucken beantwortet.

Cherchez la femme als Beweggrund hätte aber keiner vermutet, dieses kleinkarierte Motiv von Dumas’ Ermittlungsbeamten. Kennengelernt hat er sie beim Skifahren, genauer gesagt als Skilehrerkollegin in Bayrischzell. Sie kam als Aushilfe, weil mehrere Skilehrer an der besagten Grippe erkrankt waren. Welche sympathischen Ausmaße ihr Kennenlernen mutmaßlich gehabt haben könnten, bestritten beide. Rudi, weil er Angst vor ihrem Mann hatte, und die Marianne, weil auch. Marianne Krumschmied und ihr stämmiger Sepp bewirtschaften die Edelweiß Hütt’n am Kreuzbergkofel und den integrierten Verkaufsstand für heimische Bergkräuter, Mariandl’s Kräuterladen. Hierzu hat sich Marianne ein umfangreiches Wissen angeeignet, sie kennt faktisch alle Bergkräuter. Welche Wirkung sie haben, entspringt aber mehr dem Land der Dichter, aber diese Dichtkunst ist der eigentliche Erfolg ihres Kräuterladens. Zugegeben, man braucht auch noch einen starken Glauben.

Es gibt nix, wofür koa Kraut g’wachsn ist, lautet ihre Einleitung zu Wo zwickst denn, Herr Direktor? oder zu Haut’s nimma so hin, gell?

Die Kunden, bei denen es nimma so hinhaut, also die, die eine größere Menge einkaufen, weil die Kräuter ihre wundersame Wirkung erst dann voll entfalten, wenn sie längere Zeit regelmäßig eingenommen werden, also die Kunden bekommen noch ein Gratis-Stamperl hochprozentigen Enzian, der so bitter ist, dass er auch für was gut sein muss. Meist wandert eine Literflasche Enzian mit in den Einkaufskorb, der lukrativste Teil des Umsatzes. Über die Zeit hat Marianne einen weit über das Tegernseer Tal hinausreichenden Ruf als Kräuterhexe erworben.

Was aber hat das mit Rudi zu tun? Seine Idee war, seine läppischen Bergwanderungen für Touristen mit einer Bergkräuterkunde upzugraden. Dann kommt die Marianne mit, und so kann er das Angenehme mit dem Nützlichen verbinden. Das sah Marianne genauso, und es war ihr auch egal, ob ihr Sepp mit sexistischen Verdächtigungen tobte und schnaubte wie der Stier beim Anblick einer roten Muleta. Genauso plump wie seine Eifersucht konnte sie seine Wutanfälle erden, mit dem einfachen Hinweis auf den Reibach, wenn Rudis Touren immer Rast auf der Edelweiß Hütt’n und Mariandl’s Kräuterladen machen. Und solange der Sepp nüchtern war, fühlte sich Rudi einigermaßen sicher. Auf einen handgreiflichen Disput wollte er es ohnehin nicht ankommen lassen. Die schwere Arbeit hat dem Sepp einen bedrohlich wirkenden Körperbau beschert, Bratzen so groß wie Abortdeckel und der Brustkorb wie ein Gorilla.

Die Frage war aber: Kann das auf Dauer gutgehen – und dann: wie lange? Es waren knapp vier Monate, von Mai bis August. Das Ende kam schleichend und hatte unheimliche Attribute, die selbst dem hartgesottenen Rudi Furcht einflößten. Aber auch dem Krumschmied Sepp, dem so schnell nichts und niemand Angst macht, wenn man vom Finanzamt Miesbach absieht.

Samstag, 14. August

Vorschriftsmäßig hat Dezernatsleiter Dr. Julius Pauli sein Mobilfunkgerät an der Garderobe im Münchner Gasteig abgegeben und den Flugmodus aktiviert. Zusammen mit seiner Frau Juliane besucht er ein Konzert der Münchner Philharmoniker: Eine Romantische Sommernacht. Leicht verdauliche Kost von Smetana, Dvořák und Konsorten. Auf ausdrücklichen Wunsch von Dr. Pauli sind sie vorher zum Essen in den Müllerbräu gegangen. Eigentlich wollte Juliane zur Feier des Tages ein angemessenes Gericht auftischen: Duett von Huhn und Fisch an Eierpflanzensugo. Aber ihr Paulimausi blieb stur, obwohl das Gericht schon bedrohlich in der Küche gedampft hat. Er begründete es schlicht und plump mit dem Zeitfaktor.

»Sieh mal, Juliane, im Müllerbräu können wir in Ruhe essen und dann zu Fuß ins Gasteig gehen.«

Juliane war gar nicht begeistert, weder von der durchblitzenden Ausrede noch von der Location Müllerbräu.

»Ach, Paulimausi, dort gibt es doch nur biedere Hausmannskost. Sollen wir nicht besser ins Sababa gehen? Die haben wenigstens eine pfiffige orientalische Kulinarik.«

Juliane ist alles andere als in Kochkünsten bewandert. Vermutlich aus Langeweile kocht sie jeden Tag für ihren Paulimausi und kämpft sich dafür durch die exotische Küche aus aller Welt. Eine libanesische Menüfolge, wie im Sababa, wäre eine leichtsinnige Steilvorlage für ihre Experimentierfreude in der Grünwalder Küche.

So kommt es, dass ihre Doppelhaushälfte über vier Stunden unbewacht ist. Nicht ganz. Da sind noch Haushund Bello, ein Golden Retriever, den aber jeder Einbrecher mit einem Ring Lyoner außer Gefecht setzt, dann sein Smart-Home-System Homecastle, das Dr. Pauli über sein Smartphone aktiviert und einen sogenannten Nonce, den heutigen Sesam-Öffne-dich-Code, in der Family Cloud abgelegt hat, und zu guter Letzt seine wachsame Nachbarin, die Notarin Dr. Rautgundis von Adelboden, eine grau melierte Erscheinung mit 1,83 Metern, der man zu später Stunde nicht allein begegnen möchte. Um 20 Uhr 30 rief sie Paulis Smartphone in der Gasteig-Garderobe an, just als Smetanas Moldau die Herzen der Konzertgäste erfüllte. Sie wurde durch das nervige Gekläffe des Nachbarhundes aufgeschreckt und wollte sicherheitshalber Herrn Pauli anrufen, ohne Erfolg:

The person you have called is temporarily not available.

Dann, gegen 21 Uhr 15, eskaliert die Situation, ohne weitere Vorwarnung. Die Notarin hört quietschende Reifen, darauf einen dumpfen Aufprall. Als sie zum Fenster eilt, sieht sie noch, wie ein Mann auf der Straße liegt, sich hektisch wieder aufrafft und, wie vom Teufel gejagt, humpelnd aus dem Staub macht. Vollkommen verdattert steigt der Fahrer aus seinem Daihatsu und sieht dem flüchtenden Opfer hinterher. Dabei muss er sich an der Fahrzeugtür festkrallen, um das Gleichgewicht nicht zu verlieren. Ein zartbesaiteter Endvierziger im Schockzustand und in hellbraunen Cordhosen. Er wird eine Randnotiz in diesem Vorfall bleiben.

Es ist hinlänglich bekannt, dass sich Autos bewegen. Also sollte man achtsam sein, wenn man eines sieht. Warum aber verletzt weglaufen und auf leicht verdientes Schmerzensgeld verzichten?

Die Notarin ruft sofort die Polizei und die Soko an, nachdem sie ihren Nachbarn Dr. Pauli, den Leiter der Soko München, nicht erreichen konnte. Dort hat Rebecca Jones Wochenenddienst, die sicherheitshalber ihren Chef anruft, Hauptkommissar Piotrowski.

»Hallo Chef. Entschuldigen Sie die späte Störung, aber es wurde ein Vorfall im Haus von Dr. Pauli gemeldet. Ich denke, wir sollten hinfahren. Was meinen Sie?«

Hauptkommissar Hubert Piotrowski hat es sich gerade gemütlich gemacht: Unterhemd, kurze Bermuda, Dose Bier, zwei Leberkässemmeln, dazu ein TV-Oldie mit Jean Gabin als Inspektor Maigret, mitten in der spannenden Aufklärungsphase eines verzwickten Doppelmordes.

»Herrgott, was ist denn passiert, Rebecca?«

»Seine Nachbarin hat angerufen und etwas gefaselt von einem möglichen Einbruch bei Dr. Pauli und einem Autounfall mit Fußgänger, der aber anscheinend geflüchtet ist. Also äußerst merkwürdig, wie sie meinte … Wissen Sie eigentlich, wo Dr. Pauli ist?«

»Im Konzert, verdammt noch mal. Er wollte, dass ich mitgehe … Ist denn wenigstens einer umgebracht worden? … Ja, ist ja gut, ich bin in 15 Minuten da. Dann fahren wir zusammen raus. Und noch was, Rebecca, ruf die Spusi an. Wenn es ein Einbruch war, dann müssen wir die Spuren sichern.«

Als Dr. Pauli seinen eleganten Sommermantel an der Garderobe abholt und den Flugmodus abschaltet, hört sein Smartphone nicht mehr auf zu klingeln und zu vibrieren. Eine ganzseitige, rot umrahmte Meldung seiner Homecastle-App mit der Warnung »Nonce deleted, contact Support Team«, eine blinkende Anruferliste mit dreimal seine Nachbarin, einmal seine Sekretärin Annalisa Bertram und zweimal Rebecca Jones, die er inzwischen ins Herz geschlossen hat. Sie hat der Soko viel Ruhm und Ehre gebracht. Mittlerweile loben die Gazetten seine Dienststelle, weil viele bizarre Morde aufgeklärt wurden, die sich gut für auflagensteigernde Reportagen eigneten. Jetzt steht er vor dem Problem, wen er zuerst zurückrufen soll. Das ständige Ärmelzupfen und das wiederholte Dazwischenreden seiner Frau »Was ist denn bloß los, Paulimausi?« helfen ihm nicht gerade, seine Gedanken zu sortieren. Also entscheidet er sich spontan für Kommissar Piotrowski, der nicht in der Anruferliste steht. Dieser ist kurz angebunden und leicht angefressen, als auch noch sein Chef anruft. Es ist sein freies Wochenende, und dann mitten in der spannendsten Phase des Maigret-Krimis. Zuvor hat er hastig die Hälfte seiner Leberkässemmel in den Mund geschoben. Immerhin ist es sein heutiges Abendessen, denn so schnell wird es vermutlich nichts mehr geben.

»I meis au ni enau, mas assiert is, Dodor Auli?«

»Ich versteh kein Wort, Pio. Sind Sie betrunken, oder was?«

Kurze Stille, gerade so viel Zeit, um das Abendessen runterzuwürgen und mehrere Schluck Bier hinterherzuschütten.

»Rülps … Tschuldigung … ich weiß auch nicht viel, Dr. Pauli. Offensichtlich … rülps … gab es bei Ihnen einen Einbruch, meint Ihre Nachbarin, weil sie Ihren Hund kurz aufjaulen gehört hat, dann … rülps … noch einen Verkehrsunfall mit einem Fußgänger. Rebecca und ich sind unterwegs. Wo sind Sie denn gerade?«

»Pio, Sie müssen dringend Ihre Manieren etwas verfeinern, und lassen Sie bloß Rebecca fahren, wenn Sie betrunken sind. Ich bin schon auf dem Weg in die Tiefgarage und gleich da.«

»Was ist denn los, Julius. Ich mach mir Sorgen.« Juliane ist noch nicht fertig mit nervigem Ärmelzupfen, während sie ins Gasteig-Parkhaus hasten.

»Sorgen?«, schnauzt er seine Frau an. »Unser sündhaft teures Smart-Home-Geraffel wurde offensichtlich gehackt, dann kam ein Einbrecher und hat vermutlich Bello vergiftet, Pio ist sturzbetrunken und kann uns nicht helfen, vor unserem Haus wurde ein Fußgänger über den Haufen gefahren … Gott sei Dank kommt Rebecca. Auf die ist Verlass, auf die Rebecca.«

»Um Gottes willen, unser armer Bello … aber was hast du in letzter Zeit immer mit dieser Rebecca? Rebecca, Rebecca … ist da was zwischen euch, Julius?«

»Juliane! Jetzt mach dich nicht lächerlich. Weißt du nicht, dass sie lesbisch ist? Ich habe jetzt wahrlich andere Probleme, als über deine blühenden Phantasien zu diskutieren.«

»Das eine sag ich dir, Julius, wenn ich da draufkomme, dann kannst du dein Essen künftig selber kochen.«

So ganz von der Hand zu weisen sind Julianes Eifersüchteleien nicht. Seit Rebecca Jones vor sechs Jahren ins Piotrowski-Team gekommen ist, hat die Gerüchteküche gebrodelt und sich nie vollständig abgekühlt. Allerdings war der birnenförmige Dr. Pauli zu keiner Zeit im Fokus, sondern mehr der durchtrainierte Hauptkommissar, allen gegenteiligen Indizien zum Trotz. Allein die aufreizenden Fotos von Rebecca in der Tagespresse haben Frau Pauli mit Sorge erfüllt. Klar, da kann sie nicht mithalten. Sie hat einen vollkommen anderen BMI, aber kann die andere kochen? Die chronische Appetitlosigkeit ihres Mannes könnte vielleicht das Omen für eine aufkeimende Midlife-Crisis sein? Und da käme eine devot untergebene, wohlproportionierte Ermittlungsbeamtin gerade recht, um der fortschreitenden Erschlaffung ihres Mannes Einhalt zu gebieten. Macht und Erfolg machen sexy, hat sie mal gelesen, in einer renommierten Frauenzeitschrift.

Als Kommissar Piotrowski und Rebecca in Grünwald ankommen, ist die Polizei schon da. Es sind zwar nur zwei Beamte, aber ihre sportliche Anfahrt mit quietschenden Reifen, ihr grell flackerndes Blaulicht und die nervtötende Trommelfellattacke des Martinshorns haben viele Anrainer auf die Straße getrieben. Zu sehen gibt es kaum etwas, außer den übereifrigen Polizeihauptmeister Heinz Wegerich und seinen Assistenten Max, die kurz vor der Verhaftung des Unfallfahrers stehen, hätte die resolute Notarin nicht dazwischengefunkt. Schon beim Aussteigen erkennen Piotrowski und Rebecca die aufgeladene Stimmung unter den Polizeibeamten und der Notarin. Dahinter steht ein bibbernder Cordhosenträger. Außer sich vor Wut fuchtelt Rautgundis mit den Händen und atmet erleichtert auf, als sie Rebecca kommen sieht. Beide kennen sich seit ein paar Jahren. Über die gemeinsame Beziehung zu Rick und Chris haben sie sich auf einer der zahlreichen Wigwam-Partys getroffen, die Rick in seinem Penthouse-Loft im Stadtteil Lehel veranstaltet.

»Was ist hier los?«, unterbricht Rebecca den Disput mit harschem Ton. Im Haus kläfft Bello monoton ohne Unter­brechung. Verstört dreht sich PHM Heinz Wegerich um und erkennt Rebecca und Piotrowski. Sie sind sich schon öfter ins Gehege gekommen, meist mit dem schlechteren Ausgang für den hyperaktiven Polizeibeamten und seinen Kollegen Max. Die plötzliche Anwesenheit von Rebecca trägt nicht zur Entspannung der Situation bei.

»Sie meinen wohl, Sie können einfach so auftauchen und dumme Fragen stellen. Sieh mal, Max, Frau Sherlock Holmes ist wieder da.«

»Ich finde die Frage meiner Kollegin alles andere als dumm, Herr Wegerich. Ich würde auch gerne wissen, wie der ermittelte Stand der Dinge ist«, verteidigt Piotrowski seine Kollegin.

»Ein Verkehrsunfall, also Sache der Polizei und nicht der Mordkommission! Wer hat Sie denn gerufen?«

»Der Dezernatsleiter der Soko München, wenn’s recht ist«, raunzt Piotrowski zurück. Dann dreht er sich zu Rebecca um. »Wo ist Dr. Pauli eigentlich? Der müsste doch längst da sein. Ist die Spusi informiert?«

»Ja, Chef, die müsste gleich da sein. Hallo, Frau Adelboden.« Rebecca wendet sich an die Notarin, die ihren Adrenalinspiegel wieder auf Normalniveau senken konnte. »Wieso meinen Sie eigentlich, dass bei Dr. Pauli eingebrochen wurde?«

»Um kurz nach acht hat Bello laut gebellt, das macht er nie ohne Grund, … und dann sehen Sie mal hier.« Rautgundis geht an eine Stelle im Grundstück, auf halber Strecke zum Eingangstor. Bellos Gekläffe wird noch mal etwas lauter.

»Hier hat sich der Eindringling vermutlich übergeben. Sonderbar, finden Sie nicht? Und dann schauen Sie sich die Zutrittskontrolle an der Haustür an. Sie steht auf Störung und Freischaltung. Die Tür ist also offen. Alles deutet darauf hin, dass hier ein Profi am Werk war, wenn man mal vom Erbrochenen absieht. Aber vielleicht waren es auch zwei.«

»Dann haben Sie die Ermittlungen gemacht, die eigentlich die Polizei hätte machen müssen. Ist doch so, Herr Wegerich. Es sei denn, Max hätte sich wieder übergeben?«

Kichernd dreht sich Rebecca ab, ebenso Wegerich, allerdings angefressen schmollend.

»Ein schönes Wochenende, Hubert«, tönt es von hinten. Von allen unbemerkt ist die Spurensicherung mit Marius Gruber und einem weiteren Mann in weißer Plastikkleidung angekommen.

»Ja, schon gut, Marius. Wie sagte meine Mutter: Augen auf bei der Berufswahl. Wir haben vermutlich einen Einbruch bei Dr. Pauli und einen Verkehrsunfall mit Fahrerflucht. Interessant, nicht? Also sichert erst mal die Spuren am Auto dort. Der Fahrer soll dir sagen, wo er den Flüchtling angefahren hat, und dann nehmt eine ordentliche Portion von der Kotze hier. Danach gehen wir in die Wohnung … Herrgott, dieses nervige Gekläffe, verdammt noch mal, wo bleibt denn der Chef?«

»Ich glaube, da kommt er gerade.« Rebecca deutet auf die Straße, wo Dr. Pauli gerade sein Auto einparkt und wütend aussteigt, ohne sich um seine Frau zu kümmern.

»Was soll der ganze Aufstand hier? Können Sie mal das Blaulicht abschalten, oder wollen Sie ganz Grünwald zusammenrufen?«

Ein weiterer Anpfiff für Wachtmeister Wegerich, dem es endgültig reicht. »Ich glaube, wir werden nicht mehr gebraucht, bei der geballten Ermittlungskompetenz hier. Komm, Max, wir fahren.«

»Gut, dass Sie so schnell kommen konnten, Chef. Wir waren schon dabei, ins Haus zu gehen. Die Tür ist offen, keine Gewalteinwirkung erkennbar.«

Dr. Pauli wirft erst einen funkelnden Blick zu Piotrowski ob der sarkastischen Bemerkung und dann einen erbosten in Richtung seiner Frau. Dicke Luft im Hause Pauli, wie man unschwer erkennen kann. Wie sich herausstellte, konnte Frau Pauli den Autoschlüssel nicht finden. Dieser hatte sich im Innenfutter ihrer prall gefüllten Handtasche versteckt.

»Guten Abend, Frau Pauli«, versucht Piotrowski die Situation zu entspannen, »darf ich Ihnen Rebecca vor­stellen?«

Mit beleidigter Kopfbewegung dreht sich Frau Pauli ab und geht, ohne auf die anderen zu warten, ins Haus.

»Rühr bloß nichts an, Juliane! Schau mal, was mit Bello ist, und mach, dass dieses Scheiß-Gekläffe aufhört.« Wenn ihn Rebecca nicht so durchdringend angesehen hätte, wäre ihm noch Weiber! über die Lippen geflutscht.

»Okay, dann gehen wir jetzt rein, oder?«

»Gehen Sie schon mal vor, wir kommen gleich nach!«, ruft Rebecca, während sie Piotrowski ansieht und eine Kopfbewegung Richtung Gartentor macht. Der Kommissar zuckt mit den Achseln. »Was gibt’s denn?«

»Sehen Sie mal hier, Chef. Kotze. Wir sollten sie diesmal genauestens untersuchen, besonders hinsichtlich der DNA.«

Piotrowski weiß genau, worauf Rebecca anspielt. Nämlich auf einen Fall vor sechs Jahren [Band 1: Farbspiel]. Damals musste sich auch der Täter übergeben, wegen einer Raum-Zeit-Anomalie, aber das Erbrochene ist aus Nachlässigkeit entsorgt worden, ohne vorherige DNA-Analyse.

»O Gott, jetzt komm mir nicht schon wieder mit deiner Science-Fiction-Scheiße daher, Rebecca. Es ist mein freies Wochenende und schon spät. Ich habe jetzt echt keinen Nerv für so was. Die Spusi hat doch schon eine Portion gesichert, also alles gut. Komm jetzt mit ins Haus.«

»Gehen Sie vor, Chef. Ich bin gleich da.«

Als Piotrowski im Haus verschwindet, nimmt Rebecca ihr Smartphone und ruft Dr. Sabine Werding, die Gerichtsmedizinerin, an.

»Guten Abend, Frau Dr. Werding. Wollte nur sagen, dass Ihnen die Spusi eine Probe Erbrochenes ins Labor stellt. Analysieren Sie bitte nicht nur den Inhalt, sondern machen Sie eine DNA-Analyse. Das wär’s schon.«

Im Haus der Paulis sieht es nicht so schlimm aus, wie man das nach einem Einbruch erwarten würde. Lediglich in Paulis Büro liegen drei geöffnete Ordner auf dem Tisch und zwei auf dem Boden. Kein Vandalismus, mehr eine besonnene Vorgehensweise, ohne die Ordner wieder zurückzustellen.

»Frau Pauli, bitte sehen Sie mal nach, ob Geld, Schmuck oder andere Wertgegenstände fehlen.«

»Die hat sie alle in der Handtasche«, ist der beißende Kommentar von Dr. Pauli.

Auch die UV-Lichtanalyse nach Fingerabdrücken geht ins Leere. »Das war’s wohl, Hubert«, resümiert Marius, der Leiter der Spusi. »Wir packen zusammen. Bis nächste Woche.«

»Alles da!«, ruft Frau Pauli dazwischen.

Piotrowskis Blick zu Dr. Pauli wird fragender. Pauli spürt das ganz genau. Auch er hat Fragen, … aber keine, die er konkret stellen könnte, geschweige denn beantworten. »Setzen wir uns kurz. Juliane soll uns etwas zu trinken bringen. Wollen Sie auch eine Kleinigkeit essen?«

Instinktiv und kommentarlos winkt Piotrowski sofort ab. Pauli schmunzelt leicht. Es ist eines seiner unfairen Gestenspiele, wenn es um die Kochkünste seiner Frau geht.

»Was ist hier los, Chef? Wer wusste, dass Sie heute ins Konzert gehen, und was in aller Welt hat der Einbrecher bei Ihnen gesucht?«

»Ich weiß es nicht, Pio. Keine Ahnung. Und ich hab absolut keine Lust, mich am Samstagabend in meinem Wohnzimmer verhören zu lassen.«

»Aber grundlos macht niemand einen Einbruch.«

»Ja, das weiß ich auch. Danke für Ihre fachkundige Belehrung.«

»Dann denken Sie doch bitte in Ruhe nach, was Sie in Ihren Unterlagen haben, das für andere wichtig ist oder gefährlich werden könnte. Ein anderer Grund für diesen Einbruch ist nicht feststellbar. Vielleicht sind Sie sogar in Gefahr? Oder sehen Sie das anders, Chef?«

Mit einer lapidaren Handbewegung winkt dieser ab, geht seelenruhig zum feudalen Cognac-Trailer und schenkt einen Tumbler mit Baron Otard XO halb voll, den er in einem Schluck runterspült.

»Auch einen, Pio?«

»Muss noch Auto fahren, schon vergessen?«

Währenddessen sitzt Frau Pauli nur apathisch da und starrt Rebecca an. Könnte sie der Grund für den Zoff unter den Paulis sein? Rebecca scheint zu spüren, was im Kopf dieser Frau vorgeht. »Komm, Chef, lass uns gehen. Wir haben alles, es ist spät und Samstagabend.«

Kommentarlos folgt Piotrowski Rebeccas Rat, steht auf, nicht ohne Dr. Pauli noch einen letzten fragenden Blick zuzuwerfen.

»Dann bis Montag, Dr. Pauli. Lassen Sie sich nicht das ganze Wochenende vermiesen, auch Sie nicht, Frau Pauli.«

Vergeblich, sie sagt kein Wort, apathisch verharrt sie im Eifersuchtstunnel.

»Schöne Scheiße«, fasst Piotrowski den aktuellen Sachstand zusammen, als sie zum Auto gehen.

»Genau, Chef.«

***

Zufällig waren Rick und Samantha im selben Konzert. Um ihren Untermietern Shrablik und Xrablik etwas Gutes zu tun, haben sie beide mitgenommen. Auf Anraten von Rick meiden sie die Öffentlichkeit und verbringen die meiste Zeit in Samanthas Wohnung im selben Haus wie Ricks Wigwam. Und dies aus gutem Grund. Die zwei sind ein ungewolltes Mitbringsel von Ricks Rücktransport aus einer Parallelwelt [Band 3 Himmelfahrt], vermutlich verursacht durch einen Rechenfehler seines Bruders Chris, dem Physikprofessor. Alles nicht so schlimm, ein kleiner Leichtsinnsfehler in seiner kosmologischen Mathematik. Tja … kann mal passieren, vor allem, weil es nicht sein Fachgebiet ist, sondern Science-Fiction-Scheiße, wie er zu urteilen pflegt. Darin sind sich Kommissar Piotrowski und der Atomphysiker einig. Dass es möglicherweise noch einen Reisegast gegeben hat, nämlich einen B-Centauri, wird in der Gruppe totgeschwiegen. Wissen tut das eh keiner, und wenn es so war, dann ist der Typ vermutlich eh schon krepiert, weil zu wenig Argon in der Erdenluft ist, die er zum Atmen braucht. So jedenfalls Shrabliks Vermutung, die die drei Brüder sofort mit Kopfnicken bestätigten und das Thema damit ad acta legten: Klappe zu, Affe tot. In der Halbzeitpause des Gasteigkonzerts mussten sie frühzeitig gehen. Die massive Wellenflut an philharmonischen Frequenzen und vor allem die wuchtigen Dvořák-Paukenschläge im Allegro Appassionata Opus 75 konnten die beiden Centauris nicht ertragen. Anton Dvořák hätte, wie sein Vater František, besser Zitherspieler werden sollen, dann wäre das heute vermeidbar gewesen. Ohne Ohren hören Centauris über eine breitbandige Resonanz ihres rundlichen Schädels, und die resultierende Amplitude war offenbar nicht zum Aushalten. In der Halbzeit sollte das vorzeitige Verlassen des Konzerts nicht auffallen, so die Idee, tat es aber doch, weil die beiden Centauris vorsorglich als Sichtschutz eine Pudelmütze trugen. Dies entsprach nicht dem Dresscode bei klassischen Konzertveranstaltungen.

Seit nunmehr zwei Jahren leben die Centauris in Samanthas Wohnung im 2. Stock des Hauses, in dem Rick das 250-Quadratmeter-Penthouse-Loft, genannt Wigwam, besitzt. Sie sind praktisch in Quarantäne vor der Öffentlichkeit. Das ist bis heute gut gegangen, nur Shrablik und Xrablik fühlen sich wie eingesperrt in einen goldenen Käfig. Das Schlimmste ist, dass es für diesen Zustand keine Exit-Strategie gibt, weder für die Centauris noch für Samantha, die seit der Zwangsbesiedelung ihrer Wohnung zu Rick ins Wigwam ziehen musste. Beide verstehen sich zwar gut, in vielerlei Hinsicht, aber beide haben auch ihre Unabhängigkeit und das Refugium ihrer Wohnungen geschätzt. Die spontanen Treffen der vergangenen Jahre und die damit immer verbundene Vorfreude wurden durch Alltagsrituale verdrängt, und in der Folge machte sich eine Gefühlsverflachung breit. Ohne es anzusprechen, fühlen es beide.

An diesem Samstag kommen sie vorzeitig um 22 Uhr nach Hause. Beschämt von den Unannehmlichkeiten wollten die Centauris gleich ins Bett, aber Rick hat sie schnell überzeugt, mit ins Wigwam zu kommen. Sie beschließen, sich den Abend nicht vermiesen zu lassen, bei trommelfreier Musik, Gin Tonic und Joints. Rick holt noch frische Snacks aus dem Kühlschrank, Lachstatar-Blinis und Avocado-Salat mit Apfelschnitten an Mango-Jus. Lauter Leckerbissen für A-Centauris. Es sind sehr freundliche Gesellen mit guten Manieren. Das ändert sich mit zunehmendem Alkoholspiegel und Jointkonsum. Dann werden sie unkonzentriert und kichern nur noch vor sich hin, wie Samantha. Dies macht sich Rick zunutze und holt Spielkarten aus der Schublade.

»So, Jungs, jetzt spielen wir noch eine Runde Mau-Mau, Tarif ist 1 Euro pro 10 Punkte.«

Shrablik und Xrablik kriegen sich nicht mehr ein vor Lachen. Kartenspielen ist zu einer ihrer großen Leiden­schaften geworden. Nüchtern sind ihre Gegner meist chancenlos, aber zugekifft sieht Rick eine Gelegenheit, seinen 25-Euro-Verlust von letzter Woche Schafkopf wieder auszugleichen.

Samantha winkt ab und legt sich ins Bett, das nur fünfzehn Meter vom Spieltisch ohne Sichtschutz entfernt steht. Von ganzem Herzen gönnt sie den beiden Centauris, dass sich Rick um sie kümmert und sie ihn dafür vergöttern. Es stört sie auch nicht, dass das Gelächter immer lauter wird. Sie schläft trotzdem ein. Aber es ist anders, als es mal war. Und das war aufregender, prickelnder, überraschender. Ihre Träume erzählen ihr davon.

Sonntag, 23. August

Die Unruhe unter den Einheimischen wird von den Touristen zwiespältig wahrgenommen. Die dubiosen Einbrüche der letzten Monate sind weiterhin ungeklärt und spuken in den Köpfen der Bevölkerung. In normalen Zeiten machen sie sich einen Spaß aus den Fragen der Touristen nach Perchten und Waldgeistern, die in der Infobroschüre unter MYTHEN – SAGEN – TRADITION erwähnt werden. Dieses Jahr nicht. Sie tun so, als ob sie die Frage nicht gehört oder nicht verstanden hätten. Selbst das rituelle Johannisfeuer am Wallberg wurde dieses Jahr abgesagt, ein heidnisches, aber mittlerweile traditionelles Fest. In der Johannisnacht werden die Dämonen aus ihren düsteren Höhlen geholt und verjagt. Diese Legende ist schon viele Jahre her, noch nicht so lange wie die Geburt der Zwillinge Chris und Rick in einer Johannisnacht, über die es viele Geschichten gibt, die aber keiner hören will. Vor allem nicht, warum Rick rechts eine Biolinse hat, die ihm Daten auf die Netzhaut sendet, wenn sie meint, es wäre Gefahr im Verzug oder es gäbe eine gute Gelegenheit, sich zu vermehren, oder sie hat situativ zweckdienliche Hinweise. Dieses Jahr haben die Zwillinge aber nicht gefeiert, weil Chris länger als geplant in einem Forschungslabor in USA, Massachusetts, bleiben musste.

***

Es läuft gut. Absehbar. Warum werden die Bauern im Yunnan-Guizhou-Hochland durchschnittlich 102,5 Jahre alt? Warum sind die Massai bei Frauen so beliebt und bekommen rudelweise Kinder? Irgendwie dünkt es jedem. Weil die Naturvölker nicht ständig Lafers Schnitzel und Schuhbecks Weißwurstsalat essen, sondern sich traditionell von den Früchten der Natur ernähren. Dazu zählen vor allem Kräuter. Sie verlängern und verbessern das Leben und andere Dinge, so der hoffnungsvolle Glaube der Stadtvölker. Kein Wunder also, dass Rudis Wandertour mit Bergkräuterkunde immer gut besucht war. Den zunehmenden Überhang an weiblichen Gästen bekämpfte Rudi erfolgreich mit dem Werbezusatz Schnapsverkostung auf der Edelweiß Hütt’n. Die aparte Erscheinung der Skilehrerin und Triathletin Marianne Krumschmied tat ein Übriges, auch die Männer von der zugegeben langweiligen Wandertour zu überzeugen. Rudi hat sich für eine 12 km lange Tour, ausgehend vom Ort Tegernsee über Gindelalmschneid und Kreuzbergköpfel, entschieden. Auch alkoholbedingte Geschwindigkeitsbeschränkungen eingerechnet, dauert die Tour einen knappen halben Tag, sodass ausreichend Zeit für einen ausgiebigen Aufenthalt beim Krumschmied Sepp in der Edelweiß Hütt’n bleibt. Natürlich musste er vorher die Tour mit Marianne abstimmen, weil sie die wundersamen Kräuter finden musste. Das Almgebiet Neureuth ist eine gute Wahl, lautete ihr fachkundiges Urteil.

Einen schlechten Wanderweg gibt es ohnehin nicht. Dafür ist das Tegernseer Tal zu üppig bestückt mit Schönheiten der Natur, die Touristen jedes Jahr in Scharen anlocken: saftige Wiesen und Wälder, blaue Berge, ein glitzernder See, urige Hütten und bayrische Vorzeigedörfer wie Tegernsee und Rottach-Egern. Die Landschaft um den Tegernsee besaß schon immer eine magische Anziehungskraft. Deshalb wohnten und wohnen hier Ludwig Erhard, Gunter Sachs, Uli Hoeneß, Hubert Burda, aber auch viele ungeliebte russische Oligarchen. Auch die Benediktinermönche siedelten sich hier an, um dem Ziel ihres Ordenslebens, der Suche nach Gott, näherzukommen, tja, der war offensichtlich auch hier, und seit 1817 das Königshaus der Wittelsbacher, vermutlich mehr aus weltlichen Gründen.

Die repräsentative bayrische Kulisse, die Kulinarik der ansässigen Gastronomie, aber vor allem die Nähe zu München machen den Tegernsee zum ständig strapazierten Ausflugsort für Staatsgäste. Wem das noch nicht reicht, der kann sich auf Dutzenden von See- und Waldfesten vergnügen. Ab Mitte Juni bis Ende September gibt es die krachledernen Veranstaltungen überall rund um den See.

So lässig hatte Rudi sein Geld bisher nicht verdient. Es ist ohnehin nur ein kleines Zubrot, denn sein Einkommen schöpft er aus seinem Geschäft für Profi-Bergsport­ausrüstung in Oberaudorf. Zu seinen Kunden zählen Bergsteiger, Freeclimber, auch die lokale Bergrettung kauft ihre Ausstattung in Rudis Bergwelt.

Innerlich zerrissen taxiert er die Reflexion im Spiegel seiner 2-Zimmer-Wohnung in Rottach-Egern. Das Apartment ist klein, mit 39 Quadratmetern aber soweit ausreichend, immerhin mit Südbalkon, den er weidlich nutzt, abends bei einem Glas Valpolicella und Speckbrot. Versöhnlich ist auch der imposante Ausblick auf den Wallberg und die Drachen- und Gleitschirmflieger, die mit bunten Segeln den Abendhimmel verzieren. Aber es reicht alles nicht, um seiner bergweltverwöhnten Seele ein Gefühl der Zufriedenheit zu geben.

Den Ort Rottach-Egern hat er gut gewählt. An der Süd­spitze des Sees ist er in wenigen Minuten im Tegernseer Bräustüberl am Westufer oder in der Saurüsselalm am Ostufer oder in der südlich gelegenen Weißach-Alm zum Entenessen. Manchmal wird Rudi auch vom Gröschl Andreas zu einer Heißluftballonfahrt eingeladen, wenn grad ein Platz frei ist. Der Startplatz ist praktisch um die Ecke. Praktisch deshalb, weil Ballooning immer sehr früh losgeht, um den südlichen Fallwind vom Risserkogel in etwa zweihundert Metern Höhe aufzuspüren, der den Ballon lautlos über die gesamte Länge des Tegernsees schiebt. Ob er sich an seine diesjährige Sportbekleidung gewöhnen wird, ist mehr als fraglich. Was er im Spiegel sieht, ist nicht Rudi: Lederbundhose mit Hosenträger, kariertes Baumwollhemd und Trachtenjanker. So sieht vielleicht der Vorplattler der Wallberger Trachtengruppe aus, aber nicht ein Alpinsportler. Nur gut, dass ihn so seine Brüder nicht sehen, obwohl er eine stramme Figur macht und gut von den folkloristisch verkleideten Touristen zu unterscheiden ist. Aber tief in seinem Inneren spürt er, dass er fremdgeht und seine alpine Seele verrät.

Die Neureuth-Wanderung stellt keine besonderen Ansprüche an seine Tourengäste, außer gutes Schuhwerk, vielleicht noch einen kleinen Rucksack mit etwas zu trinken und einen Pullover, sollte das Wetter umschlagen. Der Höhenunterschied der Tour beträgt weniger als 600 Meter. Trotzdem bekommen die Gäste am Gipfelkreuz der 1335 Meter hohen Gindelalmschneid das Gefühl, eine hochalpine Leistung vollbracht zu haben. Dafür sorgt der weite Blick bis zum Horizont, wo Wolken die Erde berühren. Dem Städter wird jetzt warm ums Herz. Nach einer kurzen Rast mit Fotoshooting kommt Mariannes Part. Die Gruppe muss hierzu den Wanderweg verlassen. Mittlerweile haben sie diese Tour schon fünfmal gemacht. Rudi und Marianne haben sich prima ergänzt, obwohl Marianne in letzter Zeit nicht mehr diese Freude ausstrahlt wie zu Beginn. Das ist nicht nur Rudi aufgefallen, sondern auch dem Sepp, ihrem Mann. Vor drei Wochen hat er, zwar unter Alkoholeinfluss, aber durchaus glaubhaft, dem Rudi gebeichtet, dass sie sich den ehelichen Pflichten verweigert. Er hat es sehr laut und in deutlich verständlicher Sprache ausgedrückt, sodass es auch der Rest der Hüttengäste verstanden hat. Seiner Meinung nach hat sie einen anderen. Das würde auch ihre nächtlichen Spaziergänge erklären, die in letzter Zeit immer häufiger geworden sind – und neuerdings hat sie ein Tatü auf ihrer rechten Schulter. »Es heißt Tatu, Sepp, und nicht Tatü«, korrigiert ihn Rudi. Immerhin gehört Rudi nicht mehr zum engsten Kreis seiner Verdächtigen. Das ist aber schon das einzig Positive an der Situation. Bei der Wanderung letzte Woche ist ihm das Tattoo auch aufgefallen, er hat dem aber keine große Bedeutung beigemessen, auch weil es eher unauffällig ist, ein etwa fünf Zentimeter langer, S-förmig gebogener Strich. Kaum der Rede wert, Geschmackssache halt. Zu fragen traute er sich nicht, weil er das Tattoo gar nicht hätte sehen dürfen. Hinter einem Holunderstrauch wechselte Marianne gerade ihr Oberteil, just als Rudi einen ruhigen Ort zum Pinkeln suchte.

»So, liebe Wandergäste, ich übergebe die Führung jetzt an Marianne. Sie wird euch die Welt der Bergkräuter und Waldgeister näherbringen. Passt’s gut auf und bleibt’s zusammen, nicht, dass wir noch einen verlieren, den der ruchlose Aufhocker erwischt.« Rudi beendet seine Ansprache mit schelmischem Lachen. Keiner der Wander­gäste hat den zweiten Teil seiner Information verstanden. Hilfesuchend sehen die leicht eingeschüchterten Damen Marianne an, die Rudi einen Blick wie ein Raubvogel zuwirft. Die neuerdings deutlich sichtbarere Stirnfalte verleiht ihrem Vorwurf noch mehr Nachdruck.

»Alles nur Märchen. Aus dem Alter sind wir alle raus«, versucht Marianne, die Angst aus den Gesichtern zu vertreiben. »Früher glaubten die Menschen an böse Waldgeister, die dumme Streiche spielten. Die Grundlage für Kindermärchen, die ihr ja alle kennt.«

»Was für Streiche, Frau Marianne, und was meint denn der Herr Rudi mit Aufhocker?«, will die zartbesaitete Roswitha Peters aus Bielefeld wissen.

Hörbar genervt atmet Marianne durch, während sie sich zu Rudi umdreht, mit einer Mimik, die man interpretieren könnte mit So du Volldepp, jetzt bist du dran. Für Rudi aber kein Problem. Die Wanderungen sind eh langweilig geworden, zumindest für ihn.

»Keine Sorge, Roswitha, in der Regel schlafen die Waldkobolde tagsüber, vor allem der Aufhocker. Der springt nächtlichen Wanderern auf den Rücken, tut aber normalerweise nichts Schlimmes, außer ein bisschen Angst machen. Ein Gaudibursch halt.«

Rudis Erklärung zeigt keine große Wirkung, immerhin bleiben alle zusammen, ein ganz praktischer Nebeneffekt. Der Wald verursacht archetypische Angstgefühle, denen sich kaum einer entziehen kann. Die Grundlage hierfür wird schon durch Kindernarrative der Herren Grimm gelegt. Möglicherweise gruseligen Geschichten wie Rotkäppchen geschuldet, leiden vor allem Frauen am Angstsyndrom Wald. Heute gibt es aber viel zu wenig böse Wölfe für die große Anzahl an verängstigten Rotkäppchen.

Es ist noch nicht so lange her, da wurden Wälder als heilige Haine verehrt, Orte, in denen die Götter wohnen, bevor sie durch das Christentum dämonisiert wurden. Glaube durch Angst, ein durchgängiges Prinzip dieser Glaubensform.

Ein eher unerwünschter Nebeneffekt ist, dass die Wandergruppe jetzt mehr auf die Baumkronen achtet, statt dem Waldboden Aufmerksamkeit zu widmen. Die deutlich spürbare Abkühlung trägt ebenfalls zur Verunsicherung bei. Dabei ist es nur der bekannte Effekt der Verdunstungskälte durch Bäume, die so Schadstoffe aus der Luft filtern. Es gäbe also durchaus sinnvolle Narrative, die zur Wertschätzung der Wälder beitragen könnten.

Marianne geht vor, mit langsamen Schritten, und sondiert den moosigen Boden und die zahlreichen kleinen Gewächse, die um diese Zeit mehrheitlich grün sind und nicht mehr blühen. An der Blüte könnte man viele Kräuter einfacher erkennen. Anfänglich war es für Rudi nur Unkraut. Aber dank Marianne hat er dazugelernt. Er geht hinter der Gruppe und versucht, die diffus gewordene Aufmerksamkeit auf die Kräuterkunde zu fokussieren.

»Hey Leute, ihr solltet das Unkraut im Garten nicht nur ausreißen, sondern gleich auffressen, dann seid ihr es sofort los, und ihr bleibt gesund.«

»Kannst du mal die Klappe halten, Rudi? Es reicht«, wettert Marianne, ohne sich umzudrehen.

Bei den Teilnehmern hat sich die Freude auf einen sonnigen Wandertag schlagartig verschlechtert. Durchaus verständlich, denn im Wald lauern unheimliche Kreaturen, und das Führungsduo ist zerstritten. Nach zwei Kilometern macht Marianne Halt an einer Waldlichtung.

»So Leute, legt mal die Rucksäcke ab und setzt euch. Ich will euch erklären, was wir heute finden wollen. Aber gleich vorab, reißt nichts aus. Ihr bekommt später alle Kräuter auf der Hütte.«

Erleichtert atmet die Gruppe auf. Es sieht wieder geordnet aus. Auch Rudi setzt sich brav zur Gruppe und heuchelt Interesse. Er kennt das alles, gleichwohl könnte er Mariannes Vortrag nicht übernehmen. Wenn das Interesse fehlt, fehlt auch der Speicherplatz im Hirn. Deshalb bewundert er Marianne, auch wenn sie ihm immer befremdlicher wird.

»Die Berg- oder Wildkräuter finden heute Einsatz in der gehobenen Küche, und viele davon haben ausgeprägte medizinische Wirkungen. Allen gemeinsam ist, dass sie in der rauen Bergwelt zurechtkommen müssen. Das macht sie robust, sie haben über Jahrtausende entsprechende Wirkstoffe als Überlebensstrategie entwickelt, die wir uns heute zunutze machen. Passt auf: Heute wollen wir diese fünf Wildkräuter finden.« Marianne holt eine Mappe mit farbigen Darstellungen aus ihrem Rucksack.

»Seht mal her, hier die Schafgarbe, die kennt ihr sicher. Sehr schmackhaft, man verwendet sie für Suppen, als Tee bei Magenverstimmung. Dann der Beifuß, bekannt in der Frauenheilkunde bei Schwangerschaft, in der Küche ein Gewürz für Gänsebraten. Als Nächstes die Kanadische Goldrute, sie findet als honigartig schmeckender Tee Anwendung bei Blasenschwäche. Und schließlich noch der Dost. Den kennen die wenigsten. Dabei sind seine Blüten und Blätter hocharomatisch und ein Geheimtipp in der mediterranen Küche. Oh, jetzt hätte ich fast das Wermutkraut vergessen. Es kommt ursprünglich aus Indien und wirkt heilend bei Menstruationsschmerzen, früher hochdosiert zur Abtreibung eingesetzt und bei der Hexenaustreibung. Zu viel kann giftig sein, also Vorsicht, meine Herren, nicht so viel Wermut trinken.«

Marianne beendet ihren kurzen Vortrag mit gequältem Lächeln. Ihre zunehmend verhärmte Mimik macht ein lockeres, freudiges Lächeln immer schwerer.

»Und was ist mit Enzian, Marianne?«, will Roderich aus Korschenbroich wissen. »Der wächst doch in de Bersche, oder?«

»Die einzig sinnvolle Verwertung für Enzian ist die Schnapsbrennerei. Wir probieren nachher auf der Hütt’n ein paar Stamperl. Auch der Rudi. Enzian soll den Geist anregen, gell, Rudi?«

Er hätte in Oberaudorf bleiben und anspruchsvolle Berg- und Klettertouren organisieren sollen, anstatt mit Flachlandtirolern auf langweiligen Katzenbuckeln rumzulatschen und Suppengrün zu suchen. Zugegeben, anfangs hatte er durchaus Spaß, da war Marianne aber noch nett, und sie sah aus wie ein Honigkuchenpferd, so jedenfalls drückte sich Rudi aus. Jetzt ist sie irgendwie verhärmt, und sie strahlt nicht mehr die betörende Lebensfreude aus, die Rudi an den Tegernsee gelockt hatte. Kurioserweise versteht er sich heute besser mit ihrem Mann, der mehr als alle anderen unter Mariannes Morphose zu leiden hat. Vor drei Wochen brüllte er in Rudis Ohr, dass die Matz ihn nicht mehr ranlässt. Letzte Woche war er dann anderer Meinung. Da stammelte er etwas in der Art, dass er Angst hat, sie könnte über ihn herfallen, wia da Aufhocker. Den Namen des Waldgeistes flüsterte er mit zittriger Stimmeund mit Froschaugen. Dabeidrehte er sich prüfend nach allen Seiten um, ob jemand mithört.Er habe schon überlegt, beim Urscher Peter auf der Saurüsselalm zu übernachten.

***

Kopfschüttelnd legt Rick sein Smartphone wieder zur Seite. Um 16 Uhr haben sich die Zwillingsbrüder zusammen mit Freundin Samantha im Café Magnifique eingefunden. Eigentlich wollten auch Rebecca und Rudi kommen, aber Rebecca wurde ein Wochenenddienst in der Soko aufgebrummt, und Rudi hat soeben angerufen, dass er verhindert sei.

»Rudi kommt nicht. Er wurde in schwere Zwischenfälle auf der Edelweißhütte verwickelt.«

»Wie? Er macht doch nur einfache Wanderungen, oder?«, rätselt Chris. »Sind denn schon wieder Russen in seiner Gruppe?«

»Soviel ich weiß, nein. Er faselte etwas von besoffenen Rheinländern, Kräuterintoleranzen und Zickenkrieg. Er musste die Bergwacht rufen und ist jetzt auf dem Weg hinunter nach Rottach-Egern.«

»Wenigstens scheint Rudi nichts passiert zu sein«, beruhigt Samantha die Runde.

Jess’ Bistro ist sonntagsnachmittags gut besucht. Das Café Magnifique hat nur 35 Plätze, aber viele Stammgäste, die sich zu Plauderrunden einfinden und sich mit kleinen mediterranen Gerichten, Sandwiches und Prosecco auf die anstehende Arbeitswoche vorbereiten. Jess, die Inhaberin, ist Mädchen für alles: Sie bedient die Gäste, schmeißt die Bar und ist für den musikalischen Background verantwortlich. Als Hommage an den vorgestern verstorbenen King of Pop legt sie heute seine Hits auf, aktuell Billie Jean.

»Kommt eure Supernase heute nicht?«

»Nee, Jess, Rebecca hat Dienst, und dem Rudi macht wieder einmal die Bergwelt zu schaffen. Wir sind komplett. Kannst du uns drei Sauvignon bringen und eine kleine Auswahl an Sandwiches?«

»Okidoki, Samantha.«

Chris wohnt aktuell in Garching. Am dortigen Reaktor leitet er ein Forschungsprojekt, für etwa neun Monate. Um was es dabei geht, hat er allen ausgiebig erläutert. Außer Rebecca hat es aber keiner verstanden. Sie hat jedenfalls so getan und ihn dabei schmachtend angesehen.

»Wie geht es denn den Centauris?«

Chris’ Frage kommt just, als Jess die Getränke bringt. Seit Ricks Erlebnissen in der Helix 5 [Band 3: Himmelfahrt] ist sie von den Themen Centauri und Universum gefesselt. Damals brachte Rick ein besonderes Souvenir aus der Parallelwelt mit, eine handsignierte Autogrammkarte vom King of Rock ’n’ Roll mit persönlicher Widmung. Rick hat sie Jess geschenkt. Seither hängt die Elvis-Karte an einem exponierten Platz hinter der Bar, neben Chris Roberts und anderen, ähnlich stimmgewaltigen Barden der näheren Umgebung.

Jess bleibt wie angewurzelt am Tisch stehen und harrt interessiert der Gespräche, sehr zur Verwunderung der Gruppe.

Im Hintergrund tönt der Klassiker Smooth Criminal.

»Willst du dich zu uns setzen oder unsere Sandwiches bringen?«

Auf Ricks kleine Attacke reagiert Jess mit beleidigter Geste. Mit dem Kopf im Nacken macht sie eine Pirouette und schlendert mit provokativem Hüftschwung zurück an die Bar.

»Aber ernsthaft, Rick, was macht ihr denn mit den beiden Centauris? Ihr könnt sie doch nicht ewig in eurer Wohnung einsperren.«

»Was heißt da einsperren? Ich spiele regelmäßig Schafkopf mit ihnen, und gestern waren wir zusammen im Konzert.«

Jess kommt wieder zurück und wirft die Sandwiches auf den Tisch.

»Das ist aber trotzdem kein Dauerzustand«, mischt sich Samantha ein, »die zwei leben ja wie Gefangene. Eh ein Wunder, wie geduldig sie das hinnehmen. Könnt ihr zwei euch mal was überlegen, wie wir sie wieder nach Hause schicken können? Neulich klagte Shrablik, dass sie leichte Atemnot haben, weil zu wenig Argon in der Luft ist.«

»Aber nicht, dass du dich wieder verrechnest, Chris.«

»Ja, ist schon gut, Rick. Du kannst ja zur Abwechslung deine Wunderprogramme anwerfen, oder stürzen die ab, wenn du galaktische Koordinaten eingibst?«

»Hört mal auf! Denkt lieber mal konstruktiv nach, was wir tun könnten. Lange wird das ohnehin nicht gutgehen, wenn wir die Anwesenheit extraterrestrischer Besucher geheim halten. Ich weiß nicht mal, ob das strafbar ist.«

»Da kannst du schon recht haben, Samantha. Es sind vermutlich illegale Einwanderer.«

»Nee, Chris, es sind unfreiwillig teleportierte Centauris. Da wäre ich gerne dabei, wenn wir zum Bürgeramt fahren, um die beiden anzumelden.«

Montag, 24. August

10h 20

»Alles war irgendwie seltsam, Jens. Der Einbruch ohne Spuren einer Gewalt, nichts entwendet, das jedenfalls sagte Pauli, dann der Autounfall direkt vor seinem Hauseingang, und das Opfer flüchtet. Außerdem verhielt sich der Chef nicht gerade kooperativ, finde ich.«

Seit 10 Uhr sitzen Jens Thorwald und Rebecca Jones bei Hauptkommissar Hubert Piotrowski im Aquarium, wie alle sein gläsernes Büro nennen. Unter normalen Umständen würde die harmlose Faktenlage eine solche Krisensitzung nicht rechtfertigen, zumal die Tatbestände Einbruch und Autounfall nicht in die Zuständigkeit der Soko München fallen. Wenn da nicht ihr Chef wäre, Dr. Julius Pauli, der irgendwie in diese seltsamen Ereignisse verwickelt zu sein scheint.

»Was hat er denn gesagt?«

»Das ist es ja, nichts. Er hat nur ein Glas Cognac getrunken. Seine Frau saß wie versteinert da und war überhaupt nicht mehr ansprechbar. Es herrschte dicke Luft, das spürte man genau. Deshalb sind wir auch schnell wieder verduftet.«

»Die Spurensicherung hat aber alles untersucht und Proben genommen«, ergänzt Rebecca die Ausführungen ihres Chefs.

»Was denn für Proben?«

»Kotze, Jens. Er hat sich übergeben.«

Wie einstudiert treffen sich Thorwalds und Piotrowskis Blicke, fragend auf der einen Seite und genervt auf der anderen.

»Aha« ist zunächst alles, was Jens dazu sagen kann. Er kennt die Brisanz dieses unappetitlichen Themas.

»Das war vermutlich der Einbrecher, oder? Hat er sich denn vor oder nach dem Einbruch übergeben?«

»Nachher.«

»Was macht dich da so sicher, Rebecca?«

»Weil die Spritzer in Richtung der Gartentür verliefen, also eindeutig beim Weglaufen.«

»Das könnte vielleicht auch erklären, warum er gleich darauf das Auto übersehen hat, weil ihm übel war, und deshalb war er unaufmerksam.«

»Durchaus möglich, Jens«, doziert Piotrowski, »durchaus, aber erst deaktiviert er eine Sicherungsanlage samt Kameras, wie ein Mission-Impossible-Profi, dann sucht er in aller Ruhe Ordner durch, findet aber nichts, nach Auskunft vom Chef. Den Hund setzt er mit einem Kalbskotelett schachmatt und sperrt ihn ins Klo, dann verschwindet er, und obwohl er alle Zeit der Welt hat, wird ihm auf dem kurzen Fluchtweg kotzübel. Zu guter Letzt überfährt ihn noch ein Autofahrer. Er kann aber flüchten, humpelnd, nach Aussage des traumatisierten Autofahrers. Ja, alles durchaus möglich, Jens. Aber es bleibt die Frage: Was hat er beim Chef gesucht? Der Täter plant alles im Detail, wie im Kino, und dann findet er nicht das Papier, wofür er den ganzen Aufwand gemacht hat. Er hat gezielt vier Ordner aus dem Regal geholt und durchsucht. Aber der Chef meint, es wurde nichts entwendet.«

»Vielleicht hat er die Dokumente nur fotografiert.«

»Ich an seiner Stelle hätte dann aber alles wieder aufgeräumt, Rebecca. Außer, er wollte, dass man sieht, welche Ordner er durchsucht hat. Warum?«

Ihr ist die Unruhe im Aquarium nicht entgangen. Annalisa Bertram beobachtet die Szene schon die ganze Zeit, während sie frischen Kaffee gebrüht hat. Zusammen mit ein paar Keksen öffnet sie das Büro, worauf die Gespräche sofort stoppen. Ein weiteres Indiz für sie, dass am Wochenende etwas Seltsames vorgefallen sein muss.

»Noch etwas Kaffee?« Eigentlich würde sie lieber fragen: Ist etwas passiert?

»Vielen Dank, Annalisa. Schauen Sie bitte mal, ob Dr. Pauli schon da ist, und sagen Sie ihm, wir würden gerne mit ihm sprechen.«

»Mach ich, Chef.«

Sofort, als sie die Tür hinter sich schließt, gehen im Aquarium die Gespräche weiter. Auf dem Weg zum Ausgang dreht sie sich noch mal sorgenvoll um. Getuschel im Büro kannte sie bisher nicht. Unter den Ermittlern werden Meinungsverschiedenheiten immer lautstark ausgetauscht. Keine Geheimnisse. Nach fünf Minuten kommt Annalisa wieder ins Büro und hebt den Daumen in Richtung des Aquariums, aus dem sie sechs Augen erwartungsvoll anstarren. Dann öffnet sie das Aquarium: »Er kommt gleich.«

»Auch für unseren Chef gilt die Unschuldsvermutung. Das sollten wir beherzigen und uns entsprechend verhalten. Also bitte, nur offene Fragen.«

»Am besten ist, wenn er uns einfach erzählt, wie er die Sache mittlerweile sieht«, ist Jens’ Vorschlag.

Alle nicken zustimmend.

Es dauert nicht lange. Dr. Julius Pauli kommt, grüßt kurz Annalisa Bertram und geht zielstrebig wie immer ins Aquarium. Dort stupst er Jens Hubert mit dem Ellbogen, der gerade mit dem Rücken zur Tür steht.

»Guten Morgen, Leute. Na, wie sieht’s aus?«

Es ist die Frage, die sie eigentlich stellen wollten, vollkommen unprätentiös: Hallo Chef, na, wie sieht’s aus?, so etwa. Nachdem sich alle etwas überfordert anschauen, ergreift Piotrowski das Wort.

»Guten Morgen, Herr Dr. Pauli. Bei uns ist alles okay. Nicht viel los im Moment. Rebecca hat gerade von der Einbruchsserie am Tegernsee berichtet. Sie wird dort von einem Bergführer auf dem neuesten Stand gehalten …«

Rebecca sieht ihren Chef etwas irritiert an. Sie haben offene Fragen vereinbart und dass sie zur Sache kommen.

»Aber die lokalen Behörden haben noch keine …«

»Ja, Pio, lass mal. Ich wollte wissen, ob ihr in Sachen Einbruch und Autounfall schon weitergekommen seid?«

»Nee, Dr. Pauli, gestern, am Sonntag, hatten wir frei, außer Rebecca. Um 11 Uhr hat sie einen Termin in der Gerichtsmedizin vereinbart.« Piotrowski sieht auf die Uhr. »Also in 10 Minuten. Wäre bestimmt ganz gut, wenn Sie mitkommen würden. Dr. Werding hat hoffentlich Informationen, die uns ein Stück weiterbringen.«

Dr. Pauli nickt zustimmend.

»Haben Sie inzwischen schon eine Idee, was der Einbrecher bei Ihnen wollte? Piotrowski sagte, dass nichts gestohlen wurde.«

»Genau, Herr Thorwald, es fehlt nichts. Wir haben alles noch mal geprüft. Er hat vier Ordner aus dem Schrank geholt, alle vollkommen belanglos für Dritte: Finanzunterlagen 2007/2008, private Altersvorsorge, Krankenkasse und alte Bausparverträge. Diese Unterlagen könnte ich auch ins Netz stellen, und sie würden niemanden interessieren.«

Annalisa lässt das Aquarium keine Sekunde aus den Augen. Ihre Unruhe führt sie zur Tür, die sie einen Spalt öffnet.

»Wollen Sie auch einen Kaffee, Herr Dr. Pauli?«

»Danke, Annalisa, wir müssen runter in die Gerichtsmedizin. Vielleicht später.«

***

Dr. Werding blättert gerade im kurzen Bericht der Spurensicherung, als sich ihre Tür öffnet.

»Guten Morgen, Frau Dr. Werding.«