19,99 €
Ricks Nachbar Lührs ist spurlos verschwunden, bereits seit über zwei Jahren. Nicht viele teilen Ricks absurde Meinung, dass er weggebeamt worden ist. Die Suche wird erschwert durch die Präsenz von Geheimdiensten aus Russland, Israel und China, die einem geheimen Code YCO auf der Spur sind. Dieser Code führt sie nach München und in das Umfeld von Rick, der auf mysteriöse Weise verschwindet. Jetzt muss sein Bruder Chris, der Atomphysiker, seine Alien-Aversion über Bord werfen, um ihm zu helfen. Im Gemetzel der Geheimdienste findet Rebecca überraschend einen Verbündeten, den Sleeper Shixin Chan. Als Assistentin von Kommissar Piotrowski hat sie einen schweren Stand, denn Ihr Chef hat die Schnauze voll von dieser Science-Fiction-Scheiße …
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 485
Veröffentlichungsjahr: 2025
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie.
Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://www.d-nb.de abrufbar.
Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Funk und Fernsehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger, elektronische Datenträger und auszugsweisen Nachdruck, sind vorbehalten.
© 2025 novum publishing gmbh
Rathausgasse 73, A-7311 Neckenmarkt
ISBN Printausgabe: 978-3-7116-0759-1
ISBN e-book: 978-3-7116-0760-7
Lektorat: BA
Umschlagfoto: Olena Agapova | Dreamstime.com
Umschlaggestaltung, Layout & Satz: novum publishing gmbh
Innenabbildungen: Frank Oberon
www.novumverlag.com
Glauben Sie, dass es mehr zwischen Himmel und Erde gibt, als uns fantasielose Wissenschaftler glauben machen wollen?
Ja Lesen Sie dieses Buch … Sie sind nicht allein.
Nein Lesen Sie dieses Buch … und fragen Sie sich nochmal.
Im Übrigen kann es überall passieren. München mit seinem Alpenvorland ist da keine Ausnahme. In Bayern macht es nur mehr Spaß.
Prof. Dr. Chris Fox ist ein weltbekannter Atomphysiker. Wie sein Zwillingsbruder Rick ist er ledig, auch weil ihm seine Forschungsreisen in die subatomare Welt der Quanten keine Zeit für lokale Romanzen lassen. Er hat zwar ein Auge auf Rebecca geworfen, eine attraktive Kriminalbeamtin der Münchner SoKo. Aber die steht nicht auf Männer.
Rick Fox lebt im Münchner Stadtteil Lehel. Im Gegensatz zu seinem Zwillingsbruder pflegt er einen lockeren Lebensstil, liebt seine Nachbarin Samantha und Gin Tonic und raucht Joints. Beruflich ist er selbstständig und programmiert Algorithmen. Unklar ist, warum er im linken Auge eine Bionic-Linse hat. Unter den Brüdern wird darüber nicht gesprochen.
Rudi Fox ist Bergführer und besitzt ein Sportgeschäft für Alpinsport in Oberaudorf. Das Leben seiner zwei Brüder ist ihm fremd, weil er zum einen nichts von Quantenmechanik versteht und zum anderen nichts mit dem lasziven Leben in der Münchner Szene zu tun haben will.
Weiters …
Samantha Hilbert ist Ricks Nachbarin. Beide schätzen ihre Unabhängigkeit, treffen sich aber mehrmals pro Woche, wenn ihr Hormonspiegel überschwappt. Sie liebt und hasst Ricks lockeren Lebensstil. Als Journalistin kennt sie die Münchner Szene. Ihr Büro ist ein Tisch im Café Magnifique.
Hubert Piotrowski leitet als Hauptkommissar die SoKo München. Wie sein Vorbild Maigret hat er einen messerscharfen Verstand. Einzige Schwachpunkte sind sein schlechtes Namensgedächtnis und seine Nerven, die mit ihm durchgehen, wenn der Dezernatsleiter am Rad dreht oder seine Mitarbeiterin Rebecca hin und wieder intergalaktische Ideen hat.
Rebecca Jones ist noch nicht so lange im SoKo-Team, aber sie hat sich schnell einen Namen gemacht, weil ihre unkonventionelle Denkweise oft entscheidend ist, den Rätseln von Verbrechen auf die Spur zu kommen. Aber auch ihr Äußeres fällt auf: schlohweiße, kurze Haare, schwarz geschminkt und gekleidet. Und sie macht bewusst keinen Hehl daraus, dass sie homosexuell ist.
Jens Thorwald ist Piotrowskis Stellvertreter. Er ist ein loyaler Kollege und die gute Seele im Ermittlerteam. Ohne ihn würden die Konflikte seines Chefs mit Rebecca häufiger eskalieren.
Weiters …
Dr. Julius Pauli, der Dezernatsleiter. Viel Konstruktives hat er zu aktuellen Fällen nicht beizutragen. Gut aber, dass er mit dem Ministerpräsidenten per Du ist, besonders dann, wenn der lahme Fortschritt seiner SoKo von der Presse durch den Kakao gezogen wird.
Rosenheim, 50 km südlich von München. Vor 200 Jahren eine Arme-Seelen-Siedlung, die im 18. Jahrhundert als Pferde-Umspannstation der Innschifffahrt bekannt wurde, im 19. Jahrhundert als Umspann-Rotunde für Lokomotiven, im 20. Jahrhundert als Umschlagplatz für Haschisch und Koks, 1987 durch den Percy-Adlon-Film Out of Rosenheim, aber so richtig berühmt erst durch meinen Nachbarn Sigi.
Nachkriegszeit, nichts für Weicheier: Zum Geburtstag bekam Sigi beneidenswerte 2,50 Mark, die er in einen mickrigen Zauberkasten investierte und daraufhin als Unterhalter auf Kindergeburtstagen auftrat. Sigi ließ bunte Karten und Schaumgummibälle verschwinden und wurde jetzt mit 2,50 Mark, Kuchen und Himbeerbrause entlohnt. Als er 16 Jahre alt war, verließ Sigi die Arme-Seelen-Siedlung und wechselte an den Gardasee. Als mago biondo bekam er jetzt lecker Spaghetti, Vino und 25 Mark pro Auftritt. Drei Jahre später heuerte Sigi als Steward auf einem Schiff an. Zeitgleich machte dies auch ein junger Revoluzzer aus Norddeutschland, der einen zahmen Gepard hatte. Sie bekamen einen Part in der Abendrevue und ließen den armen Gepard verschwinden. Das Ereignis war begleitet von Lichtblitz mit Rauchwolke und lautem Ohhhh des Publikums. Der Gepard war weg, sein muffiger Geruch nicht. Dafür bekam Sigi jetzt noch mehr lecker Essen und Trinken sowie 250 Mark pro Auftritt.
Eines Abends ließ er den weißen Tiger eines indischen Maharadschas verschwinden. Eine spektakuläre Show. Noch nie dagewesen. Dafür bekam er ein 3-Gänge-Menü, Schampus und 25.000 Mark pro Monat, … kurz darauf den begehrten Magic Circle Award und ein 25-Millionen-Dollar-Dauer-Engagement in Las Vegas. Sigi konnte jetzt zweimal pro Tag warm essen. Er wurde der Größte Illusionist aller Zeiten genannt. Dabei hätte er seine Arbeitsanweisung auf einen Fetzen Papier schreiben können: Der Mensch sieht, was er glaubt. Und wenn er glaubt, dass es weg ist, dann sieht er halt nichts. Nur, was ist nichts? Es ist die bedeutendste Frage der Existenzphilosophie. Der bayerische Philosoph und Vordenker Karl Valentin hatte dafür eine einfache Antwort: Eine Flasch’n Obstler für zwei Leute … das ist nichts.
Wenn etwas verschwindet, ist es dann
nicht mehr sichtbar, aber noch hier, wie Sigis Tiger?nicht mehr hier, aber woanders, wie Kirk im Beamer?nicht mehr existent, aber nur in diesem Universum?Zu Letzterem haben mutige Kosmologen längst mehr als nur eine Vermutung. Einer von ihnen sitzt im Sicherheitstrakt der Strafvollzugsanstalt Stadelheim in München, Dr. Philip Noser. Der bei seiner Verurteilung angeforderte medizinische Bericht war ohne Befund, … nicht so das psychiatrische Gutachten: Morbus Bahlsen. Auf die Frage des Vorsitzenden Richters »Was heißt das?«, meinte der Psychiater: »Er hat einen an der Waffel.«
Übrigens ist vor gut zweitausend Jahren Jesus Christus verschwunden. Er ist ohne CO2-Abdruck und fremde Hilfe in den Himmel gefahren. Das glauben Millionen von Menschen und feiern jedes Jahr die Himmelfahrt, … ein hoher Feiertag, auch für die Menschen, die das nicht glauben. Selbst diese verschwinden morgens mit anderen Ungläubigen, kommen aber spätabends bestens gelaunt wieder zurück.
12h 15 Nowosibirsk
»Kogda vremya, Mikhael?« übersetzt »Wann ist es soweit, Michael?«
Wladimir und Mikhael löffeln eine russische Borschtsch-Suppe. Beide haben ihre Köpfe knapp zehn Zentimeter über ihrem Suppentopf positioniert. Die Schlagzahl kann so auf drei Löffel in fünf Sekunden erhöht werden. Während der spärlich geführten Unterhaltung sind ihre Augen auf die Borschtsch-Suppe fokussiert. Sie ignorieren auch das gepflegte Umfeld des Edel-Restaurants Baranzhar inmitten der sibirischen Stadt Nowosibirsk, nahe dem Fluss Inya, der Tausende Kilometer weiter ins Nördliche Eismeer mündet. Allen Bemühungen zum Trotz ist es eine trostlose Gegend geblieben, umgeben von grenzenloser Taiga und Tundra. Der Blick in die Ferne erfriert und findet nichts Versöhnliches, ähnlich der Ecru-Grundierung eines Landschaftsbildes, dessen Maler aus Motivlosigkeit vorzeitig den Pinsel abgegeben hat. Aber, Nowosibirsk ist eine wichtige Station der Transsibirischen Eisenbahn und der Turkestan-Sibirien-Bahn. Der Hauptbahnhof Nowosibirsk-Glavny hat viele Verbindungen nach Westen, Richtung Moskau und nach Südwesten, Richtung Arabien, Persien und in die Türkei. Von dort gehen Verbindungen zu den europäischen Ländern, auch nach Deutschland über den Balkan und Österreich. Die Verbindung Salzburg-München mit Halt in Rosenheim ist eine Schlüsselstrecke. Man muss heute keine Lokomotiven mehr tauschen, aber in Rosenheim befindet sich das Hauptzollamt, Importkontrolle.
Aktuell ist es angenehm warm mit 22 Grad, an diesem ersten Tag im August 2008. Wärmer wird es im Sommer nur selten. Kälter schon eher, vor allem im Winter mit bis zu minus 40 Grad Celsius und darunter. Will man den arktischen Temperaturen etwas Positives abgewinnen, dann, dass niemand an den Gartenzaun pinkelt. Zur Auflockerung kann man sich mit Experimentalphysik vergnügen und kochendes Wasser in die Luft schleudern, um es schlagartig in Eispulver zu verwandeln. Gut, das macht man zweimal pro Tag, ganz nett, aber was dann? Antwort: nicht viel. Das Meer ist Tausende von Kilometern weg, Berge komplette Fehlanzeige. Zugegeben, Tierfreunde haben Gelegenheit, Bären, Füchsen und Vögeln aufzulauern, und zwar im Naturkundemuseum. Dort kann man in Ruhe ausgestopfte Tiere beobachten und nebenbei einen kleinen 0,5-Liter-Becher Wodka2Go schlürfen. Im Nebenraum erfreuen Bilder von Sternen und Galaxien das Herz und das Modell eines Schwarzen Lochs. Wie gesagt, nur ein Modell, sonst wäre der Wodka ratzfatz weggesaugt.
Vermutlich muss man in Nowosibirsk geboren werden und dort aufwachsen, um freiwillig hier leben zu wollen. So, wie das Topmodel Sofia Steinberg oder Wladimir und Mikhael. Beide sind ungehobelte Kerle im Alter von 25 und 29 Jahren und verdienen ihr Geld als Todessöldner. Ihre spezifischen Fähigkeiten sind in einem geheimen Register gelistet, auf das die dunklen Mächte mehrerer Geheimdienste Zugriff haben. Wladimir und Mikhael kennen sich von vielen gemeinsamen Einsätzen. Den letzten in Omsk vor gut zwei Monaten haben sie wie immer kaltschnäuzig abgewickelt. Dazu gehört auch, dass sie keine Spuren hinterlassen, außer verleumderische, wie in Omsk. Aber mehr aus galaktischen Gründen gönnen sie sich heute vom fürstlichen Lohn ein Mittagessen in Nowosibirsk.
»V tri chasa!« übersetzt »Um drei Uhr!«
Mikhael unterbricht kurz sein Löffelstakkato und antwortet auf Wladimirs Frage. Dann sind beide fertig mit dem Borschtsch, vermutlich in Rekordzeit, wie man den entsetzten Augen des Obers Sergej Popov entnehmen könnte. Sie wischen sich den Mund am Hemdsärmel ab und schieben die Suppentöpfe in die Mitte des geschmackvoll dekorierten Tisches. Restaurantbesitzer Nikita Borsov ist froh, dass heute Freitag ist und nicht Samstag oder Sonntag. Dann wäre sein Baranzhar mit vielen Stammgästen besetzt und die beiden Rabauken könnten zu einem ernsten Problem werden. Sorgenvoll beobachtet er die beiden seit mehreren Minuten durch ein Bullauge der Küche. Nikita ahnt, dass sie zu den Organisationen gehören, zu denen man tunlichst Abstand hält, nichts hinterfragt und so tut, als ob alles normal wäre. Sein Personal hat er schon angewiesen, nachher alle Tische mit einem Schild ZarezervirovanaübersetztReserviert vor weiteren ungebetenen Gästen zu sichern. Seine Hoffnung, dass beide bald fertig sein werden, mit Fressen und Saufen, erfüllt sich nicht. Laut Mikhael haben sie noch Zeit bis drei Uhr, also noch fast zwei Stunden. Sergej Popov lässt die Suppentöpfe abservieren und wartet formvollendet am Tisch auf die weitere Bestellung. Zweimal Plov, eine Flasche Wodka kritzelt er in seinen Block und verschwindet in die Küche, nicht ohne Sofia, die mit ihrem Manager zu Gast ist und zwei Tische weitersitzt, einen verzweifelten Blick zuzuwerfen. Sofia schmunzelt nur. Man kann nicht sagen, dass die beiden nichts von gutem Essen verstehen. Plov, oder auch Pilaf genannt, hat es sogar auf die UNESCO-Liste der Weltkulturerben geschafft. Dabei ist es ein simpler Eintopf aus Lamm- und Rindfleisch, welcher eine Stunde lang weichgekocht wird, bevor die ›Kacy‹, eine lokale Wurst, hinzukommt. Plov kann man also genauso schnell mit dem Löffel wegputzen wie Borschtsch, vorausgesetzt, man ist ein russischer Prolet, so wie Wladimir oder Mikhael. Danach fressen sie noch Shaslyk und Piroschki, frittierte Teigtaschen, gefüllt mit Kartoffelpüree und gedämpftem Kohl. Dazu noch etwas Wodka. Wladimir sieht auf die Uhr, rülpst und winkt dem Ober mit rüder Geste.
***
9h 30 München
Die Tasse Espresso mit Schaumkrone und der Blick über die Dächer von München erwärmen sein Herz. Rick ist soeben aufgestanden und räkelt sich vor dem Panoramafenster seines Lofts im Münchner Stadtteil Lehel.
Der heutige Freitag erzeugt Vorfreude auf das bevorstehende Ereignis und auf das Wochenende. Rick ist aufgeregt, weil Samantha, seine Freundin und Nachbarin, in einer halben Stunde hochkommen will. Sein übergroßer LCD-Bildschirm sollte, so Petrus will, betörende Bilder liefern.
Die Vorfreude auf ein anderes Ereignis, die Eröffnung Olympia 2008 in Peking nächste Woche, ist gedämpft. Das Thema Menschenrechte liegt wie sozialer Smog über den Wettkampfstätten. Überdies lähmen verstörende Meldungen das Interesse an dieser Veranstaltung. Laut der staatlichen Nachrichtenagentur Xinhua sollen Extremisten ein Sprengstoffattentat vorbereitet haben. Ohne viel Federlesens wurden in Xinjiang viele Uiguren erschossen. Man fand zwar kein chemisches Sprengmaterial, aber sozialen Sprengstoff in Form gefährlichen Gedankenguts. Wen wundert’s, dass die Begeisterung für Beijing 2008 nicht so richtig in Schwung kommen will. Auch Rick spürt nicht die Euphorie auf den größten Wettkampf der Welt, die Besten zu finden und in den olympischen Adelsstand zu heben. Vor vier Jahren in Athen war das anders.
***
15h 00 Nowosibirsk
Im Juni haben Wladimir und Mikhael in Omsk einen gut bezahlten Auftrag einer israelischen Untergrundorganisation erledigt. Vom fürstlichen Sold und aus gegebenem Anlass haben sie sich heute ein angemessenes Sternemenü im Baranzhar gegönnt.
Jetzt haben sie das Restaurant verlassen und sich auf den Leninplatz begeben. Nach alt-kommunistischer Manier stehen dort stimmungsdämpfende Betonstatuen: Wladimir Iljitsch Lenin, umrahmt von drei wild entschlossenen Soldaten. Da hilft es auch nicht, dass sich hier die Staatliche Oper und das Ballett befinden.
Der Leninplatz ist jetzt mit Hunderten von Menschen gut gefüllt. Sie sehen nach oben, in den Himmel, und hoffen, dass sich die letzten Wolken noch verziehen werden. Sie haben Glück, die Menschen auf dem Leninplatz. Der Himmel hat sich aufgeklart. Die Einwohner von Nowosibirsk können jetzt den Mond erkennen, der im oberen Eck der Sonne in die Szene eintritt. Jetzt trifft die Schwarze Sonne, die Eklipse, auf die Nordwestküste Sibiriens. Kurz vorher berührte sie Nowaja Semlja, eine Doppelinsel im Nordpolarmeer, die schon einmal einen schwarzen Tag erlebt hat, am 30. 10. 1961, als die Russen die größte Wasserstoffbombe aller Zeiten zündeten.
Der Kernschatten des Mondes rast jetzt mit Schallgeschwindigkeit auf Nowosibirsk zu. Noch pfeifen die Spatzen am Leninplatz. Es ist hell, angenehme 22 Grad warm.
***
15h 35 Nowosibirsk
Die Sonne verschwindet. Der Kernschatten des Mondes erreicht die Stadt. Er verdunkelt sie für über zwei Minuten und lässt die Temperatur auf 17 Grad absinken. Die Spatzen hören auf zu pfeifen. Stille. Dunkelheit. Gespenstisch. Nur wer es miterlebt hat, kann verstehen, wie verstörend die Schwarze Sonne auf die Naturvölker gewirkt haben muss. Meist wurde sie als Zorn der Götter interpretiert und mit Opfergaben besänftigt.
Heute wissen wir mehr, vom Teufelskerl Mond. Er ist zwar 400-mal kleiner als die Sonne, aber 400-mal erdnäher als die Sonne. Deshalb kann er die strahlende Diva einfach verschwinden lassen und deshalb hören die Spatzen in Nowosibirsk auf zu pfeifen. Nach gut zwei Minuten ist die Vorstellung vorbei. Es wird wieder heller und wärmer, die Spatzen tschilpen wieder. Der Kernschatten erreicht jetzt die Seidenstraße und die Große Mauer und dann gehts ab ins Weltall: Goodbye, Eclipse.
Wladimir und Mikhael verschwinden unauffällig über die Sovetskaya. Es war OK, finden sie, … vor allem der Borschtsch.
Omsk
Es ist 21 Uhr und eine gespenstische Atmosphäre breitet sich aus, weil es kühl geworden ist und sich bodennaher Nebel gebildet hat. Zur gruseligen Stimmung passen das alte Bahnhofsgebäude aus dem 19. Jahrhundert und die vergilbten Strahler, die das Gleiswirrwarr auf dem Omsker Rangierbahnhof nur spärlich beleuchten.
Fjodor Tretkow und Pavel Borev stehen mitten im Gleisgelände neben einem Güterwaggon, der, wie die beiden 20-jährigen Hilfsarbeiter, auf die Transsibirische Eisenbahn wartet. Die Wartezeit vertreiben sich Fjodor und Pavel mit einer Flasche Wodka und einer Schachtel Cosmos-Zigaretten. Den Güterwaggon, der vor drei Stunden aus Orano in Kasachstan angekommen ist, haben sie, in noch halbwegs nüchternem Zustand, mit einem Frachtschein >YCO 5.7.11< versehen, … so der Auftrag.
Der transsibirische Zug ist vor drei Tagen in Wladiwostok losgefahren. Am Bahnhof von Irkutsk wurden fünf Waggons mit der Aufschrift YCO 5.7.11–15 angekuppelt. Es ist das beste Cadmium der Welt, aus dem Wiljui-Fluss aus Sibirien, und wird YCO abgekürzt: Yellow Cadmium Original. Die Zusatzdaten geben Hinweise auf das Datum und die Anzahl der Waggons. Das Material wurde am 5. Juli im Auslieferungslager Yakutsk bereitgestellt und in fünf Waggons Nr. 11–15 verladen.
Endlich. Eine etwa 150 Meter entfernte Gleisampel schaltet auf Grün. Im dichten Dunst nur als diffuse, wabernde Lichterscheinung wahrnehmbar. Es ist so weit! Fjodor und Pavel schnippen ihre Zigaretten weg und werfen die leere Wodkaflasche klirrend unter den Güterwaggon.
München
Es ist ein Tag mit vielen internationalen, nationalen und lokalen Ereignissen:
Angelina Jolie und Brad Pitt bekommen Zwillinge.
Backstage-Luder Sienna Miller zeigt sich oben ohne.
Klitschko gewinnt WM-Kampf gegen Tony Thompson.
Israels Olmert bespricht Siedlungen mit PLO Abbas.
Klinsmann macht sein erstes Spiel als Bayerntrainer.
Mick Hucknall hat Auftritt auf dem Tollwood-Festival.
CSU-Chef Erwin Huber sagt Nein zu Jamaika.
Kent Nagano leitet Konzert auf dem Max-Joseph-Platz.
Jüdische Synagoge am St.-Jakobsplatz wird eingeweiht.
Das Café Magnifique ist bereits seit 10 Uhr voll besetzt. Glücklicherweise hat Samantha schon vor Tagen den Stammtisch im hinteren Eck des Cafés reserviert. Eigentlich war auch Rebecca eingeplant, aber sie wurde zusammen mit ihrem Chef zum Beobachtungsschutz in die jüdische Synagoge am Sankt-Jakobs-Platz eingeteilt. Dort findet heute eine groß angelegte Feier anlässlich der Eröffnung statt. Neben Presse, Funk und Fernsehen sind viele Prominente aus Politik und Wirtschaft geladen, die Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland und zahlreich vertreten die Jüdische Gemeinde München.
Das mächtige Gebäude erinnert an die Klagemauer in Jerusalem. Ein sechs Meter hohes Hauptportal, in das zum Gedenken an die Zehn Gebote die ersten Buchstaben des hebräischen Alphabets eingemeißelt sind, führt in das Innere der Synagoge. Von dort erreicht man über einen dreißig Meter langen Gang den Gebetsraum, der mit Zedernholz aus dem Libanon und hellem Jerusalem-Stein ausgekleidet ist und bei Sonneneinfall in warmen gelborangen Farbtönen erstrahlt. Besonders auffällig: die eingearbeitete Klagemauer. Dort lässt sich die Prominenz ablichten und gibt Interviews in die zahlreichen Mikrofone von Presse und TV. Ähnlich dem Schaulaufen bei einer Hollywood-Preisverleihung. Nur dass jene Prominenz auffälliger angezogen ist als die heutige hier. Bei ethnisch-kolorierten Anlässen zeigt man sich hierzulande angemessen in modebefreiten Zwirn. Es passt dann ganz gut, dass die fehlende Sonne das gelborange Farbenspiel nicht zur Geltung kommen lässt.
Vor ein paar Wochen haben die vernetzten Geheimdienste aus Deutschland und den USA verschlüsselte Nachrichten dekodiert, die unter anderem Textfragmente wie YCO enthielten. Die Akronym-Spezialisten des CIA interpretieren YCO mit Yellow Code Olympia, eine verklausulierte Botschaft an palästinensische Terrorzellen. Ziel: Anschlag auf die israelische Synagoge während der Feierzeremonie in München. Das bayerische Innenministerium setzte DefCon2 in Kraft, also engmaschige Abschirmung der Synagoge, erkennbar hohe Polizeipräsenz und verdeckte Beobachter. Hierzu gehören auch Rebecca und Hubert. Sie saßen drei Stunden in ihrem 5er BMW und beobachteten das Vorfeld der Synagoge bezüglich auffälliger Subjekte. Aber außer, dass der Fußraum ihres BMWs mit Pistazienschalen zugemüllt wurde, ist nichts Besonderes passiert. Die Feierstunde in der Synagoge verlief ohne Auffälligkeiten und ohne Zwischenfälle.
***
Etwa zur selben Zeit erhält Shixin Chan eine Nachricht, die sein komfortables Leben in München beendet. Es ist die zweite große Zäsur in seinem Leben.
Shixin wurde am 27. 07. 1978 im Südwesten Chinas, in Chengdu, geboren. Es ist das Land, in dem die letzten Pandabären leben. Schon als Kind faszinierte ihn die ruhige Lebensweise der Bären, die den ganzen Tag nur rumliegen und an Bambusstäbchen knabbern. Selbst der Fortpflanzungstrieb kann ein Pandamännchen im besten Mannesalter nicht aus der Ruhe bringen. Wen also wundert’s, dass sie vom Aussterben bedroht sind? Die Tierpfleger in der Panda-Aufzuchtstation Chengdu versuchen, sie vor diesem Schicksal zu bewahren, mit allen Mitteln. Vor Jahren begannen sie mit Schubsen in Richtung des Weibchens. Dabei ist das Männchen regelmäßig umgefallen und hat, auf dem Rücken liegend, weiter Bambus geknuspert. Dann waren medizinische Hilfsmittel an der Reihe, also Stärkungsspritzen, hoch dosierte Tabletten zur Erektionshilfe und Aphrodisiaka. Der einzig messbare Effekt war, dass die experimentierfreudigen Tierpfleger Hitzewallungen bekamen und in dieser Forschungsphase früher nach Hause gingen als sonst und am nächsten Tag etwas später zur Arbeit kamen als sonst. Am Ende der Versuche war nur eine Methode einigermaßen erfolgreich: Sexfilm mit Panda, genauer gesagt, ein Pandapärchen beim gemeinsamen Rumkugeln im Laubwald, und ganz wichtig, dazu Musik von Dean Martin Amore.
Shixin Chan war mehrmals pro Woche in der Aufzuchtstation. Er wollte auch Tierpfleger werden. Außerdem bekam er dort kostenlose Aufklärung, die in seiner Familie tabu war. Als er allzu auffällig die 3F-Methode Fressen-Fernsehen-Faulenzen praktizierte, wurde es Vater Jackie, ein renommierter Budo-Action-Schauspieler, zu bunt. Er rief seinen Kollegen Chuck an, der neben Rollen in Hollywood-Filmen als Ausbilder im Shaolin-Kloster tätig war und schon mit dem Großmeister Bruce zusammengearbeitet hatte. Er sollte aus der Labberhose eine Kampfmaschine machen, so, wie er selbst eine ist. Chuck ist eine Koryphäe in Shaolin Kung Fu.
Für Shixin war es die erste große Zäsur in seinem Leben. Shaolin bedeutet kleiner Wald. Das geht noch. Da war er schon. Und dort hatte er noch ein F zu den 3F hinzugelernt. Er beherrschte also das 4F. Und das 4F ging ganz gut, auch ohne Schubsen und ohne Dean Martin. Aber das andere Wort Kung Fu, also hart arbeiten, kam in seinem Vokabular bisher nicht vor.
Nach 5-jähriger Ausbildung wog Shixin 67 kg, also 9 kg mehr an Muskelmasse, und er war stolzer Inhaber des dritten Meistergrades in Shaolin Kung Fu. Mit Hilfe seines berühmten Vaters bekam er Rollen in C-Movies, unter anderem Die fünf Gräber der Shaolin oder Die sieben Schlüssel der Shaolin oder Die neun Türen der Shaolin. Egal, er war jung und brauchte das Geld. Hinzu kam ein angenehmer Nebeneffekt, denn die Geishas waren jetzt hinter dem Milchbubi her, der alle im Kampf mit Hand und Fuß dahinmetzelte, egal wie viele es waren. Aber auch andere wurden auf ihn aufmerksam, leider nicht Stephen Spielberg oder Ridley Scott, sondern eine Abgesandte von Jia Chunwang, dem Minister im chinesischen Geheimdienst. Als die stattliche Mittvierzigerin dem kleinen Schlucker Shixin die Hand reichte, ist ihr spontan die Milch eingeschossen. Aber sie erkannte sofort, Shixin ist der perfekte Guójiā-Sleeper im Ausland. Sein kindliches, bartloses Gesicht bringt niemand mit einer Kampfmaschine oder einem Superagenten oder mit Killerinstinkt in Verbindung. Eigentlich, wenn er so dasteht, wie ein eingeschüchterter Ministrant, traut man ihm gar nichts zu, auch nicht die Kunst des 4F.
Im Jahr 2002 wurde er vom Ministerium für Staatssicherheit Guójiā Ānquánbù verpflichtet und zu einem vakanten Auslandsdienst nach München geschickt. Er besuchte das Goetheinstitut und bekam ein Stipendium der CSU-nahen Hanns-Seidel-Stiftung, weil er so gut Bayrisch sprechen konnte. Besonders das >host me< konnte er besser aussprechen als der Oberbürgermeister. Schwierigkeiten hatte er nur mit dem ausgeprägten, rollenden R der Bayern. Andersrum wurde sein Name Shixin in Bayern missverstanden: Eine >Schicks’n< ist ein lasterhaftes Luder. Beiläufig hat er deshalb jedem die korrekte Aussprache mitgeteilt: >Schischin< und seine ehrenhafte Bedeutung: Der mit einem Löwenherz kämpft.
Um sein Leben in München zu tarnen, hat er sich an der Universität als Student der Biologischen Anthropologie, also der Lehre vom Menschen, immatrikuliert. Dort gab es keinen Numerus clausus, und außerdem ist das Thema ganz interessant, auch weil diesen Studiengang viele multikulturelle Studentinnen besuchen. Überdies will Shixin wissen, in welchem biologischen Verwandtschaftsgrad er zu Pandabären steht. Die darwinsche Evolutionstheorie schweigt sich hierzu aus.
So hatte Shixin sechs Jahre lang ein angenehmes Leben. Er erinnerte sich sogar wieder an die 3F-/4F-Regel. Nur, in Bayern haben chinesische Lover keinen großen Bekanntheitsgrad, sie werden eher bedauert und in dümmlichen Saunawitzen durch den Kakao gezogen. Also lebte Shixin mehrheitlich allein, ohne 4F und die damit verbundenen amourösen Abenteuer, und zurückgezogen, also konform der Guójiā-Regeln: keine Aufmerksamkeit erzeugen, minimale Kontakte. Fünfmal die Woche ging er in die Muckibude McBody in Sendling, um seine Kampffähigkeiten muskulär zu erhalten, und dreimal die Woche ins Münchner Dojo von Norbert Ponzé, einem Martial-Arts-Großmeister, den er als väterlichen Freund verehrt. Norbert ist Mitglied der GSG9-verwandten Special Squad des Bayerischen Sicherheitsdienstes. Norbert musste Shixin nur noch feintunen. Er war sein bester xué shēng, ein Jahrhunderttalent. Lediglich beim Saufen nach dem Training zeigte er Schwächen, das Rauchen hat er schnell erlernt. Zu Hause bei Norbert durfte er Marlboro rauchen. Es machte ihm auch immer mehr Spaß, obergäriges Weißbier zu trinken und danach laut zu Lülpsen.
In der Sichuan-Provinz ist aber auch Essen sehr wichtig. Trotzdem hat Shixin nur ein einziges Mal für Norbert gekocht. In der Sichuan-Küche kommt der getrockneten Chilischote große Bedeutung zu. Sie hat eine feine Zitronen-Kopfnote und ihre 295.000 Scoville umschmeicheln den Gaumen mit einer höllisch brennenden Taubheit. Sein absolutes Lieblingsgericht Ma La Huo Guo nach einem Rezept seiner Großmutter heißt übersetzt auch betäubende Schärfe. Er musste es aber gar nicht übersetzen.
Doch dann kommt diese Nachricht, eine verschlüsselte E-Mail auf seinem CDN-Netzwerk, dem China Dark Net. Darin enthalten die Parole xing lái, … Aufwachen!
Shixin hat ganz vergessen, dass er eine Aufgabe als Superspion und Exekutionsmaschine hat. Ein flaues Gefühl macht sich in seiner Magengrube breit. Es ist das erste Mal, dass sich seine Heimat meldet und den Sleeper aus seinem sechsjährigen Dornröschenschlaf reißt. Zunächst weiß er nicht, was es bedeutet und was auf ihn zukommt. Er öffnet die Zimmertür und blickt den Gang entlang. Dann schließt er sein Zimmer ab, lässt die Rollos runter, klebt einen Sticker auf die Laptop-Kamera und nimmt sein TV-Gerät vom Netz, ebenso sein Smartphone. So steht es in der Dienstanweisung, die er aus einem kleinen Safe holt. Darin liegt ein anderes Smartphone Marke Rengouwei, welches er problemlos in Betrieb nimmt. Gut, dass Deutschland eine chinesische Mobilfunk-Infrastruktur hat. Es macht die Dinge einfacher für den Guójiā Ānquánbù, den chinesischen Spionagedienst. Tolle Idee, so eine Globalisierung. Mehrere Stunden stiert Shixin in seinen Laptop und überfliegt seitenweise FYEO-Informationen, die in Mandarin-Quellcode über das CDN laufen. Er versteht noch nicht alles, nur so viel, dass es offensichtlich um ein Projekt geht mit Code YCO, also Yellow Cadmium Omsk. CDN vermutet einen Zusammenhang mit einer großen Lieferung der Transsibirischen Eisenbahn aus Nowosibirsk über Lanthanoide, um gelbes Cadmiumsulfid nach Europa zu bringen, davon 40 % nach Deutschland, genauer gesagt nach München. Laut CDN könnte die Lieferung auch in Omsk ergänzt und als YCO getarnt angeliefert worden sein. Das würde die außerplanmäßig lange Standzeit des Güterzuges in Omsk erklären. Es ist die erste Aufgabe von Shixin, die Hintergründe dieser verwirrenden Codes in München aufzuklären. Hierzu wird ihm CL2-Level gewährt, also Töten im Bedarfsfall, aber ohne Spuren, die nach Peking weisen. Er ist auf sich allein gestellt.
Shixin kniet sich hin und entfernt zwei Bohlen des Laminatfußbodens. Dort liegt eine graue, längliche Metallbox, die er mehrere Sekunden wie hypnotisiert anstarrt, bevor er sie aus dem Versteck holt und vor sich auf den Fußboden legt. Sie ist nicht groß, aber sie wiegt etwa 10 kg. Am liebsten hätte er sie wieder im Boden versenkt, auf Nimmerwiedersehen. Aber das würde er vermutlich nicht lange überleben. Zu gut kann er sich noch an die Lehrgänge der Staatssicherheit Guójiā Ānquánbù erinnern, auch wenn sie schon sechs Jahre zurückliegen. Dort wurde anschaulich gezeigt, was Volksverrätern und Deserteuren blüht. Noch mal tief durchatmen. Dann nimmt er sich ein Herz und pustet über den verstaubten Deckel. Ein Fehler, Shixin bekommt einen Hustenanfall, stolpert zum Spülbecken seiner kleinen Einbauküche, trinkt hektisch Wasser aus dem Hahn und setzt sich dann wieder vor die Metallkiste. Mit ekelverzerrter Miene wischt er den Dreck vom Deckel. Jetzt erkennt er den Bajonettverschluss. Dieser lässt sich öffnen, wenn der daneben angebrachte mechanische Code richtig eingegeben wird. Es ist dieselbe Zahlenfolge wie die PIN seines Rengouwei-Mobiltelefons, 5711. Für den Bajonettverschluss muss er es anders lesen, 5–7–11, also Primzahlen, die in der chinesischen Mythologie eine große Rolle spielen. Das Produkt ergibt zum Beispiel 385 und soll bedeuten 365 Tage der Arbeit plus 20 Monde der Meditation. Diese Bedeutung ist Shixin im Gedächtnis geblieben. Damals korrigierte er vorlaut seinen ehrwürdigen Lehrmeister, weil er meinte, dass es andersrum richtig ist, nämlich 365 Monde des Nichtstuns und 20 andere Tage. Zur Strafe musste Shixin die 1.000 Stufen der Bodhidharma-Höhle dreimal rauf- und runterlaufen.
Langsam öffnet er den Deckel, um zu sehen, was er eigentlich nicht sehen will:
10 Beutel Trocknungspulver
6 Schachteln Munition
3 Revolver, alle ohne Seriennummer:
ein handlicher Colt M1908-Vest-Pocket aus Amerika
eine rustikale TT-33 aus Russland
eine moderne Walther PPQ22 aus Deutschland
Guójiā Ānquánbù vermutet eine russische Quelle im Schulterschluss mit radikalen Palästinensern. So stand es im CDN-Bericht. Die Anweisung an den Guójiā-Sleeper lautet, die russische TT-33 einzusetzen. Wie er es hasst, diese feige Tötung mit Schusswaffen jeder Art. Es hat mit Ehre und Edelmut eines Shaolin nichts zu tun, aber es ist die brutale Realität eines Guójiā. Shixin ist jetzt beides. Ein unvereinbarer Konflikt? Es macht ihm Angst, dass er seinen väterlichen Freund Norbert nicht mehr sehen und ihm auch keine Nachricht übermitteln darf. Was aber, wenn er auf ihn schießen müsste. Würde er es tun oder würde er sein Land verraten und seinen Auftrag sabotieren? Sein gemartertes Hirn spielt den Lehrgangsfilm der Staatssicherheit über das Schicksal von Volksverrätern und Deserteuren ab, in Zeitlupe. Shixin wird schlecht schlafen in dieser Nacht. Weil es als bar-Nachricht klassifiziert ist, also burn-after-reading, wirft Shixin die xing lái Nachricht und alle geladenen Informationen in den elektronischen Guójiā-Papierkorb. Seine Mimik verfinstert sich. Er fährt seinen Laptop runter und legt sich aufs Sofa. Sein Blick ist auf die TT-33 gerichtet. Lange Minuten. Dann schließt er seine Augen. Die unheimliche Dunkelheit ist jetzt angenehmer als die sichtbare Realität.
***
Tel Aviv
Etwa zur selben Zeit steigen unabhängig voneinander fünf Männer am Ben-Gurion-Flughafen von Tel Aviv in einen Linienflieger, einen Airbus 320 mit Ziel München. Sie sind als harmlose Touristen getarnt, aber es sind knallhart ausgebildete Mossad-Kämpfer des israelischen Geheimdienstes. Ihre Sitzplätze sind unauffällig quer über den Passagierraum verteilt. Als der Purser boarding completed meldet, suchen sie Blickkontakt zueinander, um zu kontrollieren, ob auch alle an Bord sind. Dies bemerkt ein deutscher Passagier, der gerade die Toilette verlässt, stehend die Szene überblickt und als verdächtig einstuft: Werner Hinz aus München, Stadtteil Lehel. Er dreht sich um die eigene Achse, geht in den Bordküchenraum, der mit einem Vorhang vor Blicken geschützt ist, und berichtet von der Auffälligkeit. Um sich selbst ein Bild zu machen, schiebt Markus Hamann vorsichtig den Vorhang einen kleinen Spalt zur Seite. Hamann ist der verantwortliche Purser auf diesem Flug. Sieht soweit alles normal aus. Trotzdem geht er ins Cockpit und informiert den Piloten Peter Herzog. Als Kapitän darf er keinen Fehler machen. Es sind 213 Passagiere und 5 Besatzungsmitglieder an Bord und er hat die Verantwortung für diese Leute, solange sie auf seinem Flugzeug sind. Erkennbar genervt löst er den Dreipunkt-Sicherheitsgurt und schält sich aus dem Pilotensitz.
»Wie heißt denn der selbsternannte Sky-Marshal?«
»Hinz, Käpt’n.«
»Guten Tag, Herr Hinz. Ich bin der Kapitän auf diesem Flug. Können Sie uns sagen, auf welchen Plätzen Sie eine Beobachtung gemacht haben?«
Nichts leichter als das, für Werner Hinz. Er ist ungeliebter Champ bei abendlichen Gesellschaftsspielen, wie Mastermind oder Schiffe versenken. Aber Werner ist nicht unbeliebt, weil er Witz und Humor hat. Allerdings redet er ein bisschen viel für Münchner Verhältnisse. Seinem Sitznachbarn auf 21A hat er bereits mitgeteilt, dass der Mensch die einzige Lebensform ist, die beim Fliegen warm essen kann. Nur, jetzt ist nicht die Zeit für Kurioses. Er muss überzeugen. »3F, 7B, 12B, 12F, 14C«, antwortet Hinz wie aus der Pistole geschossen. Hektisch kritzelt Hamann die Nummern auf einen Zettel. Die Besatzung schaut verunsichert aus der Wäsche. Doch ein Spinner? Was sollen sie tun? Angelika Sommerfeld, die Chefstewardess, geht die Passagierliste durch.
»Alle fünf sind Israelis, … drei kommen aus Tel Aviv, einer aus Haifa und einer aus Ashdod.« Die Chefstewardess legt die Liste auf das Sideboard.
»Also fünf Verdächtige, Herr Hinz?«
»Ja, Käpt’n!«
»Sind Sie sicher, dass Sie keinen übersehen haben?«
»Ja, Käpt’n!«
»Auf welchem Platz sitzen Sie denn, Herr Hinz?«
»21B, Käpt’n!«
»Was haben Sie denn in Israel gemacht?«
»Ich bin vor einer Woche angekommen. Am Samstag habe ich im Toten Meer gebadet. Ich leide etwas an Psoriasis, sollten Sie wissen. Meine Hautärztin meinte, dass mir ein mineralisches Bad in Meersalzwasser guttun würde. Ich war erstaunt, wie hoch der Salzgehalt …«
»… ja weiter, Herr Hinz … haben Sie denn acht Tage lang gebadet?«
»Nein, Käpt’n, hahaha. Natürlich nicht. Am Sonntag war ich in Jerusalem an der Klagemauer und am Ölberg und in …«
»Sie haben also eine Woche Urlaub gemacht?«
»Nein, Käpt’n, ich habe die ganze Woche gearbeitet.«
»Ja, was denn, Herr Hinz, was denn? Was sind Sie denn von Beruf?«
»KI-Experte.«
»Und weiter?«
»Ich habe in Haifa die Steuerung unbemannter Objekte kalibriert. Mehr darf ich Ihnen hierzu leider nicht sagen. Geheimsache, Käpt’n.«
»Soso … und Sie wohnen in München, Herr Hinz?«
»Ja, seit einem Jahr. Ich bin von Düsseldorf nach München gezogen und hab mir schon einen Tegernseer Trachtenanzug ge …«
»Ja, ist gut, Herr Hinz … gehen Sie jetzt bitte ruhig und unauffällig auf Ihren Platz.«
Die Crew ist mehr als verunsichert. Dumm scheint er ja nicht zu sein, aber er hat ein übersteigertes Mitteilungsbedürfnis. »Ein Rheinländer«, ist der lapidare Kommentar des Pursers. Herzog wartet ein paar Minuten, nimmt Hamanns Zettel und dann das Mikrofon von der Wand.
»Good morning, Ladies and Gentlemen, your Captain speaking. Due to increased security requirements at Tel Aviv Airport, we are obliged to take ten randomized checks of hand baggage. Today: Passengers with seat numbers 2A, 3F, 5A, 7B, 10A, 12B, 12F, 13B, 14C and 21B. Please make your hand baggage ready for inspection. Thank you for your cooperation and sorry for any inconvenience. I wish you a pleasant flight.«
Die fünf Mossad-Kämpfer stehen langsam auf, ebenso die vier zufällig gewählten Passagiere und Werner Hinz. Hamann inspiziert das Bordgepäck, Herzog beobachtet die Szene, vor allem die fünf Israelis. Nachdem alles ohne Auffälligkeiten beendet ist, setzen sich alle wieder hin. 3F dreht sich um in Richtung 7B, dieser zu 12F und dann zu 21B. Kapitän Herzog beobachtet die Szene durch den Vorhang. Er startet die Maschine und wartet ab, bis sie außerhalb des israelischen Luftraums sind. Dann meldet er die fünf verdächtigen Personen und Werner Hinz an die deutsche Flugsicherung. Als die Passagiere in München die A320 verlassen, spricht 3F die Stewardess am Ausgang an. Es ist ein Ablenkungsmanöver für 7B, der unbemerkt die Passagierliste vom Sideboard verschwinden lässt. Draußen machen sie einen Kreis um 21B.
***
Omsk
In einem verlassen abgestellten Güterwaggon in Omsk hat man die Leichen von zwei jungen Russen gefunden: Fjodor Tretkow und Pavel Borev. Ihnen wurde brutal die Kehle durchgeschnitten. Die staatliche Spurensicherung hat sehr schnell den Schuldigen identifiziert, der israelische Mossad. Tötungsmethode und Materialherkunft der Drahtschlinge waren verräterisch.
***
Moskau
Am Flughafen Scheremetjewo2 verstecken sich drei finster blickende Männer in einer Antonow-Turboprop-Frachtmaschine und warten auf die Startfreigabe Richtung München. Der Cargo-Flieger hat konventionelle Waren aus Fernost an Bord. Es ist ein planmäßiger Flug. Der KGB konnte die Nachricht YCO nicht sicher entschlüsseln. Man einigte sich schließlich auf Yellow Concert Offense, also eine konzertierte Aktion zur Vorbereitung eines Vergeltungsschlags gegen ethnische Gruppen, Verdacht antisemitische Radikale. Offensichtlich wollte der Mossad zwei gefährliche Mitwisser aus dem Weg räumen, … so jedenfalls der kurze Bericht des KGB an die Führungsetage des Kreml.
Aber was sollten die beiden Analphabeten Fjodor Tretkow und Pavel Borev schon gewusst haben? Sie waren in keinerlei Informationen eingebunden und sollten einfache Waggonarbeiten am Umschlag-Güterbahnhof Omsk durchführen. Im Kreml will man das Abmurksen russischer Bürger auf heimischem Boden auf keinen Fall unbeantwortet lassen. Sie sind gewohnt, so etwas selbst zu machen, und sie sind in diesem Fach nicht auf fremde Hilfe angewiesen. Dann wären die beiden Jungs in feiner Tradition vergiftet worden und nicht so brutal und herzlos abgeschlachtet, nach billiger Mafia-Art. Aber, so ist es halt. Andere Länder, andere Sitten.
***
München
Etwa um diese Zeit kommt Rebecca ins Café Magnifique. Am Tag der Arbeit hat Jess, die Chefin des Bistros, wieder passende Musik zusammengestellt, aktuell Geier Sturzflug mit Bruttosozialprodukt.
Rick und Samantha sind heute länger im Bistro geblieben. »Hey Rebecca, na, wie war’s?«
»Alles ruhig verlaufen, eher langweilig. Aber Gott sei Dank. Da hat wohl jemand im Ministerium die Nerven verloren. Was gibts denn noch zu essen? Ich hab mächtig Kohldampf.«
»Rebecca, außer Lachsschnitten ist alles noch da«, retourniert Jess, die gerade an ihrem Tisch vorbeigeht. »Ich bring dir eine kleine Auswahl Tapas und Snacks und ein Glas Sauvignon.«
Rebecca bedankt sich mit einem Kopfnicken.
»Sag mal, Rick, was ich schon länger fragen wollte, hast du inzwischen etwas vom Lührs gehört? Er ist ja seit zwei Jahren spurlos verschwunden und wird in vier Wochen offiziell für tot erklärt. Wegen Versicherungen, Erbansprüchen usw.«
»Ja, wo ist er denn, der Lührs?« Jess’ stumpfsinnige Anmerkung erinnert Rick an einen älteren Mann, den er kürzlich in der Karlstraße beobachtet hatte. In tief gebückter Haltung fragte er den Dackel Ja, wo ist er denn, der Wauwau? Dabei saß der Wauwau direkt vor ihm. Man könnte seine dämliche Fragerei noch verstehen, wenn der Wauwau plötzlich weg gewesen wäre, einfach ratzfatz verschwunden und sein Herrchen hätte nur noch das Halsband ohne Wauwau in der Hand.
Inzwischen hat Adriano Celentano die Hintergrundmusik übernommen, Chi non lavora.
»Wir wissen es nicht, Jess. Aber hol mal die Tapas und die Sandwiches, bevor die auch noch weg sind.«
Ricks Kommentar quittiert Jess mit einem beleidigten »Ja, ja«, indem sie sich im Stand umdreht, den Blick arrogant zur Decke hebt und in Richtung Theke abdüst.
»Übrigens, Rick ist überzeugt, dass Lührs noch lebt. Wir haben uns öfter die Frage gestellt, ob er aus Versehen entführt worden ist. Immerhin wurde er in Ricks Wigwam weggebeamt. Da liegt es durchaus nahe, anzunehmen, dass die Entführer es eigentlich auf Rick abgesehen haben oder?«
»Ich kenn die Story, Samantha. Aber kein Wissenschaftler, auch nicht Chris, konnte einen schlüssigen physikalischen Beweis einer Teleportation finden. Hast du denn aktuell Kontakt zu deinem Bruder, Rick?«
»Gott bewahre, Rebecca. Du solltest Chris mittlerweile auch kennen. Themen wie Paralleluniversum, paranormale Phänomene, Klingonen & Co. sind für ihn ein rotes Tuch. Als bodenständiger Atomphysiker mit Weltruf traut er sich nicht, diesen aufs Spiel zu setzen, durch wilde physikalische Spekulationen.«
Jess bringt ein Tablett mit Tapas und Sandwiches und vier Gläser Sauvignon. »Ich dachte mir, ihr wollt Rebecca nicht allein trinken lassen.«
Sheena Easton trällert my baby takes the morning train.
»Aber du hast Recht, Rebecca. Ich ruf Chris an, weil er im Lauf der Woche in München ankommt, … aus Amerika glaub ich.«
»Mensch, super!«, ruft Rebecca freudestrahlend. Rick wirft Samantha einen verstohlenen Blick zu. Alte Liebe rostet nicht, auch wenn sie nur platonisch ist.
»Dein Chris meint ja, dass sich der Orangen-Heini, wie er den Lührs nennt, in die Karibik abgesetzt hat und dort in einer Orangenlikörfabrik arbeitet.«
»Jetzt mal Spaß beiseite, Rick, und bei aller Fantasie, dem widerspricht, dass Lührs nichts, aber rein gar nichts mitgenommen hat: keine Klamotten, keine Reiseunterlagen, keinen Pass, keinen Führerschein, kein Geld, keine Kreditkarten. Es lag alles in seiner Wohnung, die zudem nicht abgeschlossen war. Wir haben auch bei seiner Bank immer wieder mal nachgefragt, ob Abbuchungen durchgeführt oder versucht wurden. Fehlanzeige. Der Lührs ist und bleibt verschwunden.«
»Ja, Rebecca, das ist auch meine Meinung, mit dem Unterschied, dass ich glaube, er wurde gezielt weggebeamt. Sam meint aus Versehen, also mehr aus Zufall.«
»Pah, … Zufall ist der Kosename der Vorsehung«, kontert Rebecca literaturfest.
»Genau. Ich bin überzeugt, dass er noch lebt«, fährt Rick fort. »Wir müssen ihn halt finden. Ich glaube sogar, dass er Kontakt zu mir aufnehmen will, … schon eine ganze Weile. Ich beobachte nämlich Anomalien. So, und jetzt könnt ihr mir den Vogel zeigen. Ist mir egal.«
»Davon hast du noch gar nichts erzählt.«
»Nein, Sam, weil ich mir auch nicht sicher bin. Aber an bestimmten Tagen passieren merkwürdige Dinge im Wigwam. Plötzlich fällt ein Bild herunter, während der Sportschau ist der Ton gestört, blecherne Klänge, wie ein Sonnensturm auf dem Raumkreuzer Orion, … so Sachen halt.«
»Meinst du nicht, Rick, es könnte auch am Joint liegen oder an Gin Tonic?«
Rebecca vergräbt ihr Gesicht in den Händen, um das Grinsen zu verbergen. Es gelingt ihr nicht vollständig.
»Nein, Sam, wenn so etwas Paranormales passiert, dann schaltet sich immer sofort die Bio-Linse ein.«
»Das macht sie doch auch bei einem Joint?«
»Ja, Sam, aber dann kommen die üblichen Daten, die ich schon auswendig aufsagen könnte. In diesen Fällen dreht die Linse aber komplett durch. Lauter astrophysikalisches Zeug, das ich nicht ansatzweise verstehe: Formeln, mehrdimensionale Figuren und Zahlenreihen mit komplizierten Verknüpfungssymbolen.«
»Kannst du das nicht aufschreiben, Rick. Dann zeigen wir es am Samstag Chris.«
»Apropos Samstag, Rebecca. Ich habe einen Tisch bei Giovanni reserviert. Wenn du Lust hast, dann buche ich zwei Plätze mehr, für dich und Chris. Was meinst du?«
»Ja! Gute Idee! Was gibts denn zu essen? Giovanni hat doch immer eine Tageskarte oder?«
»Genau. Diesmal gibt es eine echte Überraschung. Giovanni kocht nämlich ein Spezialrezept von mir. Das Gericht habe ich ihm vor ein paar Wochen vorgekocht und ihm die Exklusivrechte gegeben. Weil er mir immer so nett aushilft, weißt du?«
»Ooch, nicht etwa deinen Krustenbraten? Das passt doch nicht zu Giovanni und Italia.«
»Sei unbesorgt, Rebecca, es ist etwas ganz Besonderes: Yellow Cake Octopus.«
»Echt? Yellow Cake Orange ist doch der englische Safran-Orangenkuchen oder?«
»Heiß, ganz heiß, Rebecca. Du bist echt gut.«
»Kunststück, Rick, ich hatte eine zweijährige Fachausbildung in London. Zu jedem Geburtstag gab es den sogenannten YCO mit Wunderkerzen. Nach ein paar Wochen konnte ich ihn echt nicht mehr sehen, weil jede Woche ein Kollege Geburtstag hatte. Zu Orange Pekoe Tea mit YCO gab es offensichtlich keine Alternative.«
»Du nimmst mir fast die Pointe weg, Rebecca. Passt mal auf. Mein Yellow Cake ist angelehnt an die Optik des englischen Kotzgerichts Kidney Pie, aber statt urinseifigen Nieren verwende ich einen bei Niedertemperatur gegarten Oktopus mit feiner Safrannote. Die glasige Gelatine wird mit frisch geriebenem Curcuma gelb eingefärbt. Sieht total crazy aus. Ist eine Fischvorspeise. Auf Giovannis Kreidetafel steht YCO, Yellow Cake Octopus. Toller Gag, findet ihr nicht. Du kannst das Gericht auch auf Giovannis Homepage finden. Na, was sagt ihr beiden? Jetzt seid ihr baff oder?«
Tom Waitskrächzt I can’t wait to get off work.
»Kripo Rosenheim.« Marion Stöckl, die Chefsekretärin im Rosenheimer Kriminalkommissariat, ist wie immer sehr verbindlich und erfrischend im Ton. Sie hat das Gefühl, wichtig zu sein, und sie ist überzeugt, dass ohne sie das Dezernat der Rosenheim-Cops ins totale Chaos stürzen würde.
»So, so, a Leich. Wie heißens denn? Ja, das ist schon klar, dass Sie net wissen können, wie die Leich heißt, weil’s nix mehr sagt, gell? Aber wie ist denn Ihr Name? … Schwertl … also Herr Schwertl, jetzt noch mal langsam. Sie ham a Leich g’fund’n … Sie neda, … wer dann? … da wer? … der Schwingenschlögl … und wo? … am Rangierbahnhof … so, so … und Sie san der Bahnhofsvorsteher, … gut, wartens da, ich schick Ihnen unsere Beamten raus … und langens nix an, auch net der Schwingenschlögl, damit Sie die Spuren nicht kontaminieren … wie? … damit Sie nix kaputt machen, Herr Schwertl.«
Marion Stöckl legt auf, holt Handspiegel und Lippenstift aus der Tasche und zieht ihre Lippen nach: kirschrot. Hauptkommissar Korbinian Huber und Assistent Maik Mohring trinken Kaffee an einer provisorischen Theke und haben die Wortfetzen des Telefonats mitbekommen, vor allem das Stichwort >Leiche<.
»Ja, was ist denn jetzt, Frau Stöckl? Wollens vielleicht schnell noch einkaufen gehen, bevor Sie etwas sagen?«
»Mia ham a Leich … am Rangierbahnhof. Dort wartet ein gewisser Herr Schwertl auf Sie, Herr Huber«, sagt sie, ohne die Konturerneuerung der Lippen zu unterbrechen und ohne die beiden Herren anzusehen.
»Was, noch a Leich? Mia ham doch schon zwei«, entrüstet sich Assistent Mohring.
Normalerweise haben die Rosenheim-Cops, wie sie sich nennen, immer nur eine Leiche nach der anderen zu bearbeiten. Aktuell ist Kommissar Ullrich Santorius im Ortsteil Kastenau zur Bestandsaufnahme an einem Tatort, der nur 200 Meter von Sigis Geburtshaus entfernt ist. Auf einem Sherghowa-Baugelände ist ein Maler in den Löschkalk gefallen und sein Kollege vom Baugerüst gestürzt. Beide maustot. Praktisch zur selben Zeit. An einen Zufall, besser gesagt, an einen doppelten Unfall will deshalb keiner glauben. Dann bleibt nur noch Tötungsdelikt, vielleicht sogar zwei geplante Morde, vermutlich aber nur ein Mörder. Das macht die Sache wieder einfacher, weil die Arbeit im Finden des Mörders nicht zwingend von der Anzahl der von ihm verursachten Leichen abhängt. Manchmal ist die Motivsuche sogar einfacher, wenn der Mörder viele Leichen produziert, … gäbe es da nicht das hässliche Wort gemeingefährlicher Serienkiller. Die Presse stürzt sich genüsslich auf solche Schlagzeilen, die sie mit treibt sein Unwesen ergänzt, damit es jedem Leser kalt den Rücken runterläuft. Eigentlich gehts nur um die Auflage, vor allem der nächsten Ausgabe. Man muss ja informiert sein, ob er es noch treibt, sein Unwesen.
»Na dann los, Maik. Schauen wir uns die Leich mal an.«
»Dös kann bestimmt net schaden, Chef«, bestätigt Maik den Vorschlag von Kommissar Huber.
»Frau Stöckl, wenn’s mit der Körperpflege fertig sind, dann rufen’s die Eckberg an. Sie soll zum Rangierbahnhof kommen und gleich die Spusi mitnehmen, wenn’s in der Kastenau fertig ist.«
Korbinian Huber verlässt den Raum zusammen mit Assistent Maik und schlägt die Tür auffällig laut zu. Marion Stöckl sieht beiden mit zugekniffenen Augen hinterher. Sie sollten vorsichtig sein, die beiden. Marion hat einen ausgesprochen vertrauten Kontakt zum Dezernatsleiter Theo Fünfziger. Umgekehrt steht der Theo auf kirschrote Lippen. Aber er hat auch ein bisschen Angst vor der resoluten Mitvierzigerin, die ihr Äußeres provokativ zur Schau stellt.
Die Eckberg, das ist Dr. Ursula Eckberg, die Gerichtsmedizinerin. Eine kompetente und kooperative Kollegin. Sie hält sich aus dem alltäglichen Zickenalarm im Büro raus und macht ihren Job, ohne großes Aufsehen.
In der Kastenau erwartet sie ein Gruselkabinett. Kommissar Santorius und die Spusi sind schon vor Ort. Beide Leichen sind semitische Gastarbeiter. Das konnte Santorius anhand der Baustellenliste bereits klären. Nicht so schnell ging es mit einer plausiblen Erklärung, warum der 22-jährige Shmuel in eine Kalkwanne fiel und fast zeitgleich sein 29-jähriger Zimmerkollege Yaron von einem acht Meter hohen Gerüst. Das hört sich erst mal nicht so spektakulär an. Nur wenn der Löschkalk gerade 180 Grad heiß ist und am Boden senkrechte Armierungsstangen lauern, sieht die Sache anders aus. Dann ist der eine durchgekocht und der andere aufgespießt. Die Bestimmung der Todesursache und des Todeszeitpunktes sind diesmal kein Problem. Die Antwort kennt auch der nussbaumfarbige Bau-Kapo, also der verantwortliche Polier der Baustelle, Wastl Brummer.
»Es war kurz nach der Brotzeit um 10 Uhr dreißig, als mir vom Shmuel nix mehr g’hört ham und vom Yaron net vui«, ist seine empathielose Antwort auf Santorius’ Frage, wann es denn passiert ist. Klar, der arme Shmuel war hoffentlich sofort tot und konnte auch nicht schreien, weil er mit Gesicht voraus im Löschkalk gelandet ist … und Yaron höchstens eine Sekunde, als er aus acht Meter Höhe in die Stangen fiel. Bei Shmuel ist die Todesursache chemischen Ursprungs, bei Yaron rein physikalischer Natur. Mehr kann die Eckberg jetzt auch nicht analysieren. »Ich muss beide in der Gerichtsmedizin untersuchen. Hier kann ich gar nichts tun.«
»Auf der Baustellenliste stehen die beiden als Angestellte der Firma Farben Spritzer GmbH aus Kolbermoor. Aber, so wie ich das sehe, gibt es doch überhaupt keine Malerarbeiten, Herr Brummer?«
»Frau Spritzer hat mich vor etwa zwei Wochen angerufen mit der Frage, ob wir einige ihrer Mitarbeiter vorübergehend beschäftigen könnten. Da wir zwei Hilfskräfte gesucht haben, bekamen die beiden Maler den Job, auch weil wir danach ohnehin Fassadenmaler gebraucht hätten. Wir arbeiten seit ungefähr einem Jahr mit der Firma Spritzer zusammen.«
»Haben Sie Frau Spritzer schon informiert, dass ihre beiden Mitarbeiter tot sind?«
»Ja. Hätte ich das nicht tun sollen, Herr Kommissar?«
»Ist schon okay, Herr Brummer. Geben Sie mir bitte die Kontaktdaten von Frau Spritzer … und noch was, Herr Brummer, ich muss bis auf Weiteres die Baustelle sperren. Dann sollen sich die Arbeiter bitte vor dem Baustellencontainer bereithalten für eine kurze Einzelbefragung. Außerdem brauche ich die Liste aller Arbeiter, die heute hier sind und auch alle anderen, die mit der Baustelle zu tun haben, … auch alle Firmen, die Aufträge für die Baustelle haben.«
Beschwörend streckt er die Arme gen Himmel, dreht sich um und verschwindet im Baustellencontainer. Brummer hat einen engen Zeitplan einzuhalten, der jetzt gefährdet ist und damit auch seine Erfolgsprämie. Santorius macht Fotos aus mehreren Perspektiven. Danach versuchen drei Männer der Spurensicherung, Shmuel aus der Löschkalkwanne zu ziehen. Vorsichtig, damit er nicht zerfällt, wie pulled pork. Das weiße Calciummonster rülpst genüsslich, mit dampfenden Blasen, die schmatzend an der Oberfläche zerplatzen. Wenn Calciumoxid mit Wasser reagiert, entsteht eine stark exotherme Reaktion. Es wird verdammt heiß und ätzend. Auf dieser Baustelle wird das entstehende Calciumhydroxid, neben dem Einsatz in Mörtel, für die Behandlung von Rauchbelägen benötigt. Das Mietshaus ist vor sechs Monaten fast abgebrannt und muss von giftigen Rauchrückständen dekontaminiert werden, bevor der eingestürzte Gebäudeteil wieder aufgebaut werden kann. Damals kam eine dreiköpfige Studenten-WG ums Leben, Uiguren aus Xinjiang. Sie hatten ein Stipendium und studierten am berühmten Holztechnikum. Da die Rosenheim-Cops weder Brandstiftung noch Tötungsdelikte nachweisen konnten, wurde der Vorgang als bedauerlicher Unfall zu den Akten gelegt.
Was von Shmuel übriggeblieben ist, ist nichts für sensible Gemüter. Sein Gesicht ist gegart und verätzt zugleich. Die Augen sind aufs Doppelte aufgequollen. Sie sehen aus wie gekochte Eier und haben eine gelbe Farbe bekommen, genau wie seine hartgekochte Zunge, die wie eine Lanze aus dem weit geöffneten Rachen ragt. Alles, was direkt mit dem siedend heißen Löschkalk in Berührung kam, ist ein Anblick, der Brechreiz hervorruft. Wer sich vor Grauen abwendet, bekommt Yaron zu Gesicht. Aber dieser Anblick ist auch nicht geeignet, den aufkeimenden Brechreiz zu beruhigen. Yaron liegt mit dem Rücken nach unten, inmitten von vier Stahlstangen, die ihn durchbohrt haben. Eine Stange ging mitten durchs linke Auge, welches einen halben Meter oberhalb hängengeblieben ist. Die Spurensicherung bemüht sich, den armen Yaron aus den Spießen zu befreien, … dies ist anstrengender, als Shmuel aus der Kalkwanne zu ziehen, vor allem deutlich blutrünstiger.
»Was meinst du, Ulli?«, fragt Dr. Eckstein angewidert.
»Ich meine, da hatten zwei Jungs einen verdammt beschissenen Tag.«
»So was habe ich vorher noch nie gesehen und du?«
»Nee, Uschi«, brabbelt Santorius dumpf durch ein Taschentuch, das er angewidert vor den Mund hält.
»Und, was machen wir jetzt?«
»Am besten, wir gehen da rüber zum Busch und kotzen in aller Ruhe. Dann machen wir weiter gemäß Betriebshandbuch.«
Die in kalkverschmierten Schutzanzügen gekleideten Männer wechseln sich ab. Sie legen die beiden Leichen in schwarze Säcke, danach in den Leichenwagen. Ursula Eckberg hat in Sachen Mordopfer schon viel gesehen und ist entsprechend abgehärtet. Aber sie hat den Tatort frühzeitig verlassen und ist in Richtung Rangierbahnhof gefahren, in der Hoffnung, hier, zur Erholung, wieder eine normale Leiche vorzufinden, also erschossen, erstochen, überfahren … und, wenn sie Glück hat, im Trachtenanzug. Der Spurensicherung hat sie Bescheid gegeben, gleich hinterherzukommen, sobald sie das Gruselkabinett verladen haben.
***
Am Rangierbahnhof sieht sie schon von Weitem ihre Kollegen Korbinian und Maik. Sie stehen vor einem alleinstehenden Güterwaggon und glotzen wie hypnotisiert durch die geöffnete Waggontür. Daneben steht ein Mann, der einen suboptimalen BMI hat: Größe 1,60 m, Gewicht 95 kg. Dazu ein rundes Gesicht und eine krächzende, grammatikbefreite Aussprache, die Korbinian sofort an Yoda aus Star Wars erinnert. Es ist der Bundesbahnangestellte Alfred Schwingenschlögl. Er hat heute eine Leiche entdeckt, als er einen herrenlosen Güterwaggon fand und dessen Inneres untersuchte. Es lag nur eine längliche Kiste darin, mit der Nummer 5–7–11 und davor, stark verwischt, YCO. Kaum noch lesbar. Darin liegt eine koffergerecht zusammengefaltete Männerleiche. Sie ist am ganzen Körper knallgelb.
»Den ham’s sauber zuag’richt«, ist der spontane Kommentar von Hauptkommissar Korbinian Huber.
»Den ham’s gelb ang’stricha«, erklärt Maik seine Sichtweise der Dinge.
»Ist gut, Maik. Warten wir mal auf die Eckberg, was die sagt.«
»Oder, es is a Kinäs, Chef.« [übersetzt »Oder, dieser Mann ist ein Chinese, Chef.«]
Als Ursula Eckberg den Rangierbahnhof erreicht, ist sie guten Mutes und sieht die beiden Kollegen erwartungsvoll an, in der Hoffnung, der normale Kripo-Alltag möge wieder einkehren.
»Hallo, ihr zwei, na, wie sieht’s hier aus? Ich komm grad von einer Gruselveranstaltung.«
»Ja, Uschi, schau selber, dann siehst glei, wia’s ausschaut oder besser wie sie ausschaut, die Leich.« Korbinian geht etwas zur Seite, damit Dr. Eckberg einen ungetrübten Blick auf die Leiche bekommt.
Maik macht schon die ersten Fotos. »Gut, dass an Farbfilm erfunden ham«, ist sein begleitender Kommentar.
»Ja, Kruzifix, was ist denn heut los?« Normalerweise hat Dr. Eckberg ihre Gefühlswelt fest im Griff. Korbinian und Maik sehen sich verdutzt an und fragen sich, warum ihre Uschi so ausrastet. Dann aber hört man die Spusi kommen. Sie sehen aus wie blutverschmierte Metzger, die vormittags als Sauhälftenzerteiler arbeiten und nachmittags, zur Gehaltsaufbesserung, als Fassadenspachtler.
»Ja, Kruzifix, was ist denn heut los?«, bricht es aus Korbinian heraus. »Wo kommt’s ihr denn her?«
»Von den beiden anderen Leichen, Korbinian!«, beantwortet Uschi stellvertretend seine Frage.
»Ist der Ulli noch am Tatort?«
»Nee, der hat sich für den Rest des Tages freigenommen. Er muss sich erholen, sagte er mir vorhin am Telefon.«
»Wie erholen?«
»Auskotzen, Korbinian.«
Korbinian hebt die Augenbrauen. »Zwei Leichen, sagst du?«
»Ja, und was für welche. Ich bin voll eingedeckt mit Arbeit. Die Untersuchung der kuriosen Überreste wird mich mehrere Tage kosten. Für diesen zusammengeklappten Goldfisch hier habe ich eigentlich keine Zeit, Korbinian.«
Kommissar Huber wendet sich Yoda zu. Er steht die ganze Zeit neben Ihnen, ohne ein Wort zu sagen. Lediglich sein Biergeruch und gelegentliche Grunzgeräusche machen seine Präsenz spürbar.
»Herr Schwingenschlögl, so heißen’s doch oder?«
Ursula Eckberg dreht sich weg. Sie muss ein Kichern unterdrücken.
»Richtig ist.«
»Woher ist dieser Waggon denn gekommen?«
»Drauf steht hier.« Yoda deutet auf den angeklebten Frachtbrief an der Waggontür.
Jetzt dreht sich auch Maik weg und sieht Dr. Eckberg an. Ihr laufen schon Tränen die Wange runter. Korbinian entgeht das nicht und er gibt ihr ein Taschentuch. »Und … geht’s wieder?«
Ursula Eckberg nickt und trocknet sich die Wangen ab.
Mit dem Zeigefinger geht Korbinian langsam über den Frachtbrief, der zweisprachig verfasst ist: Russisch und Deutsch.
»Omsk … über Nowosibirsk.« [Омск … че’рез Новосиби’рск]
»Richtig ist.«
»Sagen sie mal, Herr Schwingenschlögl, so heißen’s doch?«
»Richtig ist.«
»Jeder Güterwaggon hat doch einen Heimatbahnhof oder?«
»Richtig ist.«
»Und welchen Heimatstandort hat dieser hier?«
»Drauf steht hier.« Yoda deutet auf den unteren Stahlrahmen des Waggons.
Maik Mohring und Ursula Eckberg pressen die Lippen zusammen und dürfen sich jetzt nicht mehr ansehen, sonst gibt es Wochenenddienst.
»Rangierbahnhof München.«
»Richtig ist.«
»So, so. München. Warum steht der Waggon dann am Rangierbahnhof Rosenheim, Yod … Herr Schwingenschlögl?«
»Vergessen haben die anderen den.«
Er könnte echt der dickere Bruder von Yoda sein, grübelt Korbinian und sieht ihn lange und intensiv an. Aber auch Yoda sieht Korbinian an, apathisch. Dann schüttelt ein kurzer Schluckauf Yodas Körper durch. Fast, dass Korbinian erschrickt. Er holt sein Smartphone aus der Jackentasche.
»Kripo Rosenheim, Grüß Gott … ach, Sie sind’s, Herr Huber.«
»Stellen’s mich mal zum Fünfziger durch, Frau Stöckl.«
»Moment, Herr Huber, ich schau mal, ob er da ist und ob er Zeit hat.«
Korbinian Huber blickt beschwörend nach oben. »Diese G’schaftlmaus, diese spinnate«, brummelt er vor sich hin.
»Fünfziger. Huber, was gibts denn? Ich habe extra wegen Ihnen die Präsidiumssitzung verlassen.«
»Ja, dankschön, Herr Fünfziger, aber wir müssen jetzt was entscheiden. Dann können’s wieder in Ihre Sitzung.«
Korbinian Huber erläutert das unerwartet hohe Leichenaufkommen und die damit verbundene Arbeit und die Bedrohung durch die Presse, wenn es so viele Leichen auf einen Schlag gibt und noch dazu in diesem furchterregenden Zustand.
»Was schlagen’s denn vor, Huber?«
»Mia ham drei Leichen. Eine ist durchgegart, die andere zu Schaschlik verarbeitet, die dritte Leich liegt hier, in einer Samsonite-Faltung, nackert und gackerlgelb.«
»Ja, was reißen denn da für Sitten ein. Langs’t heut nimma, dass ma oan einfach daschiaßt?«
»Recht ham’s, Herr Fünfziger. Die Eckberg hat bereits kapituliert. Sie ist überfordert.«
»Und, was mach ma jetzt, Huber?«
»Die gackerlgelbe Leich liegt vor uns, in einem vergessenen Güterwaggon, der den Münchnern g’hört.«
»Reden’s weiter, Huber.«
»Ich meine, dass der Waggon mit allem Drum und Dran den Münchnern g’hört. Verstehn’s, Herr Fünfziger?«
Stille.
»Das ist eine durchaus interessante Sichtweise, Huber.«
»Dann schicken wir den Waggon, so wie er ist, nach München. Andernfalls müssten Sie dem Mohring und der Stöckl den bereits genehmigten Sommerurlaub streichen. Verstehn’s, Herr Fünfziger?«
Maik hebt besorgt die Augenbrauen. Korbinian beschwichtigt ihn mit einer Handbewegung. »Das wagt er nicht, der Fünfziger, der Stöckl den Urlaub zu streichen«, flüstert er ihm zu.
Stille, lange Stille.
»Herr Fünfziger, sind’s noch da?«
»Also gut, Huber, schickt’s den Waggon nach München. Aber geht das, ohne dass wer was merkt?«
Huber hebt den Siegerdaumen nach oben. Durchatmen, eine Leiche weniger.
»Dös geht, Herr Fünfziger, dös kriag’n mia hin. Mia ham da so unsere Beziehungen, Herr Fünfziger, wissen’s«, säuselt Korbinian ins Mikrofon und legt seine Hand kollegial um Yodas Schulter. »Nicht wahr, Herr Schwingelschläger, so heißen’s doch, oder?«
»Nicht richtig ist.«
***
Gleich nach dem Morgen-Espresso hat Rick den Flugplan von American Airlines studiert. Chris, sein Zwillingsbruder, war mehrere Wochen in den USA und hat am MIT der Universität von Massachusetts subatomare Forschungen durchgeführt. Welche genau, weiß Rick nicht, und selbst wenn es ihm Chris erklärt hätte, würde er es nicht genau wissen. Er weiß nur, dass er heute aus Atlanta anreist und da gibt es genau einen Flug ATL-MUC, der um 16:29 Uhr in München ankommt.
»Hallo Rick, ich steh am Kofferband. Ich ruf dich zurück, sobald ich im Taxi sitze.«
»Wart mal, Chris, ist nur eine kurze Frage. Ich würde am Samstag einen Tisch um 19:00 Uhr bei Giovanni reservieren. Wollte dich nur fragen, ob du Lust hast mitzukommen.«
»Wer kommt denn aller mit?«
»Nur Sam, Rebecca und ich, also zu viert.«
»Ach, gute Idee, Rick. Freu mich. Dann bis morgen … ähm, was ist denn mit Rudi?«
»Der macht doch seit neuestem >Cave Exploration Tours<, Chris.«
»Was macht er?«
»Höhlenwanderungen! Also back to the roots.«
»Ja, hats ihn jetzt ganz dawischt, den Rudi?«
»Ja mei … de Berg kennt er schon, hat er g’sagt, und seit dem Watzmann-Abenteuer ist er auf den Geschmack komma. Wegen der verborgenen Schätze meint er. Seine Touren sind jedenfalls ausgebucht, auch die am Samstag.«
»Hoffentlich lassen ihn diesmal die Russen in Ruhe und die Westfalen. Höhlen sind ja schon gefährlich genug, Rick.«
»Der Rudi hat g’sagt, dass er nichts gegen einen Russen hat, solange er sich nicht aufführt wie einer.«
»Rick, da kommt mein Koffer. Ich muss Schluss machen. Wir sehen uns am Samstag beim Giovanni. Servus.«
***
Rudi Fox ist stolzer Besitzer des Profisportgeschäfts ›Rudis Bergwelt‹ in Oberaudorf, eine Anlaufstelle für Bergführer und Extremkletterer aus Deutschland, Österreich und Südtirol. Seit einem Jahr hat Rudi sein Sportprogramm erweitert um Ausrüstungen für Höhlenforscher: Taucherbrillen, Neoprenanzüge, Stirnlampen, Ariadne-Seile, Sauerstofftanks. Ein unternehmerisch kluger Schachzug, Rudis Cave Exploration Tours sind in der Regel ausgebucht.
Das ist auch das Restaurant da Giovanni. Giovanni führt es auf die außergewöhnliche Speisekarte zurück.
»YCO, isse sehr gut, Ricco. Morgen kommen Patrone aus Cosenza. Wenn Ristorante voll, dann isse al Peppino anche contente.«
»Was will denn der Peppone von dir, Giovanni?«
»Peppino! Isse il grande patrone von familia aus Calabria, Ricco. Ihm gehören Ristorante. Sono Consigliere. Peppino machen due volte controletto hier in Monaco.«
