Drei Frauen auf Rügen - Sabine Kästner - E-Book
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Drei Frauen auf Rügen E-Book

Sabine Kästner

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Beschreibung

Als Gut Seelitz und seine Gemäldesammlung zum Verkauf stehen, schickt Kunsthändler Leopold Wandler seine Tochter Lilli nach Rügen. Sie soll dafür sorgen, dass sich niemand die Gemälde zu genau ansieht – denn die Originale befinden sich auf Wandlers Kölner Speicher. Leider funkt Lilli immer wieder dieser Kunstexperte Simon Stepford dazwischen. Nicht ganz unwillkommen allerdings, denn der junge Engländer hat das gewisse Etwas. Zu allem Überfluss taucht auch noch Lillis windiger Exmann Clemens auf, der als Makler das Gutshaus verkaufen soll. Und macht das Chaos auf Gut Seelitz erst perfekt...

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Seitenzahl: 514

Veröffentlichungsjahr: 2013

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Sabine Kästner

Drei Frauen auf Rügen

Roman

Edel:eBooks

Copyright dieser Ausgabe © 2013 by Edel:eBooks, einem Verlag der Edel Germany GmbH, Hamburg.

Copyright © 2006 by Sabine Kästner

Dieses Werk wurde vermittelt durch die Michael Meller Literary Agency GmbH, München.

Covergestaltung: Agentur bürosüd°, München

Konvertierung: Datagrafix

Alle Rechte vorbehalten. All rights reserved. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des jeweiligen Rechteinhabers wiedergegeben werden.

ISBN: 978-3-95530-173-6

edel.comfacebook.com/edel.ebooks

Inhalt

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Kapitel 41

Kapitel 42

Kapitel 43

Kapitel 44

Kapitel 45

Kapitel 46

Kapitel 47

Kapitel 48

Kapitel 49

Kapitel 50

Kapitel 51

Kapitel 52

Kapitel 53

Kapitel 54

Kapitel 55

Kapitel 56

Kapitel 57

Kapitel 58

Kapitel 59

Kapitel 60

Kapitel 61

Epilog

1

Sassnitz auf Rügen, Mitte Januar

»Finden Sie, dass es hier aussieht wie in Sorrent?« Hermine Tressewitz wirft einen Seitenblick auf Vittorio Lambarini, der seinen Mercedes über das Buckelpflaster von Sassnitz zum Meer hinab lenkt.

Ein Italiener sollte das beurteilen können, auch wenn die Winterdämmerung das Gewirr aus Gassen und verwitterten Hotelpalästen in ungnädiges Licht taucht. Ein rostgeflecktes Blechschild bewirbt seit mehr als hundert Jahren die »Erste Berliner Dampfbäckerei 1890«. Armut ist der beste Denkmalpfleger. Selbst all diese Jahre nach der Wende ist die Altstadt von Sassnitz ein Bilderbogen aus der Belle Époque. Vergilbt und angegraut, an den Rändern zerfressen, aber dafür echt.

Um 1900 muss das Seebad in blendendem Weiß gestrahlt haben, denkt Hermine und schließt kurz die Augen. Immerhin flimmert die Ostsee an Sonnentagen noch so türkis wie in ihrer Kinderheit, und die nahen Kreidefelsen – Rügens Wahrzeichen – leuchten wie steinerne Segel vor dem Himmel.

»Scusi? Was haben Sie gesagt, Hermine?«

Ein herausgebrochener Pflasterstein bringt das Auto und seine beiden Insassen zum Hüpfen.

»Theodor Fontane, der oft Gast in Sassnitz war, lässt seine Effi Briest beim Anblick von Kap Arkona und dem Königsstuhl ausrufen: ›Das ist ja Sorrent, das ist Capri.‹ Ich war nie dort, aber ich nehme an, da gibt es auch Steilküsten, Jugendstilvillen und Hotels, die in den Hang gebaut sind, und Balkone, die über dem Meer schweben.«

Vittorio zieht entsetzt die Augenbrauen nach oben, während er die letzte Kurve nimmt. Vor ihnen leuchtet »Rudi’s Fischbraterei«, ein Imbisswagen – natürlich mit Ost-Apostroph im Namen – der von drei unverdrossenen Touristen belagert wird. Im Hintergrund dümpeln Fischkutter, ein Schwarm Möwen kämpft um Brötchenreste. Die Ostsee schillert ölig im Licht gelber Hafenlaternen.

»Sassnitz soll wie Sorrent sein, wie Capri? Hermine, Ihre Fantasie geht mit Ihnen durch. No, no, no. Capri ist bellissima, eine Edelstein in azurblauem Wasser, darüber strahlt eine Sonne wie eine sizilianische Orange. Rügen ist eine wunderschöne Insel, aber Sassnitz? Sassnitz sieht wirklich nicht aus wie aus der Kartoffel gepellt.«

»Es heißt aus dem Ei gepellt. Übertreiben Sie es nicht mit Ihren Sprachwitzchen. Ich bin keine unbedarfte Touristin!«

»Gut, aber der Vergleich humpelt gewaltig! Sassnitz und Sorrent, no, no, no.«

»Aber es wird doch viel getan«, protestiert Hermine. «Die Gemeinde will die alte Strandpromenade wieder aufschütten und eine Baumallee pflanzen – wie früher.«

Einmal Rüganerin, immer Rüganerin. Hermine muss jeden Winkel ihrer Heimatinsel verteidigen, auch wenn sie erst seit drei Jahren wieder hier lebt. Sassnitz ist ihre Geburtsstadt.

»Und sie eröffnen hier Lokale wie die Kartoffelstube Sassnitz Mitte, stupido!«

Vittorio lenkt den Mercedes auf einen Parkplatz vor dem Hafenmuseum, das in einer ehemaligen Werfthalle untergebracht ist. Nebenan bemühen sich zugige Restaurants um maritimen Charme.

»Kartoffeln, mamma mia! Bin ich froh, dass mein Restaurant in Binz ist und ich Pasta serviere. Binz ist wundervoll. Sehr sauber, frisch gestrichen und im Sommer voller Touristen.«

Genau, denkt Hermine, und darum ist es nicht echt. Sassnitz hingegen ist eine ehrliche Haut, ehrlich wie eine Mecklenburger Kartoffel. Man sieht der Stadt ihre Geschichte vom armen Fischerdorf bis zum einst glamourösen Seebad an. Auch die aschgrauen Versuche, ein Arbeiterparadies aus Plattenbauten zusammenzuzimmern, sind nicht ganz beseitigt, und am Stadteingang verrottet ein »Lichtspielhaus« aus den Fünfzigern, als das Leben in Ost und West viel mehr gemein hatte, als heute jemand annehmen mag.

Anders als in anderen Teilen des Ostens wurden in Sassnitz nicht ganze Jahrzehnte wegsaniert. Licht und Schatten, die fetten und die mageren Jahre, alles zusammen ergibt eine Einheit. Hermine seufzt. Schade, dass die Menschen so wenig über ihre Geschichte wissen wollen und eine Disneyland-Version der Jahrhundertwende wie Binz vorziehen. Das Leben ist doch kein Wunschkonzert!

Sie ruft sich in die Gegenwart zurück. Natürlich hat Vittorio vom Standpunkt des Gastronomen trotzdem Recht. Binz ist verlockender. »Una grazia«, wie Vittorio sagt, der eine clevere Stütze des Tourismusvereins ist, dem Hermine als Binzer Pensionswirtin ebenfalls angehört. Außerdem ist er ein wunderbarer Freund, der sie an diesem unwirtlichen Januarabend zum Sassnitzer Hafenmuseum fährt.

Vittorio zieht die Handbremse an. So als befürchte er, sein Mercedes könne über den Parkplatz ins Meer rollen. »Haben Sie die Brille, Ihr Taschentuch und die Notizen für Ihren Vortrag dabei?«

»Meine Notizen sind hier drin«, sagt Hermine und tippt sich an den Kopf. »In meinem Alter sind die frühen Erinnerungen so frisch wie der erste Schnee. Vor allem meine Erinnerungen an Gut Seelitz.«

»Schnee! Malen Sie nicht Luzifer an der Wand. Es ist schon kalt genug.« Kopfschüttelnd läuft Herr Lambarini um den Wagen und öffnet Hermine die Tür. Galant reicht er ihr die Hand.

»Danke, Vittorio, aber aussteigen kann ich trotz meiner alten Tage noch allein.«

Sie schwingt die Beine mit damenhafter Präzision aus dem Auto und zieht ihren wadenlangen Wollrock glatt.

Vittorio verzieht den Mund. »Hermine, prego. Ich wollte nur höflich sein. Sie sehen keinen Tag älter aus als..., nun ja, als Sie sind.«

Hermine schlägt die Beifahrertür zu, schlingt sich einen puderblauen Paschminaschal um den Hals und lacht.

»Erwischt, Vittorio. Mein wahres Alter kommt Ihnen doch nicht über die Lippen. Siebenundsechzig, damit Sie es nur wissen. Sie könnten mein Sohn sein.«

Vittorio nimmt sie beim Arm und führt sie zum Museumseingang.

»Dann hätten Sie früh anfangen müssen mit den Babys, ich bin bald zweiundfünfzig und habe leider nicht Ihr zartes Gesicht, sondern die Don-Camillo-Nase von meinem Papa.«

Anerkennend fahren seine Augen über Hermines fein konturierte Züge, die hohen Wangenknochen, die feminine Nase. Sie ist una donna vera! Eine wahre Dame, die ihn an eine Kamee aus rosa Perlmutt erinnert. Kameen, wie es sie in Sorrent tatsächlich gibt. Hermine besitzt überdies eine Haltung, die sie sich im Kampf mit Schicksalsschlägen erworben haben muss. Ein paar Krähenfüße um die silbrigen Augen fechten eine solche Erscheinung nicht an – aber Hermine.

»Papperlapapp, Sie Schmeichler! Ich bin eine alte Frau.« Seufzend fügt sie hinzu. »Und leider hat es mit den Babys bei mir nicht geklappt.«

Sie schluckt kurz.

Ach was, das hat sie überwunden, genau wie ihre kurze, unerquickliche Ehe, die ein ganzes Leben zurückzuliegen scheint und einer anderen Welt angehörte, einer Welt, in der sie nie zu Hause war. Vittorio drückt ganz leicht ihren Arm, während sie über den Parkplatz gehen. Hermine reckt das Kinn.

»Nun ja. Ich habe keinen Grund zu klagen. Immerhin habe ich meine wundervolle Pension in Binz und meine Erinnerungen. Es ist nur schade, dass es niemanden gibt, mit dem ich sie teilen oder dem ich alles vererben kann. Mein Glück ist irgendwie an mich verschwendet.«

Vittorio bleibt einen Moment stehen und schaut sehr streng. »Ihre Erinnerungen sind nicht verschwendet. Sie sind Gold wert. Ihr kleines Buch über Ihre Kindheit auf Gut Seelitz verkauft sich gut. Der Drucker vom Tourismusverein hat mir gesagt, es wird sogar aus Berlin und die Rest von Deutschland bestellt. Keine Wunder bei dem Erzähltalent.«

Hermine errötet leicht. »Sie übertreiben. Achthundert Stück hat er bis jetzt losbekommen. Das reicht nicht zum Bestseller.«

Schließlich handelt es sich nur um die Erinnerungen einer sentimentalen Närrin, die in ihrem Leben eine einzige große Liebe hatte: Rügen und das Gutshaus Seelitz. Trotzdem ist sie froh, das Buch geschrieben zu haben. Auf diese Weise konnte sie ihre Ursprünge, von denen im Westen jahrzehntelang keiner etwas wissen wollte, wieder lebendig werden lassen. Und all die Menschen, die sie geliebt hat.

Vielleicht lesen das Buch einige vergessene Weggefährten, die wie sie Kindersommer auf der Insel verbringen durften und nie vergessen haben. Rügen vergisst man nicht. Für Hermine hat die Insel trotz aller Veränderungen nie ihren Zauber verloren.

Die dunkel bewaldeten Hänge der Granitz, die buchengesäumten Küsten aus Kalkgestein, die verschilften Bodden, die perlweißen Strände und die Hügel des Mönchgut bilden eine Landschaftssinfonie, in die sie sich jeden Tag aufs Neue verliebt.

Als könne Vittorio Gedanken lesen, fährt er fort: »Si, Rügen ist eine Legende. Sehen Sie doch, wie viele Leute sind gekommen, um Sie zu hören.«

Vor dem Kassentisch im Museum drängeln sich Einheimische und Touristen in Mänteln und Anoraks, kramen nach Portemonnaies, studieren den Ankündigungszettel:

»22. Sassnitzer Sturmgespräch: Das Gutshaus Seelitz und seine Besitzer – eine Zeitzeugin erinnert sich.«

Die Zeitzeugin errötet tief, weil sie es nicht gewohnt ist, im Mittelpunkt zu stehen. Mit zögerndem Lächeln begrüßt Hermine den Museumschef, der ihre Hand ergreift und sie daran ins Warme zieht.

»Frau Tressewitz, möchten Sie vorher noch einen Tee? Es ist kühl im Saal. Aber das wird sich bald ändern, so voll, wie es wird. Ich befürchte, wir können nicht alle Besucher unterbringen. Wie immer ein sehr gemischtes Publikum. Kommen Sie, kommen Sie.«

Hermine winkt Vittorio, der sich draußen eine Zigarette angesteckt hat.

»Ich gehe schon vor.«

Vittorio nickt und raucht. Eben will er die Zigarette in einer sandgefüllten Tonne ausdrücken, als ein weiterer Mercedes vor dem Museum einparkt. Ein Modell der S-Klasse, silbern und aufdringlich neu. Ihm entsteigt ein Mann in dunklem Kaschmir. Federnd wie ein Athlet umrundet er das Auto und öffnet den Wagenschlag für eine Dame, die sich anders als Hermine nicht für zu jung hält, um sich aufhelfen zu lassen.

Dabei tut sie ansonsten alles, um jugendlicher zu erscheinen, als sie ist. Glamouröse Versace-Jeans, eine auf Kleidergröße 36 heruntergehungerte Figur und das zu glatt geschminkte Gesicht verraten Vittorio vor allem eins: Alter ist der Angstgegner dieser Frau, Kosmetik und männliche Aufmerksamkeit sind ihre Drogen.

Ihr Begleiter drapiert einen Pelzmantel über ihre Schultern und stützt die stöckelbeschuhte Dame beim Gang übers Buckelpflaster. Was für ein Paar! Sie passen in die Sassnitzer Hafenkulisse wie Opernfreunde in die Fankurve einer Fußballarena. Die beiden gehören ins mondäne Binz, am besten in sein Edel-Restaurant La Vita, wo sie sein Menü Sorpresa zu fünfundneunzig Euro bestellen sollten.

Vittorio flucht, weil die heruntergebrannte Zigarette ihm den Daumen versengt. Ärgerlich stippt er den Stummel in den Sand.

»Guten Abend, findet hier dieses Sturmgespräch statt?«

Vittorio blickt hoch und in das Gesicht des Kaschmirkerls. Schönling, schießt es ihm durch den Kopf. Vielleicht auch Gigolo? Die skandinavisch blonde Version mit kantigem Wikingerkinn, Strahlelächeln und dem kalten, dummen Blick der Gier.

Vittorio nickt, während er die Frau an der Seite des Wikingers mustert. Das Neonlicht über dem Eingang durchdringt wie Röntgenstrahlen ihr Make-up und entblößt papierdünne Haut. Ein, zwei Liftings hat sie hinter sich. Er tippt sie auf Anfang oder Mitte fünfzig. Bislang hat er die Frau immer nur von ferne gesehen, doch er erkennt sie und entscheidet sich für eine Extraportion Italo-Charme, süß und dick aufgeschlagen wie Zabaglione.

»Signora Sammering! Was für eine Freude, Sie hier zu begrüßen. Hermine Tressewitz wird geschmeichelt sein, dass Sie zu dem Vortrag kommen.« Alida Sammering mustert ihn mit feindseligem Misstrauen.

Vittorio senkt seine Stimme. »Und das so kurz nach diesem tragischen Verlust von Ihrem Gatten.« Seine dunklen Augen schimmern feucht. Todesfälle machen ihn traurig. Etwa der seines Cockerspaniels Pistaccio. Er muss nur an dessen seidiges Fell denken, schon empfindet er sogar Trauer über das Ableben von Ewald Sammering.

Der letzte Besitzer des Gutshauses Seelitz ist im vergangenen Oktober mit stolzen zweiundneunzig Jahren abgetreten. Hinterlassen hat er eine höchst überschaubare Anzahl Trauernder und ein Testament, das einiges Kopfschütteln hervorgerufen hat. Schließlich hat der ehemalige Eintopfproduzent seine beachtliche Gemäldesammlung mehreren Tierheimen und nicht seiner Gattin vermacht. Die bekommt nur das marode Gutshaus. Vittorio mustert die Witwe voll Mitgefühl. Er liebt Tiere, aber er würde ihnen kein Vermögen vermachen. Das muss schmerzen. »Ich darf herzlich Beileid wünschen, Signora?«

Alida Sammering zögert, dann neigt sie vorsichtig den Kopf, weil sie hoheitsvoll erscheinen oder ihre Frisur schonen will.

»Mein Finanzberater hat mich überredet herzukommen. Er hat dieses Buch über Seelitz gelesen und glaubt, dass der Vortrag uns Verkaufsargumente liefern könnte. Ein Haus mit einer bedeutenden Geschichte findet eher einen Liebhaber als eine Ruine, meint er. Ich möchte schnell verkaufen.« Sie macht eine kurze Pause, zwingt in ihr straffes Gesicht einen Ausdruck milder Betroffenheit. »Der schmerzlichen Erinnerungen wegen.«

Vittorio verzieht mitfühlend den Mund, als handele es sich um seine Erinnerungen. Etwa an Pistaccio.

»Alida«, protestiert ihr Begleiter geschmeidig, »Seelitz ist alles andere als eine Ruine. Wir haben es mit einer attraktiven und geschichtsträchtigen Immobilie zu tun, die schon jetzt Liebhaber anzieht. Denken Sie an meinen Kontakt in Berlin. Die potentielle Käuferin ist geradezu enthusiastisch.«

Vittorio grinst. »Ich nehme an, Sie sind der einfühlsame Finanzberater?«

»Clemens von Krolow«, stellt der Mann sich knapp vor und zieht seine Begleiterin wie eine Beute ins Museum.

»Kommen Sie, Alida, ich will uns einen Platz sichern. Ist Ihnen auch warm genug? So zart wie Sie sind, frieren Sie sicher rasch.«

Frau Sammering lächelt und lässt die Wimpern flattern wie Kolibriflügel.

Vittorio stößt einen lautlosen Pfiff aus. Der Mann will mit allen Mitteln Geld aus der Witwe rausholen. Das ist klar. Wird nicht leicht sein. Gut Seelitz ist eine von vielen Luxusimmobilien im Verfallsstadium, die Rügen zu bieten hat und für die sich ein potenter Investor finden muss. Nur welcher? Reiterhöfe, Wellness-Ressorts, Golfakademien – die Insel ist gesegnet mit Top-Adressen, aber die Top-Touristen sind knapp.

Hermine dürfte es nicht gefallen, wenn Seelitz zu einem Spekulationsobjekt verkommt. Sie ist eine Vorkämpferin des sanften Tourismus. Am liebsten würde sie die Insel in einen Naturpark verwandeln und Busverbindungen zur Stubbenkammer verbieten, weil nur einsame Wanderungen der wilden Schönheit gerecht werden.

Hermine ist eben eine Träumerin.

Allerdings eine Träumerin mit einem Willen aus Stahl.

2

Als Vittorio sich in den Saal drängt, entdeckt er in der hintersten Stuhlreihe zwei Bekannte, die für sich sitzen und Händchen halten. Anders hat er die alten Leutchen nie gesehen, immer Hand in Hand. Und stets für sich. Vielleicht, denkt Vittorio, und sein Herz wird erneut weit und weich, ist das seit achtzig Jahren so.

Das greise Geschwisterpaar gilt als komplett verrückt und ist auf der Insel unter den Spitznamen Hänsel und Gretel bekannt. Was an der Zopffrisur der Frau und dem Knotenstock ihres Bruders liegen kann, an ihren nächtlichen Spaziergängen durch die Wälder von Seelitz oder an ihrer Eigenart, mit Hosenknöpfen zu bezahlen.

Bei Vittorio bekommen sie dafür Spaghetti und Gebäck vom Vortag. Allerdings nicht während der Öffnungszeiten des La Vita. Armenspeisung und Edelgastronomie sind schwerer zu kombinieren als Saubohnen und Kaviar. Seine Großmut hat Grenzen. Das versteht sogar Hermine, die Hänsel und Gretel aus ihren Kindertagen auf dem Gut kennt und gelegentlich mit Kleidung versorgt.

Seelitz muss für die beiden Alten wie für Hermine eine große Bedeutung haben, sonst gingen sie nicht immer wieder hin. Mit träumerischem Blick schauen sie nach vorn und sehen nicht, dass rechts und links von ihnen die Plätze frei bleiben. Wie immer. Vittorio seufzt und beugt sich zu Gretel herab: »Ist der Stuhl neben Ihnen noch frei, Signora?«

Gretel schaut hoch: »Aber certamente, Vittorio! So heißt das doch auf Italienisch, oder?«

Vittorio nickt überwältigt. »Sie sprechen Italienisch?«

Gretel kichert. »Oh, nur ein picco.«

»Un poco«, korrigiert Vittorio nachsichtig, schließlich kennt er die Tücken der Fremdsprache. Dann lässt er sich auf den Stuhl gleiten.

Hänsel beugt sich über Gretels Schoß zu ihm hinüber. »Ihr Japanisch ist besser! Das hat ihr Malte von Seelitz beigebracht. Der war ein Genie.«

Gretel guckt beleidigt. »Mein Japanisch ist Chinesisch, und ich habe es mir selbst beigebracht. Und jetzt sei still, Hermine fängt an.«

Die zwei leben in einer anderen Wirklichkeit als der Rest der Insel und der Menschheit. Aber anscheinend haben sie samt ihrer Narrenfreiheit den Sozialismus vergleichsweise heiter überstanden.

Entspannt lehnt Vittorio sich zurück, während Hermine mit eindringlicher Stimme von der Geschichte Seelitz’ erzählt. Von dem Erbauer, Feldmarschall Arnim von Seelitz, der das Land am Jasmunder Bodden als Lohn für seine Verdienste im Krieg gegen Napoleon erhalten hatte. Sie lässt vergilbte Fotos herumgehen, die das Gutshaus mit seinen Türmen und Säulenportalen zeigen. Dann beschreibt sie den inzwischen verwilderten Park mit seinen australischen Kiefern, Mammutbäumen, japanischen Zierkirschen, heimischen Buchen und Eichen.

»Die Verschwendungslust und Leidenschaft des ersten Besitzers galt der Landschaftsgärtnerei. Die Familie von Seelitz liebte jede Form des ästhetischen Genusses. Der zweite Besitzer investierte vor allem in architektonische Verbesserungen«, erklärt sie. »Der Blick vom Haus auf das Wasser ist einzigartig. Man lebt dort in völliger Abgeschiedenheit. Seelitz ist eine Insel auf der Insel. Die Salzwiesen am Bodden sind eine Oase für seltene Vögel. Kormorane brüten im Schilf. Im Sommer kommen die Kraniche, im Herbst ziehen Wildgänse vorüber und in frostfunkelnden Winternächten...«

»... ist es sterbenslangweilig dort«, mault Alida zwei Reihen vor Vittorio und spielt mit ihren Chopardringen. »Öde wie hier«, setzt sie halblaut hinzu und sucht die Reihen hinter sich nach dem Italiener von eben ab. Sie zwinkert ihm komplizenhaft zu, kichert und erntet tadelndes Räuspern von ihren Stuhlnachbarn.

Hermine lässt den beschaulichen Alltag eines Landadeligen des neunzehnten Jahrhunderts lebendig werden. Sie beschreibt die von Seelitzens als Pachtherren, die früh die Leibeigenschaft abgeschafft und in den Kreideabbau investiert haben und kommt auf ihr liebstes Thema zu sprechen: Malte von Seelitz, letzter Spross der Sippe, der nach militärischer Tradition des Hauses Kampfflieger im Ersten Weltkrieg war und danach vor allem Kunstsammler.

»Womit er die künstlerische Ader seiner Ahnen lebendig hielt. Außerdem war er ein Kinderfreund. Bei Jean Paul heißt es, mit einer glücklichen Kindheit kann man sein Leben lang haushalten. Ich habe dieses Geschenk durch den Gutsherrn Malte erhalten. Meine Mutter war Haushälterin auf dem Gut.

Ich wurde 1938 geboren und durfte meine ersten sechs Lebensjahre bis 1944 auf Seelitz verbringen. Sie denken jetzt vielleicht an Diktatur, den Krieg und seine Schrecken, aber das alles hat uns sehr, sehr spät berührt, was dem Hausherrn zu verdanken war. Wie ein Patriarch behütete er seine Gutsfamilie und ließ sich nicht reinreden. Malte von Seelitz wurde aufgrund einer schweren Verletzung für den Zweiten Weltkrieg auch nicht mehr eingezogen.«

Sie macht eine kurze Pause, denn jetzt kommt ein heikler Teil. »Er hat es geschickt verstanden, sich auf Distanz zum Regime zu halten, hielt zwar Kontakt zu alten Fliegerkameraden, aber nie zur Partei. Malte von Seelitz war ein sanftmütiger Melancholiker, der wusste, dass seine Welt dem Untergang geweiht war.«

Alida hebt flatternd die Augenlider. »Fehlen nur noch schluchzende Geigen zur Untermalung.«

»Silenzio«, zischt Vittorio ernsthaft erbost.

»Hast du deine Geige nicht dabei?«, fragt Gretel flüsternd ihren Bruder.

»Nee, bei Neumond bleiben die Töne im Loch.«

Ein verblüffter Vittorio vergisst seine Bitte um Stille und beteiligt sich am Flüstern der Hinterbank: »Sie spielen Geige?«

Hänsel nickt eifrig. »Das hat Malte mir beigebracht.«

»Jaaa«, sagt Gretel, »und das nächste Mal, wenn wir nach Seelitz gehen, nimmst du die Violine mit. Die Frau da vorne möchte das gern. Ihr ist nämlich so langweilig.«

Hänsel nickt noch eifriger, Umsitzende prusten, Alida wirft mit vernichtenden Blicken um sich. Schlimm genug, dass man sie als derzeitige Besitzerin von Seelitz nicht gebührend begrüßt und in die erste Reihe gebeten hat – dabei ist der Sozialismus doch angeblich tot –, jetzt muss sie sich auch noch von zwei Irren beleidigen lassen, die nachts in ihrem Park herumlungern.

Hermine fährt lächelnd in ihrem Vortrag fort.

»Leider hat Malte nie geheiratet. Sein Haus hat er während des Krieges aber für Kriegswaisen aus ganz Deutschland geöffnet und dabei auch das eine oder andere Kind aufgenommen, das den Krieg sonst nicht überlebt hätte.« Hermine pausiert kurz und lächelt Hänsel und Gretel zu.

»Er hat für uns ein Paradies geschaffen. Ein Paradies inmitten der Hölle. Im Sommer organisierte er mitternächtliche Kutschfahrten zum Königsstuhl oder Picknicks auf der Insel Vilm südlich von Rügen, die einsam wie Robinsons Eiland war und für uns Kinder ebenso geheimnisvoll.«

Ein verträumtes Lächeln umspielt ihren Mund und macht Hermine jung. Ihre eisgrauen Augen blinzeln verschmitzt. Hänsel und Gretel drücken sich die Hände.

»Einmal hat er dort eine Wildkatze ausgesetzt, die den Tiger für uns spielen sollte. Er hat Flöße mit uns gebaut und als Schatz Schokoladentaler vergraben. Es war die köstlichste Schokolade meines Lebens, obwohl es nur mehlige Kriegsersatzware war. Seine andere Leidenschaft war die Kunst. Wie seine Vorfahren, die den Park anlegten und das Haus gestalteten, hegte er eine verschwenderische Neigung zum Schönen. Er...«

»Klingt wie ein entsetzlicher Langeweiler«, kommentiert die Witwe Sammering. Vor und hinter ihr werden Köpfe geschüttelt.

»Bitte«, flüstert Clemens von Krolow und legt eine Hand auf Alidas Arm. Die zieht ihn zurück und schaut den Finanzberater mit koketter Trotzschnute an. Niemand scheint ihr erklärt zu haben, dass nichts so alt macht wie der Versuch, besonders jung zu erscheinen. Von Krolow lächelt dennoch wie angetan.

Alida mault weiter in seine Richtung. »Ist doch wahr! Das Haus war eine Bruchbude, als wir es übernommen haben. Und von wegen Kunst, pah. Einen Kunstnarren hatte ich selbst zum Mann. Ich habe davon die Nase voll. Die verfluchten Bilder und Antiquitäten, die Ihr Schwiegervater ihm aufgeschwatzt hat, haben ihn ein Vermögen gekostet.«

Das du nicht erbst, denkt von Krolow und kann die Wut der Witwe nachvollziehen. Ihre zänkische Stimme fällt ihm allerdings – genau wie dem Rest des Publikums – auf die Nerven.

»Bitte, Frau Sammering«, murmelt der Finanzberater und umschmeichelt sie mit blauen Blicken, »wenn wir es richtig angehen, wird der Verkauf des Gutshauses Sie zu einer sorglosen Frau machen. Auch ohne die Kunstsammlung Ihres Gatten.«

Alida zupft und streichelt nervös an ihrem Pelz herum. Sie erinnert an eine eingesperrte Katze, die sich mit Putzritualen abzulenken versucht.

»Lassen Sie uns essen gehen, Krolow. Das bringt doch nichts hier. Die Zuhörer haben höchstens Geld für eine Schrebergartenlaube, aber niemals für ein Schloss. Und dazu die beiden Bekloppten da hinten. Die lungern ständig in meinem Park herum. Man fühlt sich geradezu verfolgt.«

Alida erhebt sich ohne Rücksicht auf die Zuhörer, denen sie den Blick verstellt. Verächtlich schaut sie sich unter den Männern und Frauen in Fleecepullovern um, die zwischen Fischernetzen und Fotos von Heringstrawlern auf Plastikstühlen hocken. Das hat so gar keinen Schick, nichts Mondänes, wie die ganze blöde Insel eben.

Von wegen, Rügen sei das Sylt des Ostens. Die Qual der Langeweile verdichtet sich in ihr zu einem bohrenden Schmerz. Sie will endlich leben, statt hier zu verrotten. Die Ehe mit Ewald war öde genug. Jäh erhebt sich Alida und zischt auf ihren Sitznachbarn herab.

»Würden Sie mich bitte sofort vorbeilassen?«

»Nur zu gern«, zischt der Angesprochene zurück.

Hermine hält für einen Moment in ihrem Vortrag inne, dann fährt sie mit leichtem Ärger in der Stimme fort.

»Malte von Seelitz’ Gemäldesammlung war einzigartig. Leider hat sie den Krieg nicht überlebt. Es gibt jedoch ein Bild, dessen Verbleib ein Geheimnis ist. Malte hat einen Caspar David Friedrich besessen, den sein Großvater bei dem Maler in Auftrag gegeben haben soll.«

Oje, so schnell hat sie gar nicht darauf zu sprechen kommen wollen. Sie wollte überhaupt nicht davon sprechen, schließlich weiß sie kaum etwas darüber, aber diese Alida ist impertinent.

Erstauntes Gemurmel benetzt den Saal. Ein Friedrichgemälde auf Rügen! Das wäre eine Sensation. Man muss unweigerlich an die Kreidefelsen denken, die der Seifensiedersohn aus Greifswald unsterblich gemacht hat. Die Legende Rügen ist auch eine Erfindung der Romantik. Selbst von Krolow hält in seiner Bewegung inne und lässt Alidas bepelzten Arm los. Endlich kommt die Dame auf den Punkt.

Hermine ist ehrlich entsetzt über die gespannte Aufmerksamkeit im Saal und fühlt sich wie eine Hochstaplerin.

»Freilich gilt das Bild seit dem Krieg als verschollen. Ich selbst habe es nie gesehen. Wahrscheinlich wurde es geraubt oder zerstört wie so viele Kunstschätze damals«, setzt sie eilig hinterher.

Ganz hinten fliegt Hänsels rechter Arm in die Luft. Mit wild schnipsenden Fingern. Gretel zieht ihn am Jackenzipfel zurück auf seinen Stuhl.

Vittorio bewundert Hermines Geduld mit dem Publikum. Sie lächelt bis in die hinterste Reihe hinunter und redet weiter. »Bedauerlicherweise habe ich mich mit sechs Jahren nicht für Meisterwerke der Malerei, sondern für kalbende Kühe und das Fröschefangen interessiert.«

»Wie ekelhaft. Können wir endlich gehen?« Alida spricht in ungedämpfter Zimmerlautstärke. Kälber und Frösche interessieren sie offenkundig noch weniger als verschollene Gemälde.

Diese Abneigung ist unpassend, denkt Vittorio kopfschüttelnd, wo sie doch Schirmherrin mehrerer Tierheime in ganz Europa ist. Und genau diesen Tierheimen hat Ewald von Sammering seine Kunstsammlung vermacht, weil dem Artenschutz angeblich ihre ganze Leidenschaft gilt. Ihr neuer Pelzmantel verrät einen dramatischen Sinneswandel, und das einzige Schoßhündchen, das sie sich noch gönnt, scheint dieser Krolow zu sein, den sie je nach Laune anhimmelt oder herumkommandiert.

Vittorio ist froh, als das Paar sich einen Weg zum Ausgang bahnt. Solche Unhöflichkeit hat Hermine als Letzte verdient. Weshalb Vittorio unauffällig seinen linken Fuß ausstreckt. Die Witwe schaut so hochnäsig geradeaus, dass sie prompt darüber stolpert. Clemens von Krolow fängt sie nicht auf. Mit undamenhaftem Krachen fällt Alida auf einen leeren Plastikstuhl. Schadenfrohes Gelächter wird nicht unterdrückt.

»Oh, Signora, Sie sind auf die Nase gefallen? No, den Hintern! Wie Leid mir es tut! Unverzeihlich. Sie müssen mit mir kommen und auf den Schreck trinken. Una grappa? Bei einem Kollegen von mir nebenan. Oder möchten Sie morgen bei mir in Binz einen Prosecco?«

Man darf ungezogene Millionärinnen zu Fall bringen, findet Vittorio, aber mögliche Geschäftsbeziehungen mit ihnen sollte man sich dadurch nicht verderben.

Gretel bietet Alida ein Butterbrot an, und Hänsel verspricht ihr für demnächst eine Mondscheinsonate auf seiner Geige.

Von Krolow bemerkt von alledem nichts. Gebannt schaut er zu Hermine hinüber, die zum Schluss kommt.

»Im später gesprengten Schloss zu Putbus hat man noch in den fünfziger Jahren versteckte Kunstwerke unter den Fußböden entdeckt, weshalb es natürlich möglich wäre, dass auch Seelitz noch Geheimnisse birgt. Doch auch ohne Kunstschätze ist Seelitz Teil von Rügens Magie und Geschichte. Leider ist es wie der Park der Öffentlichkeit nicht zugänglich.«

Der letzte Satz ist ein Seitenhieb auf Alida, die Hermines Briefe mit ihrer Bitte um eine Besuchserlaubnis für das Gutshaus nie beantwortet hat. Wie ein Einbrecher kommt Hermine sich vor, wenn sie heimlich durch den alten Park zum Bodden spaziert, wo sie sechs Kindersommer erlebt hat, die sie noch heute wärmen. Wie ein Einbrecher! Dabei hätte sie Grund, sich ganz anders zu fühlen. Doch das ist eine Geschichte, die sie für sich behalten will.

3

Während sich vorne im Saal die Zuhörer um Hermine drängen, Fragen stellen und um die Signierung ihres Seelitzbuchs bitten, tastet Clemens seinen Mantel ab, angelt eine Schachtel Players aus der rechten Tasche und klopft eine Zigarette heraus.

Ein verschollenes, vielleicht Millionen Euro teures Gemälde! Daraus ließe sich etwas machen. Seine Augen verengen sich zu Schlitzen. O ja! Kostbare Argumente für eine immense Aufwertung der Immobilie Seelitz.

Man muss die Geschichte nur im großen Stil zu verkaufen wissen. Er wüsste auch schon, an wen.

Diese alte Katze aus Berlin, die kürzlich bei ihm wegen des Gutshauses angefragt hat und mindestens so nostalgisch wie Hermine Tressewitz ist, aber wohlhabender und – was noch besser ist – völlig vertrottelt. Sie summt gern geistliche Choräle, wenn er auf Zahlen zu sprechen kommt. Sein Gesicht entspannt sich, während er die Zigarette zwischen seine Lippen schiebt. Wer wäre für den Verkauf einer geheimnisvollen Kunststory besser geeignet als er!

Und seine Familie. Nun ja, seine Exfamilie.

Nämlich Lilli Wandler, kürzlich geschiedene von Krolow und ihr einzigartiger Herr Papa, der Kölner Galerist Leopold Wandler, der sich mit Meisterwerken auskennt. Ein Hinweis von ihm auf einen versteckten Caspar David Friedrich im Gutshaus, und die Sache wäre glaubwürdig.

Leopold hat die Expertenwelt oft mit sensationellen Entdeckungen verblüfft. Ein berechnendes Lächeln umspielt Clemens’ schönen Mund, die Zigarette bewegt sich steil nach oben. Er kramt in seiner Innentasche nach dem Feuerzeug.

Und Leopold Wandler ist auf Rügen ein Begriff. Ein Dutzend Top-Gemälde und ungezählte Antiquitäten hat sein ehemaliger Schwiegervater für Ewald Sammering besorgt. Darunter zwei Zeichnungen von Picasso, die ein Vermögen wert sind.

Leopold hat erstaunlich viele Meisterwerke für Sammerings Sammlung erwerben können, wenn man bedenkt, dass er als Trödelhändler angefangen und in den Kunsthandel nur eingeheiratet hat. Leider hat Clemens’ eigene Ehe mit Lilli Wandler nur auf dem Papier dreizehn Jahre lang gehalten. In Wahrheit waren es elf Jahre weniger. Eine zu kurze Zeitspanne, um Genaueres über Leopolds Galerie und seine Art der Bildbeschaffung in Erfahrung zu bringen. Er muss jetzt mehr herausfinden. Wegen des Friedrichs.

Entschlossen steigt er die Treppen hinab, wirft die ungerauchte Zigarette weg und nestelt sein Handy aus der Manteltasche. Verstohlen schaut er sich um, verschwindet in einer zugigen Ecke hinter dem Museum und tippt eine Nummer ein. Er schaut kurz auf die Uhr. Viertel nach zehn. Lilli wird noch wach sein, war schon immer eine Nachteule. Er drückt das Handy gegen sein Ohr, der Ruf geht durch.

»Wandler, hallo«, meldet sich eine müde Frauenstimme am anderen Ende.

»Hallo, Lilli! Clemens hier.«

Die Stimme wird hellwach. »Du? Was willst du von mir? So spät am Abend! Hast du den Verstand verloren? Nach allem, was du mir und deiner Tochter angetan hast, hätte ich sogar einem Schaumschläger wie dir etwas mehr Taktgefühl zugetraut. Ich will von dir nichts mehr hören, nie mehr. Wir sind offiziell geschieden, und dafür danke ich Gott in jedem Nachtgebet...«

»Liebste Lilli, ich verstehe deine Aufregung, aber gerade deshalb...«

»Nenn mich nicht Lilli.«

»Nun gut, Liliane. Ich rufe an, weil ich mich endlich entschuldigen und alles wieder gutmachen kann. Ich bin bald in der Lage, meine peinlichen Schulden dir gegenüber zu begleichen. Glaub mir, ich melde mich erst jetzt, weil ich vorher einfach keine Möglichkeit gesehen habe, alles wieder einzurenken. Ich bin nicht der Gauner, für den du mich hältst. Ich stehe hier kurz vor dem Abschluss eines großen Deals, und das wollte ich dir sofort mitteilen...«

»Ein Deal? Mit wem? Dem Staatsanwalt? Dem Haftrichter? Den zahlreichen Gläubigern? Oder dem Teufel? Zur Hölle mit dir.«

Clemens tastet nervös nach einer neuen Zigarette. Fängt nicht gut an, das Gespräch. Himmel, seine Ex ist nicht mehr das Lamm, das er mal vor dreizehn Jahren geheiratet hat.

»Lilli, ich meine natürlich, Liliane, du missverstehst die Situation.«

»Ich verstehe meine Kontoauszüge sehr gut. Deine krummen Geschäfte und die fehlende Gütertrennung haben mich bei der Scheidung meine gesamten Ersparnisse und meine Eigentumswohnung gekostet. Ich hätte wissen müssen, dass du nur Unglück bringst.«

»Aber das kannst du doch mir nicht anlasten! Nach dreizehn Jahren Ehe und elf Trennungsjahren lässt du dich aus heiterem Himmel von mir scheiden. Ohne Vorwarnung. Hättest du dir einen anderen Zeitpunkt ausgewählt, wäre es nie zu einer so ungünstigen Abrechnung gekommen.«

»Oh, nein, dann hätten sie mich wahrscheinlich gleich mit dir in den Knast gesteckt.«

»Liliane, bitte beruhige dich. Es wird alles gut. Hör zu, ich bin dabei, Gut Seelitz an den Mann, besser an die Frau, zu bringen. Das könnte ein Millionending werden und...«

Lilianes Stimme wird schrill. »Du sollst Seelitz vermakeln? Welcher Trottel hat dir den Auftrag gegeben?«

»Die Witwe Sammering.«

»Eine Frau. Das hätte ich mir denken können.«

Clemens versteht das als Aufmunterung. »Kein Grund zur Eifersucht, mein Engel.«

»Davon träumst du wohl?«

»Sieh es doch positiv. Frau Sammering vertraut mir, so wie ihr Mann deinem Vater vertraut hat. Der Name Wandler hat eben einen guten Klang, da stecken viele Möglichkeiten drin, und du kannst stolz darauf sein. Auf dich und deinen Vater.«

Am anderen Ende der Leitung wird es merkwürdig still. Als Liliane wieder spricht, merkt Clemens, dass sie mühsam Anlauf genommen hat, ihr Zorn ist nicht verraucht, aber deutlich matter. »Es ist unser Name, nicht deiner, und ich finde es infam, dass du noch immer damit hausieren gehst. Begreif es endlich, unsere Ehe war ein Irrtum von Anfang an, und bei mir und meinem Vater gibt es nichts zu holen für dich.«

Clemens übergeht den Vorwurf und fahrt geschmeidig fort.

»Nun, ich dachte, da Leopold demnächst herkommt, um die Bildersammlung Sammering für den Verkauf vorzubereiten, könnten wir ein gemeinsames Geschäft planen...«

Lilli stößt einen keuchenden Laut aus. »Die Bilder gehen dich nichts an. Und übrigens werde ich anreisen, um die Bilder zu übernehmen.«

»Du steigst in den Kunsthandel deines Vaters ein? Donnerwetter. Wo du dich immer dagegen gesträubt hast.«

Lilli atmet tief ein. »Das geht dich nichts an.«

»Es wundert mich nur. Du hast es doch immer kategorisch abgelehnt, dich an den Geschäften der Galerie Wandler zu beteiligen. Dabei war das von Anfang an meine Idee. Synergieeffekte und so weiter. Der Kunsthandel bietet so glänzende Gelegenheiten. Mein Verkaufstalent und eure Beziehungen, perfekt.« Ein leichter Vorwurf und der Unterton des Beleidigten sind unüberhörbar.

»Ich verzichte auf deine Talente. Und da ich – dank dir – möglichst rasch eine große Summe verdienen muss, kümmere ich mich um den Verkauf. Allein, hörst du. Ohne krumme Touren. Ich will meine Wohnung und mein altes Leben zurück.«

Prima Stichwort, denkt Clemens. »Verständlich. Es ist sicher nicht angenehm, als erwachsene Tochter und Mutter wieder im Haus des Vaters zu leben. Und ich kann dir helfen, wieder auf die Beine zu kommen. Hör zu, es geht um eine Kunstsache. Genauer gesagt um ein Gemälde, das sich auf Seelitz befindet.«

»Die Gemälde auf Seelitz verkauft die Kunsthandlung Wandler. Das ist im Testament von Ewald Sammering ausdrücklich festgelegt. Dabei brauche ich keine Hilfe.«

Clemens drückt den Hörer dichter ans Ohr. Täuscht er sich, oder gerät Lillis Stimme gerade ins Wanken?

»Schon gar nicht deine.« Lilli klingt ganz atem- und etwas hilflos.

Clemens lächelt wölfisch, scheint so, als habe er seine Macht über Lilli doch nicht ganz verloren. Er streicht sich über sein Haar, rückt seine Krawatte gerade, verlagert sein Gewicht lässig von einem Bein aufs andere. Angriffsposition.

»Liebste Liliane, so habe ich das doch nicht gemeint. Hör zu, wir sollten das in Ruhe bereden. Es wäre wunderbar, dich einmal in entspannter Atmosphäre wiederzusehen. Gerichtssäle haben eine etwas beklemmende Atmosphäre... «

»Ich kann mir denken, dass du so empfindest, aber Gefängnisse, mein lieber Clemens, sind bei weitem beklemmender. Ich warne dich, geh mir aus dem Weg.«

Wer hätte das gedacht, die sanfte, romantische Lilli von einst kann ganz schön bissig werden, geradezu zickig. Muss das Alter sein.

Zweiunddreißig? Nein, sie müsste jetzt vierunddreißig sein. Der zarte Schmelz der Jugend ist eben dahin, wahrscheinlich ist sie etwas frustriert. Außerdem hat Lilli keinen neuen Mann, soviel er weiß.

Er weiß freilich nicht viel. Immerhin hat er seine Exfrau vor der Scheidungsverhandlung jahrelang nicht gesehen, von einigen Augenblicken abgesehen, wenn er Charlotte, die gemeinsame Tochter, hin und wieder abgeholt hat.

Sein Blick fällt auf den Parkplatz vor dem Museum, die Besucher des Vortrags strömen zu ihren Wagen. Er muss sich beeilen. Am besten ist ein Überraschungsangriff.

»Liliane, um es kurz zu machen. Ich könnte eure Hilfe gebrauchen. Es geht auch nicht um die Bilder, die ihr an Sammering verkauft habt.« Er macht eine kurze Pause. »Zumindest nehme ich das an. Frag deinen Vater doch einmal, was er über einen Caspar David Friedrich weiß. Ich meine, einen Friedrich auf Seelitz.«

Lillis Stimme mutiert zu einem schrillen Piepsen. »Ein Friedrich? Auf Seelitz? Das kann nicht sein. Das darf nicht wahr sein.«

Clemens’ Grinsen verbreitert sich. Wusste er doch, dass die Geschichte ein Volltreffer ist.

»Oh, es spricht einiges dafür. Das Bild soll nur verschollen sein oder irgendwo versteckt. Ich glaube, ich bin da einer kleinen Sensation auf der Spur, und solche Sensationen sind doch sicher nach Leopolds Geschmack. Wo der schon Kunstschätze entdeckt hat! Solch eine Entdeckung würde den Wert von Seelitz enorm steigern. Allein die Nachricht, dass Leopold Wandler auf Seelitz einen Friedrich vermutet, könnte den Hauspreis nach oben treiben. Was dir bei einem erfolgreichen Verkauf ebenfalls zugute kommen könnte, wenn ihr euch auf eine gemeinsame Strategie... Lilli? Lilli?«

Mist, sie hat das Gespräch einfach beendet.

Er muss sie persönlich aufsuchen. Von Angesicht zu Angesicht kommt sein Charme besser zur Geltung. Schließlich ist sein Angesicht eine Augenweide.

Er steckt sein Handy weg, entdeckt sein Feuerzeug und schlendert ins Museum zurück. Und falls Lilli tatsächlich zur fanatischen Kratzbürste und eisernen Jungfrau mutiert sein sollte, gibt es noch eine Verbindung zur Galerie Wandler, die weder Leopold noch Lilli durchtrennen können.

Seine Tochter Charlotte.

Clemens lässt das Feuerzeug aufschnappen. Einem dreizehnjährigen Mädchen werden sich sicher ein paar Geheimnisse über Leopolds Galerie entlocken lassen. Vor allem, da sie jetzt sogar dort wohnt. Mit Mama.

»Das ist streng verboten«, unterbricht eine Stimme seine Gedanken und pustet ihm sacht das Feuerzeugflämmchen ins Gesicht, sodass Clemens sengende Hitze in die Nase steigt.

Krolow fährt schnaubend zurück. »Was zum Teufel erlauben Sie sich?«

Vittorio bekommt keine Gelegenheit zur Antwort. Alida, die sich auf seinen Arm stützt, schnellt vor wie eine erboste Furie. »Was erlauben Sie sich, von Krolow! Mich einfach links liegen zu lassen und wie Luft zu behandeln, statt mir nach meinem Sturz aufzuhelfen.« Ihr Vorwurf hat einen Beigeschmack echter Verzweiflung.

Clemens entringt Vittorio seine Beute mühelos. Während er dem Italiener über Alidas Kopf hinweg schneidende Blicke zuschießt, versüßt er seine Schmierölstimme mit so viel Zucker, dass Vittorio vom Zuhören Zahnweh bekommt.

»Verzeihung, Verzeihung, liebe Frau Sammering. Ich war gerade in geschäftliche Überlegungen vertieft.«

Er ist es noch: Seine Tochter Charlotte wird sich sicher über einen Besuch von ihm freuen. Der letzte liegt – Moment – nun ja, ein Dreivierteljahr zurück. Er könnte Charlotte mit einem Weihnachtsgeschenk überraschen. Etwas spät Mitte Januar, aber er hatte anderes zu tun. Die Geschäfte laufen derzeit wirklich schleppend, äußerst schleppend, und die Staatsanwaltschaft ist lästig.

»Ich hoffe, die Überlegungen gelten mir und Seelitz«, schnappt Alida, während sie aus der Werfthalle tritt. »Ich will den elenden Kasten endlich loswerden.«

»Alle meine Überlegungen gelten Ihnen und Seelitz«, versichert Clemens mit der notorisch euphorischen Stimme eines Gebrauchtwagenhändlers und dem Herzrasen eines Bankrotteurs vor dem Offenbarungseid.

Er denkt in der Tat ausschließlich an Seelitz – das Gut ist seine letzte Chance.

4

Liliane Wandler betrachtet den Telefonhörer, als handele es sich dabei um einen besonders widerwärtigen Rattenterrier, der gleich zuschnappen wird. Tatsächlich ist der Hörer Teil eines eleganten, elfenbeinweißen Bakelit-Telefons aus den dreißiger Jahren. Ein Original natürlich. Ihr Vater erlaubt sich in seinem privaten Umfeld keine ästhetischen Schnitzer. Sie lässt den Hörer mit spitzen Fingern auf die Gabel sinken, die sie vor einer Minute energisch herabgedrückt hat, um das Gespräch mit Clemens zu trennen.

Caspar David Friedrich, hallt es in ihrem Kopf. Caspar David Friedrich.

Das darf nicht wahr sein. Das kann nicht wahr sein!

Warum denn nicht? Auf Seelitz gibt es schließlich auch ganz unglaubliche Picassos. Und einen Paul Klee. Und... Oh, Ruhe!

Erschöpft lässt Lilli sich in einen würfelförmigen Art-Déco-Sessel fallen, der erstaunlich bequem ist. Ihr Vater hat nicht nur Sinn für Schönheit, er verbindet seine ästhetischen Bedürfnisse auch mit seiner Lust an körperlichem Wohlbefinden. In dem Wohnzimmer über seiner Kölner Galerie könnte man derzeit ohne Umbauten einen Dashiell-Hammett-Thriller verfilmen.

Mit Leopold als Schurken, denkt Lilli und dreht sich mit wild klopfendem Herzen zu dem Schurken um, der in einen Schlafmantel aus chinesischer Seide gehüllt dasitzt und so tut, als lese er.

Kleines Lexikon der Kunstfälschungen. Ausgerechnet. Er will sich wohl über sie lustig machen.

Lilli wirft ihm einen bohrenden Blick zu. Ihr Vater tut einige Minuten so, als bemerke er den Blick nicht. Dann lässt er das Buch sinken.

»Wer war das am Telefon?«

Lilli schnellt in ihrem Sessel hoch.

»Tu nicht so, als hättest du nicht hingehört. Es war Clemens.«

»Oh, die Ratte. Ich war nur im Zweifel, weil du so lange mit dem Anrufer gesprochen hast. Schließlich hast du mir versichert, du würdest im Leben kein Wort mehr an ihn richten. Abgesehen von Verbalinjurien oder eindeutigen Imperativformeln wie ›Verschwinde‹. Wobei mir in Clemens’ Fall sogar das sehr griffige ›Verpiss dich‹ durchaus zulässig und angebracht scheint.«

Lilli zerrt nervös an ihren Locken, dass es ziept. Dann windet sie die widerspenstigen Haare zu einem Knoten, den sie hinten feststeckt. »Vater, er ist auf Rügen.«

Leopold Wandler seufzt. »Dieser Knoten ist grässlich, meine Liebe. Du bist doch keine verhärmte Bibliothekarin. Und wenn du glaubst, dass irgendwann ein Cary Grant auftaucht, der den Knoten löst und deine wahre Schönheit entdeckt, überschätzt du die meisten Männer hoffnungslos.«

»Leopold! Hast du gehört, was ich gesagt habe? Clemens ist auf Rügen!«

Leopold legt mit müder Geste das Buch zur Seite. »Ich weiß, die Witwe Sammering hat ihn mit dem Verkauf von Seelitz beauftragt.«

Lilli schnappt nach Luft. Der Raum gerät in Bewegung. Scheint, als werde hier bereits ein Film gedreht, meldet sich ihre innere Stimme zu Wort, mit dir in der Rolle des unverbesserlichen Dummchens.

»Warum hast du mir das denn wieder verschwiegen?«

Neben den vielen anderen Dingen, die er dir jahrelang verschwiegen hat, Fräulein Neunmalklug?

Leopold schenkt sich einen Martini ein, fügt Wodka hinzu, rührt mit einem Glasstäbchen darin herum. Selbstverständlich stammt das Cocktailgeschirr auch aus den Dreißigern. Leopold nippt genießerisch an seinem Glas.

»Ich wollte dich nicht aufregen, Liebes. Ich weiß ja, wie sehr dich die Überraschungen der letzten Wochen mitgenommen haben. Außerdem hatte ich gehofft, dass ihr euch dort nicht begegnen würdet. Clemens kann es sich nicht leisten, zu lange an einem Ort zu bleiben. Ihr müsst euch übrigens auch nicht begegnen, denn ich bin nach wie vor der Ansicht, dass ich mich um den Verkauf der Sammlung Sammering kümmern sollte. Dich regt das alles viel zu sehr auf.«

Lilli krallt sich an den Sessellehnen fest.

»Dich lasse ich ganz sicher nicht mehr in die Nähe dieser Sammlung! Und übrigens. Clemens hat mich nach einem verschollenen Caspar David Friedrich gefragt. Was weißt du davon?«

Lilli wirft angriffslustig den Kopf in den Nacken, eine vorwitzige Locke entkommt ihrem Haarknoten, tanzt ihr ins Gesicht.

Leopold setzt sein Glas ab und hebt ehrlich erstaunt die Brauen.

»Caspar David Friedrich? Um ehrlich zu sein, weiß ich über ihn recht wenig. Die deutsche Romantik ist nicht mein Fachgebiet. Dieser düstere Symbolismus, der Hang zur Schwermut, die religiöse Überhöhung liegen mir nicht, aber... «

»Vater, keine Vorträge. Hast du mir einen Friedrich auf Seelitz verschwiegen? Ja oder nein?«

»Nein!«

»Ist das die Wahrheit? Ach, was frage ich denn, als ob du überhaupt wüsstest, was die Wahrheit ist. Sie hat in deinem Leben nie eine entscheidende Rolle gespielt.«

Leopold knotet die Schlinge seines Gürtels neu, strafft das seidene Revers und seine Miene zum Porträt des perfekten Gentlemans.

»Liebe Lilli, ich habe gerade dir in den letzten Wochen die Wahrheit und nichts als die Wahrheit gesagt. Und das hat dich nicht besonders glücklich gemacht. Dabei liegt mir mehr als an allem anderen an deinem Glück. Schon immer. Deine ständigen Verdächtigungen sind, mit Verlaub, ermüdend, wenn du mich doch nur einmal alles in Ruhe erklären ließest...«

Lilli winkt ab. »Alles, Vater, nur keine Erklärungen mehr. Und jetzt gib mir dein Ehrenwort, dass du niemals einen Friedrich gemalt hast – weder für Ewald Sammering noch für sonst jemanden.«

Leopold verdreht die Augen wie ein Musiklehrer, der zum hundertsten Mal an dem Versuch scheitert, einer Sechsjährigen Alle meine Entchen beizubringen.

»Lilli, du tust schon wieder so, als sei ich ein lächerlicher, einfallsloser Bilderfälscher. Wie degoutant. Du weißt, dass alle objets d’art aus dem Hause Wandler Originale waren und sind...«

»Du meinst wohl, alle Objekte im Hause Wandler.«

»Das sind doch Haarspaltereien, Kind...«

»Hast du jemals einen Friedrich produziert oder nicht?«

»Das habe ich nicht. Er liegt mir nicht, wie ich schon sagte. Du hingegen könntest als gelernte Restauratorin sicher eine hinreißende Friedrichkopie...«

Lilli springt aus dem Sessel auf. Keine gute Idee. Ihre Knie geben nach. Ihr Herz schlägt Saltos, was es gar nicht kann und auch nicht tun sollte, zumal Lilli gerade kaum Luft bekommt.

»Vater, ich male seit dreizehn Jahren nicht mehr«, presst sie hervor, »und ich habe auch nicht vor, je wieder damit anzufangen.«

»Zu meinem größten Bedauern, zu meinem allergrößten Bedauern! Sein Talent so zu verschwenden kann nicht glücklich machen. Du versündigst dich gegen deine Berufung, mein Kind. Und dieser Haarknoten!«

Lilli bricht ab. Es hat keinen Sinn. Sie muss hier raus. An die Luft. Sie ist Leopold noch immer nicht gewachsen. Auch nicht nach dreizehn Jahren, die sie wohlweislich in gewisser Entfernung von ihm gelebt hat. In ihrem eigenen Leben, ihrer eigenen Wohnung, in ihrem eigenen Job. Perdu. Alles verloren. Vorbei.

Woran freilich nicht Leopold schuld ist.

Nein, das war Clemens. Und sie auch. Schließlich hat sie Clemens geheiratet gegen den Rat ihres Vaters. Und sie war es auch, die die Ehe erst dann mit einer Scheidung beendet hat, als die ersten Vorladungen eintrafen, zu Gerichtsterminen wegen Verdachts auf Veruntreuung von Geldern, Anlegerbetrug, Immobilienschwindel und und und... Sie hätte wissen müssen, was für ein Windhund Clemens war.

So wie dein Vater, Lilli Dummchen.

Himmel, sie braucht Luft. Ganz schnell.

Lilli reißt die Tür zum Treppenhaus auf, will hinablaufen, durch die Galerie. An die Luft, nur an die Luft.

»Mom«, hält sie aus einem Zimmer am anderen Ende des Ganges eine Stimme zurück. Lilli schluckt. Schluckt tapfer. Immer runter mit der Wut und dem Ärger. Das Kind soll nichts merken. Lilli zwingt sich zum Luftholen.

»Charlotte, du musst schlafen! Morgen ist Schule.«

»Mom, mir fällt eben was ein. Ich muss nächste Woche ein Bild mitbringen oder sonst irgendwas Künstlerisches. Aber was echt Gutes. Hab ich ganz vergessen, fällt dir was ein?«

»Ich male dir keine Bilder mehr, du bist jetzt alt genug, deine Hausaufgaben selbst zu erledigen.«

»Ist keine Hausaufgabe, sondern für den Unicefbasar in drei Wochen.«

»Langt da kein Kuchen? Ich back dir einen.«

»Nur das nicht! Außerdem kaufst du das Zeug sowieso nur bei Aldi und pulst dann dran rum, damit es wie selbstgemacht aussieht.«

»Charlotte! Ich hab wirklich eine Menge zu tun.«

»Ist doch okay, wenn man nicht backen kann, du hast deinen Doktortitel ja nicht bei Oetker gemacht. Aber, Mom, ich hab allen erzählt, wir leben jetzt in einer Galerie und haben jede Menge Ladenhüter übrig. Der Direx ist voll angeknipst von der Idee. Alle denken, wir haben megaviel Knatter. Und, ich meine, Opas Galerie ist doch wirklich voll Gerumpel.«

»Vergiss es, Charlotte, wir haben hier nichts Wertvolles übrig. Und reich sind wir bestimmt nicht. Im Gegenteil. Gute Nacht.«

»Es geht um einen guten Zweck. Hast du kein Mitleid? Weißt du, wie viele Kinder in der Welt verhungern? Ich hab es mir irgendwo aufgeschrieben. Soll ich mal nachsehen?«

»Gute Nacht, Charlotte.«

»Kann ich wenigstens noch ein Milky Way haben?«

»GUTE NACHT!«

5

Die Möwen sitzen wie festgefroren auf Ankerpfählen. Hermine steht auf einem Anlegesteg und genießt die in Eis erstarrte Schönheit von Lauterbachs Hafen im Süden Rügens. Unter einer Eisschicht strudelt die Ostsee. Tiefstehende Wintersonne lässt überfrorene Planken und Fischerboote glitzern.

Im Sommer ankern hier die Segler dicht an dicht, am Kai entsteht dann eine Budenstadt aus Aalräuchereien und Töpferständen. Die Rügener Kleinbahn schickt schrille Lokpfiffe in den Himmel und schaukelt beladen mit Touristenvolk als Rasender Roland von Museumsbahnhof zu Museumsbahnhof und zurück zur Endstation Lauterbach.

Das ist so, als würde eine Postkarte lebendig, aber nicht zu vergleichen mit der winterlichen Stille und dem Prickeln des salzigen Frosts auf der Haut.

Hermine ist heute Morgen hergefahren, weil sie noch einmal mit Christine sprechen will. Stine, die fast neunzig ist und ihr bei den Recherchen zum Seelitzbuch geholfen hat. Jetzt steht die ehemalige Gutsmagd neben ihr, klein vom Alter und vermummt in einem Mantel, aber immer noch beweglich. Der Spaziergang war ihr Vorschlag. »Damit ich nicht einroste«, sagt sie.

Hermine atmet noch einmal tief ein, dann dreht sie sich zu Stine um.

»Ich wollte dich noch einmal nach den Bildern fragen, Maltes Sammlung. Weißt du, was genau damit passiert ist?«

Stine reckt sich ein wenig, um ihren Mund aus dem Gewirr ihres selbstgestrickten Schals zu befreien.

»Ach, die Bilder«, sagt sie nur und versinkt wieder in ihrer Verhüllung.

Hermine schaut sie abwartend an. Stine hat ein so reiches Gedächtnis, dass sie stets etwas kramen und sortieren muss, bis sie eine Geschichte zusammenhängend erzählen kann. Und dann wieder gibt es Geschichten, die sie nicht mehr erzählen will. Punkt.

»Hat deine Mutter dir denn nie was darüber erzählt?«, fragt Stine schließlich mit lauerndem Blick.

Hermine schüttelt den Kopf. »Nein.« Sie zögert. »Ich habe bei meinen Recherchen für das Buch nur so viel herausbekommen, dass Malte einige der Bilder verschenkt hat. Nach Berlin. In die Reichskanzlei.« Traurig stößt sie ihre Hände tiefer in die Manteltaschen. Hat ihre Mutter ihr deshalb nie etwas gesagt? Nie, niemals hätte sie über Malte etwas Schlechtes gesagt, einen Schatten auf seine Person, seinen Charakter geworfen. Aber Berlin und so wertvolle Geschenke, das muss schließlich bedeuten... es heißt... dass Malte... doch ein Freund... der damaligen Machthaber... Hermine bricht ab. Nein, das kann nicht sein. Das darf nicht sein.

»Verschenkt, ha!« Stine schnaubt verächtlich und vermummt sich tief in ihrem Schal. »Das war eine scheußliche Angelegenheit«, brummt sie schließlich, während sie in ihrer Manteltasche nach einer Tüte mit Brotkrumen kramt.

Sie zieht sie hervor und beginnt die Möwen zu füttern. »Ist zwar verboten«, sagt sie, während die Möwen in Bewegung geraten, »aber die Tiere warten auf mich. Ich mag Möwen, egal, was die Leute sagen. Und nach zwei Diktaturen in meinem Leben lasse ich mir gar nichts mehr verbieten. Schon gar nicht das Möwenfüttern.«

»Eine traurige Geschichte? Wie genau meinst du das?«, hakt Hermine entschlossen nach.

Stine zieht die Augenbrauen zusammen.

»Willst du wirklich darüber reden? Halte dich lieber an deine schönen Erinnerungen, Kleines.«

Kleines! Nun ja, dreiundzwanzig Jahre Altersunterschied rechtfertigen diese Anrede aus Kindertagen wahrscheinlich. Stine hat Hermine früher auf dem Schoß geschaukelt und als Hoppereiter in den Graben plumpsen lassen. Diese Erinnerung scheint bei ihr sehr präsent zu sein.

»Ich möchte wirklich mehr darüber wissen.«

Stine wirft Brot in die Luft. »Mmmh. Na ja, schaden kann’s wohl heute nicht mehr viel. Damals wollten wir nicht, dass du was mitkriegst. Warst schließlich ein sehr wissbegieriges Kind, und Kindermund tut Wahrheit kund. Kannst du dir das vorstellen? Wir hatten Angst vor unseren eigenen Kindern. Davor, dass sie was ausplappern könnten, das uns oder Malte zum Verhängnis würde.«

Hermine runzelt verwirrt die Stirn. »Über die Gemälde?«

»Das auch. Aber vor allem über die anderen Kinder, die bei uns lebten und alles, was Malte so über die Herrschaften aus Berlin zu sagen hatte.«

»Erzähl mir alles, bitte.«

Stine zuckt die Achseln, was eine enorme Kraftanstrengung sein muss, denn unter dem Mantel trägt sie noch einen Anorak.

»Na, du weißt doch, dass wir immer mal Besuch von diesen Herrschaften aus Berlin bekamen. Maltes alte Fliegerkameraden, die im braunen Hemd Karriere gemacht haben. Denen musste er schöntun, egal wie hart ihn das später ankam. Und einer von denen kam auf die Idee, dass Malte seine Liebe zu Führer und Vaterland doch mal mit einem Geschenk beweisen könne. Der wollte sich selbst ganz oben einschmieren. Geschenk! Dass ich nicht lache.«

Sie macht eine Pause, atmet die kalte Luft tief ein. Hermine wartet ab.

»Als ob der Herr von Seelitz freiwillig seine Grünwald-Madonna an das braune Pack hergegeben hätte. Für die Sammlung vom Reichsmarschall. Pah. Aufgeblasener Heini. Hat genau hier mal mit seiner Staatsjacht angelegt und für Riesenwirbel gesorgt, samt Fackelzug und Blumenmädchen. Richtiger Operettenauftritt.«

Stine schüttelt missbilligend den Kopf und ist in ihren Erinnerungen weitergewandert.

»Die Madonna war wunderschön, habe sie manchmal abgestaubt, wenn es draußen nichts zu tun gab. Eine Schande, dass Malte die hergegeben hat. Hat gehofft, danach wäre Ruhe und er wäre wieder ganz der Herr in seinem Haus. Könnte machen, was er wollte.«

Hermine steckt ihre Hände tiefer in die Taschen und tritt von einem Fuß auf den anderen. Der gleißende Sonnenschein trügt, es ist bitterkalt auf dem Steg.

»Er hat es also für uns alle und die Kinder getan«, sagt sie sehr erleichtert. »Was sind schon ein paar Gemälde gegen das Leben und die Sicherheit von Kindern, Stine. Mit den Bildern hat er sich Freiheiten erkauft, die er sonst nicht gehabt hätte.«

»Trotzdem«, brummt ihre Begleiterin und wirft Brotkrumen in den Himmel, »es war nicht recht, und es hat ihm in der Seele wehgetan, das konnte man sehen. Wenn wieder eine von den flachen Holzkisten abgeholt wurde – in militärischer Begleitung, versteht sich –, hat er sich in die Bibliothek eingeschlossen und ist tagelang nicht wieder rausgekommen. Hat nichts gegessen und keiner von uns in den Po gezwickt, nicht mal Gudrun, deiner Mutter. Er war überhaupt nicht mehr er selbst.«

Hermine muss wider Willen schmunzeln. Das Pozwicken gilt Christine noch immer als natürliches Recht eines Gutsherrn vom Schlage Maltes.

»Aber er hat doch nicht alle Bilder hergegeben, oder? Ich erinnere mich, dass es bis zuletzt einen Caspar David Friedrich gegeben haben muss. Jedenfalls hat Gudrun mir das einmal erzählt. Nun ja, nicht erzählt, aber es ist ihr so herausgerutscht. ›Verdammt, warum gibt er den Friedrich nicht her‹ oder so.«

Stine macht sich entschlossen an den Rückweg. Sie legt ein erstaunliches Tempo vor. Hermine holt sie erst nach einigen Schritten ein.

»Der Friedrich«, murmelt Stine grimmig, »nee, den hat er nicht hergegeben, sondern versteckt, wo ihn keiner sehen konnte. War ein Riesengeheimnis.«

Hermine zieht aufgeregt den Atem ein. »Er hat ihn versteckt? Es gibt ihn also noch?«

Stine schreitet noch rascher aus. »Ich brauche jetzt einen heißen Tee. Und du siehst auch verfroren aus, Kleines.«

Hermine fasst Stine beim Arm und erschrickt ein wenig, als der wattierte Mantelärmel so weit nachgibt, dass man Stines Arm dünn wie einen Vogelknochen spüren kann.

»Ist das Bild noch auf Seelitz?«

Stine schüttelt Hermines Hand ab.

»Interessiert mich nicht. Ich weiß nur, dass dieses dämliche Gemälde ihn das Leben gekostet hat. Hat sich lieber umgebracht, anstatt es herzugeben, als er danach gefragt wurde. Von ganz oben. Da rettet er erst diese Kinder und weiß sich am Ende selbst nicht zu helfen. Versteh einer die Menschen. Ich tu’s nicht. Nicht mal nach neunzig Jahren. Ein Bild war ihm lieber als das eigene Leben.«

Hermine läuft kopfschüttelnd neben Stine her. »Ach, Christine, ich bin sicher, er wollte das Ende so oder so nicht miterleben. Und wahrscheinlich war das besser. Denk doch nur, wie es den Junkern unter den Russen ergangen ist. Er hätte alles verloren, was er geliebt hat. Die Welt, die er kannte. In einer anderen hätte er sich nie zurechtgefunden.«

»Aber er wäre am Leben geblieben.«

»Nicht einmal das ist sicher. Vielleicht hätte man ihm eine Nähe zum Regime unterstellt, schließlich hat er nach außen hin sehr überzeugend so getan, als sei er ein Freund gewisser Machthaber, und seine Verbindungen zum Fliegerkorps waren eng. Von außen gesehen, gehörte er dazu.«

Sie sind am Ende des Stegs angelangt, vor ihnen liegt still die Straße, dahinter in weißem Glanz Lauterbachs ältestes Hotel. Es sieht so unschuldig aus wie zu der Zeit, als Elisabeth von Arnim die Insel bereiste und als romantisches Reiseziel unsterblich machte. Hermine bereut es beim friedlichen Anblick des Hauses, Stine so hartnäckig befragt zu haben.

»Lass uns einen Tee trinken. Ich lade dich ein«, sagt sie versöhnlich.

Stine nickt. Sie überqueren die Straße. Bevor sie die Stufen zur Hotelveranda hochsteigen, sagt Stine: »Ich bin mir sicher, dass es das Bild nicht mehr gibt. Die Russen haben auf Seelitz das Unterste zuoberst gekehrt und alles mitgeschleppt, was zu holen war. Na ja, es gibt zwei Leutchen, die mehr darüber wissen könnten.«

»Wen?«

»Diese beiden Verrückten, Brüderchen und Schwesterchen oder wie immer sie genannt werden.«

Hermine staunt: »Du meinst Hänsel und Gretel?«

Stine nickt. »Genau die. Haben bis zuletzt auf Seelitz ausgeharrt. Treu bis in den Tod. Hatten auch Grund dazu.«

»Warum?«

»Waren Kinder vom Pächter Hermanns. Das war ein guter Arbeiter, aber von seinen acht Kindern waren vier nicht recht gescheit. Die zwei jüngsten, also Hänsel und Gretel, standen 1936 auf der Liste zur Heimunterbringung. Nur dass alle den Braten gerochen haben, als der Überführungsbescheid kam, weil die älteren Kinder schon weg waren ins angebliche Pflegeheim und da verstorben sind. An Herzversagen! Mit sechzehn! Kurzer Brief an die Eltern, dann die Urnen hinterher, und das war’s. Deswegen hat Malte die beiden Jüngsten zu sich genommen. Du musst dich doch an die erinnern, den kleinen Dunklen und...«

»Ich weiß, wen du meinst. Ich treffe sie sogar öfter. Aber was sollten die beiden über den Verbleib des Bildes wissen?«

»Malte hat ihnen mehr anvertraut als irgendeinem Menschen sonst. Wahrscheinlich hat er gedacht, dass bei zwei Irren seine Geheimnisse sicher sind. Mit irgendwem musste er schließlich mal reden. Und wenn du meine Meinung wissen willst, dann sollten die beiden ihre Geheimnisse auch weiterhin für sich behalten. Das Bild hat immer nur Unruhe gestiftet.«

Und das, denkt Hermine, während sie die Tür zum Hotelcafé aufstößt, tut es auch jetzt wieder.

Clemens von Krolow bedrängt sie seit ihrem Vortrag im Hafenmuseum mit Bitten um mehr Informationen. Sein Schwiegervater, behauptet er außerdem, sei ein Experte im Auffinden von Meisterwerken und könne sicher behilflich sein.

Vittorio ist wie elektrisiert von der Vorstellung, den Tourismus in Binz und Umgebung mit der Geschichte vom verschollenen Meisterwerk weiter anzukurbeln.

»Stellen Sie sich vor, Ermine, Sie werden eine Berühmtheit, Ihre Pension wird ausgebucht sein, und vielleicht können wir mit der Geschichte von dem Bild Seelitz davor retten, eine Golfakademie zu werden!«

Kunstmagazine und überregionale Tageszeitungen fragen wegen Interviews bei ihr an, und dann gibt es noch diesen Unbekannten, der sie mit gelegentlichen Anrufen aufstört. Stummen Anrufen. Kaum hebt sie ab, wird der Hörer am anderen Ende aufgelegt. So, als könne sich jemand nicht entschließen, ihr etwas Wichtiges mitzuteilen.

Nur was? Und will sie es wirklich wissen?

Ja. Sie will es wissen.

Schon deshalb, weil ihre Vergangenheit, mit der sie sich Jahre ihres Lebens so allein gefühlt hat, völlig unerwartet in der Gegenwart angekommen ist.

Plötzlich gibt es eine Menge Menschen, die sich für Seelitz interessieren, und das hat sie schließlich gewollt.

6

Köln, Ende Februar

Sie hätte sich den Besuch hier sparen sollen, denkt Liliane Wandler und rutscht auf ihrem Stuhl bis zur Kante. Sie hat vor ihrer Abreise nach Rügen noch so vieles zu erledigen. Außerdem trifft sie heute Abend Clemens. Zum ersten Mal seit der Scheidung. Allein und außerhalb eines Gerichtssaals. Des mysteriösen Friedrichbildes wegen. In was er sie nun wieder hineinziehen will? Nur nicht dran denken. Nervös tasten ihre Augen die gelbe Raufaser hinter dem Schreibtisch ab und bleiben an einer Schautafel hängen.

Scheußlich, diese anatomische Darstellung des menschlichen Körpers. Welcher Patient will schon wissen, wie ein gehäuteter Mensch aussieht? Die medizinische Plastik eines zerschnittenen Herzmuskels ist nicht erhebender. Ihr Blick flüchtet zu dem August-Macke-Druck im Rücken ihres Arztes.

Doktor Valbinger lehnt sich gewichtig über seinen Schreibtisch. Er faltet die Hände, die ein Aroma von medizinischem Alkohol und Kugelschreibertinte verströmen.

»Ihre Blutwerte und das EKG sind in Ordnung. Auch die Computertomographie meines Kollegen zeigt keine Anomalien. Physisch scheinen Sie in Ordnung, aber...«

Jetzt kommen die Predigt und der Psychoteil! Dafür kann er sicher Zusatzkosten abrechnen. Ziffer 45 für drei Minuten Seelenchirurgie und vier Minuten mentale Herzmassage. Lilli streicht ihren Kostümrock glatt und reckt das Kinn. Sie hat ihre Locken straff zurückgekämmt und die Brille aufgesetzt, so wie sie es für geschäftliche Termine tut.

Ihr Arzt kann sie also kaum für eine überforderte, kürzlich geschiedene Alleinerziehende in wirtschaftlicher Notlage halten, die ihre Probleme durch den Missbrauch von Betäubungsmitteln bewältigen will.

Brillante Diagnose! Klappe da drinnen.

Sie ist nicht der Typ für emotionale Probleme. Ihr einziger großer Irrtum in dieser Hinsicht war Clemens, die Liebe eben. Braucht sie nicht. Ihre Brust wird eng, Lilli zwingt sich zu atmen.

Der Arzt übernimmt wieder. »Am Befund ist nichts Ungewöhnliches, Frau Wandler, aber diese Schwindelanfälle, das Herzrasen und Ihre plötzliche Neigung zu Hyperventilation geben mir zu denken.«

Mir auch, Sie Dussel, kommentiert Lilli stumm. Ihre Nerven haben in letzter Zeit eine Menge aushalten müssen. Sie sind dünn wie 11-den-Strümpfe und so reißfest wie Zuckerwatte.

»Ich bin zu dem Schluss gekommen, dass Sie für eine Weile alles, was mit Kunst zu tun hat, meiden sollten, Frau Wandler. Es regt Sie, so wie ich das sehe, zu sehr auf.«

Nachdenklich betrachtet er die vorwitzige Locke, die sich aus Lillis Pferdeschwanz befreit hat und über ihren Ohren tanzt. Sie könnte sehr hübsch sein, wenn sie gelöster wäre. So wie ihre Haare. Und die Brille sollte sie durch Kontaktlinsen ersetzen oder weglassen.