Dreizimmerwohnung aus Plastik - Petra Hulová - E-Book

Dreizimmerwohnung aus Plastik E-Book

Petra Hulová

0,0
15,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Dreizimmerwohnung aus Plastik - Eine sprachmusikalische und provozierende Reise in die Seele einer Prostituierten Eine halbwegs gebildete Prostituierte Anfang dreißig empfängt ihre Kunden in ihrem Prager Appartement und erzählt in einer überraschenden Mischung aus Vulgärjargon und poetischer Sprache atemlos von ihrem Denken und Sein. Religion, das Altern, die Männer und die Frauen, Sexualität, Konsum - über alles und jeden macht sich die Erzählerin Gedanken. Ihre ungeschminkten Weisheiten sind geprägt von fantasievollen Assoziationen, die den Leser von Anfang an fesseln. Selbst wenn sich ihr Lebensraum auf das Appartement und das Einkaufszentrum beschränkt, so weiß sie doch genug vom Leben, um es dem Leser schonungslos um die Ohren zu hauen: bitterböse, oft zynisch und manchmal schmerzhaft. Petra Hulová, bekannt durch ihren Debütroman Kurzer Abriss meines Lebens in der mongolischen Steppe, zeigt in Dreizimmerwohnung aus Plastik erneut ihre sprachliche Wucht. Meisterhaft übersetzt von Doris Kouba ist dieser Roman ein Hochgenuss für Literaturliebhaber, die sich auf eine provokante Reise in die Seele einer ungewöhnlichen Protagonistin einlassen möchten.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 207

Veröffentlichungsjahr: 2013

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Petra Hůlová

Dreizimmerwohnung aus Plastik

Roman

Aus dem Tschechischen von Doris Kouba

Kurzübersicht

Buch lesen

Titelseite

Über Petra Hůlová

Über dieses Buch

Inhaltsverzeichnis

Impressum

Hinweise zur Darstellung dieses E-Books

zur Kurzübersicht

Über Petra Hůlová

Petra Hůlová, 1979 in Prag geboren. Studium der Kulturwissenschaft und Mongolistik, gilt als wichtigste Autorin der jüngeren Generation. Zahlreiche Veröffentlichungen.

Die Übersetzerin

Doris Kouba, 1974 in Darmstadt geboren, arbeitet seit ihrem Studium in Hamburg als freiberufliche Übersetzerin aus dem Tschechischen, Slowakischen und Englischen. Sie lebt in Hamburg und Prag. Für ihre Übersetzung von Texten Petra Hůlovás wurde sie bereits mit mehreren Stipendien ausgezeichnet.

zur Kurzübersicht

Über dieses Buch

Eine halbwegs gebildete Prostituierte Anfang dreißig, die ihre Kunden in ihrem Prager Appartement empfängt, erzählt in einer überraschenden Mischung aus Vulgärjargon und poetischer Sprache atemlos von Ihrem Denken und Sein.

 

Religion, das Altern, die Männer und die Frauen, Sexualität, Konsum – über alles und jeden macht sich die Erzählerin atemlose Gedanken. Ihre ungeschminkten Weisheiten sind geprägt von fantasievollen Assoziationen, die den Leser nicht nur wegen der überraschenden Schlussfolgerungen, sondern wegen der Sprache von Anfang an fesseln. Auch wenn sich der Lebensraum auf das Appartement und das Einkaufszentrum beschränkt, so weiß sie doch genug vom Leben, um es dem Leser um die Ohren zu hauen: bitterböse, oft zynisch und manchmal schmerzhaft.

Petra Hůlová wurde mit ihrem ersten Roman »Kurzer Abriss meines Lebens in der mongolischen Steppe« einem größeren deutschen Publikum bekannt. Ihr neuer Roman, meisterhaft übersetzt von Doris Kouba, zeigt die sprachliche Wucht der jungen Schriftstellerin.

Ein sprachmusikalischer und provozierender Hochgenuss.

KiWi-NEWSLETTER

jetzt abonnieren

Impressum

Verlag Kiepenheuer & Witsch GmbH & Co. KGBahnhofsvorplatz 150667 Köln

Titel der Originalausgabe: UMĚLOHMOTNÝ TŘÍPOKOJ

Copyright © 2006 by Petra Hůlová

All rights reserved

Aus dem Tschechischen von Doris Kouba

© 2013, Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln

Covergestaltung: Barbara Thoben, Köln

 

ISBN978-3-462-30689-7

 

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt. Abhängig vom eingesetzten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen der Inhalte kommen. Jede unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt.

 

Die Nutzung unserer Werke für Text- und Data-Mining im Sinne von § 44b UrhG behalten wir uns explizit vor.

 

Alle im Text enthaltenen externen Links begründen keine inhaltliche Verantwortung des Verlages, sondern sind allein von dem jeweiligen Dienstanbieter zu verantworten. Der Verlag hat die verlinkten externen Seiten zum Zeitpunkt der Buchveröffentlichung sorgfältig überprüft, mögliche Rechtsverstöße waren zum Zeitpunkt der Verlinkung nicht erkennbar. Auf spätere Veränderungen besteht keinerlei Einfluss. Eine Haftung des Verlags ist daher ausgeschlossen.

Inhaltsverzeichnis

Dank

Fernsehserie erster Teil: Frauen mit Taschen

Der Kuckuck

Das Geschäftsessen

Fernsehserie zweiter Teil: Die Dickleibigkeit alter Damen

Im Archiv

Fernsehserie dritter Teil: Kalorien

Fernsehserie vierter Teil: Radfahrerinnen vom Dorf

Im Biologiesaal

Fernsehserie fünfter Teil: Wer hat die Digiwelt verhunzt?

Fernsehserie sechster Teil, den die Zuschauer nicht zu sehen kriegen

Das Mädelchen und Fernsehserie siebter Teil: Vom Quälgeistern der Frauen

In der Gruppe

Fernsehserie achter Teil: Gedankenlesen, und Fernsehserie neunter Teil: Negerinnen, Thai-Koreanerinnen und sonst wer

Im Sonnenstudio?

Mein Dank gilt Tomáš, Sláva, Ana, Dáša, Griša und Igor für das Asyl in Moskau und St. Petersburg.

Fernsehserie erster Teil: Frauen mit Taschen

Ob irgendwer auch die da bis zur Weißglut reibt? Die, die sich nicht pflegt und mit allem vollstopft, was ihr in den Sinn kommt? Ist auch ihr Loch wie ein Opernglas in den schwarzen Saal, wo ein Scheinwerfer explodiert, in den langen, schmalen Gang, der feuchtelt bis zum Geschmiertsein und sich zusammenzieht und abschnürt wie ein Schlüpfergummi – ob auch ihr Loch? Kann auch die da ihre Schlange bis zum Rotwerden würgen, sie am Hals packen und ordentlich an ihr rumzerren? Dann nämlich wäre jede Körperpflege überflüssig, das Make-up könnte ruhig übers Verfallsdatum raus sein und grindig und in Streifen abbröckeln wie der feuchte Putz von dem Haus, wo sie immer sitzt.

Immer wenn ich dort vorbeigehe, seh ich sie. An der Ecke, wo’s unter dem Hausvorsprung gemütlich ist trotz all der Pisse, die dort jede Nacht von denen runterregnet, die glauben, dass sie im Dunkeln unsichtbar sind und dass so spät sowieso keiner mehr vorbeikommt. Sie hat kurze Haare und ein dickes Gesicht mit roten Flecken, aber Pickel sind das nicht. Vorm Ausgehen schrubbt die sich ihre Backen doch bloß kräftig mit Seife – ich frag mich nur, ob das hilft.

Ob sich schon mal irgendwer aus purer Begeisterung nach der da umgedreht und die ausgesucht hat, weil sie ihm was bieten kann? Wohl nicht, sonst würde sie nicht jeden Morgen wie ein Häufchen Elend dasitzen und aussehen, als ob sie auf ihre Erlösung wartet.

Manche Frauen pflegen sich nicht wirklich. Die werden dick und denken, dass das bei weiten Klamotten nicht auffällt. Denen hat offensichtlich noch niemand gesagt, dass man Absätze nicht deshalb trägt, weil sie unbequem sind, sondern weil sie schlanke Beine machen. Die gehen nicht durch die Straßen, geschweige denn, dass die schreiten würden; eher lassen die sich treiben wie matschiges Laub im verlassenen Park und glauben, dass das egal ist, ist es aber nicht.

 

Nicht stinken und sein Gewicht halten. Einen wichtigeren Grundsatz kenn ich nicht. Morgens vorm Spiegel schwatze ich mit mir selbst und schau mir ins Gesicht, ob’s mir endlich etwas sagen will, was ich noch nicht weiß. Stattdessen gafft es zurück, als würde es dasselbe von mir erwarten. So werden wir uns nie einig, und trotzdem versuch ich’s jeden Morgen neu. Vielleicht gibt das Gesicht irgendwann nach. Manchmal kommt’s mir vor wie ein knorriger Ast. Dann ist’s vogelig und grinst, als wär’s völlig unschuldig. An anderen Tagen ist es wie ein aus Flicken zusammengestückelter Fußball, und nach einem Fußtritt verlangt es auch, bevor klar ist, was aus ihm werden soll. Inzwischen hat mir der Hocker aber ein rotes Quadrat in den Hintern gedrückt, und über den kantigen Rand spür ich meine eigenen Ränder quellen, die aus der Form geraten, obwohl ich kein Übergewicht hab. Den Tag muss man froh und munter beginnen.

Hätte ich einen Hof, würde ich ihn von einer Ecke zur anderen mit einem selbst gebundenen Reisigbesen auskehren, und bei der Arbeit hätte ich immer das Gefühl, ich wär in einer traditionellen Tracht auf einem Jahrmarkt. Und nicht in dem Zimmer, in dem ich aufwache, neben mir oft ein Mann und um mich herum lauter Plastik. Wie zum Beispiel mein kleiner gelber Plastikpiepmatz im Käfig, der übrigens aus Eisen ist wie in echt – vom menschlichen Erfindungsgeist bin ich ganz begeistert. So ein Piepmatz ist für alle gleich: Aufgeblasen hat ihn eine Maschine im fernen China, und trotz der schweren Kinderarbeit schwingt er sich auf und überwindet die große Ferne, aus der er kommt, wenn auch nur auf Boeingflügeln.

Wenigstens fliegt er nicht weiter in wärmere afrikanische Gegenden. Sowieso ist mir jeden Herbst wegen den wegziehenden Vögeln traurig ums Herz. Sie sitzen auf Strommasten, und obwohl sie niemand zwingt, flattern sie diszipliniert bis zur Selbstaufgabe, und ich winke ihnen dann von der Straße aus zu und nehme so zumindest ein bisschen Anteil an all ihren Sorgen. Ansonsten muss es bei mir nicht laufend lustig sein, ich bin nicht der depressive Typ. So war das schon immer. Mancher würde es vielleicht als Unordnung bezeichnen, ich aber nenn es Menschennest voller Wärme und Schlupfwinkel, in denen sich lauter Überraschungen verstecken. Und zwar nicht nur vollgerotzte Taschentücher, die hinters Bett fallen, wenn ich mich nachts ganz doll drin rumwälze. Ich leg sie mir immer unters Kissen und drück dann die ganze Nacht den Kopf drauf. Ob sie ausziehbare Beinchen haben oder eher so was wie hinter Muschiläppchen versteckte Katzenkrallen, das weiß ich nicht. Auf jeden Fall schaffen sie es nach ein paar Wochen da unten immer, ordentlich hart zu werden. Wenn ich dann versuche, sie wieder weich zu bekommen, knackt’s in ihnen wie im Radio – oder zumindest so, wie’s im Radio knacken würde, wenn’s nicht digi wär.

Die Digiwelt foltert mich, als wär ich nicht schnell genug; und dabei bin ich noch ganz jung und nackt und brauche Wärme und Streicheleinheiten, damit ich aufblühe wie eine Blume, die doch jede Frau ist, und heute sind auch Männer Blumen, die man pflegen muss. So viel Arbeit mit dem Pflegen, für das die Arbeitskräfte fehlen, und darum müssen die Arbeitsmärkte den Zuwanderern geöffnet werden, die das Glück im Unglück noch nicht völlig erschöpft hat – obwohl sie nicht genau wissen, wie man sich richtig pflegt, und dadurch vermiesen sie uns den Anblick unserer Straßen so ein bisschen. Aber auch der Defekt gehört zur Digiwelt, weil ohne den ja nix zu verbessern wär und die Großindustrie dann eingehen würde wie ’ne Primel.

Billige Arbeitskraftprotze hab ich am allerliebsten, wenn sie sich in der Straße auf ihre Schaufeln stützen und sonnen. Der Schweiß strömt ihnen die straffen, braun gebrannten Oberarme runter, und in so einem Moment könnten sie sicher auch wen zum Rückenkneten brauchen, aber so direkt sagen sie das nicht. Stattdessen buddeln sie weiter in der Erde und verstecken sich hinter Zigarettenrauch, obwohl sie ohne Weiteres außerligamäßig bei regionalen Bodybuildingveranstaltungen auftreten könnten. Dann wär auch das Kneten ziemlich wichtig. Die Muskeln müssten durchgeknetet werden, damit sie locker werden und ihre angeschwollene Form auch für die Zuschauer in der letzten Reihe sichtbar ist. Nur dass ich an diesen Männern mit Schaufeln versunken in Kanalrinnen bloß vorbeigehe genau wie an der kurzhaarigen Dicken von der Straßenecke, und mein Kopf knetet dabei nur leise seinen Gedankenpopel durch.

Wenn mir in vielen Jahren die Tage aufhören und ich auch im Winter wie ein Schwein schwitzen werde, muss ich die Handtasche wegen den vielen Reserveblusen durch eine ordentliche Tasche eintauschen. Da werd ich zu schleppen haben, und vielleicht strafft sich auch mein Körper davon, falls das dann überhaupt noch wen interessiert.

Das sind Rätsel, die eine ganz besondere Fernsehserie verdient hätten. Eine Serie zum Knacken von kleinen Rätseln, über die man nur die Achseln zucken kann. Aber sind wir etwa alle irgendwelche Bahnwärter mit Schiebermütze oder Polizisten, die den gestauten Straßenverkehr rumkommandieren? Sollen die nur abwinken und zusammen mit denen all die anderen Deppen, während ich hier eine Marktlücke schließe, weil’s eine vergleichbare Schulungsserie noch nicht gibt. Das Ganze ist ganz allein meine Idee. Ganz genau jetzt komm ich damit, und ständig werd ich drüber nachdenken, versprochen! Übrigens eigne ich mich für Teamarbeit, ihr werdet schon sehen. Leute hab ich an jedem Finger zehn, zumindest an manchen Tagen.

Außerdem würde es ausreichen, eine von meinen Tischschubladen auszuleeren, und schon hätten wir Fernsehgeschichten wie am Schnürchen. Mit jedem angeschlagenen, abgeschubberten Sächelchen ein Geschichtchen, und mit der Spange, in der schon eineinhalb Jahre mein Haarbüschel klemmt, zwei oder sogar vier, weil, Menschensmädchen, die hat’s vor lauter Verwicklungen in sich wie nur was, und die Geschichten reihen sich Drama auf Drama aneinander wie am Fließband, weil’s anders auch niemand interessieren täte. Auch mich interessieren diese schmerzhaften Entzündungen von den unterschiedlichen Herzchen, wobei ich die nicht kenne, sie sind ausgedacht und darum nicht wirklich lehrreich, es könnte mir also wurscht sein. Aber wann sonst knetet meine eine Hand die andere, wenn nicht bei einer von diesen Digigeschichten, die ich mir ausleihe oder sogar kaufe, auch wenn ich sie mir selten zweimal reinziehe. Danach träumt man süß. Wie auf einem Schifflein, das mit einem dahinschaukelt und mutig alle Stromschnellen bezwingt – nur dass ich halt morgens wieder im Zimmer voller Plastik aufwache, und dabei hat eigentlich bloß der gelbe Piepmatz aus China Anspruch drauf, aber irgendwie hat es sich hier angehäuft, wie das in Haushalten halt so ist. Ich öffne die Augen und sehe meine Einkäufe überall. Wenn ich noch schlafen würde, täte ich bestimmt lächeln wie ein Säugling, und wem würde da einfallen, dass so ein kleines Kind in die Einkaufsgalerie marschiert, um sich eine Freude zu machen? Einem Kind reicht warme Milch und Mamis Summen. »Summsumm«, mach ich, wenn ich nicht einschlafen kann, und stell mir vor, dass weder Sprechen noch Laufen geht, weil der Schlaf mit einem grad mit Nachtcreme eingeschmierten, wehrlosen kleinen Wurm doch Erbarmen haben muss.

Manchmal setz ich mir eine mollige Wollmütze auf, damit sich auf dem Kopf alles anschmiegt und keinerlei Haarsträuben das Einschlafen stört, das sich der Kopf genauso verdient hat wie die übrigen Extremitäten, und am allermeisten mein so müdes, abgehobeltes Reibeisenreinstecksel, und ich fürchte, dass es sich genau wie ein Regenschirm nie mehr öffnet.

Meistens gurgelt das müde Reinstecksel vor sich hin wie ein Fischlein im Schlamm am Grund von einem fast ausgelassenen Teich – nur eben nicht so verzweifelt, ihm geht’s ja schließlich nicht ums Leben, sondern nur um ein paar Stunden Ruhe und Frieden, also nix, wofür es mich bezahlen müsste, und außerdem hat’s keine Hände, und das Geld kassier immer ich. Und dabei seufzt es manchmal ganz so, als ob’s ihm dann doch ums Leben gehen würde. Oder was ist das sonst, dieses tiefe Ein- und Ausatmen? Nur Luft, die sich drin angesammelt hat, und nachts muss es sich dann komplett ausschnauben? So viel kann das ja wohl nicht sein. Oder ist das Reinstecksel einfach zu verhätschelt von meiner übertriebenen Aufmerksamkeit, und dann brummelt’s unzufrieden was in seinen Bart? Wenn ich die Knie ganz fest zusammendrücke, hört es meistens auf. Vielleicht ist es einfach zu doll eingefettet oder schlecht gelaunt, weil’s sich mit sich selbst nicht auskennt.

Jeden Tag schenk ich dem Reinstecksel vorm Schlafengehen ganz viel Aufmerksamkeit und manchmal sogar noch mehr. Aber wenn’s nicht will und ich es trotzdem anfasse, kriegt’s eine Gänsehaut und kreischt wie ein wütender Kater, der sein Nest verteidigt, und da müsste ich schon schwer von Kapee sein, wenn ich das nicht schnallen täte. Dann sag ich dem Reinstecksel: »Tschuldigung, hab’s nicht gewusst«, auch wenn ich’s gewusst hab, aber ich konnte halt noch nicht mal ein bisschen einschlafen und dachte, dass das Reinstecksel noch was verträgt; wenn es sich nämlich ein bisschen durchwichseln lassen täte, würde ich sofort in Tiefschlaf fallen wie ein Soldat auf freiem Feld nach einer Kugel, und so wegratzen ist noch besser als nach einem Digifilm mit dem Schifflein anlegen.

Wenn der Schlaf tief ist, heißt das, dass sich das Wegratzen nicht wie ’ne Riesenboa aus Kabeln um meinen Kopf wickelt, sondern sich total unerwartet richtig wunderbar aus dem Verborgenen ranschleicht; also obwohl der Schlaf morgens so oder so ransaust, hat er eine wesentlich elegantere Erscheinung: Er ist sportlich, hat einen Atem wie aus der Mentholwerbung und Schenkel, wie wenn mich schon gleich nach dem Aufwachen meine blauschwarze Gymnastikhose umspannt, in der ich noch vor dem Frühstück rausjogge.

Morgens schießt mich ein Hipphipphurra aerodynamisch tropfenförmig wie ein Radrennfahrerhelm pfeilschnell und ganz genau ins Schwarze in die Straße raus. Wie von selbst rennen die Laufschuhe dann ums Wasser rum, und das Reinstecksel gibt keinen Mucks von sich, und das noch nicht mal dann, wenn’s blutet; es jammert nicht, sondern hüpft zufrieden und kitzelt enorm, weil’s heute doch so irre gut gelaunt ist.

Meistens haben wir’s aber nicht so harmonisch, dass alle Bestandteile ganz ohne Murren wie ein Uhrwerk funktionieren. Etwas schnell und einfach, das ist immer wieder ein Fest. Wesentlich öfter zanken wir uns und ringen, es setzt Rippenstöße und es werden Socken gesucht und der verschlampte BH.

Irgendwann würde ich gern mal das Fach »Freies Bewegen von Gegenständen« studieren und was lernen über diese verschlampten BHs nach einem wild machenden Herrenbesuch und über diese Taschentücher mit Beinchen, die hinters Bett hüpfen können. Und dann, schon mit Diplom, würde ich ins Exotische ziehen mit diesen ekligen Vögeln, die jeden September auf dem Geländer am Fluss hocken. Wenn ich da morgens langjogge, schrecken sie immer auf, fliegen hoch wie nach ’nem Schuss und stauben rum mit lauter Mikroben und krankheitserregenden Keimen.

Dann muss ich davor und danach duschen. Davor von Kopf bis Fuß und danach auch, wenn Zeit bleibt.

Wenn sich die Zeit nicht winden und ihr Tempo ändern würde, könnte man wesentlich schneller ausrechnen, wie schnell man von einem Ende der Stadt zum anderen kommt. Aber so darf man nicht denken. Sobald ich nämlich mit Denken anfange, verfällt die Zeit schlagartig in Galopp, und wenn ich stehen bleibe, steht die Zeit mit mir, obwohl ich sie damit antreibe und schubse, dass ich versuche, an was anderes zu denken, was mich zerstreut und sie verwirrt.

Ich stell mir ein Leben in der Kirche vor oder hinter einem Tisch mit Tellerchen im Nylonkittel vor einem öffentlichen Klo.

Das muss schon was echt Extremes sein, damit meine Fantasie loslegt wie ein Schnupfen im Plastikzimmer oder wie ein Aufzug mit durchsägtem Stahlseil, der in einem Actionfilm nach unten saust – obwohl meine Fantasie eher flatterhaft ist. Sie nimmt kein Blatt vor den Mund, hat Flügel und ist grenzenlos wie die Hilfe für Menschen in Not von Menschen, die gut sind. Auch ich wär gern irgendwie Gutmensch, damit auf der Welt mehr Güte wär und man das Gute nicht immer mit der Lupe suchen müsste – obwohl so eine Schwarzmalerei, die nicht an das Gute glaubt, der Welt bei der Fortpflanzung überhaupt gar nicht weiterhilft. Stattdessen andere Worte verwenden, zum Beispiel: »In jedem steckt was Gutes«, das würde helfen. Also wenigstens für den Anfang das Reden betonen ist vielleicht gar nicht so wenig, wie’s scheint, wenn man bedenkt, dass die Zunge keine Hand anlegen kann, weil sie keine hat, und keinen Reisebericht schreiben, um zu zeigen, wie das in anderen Ländern funktioniert, wenn man schon zu faul ist zum direkt was Anpacken. Aber die Zunge kann weder schreiben noch reisen, und außerdem ist sie weich, und auch wenn sie ein Muskel ist, ist sie doch nur ein feines und sensibles Anhängsel von irgendeinem Kopf und manchmal auch einem Kaugummi.

In der Arbeit komm ich ohne sie allerdings nicht aus, und dem Kollegen darf man nicht einfach schlecht nachreden, nur weil’s einem grad in den Kram passt. Leute, die ihren Nächsten missachten und seinen Wert unterschätzen, zahlen am Ende drauf. Und wer das Glück hat, diese Weisheit schon zu kennen, wär dämlich, wenn er sich verhalten würde wie einer, der dieses Glück nicht hat. Zum Beispiel ein Elefantenrüssel auf dem indischen Subkontinent, der hebt den Stamm von ’nem frisch gefällten Baum auf, als wär das nix, und wahrscheinlich weiß er sich auch irgendwie mit den Holzsplittern zu helfen. Sogar im Digizeitalter ist der Elefant dem Menschen also ein guter Freund, obwohl händische Kraft nur sexy ist und ansonsten nicht mehr gebraucht wird – ich zumindest wüsste nicht, wofür. Aber wer weiß heute schon, dass man zum Elefantenrüssel nicht Zunge sagt.

Für normale Rundgänge ist so ein Wissen sowieso ungeeignet, und wenn alle meine Schulweisheiten zu den schmutzigen Taschentüchern hinters Bett fallen würden, wär das auch nicht weiter schlimm. Mittlerweile sind sie aber im Hirnlappen abgespeichert, schön ordentlich eine auf der anderen wie im Gefrierfach, und wenn ich mich an eine ältere erinnern will, muss ich dafür ein Hackmesser nehmen, so steinhart sind sie schon festgefroren. Na ja, wenigstens vergammelt nix. Wenn all die Weisheiten nämlich auch noch das alte Wissen einstänkern würden, täten wir uns schon bald ganz schön zumüffeln vor lauter Mief – aber jetzt reicht’s! Den Achseln und dem Zwischenbeinbereich lässt sich schon genug Geruch entlocken. Das ist ein Liedchen, das niemals aufhört, und der Refreng wird jeden Sommer in der Tram geträllert, wenn die Leute Unterhemden und dazu zottelige Achseln tragen. In Kleinstädten, wo saubere Ohren und Fingernägel noch allgemeines Kulturgut sind, täten sie euch damit sofort rauswerfen. Und zu Recht. Sind etwa auch wir digi? Mitnichten. Nur die Leute eben, die sich ihr Liedchen entlocken lassen und damit die Aufmerksamkeit von anderen auf sich ziehen.

Vielleicht hätte mich ohne den Fleck auf dem Kleid, den mir das Reinstecksel nach einem Monat mal wieder durchgeseiht hat – das allerdings völlig unerwartet –, auch niemand beachtet. So ein Fleck stinkt aber nicht, vielmehr ist er nur zu sehen, nicht dass ich es schlimmer mache, als es eh schon war. Dieser Mann hat nur »Frollein« gesagt, als wär ich grad beim Regalauffüllen gewesen und er hätte das Preisschild auf seiner Packung Herrenschutz nicht entziffern können; aber gleichzeitig war er auch neugierig, ob ich rot werde. Nur dass ich in dieser Tram durch gar nichts irgendeiner Aushilfe geglichen hab. Ich hatte noch nicht mal ein Namensschild mit »Jarmila« oder »Monika« draufstehen, mit einem verhärmten Foto, wie man’s euch aufs Schild pappt, wenn ihr schon länger in der Abteilung seid. Drum hat mich sein »Frollein« verblüfft. Wir waren ja nicht im Supermarkt oder beim Tanzen, sondern in der Tram Richtung Roter Berg, und der Fleck hinten auf meinem Kleid war wie zum Fleiß auch rot. Reinstecksel, Reinstecksel! Das Reinstecksel ist echt ein Zauberer. Nicht mal zwei Stunden nach dem Duschen hat’s mir eine Überraschung hingezaubert. Dieser Mann wiederum hat ein gutes Werk getan – und das auch dank dem Reinstecksel, weil das ja nicht sprechen kann, drum hat’s mir von dem Fleck auch nix sagen können, und drum musste er, dieser Mann, das tun. Wobei das Reinstecksel ganz bestimmt gewusst hat, dass es den Fleck macht. Noch beim Gehen hat es ungemein zufrieden geschmatzt, weil es wieder mal diese überflüssige Schleimhaut los ist, diese roten Algen, die da drin wachsen und aus denen nix wird.

Außer von einer Fernsehserie über Rätsel, deren erster Teil vor allem dem Einschätzen davon gewidmet wär, eine wie große Tasche voller Reserveblusen eine Frau mit sich rumschleppen muss, deren Menopause grad begonnen hat und deren Sternzeichen wie meins Jungfrau ist, träum ich von einem klitzekleinen Hackmesser für die roten Algen von meiner sich ständig erneuernden Schleimhaut, das ich verwenden würde, bevor ich mir eine dem Serienrat entsprechend große Tasche kauf.

Das Hackmesser wär rot, hätte eine glänzende Scheide, die Größe eines Marienkäfers und wär per Fernbedienung steuerbar. Das Reinstecksel dürfte ihm einen x-beliebigen Namen geben, und wie ich es kenne, würde ihm schon was einfallen, es ist nämlich ein cleveres Kerlchen. Dann würde ein Auseinanderziehen vom Vorhang genügen, wie ich das immer mache, wenn das Reibeisen randrängt, und ich würde reinrufen, dass das Hackmesser unterwegs ist, damit sich das Reinstecksel noch mal in zwei fleischigen Wellen zurechtzuppeln und schmatzen kann, und dann würde es nur noch warten wie ein Herr im Tweedsakko auf den Besuch vom Klempner – wobei das Reinstecksel eigentlich nie so steif ist. Bei so einer Gelegenheit ist ein Tweedsakko sowieso viel zu fein, und außerdem ist das Hackmesser für die roten Algen kein Klempner, sondern mehr so was wie ein Gärtnergehilfe, und die wiederum sind bekannt für ihren sexuellen Appetit, also passt das Reinstecksel als Arbeitsplatz.

Das heißt jetzt natürlich nicht, dass das Reinstecksel auf so was immer Lust hat. Die ist ihm eigentlich schon fast vergangen, und meistens muss man es wie eine Primadonna beknien, als wenn es wer weiß was Besonderes wär, aber was Besonderes ist es nur, weil’s meins ist und mir gehört, obwohl es sich manchmal genau wie meine Männer ganz was anderes denkt.

Für eine wollüstige Atmo, quasi zur Auflockerung, lass ich sie in dem Glauben. Wenn nämlich nicht mehr die Reinsteckselbesitzerin seine Herrin ist, sondern stattdessen der Reibeiseneigentümer zum Herrn wird, müssen keine weiteren Worte gewechselt werden, und die Lüsternheit kommt auf allen vieren rangekrochen. Sie guckt dann nicht mehr durchs Schlüsselloch, sondern hat den Morgenmantel abgeworfen, steht nur noch im Neglischee da und hat exakt so stramme Schenkel und ist genau so straff, wie das Reibeisen sich das wünscht. Danach wird: »Nimm mich!« in die Stille geraunt, und: »Pflüg deinen Sumpfvogel so richtig durch!«, und das macht die Reibeisenherren dann hübsch wuschig, und auf der Reibeisenspitze bildet sich ein milchiges Tröpfchen. Das muss man aber können, weil es dabei auf jede Nüanze ankommt und alles nur ein winziges bisschen von ganz gewöhnlichen Schweinereien abweicht – und die kann man zwar bei irgendwelchen gesunden, anspruchslosen Reibeisen anwenden, aber bei den schämigen bewirken sie das Gegenteil, und von denen, die etwas deliziösere Vorstellungen haben, gibt’s eine ganze Menge; das muss man davor also immer sorgfältig abwägen.

Etwas drängeln hilft dagegen immer. Das darf nur nicht zu viel sein, weil manche Reibeisen vor lauter Aufregung gleich ganz verschwinden, und wenn man an deren Ehrbarkeit zweifelt, bringen sie’s nicht beim Hobeln, und mir verkürzt sich dann die Zeit in der Einkaufsgalerie, wo es immer ganz genau so warm oder kalt ist, dass ich auch in den Wechseljahren keine mit Reserveblusen vollgestopfte Tasche mitbringen muss.

Die Lüftung zwischen den sich mir wie von selbst öffnenden Schiebetüren zerzaust mir die komplette Frisur, und dann seh ich aus, als ob ich nicht zu Fuß gekommen wär, sondern mit dem Zug und die ganze Fahrt über den Kopf aus dem schmalen Fenster gehalten hätte. »Zum Glück«, sagt sich bestimmt die Verkäuferin, »ist dabei keine Flasche auf sie draufgeknallt, die irgendein Trunkenbold rausgeworfen hat.« Wenn mich nämlich eine Flasche umgehauen hätte, würde ich nicht die 4560 Kronen auf der Sollseite unterschreiben, sondern in der Notfallaufnahme Däumchen drehen, bis sie im Schwesternzimmer ihre Stullen verdrückt haben und mir das Gesicht wieder zusammennähen.