Verlag: Ulisses Medien und Spiel Distribution GmbH Kategorie: Fantasy und Science-Fiction Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2012

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E-Book-Beschreibung DSA 139: Angbar Mortis - Mike Krzywik-Groß

Ein grausamer Mord erschüttert das beschauliche Städtchen Angbar! Gemeinsam mit der Zwergin Gergrimm versucht der Zauberer Madajin die Fährte des Mörders aufzunehmen. Dabei wird er mit den dunklen Geheimnissen und der Fremdenfeindlichkeit der bigotten Angbarer Gesellschaft konfrontiert, deren saubere Fassade im Zuge der Ermittlungen zusehends Risse erhält. Die Spur führt ihn ausgerechnet in jene verhängnisvolle Nacht im Jahr des Feuers zurück, als ein Dämon die Stadt mit seinen Flammenschwingen verheerte.

Meinungen über das E-Book DSA 139: Angbar Mortis - Mike Krzywik-Groß

E-Book-Leseprobe DSA 139: Angbar Mortis - Mike Krzywik-Groß

Biografie

Mike Krzywik-Großwurde 1976 im verregneten Harz zwischen finsteren Tannen und majestätischen Bergen geboren.

Bereits in jungen Jahren begann sein Herz für Fantasy-Rollenspiele im Allgemeinen undDasSchwarzen Augeim Besonderen zu schlagen. Mittlerweile lebt er unter zauberhaften Giebeln und inmitten finsterer Gassen gemeinsam mit seiner Frau in der Hansestadt Lüneburg.

MitAngbar Mortiserscheint der zweite Teil derMortis-Trilogie, welche im April 2011 mitRiva Mortisihren Anfang nahm.

www.krzywikgross.de

Titel

Mike Krzywik-Groß

Angbar Mortis

Ein Roman in der Welt von Das Schwarze Auge©

Originalausgabe

Impressum

Ulisses Spiele Band 11076PDFTitelbild:Melanie Maier Aventurienkarte: Ralph HlawatschLektorat: Werner Fuchs, Michael Fehrenschild Buchgestaltung: Ralf Berszuck E-Book-Gestaltung: Michael MingersCopyright ©2012 by Ulisses Spiele GmbH, Waldems. DAS SCHWARZE AUGE, AVENTURIEN und DEREsind eingetragene Marken. Alle Rechte von Ulisses Spiele GmbH vorbehalten.

Titel und Inhalte dieses Werkes sind urheberrechtlich geschützt.

Danksagung

Für meine Freunde und Freundinnen. Ohne euch wäre ich nicht der, der ich geworden bin.

Prolog

23. ING 1027 BF, Erdtag, Angbar

Angbar brannte in der Nacht.

Flammen züngelten durch die Stadt und fraßen hungrig an den Fachwerkhäusern. Die Straßen waren erfüllt von beißendem, dunklem Qualm. Die Schreie der Verletzten und Sterbenden hallten gespenstisch durch die Gassen.

Menschen und Zwerge gleichermaßen rannten kopflos durcheinander, auf der Flucht vor einem Grauen, wie es der Kosch in seiner langen Geschichte noch nicht erlebt hatte. Mütter und Väter versuchten verzweifelt, ihre Familien in Sicherheit zu bringen, doch es gab keinen Schutz vor dem niederhöllischen Schrecken, der Angbar heimsuchte.

Anfangs hatten die guten Angbarer Bürger nur milde über die wenig glaubhaften Gerüchte gelächelt, als ihnen zu Ohren gekommen war, dass ein riesiger Flammenvogel durch das Fürstentum geistern sollte. Doch mehr und mehr verdichteten sich die Erzählungen über niedergebrannte Dörfer und verwüstete Landstriche, dass selbst die wackersten Bürger zu grübeln begannen. Als die ersten Flüchtlinge die Stadt erreicht hatten, lachte niemand mehr über die Kunde vom alles verzehrenden Feuervogel.

Die verzweifelten Menschen berichteten den staunenden Angbarern von dem Leid, das ihnen widerfahren war. Von marodierendem Gesindel, welches im Windschatten der dämonischen Kreatur durch das Land zog, brandschatzend und mordend über jeden herfielen, dessen sie habhaft wurden. Keiner konnte die genaue Zahl der im Schutze der Nacht umherziehenden Mörder beziffern, und niemand wusste, woher dieses namenlose Grauen stammte.

Innerhalb von nur einem Mond fielen nacheinander Angenburg, Albumin, Auersbrück und zahlreiche weitere Ortschaften und Weiler. Die wenigen Überlebenden, die der Feuersbrunst des dämonischen Vogels und den hackenden Schwertern der Mordbrenner entkommen konnten, kündeten von dem Banner derer zu Jergenquell, welches in dem vergangenen Jahrzehnt immer wieder Tod und Leid in den Kosch getragen hatte. Doch so sehr der gesuchte Verbrecher Ulfing von Jergenquell Angst und Schrecken unter den Koschern verbreitete, auf eines waren sie nicht vorbereitet.

Sein Name machte anfangs nur hinter vorgehaltener Hand die Runde unter den Angroschim. Ein Name, den seit den lang vergangenen Drachenkriegen nur noch wenige aussprachen. Ein Name, der wie kaum ein anderer unter den Zwergen Furcht und Bestürzung auslöste.

Alagrimm.

Der dämonische Feuervogel, der einst von dem verhassten Gottdrachen Pyrdacor selbst geschaffen wurde, um die Angroschim in ihrem Jahrtausende andauernden Kampf gegen die drakonischen Nemesis zu unterjochen. Im zweiten Weltenbrand war der niederhöllische Alagrimm unter erheblichen Opfern von den Altvorderen gebannt und unter den Hallen der Bergfreiheit Koschim in einen ewigen Kerker gesperrt.

Doch die Ewigkeit der Gefangenschaft sollte in diesen Tagen ein jähes Ende finden, als die Geißel der Angroschim entfesselt wurde, um den Kosch erneut zu verheeren.

Eines erkannten die braven Bürger Angbars in dieser Nacht: DasJahr des Feuershatte den Kosch erreicht.

Die Hügelzwergin Margtrax Köchelbrock hielt sich ein Stück Stoff vor Mund und Nase, um inmitten der rauchenden Ruinen, die vor weniger als einer Stunde noch die Häuser ihrer Nachbarn waren, atmen zu können. Die Nacht war erhellt von unzähligen Bränden. Schwelend und lodernd fraßen sich die Flammen durch das Gebälk. Ganz Angbar schien lichterloh zu brennen.

Ein entfernt bekannter Geruch lag in der Luft, der sich auch von Margtrax’ Tuch nicht vermeiden ließ. Zu dem Gestank des beißenden Rauches mischte sich das Aroma von gebratenem Fleisch, der dem Duft eines leckeren Bratens nicht unähnlich war, wie sie mit Bestürzen feststellte. Jedoch handelte es sich bei dem brennenden Fleisch um alles andere als ein saftiges Schwein. Es roch nach Tod und Verderben, kochenden Körpersäften und sengender Haut.

Margtrax schaute sich hektisch um, konnte jedoch im flackernden Schein nur tanzende Schatten an den Häuserwänden erkennen. Menschen und Zwerge rannten in heilloser Panik durch die Gassen. Das einstmals so friedliebende Angbar existierte in dieser Nacht nicht mehr.

Sie nahm ihren Mut zusammen und rannte auf die Straße. Noch labten sich erst wenige Feuer an ihrem ehrenwerten Heim, doch in all diesem Chaos war es wohl nur eine Frage von Minuten, bis auch ihr Haus vollends in Flammen aufgehen würde. Niemand in ihrer Nähe verschwendete auch nur einen Gedanken an das Löschen der Brände. Jeder war damit beschäftigt, sich und seine Habseligkeiten in Sicherheit zu bringen, ohne zu wissen wo diese zu finden war.

Margtrax hatte ein Ziel vor Augen, als sie sich in das wilde Durcheinander der Flüchtenden stürzte.

Mit großen Schritten rannte sie die breite Straße hinab in Richtung der Hafenanlagen am Angbarer See. Sie stieß mit zitternden Menschen und Zwergen zusammen, in deren Augen blankes Entsetzen stand. Sie sah den sonst so mürrischen Schankwirt, genau wie die Tuchhändlerin, die ihr in der letzten Woche einen großzügigen Sonderpreis für ihr neues Wams gemacht hatte. Ihre Gesichter waren rußverschmiert und sie riefen verzweifelt die Namen ihrer Lieben in die Nacht, ohne gehört zu werden.

Mittlerweile hatte sich in das Tosen der panischen Schreie auch das scharfe Hämmern von Stahl auf Stahl gemischt. Kämpfe mussten in den Angbarer Gassen entbrannt sein, auch wenn Margtrax nichts dergleichen in den rußigen Schwaden ausmachen konnte.

Doch ihre Ohren täuschten sich nicht. Sie sah mit tränenverschleierter Sicht, wie ihr panisch schreiende Bürger entgegen gerannt kamen. Sie hielten sich den Wanst oder den Arm, um die Blutungen aufzuhalten, die ihnen von fremden Klingen zugeführt worden waren.

Als sie auf den Neumarkt abbog, waren ihre Kleider bereits schwarz vor Ruß, und ihr Atmen war einem schweren Keuchen gewichen, Folge von Panik, Asche und Margtrax’ gutbügerlich genährten Rundungen.

Plötzlich erhitzte sich die Luft um sie herum so schlagartig, dass es selbst den Brand der in Flammen stehenden Stadt überlagerte. Das sengende Brennen auf ihrer Haut konnte Margtrax nach nur wenigen Augenblicken kaum mehr ertragen.

Dann sah sie ihn.

Einer glühenden Sonne gleich, zog der gigantische Feuervogel seine Kreise über den Giebeln der lodernden Häuser.

Sein Leib war nicht vom Flammen umgeben, wie Margtrax erst vermutete, sondern er bestand ausschließlich aus urtümlichem, dämonischem Feuer, welches sich zu einem drachengleichen Ungetüm zusammenschloss und den Schrecken formte, der Alagrimm genannt wurde. Sein Schweif bestand aus züngelnden Bränden, denen schwarzer Rauch in lang gezogenen Schwaden folgte.

Der Dämon zog eine enge Schleife und kippte über seinen rechten Flügel hinab in die Tiefe – direkt auf die vor Schreck erstarrte Hügelzwergin zu.

Sie hörte einen ohrenbetäubenden, wütenden Klang, der sie an das warnende Zischen einer Esse erinnerte, deren Glut mit einem Blasebalg mächtig angeheizt wurde. Der Alagrimm fuhr auf den Neumarkt nieder.

Starr vor Schreck waren es allein die Augen der Frau, die sich Hilfe suchend umsahen, während ihr die Glieder den Dienst versagten. Um sie herum stoben die Bürger Angbars auseinander und suchten ihr Heil in waghalsigen Sprüngen hinter Kisten und Fässer oder rannten so schnell sie ihre geschundenen Beine noch trugen.

Ein kreischendes Brüllen schlug ihr entgegen, als der Alagrimm sein feuriges Maul aufriss und sie ein Schwall infernalischer Hitze von den Beinen fegte. Geistesgegenwärtig fuhr sie herum und schlug schützend die Arme über dem Kopf zusammen, als sie auf das Pflaster des Platzes schlug. Blind vor Tränen und kaum noch in der Lage zu atmen, verharrte Margtrax reglos am Boden. Wellen des Schmerzes erschütterten sie.

Mit wenigen Schlägen seiner mächtigen Schwingen entzündete der Flammendämon die umliegenden Häuser mit seinem unheiligen Feuer. Dann glitt er über sie hinweg und in die Höhe. Die Geschäfte und Stuben der Angbarer Händler brannten sofort lichterloh.

Plötzlich kehrte Stille ein.

Erstaunt blickte Margtrax auf, und Hoffnung machte sich in ihr breit, den todbringenden Angriff tatsächlich überstanden zu haben.

Einen Moment später wurde sie gewahr, dass sie in Flammen stand.

Ihre Kleider und Haare hatten sich entzündet und brannten wie trockenes Reisig. Verwundert blickte sie an sich hinab, mühte sich auf die Füße zu kommen und hatte immer noch nicht verstanden, dass sie wie Zunder brannte. Zwei Wimpernschläge später erreichte sie der Schmerz, und Margtrax brüllte auf.

Noch niemals hatte sie solches Leid erfahren, wie in diesem Moment, als die Flammen des Alagrimm ihren Leib zur Nahrung für sein Feuer machten.

Ihre Haut schlug Blasen und platze ob der Hitze auf, während ihre geliebten Locken bereits ein endgültiges Opfer des Brandes wurden. Wie eine große Fackel tänzelte sie wenige Schritte über den Marktplatz und warf sich, einer besonnenen Eingebung folgend, wieder zu Boden.

Einem losgetretenen Fass gleich, rollte sie über die Pflastersteine und erstickte so die Flammen mit ihrem eigenen Körper. Selbst als das Feuer längst gelöscht war, mühte sich die Hügelzwergin unter unsagbaren Schmerzen weiter, aus Angst, dass Feuer könnte sich neu entzünden.

Minuten später kam Margtrax Köchelbrock qualmend und nach Atem ringend zur Ruhe. Sengender Schmerz hüllte ihren Leib wie ein Mantel ein, gefüttert mit hunderten von spitzen Nadeln. Ihre feine Bluse war mit der Haut verschmolzen, und auch die verbrannten Reste ihre Kleidung klebten an ihr.

Vor Schmerzen brüllend richtete sich die Hügelzwergin wieder auf und blickte sich verzweifelt nach Hilfe um, doch im heillosen Durcheinander aus Rauch, Flammen und fliehenden Menschen, nahm niemand Notiz von ihr. Jeder schien seine liebe Not zu haben, sich selbst zu retten.

Mit wackligen Beinen, gleich einer Volltrunkenen, setzte sie einen Fuß vor den nächsten. Noch immer hegte die vor Qual fast wahnsinnige Hügelzwergin den unumstößlichen Wunsch, ihr Ziel zu erreichen, koste es was es wolle. Beseelt von diesem einen Gedanken torkelte sie über den Neumarkt und schrie bei jedem Schritt ihre Pein hinaus.

Sie wollte die Kavernen unterhalb Angbars erreichen. Dort würde Margtrax in Sicherheit sein, dort wäre sie geschützt vor den alles verzehrenden Flammen des Alagrimm.

Sie kannte die geheimen Stollen der Angbarer Unterwelt wie ihre Westentasche, war sie doch bereits unzählige Male mit ihren Spießgesellen dort gewesen. Wenn sie es doch nur schaffte, den geheimen Eingang zu erreichen, ehe der Feuervogel erneut auf sie niederfuhr, war sie gerettet. Vor ihrem geistigen Auge sah sie die Kisten und Truhen voller Schmuggelware und war sich dem Platz gewahr, an dem die magischen Alchemika lagerten, unter denen sich auch der eine oder andere Heiltrank verbarg. Sie musste es schaffen, die wenigen dutzend Schritte bis zum verborgenen Einlass in die Unterwelt zu überbrücken.

Diese Hoffnung gab ihr eine schier überzwergische Kraft, sich auf den Beinen zu halten und in die nächste Gasse, die sie in Richtung Angbarer See führte, abzubiegen. Ihre Haut war von dem Flammen bis aufs äußerste gespannt und platze durch ihre Bewegungen an vielen Stellen auf. Unfähig, das Erlebte zu begreifen, klammerte sie sich an die einzige Hoffnung: die Schmugglerkavernen zu erreichen.

Sie wurde jäh enttäuscht, als eine Handvoll Männer und Frauen Schwerter schwingend auf sie zu gerannt kamen. Unter lautem Gebrüll stürmten die Mordbrenner durch die schmale Gasse und hieben auf jede arme Seele ein, die ihnen vor die Klingen lief.

Entsetzt riss die Hügelzwergin die Augen auf und blickte sich Hilfe suchend um. Weder Phex noch Angrosch standen ihr in diesem Moment bei. Machtlos stand sie da und sah die johlenden Mörder vor sich. Es waren keine fünfzig Schritt mehr, die Margtrax von ihre Heilung und Rettung trennten. Doch es hätte auch das Amboss-Gebirge zwischen ihr und den geheimen Stollen liegen können, so unerreichbar war ihr Ziel.

In einem Moment tiefster Enttäuschung und frei von Schmerzen, schloss sie die Augen, ehe der wuchtige Hieb einer Klinge sie zu Boden warf, auf dass sie nie wieder aufstehen würde.

Sackpfeife und Blumenbeet

21. RON 1032 BF, Windstag, Angbar

Über hügeliger Landschaft zog der Adler träge dahin. Gemächlich glitt er über die idyllischen Ländereien und nutzte den sanften Aufwind, um mit möglichst wenig Kraftaufwand Meile um Meile hinter sich zu lassen. Erhaben schwebte er durch die Lüfte.

Von seinem Horst in den Koschbergen hatte er sich mittlerweile weit entfernt. Er überquerte bereits den großen See, an dessen nördlichen Ufer die steinerne Stadt mit ihren rauchenden Öfen und qualmenden Schornsteinen lag, überflog die unzähligen Hügel, um ohne erkennbares Ziel erneut in Richtung der hohen Berge zu segeln. Der Adler schien sein Königreich zu inspizieren und genoss das Gefühl der Schwerelosigkeit in Schwindel erregender Höhe. Nichts störte seinen majestätischen Flug über das satte Grün der endlosen Wiesen und die bewaldeten Hänge der uralten Erhebungen. Fast nichts.

Seinem scharfen Blick entgingen nicht die zwei winzigen Gestalten, die sich langsam und aus dieser Höhe kaum erkennbar nach Osten bewegten. Der Adler kannte in seinem Gebiet jeden Busch und jeden Strauch sowie die Bewegungen von Hase und Igel, doch die Gestalten, welche seine Aufmerksamkeit erregten, waren ihm unbekannt. Ungehalten über diese unvermittelte Störung seiner Welt beschloss er kurzerhand, den Dingen auf den Grund zu gehen. Er stellte seinen Flügelschlag ein und schwebte in ausufernden Kreisen tiefer, bis er nur noch ein dutzend Schritt über dem abfallenden Gelände flog. Seine immer wachsamen Augen fokussierten die beiden Gestalten, die eine schmale, ausgetretene Fläche beschritten, die sich einem Flusslauf gleich durch das Land zog.

Zweibeiner.

Er hätte es sich denken können.

Auf jedem zweiten Flug traf er gleich auf mehrere Zweibeiner, die diesen Weg in Richtung der Stadt am See wählten. Der Adler war schlau und wusste, dass man sich von Menschen fernhalten musste. Sie waren hinterlistig, verschlagen und mörderisch, auch wenn sie sich gerne harmlos und freundlich gaben. Da würden diese beiden Exemplare sicherlich keine Ausnahme sein.

Nur kurz betrachtete er den langen, schlanken Menschen mit den vielen Zöpfen, auf dessen Rücken ein dicker Sack ruhte, an dem ein hölzerner Stab befestigt war. Sein graues Kleid war mit seltsamen Bildern verziert und wehte in der sanften Sommerbrise. An seiner Seite schritt einer der kleinen, dicken Zweibeiner mit langem Gefieder im Gesicht. Von dieser Sorte lebten fast so viele in der steinernen Stadt am See, wie von den größeren, schlanken Zweibeinern. Auch dieser hatte einen ausgebeulten Sack auf dem Rücken und trug Hemd und Hose aus gegerbtem Leder. Er schaute immer wieder über die Schulter zurück, bis sich ihre Blicke trafen.

Rasch war der Adler bemüht, an Höhe zu gewinnen, um nicht Gefahr zu laufen, in die Fänge der Zweibeiner zu geraten. Doch seine Sorge war unbegründet, schienen die Zweibeiner doch nur geringes Interesse an ihm zu haben. Er setzte seinen Rückflug in die Berge fort.

***

»Habt ihr den prächtigen Vogel gesehen?« Zum wiederholten Male versuchte der Hügelzwerg das Thema zu wechseln, während er sich fahrig den braunen Bart kraulte.

»Was? Welcher Vogel? Hört Ihr mir überhaupt zu? Ich berichte Euch gerade, dass ich Hunderte von Meilen beschwerlicher Reise ganz umsonst hinter mich gebracht habe, und Ihr kommt mir mit der örtlichen Fauna?!«.

Der Angroscho seufzte nur zur Antwort.

»Wo waren sie nur, all die herrschaftlichen Schlösser und Türme? Wo waren die verfeindeten Königshäuser, die sich seit Generationen in einer blutigen Vendetta befanden? Und überhaupt Königshäuser! Anstatt des überbordenden Prunkes gab es nicht viel mehr als ein paar Schweineställe« echauffierte sich der Mann. »Nicht mal eine Prinzessin war in dieser Provinzstadt aufzutreiben!«

»Aber wie kommt Ihr nur darauf, dass es dort solche Dinge geben könnte? In Honingen ist noch nie etwas von Bedeutung geschehen. Oder sieht man dies in Eurer Heimat Maraskan etwa anders?«

»Das will ich wohl meinen, Bruderschwester! Schließlich befassen sich unzählige Inszenierungen und Theaterstücke mit dem prächtigen Honingen! Wart Ihr denn noch nie Gast einer der aventurienweit bekannten Vorstellungen derHoninger Geschichten? Habt ihr noch niemals einer Darbietung von »Den Goldenen Mauern« bewundern dürfen?« fragte der Maraskaner erstaunt.

»Ich kenne nicht eine Erzählung über dieses verschlafene Nest. Dort ist doch nur etwas los, wenn die große Bardenzusammenkunft stattfindet oderVorwärts Angbarein Auswärtsspiel hat.«

Abrupt blieb der Mensch stehen und stemmte die Hände in die Hüften.

Sein vormals tragischer Gesichtsausdruck hatte sich zu einer wütenden Grimasse gewandelt.

»Das ist doch kaum zu fassen! Jedes Kind auf Maraskan kennt doch gleich mehrere Stücke, und Ihr behauptet, nicht einmal eines gesehen zu haben? Jeder weiß doch aus zahlreichen Erzählungen, dass Honingen der Nabel der Welt ist!« Der Mann hatte sich in Rage geredet und konnte kaum an sich halten. Seine Zöpfe tanzten hektisch hin und her. »Wo wart Ihr nur in den letzten Jahren, dass Ihr nicht einen Funken Kultur in Euch tragt?«

Zwischen zusammengepressten Zähnen knurrte der Hügelzwerg: »Nun mal langsam mit der jungen Flamme. Ich habe das Reich gegen die Schwarzen Horden verteidigt und ganz nebenbei versucht, die Reste meiner Familie ausfindig zu machen. Und da quatscht Ihr die ganze Zeit von Honingen und Maraskan. Ist denn dasJahr des Feuersvöllig spurlos an Euch vorbeigegangen? Gibt es in Eurem Leben denn noch Platz für irgendetwas anderes als Euch selbst?«

Er sah die anschwellende Ader auf der Stirn des erzürnten Angroscho, wie sie kräftig pulsierte. Der Maraskaner konnte sich gar nicht erklären, was seinen Begleiter, mit dem er bereits seit mehreren Stunden reiste, derart erzürnt haben könnte. Also tat er das, was er immer in solchen Momenten tat: er lächelte. Breit und offen erstrahlte die Lebensfreude in seinem Gesicht. Doch dies schien seinen Begleiter nur noch mehr anzuheizen, der nun seinerseits zeternd und schimpfend weiter schritt, so dass der Mensch trotz seiner längeren Beine Probleme hatte, Schritt zu halten.

Zwerge waren noch seltsamer als Garethjis, sinnierte er. Zwar hatte er auch immer wieder Schwierigkeiten, wenn er mit den menschlichen Unwissenden zu tun hatte, doch das Kleine Volk war unverhältnismäßig nachtragend. Schließlich war dies bereits das zweite Zusammentreffen des Zauberers mit einem Zwerg, so dass der Mann befand, sich nun ein Urteil über die mürrischen Bartgrummler bilden zu können. Mit diesen Leuten sollte man es sich nicht verscherzen, entschied er.

Mit Schrecken dachte er an seinen Disput mit der zwergischen Fuhrfrau vor wenigen Tagen. Zuerst war er dankbar über die Hilfsbereitschaft der Angroschna gewesen, die ihn am Wegesrand aufgelesen und ihm freundlicherweise ein paar Meilen mit ihrem Fuhrwerk über den Greifenpass mitgenommen hatte. Doch kaum waren sie in ein, zugegebenermaßen etwas hitziges, Gespräch vertieft gewesen, war es mit der zwergischen Hilfsbereitschaft schnell zu Ende. Als der Maraskaner ihr dann auch noch mitgeteilt hatte, Gildenmagier zu sein, warf sie ihn im hohen Bogen vom Wagen, so dass er im Dreck der staubigen Reichsstraße gelandet war. Dabei ging es doch noch nicht einmal um ein sonderlich kontroverses Thema. Er wollte der guten Frau einzig und allein die Vorzüge der maraskanischen Gartenbewegung des Rur-und-Gror-Glaubens im Gegensatz zu den Lehren Angroschs, des zwergischen Allvaters, darstellen. Konnte er denn ahnen, dass die Zwerge derart sensibel auf unverfängliche, religiöse Debatten reagieren?

Mit einem vorsichtigen Seitenblick schaute er zu seinem neuen Reisebegleiter und hoffte, dass es nicht wieder zu solch einem handfesten Zwischenfall kommen würde. Doch augenscheinlich hatte sich der Angroscho wieder halbwegs beruhigt. Der Mensch versuchte es nun mit einer neuen Herangehensweise, die ihm Erfolg versprechender schien, um weiterhin harmonisch zusammen zu reisen.

»Verratet mir doch bitte einmal, was Euch eigentlich in diese Gegend verschlägt? Die ganze Zeit reden wir nur von mir und meinem Unglück in den letzten Monaten, doch von Euch weiß ich so gut wie nichts«, versuchte er es mit zugewandter Freundlichkeit.

»Woran es wohl liegen mag, dass wir nur über den Maraskaner sprechen«, grummelte der Zwerg in seinen braunen Bart, um dann lauter hinzuzufügen: »Ich kehre heim. Fünf kalte Winter blieb ich meiner Heimat fern, auf der Suche nach meinen Familienangehörigen nach den Wirren imJahr des Feuers. Doch nun danke ich dem Herrn Angrosch dafür, endlich wieder in mein geliebtes Angbar zurückkehren zu können. Ich stellte mich auch noch gar nicht vor. Mein Name lautet Harog K...«

»Das ist ja wirklich sehr interessant«, unterbrach ihn sein Gegenüber aufgeregt »dann könnt Ihr mir bestimmt etwas über Angbar berichten, wenn ihr von dort stammt? Ich selbst war nämlich noch nie in dieser Stadt, wie ich, glaube ich, noch nicht erwähnte. Ich hörte, dass es dort ähnlich guten Stahl geben soll wie in Tuzak, kann das sein? Ach herrje, jetzt zieht ihr bereits wieder so bedrohlich Eure buschigen Augenbrauen zusammen, habe ich Euch etwa unterbrochen? Das tut mir ausgesprochen leid. Wo waren wir? Ach ja, ihr wolltet gerade etwas über Angbar erzählen.«

»Ihr tätet gut daran, Euch an die Sitten und Gebräuche der Koscher zu halten. Ihr seid fremd in diesem Land, und es schickt sich nicht, jemanden zu unterbrechen, der gerade im Begriff ist, sich vorzustellen.«

»Habe ich das wirklich getan? Ich habe es fast befürchtet! Das tut mir sehr leid. Das habe ich gar nicht bemerkt! Meinen Namen nannte ich doch aber sicherlich bereits, oder? Zur Sicherheit sage ich ihn Euch lieber noch einmal, damit Ihr ihn nicht vergesst: Madajin nennt man mich. Madajin ohne Großvater.«

»Das erwähntet ihr bereits das eine oder andere Mal«.

»Wirklich? Na so etwas! Ich bin wohl heute etwas zerstreut. Namen sind aber auch ein nicht zu verachtendes Gut. Kennt Ihr euch mit der Magie ein wenig aus? Ich selbst bin ja Gildenmagier der Grauen Stäbe. Dort sagt man, dass Namen große Macht besitzen, welche man keinesfalls unterschätzen sollte. Nehmen wir doch einmal Euren Namen. Wie lautete er doch gleich?«

»Harog …«, setzte der Hügelzwerg an.

»Tatsächlich Harog? Sagtet Ihr nicht vor kurzem noch, ihr würdet Alrik heißen?«

»Mit Sicherheit nicht. Ich bin stolz auf meinen Namen und den meiner Sippe.«

»Ach, dann habe ich das wohl verwechselt.« Madajin kratzte sich nachdenklich am Kopf, ehe er ausrief: »Ha, ihr habt Recht! Alrik hieß der Kiepenkerl, der mir gestern begegnet ist. Oder war es der Name des verstorbenen Dienstjungen in Riva...? Wie dem auch sei. Namen bedeuten Macht«, dozierte Madajin und hob bedeutungsschwanger den Zeigefinger.

Doch Harog hörte ihm nicht mehr zu. Wäre der Maraskaner nicht so sehr mit seinem Vortrag beschäftigt gewesen, er hätte im Gesicht des Hügelzwerges dessen Desinteresse deutlich ablesen können. Doch mit besonderer Menschenkenntnis war Madajin nicht gesegnet. Erst als er seinem Begleiter eine Frage stellte und dieser Augenblicke verstreichen ließ, ohne darauf zu antworten, bemerkte er, dass Harogs Aufmerksamkeit nicht ihm galt. Madajin hielt in seinem minutenlangen Redeschwall inne und räusperte sich lautstark, woraufhin der Angroscho, aus seinen Überlegungen gerissen, erschrocken aufblickte.

»Ich neige manchmal zum Schwadronieren«, räumte Madajin schuldbewusst ein.

»Ich würde eher vonplappernsprechen«, ergänzte Harog etwas schärfer als beabsichtigt.

»Verzeiht bitte. Ich habe nicht so häufig die Gelegenheit mich mit anderen auszutauschen…« Der kritische Blick des Angroscho lies ihn inne halten. »Oder zu plappern«, fügte Madajin mit gesenktem Kopf hinzu, nur um im nächsten Augenblick strahlend aufzublicken.

»Angbar!« rief er aus, dass Harog erschrocken zusammenzuckte. »Ihr wolltet mir etwas über diese Stadt berichten, war es nicht so?«

»Das kann ich gerne tun«, willigte der Hügelzwerg zögernd ein, noch immer verunsichert von der Sprunghaftigkeit des Maraskaners. »Habe ich doch, bis auf die letzten Jahre, mein gesamtes Leben dort verbracht. Angbar ist sowohl eine Stadt der Menschen als auch der Angroschim. Doch das Zusammenleben war nicht immer so harmonisch wie in den heutigen Tagen. Es mag vor zweitausend Jahren gewesen sein, da gab es großen Streit zwischen Angroschim und Menschen, als wir das erste Mal aufeinandertrafen. Doch in ihrer Weisheit erkannten die Altvorderen, allen voran der weise Hochkönig Angbarosch, dass es nicht die Zeit von Krieg und Tod war. Und so traf er sich mit dem Anführer der Menschen in einer kleinen Siedlung meines Volkes, den Groscha Brimborium, nahe eines großen Sees, um gemeinsam Frieden zu schließen.«

»Und es kam zu Intrigen und Attentaten?!« warf Madajin begeistert ein.

»Nein, natürlich nicht. Dies ist doch kein Theaterstück, sondern die Geschichte meines Klans und dieses Landes, bei Angrosch!«

»Ach so, verzeiht. Fahrt nur fort.«

»Wo war ich stehen geblieben? Ach ja, Angbar. Denn so wurde die Stätte der Begegnung einst benannt, in Ehrung des Hochkönigs Angbarosch. Über die Jahrhunderte entstand dort, wo einst Frieden zwischen den Menschen und den Angroschim geschmiedet wurde, dieEhrende. Stolz und wacker steht sie dort seit diesen lang vergangenen Tagen. Wir Angbarer sind im ganzen Land und über dessen Grenzen hinaus berühmt für unseren Anstand, den festen Glauben an Angrosch und unsere hervorragenden Schmiedearbeiten, jawohl«, berichtete Harog mit stolzgeschwellter Brust.

»Das ist ja äußerst interessant, aber dies sagt doch noch gar nichts über das heutige Angbar aus, guter Mann.«

»Tut es nicht? Da bin ich aber ganz anderer Meinung. Angbar ist und war und wird immer Angbar bleiben, solange die Angroschim in den steinernen Mauern leben. Und lasst Euch gesagt sein, dass nicht nur mein Volk dort sein Herdfeuer entfacht hat. Auch die Brüder und Schwestern der Groscha Roroxim gehören der Gemeinschaft an, sogar einige Groscha Boroschim aus den fernen Borosch leben Seite an Seite mit den Menschen. Angbar war und ist eine Freie Stadt, die durch den Rat der Zünfte weise und gerecht regiert wird. Was auch immer für ein Unbill die Welt bedroht, der Kosch und seine Hauptstadt Angbar werden immer beieinander stehen.«

»Tatsächlich? Angbar ist gar die Hauptstadt dieses putzigen Landstrichs? Ich dachte immer dies wäre Ferdok.«

Ein tiefes Grollen aus der Kehle des Hügelzwergs ließ Madajin verstummen.

Wenige Stunden später erreichten sie die nahe beieinander liegenden Ortschaften Trottweiher und Anpforten, wo sie auf einen Krug Zwergenbier Halt machten, um sich für die letzten Meilen zu stärken. Das ungleiche Paar setzte sich in die wärmenden Strahlen der Mittagssonne auf hölzerne Bänke vor das örtliche Gasthaus, um ein wenig die müden Füße zu schonen. Nach einem Fingerzeig seines Begleiters erkannte Madajin verwehende Rauchsäulen am östlichen Horizont hinter den sanften Hügeln.

»Was ihr dort sehen könnt, ist bereits Angbar. Die Öfen und Schmieden derEhrendenschlafen nur bei Nacht. Wenn ihr genau hinschaut, könnt ihr die ersten Dächer und Schornsteine der höher gelegenen Gebäude erkennen. Angbar ist auf drei Hügeln erbaut, müsst ihr wissen, deshalb sieht man seine ganze Pracht erst, wenn man näher kommt. Solltet ihr einst die Muße haben, empfehle ich Euch eine Bootsfahrt hinaus auf den großen See. Der Ausblick auf die Stadt lässt das Herz höher schlagen.«

»Ein Zwerg empfiehlt eine Bootsfahrt?«, Madajin blickte ihn mit einem schiefen Lächeln an. »Ihr wollt mir wohl einen Parder aufbinden?«

»Ich erwähne es kein weiteres Mal: Ihr solltet an Euren Umgangsformen arbeiten und nicht immer das aussprechen, was ihr denkt«, tadelte Harog den noch immer grinsenden Maraskaner. »Es geziemt sich nicht für einen ehrbaren Bürger, wenn er ständig sein Herz auf der Zunge trägt.« Nach einem strafenden Blick, der selbst Madajin zum Schweigen brachte, fuhr Harog fort: »Ich, genauso wie meine Brüder und Schwestern, bevorzugen den Begriff Angroschim und nichtZwerg«, er spie den Begriff förmlich aus. »Darüber hinaus solltet ihr nicht jedes Vorurteil übernehmen, das ihr auf den staubigen Straßen außerhalb des Koschs aufschnappt. Wasser ist nicht schädlich für einen Angroschim.«

Madajin sah das bedrohliche Beben in Harogs vom Bart verdeckten Gesichtszügen und entschloss sich rasch, das Thema zu wechseln. Diese Zwerge verstehen wirklich keinen Spaß.

Sie plauderten noch etwas über die vor ihnen liegende Wegstrecke und beide schienen sehr froh darüber zu sein, dass sie es schafften, weitere heikle Themen zu umschiffen. Nach einer halben Stunde schulterten sie erneut ihr sichtlich schweres Gepäck und wanderten auf der Reichsstraße weiter, um die letzten Meilen bis Angbar hinter sich zu bringen.

***

»Ihr müsst dafür bürgen, keinerlei finstere Zauberei innerhalb unserer Stadt zu wirken«, wiederholte die Mauerwache zum wahrscheinlich zehnten Mal. Sein buschiger Schnauzbart, der vormals wie versteinert in seinem Gesicht ruhte, begann nervös auf und ab zu tanzen.

Bereits seit einer geraumen Zeit stand Madajin in Begleitung des Hügelzwergen Harog vor dem geöffneten Stadttor Angbars, welches in die mächtige steinerne Mauer eingelassen war. Der Wind ließ das Banner mit der roten Sackpfeife auf gelben Grund flattern und wehte ihnen die rußigen Wolken unzähliger Öfen und Essen entgegen. Zwischen ihnen und dem angestrebten Stadtleben standen zwei menschliche Gardisten, die ihnen ihre blitzenden Hellebarden eindrucksvoll in den Weg hielten. Die muskelbepackten Männer erweckten nicht den Eindruck, auch nur einen Spann weichen zu wollen.

»Wo liegt denn das Problem, Maraskaner?«, beschwerte sich Harog bei seinem Begleiter. »Nun sage diesen Herren schon, dass Du keinerlei Unheil im Schilde führst, dann werden sie Dich auch passieren lassen. Ich will hier nicht den ganzen Tag auf dich warten. Sonst musst du alleine zusehen, wie du weiter kommst.« Unruhig verlagerte der Hügelzwerg sein Gewicht von einem Fuß auf den anderen.

»Aber ich habe doch bereits unzählige Male beteuert, dass ich gar nicht weiß, was er damit meint! Und ich hege ganz stark den Verdacht, dass dieser wenig freundlich dreinblickende Klotz ebenfalls keine Ahnung davon hat, was er da sagt. Ich bin ein Gildenmagier, dass kann ja wohl jeder sehen. Reicht das in dieser Stadt nicht, um alle Zweifel auszuräumen?«

»Aber Ihr habt ihn doch gehört. Er möchte Euer Wort darauf haben, denn das Wort hat in Angbar noch seinen Wert.«

»Dann gebt Ihr ihm doch Euer Wort, dass Ihr keine Kreaturen des Ätherjin beschwört!«

»Euer Begleiter ist augenscheinlich kein Zauberer, so wie Ihr einer seid«, mischte sich der jüngere der beiden Mauerwachen ein, als wolle er allen ins Gedächtnis rufen, dass er noch da war.

Hilfe suchend blickte sich Madajin um, doch keinerlei Unterstützung schien ihm bei diesem Disput vergolten zu sein. Um ihn herum passierten prallgefüllte Bauernkarren, schmuck aussehende Händlerwagen und eine misstrauisch herüberschauende Pilgergruppe des Götterfürsten Praios fast unbehelligt das Stadttor. Die Zwerge und Menschen wurden nur für wenige Momente aufgehalten und ihre Waren in Augenschein genommen, ehe sie nach einem kurzen Gespräch die Stadt betreten durften.

Madajin fühlte sich durch und durch ungerecht behandelt und dies nicht erst, seit er vor den Mauern Angbars stand. Der Gildenmagier reiste bereits mehrere Jahre durch das Land. Nachdem er Maraskan verlassen hatte, führte ihn sein Weg durch Mhanadistan im Süden bis in den hohen Norden nach Riva. Trotz dieser in vielerlei Hinsicht komplett verschiedenen Regionen mit völlig unterschiedlichen Menschen, blieb doch eines immer gleich: das Misstrauen, welches ihm entgegengebracht wurde. So reichte es den meisten Menschen bereits, dass sie einen Zauberer vor sich hatten, der Kraft seiner selbst Dinge vollbringen konnte, die ihnen für immer ein Mysterium blieben. Nein, obendrein war Madajin auch noch Maraskaner. Dies schien für die meisten Leute ein noch viel größeres Problem darzustellen als seine astralen Fähigkeiten. Es war ihm bereits vor dem Verlassen seiner Heimat bewusst gewesen, dass sein Volk nicht überall mit offenen Armen begrüßt wurde. Schon seit Jahrhunderten kursiert das mhanadische Sprichwort, dass von Marustan, so nannten die Unwissenden seine geliebte Insel, niemals etwas Gutes kommen würde. Die jüngere Geschichte gab ihren Vorurteilen nur neue Nahrung, als der Sphärenschänder Borbarad die Invasion der Verdammten auf Maraskan ausrief und die dunklen Horden sich über den Kontinent ergossen. Auch wenn der Beginn bereits eineinhalb Jahrzehnte zurücklag, hatte das alte Sprichwort eine ganz neue Bedeutung erhalten.

Nichts Gutes kommt von Marustan.

Natürlich sagten ihm die Menschen, auf die er im Laufe seiner Reisen traf, solche Dinge meist nicht offen ins Gesicht. Aber es gab auch Ausnahmen, und ein dumpfer Schmerz erfüllte seine Brust, wenn er an solche Fälle denken musste. Mehr als einmal musste er sein Heil in einer wilden Flucht aus dem gerade zuvor besuchten Weiler antreten, um nicht mit einem Strick um den Hals am nächsten Baum zu enden. Dies war jedoch nicht der Regelfall und entsprach eher seltenen und äußerst unglücklichen Umständen. Alltäglich waren jedoch die Blicke, mit denen er bedacht wurde. Das kurze Zögern der Wirtsleute, wenn er nach einem Bett fragte; die großen Augen der Menschen, die er auf seinen Reisen freundlich grüßte; die erhobenen Stimmen der einheimischen Gesprächspartner, die davon ausgingen, er würde sie besser verstehen, wenn sie besonders laut mit ihm redeten. All die kleinen und großen Gesten, mit denen sie ihm deutlich vor Augen hielten, dass er nicht und niemals dazugehörte und bestenfalls geduldet wurde.

Genau solch eine Reaktion, mit welcher die Angbarer Torwächter ihm begegneten, war Madajin nur bestens bekannt. Er musterte die uniformierten Männer. Nach außen hin zeigten sie demonstrative Gelassenheit und wirkten auf ihn wie Unbeteiligte. Doch selbst Madajin, dessen Stärke beileibe nicht darin lag, sein Gegenüber richtig einschätzen zu können, erkannte das verräterische Zucken im Augenwinkel des Schnauzbartes. Oder war es das abfällige schürzen der Lippen? Ganz sicher war er sich nicht, doch irgendetwas in der Haltung und Mimik der zwei Torwächter verriet ihm, dass es sich hier nicht um eine übertriebene Form der Pflichterfüllung handelte, sondern Madajins Herkunft das Problem darstellte. Wie dies so häufig zuvor der Fall war.

»Ihr seid Maraskan-Hasser, nicht war?« fauchte Madajin die Gardisten an und wedelte mit erhobenen Zeigefinger vor ihren Gesichtern. Diplomatie war noch nie seine Stärke gewesen.

»Ich fordere Euch hiermit zum letzten Mal auf, Ruhe zu bewahren und keinen Tumult auszulösen. Andernfalls werde ich Euch umgehend verhaften.« Langsam aber sicher schien dem Schnauzbärtigen der Kragen zu platzen, doch Madajin überhörte die unverhohlene Warnung.

»Verhaften? Ich befinde mich doch noch nicht einmal in Eurer Stadt, und einen Grund für solch eine Handlung gibt es schon gar nicht. Ihr seid wirklich ein einzigartiger Mann«, beleidigte er seinen Gegenüber, ohne dass dieser es bemerkte.

»Das ehrwürdige Angbarer Recht reicht noch einhundert Schritt über die Stadtmauern hinaus«, flüsterte ihm Harog zu, und der Torwächter blickte dem erblassenden Maraskaner spöttisch entgegen.

Augenblicke verstrichen, während sich die Blicke des Maraskaners und Weibel Schnauzbart, wie Madajin sein Gegenüber insgeheim getauft hatte, begegneten. Einem horasischen Duell gleich, fochten die beiden Männer, wenn auch nicht mit einem Degen in der Hand, dann doch mit unheilvollen Blicken und ihrer puren Willenskraft. Keiner von beiden blinzelte oder sah gar zur Seite. Madajins linkes Auge fing an zu brennen, und ein erstes unwillkürliches Zucken bahnte sich an. Verbissen hielt er dagegen, wollte er doch dem Schnauzbart zeigen, aus welchem Holz er geschnitzt war. Das Zucken an seinem Augenlied nahm zu, ehe es sich in einem Blinzeln entlud. Ein herablassendes Schmunzeln bildete sich unterhalb des hässlichen Schnauzers, welches Madajins wenig ausgeprägte Geduld vollends hinfort wischte.

»Na schön, jetzt habt ihr Euren Willen: Ich bin kein Finsterzauberer, Dämonenpaktierer, Freischärler oder was auch immer ihr noch von mir denkt. Ich möchte Euer zauberhaftes Städtchen nur für ein paar Tage besuchen, da ich hörte, dass hier ein großes Fest zu Ehren meiner Landsleute ausgerichtet wird. Im Anschluss werde ich Angbar verlassen, ohne auch nur einen aufrechten Bürger verhext zu haben. Darf ich jetzt hinein?«

»Öffnet zuvor Euren Geldbeutel«, entgegnete der Gardist trocken.

»Wie bitte? Ich habe mich gerade demütig von jeder noch so haarsträubenden möglichen Schuld freigesprochen, und jetzt wollt ihr obendrein noch ein Bestechungsgeld!?« rief Madajin so laut aus, dass es jeder hören konnte. Die Leute um sie herum blickten neugierig herüber. Er selbst baute sich direkt vor Weibel Schnauzbart auf und stemmte die Hände in die Hüften. Leider verpuffte die entschlossene Haltung ein wenig, ragte Madajin dem Torwächter doch nur bis zur Brust.

»Korruption nenne ich das, jawohl!«

Harog griff ihm an den Oberarm und drückte fest zu, um Madajins Aufmerksamkeit zu erhalten, ehe dieser noch weitere Dummheiten begann.

»Bei Angrosch, kennt ihr denn nicht die 15-Heller-Regel?« schnauzte dieser seinen Begleiter an.

»Die was?« fauchte Madajin zurück, da er sich in seinem Zorn auf den Torwächter gestört fühlte.

»Die 15-Heller-Regel! Jeder, der Angbar betreten möchte muss nachweisen, dass er nicht zum Betteln hier ist. In seinem Besitz muss sich mindestens der Betrag von eineinhalb Silberstücken befinden, damit er nicht in kürzester Zeit der Armut verfällt und auf den Straßen Angbars herumlungert oder gar ein Verbrechen begeht«, klärte Harog ihn auf.

Madajin hielt inne und wusste nicht, wie er auf diese unerwartete Wendung des Gesprächs reagieren sollte, während die Blicke der Umstehenden auf ihm ruhten. Denn nachdem er lauthals von Bestechung gesprochen hatte, waren die Passanten stehen geblieben in Erwartung des sich anbahnenden Spektakels. Mindestens ein Dutzend beäugten das Streitgespräch skeptisch. Madajin wurde ganz mulmig zumute, registrierte er doch, dass ein Gang in den städtischen Kerker kurz bevor stand.

»Preiset die Schönheit!« rief er unvermittelt und breitete die Arme in freundschaftlicher Geste aus, als wolle er alle Umstehenden umarmen. »Hätte ich das nur zuvor gewusst, so wäre es doch niemals zu solch einem Missverständnis gekommen! Hier schaut nur«, er zückte seine prallgefüllte Geldkatze, hielt sich hoch und zeigte sie allen um sich herum.

»Selbstredend verfüge ich über eine angemessene Barschaft«, rief er den Menschen und Zwergen zu.

»Jetzt reicht es aber mit diesem Possenspiel!«

Madajin sah Weibel Schnauzbart irritiert an. »Was habt ihr denn nun wieder? Ich besitze fünfzehn Heller, wie jeder sehen kann.«

Der ältere Torwächter packte den noch immer laut rufenden Maraskaner und schob ihn ein paar Schritt rückwärts.

»Ihr seid ein Aufrührer und Krakeeler. Solch einen Menschenschlag wünschen wir nicht in unserer Stadt. Geht dahin, woher ihr gekommen seid und versucht nicht wieder, einen Fuß in die Ehrende zu bekommen, sonst werfe ich Euch ohne weiteres Federlesen in den Kerker. Und jetzt macht, dass ihr verschwindet!«

»Aber das ist ungerecht! Ich habe gegen keinerlei Gesetz verstoßen!«

»O doch, genau das habt ihr. Ihr habt die öffentliche Ruhe gestört und Euch einem Gardisten der Stadtwache widersetzt. Ich fordere Euch ein letztes Mal auf kehrt zu machen, sonst nehmen wir euch fest.«

Die jüngere Torwache suchte mit seinem Kameraden den Schulterschluss, um dessen Aufforderung zu bekräftigen. Madajin schaute verzweifelt zu seinem Begleiter, doch der Hügelzwerg zuckte nur mit den Schultern und erhob als Abschiedsgruß die Hand, ehe er sich von Madajin abwandte und kurz darauf Angbar betrat. Madajin wurde ganz übel, und die Knie schlotterten ihm. Welch eine unglaubliche Ungerechtigkeit! Jetzt ließ ihn sogar sein Begleiter im Stich. Langsam dämmerte es ihm, in was für eine aussichtslose Situation er sich manövriert hatte.

»Aber ihr könnt mir doch nicht den Zugang verwehren. Wenn ich Euch beleidigt habe, tut mir das ausgesprochen leid und ich werde es wiedergutmachen. Wie wäre es mit einer magischen Darbietung? Dafür würde manch Haran … Aua! Hört auf damit!« Noch ehe Madajin sein Angebot aussprechen konnte, schlug ihn der Torwächter mit der hölzernen Seite seiner Hellebarde vor das Schienbein.

»Untersteht Euch, auch nur einen Gedanken an Zauberei zu verschwenden! Wenn ich sehe, dass ihr Euren Zauberstab von Eurem Rucksack nehmt, lernt ihr die andere Seite meiner Waffe kennen. Und jetzt weg mit dir, Scharlatan!« Erneut stieß der grobschlächtige Mann Madajin vor sich her. Dieser hatte keine andere Wahl, als schmollend und zeternd den Rückzug anzutreten.

***

Zwei Stunden später schritt Madajin mit einem breiten Grinsen durch die gepflasterten Gassen der freien Reichsstadt.

Er wäre nicht er selbst gewesen, hätte er nicht noch einen Ausweg aus der vertrackten Situation am Eingangstor Angbars gefunden. Nachdem er sich auf einem nahe gelegenen Hügel niedergelassen und von weitem das Kommen und Gehen beobachtet hatte, war ihm ein vortrefflicher Gedanke gekommen. Zwar dauerte es noch eine gewisse Zeit, bis er seinen Gram geschluckt hatte und bereit war, einen zweiten Versuch zu unternehmen, doch umso heiterer wagte er einen neuen Anlauf, Angbar zu betreten. Natürlich wählte er hierfür nicht noch einmal das gleiche Stadttor aus, sondern wandte seine Schritte gen Süden, um sein Glück an einem anderen zu versuchen. Denn wie er von seinem Hügel gesehen hatte, besaß die Stadt mehr als nur einen Weg durch die massive Mauer. Da er nun wusste worauf es ankam, war es für ihn ein Leichtes an dem durchaus zugänglicheren Torwächter vorbeizukommen. Zwar musste er immer noch seine Börse vorzeigen und die üblichen kritischen Fragen aufgrund seiner Herkunft beantworten, jedoch gab es keine weiteren störenden Hindernisse am so genannten Bärentor. Dies konnte durchaus auch an dem Umstand liegen, dass er kurz zuvor aus seiner grauen Robe geschlüpft war und sich seiner unauffälligen Reisebekleidung bedient hatte. Zwar erregte auch diese Anstoß, da sie wohl nicht den örtlichen Gepflogenheiten entsprach, jedoch erhielt er ohne größeres Federlesen Einlass in die Ehrende, wie die Mauerwache Angbar genannt hatte.

Zufrieden blickte er jetzt, wo er das Viertel Kruming betrat, an sich hinab und lobte selbstzufrieden seine Entscheidung, sich eine zweite, unauffällige Garderobe zugelegt zu haben. Das purpurne Seidenhemd mit den lustigen kleinen aufgedruckten Wappen darauf, wurde von einer grünen Stoffhose komplettiert, die an den Waden mit gelben Tüchern zusammengebunden wurde. Sein ein Schritt langer Zauberstab trug nun nicht mehr seinen Rucksack, sondern war darin wohl verpackt und geschützt vor den Blicken der Gardisten.

Berauscht von seiner phexischen Schläue schlenderte er die breite Straße entlang, die ihn in Richtung des Neumarktes führte, wie die zahlreichen Wegweiser verrieten. Zu Madajins Erstaunen waren die kleinen Schilder nicht nur äußerst gepflegt und zahlreich, sondern obendrein zweisprachig. Neben den ihm vertrauten Kusliker Zeichen trugen sie eine weitere kantige Aufschrift, hinter der er Rogolan, die Sprache der Zwerge vermutete. Ihre kantigen Lettern sahen aus, als hätte jemand einen Meißel anstatt eines Federkiels verwendet. Madajin befand diesen Umstand als äußerst passend, wenn er an die grobe Art der ihm bis jetzt begegneten Zwerge dachte. Belustigt und erfüllt von heiterer Leichtigkeit, betrachtete Madajin seine Umgebung, während er leichten Schrittes die Straße entlang schlenderte.

Er hatte das Gefühl, noch außerhalb der Stadtmauern zu sein, da um ihn herum weniger herrschaftliche Häuser lagen, sondern Gehöfte und Felder die Szenerie dominierten. Die meisten von ihnen waren neu erbaut oder zumindest frisch verputzt. Neben den Gebäuden waren Scheunen und Ställe errichtet, und in geschlossenen Gattern graste so manches Nutzvieh, wie Kühe, Ziegen und blökende Schafe. Erst in der Ferne konnte er die auf mehreren Hügeln erbauten Häuser Alt-Angbars erkennen, die weitaus mehr seinem gedachten Bild dieser Stadt entsprachen. Von dem tief hängenden Ast eines Baumes nahm er sich eine Handvoll praller Kirschen, um sie genussvoll zu verspeisen. Die Sonne beschien die innerstädtischen Ländereien und er hörte den Lärm von Sägen und Hämmern von den noch im Bau befindlichen Häusern um ihn herum.

Es verwunderte Madajin, hatte er doch erwartet, dass in einer zweitausend Jahre alten Stadt uralte Gebäude eng an eng lagen und nur wenige Neubauten errichtet werden. Darüber hinaus sah er keinen Angroschim in seiner Nähe, die er eigentliche in großer Anzahl in den Mauern Angbars vermutet hatte. Aber wozu existierten dann nur all die Wegweiser in der Sprache der Zwerge wenn es hier keinerlei Angehörige des Kleinen Volkes gab? Angbar stellte sich ganz anders dar, als er es aus den Erzählungen Harogs vermutet hatte. Wie rätselhaft Rur den Weltendiskus schuf, wunderte er sich, als er im hohen Bogen die Kirschkerne ausspie.

»Entschuldigt bitte guter Mann, dies sammelt ihr aber gleich wieder auf, nicht wahr?«

Ganz plötzlich aus seinen Überlegungen gerissen, sah sich Madajin um, bis sein Blick auf eine Bäuerin fiel, die gerade damit beschäftigt war, Wäsche von der Leine zu nehmen. Ihr tadelnder Blick ruhte auf ihm.

»Oh, wie meinen?«

»Die Kerne, die ihr auf meine Straße gespuckt habt«, sie deutete auf den Boden vor seinen Füßen, »ihr hebt sie wieder auf.«

»Eure Straße? Seid ihr etwa die Herrscherin Angbars?« fragte Madajin etwas schärfer zurück, als er eigentlich beabsichtigt hatte.

»Natürlich nicht. Aber der Abschnitt der Straße, welcher vor meinem Gehöft verläuft, ist gemäß Stadtverordnung Zweihundertdreizehn von mir zu reinigen und in Ordnung zu halten. Und da ich meine Bürgerpflichten sehr ernst nehme, möchte ich Euch direkt darauf hinweisen, nicht dass ihr noch die Wege meiner Nachbarn beschmutzt.«

Madajin stand mit offenem Mund da und war so verwirrt, dass er ohne darüber nachzudenken in die Hocke ging und die Kirschkerne einsammelte. Obendrein fegte er mit seiner Handfläche ein paar Kiesel beiseite, um den Zustand der Straße noch zu verbessern.

»So ist es recht, Fremder. Ordnung muss sein. Wo kämen wir denn hin, wenn jeder tun und lassen würde, wie es ihm in diesem Moment beliebt?«

Da Madajin darauf keine Antwort wusste, wechselte er lieber das Thema.

»Ich bin ganz verwundert, dass es hier noch möglich ist, neue Häuser zu erbauen.« Er deutete auf die halbfertigen Gehöfte in seinem Rücken. Dieser Umstand ließ ihn noch nicht los. »Wäre es auch mir möglich, mich hier anzusiedeln und ein neues Heim zu errichten?«

Die Magd musterte ihn von oben bis unten, ehe sie den Kopf schüttelte. »Das glaube ich kaum. Ihr kommt nicht von hier und besitzt nicht das Bürgerrecht. Außerdem werden die Bauernhöfe nur wieder aufgebaut, es sollen keine neuen hinzukommen, soweit ich weiß.«