DU SOLLST ERFINDEN - Avi Jorisch - E-Book

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Avi Jorisch

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Beschreibung

DU SOLLST ERFINDEN stellt eine Reihe bemerkenswerter israelischer Innovationen vor, die weltweit Milliarden Menschen zugute kommen, und geht der Frage nach, warum israelische Erfinder, Entdecker und Reformer aller Glaubensrichtungen so daran interessiert sind, die Lebensbedingungen der Menschheit zum Besseren zu wenden. Erzählt wird, wie Israelis sich am Kampf gegen Hunger und Krankheit beteiligen, wie sie helfen, Zivilisten vor Angriffen zu schützen, und wie sie die Wüste zum Blühen bringen. Geht es darum, die Probleme der Welt zu lösen, spielt das kleine Israel eine große Rolle. Motiviert wird es dabei vom Geist des Tikkun Olam, der jüdischen Vorstellung von der Wiederherstellung der zerbrochenen Welt. In der Nachfolge des Buches Start-up Nation: The Story of Israel’s Economic Miracle von Dan Senor und Saul Singer, das die unglaublich dynamische Start-up-Szene in Israel vorstellte, erzählt DU SOLLST ERFINDEN davon, wie die Welt von israelischen Erfindungen bzw. Weiterentwicklungen schon vorhandener Techniken profitiert. In Israel gibt es bemerkenswerte Persönlichkeiten, die sich alle zum Ziel gesetzt haben, Menschenleben aktiv zu retten oder in einem Bereich tätig zu sein, der sich der allgemeinen bis hoch spezifischen Verbesserung menschlicher Lebensbedingungen und -umstände widmet. In einer Welt, in der es mehr als genug Dunkel gibt, sind sie ein wichtiger Hoffnungsschimmer.Du sollst erfinden ist voller inspirierender Geschichten, die auf die uralten Wurzeln des israelischen Strebens nach Innovation verweisen und aufzeigen, wie es weltweit zur Lösung von Problemen der Menschheit beiträgt. Unternehmer, Wirtschaftsführer und alle, die wissen wollen, woher Innovationen kommen und wie man sie generiert, werden das Buch mit großem Gewinn lesen. Dan Senor und Saul Singer, Autoren von Start-up Nation: The Story of Israel’s Economic Miracle

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Veröffentlichungsjahr: 2021

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DU SOLLST

ERFINDEN

Wie israelischer Einfallsreichtum hilft,

die Welt besser zu machen

 

 

 

AVI JORISCH

 

1.Auflage 2021

 

 

 

 

 

 

 

 

 

WIDMUNG

 

 

 

FürEiden,OrenundYaniv– nunseidihranderReihe.

 

 

VORWORT: Es werde Licht

 

So stell’ ich dich hin zum Lichte der Völker, dass mein Heil gelangeandasEndederErde.

Jesaja49,6

 

 

 

 

Ich rumpelte gerade mit meinem Wagen eine am Stadtrand von JerusalemgelegeneStraßeentlang,alsichimRadiodenAlarmhörte.ÜbermeineSchultersahichnachdemKleinenaufdemRücksitzundspürte,wiedieAngstsichmeinerbemächtigte.Eswarder8.Juli2014undichhatte gerade einen Kontrollpunkt passiert. Seit Wochen drehten sichalle Unterhaltungen nur noch um den bevorstehenden Krieg mit derHamas.IsraelhattemitseinemMilitäreinsatzgegendieislamistischenTerroristenimGazastreifenbegonnen.ÜberJahrehinweghattedieHamas,derenChartadie»Auslöschung«IsraelsunddieErrichtungeinerislamischenTheokratieanseinerStellefordert,durchzahlreicheTunnel Waffen und verschiedenste Materialien aus Ägypten in den Gazastreifengeschmuggelt.

AbendsgegenhalbsiebenbogichinunserelauschigeStraßeein.Zu Hause angekommen, brachte ich meinen Sohn Oren ins Bett. Dannwarteteich.Undesdauerteauchnichtlange,bisdieSirenenerklangen.Der Raketenbeschuss durch die Hamas hatte begonnen. In jener erstenNachtfeuertendieTerroristeneineSalveRaketenvomTypM75inRichtungTelAvivundJerusalemab,zweiGroßstädte,vondenenmaneigentlichannahm,sielägenjenseitsihrerReichweite.IchtrugmeinenSohndievierTreppenzumLuftschutzkellerhinunter.Erwarvölligverängstigt.IchdachteandieAngst,diesovieleKinderinIsraelundim Gazastreifen jetzt empfinden würden. Einige Minuten später krachtees zweimal laut und wir wussten, dass wir wieder hinaufgehen konnten. Dem israelischen Iron Dome-Abwehrsystem (zu deutsch: »EiserneKuppel«)waresgelungen,dieRaketenderHamasabzufangen.

 

Sieben Wochen lang tönten die Sirenen, sodass sich diese Szene stetsaufsNeuewiederholte.DochkonntenwirunsbeiallerFurchtweitestgehend auf das Iron Dome-Abwehrsystem verlassen. Ich staunte überdieseErfindung.SiebewahrteIsraelvordemChaosundGemetzel,dieimmer weitere Teile des Nahen Ostens in Mitleidenschaft zogen: Die EroberungendesimgroßenMaßstab»Ungläubige«vergewaltigendenund mordenden Islamischen Staats im Irak und in Syrien rissen nichtab; das Assad-Regime massakrierte die eigene Bevölkerung mittelsFassbombenundChemiewaffen,MillionenSyrerflohenindieTürkei,denLibanonundnachJordanien;undinÄgyptenführtenislamistischeAufständischeaufderSinaihalbinseleinenblutigenKampf.

 

Es war deprimierend. Als Heranwachsender dachte ich, unsere Generation würde endlich die Befriedung des Nahen Ostens erleben. ImAufbaustudiumhabeichislamischeGeschichteundArabischstudiert,bin nach Kairo gezogen und habe die Region auf der Suche nach Zeichen dauerhaften Wandels bereist. Tatsächlich sind die Menschen inder Region jedoch von scheinbar niemals endender Gewalt heimgesuchtworden.

 

DochdeutetederSommer2014auchaufetwasandereshin.Mirwurdeklar, dass das Iron Dome-Abwehrsystem nicht die einzige israelischeInnovation war, die Leben rettete. Eher zufällig fiel mir auf, dass anderein meiner unmittelbaren Umgebung wirksame Innovationen auch anderswo zur Schaffung einer freundlicheren, sanfteren Welt beitrugen:So kommt zum Beispiel bei jedem Notfall – sei es ein Raketeneinschlag,einVerkehrsunfallodereinHerzinfarkt–mehroderwenigersoforteinvoneinerUber-ähnlichenSmartphone-AppentsandterErsthelferauf einemAmbucycle(halbKrankenwagen,halbMotorrad).MeinGärtnerin Jerusalem wies mich wiederum auf sein spezielles Bewässerungs-gerät hin, von dem ich alsbald erfuhr, dass es weltweit in der Landwirtschaft eingesetzt wird, um eine unserer wichtigsten Ressourcen,nämlich Wasser, zu konservieren und so zur Ernährung der wachsen-denWeltbevölkerungbeizutragen.EinermeinerKollegenandererseitserhielt eine Parkinson-Diagnose und unterzog sich zur Linderung seinerSymptomeeinertiefenHirnstimulation.Icherfuhr,dassdasdabeiverwendeteGerätvonImadundReemYounis,einemarabischenEhepaar aus Nazareth, entwickelt worden war. Ihr Leitsystem machte dieBehandlung verschiedener Bewegungsstörungen und psychiatrischerErkrankungen durch die Implantation von Elektroden im Gehirn ungleicheinfacherundsicherer.

DieseGeschichtenerschienenmirwieHoffnungsschimmerinder Finsternis,diesichderRegionzubemächtigenschien.Ichwolltemichmit dieser inspirierenden Seite Israels näher befassen. Ich suchte nunbewusst nach Erfindern und Neuerern, die sich aufgrund ihres gesellschaftlichen Verantwortungsbewusstseins verschiedenen kleinerenund größeren Herausforderungen stellen, um die LebensbedingungenvonMillionenoderwomöglichvonMilliardenMenschenweltweitzuverbessern.

 

Wievieleanderewussteichauch,dassIsraelbeiderEntwicklungvonInnovationen Unglaubliches geleistet hat. Auch ich hatte Start-upNation, den großartigen Bericht über den wirtschaftlichen AufstiegIsraels, gelesen. In welchem Maße diese Innovationsfreudigkeit sichauchaußerhalbIsraelsimUmgangmitgravierendengesellschaftlichenProblemen niederschlägt, war mir dagegen weniger klar. Bald begriffich, dass Israel weit mehr war als eine Start-up Nation. Es leistet, ob-wohl es nur ein kleines Land ist, einen bedeutenden Beitrag zur LösungdergrößtenHerausforderungen,denendieWeltsichgegenübersieht.

Dass mir dieser Sachverhalt so sehr zu Herzen gehen würde, hatte ichallerdingsnichtgedacht.MeineKischkes(jiddischfürjenenTeildesBauchs, dem man das »Bauchgefühl« verdankt) begannen zu vermuten,dasssichhieretwaszutrug,dasaufdieMöglichkeiteineranderen,besserenZukunftverwies.

SchließlichtrafichYossiVardi,einenderVäterderisraelischenHightech-Revolution. Im darauffolgenden Juni lud er mich zu seiner jährlich abgehaltenen Kinnernet-Klausur für Tech-Unternehmer ein, beider unter anderem israelische Juden, Christen und Muslime sowiePalästinenser aus dem Westjordanland zusammenkommen. Spontansagteichzu.AlsichdasSaintGabrielHotelinNazarethbetrat,kamesmirvor,alsseiichineinStarWars-Cafégeraten.EinigederAnwesenden spielten Footbag, steuerten Drohnen oder sprangen aus den Fenstern auf große Luftkissen, um ihre Geschwindigkeit zu messen. Es hättemich kaum noch überrascht, Jabba the Hutt, einer Filmfigur aus demStar Wars-Universum, zu begegnen. In den folgenden Tagen traf icheinige der führenden Köpfe Israels und der Welt und lernte eine Viezahl aus Israel stammender Neuerungen und Entdeckungen kennen.Wie konnte es sein, dass es so viele an der Lösung gesellschaftlicherProblemeinteressierteInnovatorengeradehierherzog?

 

Ich begann im Land umherzureisen, um mich mit Unternehmern zutreffen, in ihren Büros, auf Parkbänken, manchmal auch bei ihnen zuHause. Michel Revel erzählte mir in seinem Wohnzimmer von demneuen Ansatz, der ihn von Versuchen an Vorhäuten zur Entwicklungdes mittlerweile marktbeherrschenden Medikaments zur Behandlungvon Multipler Sklerose, Rebif, geführt hat. Ich verschlang eine Pizza mitBernard Bar-Natan, dem Erfinder des einzigartigen Wundschnellverbands,mitdemmassiverBlutverlustgestopptundbeischwerenVerletzungenEntzündungenvorgebautwerdenkann.IchfuhrindenNordendes Landes, um mich mit Amit Goffer zu treffen, dem Erfinder einesExoskeletts, das es Querschnittsgelähmten ermöglicht, wieder zu gehen. Und Shlomo Navarro und sein großer Hund nahmen mich mit inihrKellerbüro,ummirgenauzuerklären,wieeraufdieIdeedesGrain Cocoonkam, einer Schutzhülle,die aufwundersame Weise GetreidekörnervorUngezieferschützt,denEinsatzschädlicherPestizidehinfällig macht und damit dem weltweiten Kampf gegen den Hunger dient.JemehrdieserInnovatorenichkennenlernte,destobewussterwurdemir,dasssichdiesederHoffnungunddemOptimismusverschriebenhatten,anstattsichvondenSchreckendesKriegesniederdrückenzulassen.StattsichanBombenundGeschossenabzuarbeiten,konzentriertensiesichaufErfindungen,vondenensiehofften,zurVerbesserungderLebensbedingungenallerMenschenaufunseremPlanetenbeitragenzukönnen.

Ich überquerte auch die sogenannte Grüne Linie, die 1949 anlässlichdesWaffenstillstandszwischenIsraelundseinenarabischenNachbarngeschaffene Grenze, und informierte mich über die Start-up-Szene indenPalästinensergebieten.IsraelisundPalästinenserringenumLand,Wasserrechte,FlüchtlingeundeineVielzahlschmerzlicherFragen.Diemeisten betrachten die Aussichten auf Frieden mit Skepsis. Viele derUnternehmer, mit denen ich mich unterhielt, glauben jedoch, Innovationen könnten eine tragfähige Brücke zwischen den beiden einanderseitGenerationenbekämpfendenGruppenschlagen.

WerdieNachrichtennuroberflächlichzurKenntnisnimmt,könntezu dem Schluss gelangen, das Leben in Israel sei durchweg von Gewalt geprägt: Krieg, Selbstmordanschläge, Messerattentate, Anschläge mit Fahrzeugen. In dieser Hinsicht hat das Land in der Tat einigesauszuhalten. Doch es gibt auch ein anderes Israel: Wer sich mit denzehngravierendstenProblemenbefasst,denendieWeltsichmomentangegenübersieht,stößtmitSicherheitbaldaufeinenIsraeli,deraufihreLösunghinarbeitet.

AnfangdesletztenJahrhundertsschriebderbritischeAutorGilbert K. Chesterton, die USA seien »eine Nation mit der Seele einer Kirche«.Den »Amerikanismus« schien er für eine eigenständige Religionzu halten. Die Vereinigten Staaten seien ein Land mit einem eigenenCredo, eigenen Glaubenssätzen und eigenen heiligen Schriften: derVerfassung,derUnabhängigkeitserklärungunddembeständigen GlaubenandenamerikanischenTraum.IchbinzuderÜberzeugung gelangt, dass Israel ein Land mit der Seele einer Synagoge ist, ein Land,in dem die jüdisch-prophetische Tradition, sei es bewusst oder unbewusst,eineerstaunlicheKulturderInnovationhervorgebrachthat,diesich insbesondere der Lösung der wichtigsten Herausforderungen derMenschheitwidmet.

 

Der mystischen Tradition im Judentum zufolge hat Gott, als er dieWelt erschuf, tief Luft geholt, um für die Wunder der Welt überhaupterstRaumzuschaffen.Dannsagteer,»EswerdeLicht«,undentsandtezehnleuchtendeGefäßeindieFinsternisseinerSchöpfung.HättendieGefäßeBestandgehabt,wäredieWeltperfektgewesen.DochwardiegöttlicheKraftübermächtig,dieGefäßezerbarstenundverstreutendieinihnenenthaltenenFunkendesLichts.InihrerMehrzahlfielensieaufdenBodenIsraels.DemJudentumzufolgebestehtunsereAufgabealsMenschen darin, so viele dieser Funken wie möglich einzusammeln,die geborstenen Gefäße Gottes wiederherzustellen und die LebensbedingungenaufunseremPlanetenzuverbessern.

 

Doch wie können wir das tun? Weltweit versuchen viele Juden, diesdurch gute Taten, karitative Spenden und ihren Einsatz für die Umwelt zu erreichen. Doch in Israel gelangen immer mehr Menschen zuderÜberzeugung,TechnologieundInnovationkönntenhiereinenbesonderswertvollenBeitragleisten.WennerstmalseinQuerschnittsgelähmterwiedergehenkann,musskünftigvielleichtniemandmehraufeinen Rollstuhl angewiesen sein. Wenn erstmals ein Hungernder sichselbstständig ernähren kann, können wir Hungersnöte vielleicht endgültigausderWeltschaffen.

 

In diesem Buch beschreibe ich, was Israel gegenwärtig unternimmt, umsichdiesenwichtigenHerausforderungenzustellenundwiedieseBestrebungensichweltweitauswirken.Außerdemwerdeichkurzandeuten,wozuIsraelinZukunftfähigseinwird.Wennesschonunterden gegenwärtigenBedingungensovielbeizutragenhat,waskönnteIsrael dann erst leisten, befände es sich nicht mehr dauerhaft im Kriegszustand und müsste sich nicht mehr ständig verteidigen und sich um dieSicherheitseinerBevölkerungundGrenzensorgen?

Israel lässt sich nicht auf einen einzigen Nenner bringen. Unbestreitbar ist aber, dass es in dem Land außergewöhnliche Erfinder gibt, die nicht ihre Religion, ihr Geld oder ihr Status miteinander verbindet,sondern der Wunsch, Leben zu retten und die Lebensbedingungen allerMenschenzuverbessern.Menschen,denenesumFreiheit,Friedenund gesellschaftliche Gerechtigkeit geht, sollten die in diesem Buchvorgestellten Entwickler, Erfinder und Unternehmer – ebenso wie dievielen,dieichindiesemBuchnichtbeschriebenhabe–indiesemBestrebenunterstützen.WundergibtesnichtnurinderBibel.WiediesesBuchzeigt,geschehensieauchheute,undzwarjedesMal,wenneinemverzweifeltenMenschendieMöglichkeitgebotenwird,seineoderihre Lebensbedingungen zu verbessern. Die Sehnsucht nach Wundern inunserer Zeit ist universal, keine Tradition kann diesen Impuls ausschließlichfürsichbeanspruchen.DochinIsraelspieltsieeinebesondersprominenteRolle.

 

In den letzten Jahren sind eine Reihe ausgezeichneter Bücher über dentechnologischenFortschrittinIsraelerschienen.Dasschonerwähnte Buch Start-up Nation hat diesem Land einen neuen Beinamen verliehenundLeserndieGeschichtedesisraelischenWirtschaftswundersvorgestellt. Israel verfügt nur über wenige Rohstoffe, hat eine überschaubare Bevölkerung und zudem haufenweise Feinde. Dennoch istesdemLandgelungen,mehrStart-upsausdemBodenzustampfenalsIndien, Japan, Kanada, Korea und Großbritannien zusammengenommen. Nur die USA und Kanada sind im Nasdaq durch mehr Unternehmen vertreten. In keinem anderen Mitgliedsstaat der Organisationfür wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) ist derAnteil des Risikokapitals am Bruttoinlandsprodukt so hoch wie inIsrael.InLetThere Be Waterhat SethSiegel eindringlicherklärt,wie IsraelzueinerWasser-Supermachtgewordenist,obwohlweitmehrals dieHälftedesLandesausWüstebesteht.UndYaakovKatzundAmirBohbothabeninWeaponsWizardsEinblickindieJames-Bond-artigenWaffensysteme gewährt, die Israel in den letzten sieben Jahrzehntenentwickelthat.AllerdingskonzentrierensichdieseBücherjeweilsnuraufeinenAspektdesisraelischenTechnologiesektors.

 

Im vorliegenden Buch geht es um Unternehmen in den BereichenLandwirtschaft,Medizin,WasserundVerteidigung,vorallemaberumdie globale Wirkung weltverändernder Innovationen und die hinterihnenstehendenMenschen.DusollsterfindenbieteteineGesamtschauder Rolle, die israelische Innovationen weltweit bei der VerbesserungderLebensumständevonMilliardenMenschenspielenundderWege,auf denen israelische Finesse dazu beiträgt, Hungernde zu ernähren,Kranke zu heilen und Obdachlosen ein Dach über dem Kopf zu verschaffen. Politische Entscheidungsträger, Parlamentarier, Ingenieure,Ärzte,Anwälte,Banker,EntwicklungshelferundFachleuteallerRichtungen, denen es um die Lösung kleiner und großer Probleme geht,sollten ihren Blick auf der Suche nach bereits existierenden oder erstnoch zu entwickelnden Lösungen stets nach Israel richten. Ebensowichtig wäre es, würden sich jene Länder, die sich im Interesse ihrereigenen Bevölkerung und Wirtschaft um das israelische »Geheimrezept« in Sachen Innovation bemühen, auch vom Wesen der israelischenKulturleitenlassen.

DusollsterfindenerzähltvonIsraelis,denenHoffnungundHeilung wichtiger sind als Tod und Zerstörung. In einer Region der Erde, diemehralsgenugFinsternisdurchlebthat,stelltjededieserGeschichteneinenHoffnungsschimmerdar.

 

 

TEIL I - EIN LAND MIT EINER SPIRITUELLEN SEELE

 

 

KAPITEL 1 IsraelsDNA

 

Wennichnichtfürmichbin,weristdannfürmich?Wennichnurfürmichbin,wasbinichdann?Wennnichtjetzt,wannsonst?

SprüchederVäter1,14

 

[Israel] ist ein großes, historisches Privileg gewährt geworden,aus dem sich auch die Verpflichtung ergibt, … die gravierendstenProblemedes20.Jahrhundertszulösen.

David Ben-Gurion, Israel’s Security and Her InternationalPosition,IsraelGovernmentYearbook5720(1959–1960)

 

 

DEM TOD MIT CHUZPE ENTKOMMEN

 

Israelis sind für ihre oft unkonventionelle Denkweise bekannt. Kaumjemand verkörpert diese Eigenschaft so eindeutig wie Avi Yaron, mitdemichwährendmeinerTeilnahmeanYossiVardisKinnernet-Klausur ein Zimmer teilte. Ich hatte mich während der Konferenz im NordenIsraelsangeregtmitihmunterhaltenundwollteihnbesserkennenlernen. Also bot ich ihm am letzten Tag an, ihn in meinem Wagen bis nachTelAvivmitzunehmen.

Auf der Fahrt erzählte er mir von seinem Leben. Was er mir berichtete, beeindruckte mich so sehr, dass ich mich kaum mehr aufs Fahrenkonzentrieren konnte. Yaron kam 1993 infolge eines Motorradunfallsins Krankenhaus. Dort hatten die Ärzte eine gute und eine schlechteNachricht für ihn: Der Unfall hatte zwar keinerlei körperlichen Schädenverursacht,dochbeidenUntersuchungenwurdeeinGehirntumorentdeckt.»DaswarfmichvölligausderBahn«,erinnerteersich.»Ichwarmirabernichtsicher,obdieÄrztemirwirklichdieganzeWahrheit gesagthatten.

Bestenfalls, so die Ärzte, werde er bei Fortschreiten der Erkrankungeinseitig gelähmt und geistig stark eingeschränkt sein. Yaron war bestürzt, aber auch entschlossen, diesem Schicksal zu entgehen. »Ichbeschloss,ummeinLebenzukämpfen«,sagteer.»Ichgingindiemedizinische Bibliothek und begann mich zu informieren – Anatomie,Biologie … Immer, wenn ich dachte, ich hätte etwas verstanden undseieinenSchrittweiter,warfirgendetwasanderesmichalsbaldwiederumzweiSchrittezurück.Amschlimmstenwar,dassdieMenschenin meiner Umgebung alle meinten, ich sei dabei, verrückt zu werden.Yaron stellte seine Ernährung um, trank weniger Kaffee und begann,nachtsnurnochvierStundenzuschlafen.Schlafen,someinteer,sei »diereinsteZeitverschwendung«.

DerTumorwuchsweiter,unddieÄrztekonntennichtsfürihntun.DieInstrumente, mit denen die Hirnchirurgen hätten operieren müssen,waren schlicht zu groß. Vielleicht werde jemand im Laufe der nächstenfünfJahredieerforderlichenInstrumenteerfinden,sagtemanihm.Yaron fürchtete, so lange nicht warten zu können und machte sichselbstandieLösungdesProblems.MitseinemneugegründetenUnternehmen Visionsense entwickelte er in knapp zehn Jahren ein Spezialendoskop, dessen Design einem Insektenauge ähnelt. »Die TechnologiefunktioniertundrettetjetztweltweitTausendevonLeben«,erklärteer.Während wir so durch die Berge Judäas fuhren, dachte ich darübernach, dass Yaron dank seiner Chuzpe nicht nur selbst dem Tod entkommenwar,sonderninVerfolgungdiesesZielseinebemerkenswerteErfindung entwickelt hatte, der inzwischen auch Tausende andereMenschen weltweit ihr Überleben verdanken. Mir schien klar, dass seinAntrieb nicht nur in seiner eigenen Persönlichkeit begründet lag, sondernetwasUmfassenderes,eindeutigIsraelischeswiderspiegelte.Wiewar aus dem winzigen Israel diese Nation geworden, der so viel daran liegt, die Finsternis zurückzudrängen und der Welt mehr Licht zubescheren?

 

 

EIN LICHT UNTER DEN VÖLKERN

 

Es gibt mehrere Gründe für den Erfolg Israels als Land der Neuentwicklungen. Dazu gehört die Schaffung einer Kultur, welche die Bürgerdazuermutigt,Autoritätinfragezustellen,stetsnocheineweitereFrage zustellenunddasscheinbarNaheliegendenichteinfachhinzunehmen.Chuzpe, der obligatorische Militärdienst, renommierte Universitäten,wohlüberlegte Interventionen der Regierung, die RohstoffknappheitunddieethnischeundkulturelleVielfaltimLandtragendazubei,dass sichdaskleineIsraelzueinerHochburgtechnologischerInnovationengemausert hat. Dabei steigern viele dieser TechnologieunternehmennichtnurdenWohlstandunddieLebensqualitätdereigenenBevölkerung,sondernhelfenauchimglobalenRahmen,dieLebensbedingungenderMenschheitzuverbessern.

IchhabeeineReiheunterschiedlicherErfinderundtechnischerEntwicklerzuihrerMotivationbefragtunderhielteineReiheunterschiedlicherAntworten.Etlichevonihnenberichtetenzunächst,Familienangehörige–Mütter,Väter,Ehepartner–hättensieinspiriert.Fragteich genauer nach, brachten sie oft verschiedene Aspekte der israelischenbzw.jüdischenKulturinsSpiel.EliBeer,derMannhinterdemAmbucycle (Motorrad-Krankenwagen für den Transport von Patienten imdichten Verkehr, s. Kapitel 3) und Gründer des United Hatzalah Notfall-Ersthilfeteams, erklärte, sein Vater habe stets betont, wie wichtig essei, »ein Mentsh zu sein und Gutes zu tun«. Eine seiner frühesten ErinnerungenwareineReiseindieVereinigtenStaaten,dieseinVatermit ihm unternommen hatte, um Geld für sowjetische Juden zu sammeln,die nach Israel auswandern wollten, was sie aber in den 1970er und1980erJahreninderRegelnichtdurften.

ShlomoNavarro,derErfinderdesGrainCocoon(BehälterzurLagerung von trockenen Landwirtschaftsprodukten ohne Einsatz von Chemikalien, s. Kapitel 6), meinte, »der Hang zum Revolutionären, dazu,etwaszumNutzenanderertunzuwollen,liegtunsimBlut«.Navarro, derausderTürkeistammt,erinnertesichdaran,wiedieseWerteihm in der jüdischen Schule und seiner zionistischen Jugendgruppe nahegebracht wurden. Bernard Bar-Natan, dem wir den Wundschnellverband verdanken, lernte von seinen Eltern, die beide Überlebende desHolocaustwaren,dassmanGutestunsolle.

Mir wurde klar, dass ich mit meinen Beobachtungen auf einen allgemeinen, von niemandem bewusst initiierten, aber stetig an Einflussgewinnenden Trend gestoßen war. Reem Younis, die Mitbegründerin vonAlphaOmega,demgrößtenarabischenHightech-Unternehmenin Israel, brachte es besonders treffend auf den Punkt: »Das rührt vonmeinemVaterher,vonderSchule,dieichbesuchte,undvonderVernetzung mit Israelis«, erklärte sie. »Die israelische Kultur hat sich durchOsmoseausgebreitet.«

 

 

WIEDIEPROTESTANTISCHEARBEITSETHIK…FÜRJUDEN

 

SpätestensseitdemMittelalterbetenJudendreimaltäglichdas»Aleinu«.UnteranderemhältdasGebetunsdazuan,dieWeltzuheilen.Wir verstehen uns als Partner Gottes. Gemeinsam mit ihm obliegt es uns,Moral und Gerechtigkeit in der Welt zu vermehren. Die Mischna, dieim zweiten Jahrhundert kodifizierte mündliche Überlieferung als ErgänzungderTorah,erwähntzehnMaldasKonzeptvonTikkunOlam,also die Vorstellung von der Heilung der Welt, und schreibt vor, dassden potenziell Benachteiligten im Interesse der Heilung der Welt besondererSchutzgebührt.UndderProphetJesajafordertedasjüdischeVolkauf,als»LichtderVölker«zufungieren(42:6).

Auch in den Pirkei Avot (»Sprüche der Väter«), einer im zweiten unddritten Jahrhundert unserer Zeitrechnung zusammengestellten rabbinischenSammlungethischerLehren,wirddiejüdischeMaßgabe,mansolle anderen immer helfen, deutlich ausgesprochen. Zu den berühmtestenSprüchengehörendiefolgendenbeidenvonRabbiTarfonund RabbiHillel:»ZwaristesnichtdeineSache,dieArbeitzuvollenden«, erklärte Rabbi Tarfon, »doch darfst du dich ihrer auch nicht einfachentledigen«.UndRabbiHillelfragt:»Wennichnichtfürmichbin,wer istdannfürmich?Wennichnurfürmichbin,wasbinichdann?Wenn nichtjetzt,wannsonst?«

Mankönntesagen,dassimZentrumderjüdischenLehredasBestrebensteht,dasAlltäglicheemporzuhebenundinetwasHeiligeszuverwandeln: Fromme Juden sprechen bei jedem freudigen und jedem traurigen Anlass, aber auch vor jeder Nahrungsaufnahme oder dem Gangzur Toilette spezifische Segen, um Gott und die verschiedenen Aspekteseiner Schöpfung zu preisen. Gleich nach Abschluss des Sabbats entzünden Juden Kerzen und loben den Herrn des Universums, weil erProfanesvonHeiligemundLichtvonFinsternistrennt.

Der Gedanke, dass wir Menschen Partner Gottes bei der Erschaffungund Heilung der Welt sind, ist eines der zentralen Themen des Judentums und hat den Zionismus beeinflusst. Daraus folgt auch die Verpflichtung, die Welt zu heilen, sich also für das Tikkun Olam einzusetzen. »Fraglos ist Tikkun Olam aus dem Herzen und der Seele derzionistischen Ideologie nicht wegzudenken«, so David Rosen, der in JerusalemansässigeehemaligeirischeOberrabbinerundjetzigeDirektorfürinternationaleinterreligiöseVerständigungbeimAmericanJewish Committee.

Einer der bedeutendsten jüdischen Philosophen, Rabbi Moses benMaimon (allgemein als Maimonides oder Rambam bekannt), schriebbekanntlich, dass es acht Stufen der Wohltätigkeit gebe – von derniedrigsten, also der erzwungenen, bis zur höchsten, welche die anonyme Wohltätigkeit meint. Auch die Motivationen der verschiedenen israelischen Persönlichkeiten, die in diesem Buch vorgestellt werden,variieren. Manche wollen Geld verdienen, anderen geht es in ersterLiniedarum,Guteszutun.DochimErgebnisistdasgleichgültig,denn die Ergebnisse ihrer Arbeit haben die Lebensumstände unzähligerMenschenpositivverändert.Israelist,wieYossiVardimirerklärte,alswirindenHamptonszusammensaßenundaufdenAtlantikblickten, gewiss»keinLand,indemnurHeiligeundWeltverbessererleben«.

 

DochhatdiejüdischeKultureineNationhervorgebracht,diesich »nacheinemtieferenSinnsehnt«.

Diese religiösen Lehren haben Israels Gründergeneration inspiriert.DasgiltgeradefürDavidBen-Gurion,denerstenPremierministerdesLandes. »Wir bieten allen unseren Nachbarstaaten und ihren Völkerndie Hand zum Frieden und zu guter Nachbarschaft und rufen zur Zusammenarbeit und gegenseitigen Hilfe mit dem selbstständigen jüdischen Volk in seiner Heimat auf«, sagte er, als er 1948 die UnabhängigkeitIsraelsverkündete.Undweiter:»DerStaatIsraelistbereit,seinenBeitrag zu gemeinsamen Bemühungen um den Fortschritt des gesamten Nahen Ostens zu leisten.«Auch das nationale Emblem Israels, eineMenora–derbiblischesiebenarmigeLeuchter–,spiegeltdenWunschIsraelswider,eineQuelledesLichtszusein.

Angesichts des folgenden Kriegs und der bis heute anhaltenden GewaltinIsrael,imWestjordanlandundimGazastreifenmögendiese Worte nicht der Ironie entbehren bzw. zynisch erscheinen. Dochmeinte Ben-Gurion sie vollkommen ernst, und seine Hoffnung spiegelte eine seit Langem etablierte jüdische Tradition wider. Fünf Jahrzehnte zuvor, im Jahr 1896, hatte Theodor Herzl, der Begründer desmodernen Zionismus, diese Idee angesprochen, als er seine Visioneines modernen jüdischen Staates darlegte. »Und was wir dort [imJudenstaat] nur für unser eigenes Gedeihen versuchen«, schrieb er inDer Judenstaat, » wirkt machtvoll und beglückend hinaus zum Wohle allerMenschen«.

IndensiebzigJahrenseitderStaatsgründungistIsraelmitungeheurenHerausforderungen konfrontiert gewesen: In jedem Jahrzehnt hat esKrieg führen müssen oder ist diplomatisch und wirtschaftlich isoliertworden. Hinzu kommt, dass durch den Zustrom von Millionen Menschen aus aller Welt seine Bevölkerung enorm angewachsen ist. Unterdessen wird das Land vor allem wegen seiner Behandlung der palästinensischen Araber massiv kritisiert. Doch trotz all ihrer SchwächenkommtderjungenNationweitüberihreengenGrenzenhinauseine wichtigepolitische,wirtschaftlicheundmoralischeRollezu.

DerBeitragvielerJudenzurHeilungderWeltbestehtdarin,Guteszutun und sich für Umweltagenden und gesellschaftliche Gerechtigkeiteinzusetzen. So wie die protestantische Arbeitsethik der frühen US-SiedlernunfesterBestandteilderamerikanischenKulturist,habendieWorte und Visionen der israelischen Gründerväter und ihrer historischen Vorfahren die multiethnische Gesellschaft des Landes intensivgeprägt.

Für die Israelis, die in diesem Buch vorgestellt werden – darunter Ärzte,Wissenschaftler, Landwirtschaftsexperten, Botaniker und Ingenieure,Juden, Christen, Muslime und Angehörige anderer Religionsgemeinschaften–,stellt»dieHeilungderWelt«einezentraleMotivationdar.IsraelsBeitragzurVerbesserungderWeltsolltemansichalseineArtMosaik vorstellen, das sich aus einer Vielzahl von Individuen undInnovationenzusammensetzt.

 

 

KAPITELZWEI

 

Juden könnennicht gleichgültigbleiben

 

»WereinMenschenlebenrettet,demwirdesangerechnet,als würdeerdieganzeWeltretten.«

Mischna,Sanhedrin4,5

 

 

EINGROSSHERZIGESLAND

 

Dezember2015:ZehnschwerbewaffneteisraelischeElitesoldatennähernsichnachtsbeitotalerDunkelheitineinemgepanzertenFahrzeugder syrischen Grenze. In Syrien tobt seit fünf Jahren ein erbitterterBürgerkrieg.DieMännerhören,wieeinigeKilometerentferntSchüsseabgefeuertwerden.DerFahrerhältindereinenHandeinFunkgerät,indaserleisespricht,mitderanderenstellterdenMotorab.DieSoldatenspringen hinaus in die eisige Kälte, und fünf von ihnen nähern sichvorsichtigdemGrenzzaun.

Jenseits des Zauns liegt, in eine vor Dreck starrende Decke eingewickelt, ein offenbar junger, sichtlich blutender Verletzter. Einer derOffiziereschließtdasToraufundbringtdenVerletztenaufdieisraelischeSeitederGrenze.DerjungeMannscheintumdiezwanzigJahre alt zu sein. Er wurde beim Durchqueren der Golanhöhen angegriffenund von Pistolenschüssen getroffen, die Bauch und Leber verletzten.EinSanitäterlegteinenintravenösenZugangamArmdesMannes,dieSoldatenlegenihnaufeineTragbahre.Raschbringensieihnüberdie GrenzeundineinisraelischesLazarett.

DerVerletzteistwederIsraelinochJude,sonderneinsyrischerKämpfer,dervermutlichzudenAufständischengehört.Esistdurchausdenkbar,dasserfürdieal-Nusra-Front,densyrischenAblegervonAlQaida,in den Kampf gezogen ist. Womöglich hat er UNO-Friedenswächterentführt, vielleicht war er an Massakern an Christen beteiligt. AbertrotzdemhabendieIsraelisihmgeholfenundihnmedizinischversorgt.Ähnliche Szenen spielen sich immer wieder ab, Dschihadisten gleichermaßen wie Zivilisten suchen Schutz bei ihrem eingeschworenenFeindIsrael.Ganzgleich,obessichumFrauen,Kinder,alteMenschen oderDschihadistenhandelte,Israelhatsieaufgenommenundmedizinischversorgt,ohneirgendwelcheFragenzustellen.AlleininderZeit von 2013 bis 2018 kamen mehr als 2.500 Syrer nach Israel, um sich hiermedizinisch behandeln zu lassen. Diese Großzügigkeit hat das Land zigMillionenDollargekostet.

DabeibildendieHilfsbedürftigenausSyrien,denengeholfenwurde, nureinenkleinenTeiljenerMenschen,dieIsraelweltweitunterstützt.Das Land hat in den letzten Jahrzehnten Nothilfeteams nach Argentinien, Armenien, Kirgistan, Mexiko, in die Türkei und nach Ruandaentsandt, um nur einige Beispiele zu nennen. »Israelis gehören stetszu den ersten, die nach Katastrophen vor Ort eintreffen, um Leben zuretten«,soEugeneKandel,derehemaligeVorsitzendedesNationalenWirtschaftsrats.Israelhabe»vielzubietenundeingroßesHerz«.

FürdieseHilfstätigkeitgibtesmehrereGründe.Siesindteilspragmatischer,teilsidealistischerNatur.AberstetswirdderAuftragdaringesehen, ein Vorbild unter den Nationen zu sein, zur Heilung der Weltbeizutragen und Licht in die Dunkelheit zu bringen, die überall dortherrscht, wo es an solcher Hilfe mangelt. Von denen, die den Staat Israelins Leben riefen und aufbauten, hatten viele den Terror der Pogromeund des Holocaust noch am eigenen Leib erfahren. Nach allem, wassieerlebthätten,soformuliertederKnesset-AbgeordneteIsaacHerzog einst, wüssten sie allzu gut, was es heißt, wenn die Welt abseits stehtundschweigt.Judenkönnennichtgleichgültigbleiben,wennandere sichinNotbefinden.

 

 

FREUNDEGEWINNENUNDMENSCHENBEEINFLUSSEN

 

ImerstenJahrzehntseinerUnabhängigkeitstandIsraelvorungeheurenHerausforderungen. Hunderttausende Einwanderer strömten in dasvon Feinden umzingelte Land, das arm an Rohstoffen war und seineBevölkerungohnehinkaumernährenkonnte.DochhindertedasIsraelnicht daran, schon in den ersten Jahren seiner Existenz eine Agenturfür internationale Hilfsleistungen zu gründen. Angesichts der eigenenNöte mag das wie ein naives Unterfangen erscheinen. Ja, man könntesogar argumentieren, die Regierung hätte sich besser um die Not imeigenen Land kümmern sollen. Natürlich beruhte diese Initiative aufidealistischen Aspirationen, doch spielte dabei, wie man in den Memoiren von Israels erstem Premierminister David Ben-Gurion undseiner Arbeitsministerin, der späteren Premierministerin Golda Meirnachlesenkann,aucheinegehörigePortionEigeninteressemit.

IndemBestreben,IsraelsMotiveinfragezustellen,betonenKritiker desbedrohtenLandesoft,wiesehrIsraelaufeingutesImageundinternationaleUnterstützungangewiesensei.DieseFeststellungalssolche istvölligzutreffend.DochhatGoldaMeirzuRechtdaraufverwiesen,dassdieBereitschaft,internationaleHilfsprogrammeaufzulegen,sich ganz selbstverständlich aus den zentralen Werten des ArbeiterzionismusunddesJudentumsergibt.

Zwei konkrete Anlässe Mitte der 1950er Jahre bestärkten Ben-Gurion, Meir und die politische Klasse des Landes insgesamt in ihrerEntschlossenheit, sich in diesem Bereich zu engagieren. In Indonesien fand 1955 die sogenannte Bandung-Konferenz statt. An ihr nahmen 29 afrikanische und asiatische Länder teil. Sie berieten, wie siewirtschaftlich zusammenarbeiten und den Kolonialismus bekämpfenkönnten. Unter anderem solidarisierten sie sich mit den palästinensischen Arabern, ohne auf die schwierige Situation Israels auch nur miteinem einzigen Wort einzugehen. »Auch von diesem ‚Klub‘« habe manIsraelausgeschlossen,soMeir.»Manbehandelteunswieunerwünschte Stiefkinder.Dashatschonwehgetan.«Ben-Gurionwarüberdiese Demütigung so verärgert, dass er die Botschafter Israels in aller Weltaufforderte,ihreBeziehungenvorOrtvielintensiverzupflegen.

Im folgenden Jahr, 1956, griff Israel gemeinsam mit Frankreich undGroßbritannien Ägypten an, um Gamal Abdel Nasser zu stürzen unddie Kontrolle über den Suezkanal zurückzuerlangen. Die Kampagnewar zwar erfolgreich, doch mussten die drei Länder sich schließlichauf Druck sowohl der USA als auch der Sowjetunion zurückziehen.Daraufhin schlossen sich zahlreiche Staaten dem Embargo der arabischen Länder gegen Israel und deren antiisraelischen Resolutionenin der UNO an. Dem damaligen israelischen Botschafter in Ghana,EhudAvriel,zufolgehabeBen-Gurionihmseinerzeiterklärt,wieentscheidend es sei, dass Israel »den Boykott der uns feindlich gesinnten arabischen Staaten gegen uns bricht und Beziehungen zu den Nationenaufbaut,dieaufdemschwarzenKontinentihreFreiheiterlangen«.Schließlich könne Israel »den Afrikanern weit mehr bieten als diplomatische Gesten. Wir können ihnen bei der Entwicklung ihrer gesellschaftlichen und technischen Infrastruktur unter die Arme greifen.«Die politischen Entscheidungsträger in Israel gingen also davon aus,dass intensivere Beziehungen zu Ländern der Dritten Welt im beiderseitigenInteresseseinwürden.

GeradedienachundnachihreUnabhängigkeiterlangendenafrikanischen Staaten hielt Israel für natürliche Bündnispartner, schließlichstandensievorganzähnlichenHerausforderungen.ImÜbrigenwürdeeineengeZusammenarbeitmitdenindieUnabhängigkeitentlassenenafrikanische Staaten, die alsbald ein Viertel der in der UNO-VollversammlungvertretenenLänderausmachten,IsraelsinternationalesAnsehen gewiss fördern. So waren in den 1950er und 1960er Jahrenunzählige israelische Fachkräfte, darunter Ärzte, Ingenieure, Landwirtschafts- und Bewässerungsexperten, in verschiedenen Teilen Afrikastätig. Aufgrund ihrer hohen Kompetenz und Praxisbezogenheit genossen sie dort einen guten Ruf. Der langjährigen AußenministerinGoldaMeirzufolgegingesdabeiselbstverständlichauchdarum,sich derUnterstützungderbetreffendenLänderzuversichern.»Dieswar aber bei Weitem nicht das wichtigste Motiv. … Den Hauptgrund …sahen wir darin, dass wir Erfahrungen besaßen, die wir den Nationenweitergebenwollten,dienochjüngerundnochunerfahrenerwarenalswirselbst.«

Endeder1950erJahrebegannenverschiedeneisraelischeDiplomaten,sich bei den relevanten Ministern für die Schaffung einer zentralenRegierungsstelle einzusetzen, welche die verschiedenen internationalenHilfsprogrammekoordinierensollte.Ende1957wurdedas»Zent-rum für internationale Zusammenarbeit« (auf Hebräisch: Mashav) insLeben gerufen. Es spezialisierte sich insbesondere auf Bildungs- undAusbildungsprogramme.

Bereits im ersten Jahr seines Bestehens entsandte es mehrere hunderttechnische Experten in eine Reihe von Entwicklungsländern. Zudemkamen jährlich Tausende Menschen von dort nach Israel, um an KursenzuverschiedenenwichtigenThemen–Landwirtschaft,öffentlicheVerwaltung, Betriebswirtschaftslehre, Auf- und Ausbau eines Sozialwesens usw. – teilzunehmen.In der Zeit bis Ende der 1960er warenTausende und Abertausende technische und administrative Expertenund zahlreiche Politiker aus Israel regelmäßig in Afrika unterwegs. DerAktionsradius von Mashav wurde nach und nach auf EntwicklungsländerinallerWeltausgeweitet.WährendetwazweiDrittelderisraelischen Hilfsprogramme in diesem Zeitraum afrikanischen Entwicklungsländern zugute kamen, bemühte das Zentrum sich zunehmendauchumIndien,Indonesien,Mauretanien,PakistanundSomalia.

IndiesenJahrenkamenungefähr15.000Menschenausrund90LändernnachIsrael,umdortanBildungsprogrammenteilzunehmen.Wieder Historiker Moshe Decter gezeigt hat, gibt es nur wenige Staaten, diefür Menschen aus Entwicklungsländern in ähnlichem Ausmaß technische Ausbildungsprogramme bereitgestellt haben.Eine entscheidendeRollespieltedabeidasMountCarmelTrainingCenterinHaifa.GoldaMeirgründetees1961inZusammenarbeitmitderDiplomatinIngaThorssonunddererstenDirektorin,Minaben-Zwi.

AnfangsförderteesinsbesondereFrauenausEntwicklungsländernund führte für sie Kurse in den Bereichen Pädagogik, Ernährung, Betriebswirtschaft und Wohlfahrt durch. »Wäre ich zum Studium in dieUSAgegangen«,erklärteeinekenianischeStudentinMeirAnfangder1960er Jahre, »hätte ich die Geschichte der Entwicklung gelernt, hier inIsraelabererlebteichdieEntwicklungselbstmit«.

Bei einer Afrikareise wurde Golda Meir 1964 deutlich vor Augen geführt, welch guten Ruf Israel mittlerweile dank dieser Aktivitäten genoss. Kurz vor einem geplanten Flug von Kenia nach Nigeria warnteder israelische Botschafter in Lagos sie davor, dass sie bei ihrer Ankunftvon massiven anti-israelischen Demonstrationen begrüßt würde, dieangeblich von den Ehefrauen der dort stationierten arabischen Botschafterinitiiertwordenseien.Meirüberlegtekurz,denBesuchabzusagen,entschiedsichdannaberdoch,nachNigeriazufliegen.

BeiihrerAnkunfthattensichinderTatHunderteundAberhunderteAfrikanerversammelt,umsieinEmpfangzunehmen.»Daswirdunangenehm«, dachteMeir.Doch esstelltesich heraus,dassessichkeineswegsumaufgebrachteDemonstrantenhandelte,sondernumNigerianer,dieentwederimeigenenLandoderinIsraelanAusbildungsprogrammenteilgenommenhatten.ZurBegrüßungstimmtensiedas jüdischeVolkslied»HevenuShalomAlecheim«(»WirbringenEuchFrieden«)an.AlsGoldaMeiramfolgendenMorgenvonPräsident NnamdiAzikiwefreundschaftlichempfangenwurde,würdigtedieser ausdrücklich die Unterstützung, die Israel seinem Land gewährte.VieleAfrikanerwarenauchdavonbeeindruckt,wieenergischsich GoldaMeirfürdieBürgerrechtederSchwarzeneinsetzte.Sowarsie1964beispielsweisezudenUnabhängigkeitsfeierlichkeiteninSambiaeingeladen.DasProgrammfürdieinternationalenGästeschlosseinenAusflugzudenVictoriafällenein.DieseliegenanderGrenze zwischenSambiaunddemdamaligenSüdrhodesien.MeirwurdemitzahlreichenafrikanischenKollegenineinemBusdorthingefahren.AlssiedieGrenzeerreichten,leistetesichdiesüdrhodesischePolizei »dieUnverschämtheit,denSchwarzeninmeinemBusdasAussteigen zuverwehren«,erinnertesiesichspäter.‚»NurWeiße«,insistiertendie Polizistenundbemühtensich,MeirzumAussteigenzubewegen.Dochdieweigertesich:»IchhabenichtdieAbsicht,michvonmeinenFreundentrennenzulassen«,erklärtesie.AlsokehrtederBusunverrichteterDinge wieder in die sambische Hauptstadt Lusaka zurück. Dort wurde Meir von Präsident Kenneth Kaunda empfangen, der es sich nichtnehmenlassenwollte,ihrfürihreStandhaftigkeitausdrücklichzudanken.

Dieses Zeichen der Solidarität war einer der Gründe, warum sichafrikanischeFührerkeineSorgendarübermachten,dassIsraelbloßdieRohstoffeihrerLänderausbeutenwolle,wiedieKolonialmächteesgetanhatten.»IsraelisteinkleinesLand«,sagteJuliusNyere,derinden1960er Jahren Präsident von Tansania war, »aber es hat einem Landwiemeinemvielzubieten.WirkönnenvonIsraelvieldarüberlernen,wie man eine Nation aufbaut und deren Gesicht verändert, physischwieökonomisch.«IsraelleistetepraktischeHilfeinderLandwirtschaftund half dabei, Maßnahmen zur Bekämpfung der Armut umzusetzen.»Wie sie haben auch wir Fremdherrschaft abschütteln müssen«,schriebMeirinihrenMemoiren.»Auchwirhabenlernenmüssen,wie mandieErnteerträgesteigert,dasLandbewässert,Geflügelzüchtet –undwiemanzusammenlebtundsichverteidigt.«SelbstVertreter der UNO würdigten Israels Einsatz. Dem »wissbegierigen Besucher«biete die »Befassung mit den einzigartigen Anstrengungen und Leistungen Israels in der wirtschaftlichen Entwicklungshilfe … mehr Anhaltspunkte dafür, wie den Problemen unterentwickelter Ökonomienbegegnet werden kann, als jedes andere mir bekannte Land«, meinteeinervonihnen1964.

 

 

JENSEITSVONAFRIKA

 

LeiderhieltendiegutenBeziehungenzwischenIsraelundvielenseinerafrikanischenPartnernichtlangean.NachdemJom-Kippur-Kriegvon 1973wurdendiesevonderSowjetunionunddenarabischenStaaten massiv unter Druck gesetzt. Das führte dazu, dass 28 der 32 südlich derSahara gelegenen Staaten ihre diplomatischen Beziehungen zu Israelabbrachen und sich weigerten, im Entwicklungsbereich weiterhin zusammenzuarbeiten.DieOPECuntersagteihrenMitgliedsstaatenjeglichewirtschaftlicheKooperationmitIsrael.WieFélixHouphouët-Boigny, der damalige Präsident der Elfenbeinküste, Meir erklärte, seiergezwungen,sich»zwischenseinenarabischen‚Brüdern‘undseinenisraelischen‚Freunden‘zuentscheiden«.

InfolgedieserEntwicklungmussteIsraelseineEntwicklungshilferadikalüberdenken.EskonzentriertesichnunvermehrtaufLateinamerikaund Asien.33Dennoch wurden die Ausbildungsprogramme von Mashav auch weiterhin von Teilnehmern aus jenen afrikanischen Staatenwahrgenommen, die ihre Beziehungen zu Israel abgebrochen hatten,und das Zentrum entsandte auch weiterhin Ärzte und Techniker. DieÄrztebrachtenmedizinischeGerätschaftenmit,dieindenGastländern meist nicht erhältlich waren, bildeten ihre Kollegen vor Ort aus undüberließen ihnen ihre Ausrüstung, wenn sie wieder nach Hause flogen.Insgesamthabenknapp270.000Menscheninbzw.ausrund140Staaten seit der Gründung des Zentrums die Bildungsprogramme vonMashavabsolviert.

AußerdemschickteIsraelverstärktmedizinischeNothilfeteamsin Gegenden,dievonNaturkatastrophenheimgesuchtwurden.Oftwarensie die ersten ausländischen Helfer, die an den Orten des Geschehenseintrafen.Selbstverständlichgingesauchhierbeidarum,dasImagedesseit1973vielerortsverschrienenLandeszuverbessern.DochwarendieBeteiligtennichtminderdurchIdealismusundAltruismusmotiviert:ImJahr 1983 zum Beispiel gründete Israel eine hochspezialisierte Such- undRettungseinheit,dieseitdemsowohlimeigenenLandalsauchweltweitzum Einsatz kommt. An den Nothilfeeinsätzen beteiligen sich Ärzte,Ingenieure,LogistikerundRettungshundemitihrenFührern.»MeinesErachtenssind[dieHilfseinsätze]einAusdruckunsererjüdischenIdentität,dieunsdazuverpflichtet,MenscheninNotzuhelfen,woimmersieauchseinmögen«,meintderLuftwaffenkommandeur,derfürdieinternationalen Flüge dieser Einheit verantwortlich ist (er wollte anonymbleiben).»Kurzum:BrauchtjemandirgendwoHilfe,kommenwir.Alsisraelischer Bürger und Soldat fühle ich mich allen Menschen gegenüberverpflichtet,dieinNotsind.UnsereVerantwortungfürhilfsbedürftige MenschengiltnichtnurimeigenenLand,sondernweltweit.«

DassiehtauchDovMaiselso.EristbeiUnitedHatzalah(einerOrganisation,dieichimWeiterennochvorstellenwerde)fürinternationaleEinsätze zuständig und hat selbst an etlichen Katastrophenmissionenaußerhalb Israels teilgenommen. »Wenn wir in Katastrophengebietentätig werden, zeigen wir, dass wir uns nicht nur um uns selbst sorgen,sonderndarum,dasRichtigezutun.«

Unter anderem entsandte Israel humanitäre Nothilfemissionen in denKosovound,währenddesdortigenVölkermords,nachRuanda.»WirkönnendochnichtdieHändeindenSchoßlegenundKindersterben lassen … wenn wir wissen, dass wir etwas tun können«, so ProfessorDanEngelhard,derehemaligeChefderKinderheilabteilungam Hadassah-Universitätsklinikum, der dem ersten israelischen Medizinerteamangehörte,das1978inKambodschaeintraf.»AlsÄrztefragenwir nicht danach, ob unsere Patienten Juden oder Muslime sind. AlleKinderhabeneinRechtaufLeben.WennmaneinKindbehandelt,isteinemdiePolitikvölligegal.«

EinederintensivstenHilfsmissionenführtedieisraelischeEinheitnachHaiti. Oberst Ariel Bar, der leitende israelische Stabsarzt, kann sichnochgutdaranerinnern.Damals,imJanuar2010,bereitetendieisraelischenStreitkräftesichgeradeaufeinensimuliertenmassivenAngriffmit biologischen und chemischen Kampfstoffen vor. Bar war für dielogistischen Aspekte des Manövers verantwortlich. Von Soldaten umgeben,überwachteergeradekonzentrierteineReiheelektronischerMessgeräte,alsseinprivatesMobiltelefonklingelte:»Doc,inHaitihateseinmassivesErdbebengegeben.WirschickeneinRettungsteamhin.Seien Sie in eineinhalb Stunden am Flughafen«, so die Anweisung des OberstsamanderenEndederLeitung.BareiltenachHauseundpackteeine kleineReisetasche.WährenderdieTürhintersichzuzog,rieferseine sechsjährigeTochteran,umihr,soguterkonnte,zuerklären,warumernunumdiehalbeWeltreisenwürde,umdortLebenzuretten.

Die Maschine hatte, als sie nach Haiti flog, noch keine LandeerlaubnisfürPort-au-PrinceunddasTeamnursehrungefähreVorstellungendavon,wasesbeiseinerAnkunftvorfinden,woesseinausgedehntes,26 Zelte umfassendes Lazarett errichten und wie es die mitgeführten80 Tonnen Material und Ausrüstung entladen würde. Das israelischeHilfsteamtrafalserstesvorOrtein.DasLazarett,dasalseinesderbesten seiner Art gilt, war in zwölf Stunden errichtet.In den folgendenWochenführtendieChirurgenhunderte,invielenFällenlebensrettendeOperationendurch.SiebetätigtensichalsGeburtshelferundpflegtenunzähligeKleinkinder.DieBlutspendeeinesisraelischenOffiziersrettete einem grauenvoll verletzten, drei Tage alten Säugling das Leben.GroßerJubelbrachaus,alsdasTeammitseinenSuchhundennochachtTagenachderKatastropheeinenMannlebendbergenkonnte,dertiefunterTrümmernvergrabenwar.DerfrühereUS-PräsidentBillClinton meinte:»Ichweißnicht,waswirinHaitiohnedasisraelischeLazarettgemachthätten.«

DieWeltgesundheitsorganisation(WHO)entwickelte2013imAuftragderVereintenNationeneinKlassifikationssystemnamens„Classification and Minimum Standards for Foreign Medical Teams in SuddenOnset Disasters“ für weltweit abrufbare medizinische Nothilfeteams.IsraelwurdedabeialseinzigesLandmitderHöchstnotebewertet.

»Nur wenige Länder können überhaupt daran denken, ein solchesNiveau zu erreichen«, so Dr. Ian Norton, leitender Autor des Klassifikationssystems.

Israelische Rettungskräfte werden oft gefragt, warum sie rund um dieWeltreisen,umMenschenzuhelfen,diesienichtkennenundzudenensie keinerlei Beziehung haben. Er wisse schon, wie klischeehaft diesklingenmag,sagtOberstBar,dochgeltefürihndievielzitierteMaßgabeausdemTalmud,dassman,wennmaneineneinzelnenMenschenrettet,letztlichdieganzeWeltrette.ImZugeihresEinsatzesinHaiti hättenseineKollegenunder»mehrfachdieWeltgerettet«.

 

 

TEILII - LOKALEHERAUS-FORDERUNGENERFORDERNGLOBALELÖSUNGEN

 

 

 

KAPITEL3

 

DasUberderRettungsdienste

 

In deiner Gerechtigkeit errette und befreie mich, neige dein Ohrmirzuundhilfmir.

Psalm71,2

 

Abb. 1 – Eli Beer mit dem Hatzalah-Amubucycle

 

EINRADIKALERWANDELINDERNOTFALL-ERSTVERSORGUNG

 

AnfangJuni1978wurdeEliBeervonseinemelfjährigenBrudervomKindergarten abgeholt.Auf dem Heimweg flog plötzlich ein Bus nebenihnenindieLuft.DieExplosionwarsostark,dassbenachbarteGebäude bebten und etliche Fensterscheiben in der Nachbarschaft barsten.Den Anschlag hatte eine palästinensische Terrorgruppe anlässlich derFeierlichkeitenzumelftenJahrestagderWiedervereinigungJerusalems verübt.Sechs Menschen starben, neunzehn weitere wurden verletzt.Beer und sein Bruder waren völlig verängstigt und liefen schnell weg.DastraumatischeErlebnisprägteBeer.Erbeschloss,Rettungssanitäterzuwerden.»Ichträumtedavon,einesTagesdenMenschenhelfenzukönnen,denenichanjenemTagnichtbeistehenkonnte.«

Mit fünfzehn Jahren, inzwischen waren seit dem Anschlag zehn Jahre vergangen, nahm Beer an seinem ersten Kurs für RettungssanitäterteilundmeldetesichfreiwilligbeimJerusalemerMagenDavidAdom (deutsch: Roter Schild Davids), dem israelischen Pendant zum RotenKreuz.BeiallerGenugtuung,dieihmdieseTätigkeitbereitete,belastete ihn die Tatsache, dass er und seine Kollegen oft zu spät kamen. Einmal meldete ein Disponent beispielsweise, dass ein siebenjähriges Kindsich an einem Hotdog verschluckt habe und dringend Hilfe benötige.BeerundseineKollegenmanövriertenihrenKrankenwagensoschnellsie konnten durch die alten Straßen Jerusalems. Als sie nach zwanzigMinuten vor Ort eintrafen, war der Junge blau im Gesicht und hattedasBewusstseinverloren.Esstelltesichheraus,dasseinArztauseinernahegelegenen Praxis herbeigeeilt war, als er die Sirenen hörte. Doch dahattederJungeschonkeinenPulsmehr.BeerundseinTeamversuchtenzwar, ihn wiederzubeleben, doch ohne Erfolg. Beer war sich sicher, dassder Arzt den Jungen hätte retten können, hätte er nur einige MinutenfrühervondemVorfallerfahren.»DiesesKindistumsonstgestorben«,dachtesichBeer.»Soetwasmusssichdochverhindernlassen.«

IsraelistimmerwiedervonschrecklichenTerroranschlägenheimgesucht worden. In der Regel treffen Krankenwagen in etwa zwanzigMinutendortein,wosiegebrauchtwerden.NachdemVorfallmitdemerstickten Jungen überlegte Beer, wie diese Zeitspanne verkürzt werdenkönnte. Selbst wenn die Rettungssanitäter nur einige Minuten frühereintreffenwürden,könntensiezahlreicheMenschenretten,diedamals seiner Meinung nach unnötigerweise starben:Bei einem schwerenHerzinfarkt etwa müssen die erforderlichen lebensrettenden MaßnahmeninnerhalbvonsechsMinuteneingeleitetwerden.

Beerüberlegtesich,dassRettungssanitäter,diesichohnehininder betreffenden Nachbarschaft befanden, wesentlich schneller vor Ortseinkönnten.ZunächstschlossersichalsomitfünfzehnRettungssanitätern zu einer solchen Nachbarschaftsgruppe zusammen. Sie besorg-tensichalleeinenPager,umsichschnellmiteinanderverständigenzu können. Dann versuchte Beer, einen in der Nachbarschaft tätigenAmbulanzbetreiber zu überreden, die Gruppe über sich ereignendeNotfälle zu informieren. Doch der Geschäftsführer lachte ihn bloßaus. »Mach’ erstmal eine Ausbildung, du Rotznase, oder mach’ einenFalafelstandauf«,meinteerundfügtenochhinzu:»Wirkommenprimaohneeuchzurecht.«DannwarferBeerhinaus.DochsoleichtlässtsicheingebürtigerJerusalemernichtabschrecken.Schließlichkonnteer aufeinbewährtesisraelisches»Wundermittel«zurückgreifen,soBeer:

»Chuzpe.«

AlsoerwarbendieRettungssanitäterzweiEmpfangsgeräte,mitdenensie den Polizeifunk nach Notfällen abhören konnten. »Zur Hölle mitdir«,dachtesichBeerüberdenAmbulanzbetreiber,»wirkönnenauchohne deine Hilfe Leben retten«.

---ENDE DER LESEPROBE---