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Zweiundzwanzig Kurzgeschichten
beleuchten Sequenzen aus dem Alltag.
Sie sind heiter, berührend, regen zum
Schmunzeln und zum Nachdenken an.
Das E-Book Dunkle und helle Momente wird angeboten von tredition und wurde mit folgenden Begriffen kategorisiert:
Kurzgeschichten, Lachen, Alltag, träumen, traurig, fröhlich, weinen
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Seitenzahl: 165
Veröffentlichungsjahr: 2021
Für meine Kinder Oliver und Melanie
Dunkle und helle Momente
22 Kurzgeschichten
von
Veronika Bucher
© 2021 Veronika Bucher
Verlag und Druck: tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg
ISBN
Paperback:
978-3-347-21983-0
Hardcover:
978-3-347-21984-7
e-Book:
978-3-347-21985-4
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
Inhaltsverzeichnis
Mit einem leeren Blatt per du
Ohne Worte
Im Wörterstrudel
Was bleibt
Der Feigling
Geflüster beim Oleanderbusch
Jean-Jacques
Die Freiheit
Die Aussicht
Das Rosenbäumchen
Und ewig pfeift das Murmeltier
Das überraschende Geschenk
Das Gemälde
Späte Aussöhnung
Der Kauz
Komödiantisches Geplänkel
Entwurzelt
Zwei ungleiche Schwestern
Der Dämon
Der perfekte Text
Die Kerze am Fenster
Helle Momente
Mit einem leeren Blatt per du
Nackt und in einem makellosen Weiß liegst du vor mir. Einem schnörkellosen Weiß. Keine noch so zarte Faser durchzieht deine Oberfläche. Du hast auf der Nussbaumplatte meines geliebten Schreibtisches Platz gefunden. Scheint mir deshalb das Weiß heller als es tatsächlich ist? Der Kontrast gefällt mir. Wenn du gestattest, streiche ich einmal von unten nach oben über deine Fläche. Aalglatt wie mein Teeservice aus feinstem Porzellan fühlst du dich an. Ein angenehmes Gefühl. Ich frage mich, was deine Schönheit ausmacht. Für mich bist du schön, obwohl dich kein Wasserzeichen ziert. Weil der letzte Sonnenstrahl durchs Fenster flitzt und dir einen zarten Glanz verleiht? Oder weil das reine, schlichte Weiß auf mich eine beruhigende Wirkung hat?
Einen kurzen Moment entführt mich dein Anblick in Großmutters Garten. Deutlich sehe ich die Leintücher vor mir, eins am anderen an einer Leine hängend, die sich dem Spiel des Windes hingeben. Stundenlang habe ich als Kind im Gras gelegen, dem Flattern der weißen Stoffe zugeschaut, in den Himmel geblickt und geträumt. Ich durchschaue dich. Geduld ist deine Stärke. Du wartest gelassen ab, was passiert. Glaubst du wirklich, dass mich deine kühle Eleganz hemmt, ein erstes Wort zu setzen? Dass ich mich nicht traue, dir deine Unschuld zu nehmen? Wenn dem so ist, täuschst du dich. Oder wartest du darauf, dass ich dich endlich in die Pflicht nehme und beginne, eine Geschichte zu erzählen, damit du jedes Wort, jeden Satz aufsaugen kannst? Höre ich ein verhaltenes Lachen? Allein deine Anwesenheit setzt mich unter Druck. Sie blockiert mich. Ich fahre mir durch die Haare, um meinem Ärger Luft zu machen. Mir wird warm, und ich öffne das Fenster. Warum lasse ich mich aus der Ruhe bringen? Ans Sims gelehnt, atme ich einmal tief durch. Ich schmunzle bei dem Gedanken, dich zu einem Papierflieger zu falten. Das ist nicht abwertend gemeint. Vom dritten Stock würdest du hinausschweben, getragen von einem Lufthauch, und die Freiheit spüren. Nein, dir gebührt eine edle Figur. Wie wäre es mit einem Schwan und einem Platz auf Lebenszeit auf meinem Pult? Meine Euphorie entschwindet so schnell, wie sie aufkeimte. Die Origamiphase ist zu lange her.
Ich setze mich wieder, denn ich habe mich entschieden. Was flüsterst du? Du bist unsicher, weil du nicht weißt, ob dir zusagt, was ich dir anvertrauen werde. Das verstehe ich, doch ich kann dich beruhigen: Mit dir habe ich etwas ganz Besonderes vor. Neugierig? Ich spitze den Bleistift. Du zitterst ja. Nur keine Panik. Die Mine ist weich. Soll ich endlich loslegen? Einem inneren Impuls folgend hebe ich dich kurz hoch. Ich gebe es zu, ich liebe deinen Duft. Du riechst nach …? Irgendeinem Gemisch von Leim? Weder nach Holz noch nach etwas Lieblichem. Werde nur nicht eitel. Ich halte jedes Papier oder frisch gedrucktes Buch zuerst an meine Nase. Diese sinnliche Wahrnehmung, und sei es auch nur für einen Augenblick, berauscht mich. Halte ich ein neues Buch in den Händen, ist es die Vorfreude, in ein anderes Leben einzutauchen, mich beim Lesen zu entspannen. Bei einem leeren Blatt Papier hingegen verhält es sich umgekehrt. Es beginnt in mir zu kribbeln, der Puls steigt, und ich schweife ins Land der Phantasie. Irgendwann spukt in meinem Kopf die Rohfassung einer Erzählung herum. Die Wörter wollen ausbrechen, aufs Papier gebracht werden, um dort für immer haften zu bleiben.
Ich bleibe locker, denn heute habe ich einen Plan. Mit Hilfe eines Lineals ziehe ich auf dem Blatt vier waagrechte Linien mit großem Zwischenraum. Ganz sanft wie versprochen. Ich tausche den Bleistift gegen einen Füllfederhalter. Stilvoll liegt er in meiner Hand, und ich nehme gleich respektvoll eine bessere Haltung ein. Dieses Instrument zwingt mich, bewusst vorzugehen, um ein schönes Resultat zu erzielen. Für mein Vorhaben benötige ich eine ruhige Hand, denn ich kann nicht korrigieren. Ich muss dir gestehen, ich müsste dich beim geringsten Fehler zerknüllen, mich einem frischen Blatt zuwenden. Das tue ich dir nicht an. Ich verspreche dir, ich werde präzise arbeiten. Auf einem Notizblock zu meiner Rechten probiere ich einige Züge. Ich bin erstaunt, dass ich die Kalligrafie nicht verlernt habe. Eine Horrorvorstellung spielt sich vor meinem geistigen Auge ab: Ein Tintenklecks, der sich unaufhaltsam ausbreitet. Ich könnte nichts dagegen tun, sondern nur stumm beobachten, wie die Strahlen in alle Himmelsrichtungen strömen, immer dünner werden und versickern. Aber das wird nicht geschehen. Jetzt wird es ernst. Ich berechne im Kopf, wo ich beginnen muss, um das Wort als Überschrift in der Mitte des Rechtecks zu platzieren. Sanft setze ich die Feder auf, begleitet von leichtem Herzklopfen, und schreibe Buchstabe um Buchstabe. Es erfordert höchste Konzentration. Voilà, das Wort Gutschein sitzt elegant in der Mitte. Auf den nächsten Linien erfolgen einige Details. Am Ende überfliege ich den kurzen Text und lächle. Eigenlob befremdet mich, und doch muss ich sagen: Mein Vorhaben ist mir gelungen. Mit der ästhetischen Schrift in Blau wirkst du interessant. Sanft rubble ich die Bleistiftlinien mit einem Radiergummi weg. Wehmütig bei dem Gedanken, dich weggeben zu müssen, nehme ich aus einer Schublade einen Umschlag hervor. Du wirst dem Empfänger eine Freude machen. Gefällt dir der Gedanke? Dann können wir uns beide glücklich schätzen. Ohne dich hätte ich kein Geschenk und ohne mich wärst du immer noch ein leeres Blatt Papier.
Ohne Worte
„Nein, jetzt gibt es nichts mehr. Du hast schon gehabt!“
Kaum ausgesprochen, tun Tanja die strengen Worte leid, die ihr leichtfüßig über die Lippen gesprungen sind. Was soll die Machtdemonstration dem kleinen Kerlchen gegenüber, das ruhig vor ihr sitzt? Sie kennt den Grund: Ihr Tag war mit Missgeschicken gepflastert, und ihre gute Laune verharrt im Keller. Ist heute einer dieser Tage, an dem sie als Verliererin das Spielfeld verlassen wird? Leo jedenfalls nicht, der seine Enttäuschung darüber, dass er keinen Happen bekommen hat, souverän wegsteckt. Tanja ärgert sich, dass sie sich nicht unter Kontrolle hat und ihren vierbeinigen Liebling ihre lausige Stimmung spüren lässt. Und warum macht sie jetzt nicht einen Schritt auf ihn zu? Streicht ihm über sein schwarz glänzendes Langhaarfell, das von grauen Strähnen durchzogen ist. Krault ihn hinter den Ohren, um ihn stumm um Verzeihung zu bitten. Stattdessen bleibt sie in der Küche unbeweglich vor ihm stehen und schaut in seine kastanienbraunen Augen, die eine Wärme und Unschuld aussenden, dass sie sich noch miserabler fühlt. Vergeblich sucht sie darin nach einem versteckten Betteln, das ihr Verhalten gerechtfertigt hätte. Leo hält ihrem Blick stand, zuckt mit keiner Wimper. „Das ist jetzt mein Nachtessen, hörst du!“ sagt sie und zeigt auf die Anrichte. Schäbig kommt sie sich vor. Schäbig im Wissen, dass er keinen Leckerbissen ergreifen kann, wenn ihm danach ist. Tanja wird wieder deutlich bewusst, wie abhängig er von ihr ist. Zum einen ist da die verschlossene Kühlschranktür, die ihm nicht die geringste Chance einräumt. Zum anderen wird er eine Delikatesse, steht der Teller in seiner Reichweite, nur mit eiserner Disziplin hypnotisieren, obwohl sein empfindliches Riechorgan Witterung aufgenommen, seine Geschmacksnerven aktiviert und Lustgefühle in ihm geweckt hat. Welche Qual! Der Drang, in einem unbeobachteten Moment danach zu schnappen, würde an Tanjas konsequenter Erziehung scheitern. Schon früh hat sie dem kleinen Fellknäuel das unermüdliche Hochspringen an ihrem Hosenbein, verbunden mit japsenden Geräuschen, um seinem Willen Nachdruck zu verleihen, abgewöhnt. Leo lässt sich seine innere Zerrissenheit nicht anmerken. Aber er kann sie nicht täuschen. Jeder seiner Muskeln ist wie bei einem Raubtier angespannt, um vorzupreschen und die Beute zu packen, sollte Tanja ihm mit einem Stück seiner Begierde vor seiner Nase herumwedeln. Ob er sich den Bauch kurz zuvor vollgeschlagen hat oder nicht, ist nicht relevant. Insgeheim fragt sich Tanja, wie lange es dauern wird, bis das durchtriebene Kerlchen zu seiner perfiden Erpressermethode greift, die jedes Mal zum Erfolg führt. Dass ihr Hund intelligent ist, hat er in den letzten Jahren bewiesen, und das erfüllt sie mit Stolz. Doch was für Gedankengänge ihn eines Tages zu dieser genialen Idee bewogen haben, wird wohl für immer ein Rätsel bleiben. Wenn der Duft zu verführerisch oder er des Wartens überdrüssig geworden ist, holt Leo ein Plüschtier oder sonst einen Gegenstand aus seiner Spielkiste, wirft dies mit einer eindrücklichen Kopfbewegung vor ihre Füße, und ihr Vorsatz löst sich in Sekundenschnelle in Luft auf. Bevor sich Leo zu dieser Aktion entschließen kann, sagt sie: „Du kannst noch so lieb schauen. Auch wenn deine dunklen Pupillen die Raffinesse einer zartschmelzenden Schokolode aussenden, es geht nicht, Leo.“ Diese Abfuhr genügt ihr nicht, nein, sie muss noch einen Seitenhieb austeilen:
„Du wirst sonst zu dick!“
Was redet sie für einen Unsinn? Schuldgefühle kommen in ihr hoch. Auch wenn er ihre Worte nicht eins zu eins übersetzen kann, wird er deren Bedeutung an ihrem Tonfall und ihrer Haltung verstehen. Da er das abendliche Ritual kennt, wird er geduldig warten, bis sie die Küche mit dem Tablett verlassen hat. Dann wird er sich in respektvollem Abstand vom Esstisch niederlassen und sie mit aufgewecktem Blick fixieren. Und warten. Und sie? Sie wird während des Essens genüsslich die Zeitung lesen und ihn ab und zu aus den Augenwinkeln beobachten. Dabei wird sie feststellen, dass er heimlich einige Zentimeter näher gerückt ist. Geräuschvoll wird er ein- und ausatmen, um Beachtung zu erhaschen und ihr stumm sein Leid zu klagen. Seine mittlerweile grauen Augenbrauen werden zucken und seine Angespanntheit verraten. Aber er wird sich weder von Nachbars Katze, sollte er sie durch die Terrassentür erspähen, ablenken lassen, noch wird er sich von der Stelle bewegen, sollte die Türglocke die Stille zerreißen und Abwechslung ankündigen. Tanjas Magen knurrt, sodass sie zwei Wurstscheiben auf ein Stück Brot legt und herzhaft hineinbeißt. Ist es nur Einbildung? Sie fühlt sich gleich besser. Kauend sagt sie:
„Das ist jetzt für mich, verstehst du.“
Wie so oft redet sie sich auch jetzt frei von Schuld, da ihre Hartnäckigkeit ausschließlich seinem Wohlbefinden gilt. Unmerklich schüttelt sie den Kopf, denn sie belügt sich wieder einmal selbst. Tanja ignoriert Leo, als sie die Salatblätter rupft und die Sauce auf der Anrichte zubereitet. Was Leo wohl macht? Sitzt er noch an derselben Stelle, abwartend, ob sich zu seinen Gunsten etwas ändern wird? Oder hat er sich beleidigt auf den Schlafplatz zurückgezogen? Ein Schmunzeln kann sie sich nicht verkneifen. Insgeheim würde er die Ohren spitzen und darauf warten, dass sie seinen Namen ausspricht, flüsternd nur, um in null Komma nichts vor ihr zu stehen. Nachtragend ist kein Hund. Er würde vor freudiger Erwartung hecheln, wobei die nach hinten gezogenen Lefzen ein Lächeln in seinem Gesicht andeuteten. Dann würde sie ihn mit einem Happen belohnen. Ein Hauch von Melancholie streift Tanja. Ihr Freund ist älter geworden. Wenn Leo mal nicht mehr ist? Mit wem wird sie Zwiesprache halten im Wissen, dass ihr Gegenüber ihr zuhört, ohne einen Kommentar abzugeben? Sie wird nicht nur die täglichen Rituale vermissen, sondern auch sein liebevolles Wesen, seine Treue und bedingungslose Liebe. Leo hat „Platz“ gemacht, der Blick ist noch derselbe.
„Wir machen später noch einen schönen Spaziergang, das verspreche ich dir. Es ist ein herrlicher Sommerabend.“
Noch bevor sie sich zu ihm hinunterbeugt, setzt er sich auf und streckt ihr unaufgefordert seine Pfote entgegen. Seine Rutenspitze wischt über den Boden. Das Strahlen in seinen Augen erreicht ihr Innerstes. Sie hält ihm eine zusammengerollte Wurstscheibe hin, die in Sekundenschnelle in seinem Maul verschwunden und verschlungen ist. Wo bleibt der Genuss? Tanja lächelt und streichelt ihm zuerst das Kinn, dann seine Brust. Als Leo vor Wonne halb seine Lider schließt und den Kopf leicht zu ihr neigt, geht Tanja das Herz auf.
Im Wörterstrudel
„Kommst du, Fabian?“
„Gib mir zwei Minuten“, murmle ich in Richtung meiner Freundin, strecke mich auf dem Strandtuch aus und verschränke die Arme hinter dem Kopf. Mein Blick schweift zum wolkenlosen Himmel. Langsam fallen mir die Lider zu. Es ist nur ein Moment der Unachtsamkeit, des Durchhängens meinerseits, und schon ergreifen Wörter die Gelegenheit. Wirbeln in meinem Kopf herum wie Geister, die zu nächtlicher Stunde aus den Ritzen der Holzbalken huschen, um auf dem Dachboden zu tanzen. Es werden immer mehr. Will ich sie mit einem Gedanken verscheuchen, die Geister, die ich nicht gerufen habe? Mich ärgert ihre Impertinenz, mit der sie meinem Unterbewusstsein entsteigen, ohne mich zu fragen. Sie bitten mich nicht um Erlaubnis, denn einige müssten damit rechnen, dass ich sie in ihre Schubladen zurückweise. In die Schubladen der Enttäuschungen, der Missverständnisse, des Leichtsinns, … Ich könnte sie auch in eine dunkle Ecke drängen und nicht mehr beachten, wie ich es oft in meinem Leben getan habe. Dort müssten sie verharren, und mit der Zeit legte sich der Schleier des Vergessens über sie. Doch ich habe keine Gewähr, dass sie nicht hervorkriechen oder sich eine andere Schublade öffnet und Wörter herauspurzeln, die ich nicht hören will. Die mich Bilder assoziieren lassen, die ich nicht sehen will, und die Themen ansprechen, denen ich mich nicht stellen will. Denn ich allein will den Zeitpunkt dafür bestimmen.
Nun sind sie da, und ich wundere mich über ihre Vielfältigkeit und was sie in mir auslösen. Das Wort Gurtenfestival bringt mich zum Schmunzeln, denn es erinnert mich an mein erstes Openair mit meinen Kumpels. Nach einem intensiven Regentag versanken wir mit unseren Sneakers im Matsch, was unsere Euphorie nicht dämmen konnte. Bei Georg sehe ich meinen Großvater vor mir, der mit seiner Mundharmonika immer ein Lied auf den Lippen hatte. Schon taucht ein anderer Ausdruck auf, weckt mein Interesse und versetzt mich auf die Tribüne des letzten Fußballspiels. Kaum feuere ich meine Mannschaft an, drängen sich wieder andere Wörter nach vorne. Dicke Buchstaben verlassen die Gemeinschaft und kicken einen Spieler nach dem anderen wie Schachfiguren vom Feld. Es fällt mir schwer, mich auf ein Wort zu fokussieren. Anfänglich berauscht mich das Spiel. Ich teste meine Flexibilität. Provokative Wörter können mich nicht in Rage bringen. Vorher zerbrösle ich sie gedanklich in meinen Händen zu Staub. Doch dieses Hin und Her bringt mich ins Taumeln, und ich bereue, mich darauf eingelassen zu haben. Es kostet mich enorme Anstrengung, den Überblick zu behalten. Ich starte noch einen letzten Versuch, Struktur in das Chaos zu bringen, doch es ist nicht möglich. Die Wörter schwirren wie wild gewordene Bienen umher und sind nicht zu bremsen. Sie müssen sich verbündet haben, denn sie ignorieren meine Anweisungen. Ich fühle mich übergangen und brülle:
„Lasst eure Machtspielchen, gebt Ruhe! Verschwindet dorthin, woher ihr gekommen seid. Das Sagen habe ich, ich allein, ihr seid in meinem Kopf nur geduldet.“
Ich suche die Tür, um diesem Theater den Rücken zu kehren. Habe ich die Orientierung verloren? Ich finde den Ausgang nicht. Hartnäckig und immer deutlicher drängt sich eine Szene in den Vordergrund. Doch ich will von diesem einschneidenden Erlebnis nichts mehr wissen, ich habe es verarbeitet. Mir wird mulmig zumute. Alles dreht sich um mich. Und ich höre ein Geräusch, das mich frösteln lässt. Ich höre es immer deutlicher. Wasserrauschen. Kühles Wasser umspült mich, nachdem ich den Sprung in den Fluss gewagt habe. Aber wo ist er? Verzweifelt versuche ich, über die Wellen zu blicken, doch von dem Vierbeiner, der soeben noch mit angstgeweiteten Augen um sein Leben paddelte, fehlt jede Spur. Ich werde von der Strömung mitgerissen und bemerke zu meinem Entsetzen, dass ich nicht mehr obenauf schwimme, sondern mich in einem Strudel befinde. Ich bin ein guter Schwimmer, doch der enorme Sog in dem Gewässer wird mir unheimlich. Mein Herz schlägt kräftiger. Ich halte den Atem an. Zwei oder drei Züge, dann bin ich wieder oben. Oder täusche ich mich? Das schwache Blau des Himmels sehe ich durch das fließende Gewässer verzerrt. Der Strudel dreht sich schneller, und einige Wörter sehe ich aufdringlich nah an meinem Gesicht vorbeikreisen: Wagnis, überschätzt, versagt. Als sie abtauchen, lassen sie mich als Schuldigen zurück.
Aufgeben? Meine Lieben nicht mehr sehen, meine Pläne nicht verwirklichen können? Dieser Gedanke versetzt mir einen Adrenalinschub und lässt mich nochmals einen Schwimmzug machen. Und noch einen. Etwas Orangefarbenes schwankt über mir, an dessen unterem Rand sich das Wasser wie zu einem Glasperlenstrang kräuselt. Ein Boot. Jemand beugt sich zu mir herunter, streckt mir einen Arm entgegen. Es rauscht in meinen Ohren. Und aus diesem Rauschen kristallisiert sich ein Rufen.
„Halten Sie sich fest.“
Das Rauschen verschluckt einzelne Vokale. Jetzt höre ich es deutlich:
„Geben Sie mir Ihre Hand.“
Sofort strecke ich meine Arme nach oben. Eine riesige Hand ist ganz dicht vor meinem Gesicht. Da taucht noch ein Gesicht auf und eine Hand. Kraftvoll packt mich ein Mann am Handgelenk, dann der zweite am anderen. Ich werde hochgezogen. Mein Kopf und die Schulter ragen aus dem Wasser. Ich schnappe nach Luft, sauge sie gierig ein. Ich weiß nicht, wie mir geschehen ist. Plötzlich sitze ich in einem Boot, in ein weiches Frotteetuch gehüllt. Die fremden Männer sagen kein Wort, wofür ich ihnen insgeheim dankbar bin. Jetzt sehe ich ihn in einiger Entfernung vor mir. Breitbeinig steht der Hund am Wiesenbord und schüttelt sich. Einmal, zweimal. Wasser spritzt in Fontänen aus dem Fell, das um seinen Körper wabbelt. Tief in mir wartet ein befreiendes Lachen auf Erlösung. Statt ihm nachzugeben, ziehe ich das Frotteetuch enger um mich. Wassertropfen rinnen mir vom Haar über die Stirn und die Wangen und vermischen sich mit meinen Tränen. Er hat es aus eigener Kraft geschafft. Wir haben beide nicht aufgegeben. Ich lächle schwach.
„Fabian!“
Wer ruft? Und was war das? Irritiert schlage ich die Augen auf. Kühle Tropfen spritzen mir ins Gesicht und auf den Oberkörper. Ich blinzle und halte eine Hand über die Augen. Meine Freundin steht neben mir, schaut auf mich herab und schüttelt ihr langes Haar. Die Tropfen glänzen im Sonnenlicht in den schönsten Regenbogenfarben. Unsere Blicke treffen sich. Ich habe ihr spitzbübisches Lächeln bemerkt. Wortlos wendet sie sich ab und schlendert barfuß über die Wiese. Hat das Tier aus seinem Fehler gelernt? Würde ich den Sprung wieder wagen? Ich weiß es nicht. Ich beuge mich nach vorne, stütze mich mit beiden Armen ab und beobachte die Gestalt, die gemächlich dem See zusteuert. Kokett ist ihr Blick, den sie mir über ihre Schulter zuwirft:
„Und? Traust du dich?“
„Aber hallo!“ Ich grinse und schnelle vom Boden hoch. Sie beginnt zu laufen.
„Na warte!“, rufe ich und renne ihr hinterher.
Wir erreichen gleichzeitig das Ufer, und stürzen uns mit einem Kopfsprung in den See. Als ich auftauche, wird mir wieder deutlich bewusst: Wasser ist und bleibt mein geliebtes Element.
Was bleibt
Läubli lässt sich in den Bürostuhl fallen, lockert die Krawatte und lehnt sich seufzend zurück. Ihm scheint, als drücke sein Körper schwer in den Sessel. Soeben hat seine Sekretärin die Tür leise hinter sich zugezogen, nachdem sie ihm alles Gute gewünscht hatte. Paul und André haben sich bereits am Mittag von ihm mit einem Schulterklopfen und „Man sieht sich“, als käme er am Montag wieder, ins Wochenende verabschiedet. Der Schreibtisch ist aufgeräumt, der Computer heruntergefahren, die Dossiers samt Verantwortung abgegeben. Das war‘s. Was hält ihn hier noch?
