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"Durch und durch" nimmt uns mit auf eine Zeitreise in das Jahr 1953. Eigentlich will die junge Lehrerin Lisa sich ganz ihrer neuen Aufgabe widmen und ihre Schülerinnen auf einem Düsseldorfer Gymnasium auf die neue Zeit mit demokratischen Werten vorbereiten. Aber dann taucht der Kunstlehrer und Galerist Nollendorf in ihrem Leben auf und bringt Lisa dazu, ihren Lebensplan zu überdenken. Skurrile Personen in einer Pension, eine attraktive Schülerin, englische Soldaten, der 17. Juni und Napoleons Ägyptenfeldzug sind einige der Stationen, die LIsa auf ihrem Weg nach Umbrien begleiten, wo sie zu ihrer eigentlichen Berufung findet.
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Seitenzahl: 274
Veröffentlichungsjahr: 2015
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Hendrik Asten
Durch und durch
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Über das Buch
1944 - Gut Hollstein
Mai 1945
1947 - Gut Hollstein
Düsseldorf
Die Pension
Die Schule
Die Stadt
Marion
Abstrakte Kunst
Herbert
Engländer
Unterricht
17. Juni 1953
Die Galerie
Das Angebot
Zeichnen gegen die Angst
Vermisst
Lisa und Kurt
Leichtigkeit
Lisa und Marion
Der Fund
Kunstrichtungen
Ein neuer Versuch
Die Beichte
Freunde
Das Komplott
Exkurs: Souvenirs für Engländer
Eskalation
Suche nach den Schuldigen
Wiedergutmachung
Der Abschied
Die Dame
Der Auftrag
Ägypten
Kurt und Marion
Schuldgefühle
Kurt und die Kunst
Nollendorf
Marion und Lisa 2
Napoleon
Aufbruch
Auf nach …
Ankunft
Das Weingut
Das Porträt
Das Fest
Giovanni
Die Schuld
Vendemmia
Fotografie
Krise
Lysergsäurediethylamid
Lisa und Marion 3
Ausklang
Impressum neobooks
Es ist 1953 als Lisa ihre Stelle als Lehrerin antritt. Durch den Kollegen und Galeristen Kurt Nollendorf kommt sie jedoch wieder mit der Malerei in Berührung, ihrer eigentlichen Leidenschaft. Als ihr Jugendfreund aus der Kriegsgefangenschaft zurückkehrt, kann sie sich ein Leben an seiner Seite als Hausfrau nicht mehr vorstellen. Kunst, Kurt und die Schülerin Marion erwecken in ihr ein anderes Bedürfnis. Ein delikater Vorfall an ihrer Schule erleichtert ihre Entscheidung, in Italien einen neuen Anfang als Malerin zu versuchen. Der Weg dahin ist nicht ganz einfach, aber sie ist nicht alleine.
Es wird bald vorbei sein. Ein Tupfer Blau. Herbert ist der Richtige und er hat Glück. Es wird bald vorbei sein. Er riecht so herb, angenehm herb, nicht wie alter Schweiß, nicht wie Knecht Alfred. Die Felder – mehr Braun. Es ist schon geerntet. Ein Herbstbild. Dieses Licht! Durch die aufsteigende Feuchtigkeit verwischen die Konturen. Ja, sie hat gehört von den Impressionisten. Sie, die nie so malt, heute ist sie eine Impressionistin. Wie lange noch?
„Jetzt ziehen sie auch die ganz Jungen und die Alten.“ Bauer Hollstein schüttelt heftig den Kopf. Vor sich hat er den „Völkischen Beobachter“. Die Ärmel hochgekrempelt hält er das Blatt weit von sich, als wolle er es nicht an sich heranlassen. Er liest: „Deutsche, wir müssen kämpfen und alle Kraft aufbieten.“
Die Frau blickt auf. „Herbert“, fragt sie mit flacher, kraftloser Stimme. „weiß Lisa es schon?“
„Ich habe ihr gesagt, dass Alfred vergessen hat, die Zeitung zu holen. Herbert wird es ihr wohl heute selbst sagen.“
„Wie lange noch?“, fragt sie, ohne mit einer Antwort zu rechnen.
Lisa tupft gerade braune und gelbe Blätter auf die Leinwand, als sie am Himmel eine Bewegung wahrnimmt: Schwäne im Schwarm. Weißgrau gegen Blau. Sie schüttelt den Kopf und dann malt sie sie doch, denn es wird bald vorbei sein.
In ihrem Zimmer stellt Lisa die Staffelei in die Ecke und das Schwanenbild zu den anderen, die aneinander gelehnt an der Wand stehen. Sie wechselt ihre Kleidung, tauscht Rock und Bluse gegen Baumwollhemd und Männerhose. Der Vater empfängt sie im Stall nur mit einem kurzen Nicken, fragt nicht, ob sie Glück hatte. Es liegt etwas in der Luft, aber was? Sie nimmt eine Forke und beginnt ihre Arbeit. Immer wieder blickt sie hoffnungsfroh zur Tür, was der Vater zur Kenntnis nimmt.
Herbert strampelt vergnügt gegen den Wind. Der Feldweg ist holprig und er muss oft den Unebenheiten ausweichen. Aber das macht er beschwingt und nahezu elegant. Schließlich hat er heute die frohe Botschaft bekommen. Was will ein Mann mehr? Endlich dabei! Schon vor dem Hof klingelt er und ruft nach Lisa.
Im Stall hören Lisa und der Vater Herberts Fahrradklingel. Lisa blickt fragend zum Vater, der wieder nur nickt. Sie läuft jedoch nicht auf den Hof, sondern durch die Hintertür ins Haus.
In der Küche steht die Mutter.
„Zieh doch dein neues Kleid an.“
„Das Neue? Ist was?“
„Nein, nein, nur so.“
Auch die Mutter ist heute anders, denkt Lisa. In ihrem Zimmer wäscht sie sich an der Waschschüssel und blickt zwischendurch immer wieder durch das Fenster auf den wartenden Herbert. Aber sie nimmt nicht das neue Kleid.
Dann sitzt sie vor Herbert auf der Fahrradstange. Sie singen. Herbert weicht im letzten Moment vor einem Stein aus, das Fahrrad schlingert und Lisa jauchzt. Aber sie schaffen es, nicht umzustürzen. Am Rand einer Lichtung streicht Herbert ihr sanft über den Rücken. Lisa genießt es, bleibt aber in züchtiger Haltung und hält schließlich seine Hand fest.
„Ich kann es mir schon vorstellen: Wir werden in der Stadt wohnen, eine große Familie haben und …“
„Und …“?
„Endlich ins Theater, in die Oper, ins Museum gehen können.“
„Davon träumst du?“, fragt er skeptisch.
„Ja! Du nicht?“
„Wir sind im Krieg, Lisa.“
„Aber der wird doch bald vorbei sein. Und du wirst nicht belangt werden können, weil du nicht dabei warst.“
„Doch, Lisa, ich werde dabei sein. Ich habe meine Einberufung erhalten.“
Lisa ist entsetzt. „Nein! Jetzt noch?“
„Ich bin stolz darauf, schließlich bin ich ein Mann!“
„Du bist ein kleiner dummer Junge, wenn du dich auf den Krieg freust. Du musst dich verstecken, es hat doch keinen Sinn mehr“, versucht sie es mit zitternder Stimme.
„Doch, Lisa, das hat es, wenn wir alle daran glauben.“ Herbert steht auf, verschränkt die Arme. „Soll alles umsonst gewesen sein? Alles, was in den letzten Jahren wichtig war? Die vielen Opfer, die Entbehrungen, die Ideale. Unsere Aufgabe ist eine ganz große!“
Lisa schüttelt den Kopf: „Das ist wohl nicht mehr so“, sagt sie und blickt ratlos von unten auf den Möchtegernmann, der sein Kinn, wie ein Soldat beim Befehlsempfang, entschlossen nach vorne streckt, der jetzt um so viel mehr ernster wirkt, als sie ihn kennt. Bald wird es vorbei sein, denkt sie wieder, aber diesmal beruhigt es sie nicht. Sie hat Angst.
„Lisa, ich tue nur meine Pflicht!“ Auch seine Stimme ist nicht mehr dieselbe.
Nun steht auch Lisa auf, blickt aus Verlegenheit auf die Lichtung, weil sie nicht weiß, wie sie ihm begegnen soll. Sie als Soldatenbraut. Dann schaut sie ihm in die Augen, will es noch einmal versuchen. Vielleicht kann sie ihn doch umstimmen, ihn an die gemeinsame Zukunft erinnern. Oft hat ihr Blick ihn erweichen, von etwas abbringen können. Aber als sich ihre Blicke treffen, wird ihr klar, dass es diesmal anders ist.
„Es geht wohl nicht anders?“
Herbert schüttelt den Kopf.
Lisa umarmt ihn fest, sehr fest, will ihn halten, festhalten. Aber es ist, als ob sie einen Stein umarmt. Er lässt sich eher zerdrücken, als dass er weich wird und sie spürt.
„Wenn wir alle zusammenhalten, haben wir es bald geschafft. Wartest du auf mich?“
Obwohl es nicht der Herbert ist, den sie kennt, bleibt ihr nichts anderes übrig, als mit „Ja!“ zu antworten.
„Versprochen?“, fragt er. Und jetzt liegt ein wenig Wehmut in seiner Stimme, als ob der Stein nicht alleine Stein sein könne.
„Versprochen!“, sagt sie und fragt sich, ob es falsch war, es zu sagen. Vielleicht hat sie die winzig kleine Chance vorbei streichen lassen, ihn zurückzuholen. Aber es ist Krieg und der wird hoffentlich bald vorbei sein.
In der Küche wird schweigend gegessen. Hollstein, die Mutter und der Knecht Alfred widmen sich den Kartoffeln und dem Kohl. Fleisch gibt es nur sonntags. Lisa isst nicht, auch wenn die Mutter sie immer wieder sorgenvoll anblickt. Es ist Alfred, der ihre Portion bekommt.
„Warum isst Herbert nicht mit?“, fragt die Mutter.
„Er packt. Darf ich gehen?“, fragt Lisa und blickt den Vater an.
„Ja Lisa. Du brauchst heute nicht aufräumen. Heute nicht. Geh!“
In ihrem Zimmer ringt Lisa mit den Tränen, sie schaut sich ihre Bilder an. Vorwiegend Landschaften, aber auch zwei Porträts von Herbert. Sie nimmt das letzte Bild, das Bild mit den Schwänen und übermalt die Vögel. Schwäne passen nicht ins Bild. Vielleicht, wenn sie zurückkommen. Es bleibt eine leere Lichtung.
Die Familie Hollstein und Knecht Alfred hören gespannt Radio.
„Am frühen Morgen unterzeichnete Generaloberst Alfred Jodl die Kapitulation im Hauptquartier der Alliierten in Reims. Der Krieg ist demnach vorbei. Sie meine Damen und Herren werden aufgerufen, Ruhe … “
Hollstein ist aufgestanden und hat das Radio ausgeschaltet. Er fasst seiner Frau an die Schulter, die daraufhin auch aufsteht und ihn umarmt. Sie schluchzt. Lisa nähert sich ihr und streicht ihr über die Haare, schließlich umarmt die Mutter auch sie. Alfred sitzt jetzt alleine.
„Alfred“, sagt die Mutter und fordert ihn auf, zu ihr zu kommen. Doch Alfred wendet den Blick ab und geht hinaus. Die anderen blicken ihm verständnislos hinterher.
„War er einer von ihnen?“, fragt Lisa.
„Man ist nie aus ihm schlau geworden“, sagt die Mutter.
„Er hat den letzten Krieg mitgemacht. Schon das hat er nicht verkraftet“, erklärt Hollstein.
„Aber er hat fast nie darüber gesprochen.“
„Lasst ihn doch“, sagt die Mutter. „An was soll er denn jetzt glauben?“ Sie wendet sich an Lisa. „Lisa, jetzt wirst du Herbert bald wieder sehen.“
Zwei Jahre später trägt der Briefträger keine Hakenkreuzbinde mehr und auch die Nachricht ist eine bessere: Lisa wird in einen Lehrgang für die Lehrerausbildung aufgenommen. Sie verlässt den elterlichen Hof und zieht nach Lüdenscheid, die nächstgrößere Stadt. Sie ist ehrgeizig und holt ihr Abitur nach, denn sie möchte unbedingt an einem Gymnasium unterrichten. Für das Malen hat sie keine Zeit mehr. Wozu soll es gut sein? Sie will wissen, warum das geschehen ist, was geschehen ist und belegt Deutsch und Geschichte. Was ist in der deutschen Geschichte falsch gelaufen? Hätte man die Entwicklung verhindern können?
Es ist 1953 als sie ihre Ausbildung mit dem Lehrerexamen beendet hat. Sie besucht noch einmal den Hof der Eltern. Da der Vater kaum noch arbeiten kann, haben sie den Hof verkleinert. Sie halten keine Tiere mehr. Das hat den Vorteil, dass sie nicht regelmäßig früh aufstehen müssen. Die Mutter träumt davon, auch den Rest zu verkaufen und den Lebensabend in Italien zu verbringen. Von Italien hat sie viel von ihrem Schwager gehört, der dort schon länger lebt. Aber das kann Vater sich nicht vorstellen. Er, als Sauerländer, kann seinen Hof nicht verlassen. Und der Knecht Alfred ist immer noch da. Nicht da, sondern in der Nähe. Er hat die Tierhaltung übernommen und kauft sich nach und nach frei. Demnächst wird ihm ein Teil des Hofes gehören. Er hat sich mit den Engländern arrangiert und beliefert deren Kasernen mit Milch und Fleisch. Auch hat er jetzt eine Frau, die ihm hilft. Der Alfred grämt nicht mehr.
Für die Mutter tut es Lisa leid, aber sie muss nach Düsseldorf und steigt in den Zug. Neben einem Koffer führt sie eine Mappe mit ihren Bildern mit sich. Vielleicht kann sie die Bilder verkaufen, denn sie hat nicht viel Geld und das Leben in einer Großstadt ist bestimmt nicht billig. Herberts Eltern, die Mühlbecks, haben ihr eine preisgünstige Pension besorgt. Sie sind nach dem Krieg nach Düsseldorf gezogen, wo Mühlbeck sich wieder selbständig gemacht hat. In der Umgebung des Dorfes hatte er als ehemaliger Nazi keine Chance. Obwohl er kein Hundertprozentiger gewesen war, mieden die Leute den Kontakt zu ihm und kauften lieber woanders ihre Lebensmittel. Das fand Lisa feige, weil die meisten nicht anders dachten als er und jetzt drehten sie ihr Fähnlein nach dem Wind.
Die Mühlbecks, die es inzwischen wieder zu einigem Wohlstand gebracht haben, hatten ihr angeboten, bei ihnen zu wohnen. Doch sie hatte abgelehnt. Nein, das wäre ihr doch zu nah und zu ungewiss gewesen. Was, wenn Herbert nicht mehr zurückkäme?
Der Dampf der Lokomotive verklärt den Blick auf vorbeihuschende Dörfer und Felder. Im Abteil sitzen zwei weitere Frauen, etwa in Lisas Alter. Die eine ganz elegant in einem glockenförmigen Kostüm und mit einer Frisur, wie sie sicher nur ein Großstadtfriseur zustande bringt. Die andere schlicht und unauffällig. Ihr gehört ein großer Karton, der mit einer Schnur zusammengebunden ist. Die Schlichte rutscht immer wieder auf der Sitzbank hin und her, als wüsste sie nicht, wie sie richtig sitzen soll. Die Elegante betrachtet selbstzufrieden ihre Fingernägel, zupft den Rock zurecht und fährt sich vergewissernd über die Haare. In ihrer Vorstellung tauscht Lisa die Kleidung der Frauen und gibt der Schlichten eine andere Frisur. Obwohl ihrem Gesicht etwas Herbes innewohnt, könnte sie sich durchaus als Schönheit behaupten. Aber das hat sie offensichtlich gar nicht vor, denn sie will nur ein Paket ausliefern und nicht in der Stadt bleiben. Lisa kommt sich vor, wie eine Mischung aus den beiden. Sie ist keine Schönheit, aber doch ansehnlich, sie trägt keine exklusive Kleidung, aber doch … Ist ihre Kleidung wirklich angemessen? Werden die Schülerinnen sie vielleicht auslachen? Eine Unterprima - Mädchen, die in einer Großstadt aufgewachsen sind. Warum gleich eine Unterprima? Aber da gab es wohl einen plötzlichen Ausfall. Es wird schon irgendwie hinhauen. Schließlich hat sie den Schülerinnen etwas zu sagen, viel zu sagen, damit so etwas nicht wieder passiert. Dann spürt sie plötzlich den Blick der Eleganten und sie entgegnet ihm. Aber sie ist froh, dass die Frau nur lächelt und nichts sagt. Sie lächelt zurück.
Der Zug fährt in den Düsseldorfer Hauptbahnhof ein. Die Bahnsteige sind voller Menschen. Lisa versteht nicht gleich, sie sehen nicht wie normale Bahnpassagiere aus. Auf dem Bahnsteig kämpft sie sich durch die Menge. Es sind meistens Frauen, die Fotos von Soldaten oder Namensschilder hochhalten. Sie warten auf die Heimkehrer aus der Gefangenschaft. Dazwischen irren einzelne, ausgemergelte Männer umher, blicken ratlos auf die Frauen und die Fotos. Immer wieder werden sie von den Frauen gefragt, ob sie den oder den gesehen haben, wissen, ob er noch lebt. Herbert könnte dabei sein, denkt Lisa. Aber die Mühlbecks haben nichts davon erzählt, dass sie etwas von ihm gehört haben. Vielleicht konnte er auch gar nichts mitteilen und steht plötzlich einfach da. Es schaudert Lisa. Damit hat sie nicht gerechnet.
„Lisa!“ Frau Mühlbeck hat sie entdeckt und stürzt auf sie zu. „Da bist du ja! Herzlich willkommen!“
„Guten Tag, Frau Mühlbeck“, sagt Lisa und streckt ihr eine Hand entgegen.
Aber Frau Mühlbeck ignoriert es und umarmt sie mit mütterlicher Geste. „Wir freuen uns so, dass du da bist. Wie war denn die Fahrt?“
„Ruhig, nichts Besonderes“, antwortet sie.
„Schön. Komm, ich nehme dir wenigstens die Mappe ab. Gustav wartet draußen. Er will den neuen Wagen nicht alleine lassen.“ Frau Mühlbeck nimmt die Mappe und geht voran.
Während sie gehen, blickt Lisa sich um. Noch nie war sie in einem so großen Gebäude und hat noch nie so viele Menschen auf einmal gesehen. Na, denn!
Vor dem Bahnhofsgebäude fällt ihre Aufmerksamkeit auf ein riesiges Plakat. ‚Alle sollen besser leben’ steht darauf. Es ist Werbung für eine Industrie- und Konsumausstellung.
„Moment“, sagt Lisa, als sie draußen sind. Sie will sich erstmal umschauen und Luft holen. Es sind nicht so viele Menschen wie im Bahnhof zu sehen. Die meisten tragen gepflegte bis elegante Kleidung, als hätten sie eine geheime Absprache mit der Glockenkostümfrau aus dem Zug. Auf der Straße fahren einige blitzende Autos, aber es sind mehr Motorräder, Dreiradtransporter und hauptsächlich Fahrräder. Sie gehen weiter und kommen zum Parkplatz.
Gustav Mühlbeck steht neben einem nagelneuen 180er Mercedes. Mühlbeck reicht ihr die Hand und verstaut Koffer und Mappe im Kofferraum. Stolz setzt er sich ans Steuer. „Er ist gerade mal zwei Wochen alt. Hat nicht jeder.“
Lisa, die hinten sitzt, prüft das Polster mit der Hand und nickt anerkennend. „Ein schönes Auto“, sagt sie.
Mühlbeck fährt los. „52 Pferdestärken, kann über 100 km/h schnell fahren. Eine Wucht!“
Lisa blickt aus dem Fenster. „Ich dachte, es wäre mehr zerstört.“
„Viel weniger als in Köln. Da kann man von Glück reden“, antwortet Frau Mühlbeck. „Aber es hat auch hier gereicht.“
Lisa folgt den Mühlbecks in ihrer Villa durch ein üppig ausgestattetes Foyer. Freundlich lächelnd betrachtet sie altehrwürdige Kunstschinken an der Wand.
Im gediegenen Esszimmer gießt Frau Mühlbeck Kaffee ein. „Wenn der Herbert kommt, habt ihr einen schönen Anfang. Wir haben einiges zurückgelegt. Warum haben sie ihn bloß im letzten Kriegsjahr noch gezogen, mit 17 Jahren? Was eine Schande. Du und er könntet längst Kinder haben.“
Herr Mühlbeck setzt seine Tasse ab. „Es wär‘ mehr Schande, wenn er nie Soldat gewesen wär.“
„Er ist dein Sohn, Gustav“, wendet Frau Mühlbeck ein, „und ist jetzt in Gefangenschaft.“
„So ist der Krieg.“
„Schon gut.“
„Haben Sie was von ihm gehört?“, fragt Lisa.
„Nach dem letzten Brief nichts mehr. Den kennst du ja.“
„Aber am Bahnhof waren doch so viele von ihnen.“
„Sie dürfen wohl nicht alle schreiben, wann sie kommen.
Oder die Post kommt nicht durch. Ich weiß es nicht.“
Lisa blickt sich im vornehmen Esszimmer um. Frau Mühlbeck seufzt.
„Schade, dass deine Mutter nicht hier ist, es hätte ihr bestimmt gefallen.“
„Mutter in der Stadt? Das würde sie nicht überstehen.“
„Wir haben es doch auch geschafft!“, sagt Frau Mühlbeck.
„Ihr habt mit den Städtern Geschäfte gemacht, aber Vater ...“
„Ja, dein Vater war nicht in die Stadt zu kriegen.“
„Aber tief im Herzen gehören wir immer noch zum Land, nicht Gustav?“
Herr Mühlbeck hüstelt nur.
„Willst du nicht doch hier bleiben? Wir hätten wirklich Platz.“
„Danke nochmals. Ich will zunächst auf eigenen Füßen stehen. Wenn Sie das verstehen. Sie haben schon so viel für mich getan.“
Frau Mühlbeck zuckt die Schultern. „Na dann.“
Mühlbeck setzt Lisa vor einer Pension ab und trägt ihr Gepäck zur Tür. Die Mappe mit ihren alten Bildern nimmt sie selbst. Distanziert gibt er ihr die Hand. „Lisa – alles Gute.“
„Danke, Herr Mühlbeck.“ Lisa blickt ihm nach.
Er steigt in seinen neuen Wagen und winkt nur kurz über die Schulter, ohne sich umzuschauen. Lisa seufzt und klingelt an der Pensionstür. Die Inhaberin öffnet. Es ist eine stattliche, sehr weibliche Erscheinung, der Lisa gegenüber steht.
„Du musst das Fräulein Hollstein sein“, empfängt sie die Wirtin gluckernd, als habe sie gerade einen guten Witz gehört. „Ich bin die Martha – vor und zu.“
„Vor und zu?“, fragt Lisa.
„Martha, sonst nichts. Komm erstmal rein Mädel, damit ich dich beschnuppern kann.“
Lisa folgt ihr wie geheißen in eine Art Esszimmer. Das Haus ist schlicht, aber gemütlich eingerichtet.
„Kannst erstmal deine Sachen hier lassen. Wir trinken einen Kaffee und dann zeig ich dir dein Zimmer.“
Lisa stellt ihr Gepäck ab und setzt sich an einen Tisch. Martha gießt ihr ein.
„Echter Bohnenkaffee. Wir haben zurzeit mit dir fünf Gäste. Alles dabei: Buchhalter, Rechtsanwalt, Vertreter und auch eine Dame, du bist die zweite Frau.“
„Hat die Dame keinen Beruf?“
„Nein, sie ist nur Dame.“
„Aha!“
„Und du …Ich darf doch ‚du’ sagen?“
„Natürlich.“
„Und du willst Lehrerin werden?“
„Ich bin’s schon.“
„So, so.“
Lisa weiß nicht genau, wie sie diese Antwort deuten soll.
„Er ist also noch in Gefangenschaft?“
„Herbert? Ja.“
„Da musst du aufpassen.“
„Wieso?“
„Wenn die Männer zurückkommen, sind sie oft nicht mehr dieselben. Viele Frauen wissen das nicht, sind froh, wenn ihr Mann wieder da ist und merken zu spät, wie sehr er sich verändert hat.“
„Das ist nach der langen Gefangenschaft ja auch kein Wunder.“
„Schön! Du läufst mit offenen Augen durchs Leben.“
„Sind Sie … Bist du verheiratet?“
Martha seufzt. „Ich zeig dir mal was.“ Sie springt behände auf und holt ein kleines eingerahmtes Foto von der Anrichte. „Hier! Das ist Harry.“
Lisa blickt auf das Foto. „Ein Engländer!“
Martha gluckst wieder. „Ja, ein toller Typ. Er ist leider schon 1950 versetzt worden. So einen findet man nicht so schnell wieder.“
„Das heißt, du siehst ihn gar nicht mehr?“
„Leider nein.“
„Wo ist er jetzt stationiert?“
„Er ist wieder in England und …“
„Ja?“
„Komm, ich zeig dir dein Zimmer.“ Ohne weitere Erklärung steht Martha auf und Lisa nimmt ihre Sachen und folgt ihr in ein kleines möbliertes Zimmer. Ein Bett, ein Schrank, ein Regal und ein kleiner Tisch mit einem Stuhl erwarten sie.
„Na?“, fragt Martha. „Das ist doch alles, was du brauchst.“ Martha schaut auf die Mappe. „Bilder?“
„Nur als Hobby.“
„Mmh“, ist Marthas einzige Reaktion.
Lisa fragt sich, warum Martha plötzlich so kurz angebunden ist, es muss etwas mit ihrem Harry zu tun haben.
„Ich lasse dich jetzt erstmal allein, ich muss das Abendessen vorbereiten.“
„Fräulein Martha!“, gellt plötzlich ein Ruf durch die Pension. Martha zuckt zusammen und läuft hinaus.
Lisa blickt ihr konsterniert hinterher, geht zur Tür, schließt sie bis auf einen Spalt und schaut hinaus. Sie sieht eine ältere Dame, die mit einem Regenschirm umherfuchtelt und lauthals deklamiert. Sie trägt ein rosafarbenes Kostüm im Stil der Vorkriegszeit, mit übergroßen Kragen, dazu einen blauen Hut mit Schleier.
„Mein Zimmer ist wieder mal nicht gelüftet. Ich werde mir noch die Parasitis holen. Mein holder Gatte würde sich im Grab rumdrehen, wenn er sähe, wie ich jetzt leben muss.“
Martha bleibt ruhig. „Frau Doktor, wenn Sie es wünschen, lüften wir gerne noch einmal.“
„Sind Sie verrückt? Soll ich mir eine Lungenentzündung holen?“
„Es ist schon besser, wenn Sie mir den Schirm geben. Sonst können Sie sich anstecken. Sie wissen doch – die Zellen.“
„Die Zellen, diese kleinen bösen Zellen? Ach ja, Sie haben Recht. Hier, der Schirm.“ Die ältere Dame übergibt Martha fast angeekelt den Schirm, um sich danach völlig ruhig zurückzuziehen.
„Ich rufe Sie zum Abendessen, Frau Doktor.“
Lisa blickt sich in ihrem Zimmer um. Es ist einfach und schlicht, genau das Richtige für den Anfang. Sie packt ihre Tasche aus und räumt Kleidung und wenige Bücher in Regale und Schränke. Als sie fertig ist, setzt sie sich aufs Bett und betrachtet ihr Werk. Ihr Blick fällt auf die Mappe mit den Bildern. Kurz entschlossen steht sie wieder auf, greift sich ihre Jacke und die Mappe. Bei Martha erkundigt sie sich nach einer Galerie. Bis zum Abendessen will sie wieder zurück sein.
Es ist nicht weit bis zur Altstadt, in der Martha ihr eine Adresse genannt hat. Sie fühlt sich beflügelt – ein neuer Anfang steht bevor. Neugierig beäugt sie die Auslagen der Geschäfte, sieht Dinge wie elektrische Gerätschaften, deren Zweck ihr sich nicht gleich erschließt. Die Menschen, an denen sie vorübergeht, scheinen ihr zuzulächeln. Einige nicken sogar und einmal grüßt ein Mann, indem er seine Hutkrempe berührt. Das in einer Großstadt! Oder bildet sie sich alles nur ein? Nein, die Stadt scheint sie begrüßen zu wollen. Es war die richtige Entscheidung! Und nun will sie sich noch von einem alten Ballast befreien und ihre Bilder verkaufen. Vielleicht ein kleines Startkapital, um sich neu einzukleiden, um dem neuen Anfang auch äußerlich Ausdruck zu verleihen.
Dann steht sie schon vor der Galerie, die links und rechts neben dem Eingang Schaufenster hat, in denen Bilder hängen. Sie hatte Landschaften oder Porträts erwartet, aber jetzt sieht sie etwas, was sie noch nicht gesehen hat: Seltsam anmutende, amorphe Formen, variierende Farbigkeiten. ‚Was soll das?’ denkt sie, ‚Wer kauft denn so was?’ Sie muss über die Spinnereien lächeln.
Sie geht hinein. Die Tür erzeugt einen Klingelton. Auch drinnen hängen diese seltsamen Bilder. Ein älterer Herr kommt aus einem hinteren Raum.
„Guten Tag. Was kann ich für Sie tun?“
„Guten Tag, ich möchte Ihnen Bilder zum Kauf anbieten. Aber ich weiß nicht, ob ich hier richtig bin. Es handelt sich um Landschaften.“
„Landschaften? Landschaften hatten wir schon lange nicht mehr im Angebot. Aber lassen Sie mal sehen.“
Der ältere Herr reibt sich zu Lisas Verwunderung die Hände und sie öffnet die Mappe.
„Verkaufen Sie sich immer so schlecht?“, tönt eine Stimme aus dem Hintergrund und kurz darauf erscheint ein junger Mann um die dreißig.
„Wie meinen?“, entfährt es Lisa.
„Na, die meisten Künstler sind vollkommen von sich selbst überzeugt und halten sich für großartig.“
„Doch, das bin ich auch. Ich habe nur keine Zeit mehr für die Malerei und bin daher keine Künstlerin. Ich muss leider damit abschließen.“ Lisa betrachtet den jungen Mann, der sich dann als Kurt Nollendorf vorstellt. Er hat kurzes, dunkles Haupthaar, einen Vollbart, eine kräftige Statur und trägt ein Sportsakko.
„Nollendorf? Heißt so nicht ein Professor an der Kunstakademie?“
„Mein Onkel.“ Er wendet sich an den älteren Herren. „Nun, Herr Meisenberg. Was sagen Sie?“
„Respektabel. Ich habe lange nicht mehr …“
„Ich weiß, Landschaften sind Ihr Faible. Aber die gehen leider zurzeit sehr schlecht. Wir haben inzwischen eine Aufbruchsstimmung in der Kunst.“
„Die hatten wir doch schon mal“, bemerkt Lisa.
„Aber das können Sie nicht vergleichen. Diesmal geht es um etwas ganz Neues.“
„Und meine Bilder?“
Nollendorf blickt auf die Bilder, die Meisenberg nacheinander hochhält. „Passabel, nicht untalentiert, aber eben nicht zeitgemäß.“
„Wie viel?“, fragt Lisa.
„Ein Hundert Mark für die Mappe.“
„Ein Hundert?“
„Das ist viel Geld!“
„Es sind 15 Bilder. Ich hatte mindestens mit 600 gerechnet.“
„Das heißt 40 pro Bild. Ich müsste jedes dann für 60 verkaufen.“
„Tun Sie es doch!“
„300? Mein letztes Angebot.“
„Einverstanden.“
Lisa ist stolz. Allerdings irritiert sie der neue Kunstkram.
Sie erscheint ein wenig zu spät zum Abendessen in der Pension. Martha stellt sie vor. Die Anwesenden, vertieft in Schinken, Kartoffeln und Sauerkraut nicken nur. Lisa setzt sich und ihr Blick schweift in der Runde umher. Sie versucht einzuschätzen, wer der Rechtsanwalt, der Vertreter und der Buchhändler ist. Der Herr rechts neben ihr, ein sehr akkurater Fliegenträger, reicht ihr die Schüssel mit den Kartoffeln.
„Bleske, Rechtsanwalt“, stellt er sich vor.
Von links reicht ihr der Inhaber eines blauen Anzuges mit schwarzem Kragen das Sauerkraut. „Mühlig, Handelsvertreter.“
Der Schinken wird ihr von Martha aufgelegt, die noch immer hinter den Gästen umherschwirrt, um dann an der Anrichte stehen zu bleiben.
Also ist der Herr gegenüber, der eine Strickweste trägt, der Buchhalter.
„Das ist Meppens. Der mit den Zahlen“, erklärt die Dame. „Nicht wahr, Meppens, Sie haben es doch mit den Zahlen?“
„Meppens, angenehm“, sagt der Strickwestenmann, um gleich weiter zu essen.
„Lehrerin, pah!“, äußert die Dame, ohne es weiter auszuführen. „Warum heiraten Sie nicht?“
„Weil auch Frauen einen Beruf haben können und sollten!“
„Pah!“
„Die Ausstellung … Waren Sie schon auf der Ausstellung?“ fragt Mühlig in die Runde.
Alle schütteln den Kopf.
„Martha, da gibt es wunderbare Maschinen für die Küche. Die nehmen Ihnen alle Arbeit ab. Grandios!“
„Können die für mich einkaufen gehen? Kartoffeln schälen oder kochen?“
„Seien Sie doch mal realistisch. Das kommt alles noch. Aber mixen und schneiden, Kaffee kochen, kühlen und Dampfkochen.“
„Gehens“, sagt die Dame. „Das hatten wir doch schon mal alles und führt zu nix.“
„Wie meinen Sie das?“, ereifert sich Mühlig.
„Wollen Sie ein ordentliches Dienstpersonal ersetzen? Soll anstatt Martha eine Maschine unser Essen servieren?“
Alle schauen sich an und sind sich einig, dass sie sich das nicht vorstellen können.
Meppens meldet sich zu Wort: „Solch eine Maschine kostet vielleicht 200 Mark. Eine einmalige Anschaffung. Wenn Sie den Kaffee nicht immer selbst aufbrühen müssten, sparen Sie damit im Monat – Moment: Jeden Tag vielleicht fünf Minuten – hochgerechnet also etwa 150 Minuten. Das wäre allein beim Kaffeekochen eine Ersparnis von etwa 8 Mark. Das heißt nach 25 Monaten hätte sich die Anschaffung rentiert.“
„Quatsch!“, sagt die Dame. „So eine Maschine wird ihr Leben ruinieren, glauben Sie mir.“
Lisa ist amüsiert über die illustre Gesellschaft. Alle scheinen mit sich selbst beschäftigt zu sein. Nur Mühlig hat sie gefragt, was sie denn unterrichte. Nach der Antwort hat er schnell das Thema gewechselt. Deutsch und Geschichte – Deutsche Geschichte. Acht Jahre erst ist der Krieg vorbei. Warum tut sie sich das an? Warum will sie in Wunden herumstochern, die noch nicht verheilt sind? Sie versteht Mühlig, der nur nach vorne denken will. Das ist gut so. Aber die Schülerinnen, die sie unterrichten wird, haben die letzten Kriegsjahre noch als Kind erlebt. Kann sie mit ihnen, die unschuldig am Geschehenen sind, über das reden, was geschehen ist? Oder wollen sie auch nur nach vorne blicken? Ist das ‚nur’ wirklich berechtigt?
Martha hat ihr ein Fahrrad geliehen. Lisa wird sich vom ersten Gehalt selbst eins kaufen. Schon von weitem sieht sie das große Jugendstilgebäude, in dem sich die Schule befindet - gebaut als Deutschland noch ein Kaiserreich war. Es hat hohe, verzierte Fenster und ein großes Tor als Eingang. Im Foyer fragt sie eine der umherstehenden Schülerinnen nach dem Weg zum Zimmer der Direktorin. Begleitet von neugierigen Blicken begibt sie sich in das erste Stockwerk. Im Treppenhaus scheint das Sonnenlicht durch farbiges Fensterglas. An einer Wand sind so Farbtupfer entstanden. Lisa hebt eine Hand in die Lichtstrahlen und bewegt sie langsam auf und ab. Mal Blau, mal Gelb, mal Rot. Sie entscheidet sich für Gelb. Sie möchte, dass die Schule für sie Gelb ist. Sie klopft an die Tür zum Sekretariat und öffnet die Tür, ohne auf eine Aufforderung zu warten.
„Können Sie nicht … Ach so. Kommen Sie herein“, krächzt eine hohe, unangenehme Stimme. „Haben Sie einen Termin?“
Eine etwa fünfzigjährige, äußerst hagere Gestalt mit strenger Frisur sitzt vor einer Schreibmaschine und mustert Lisa.
„Die Frau Direktorin erwartet mich. Lisa Hollstein, ich bin eine neue Kollegin.“
„Hahnfeld, Sekretariat. Haben Sie Ihre Unterlagen dabei?“
„Guten Tag, Frau Hahnfeld.“ Lisa geht auf die Sekretärin zu und reicht ihr die Hand. Die wischt zunächst ihre Hand an ihrem Rock ab und erwidert dann den Gruß. Für den Bruchteil einer Sekunde glaubt Lisa, den Anflug eines Lächelns zu erkennen. Als ob ein Händedruck eine Art unverdiente Auszeichnung für sie sei.
„Meine Unterlagen? Natürlich!“ Lisa überreicht ihr die Einstellungsurkunde. Die Hahnfeld nimmt sie und deutet auf eine Tür.
„Dort!“
Eine Zeit lang steht Lisa vor dem Schreibtisch der Direktorin Lengsdorf, ohne dass sie angesprochen wird. Die Direktorin blättert in einer Akte, schreibt Bemerkungen. Lisa blickt sich um. Schränke und Regale an drei Wänden. Die Regale sind nur zum Teil gefüllt. An der Wand hinter dem Schreibtisch ein Porträt eines älteren Mannes, den sie nicht kennt. Zur Linken eine Sitzecke mit einem Tisch.
„So! Entschuldigen Sie, aber das hier hat keinen Aufschub geduldet. Manchmal denke ich, wir arbeiten nur für die Akten.“ Lengsdorf steht auf und begrüßt Lisa mit einem Handschlag. „Fräulein Hollstein, Deutsch und Geschichte?“
„Guten Tag, Frau Direktorin.“
„Nehmen Sie Platz.“ Sie deutet auf die Sitzecke und beide setzen sich. „Es ist ungewöhnlich, dass eine neue Kollegin gleich eine Unterprima übernimmt, aber wir haben halt einen Engpass, nachdem ein Kollege plötzlich ausgefallen ist. Macht Ihnen das etwas aus?“
„Nein, ich bin sogar stolz.“
„Na, ja. Eines ist wichtig: Die jungen Damen haben unendlich Flausen im Kopf. Der Wirtschaftsaufschwung führt sie in Versuchung. Plötzlich gibt es alles zu kaufen, alles zu haben. Ihre Aufgabe ist es, Grenzen aufzuzeigen. Haben wir uns verstanden?“
„Aber ja, natürlich - Grenzen.“ Während die Direktorin weiter redet, mustert Lisa sie. Blonde lockige Haare, stahlblaue Augen mit leichtem Faltenansatz, ein hellblaues Kostüm und echte Nylonstrümpfe. Sie mag vielleicht Mitte vierzig sein, ist jedoch schlank wie eine Jüngere.
„Achten Sie auf Disziplin! Aber das haben Sie sicher gelernt.“
„Disziplin? Aber ja.“
Lisa fühlt sich beengt. Es gibt keine richtigen Fragen, nur Feststellungen und Anordnungen. Kann sie die Frau um Hilfe bitten, wenn sie es nötig hat? Hoffentlich gibt es nette Kollegen.
Im Lehrerzimmer wird sie gerade den Kollegen vorgestellt, als die Tür geöffnet wird und der junge Mann aus der Galerie eintritt. Lisa ist verblüfft, er nicht minder. Kopfschüttelnd lächelt er sie an. Nachdem sie alle Kollegen mit Handschlag begrüßt hat, kommt er auf sie zu.
„Welch eine Überraschung! Sie … eine Kollegin? Wenn ich das gewusst hätte.“
„Hätten Sie mich nicht übers Ohr gehauen.“
„Seien Sie nicht so streng mit mir.“
„Ich war Ihnen nicht viel wert“, spielt Lisa lächelnd die Beleidigte.
„Dann übernehmen Sie die Unterprima?“, fragt er und hebt eine Augenbraue.
Lisa nickt. „Gibt es da ein Problem?“
„Nein, nein. Die Klasse ist recht durchwachsen.“
„Das klingt doch schon mal gut.“
„Deutsch und Geschichte? Warum nicht Kunst?“
„Das Kapitel ist für mich abgeschlossen.“
„Warum eigentlich? Herr Meisenberg, der ältere Herr aus der Galerie, hält Ihre Bilder für ausgezeichnet.“
„Ich habe gemalt, als ich jung und naiv und der Krieg weit entfernt war.“
„Verstehe.“
Nollendorf bietet an, sie zum Klassenzimmer zu bringen. Die Mädels juchzen, als er als erster den Raum betritt. Beschwichtigend winkt er ab.
„Meine Damen, ich darf Ihnen Ihre neue Klassenlehrerin vorstellen. Das ist Fräulein Hollstein. Sie wird Sie in Deutsch und Geschichte unterrichten. Behandeln Sie sie anständig.“
„Versprochen, Herr Nollendorf“, lässt eine Schülerin verlauten.
„Sie sind verantwortlich, Fräulein Gudrun.“
„O.K., I’ll try.“
Nollendorf verlässt das Klassenzimmer und Lisa steht jetzt das erste Mal alleine vor den 22 Mädchen, die meist adrett gekleidet sind. Besonders chic Birgit und Eva, relativ schlicht dagegen Ulla und Christl. Zunächst geht Lisa zur Tafel und schreibt ihren Namen an. Die Mädchen verhalten sich abtastend reserviert.
„Es braucht ein wenig Zeit, bis ich Sie alle mit Namen kenne, aber es wird nicht all zu lange dauern.“
Lisa erzählt kurz, wo sie herkommt, was sie unterrichtet und was die Schülerinnen bis zum Abitur erwartet. Die Schülerinnen dürfen Fragen stellen. Birgit meldet sich.
„Kann denn eine Frau überhaupt Geschichte unterrichten?“
„Alexander, der Große, Friedrich, der II., Napoleon und andere waren alles Männer. Über die wird viel erzählt. Aber es gab auch viele Frauen, die Geschichte geschrieben haben. Nennen Sie mir einige!“
Am Ende der Stunde ist die Tafel voll mit historischen Frauennamen: Kleopatra, Jean d’Arc, Marie Antoinette, Maria Theresia, Rosa Luxemburg, Bertha von Suttner, Paula Modersohn-Becker u.a. …
„Übrigens gab es auch eine Frau, die kaum einer kennt, die aber die erste zugelassene Ärztin in Deutschland war – Dorothea von Erxleben – Friedrich, der II. hat ihr seinerzeit, um 1860 das Medizinstudium ermöglicht. Allerdings dauerte es bis zum Anfang des letzten Jahrhunderts bis die nächste Frau Medizin studieren konnte. “
