Hausfreunde - Hendrik Asten - E-Book

Hausfreunde E-Book

Hendrik Asten

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Beschreibung

Heimat bedeutet für viele Menschen, ein Zuhause zu haben, in dem man sich mit Freunden treffen kann. Vielleicht stoßen auch mal neue Gäste hinzu. Das ist in Ordnung. Aber was ist, wenn in dem Zuhause plötzlich Neonazis auftauchen und man sich mit ihnen arrangieren muss?

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Seitenzahl: 100

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Hendrik Asten

Hausfreunde

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Über das Buch

Prolog

Herbert

Miriam

Herbert – Nachmittag

Miriam - Nachmittag

Herbert – Früher Abend

Miriam – früher Abend

Herbert – Abend

Markus

Herbert – später Abend

Gabriel

Herbert – noch später

Gabriel 2

Herbert - nachts

Gabriel entwickelt Mut

Herbert – das Finale

Impressum neobooks

Über das Buch

Ein Haus mit drei Etagen. Der Bildhauer und Kunstlehrer Rauhball und seine Frau wohnen im Parterre und haben Freunde zu einem routinemäßigen Abendessen eingeladen. Darunter ein Autor, ein Soziologe und ein Journalist. Die soeben in der zweiten Etage neu eingezogenen Studenten: Miriam aus dem Senegal, ein deutscher und ein polnischer Kommilitone, werden kurzerhand auch eingeladen.

Die Gespräche werden von intellektuellen Anekdoten, Geplänkel, Konkurrenz- und Standesdünkel sowie Missverständnissen geprägt. Der Gastgeber versucht, durch seine kulinarischen Fähigkeiten den Schaden in Grenzen zu halten – ein Abend in einem multikulturell orientierten Akademikerhaushalt.

Aber es gibt im Haus noch eine dritte Etage und die wird von Neonazis benutzt. Es kommt zu einer unerfreulichen Begegnung mit ihnen.

Prolog

„Das habe ich so gesagt?“, wunderte sich Markus.

„Ich hab's natürlich ein wenig überarbeitet“, erklärte Gabriel.

„Ein wenig ist gut, ich glaub wir müssen noch mal darüber reden.“ Markus schüttelte nach wie vor den Kopf. „Wenigstens hast du mich nicht zum kompletten Idioten gemacht. Zeig es bloß nicht Lado.“

„Das war wirklich ein Problem, aber ist er nicht wirklich so?“, fragte Gabriel.

„Doch schon“, musste Markus eingestehen, „aber ... ich weiß nicht.“

„Herbert? Bist du zufrieden?“

„Zufrieden? Ich erkenne mich wieder, ja schon. Leider muss man wohl sagen.“

„Miriam?“

„Ich bin ruhig, ganz ruhig.“

Herbert

Es gibt Weniges, das mein inneres Gleichgewicht erschüttern kann – die Ereignisse dieses Tages sollten schließlich auch dazu gehören.

In der Regel gelte ich als der Fels in der Brandung, um dieses klischeehafte, aber stimmige Bild zu verwenden. Schon meine äußere Erscheinung unterstützt diese Einschätzung. Meine kräftige und große Statur ist ein Geschenk der Natur, die Leibesfülle ist auf meine Vorliebe für ausgiebige kulinarische Experimente zurückzuführen. Für die Länge der Haare und den Vollbart ist mein Selbstbild zuständig, das letztlich darin besteht, mich als zeitlosen Künstler zu sehen. Meine stoische Gemütsruhe habe ich wohl zum größten Teil meinem Material, meinem Werkstoff zu verdanken – dem Stein. Er ist das Urelement der Form, und ich bin ihm immer treu geblieben. Alles andere wäre für mich ein Sakrileg. Der Stein, ob Diabas, Marmor oder Muschelkalk lehrt mich die Dinge in den richtigen Relationen zu sehen. Mir ist jegliche Unterwerfung unter gängige Moden und Trends zuwider. Das gilt sowohl in Bezug auf meine modischen Kriterien als auch in Hinblick auf meine künstlerische Tätigkeit. Im Grunde habe ich mich seit Anfang der 70er Jahre kaum verändert, wenn auch die Qualität und der Preis der Kleidung meinem Einkommen als einigermaßen erfolgreichem Bildhauer und beamtetem Kunstlehrer entsprechen. So sehr ich bei meinen künstlerischen Arbeiten jedwede Auseinandersetzung mit aktuellen gesellschaftlichen Themen bewusst vermeide – die Inspiration schöpfe ich aus einer archaischen Quelle, die beständiger ist als kurzlebige gesellschaftliche Manifestationen – so sehr bemühe ich mich, meinen Schülern die Funktion der Kunst in eben diesem Kontext zu vermitteln. Denn nach wie vor gilt Kunst bei den meisten Schülern als eher lockeres Nebenfach, indem sie sich gerne von den Anstrengungen des Schulalltags erholen. Wer sollte es ihnen verdenken, wenn selbst die Schulbehörden ihre Geringschätzung des Faches dadurch dokumentieren, dass sie jahrelang fachfremde Lehrer, bunte Bildchen malen und Collagen kleben lassen. Die meisten Schüler vergleichen Kunst zudem mit einem Fußballspiel. Die Spieler strengen sich an, aber es ist nicht klar, ob man ein Tor erzielen wird. Diese Haltung wird sich trotz meiner Bemühungen nicht von heute auf morgen ändern, aber ich versuche es immer wieder.

Miriam

Hätte ich es mir nicht einfacher machen und mir zwei nette Frauen als Mitbewohnerinnen aussuchen können? Vielleicht steife Engländerinnen, die ich mit Gruselstorys von Menschenfressern und wilden Tieren immer wieder zu verzückt hysterischem Gekickse gebracht hätte. Oder zwei lesbische, schneealpengebräunte bayerische Schönheiten, die mich ständig engumschlungen um meine noch dunklere Hautfarbe beneideten und vielleicht von der Eroberung Afrikas träumten. Vorstellbar wäre auch eine Kombination von einer blonden, gutbürgerlichen Hanseatin aus einem vornehmen Handelsgeschlecht und einer stoppelrothaarigen, sommerbesprossten Berliner Sonderschullehrerin, die durch meine postsozialistischen Wehgesänge animiert, schnurstracks einen AfD-Ortsverband gegründet hätten.

Nein, ich will meine Ruhe haben und habe mich spontan für die beiden Jungs entschieden, als ich sie das erste Mal sah. Bis auf wenige Details sind sie genauso, wie ich sie mir vorgestellt habe. Irgendwie unverbiegbar, sie lassen sich weder von meinen Stimmungsschwankungen noch von meinen zahlreichen illustren Freunden von ihrem, wie auch immer gearteten, Weg abbringen. Ich suchte ja auch keine Männer fürs Leben oder fürs Bett, sondern Mitbewohner. Es war mir einfach nicht möglich in einer so großen Wohnung alleine zu leben, einfach zu peinlich, denn ich hasse Luxus, obwohl ich auf vieles nicht verzichten mag und auch Geld dafür ausgebe, z.B. für Reisen und für gute Bücher, ich möchte nur nicht mehr besitzen, als ich brauche. Natürlich ist es auch ein Privileg, dass ich die Wohnung so schnell bekommen habe. Ein Anruf bei meinem Vater, der viele Freunde in Deutschland hat, genügte und schon bald erfuhr er von van Helen, mit dem er oft im Senegal zusammengearbeitet hat, dass diese Wohnung frei würde. Zunächst lehnte ich sie wegen der Größe ab, aber mein Vater bestand darauf, so könne er auch einmal van Helen besuchen oder irgendein Mitglied meiner weit verzweigten Familie könne hier Station machen. Also willigte ich ein; doch schon bald wurde mir klar, dass ich es alleine nicht aushalten würde. Niemand meiner Freunde kam in Betracht, denn sie sollten meine Freunde bleiben. Außerdem brauchten sie nicht zu erfahren, dass ich augenblicklich eine Identitätskrise durchlebte. In Paris war es für mich als Farbige problemloser, nicht, dass es dort keinen Rassismus oder keine Rechten gab, aber selbst die nationalen Arschlöcher sind seit Jahren an die Maghrébins, die Nordafrikaner gewöhnt und ihnen rutscht nicht gleich das Herz in die Hose, wenn sie einen Afrique sehen. Im Gegensatz zu Michael Jackson war ich stolz auf meinen Teint und hab mich immer nur mit Jungs eingelassen, die noch dunkler waren als ich. Viele von denen haben vergessen, dass sie eine andere Hautfarbe haben, oft musste ich ihnen in den Hintern treten, damit sie sich wenigstens zu irgendwelchen Solidaritätsveranstaltungen aufrafften, wenn´s mal wieder um Abschiebungen ging. Aber hier ist alles anders. Selbst die aufgeklärten Weißen reden mit uns als müssten sie uns ihre Sprache erst beibringen, langsam, bedächtig, aufgesetzt hilfsbereit. Aber noch schlimmer sind die Nigger selbst – ich darf sie so nennen – viele sind entweder überangepasst und buckeln wie Sklavennigger oder ziehen sich aus Frust zurück. Und so habe ich mir zum ersten Mal einen Weißen als Freund angelacht, der sich bemüht, mich nicht merken zu lassen, dass er sich bemüht. Verdammt! Es ist nicht mehr so einfach wie in Paris.

An diesem Tag ging ich also einkaufen. Das hatte nichts mit meiner Rolle als Frau in unserer Wohngemeinschaft zu tun, sehr wohl aber mit meiner Abneigung gegen den ständig gleichen Pizzafraß meiner Mitbewohner. Sie, als Vertreter der so genannten zivilisierten Welt, assimilieren die Küche eines südeuropäischen Landes in Fastfoodversion und fühlen sich als haben sie den kulturellen Pluralismus erfunden.

Vielleicht, dachte ich, gab es ja in der Innenstadt frischen Karpfen im Angebot.

Herbert – Nachmittag

Ich habe einfach zu viel Spaß an der kulinarischen Komposition. Der Bildhauer in mir beneidet den Koch in mir, braucht ihn als Gegenpart. Ein Traum eines jeden Künstlers, wenn seine Werke mit allen Sinnen verschlungen werden und zudem lebenswichtige Funktionen ausüben.

Da die Arbeit im Kulturausschuss unserer Stadt viele Kontakte nach sich zieht, konnte ich schon etliche Gelegenheiten für gustiöse Experimente nutzen. Und die geselligen Abende in unserer großen Wohnung haben sich beinah zu einer Institution entwickelt. Kaum jemand, der im kulturellen oder sozialen Leben eine Rolle spielt, ist von uns ausgelassen worden. Darauf legt Maria sehr viel Wert und ich entwerfe den kulinarischen Plan für solche Ereignisse. Ich nenne diese Events insgeheim „Kultfraß“.

Ich entschied mich an diesem Tag für Geflügel, vielleicht Maispoularde. Aber auf dem Markt entdeckte ich verlockende Entenkeulen. Dazu einen Portugieser Weißherbst.

Auf dem Bürgersteig, etwa 20 Meter vor der Weinhandlung, saßen zwei Bettler auf dem kalten Boden; ich opferte ihnen eine Euromünze, die ich ständig für Einkaufswagen griffbereit hatte. Ich konnte sie zwar nicht teilen, aber ich glaubte dass sie ohnehin zusammen arbeiteten. Unmittelbar, bevor ich den zweiten Bettler erreichte, kam mir ein verbrauchter Mitvierziger im Jogginganzug auf zwei Krücken entgegen. Er schwang diese Waffen bedrohlich, indem er damit wild in der Luft rumfuchtelte. Ich sprang einen Schritt zur Seite und registrierte, dass er es auf die Bettler abgesehen hatte, da er in deren Richtung drohte und wilde Flüche ausstieß. „Eh!“ rief ich, nicht mehr, und der Mann wandte sich mir zu. Ich blickte in blutunterlaufene, leere Augen und gewann das Blickduell mit meinem Gegenüber, das sich daraufhin, Unverständliches murmelnd, entfernte.

Miriam - Nachmittag

„Und?“, fragte die Verkäuferin im Fischgeschäft. „Und was?“, war meine Reaktion. Aber dann kam, als wäre sie eben erst aufgewacht: „Sie wünschen bitte?“ Als müsste man – jedenfalls wir Schwarzen – sie erst einschalten. Sie kennen uns vorwiegend aus Schulbüchern, haben vielleicht von schwarzen Popstars oder sogar von Martin Luther King gehört, aber sie erschrecken sich, wenn wir vor ihnen stehen und ganz normal sprechen und keinen Rap singen. Ich habe mir schon überlegt, hüftschwingend einen Ghettoblaster zum Einkaufen einzusetzen. Ihre MTV und VIVA geschulten Klischees würden bedient und ich könnte mir einiges ersparen. Oder ich könnte mich als Tochter von Roberto Blanco ausgeben und einen Schuhplattler präsentieren. Zu Ehrenrettung der Weißen an diesem Tag gab es die Bäckerin. Sie empfahl mir von sich aus, einige Minuten auf die frischen Brötchen zu warten. Vielleicht guckt sie kein Fernsehen.

Herbert – Früher Abend

Natürlich lese ich Kochbücher, aber nur, um mich von den jeweiligen Spezialitäten der verschiedenen Kulturkreise inspirieren zu lassen. Der Akt des Zubereitens jedoch findet freihändig statt, entweder man hat ein Gefühl für Komposition und Nuancen oder nicht. Nur kann ich nicht darauf verzichten, mich beim Kochen musikalisch begleiten zu lassen. Jedes Mal nur ein Werk oder ein Künstler. An diesem Abend ließ ich die Göttliche in meine Töpfe gucken. Während die Callas Arien von Bizet, Verdi und Puccini intonierte, wusch ich meine Entenkeulen, deren Schicksal ich mit einer Aprikosensauce und Kastanienwirsing versüßen wollte. Ich erschrak, als ich bemerkte, dass Maria, offensichtlich schon einige Zeit im Türrahmen stehend, mich beobachtete. Sie sagte irgendetwas, was ich nicht verstand, also gebot ich der Callas zu schweigen.

„Was gibt es heute?“, fragte sie.

„Entenkeulen und Kastanienwirsing.“

„Hmm!“

„Wolltest du nicht noch arbeiten?“

„Geht nicht.“

„Warum?“

Maria brauchte es nicht zu erklären, durchschlagende Rhythmen – meine Schüler würden sagen Drum´n´Bass – dröhnten aus der oberen Wohnung durch die Decke.

„Um Gottes Willen!“, kommentierte ich. „Das ist ja apokalyptisch.“

„Das sind unsere neuen Nachbarn, wahrscheinlich Studenten. Sind wohl gestern eingezogen.“

„Und jetzt probieren sie aus, wie sich ihre Musik in der neuen Umgebung anhört. Das kann ja heiter werden.“ Verzweifelt hüpfte mein Blick im Takt der gegenwärtigen musikalischen Untermalung über meine edlen Entenkeulen. Maria kam auf mich zu, küsste mich und lächelte. Ich ahnte, was sie vorhatte, und sie wusste, dass ich, wenn sie es so anstellte, nicht nein sagen konnte.

„Man kann doch den ersten Kontakt nicht mit einer Beschwerde beginnen. Das ist dem Nachbarschaftsgeist bestimmt nicht förderlich“, erklärte sie.

Ich verkniff mir den Hinweis, dass Studenten so etwas wie ähnliches wie Schüler seien und von denen hatte ich mich eigentlich erholen wollen. Aber das hätte nur eine längere Diskussion nach sich gezogen, bei der ich ohnehin den Kürzeren gezogen hätte. Dennoch versuchte ich, das Unabwendbare zu verhindern. „Aber die Keulen lassen sich nicht teilen. Ich kann schlecht Ragout daraus machen.“