Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Drei Erzählungen, die in drei sehr verschiedenen Welten angesiedelt sind. Ein Autor verliebt sich in das Vorbild seiner Protagonistin. Ein Büroangestellter wird verwirrt in die Psychiatrie eingeliefert und kämpft um seine Rehabilitation. Ein Junge lässt sich freiwillig entführen.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 191
Veröffentlichungsjahr: 2017
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Hendrik Asten
Nicht gleich aufessen!
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
Nicht gleich aufessen!
Nicht gleich aufessen!
Stadt, Land, Fluss
Mein Bruder Geld
Impressum neobooks
In diesem Buch befinden sich drei Erzählungen.
In Nicht gleich aufessen! trifft Schriftsteller Berger auf eine Frau, die verblüffend seiner Romanfigur ähnelt. Soll er sich ihr als Autor oder Mann nähern?
In Stadt, Land, Fluss plagen den Informatiker Sander zwanghafte Visionen und er landet in der Psychiatrie. Es ist dann für ihn nicht einfach zu beweisen, dass er wieder normal ist. Vor allem, wenn ein Mord dazwischenkommt.
In Mein Bruder Geld wird derdreizehnjährige Oliver entführt. Als er die Gründe dafür erfährt, hilft er dem Entführer.
Der arme Autor
Das Telefon klingelte seit Tagen unaufhörlich und jeder, der ihn mehr oder weniger kannte, gratulierte zum Erfolg seines neuen Buches. Schließlich nahm er gar nicht mehr ab, löschte ab und zu den Anrufbeantworter, aber der heiß ersehnte Anruf blieb aus. Dabei hätte er dafür auf alle Glückwünsche verzichten können.
Er stand auf, betrachtete seine ersten Zeilen am Monitor aus der Ferne und genehmigte sich eine Zigarette und einen kräftigen Schluck Rotwein. Sein Blick schweifte im Raum umher, aber er sah nicht wirklich etwas. Denn davor war sein Gedankenkarussell, auf dem sich ein ganzer Personenreigen samt dazugehörigen biographischen Verwerfungen, Brüchen und Verästelungen drehte. Was sollte er mit dem bärtigen Alten anfangen? Der hatte sich wohl nur stur aus einer anderen Geschichte hierhin verirrt. So kickte er eine Figur nach der anderen vom Karussell.
Das Telefon klingelte und da das im Gegensatz zu seiner Romanhandlung selten geschah, nahm er ab.
„Berger!“
„Stefanie. Wie geht es dir?“
„Stefanie! Ich habe lange nichts mehr von dir gehört.“
„Soll das ein Vorwurf sein?“
„Nein, überhaupt nicht. Ich freue mich.“
„Was machst du denn gerade?“
„Ich arbeite.“
„Hast du einen Augenblick Zeit?“
„Seit wann bist du so umständlich?“
„Weil ich sicher sein will, dass du ernsthaft zuhörst.“
„Warum stellst du das in Frage?“
„Geht das schon wieder los?“
„Was denn?“
„Dass wir jeden Atemzug diskutieren müssen.“
„Schon gut, was kann ich für dich tun?“
„Das sagte ich bereits – zuhören. Denn normalerweise schaltest du nach einigen Minuten innerlich ab und erzählst dann zusammenhanglos von irgendwelchen neuen Ideen für eine Geschichte. Ich möchte aber, dass du dich einen Augenblick für die Wirklichkeit interessierst.“
„Einen Augenblick – einverstanden.“
„Sehr witzig. Kannst du nicht mal ernst sein?“
„Immer!“
Schweigen. Sie hatte wohl aufgelegt. Entschlossen setzte er sich an den PC und versuchte, den Faden wieder aufzunehmen. Aber Stefanie hatte es geschafft, seinen Gedankenkreis zu unterbrechen. Verhielt er sich wirklich so, wie sie es darstellte oder lag es einfach an der unterschiedlichen, vielleicht geschlechtsspezifischen Wahrnehmung? Natürlich wurde er ungeduldig, wenn sie über eine Sache lamentierte, ohne zum Punkt zu kommen oder lange ausholte. Aber er bot ihr auch Lösungsvorschläge an – die sie jedoch erst zu erörtern bereit war, wenn sie lange genug Dampf abgelassen hatte. Wie man das lösen könnte, war ihm ein Rätsel.
Es gab eine Zeit, da hatten ihn ihre Unterschiede geradezu herausgefordert, gar fasziniert. Aber seit einigen Monaten war es anders, was ihm vorher eine Aufgabe war, störte ihn jetzt und er hatte begonnen, Finger in ihre Wunden zu legen, was natürlich ihre Differenzen noch verstärkte. Oft hasste er sich dann für seine unvermeidliche Arroganz, aber bisher hatte sie es ihm immer wieder nachgesehen. Bis er vor drei Wochen, nach einem Verlegergespräch deprimiert, wirklich unverschämt zu ihr gewesen war. Es war seitdem ihr erster Anruf. Ausgerechnet jetzt, als er endlich seine Schreibhemmung überwunden hatte. Inzwischen quietschte und eierte sein vor kurzem noch kreatives Personenkarussell wie eine verrostete, aus der Zeit gekommene Jahrmarktsattraktion.
Erneut klingelte das Telefon.
„Ja?“
„Warum hast du aufgelegt?“, fragte sie.
„Ich dachte du hättest aufgelegt, es war plötzlich so still.“
„Ich habe daran gedacht, aber ich habe gemerkt, dass ich mich von dir nicht mehr verletzen lasse. Ich habe nicht aufgelegt.“
Er hinterfragte nicht, wieso sie jetzt weniger verletzlich war, wollte es nur schnell hinter sich bringen. „Was wolltest du mir eigentlich erzählen? Ich muss ohnehin eine Pause machen, entschuldige, wenn ich vorhin nicht ganz bei der Sache war.“
„Ah, der Herr legt eine Pause ein!“
„Stefanie, ich habe mich entschuldigt und meine es ernst.“
„Gut, es dauert auch nicht allzu lange. Also: Ich habe ein Angebot bekommen im Osten zu arbeiten, in Leipzig.“
„Das klingt spannend.“
„Spannend?“
„Na ja, da ist vielleicht immer noch wenig Pionierstimmung, ich meine ...“
„Abgesehen davon, dass der Mauerfall jetzt schon lange zurückliegt, geht es mir zunächst um meine private, persönliche Situation. Das ist keine einfache Entscheidung und Mark meint, dass es für ihn nicht einfach wäre ...“
„Wer ist Mark?“
„Ich habe dir von ihm erzählt, ein Arbeitskollege.“
„Machst du deine Entscheidung von einem Arbeitskollegen abhängig?“
„Wir waren zusammen essen, das habe ich dir doch erzählt.“
„Von einem Kollegen, mit dem du einmal essen warst?“
„Oh Berger ...“
Das war ein schlechtes Zeichen, wenn sie ihn beim Nachnamen nannte, das bedeutete nämlich, dass sie Oberwasser hatte.
„Bei dem einen Essen ist es nicht geblieben.“
„Warum fragst du mich dann?“
Er hörte ein Seufzen.
„Der Job ist so eine tolle Chance, ausgerechnet jetzt platzt dieser Mann in mein Leben. Ich wollte einfach nur mit jemand anders als mit ihm darüber reden.“
„Wenn ihr euch wirklich liebt, dürfte die Entfernung keine Rolle spielen.“
„Ich habe dich geliebt!“
„Ja schon, aber uns beiden war doch klar, dass ...“
„…wir nur Freunde bleiben.“
„Ja! Aber dein, wie heißt er?“
„Mark!“
„Mark spielt jetzt eine Rolle in deinem Leben?“
„Offensichtlich wolltest du die nicht spielen.“
„Das hatten wir doch schon. Was also ist mit Mark?“
„Wir kennen uns doch noch gar nicht so lange, ich will nicht alles wieder aufs Spiel setzen.“
„Wann müsstest du wegziehen?“
„In zwei Monaten.“
„Dann könnt ihr ja noch einige Male essen gehen.“
„Vielen Dank. Das hilft mir sehr.“
„Essen gehen und mehr.“
„Ich bin nicht dumm, ich weiß, wie du das meinst. Aber ich muss mich in der nächsten Woche entscheiden.“
„Das ist keine einfache Entscheidung, die man übers Knie brechen kann. Ich kann meine Arbeit beenden und du kommst auf ein Glas vorbei, dann können wir in Ruhe reden.“
„Das würdest du tun?“
„Natürlich.“
„Aus Freundschaft, aus alter Freundschaft und sonst nichts? Keine Anmache, wenn es dein drittes Glas geworden ist?“
„Würdest du darauf eingehen?“
„Nein!“
„Dann ist die Sache klar!“
Berger, inzwischen beim zweiten Glas, gönnte sich eine erneute Pause. Kein Anruf hatte ihn mehr unterbrochen und nach dem Gespräch mit Stefanie hatte er eine ungewohnte Erleichterung gespürt. Dass sie auf sein Angebot nicht eingegangen war, bedeutete, dass es zwischen ihr und Mark wirklich ernst war und sie hatten sich darauf einigen können, dass sie ihre Entscheidung unabhängig vom Stand der Beziehung zu Mark treffen müsse, denn bei großer Zuneigung sollte die auch, wenigstens zeitweilig, einen Ortswechsel überdauern können. Damit war er selbst aus dem Spiel, jedenfalls was Stefanie anging, obwohl seine Erinnerung daran, was nach dem dritten Glas geschehen konnte, durchaus angenehm war. Da er erst beim zweiten war, wurde ihm schlagartig klar, dass er nicht nur aus dem Spiel war, sondern in der Luft hing. Er könnte jetzt noch einige Zeit weiter schreiben, schreiben und wiederum schreiben, aber das konnte er ja immer noch.
Im Redcliff gesellte er sich zu den Thekeneinzelgängern, die verträumt den Inhalt ihrer Gläser betrachteten. Die Tische waren meist von Pärchen besetzt. Marie, die Wirtin, wunderte sich, dass er alleine erschienen war. „In großer Wirrnis muss Raum für Kontemplation sein“, gab er ihr zur Antwort und erntete einen irritierten bis mitleidigen Blick. Wortlos schob sie ihm einen Roten hin.
Er nickte dankbar und steckte sich eine Zigarette an, als helles Gelächter seine Aufmerksamkeit erregte. An dem Tisch, von dem das Gelächter ausging, saß eine Gruppe von Männlein und Weiblein. Er blickte hinüber und so schnell nicht wieder weg.
„Die feiern gerade den Drehschluss einer Produktion“, erklärte Marie „und machen gerade ihr privates Making-Of.“
„Wer ist denn diese Dunkle ganz außen?“
„Soll ich das für dich herausfinden?“
Berger torkelte nach Hause. Immer wieder dachte er an die Dunkelhaarige, die nach Maries Auskunft eine externe Beraterin bei der Produktion war. Sie hob sich auf eine Weise, die er nicht erklären konnte, von den anderen der Gruppe ab. Es war ihm nicht möglich gewesen, sie anzusprechen, zu sehr waren die Filmleute mit sich selbst beschäftigt.
Er musste dringend pinkeln und blickte sich nach einem geeigneten Ort dazu um. Er stand gerade vor einer großen Plakattafel, auf der ein berühmtes Fotomodell Dessous präsentierte. Das war schon ziemlich unverschämt. Diese äußerst begehrenswerte Frau tat so, als ob sie für jedermann zu haben wäre. Und dass ausgerechnet ihm gegenüber, der zurzeit selbstverschuldet in Klausur lebte. Er bugsierte seinen Schwengel aus der Hose und versuchte so hoch wie möglich auf die Plakatschönheit zu pinkeln. Gemeinerweise ließ sich das die Schönheit nicht gefallen, sondern gab ordentlich zurück. Zu spät änderte er den Winkel des Strahls und konnte nicht verhindern, dass er sich nass machte. Vorbei die Chance noch einmal im ‚Belle Époque einzukehren, um ein wenig Erlösung bei einer der dort verkehrenden vereinsamten Schönheiten zu suchen.
Am nächsten Morgen packte Berger seine befleckte Hose zu einem inzwischen immensen Berg an Schmutzwäsche und stopfte einen Teil in die Waschmaschine. Gähnende Leere im Kleiderschrank brachte ihn auf die Idee, sich in der Stadt nach neuer Kleidung umzuschauen. Auch wollte er sich dafür belohnen, dass er endlich nach viel zu langer Pause wieder mit dem Schreiben begonnen hatte, obgleich er auch noch ein wenig unsicher war, ob es eine gute Wahl war, über einen erfolgreichen Autor zu schreiben. Da aber nicht der Erfolg das Thema war, sondern die Entfremdung des Schreibenden von der Wirklichkeit, hielt er seine Entscheidung nach wie vor für richtig. Ein kommerziell erfolgreicher Autor schien ihm dem wahren Leben noch entrückter als ein am Hungertuch darbender.
Ein wenig graute ihm vor dem Einkauf. Wie sollte er die richtigen Größen oder Farbkombinationen ohne weiblichen Rat finden? Aber er machte sich gar nicht schlecht dabei, wie er selbst fand. Anscheinend hatte er sich bis jetzt nur aus Bequemlichkeit kein eigenes Urteil gebildet. Immer im Glauben, dass das der Frauen – in dieser Hinsicht – ohnehin seinem überlegen war.
Schließlich hatte er es stolz zu drei riesigen Tüten mit Hosen, Hemden und Pullis gebracht. Die deponierte er an einem Stand des Kaufhauses, um sich dann unbeschwert in der Computer-Abteilung umzusehen. Vor einem Zubehörregal für drahtlose Spielereien bückte er sich zum untersten Fach und las die Beschreibung auf der Packung.
„Kennen Sie sich damit aus?“
Er blickte hoch und erkannte die Dunkelhaarige von gestern Abend. Er grinste wie jemand, der beim Apfeldiebstahl erwischt worden war. „So einigermaßen. Was suchen Sie denn?“
„Ach Sie sind es. Haben wir uns nicht gestern Abend im Redcliff gesehen?“
Berger war klar, dass sie damit meinte, dass er sie ständig angestarrt hatte. „Aber ja. Sie gehörten doch zu dem Filmteam, das gefeiert hat.“
„Das war vielleicht eine verrückte Produktion, sag ich Ihnen. Die werden jede Menge Nachdrehs haben.“
„Und werden Sie wieder als Beraterin dabei sein?“
„Woher wissen Sie von meiner Funktion?“
Berger gab zu, dass er sich nach ihr erkundigt hatte. Aber das schien ihr gar nichts auszumachen. Sie sprachen auch nicht lange davon und sie machte ihn kurz entschlossen zu ihrem Fachberater in Computerfragen. Manchmal stellte er sich dümmer als er war, um sie zu weiteren Nachfragen zu bewegen.
Dann hatten sie schließlich alles zusammen, was ihr zu ihrem Computerglück fehlte und gingen Richtung Kasse. Inzwischen duzten sie sich, wie das bei Kneipenbekanntschaften so üblich ist. Kurz vor der Kasse blieb sie stehen.
„Jetzt haben wir so viel für mich gekauft und du hast gar nichts.“
„Ich wollte mich ohnehin nur informieren.“
„Nein, du musst auch etwas kaufen.“
„Na gut, vielleicht einige CD-Rohlinge, die kann man immer gebrauchen.“
„Die bezahl ich dir natürlich.“
Berger kam mit den Rohlingen zurück und präsentierte sie demonstrativ.
„Aber nicht gleich aufessen!“, sagte sie mit gespielt ernsthafter Miene.
Berger schaute sie ungläubig an, strahlte dann aufgrund ihres goldigen Humors und biss zum Spaß in die Packung.
Beschwingt wie seit langem nicht mehr trat Berger den Heimweg an. Achtlos warf er seine Tüten auf das Sofa, kochte einen Kaffee und machte sich sofort an die Arbeit. Er musste unbedingt den Schwung ausnutzen, den Debra bei ihm hinterlassen hatte. Sie hatten noch ein Glas zusammen getrunken und er konnte daher noch mehr von ihrer ungewöhnlichen Art erleben, die er als eine seltene Mischung aus Intelligenz und Leichtigkeit empfand. Wie er am Vorabend schon vermutet hatte, hob sie sich damit wohltuend von vielen ihrer Branche ab, die Überheblichkeit mit Fähigkeit gleichsetzten. Aber warum sie sich so menschlich gab oder war, erschloss sich ihm noch nicht. Jedenfalls dachte er sofort daran, sie zum Vorbild der Protagonistin seines neuen Werks zu machen. Er hatte bislang nur gewusst, dass von der Frau, die er beschrieb, eine Faszination ausgehen sollte, ohne die in Männerphantasien allseits beliebten Klischees einer coolen Schönheit zu bedienen. Bis dahin noch keine hinreichenden Kriterien, wie er selbst festgestellt hatte. Und jetzt präsentierte ihm die Wirklichkeit genau das, was er suchte. Was er bis jetzt über Debra erfahren hatte, reichte jedoch nur für eine grobe Skizze. Er war sich bewusst, dass er sie – wie ein Maler sein Modell – noch genauer studieren musste, um sie wirklich zu perfektionieren.
Schon als Merten nicht mehr damit rechnete, erreichte ihn der lang ersehnte Anruf bzw. die Nachricht auf seinem Anrufbeantworter.
„Mögen die Schatten der Vergangenheit entschwinden und die Wesen der Zukunft sich mit ihren Schwingen erheben. Du kannst mich unter 33 44 65 erreichen.“
Mehr war es nicht, aber er wusste, dass nur sie es sein konnte. Er rief zurück und hinterließ folgende Botschaft: „ … erheben über die Täler von Ungewissheit und Not, Verzweiflung und Wirrnis bis am Horizont die weiten und satten Ebenen der Erkenntnis erscheinen. Jeanne, es ist in den letzten Jahren einiges geschehen. Das würde ich dir gerne in Ruhe erzählen. Können wir uns treffen?“
Die blumige, altmodische Sprache stammte aus der Zeit als er mit dem Schreiben begonnen hatte und Jeanne sich über ihn als künftigen Verfasser schwülstiger Romane lustig gemacht hatte. Ganze Abende verbrachten sie mit der Verulkung seiner ersten Entwürfe, bis sie schließlich eines Tages einfach verschwand, nichts als einen Zettel mit einer Nachricht hinterlassend: „Du bist jetzt soweit. Du brauchst mich nicht mehr.“
Das war ihre letzte Botschaft gewesen – 8 Jahre her. Sie hatte recht damit, dass er sie damals nicht mehr brauchte, um schreiben zu können. Aber es gab noch etwas anderes im Leben als Arbeit und dafür vermisste er sie immer noch.
Berger fügte noch etliche Begebenheiten in seinen Entwurf ein, u.a. einen Empfang, den der Verlag zu Ehren des Autors gab. Mit dem Wermutstropfen, dass er Jeanne nicht daran teilnehmen lassen konnte, da er noch zu wenig über ihr reales Vorbild wusste. Der weitere Verlauf seiner Handlung hing entscheidend davon ab, wie sich die Figur Jeanne entwickeln würde und dazu brauchte er mehr von Debra. Er hatte sie bereits einmal angerufen, aber sie war sehr beschäftigt und versprach zurückzurufen, sobald sie Zeit habe. Er wartete also genauso auf den Anruf, wie seine Figur es getan hatte. Zwischendurch malte er sich dreister Weise weitere Eigenschaften Debras aus. Gab es aber wieder auf, weil die Gefahr bestand, dabei Vorurteile zu schaffen, die seine Wahrnehmung beeinflussen würden.
Nach drei Tagen kam er nicht mehr weiter und ging wieder ins Redcliff. Vergeblich blickte er sich nach Debra um. Nach einer halben Stunde setzte sich eine junge Frau, um die Mitte zwanzig, unaufgefordert neben ihn.
„Hallo, ich bin Verena. Bist du Bernhard Berger?“
„Bin ich.“
„Debra hat mir von dir erzählt. Du schreibst Bücher?“
„Ja, das stimmt. Wie geht es Debra?“
„Wohl nicht so gut, Beziehungsstress und dann der Nachdreh.“
„Verstehe, grüß sie trotzdem von mir.“
„Mach ich. Ich finde es gut, wenn jemand noch richtige Literatur verfasst. Was diese angeblichen Drehbuchautoren abliefern, zeugt oft davon, dass sie noch nie ein Buch gelesen haben.“
„Aber sie verdienen besser.“
„Mag sein. Aber so ein richtiger Autor ist doch was Anderes.“
Berger war diese Anhimmelei peinlich. „Hast du denn was von mir gelesen?“
Sie zog seinen letzten Roman ‚Katzenhund‘ aus der Tasche. „Gestern Abend habe ich angefangen. Ich bin schon auf Seite 100.“
„Da müssten sie gerade das Boot gechartert haben.“
„Das ist unheimlich toll beschrieben. Ich meine man spürt richtig, wie sich da was zusammenbraut.“
„Es wird einen Sturm geben.“
„Als Metapher meinst du? Habe ich mir gedacht, das ist so natürlich, so zwingend geschrieben. Hast du den Film gesehen?“
„Welchen Film?“
„Der Sturm.“
„Nein, habe ich was verpasst?“
„Man kann das natürlich schlecht vergleichen, aber die Spannung ist bei dir ähnlich stark – wirklich.“
„Du redest in der Tat über ‚Katzenhund‘?“
„Ja schon, warum fragst du?“
Berger war versucht, diese Ignorantin loszuwerden, wie konnte man sein Buch mit einem Film vergleichen? Aber schließlich konnte er vielleicht noch etwas von ihr erfahren.
„Kennst du Debra eigentlich gut?“
„Debra?“ Sie zögerte diesmal, als sei es ihr unangenehm jetzt an sie erinnert zu werden.
„Was heißt ‚gut‘? Wir arbeiten gelegentlich zusammen.“
„Was machst du eigentlich bei der Produktion?“
„Welche meinst du?“
„Na, der Nachdreh.“
„Nein, da bin ich nicht dabei. Ich bin bei einer anderen Produktion für die Vorauswahl der eingehenden Stoffe zuständig. Wie gesagt, es ist viel Mist darunter.“
„Hm.“
„Wir haben jetzt jedoch eine interessante Story, die Figuren sind noch ein wenig blass. Wenn ich mir dagegen ‚Katzenhund‘ anschaue.“
„Die ersten hundert Seiten.“
„Trotzdem, ich meine ...“
„Sag mal, wie ist das eigentlich bei einem Drehbuch? Weiß man da schon, welche Schauspieler das machen werden?“
„Manche Autoren wissen schon genau, wen sie sich vorstellen, sonst hilft ihnen die Casting-Abteilung. Du hast doch nach Debra gefragt?“
„Ja!“
„Mit der ist das wirklich lustig. Sie kann sich überhaupt keine Namen merken. Sie sitzt dann immer da und sagt: ‚Wie hieß eigentlich dieser Dingens, der in Dingens mitgespielt hat? Na ihr wisst schon, wen ich meine. Wir lachen dann immer total ab.“
„Warum macht sie das dann?“
„Keine Ahnung, sie sollte vielleicht lieber bei einer Bank arbeiten, da muss man sich nur Zahlen merken. Ha, ha, ha!“
Berger fand Verenas Lache grässlich, wie überhaupt ihr Auftreten. Er ahnte, dass sie etwas Bestimmtes von ihm wollte, aber sie kam nicht richtig zur Sache. Auch die Hoffnung, von ihr Wesentliches über Debra zu erfahren, hatte er schon aufgegeben, als Verenas Aufmerksamkeit durch einen neuen Gast abgelenkt wurde.
„Das ist er.“
„Wer?“
„Debras ehemaliger Lover, wegen dem sie so down ist.“
Berger musste seinen Kopf drehen, um einen Jungdynamischen zu beobachten, der an einem Tisch alle dort Sitzenden auf coole Art begrüßte und dabei von jedem ein anerkennendes Schulterklopfen erntete. Er war ein kräftiger Blonder mit kühlen, flinken Augen.
„Er ist Junior-Producer bei River-Film. Wir hörten schon alle die Hochzeitsglocken bimmeln, da hat er sie im letzten Moment fallen lassen. Schön blöd, nicht wahr?“
Berger hakte ein wenig nach und erfuhr lediglich noch, dass der Junior womöglich nur auf ein Fremdgehen Debras reagiert hatte. Wenn er an diesen Junior herankam, würde er vielleicht schneller als erwartet, Debras Bild weiterzeichnen können und er hatte schon eine Idee, wie er das anstellen könnte. „Kannst du mich mit ihm bekannt machen?“, fragte er Verena.
„Ja, aber ich wollte mit dir noch …“
„Später Süße reden wir ganz ausführlich, exklusiv!“
Dann saß er schließlich dem versnobt wirkenden Ex-Lover Debras gegenüber. Ihn direkt nach Debra zu fragen, wäre etwas plump gewesen. Das Einzige, was er zu bieten hatte, war sein letzter Roman und so sprach er, um ins Gespräch zu kommen, das Thema einer möglichen Verfilmung an.
Sein Vorgehen erreichte seinen Zweck. Der kühle Blonde namens Leon war im Nu von arroganter Ablehnung auf zuvorkommendes Interesse umgeschwenkt, als Berger sich als Autor von ‚Katzenhund‘ geoutet hatte. „Ich habe neulich Debra kennengelernt. Sie machte einen engagierten Eindruck, wäre sie auch an dem Projekt beteiligt?“
„Debra? Sie arbeitet selbständig. Machen Sie Ihr Angebot von ihr abhängig?“
„Nein, ich weiß zu wenig von ihr, außer, dass sie ein schlechtes Namensgedächtnis hat.“
„Hat sie das? Das weiß ich gar nicht, sie ist im Job jedenfalls total fit.“
„Keine Probleme?“
„Ich wäre wirklich froh, wenn Debra fest für uns arbeiten würde.“
„Waren Sie nicht mal mit ihr liiert?“
„Woher? Egal. Ja war ich. Aber das geht Sie nun wirklich nichts an.“
„Natürlich nicht. Entschuldigen Sie.“
Leons Handy klingelte und es stellte sich heraus, dass er dringend weg musste.
„Wir reden über die Verfilmung beim nächsten Mal“, sagte er zum Abschied.
„Machen wir“, antwortete Berger und schalt sich einen Depp. Was hatte er eigentlich erwartet? Dass Leon ihm, einem Fremden, intime Beziehungsdetails verraten würde? Er wunderte sich im Nachhinein über sein unbedarftes Vorgehen und darüber, was er bereit war zu opfern, um mehr über diese Frau zu erfahren.
An der Theke wartete noch Verena auf ihn, die wohl die Unterhaltung mitbekommen hatte. Auf sie hatte er nun überhaupt keine Lust. Er ging zu ihr, gab vor, einen wichtigen Termin vergessen zu haben und verabschiedete sich, eine verblüffte Verena zurücklassend.
Wieder zuhause stocherte er auf der Tastatur wie in einem schlecht schmeckenden Essen herum. Ohne Debra kam er nicht weiter.
Am nächsten Abend begab er sich erneut ins Redcliff, nachdem er vorher auf ihrem AB die Handynummer hinterlassen hatte, die er sonst äußerst ungern herausgab. Zu seiner Überraschung wartete bereits Leon auf ihn.
„Hi, Bernhard, Sie wieder hier? Legen Sie eine kreative Pause ein? Oder arbeiten Sie tagsüber und haben schon Feierabend?“
„Zurzeit überarbeite ich einiges, das klappt besser am Tag mit klarem Kopf, Sie verstehen?“
„Ihr Kreativen seid alle gleich! Können wir über ‚Katzenhund‘ sprechen? Ich meine auch ohne Debra?“
‚Katzenhund‘ als Film? Berger kam es wie Verrat vor. Auf was hatte er sich da eingelassen? Natürlich konnte man jede Vorlage irgendwie verfilmen. Aber was blieb von der eigentlichen literarischen Besonderheit übrig? Er kannte genug Beispiele für misslungene Verfilmungen.
„Wissen Sie, ich habe es mir überlegt, ‚Katzenhund‘ ist nicht verfilmbar, wirklich nicht. Tut mir leid.“
„Und warum haben Sie gestern danach gefragt? Ich finde schon, dass es verfilmbar ist.“
„Ich habe mich eben geirrt. Nochmals: Es tut mir leid!“
Berger wendete sich ab und ließ Leon einfach stehen.
Zuhause dann Debras Nachricht auf dem AB. „Was höre ich da, du willst ‚Katzenhund’ verfilmen lassen? Das finde ich, ehrlich gesagt, ziemlich bescheuert. Ich rufe jetzt nicht die Handynummer an, weil du wahrscheinlich gerade mit Leon verhandelst. Warum hast du ihn überhaupt angesprochen? Das verstehe ich einfach nicht. Ich melde mich später noch einmal.“
