Durchlöchert den Status quo! - Michael Hirsch - E-Book

Durchlöchert den Status quo! E-Book

Michael Hirsch

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Beschreibung

Die politische Gegenwart ist paradox: Während den meisten Akteur*innen in Politik, Gesellschaft und Bewegungen klar ist, dass angesichts der Klimakatastrophe ein Weitermachen wie gehabt unmöglich ist, ist eine Alternative zum Status quo so unvorstellbar wie noch nie. Die politische Fantasie scheint verödet, das Vakuum der Demokratieverdrossenheit wird von rechts besetzt. Michael Hirsch und Kilian Jörg starten den Versuch, die linke Vorstellungskraft wieder aufzuforsten – inspiriert von dem in Frankreich berüchtigten Konzept der »zu verteidigenden Zone« (Zone à défendre – ZAD). Die berühmte ZAD in Notre-Dame-des-Landes besteht seit über fünfzehn Jahren als ein aus Verwertungszusammenhängen herausgelöstes Gebiet, in dem mit neuen sozialen Beziehungen, mit neuen Verhältnissen zu Arbeit und Ökologie experimentiert wird. Können diese Erfahrungen auf größere Maßstäbe übertragen werden? Dieses Buch ist eine radikale Spekulation: Was wäre, wenn der Staat das Potenzial autonomer Zonen erkennen und fördern würde – statt es zu bekämpfen? Was wäre passiert, hätte man den 30.000 Demonstrierenden in Lützerath statt Polizeigewalt ein wirkliches Mitspracherecht angeboten? Was wäre, wenn wir dem wachsenden Faschismus mit einer neuen, ernstgemeinten Form der Demokratie begegnen? Ein Text, der Mut für zukünftige Kämpfe macht und verdeutlicht, dass hinter der trüben Lethargie des kapitalistischen Realismus noch immer die Möglichkeit einer Vielfalt anderer Welten liegt. »Michael Hirsch und Kilian Jörg gelingt etwas ganz Erstaunliches: Sie verbinden die wildesten Impulse des französischen Linksradikalismus mit einer soliden, geradezu demütigen Reformperspektive, die den Staat auf Gemeinwohl und Gemeinbesitz verpflichten will. So gilt gleich doppelt: Wir müssen die Revolution nicht erfinden, sondern in Wald und Verwaltung das verteidigen, was das freie Zusammenleben aller ermöglicht.« Eva von Redecker

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Seitenzahl: 177

Veröffentlichungsjahr: 2025

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MICHAEL HIRSCH, geboren 1966 in Karlsruhe, ist Philosoph, Politologe und Kunsttheoretiker. Er lehrt Politische Theorie und Ideengeschichte an der Universität Siegen und lebt als freier Autor in München. Zuletzt erschien Kulturarbeit. Progressive Desillusionierung und professionelle Amateure (Textem 2022). www.michael-hirsch-archiv.de

KILIAN JÖRG, geboren 1990 in Wien, arbeitet theoretisch, künstlerisch und aktivistisch zur ökologischen Katastrophe. Veröffentlichungen zu Clubkultur, Abstandhalten, dem politischen Backlash, dem Automobil und anderen Religionen des Toxischen.

Edition Nautilus GmbH

Schützenstraße 49 a

D-22761 Hamburg

www.edition-nautilus.de

[email protected]

Alle Rechte vorbehalten

© Edition Nautilus GmbH 2025

Originalveröffentlichung

Erstausgabe März 2025

Umschlaggestaltung: Maja Bechert

www.majabechert.de

Satz: Corinna Theis-Hammad

www.cth-buchdesign.de

Porträts auf S. 2: Michael Hirsch © Peter Arun Pfaff

Kilian Jörg © Sabrina Rosina

Bildnachweise:

Bild S. 22 oben © Les Soulèvements de la Terre

Bild S. 22 unten © Les Soulèvements de la Terre

Bild S. 23 © La déroute des routes

Bild S. 25 © Stéphane Tonnelat

Bild S. 91 © P.M.

Bild S. 96 © Thibaud Moritz / AFP

1. Auflage

ePub ISBN 978-3-96054-394-7

Inhalt

1 Die aktuelle Lähmung in der Politik

2 Mit konkreten Utopien den Status quo durchlöchern

3 »Wir verteidigen nicht die Natur, wir sind die Natur, die sich verteidigt!« – Was ist die ZAD?

4 Gegen den Flughafen und seine Welt

5 Nicht nur gegen die Welt: Präfiguration und Auswege aus der Hoffnungslosigkeit

6 »Imaginez« – Stellt euch vor ...

7 Doppelstrategie. Minoritäre Utopien mehrheitstauglich machen

8 Binäre Gegensätze überwinden: Demokratische Entwicklung von oben und von unten

9 Politischer Aktivismus und zivilgesellschaftliche Arbeit: Drinnen und draußen zugleich

10 Flucht in die Zukunft – ZAD als Modell

11 Unternehmungen, die das Gedeihen fördern – Selbstermächtigung und ihre öffentliche Unterstützung

12 Die Bolo’boloisierung der Politik

13 Gewöhnung an ein Eigentum der Erde

14 Sieg oder Verrat? Die Legalisierung der ZAD und der Kampf um das Gemeineigentum

15 Die Unreinheit von Staat, Recht und Eigentum als Feld der progressiven Intervention

16 Many New Deals zur fortschreitenden Abschaffung der Lohnarbeitsgesellschaft

17 »This is what democracy looks like« – Demokratie weiterentwickeln

Epilog: Vertrauen in die Arbeit am besseren Leben

Danksagung

Literatur

1 Die aktuelle Lähmung in der Politik

»Das System bricht überall um uns herum zusammen in genau jenem Moment, in dem viele Personen die Fähigkeit verloren haben, sich das Funktionieren eines anderen Systems vorzustellen.«

(Graeber 2018a, 13)

Der Satz »Es gibt keine Alternative« ist zur zentralen Legitimation des neoliberalen Kapitalismus geworden. Der frappierende Mangel an mehrheitsfähigen Vorstellungen anderer und besserer Weltenordnungen führt zu der paradoxen Situation, dass selbst hohe Würdenträger*innen wie der UN-Generalsekretär oder der Papst die katastrophale Lage der Welt eingestehen können, fast alle europäischen Nationen und Regierungen den »Klimanotstand« ausgerufen haben – und sich trotzdem rein gar nichts am kapitalistischen System ändert. Dessen Veränderungsfähigkeit angesichts der ökologischen Katastrophe scheint sich auf das Präfix »grün« zu beschränken, welches an fast jede Branche, Maschine und Institution einfach ohne wesentliche Änderung (und mit massiver staatlicher Förderung) angehängt wird. Green New Deal, grüne Verbrennermotoren, Green Economy, klimaneutrale Flughäfen, Klima-Autobahnen, recycelbare Plastikflaschen, Grüner Kapitalismus, und so weiter …

Dass diese kompromissbasierten Minimalreformen nicht genug sind, um die notwendig gewordene tiefgreifende Transformation zu bewerkstelligen, ist allerorts spürbar. Doch aufgrund einer vorherrschenden toten Zone der Vorstellungskraft (»Dead Zone of the Imagination«, Graeber 2015, 45ff.), durch die die Möglichkeiten lebbarer Alternativen verborgen bleiben, fühlt sich ein großer Teil der Gesellschaft an eine Maschine gefesselt, die in ewiger Beschleunigung gegen die Wand rast. Frustration, Ressentiment, Zynismus und Defätismus sind das Resultat – eine Affektlage, die unter herrschenden Bedingungen nur neofaschistischen Demagog*innen hilft. Sogar die ehemaligen Großparteien des Systems, die aktuell ihren Großparteienstatus bei jeder Wahl deutlicher an die allerorts wachsenden Rechtsaußen-Parteien verlieren, spüren mittlerweile diese autoritäre Gefahr. Doch ihr Verständnis der Lage ist zu dumpf und konzeptlos, und so versuchen sie mit Slogans wie »das Schlimmste verhindern« und »die Errungenschaften der liberalen Demokratie verteidigen« zu mobilisieren. Alle politischen Kräfte des Establishments verbünden sich zunehmend gegen die wachsende Gefahr von rechts. Fast alle ihre bisherigen, ohnehin eher marginalen Unterschiede werden nivelliert in dieser panisch wirkenden Haltung der Bewahrung und Rettung des Bestehenden. Dass dies weder dem großen – und affektiv berechtigten! – Frustpotential des Status quo etwas entgegensetzen kann, noch in der Lage ist, gegen diese bedrohliche Lage mit glaubwürdigen Veränderungsangeboten zu mobilisieren, führt dazu, dass sich das etablierte System weiter verhärtet und alle utopischen und von Freude und Solidarität getragenen Veränderungsaffekte in kleine Nischen drängt.1

Egal wo man hinsieht: Dem herrschenden Gemeinsinn unserer Gegenwart mangelt es markant an utopischen Zielen, Sehnsuchtsorten und politischer Fantasie, die sich der soziokulturellen und materiellen Wirklichkeit der planetaren Krise annehmen könnten. Der in Politik und Wirtschaft nach wie vor herrschende Techno-Optimismus verharrt in einer Utopie, die gänzlich den Boden unter den Füßen verloren hat – »large scale geo-engineering«, eine als allmächtige Generallösung angepriesene KI, die Elektrifizierung des herrschenden Mobilitätsparadigmas ohne fundamentalen Wandel seines Wesens, Smart Cities, etc. Kurz gesagt: ein Kapitalismus, der durch technische Innovation allein die Krise zu lösen vorgibt (und sie damit oftmals noch weiter verschärft, wie z. B. der Rebound-Effekt und neue Extraktivismen um Lithium und seltene Erden illustrieren). Im Notfall gibt es für die Profiteure dieses Wirtschaftssystems ja noch die im Silicon Valley boomende Fantasie des Exodus in den Bunker nach Neuseeland, oder gleich in die Kolonie der neureichen Überlebenden auf dem Mars.

Doch selbst im aktivistischen Widerstand gegen das herrschende Framing von Klimaschutz begegnet man oft einer Spielweise des Katastrophismus, die derselben toten Zone der Vorstellungskraft erliegt. Utopischen Sehnsuchtsorten einer besseren Welt begegnet man im aktuellen Ökoaktivismus weitaus seltener als einem oftmals auf Schocktaktiken zurückgreifenden Gemahnen der Schrecklichkeit der Lage. Mit alarmistischen Warnungen und spektakulären Aktionen versucht man, »die Masse aufzurütteln« und »die Politik endlich zum Handeln zu bringen«. Auch diese Haltung ist affektiv verständlich, politisch aber kaum zielführend – eine Einsicht, die sich mittlerweile selbst in aktivistischen Milieus durchsetzt, wie zum Beispiel die Auflösung der Letzten Generation in Österreich illustriert.2Unserer Einschätzung nach ist es kaum möglich, mit bloßen Alarmmeldungen die kritische Masse zu mobilisieren, die zum Erkämpfen einer besseren Welt notwendig ist. Die latente Gefahr eines Moralismus der Privilegierten, der sich solch eine alarmistische Taktik aussetzt, macht die Botschaft leicht abwehrbar und produziert eher – in einem »Kill the messenger«-Syndrom – Ressentiments und Hass gegen die sichtbarsten Vertreter*innen der Warnung. In solch einem toxischen Klima befeuert dies nur weiter die demagogischen, faschistischen und reaktionär-kapitalistischen Kräfte, die so ein weiteres, einfaches Feindbild bemühen können.

Die politische Filmemacher*in und Theoretiker*in Astra Taylor zeigt auf, dass Kapitalismus nicht nur auf der Vermehrung von Ungleichheit basiert, sondern ebenso auf der Vermehrung von Unsicherheit (Taylor 2023). Der Kapitalismus als eine Maschine der Überausbeutung von Mensch und Natur konnte demnach nur aufgrund einer »ursprünglichen Akkumulation« entstehen. Dieser von Marx eingeführte Begriff beschreibt, wie die Lebensrealitäten von subsistenzwirtschaftenden Bäuer*innen durch Enteignung und Vertreibung so prekär und unsicher gemacht wurden, dass sie zum Industrieproletariat umgeformt werden konnten. Erst als ihr Existenzdruck unerträglich geworden war, waren sie bereit, sich für ausbeuterische und menschenunwürdige Lohnarbeit in Fabriken herzugeben. Laut Taylor lebt dieses Regime der kapitalistischen Steigerung von Unsicherheiten durch wachsenden Schuldendruck, Aushöhlung des Sozialstaats, Prekarisierung von Arbeitswelten und den digital bedingten Zustand der permanenten Überreizung bis heute selbst in der sogenannten »entwickelten Welt« fort. Wenn Unsicherheit also ein den Kapitalismus anfeuerndes Gefühl ist, sollte man der Taktik des öko-aktivistischen Alarmismus mit Vorsicht begegnen (Jörg 2022b). Sonst droht die herrschende Darstellung der Klimakrise im Mainstreamdiskurs zum feuchten Traum eines auf allgemeiner Unsicherheit aufbauenden Kapitalismus zu werden. Die Krise ist planetar und allgemein anerkannt, doch nirgendwo gibt es eine glaubhafte Alternative, die Sicherheit versprechen könnte. Was bleibt also sonst zu tun, als Geld für den Budget-Bunker auf einer höher gelegenen Insel anzusparen und trotz ökologischem Bewusstsein dem kaputtmachenden Karrierismus im herrschenden System weiter zu frönen, der einem zumindest jetzt noch ein »gutes Leben« ermöglicht – und auch den etwaigen Kindern noch am ehesten eine Chance auf Überleben in den kleiner werdenden privilegierten Zonen des Desasterkapitalismus sichert.

  1 Faschismus muss in dieser geopolitischen Konfiguration gar nicht die Macht übernehmen. Es genügt schon, wenn die »faschistische Bedrohung« den notwendigen radikalen Wandel verhindert und paralysiert, ohne dass die Neofaschisten die Macht im Stil einer autoritären Diktatur übernehmen – so ist es für die herrschende kapitalstarke Klasse auch weniger risikoreich.

  2 Ein Ausschnitt aus dem Pressestatement der Gruppe: »Wir haben es versucht. Wir haben weitergemacht trotz Gewalt, Morddrohungen, Festnahmen und Haft, Hass oder Strafen in Höhe von zehntausenden Euros. Wir sehen keine Perspektive für Erfolg mehr. Die Regierung glänzte in den letzten zwei Jahren mit kompletter Inkompetenz. Menschen aus der Bevölkerung haben sich für die fossile Verdrängung entschieden. Wir sehen ein, dass Österreich weiter in fossiler Ignoranz bleiben will und damit in Kauf nimmt, für den Tod von Milliarden von Menschen mitverantwortlich zu sein. Die Gesellschaft hat versagt. Uns macht das unendlich traurig. Wir machen Platz, damit neues entstehen kann.«, via: mailchi.mp/letztegeneration/ende-der-proteste [4.2.2025]

2 Mit konkreten Utopien den Status quo durchlöchern

Es ist unserer Einschätzung nach also an der Zeit, ökologische Politik radikaler in die eigene Hand zu nehmen und jenseits des Alarmismus an konkreten utopischen Entwürfen im Hier und Jetzt zu arbeiten. Wir setzen dabei voraus, dass es ein ausreichendes Bewusstsein der katastrophalen Lage in der Gesellschaft, aber zu wenig Möglichkeiten der Erfahrung gibt, die dieses Bewusstsein zum Erstreiten besserer Alternativen lenken könnte. Nur wenn Menschen in Ansätzen erfahren können, wie man auch anders und besser leben kann, wird das angesammelte Bewusstsein zu einem Wandel führen anstatt zu einer weiteren Verhärtung des Bestehenden. Nur so, glauben wir, kann dem (berechtigten) Alarmismus auch ein (benötigter) radikaler Wandel folgen: Es braucht die Arbeit an der Plausibilisierung radikal anderer Lebensweisen, die mehr und mehr Menschen als freud- und hoffnungsvollere Alternativen zum katastrophischen Realismus erscheinen können. Es braucht den Einsatz für konkrete Utopien im Hier und Jetzt, die das imaginäre Begehren nach dem Exodus zur Marskolonie umleiten können zu einem utopischen Umstieg in lebbare Alternativen des ökologischen Commonings auf dieser Erde.

Tatsächlich gibt es unterm Radar der Mainstreammedien bereits unzählige historische und gegenwärtige Alternativen, die als Inspiration für solche utopischen Ideen in katastrophalen Zeiten dienen können.3 Unser Buch fokussiert sich vor allem auf ein konkretes Beispiel der jüngeren Aktivismusgeschichte, um davon ausgehend folgende Frage zu stellen: Wie könnte man konkrete Utopien, die im Kleinen bereits realisiert sind, verallgemeinern und für eine Veränderung des bestehenden politischen und wirtschaftlichen Systems fruchtbar machen, anstatt diesem nur im Modus des Widerstands von außen zu begegnen? Als ersten Schritt werden wir das im deutschsprachigen Raum noch viel zu wenig bekannte Konzept der in Frankreich sehr präsenten ZAD – Zone à défendre, »zu verteidigende Zone« – vorstellen und diskutieren. Dieses Konzept hat es in den letzten zwei Jahrzehnten in Frankreich zu einem Status allgemeiner Bekanntheit gebracht, sodass es mittlerweile im französischen Wörterbuch Larousse zu finden ist4 und in den allgemeinen Sprachgebrauch Eingang gefunden hat. »Ein Gespenst geht um in der politischen Klasse Frankreichs: die ZAD«, schreibt so ein*e unter dem Pseudonym Martin Luterre5 publizierende*r Autor*in (2023, 173) in einem aktuellen Buch über die französische Formation Les Soulèvements de la Terre (»Die Aufstände der Erde«). Diese führt trotz gescheitertem Illegalisierungsversuch durch den Staat weiter intensive Massenaktionen gegen Autobahnen, Zementfabriken, Wasserprivatisierungen etc. durch und ruft dabei immer wieder neue ZADs aus. Der Begriff ZAD und dessen neugeschaffene Verbform zadisier (»zadisieren«) taucht allerorts in Frankreich auf – von den Gelbwesten über die großen Proteste um das Renten- und Gesundheitssystem bis ins Parlament, wo man der Linksaußen-Partei La France Insoumise vorwirft, durch ihre radikale Politik das Parlament zu »zadisieren«. Sogar die Streikbrechereinheit CRS der französischen Polizei hat mittlerweile eine eigene cellule anti-ZAD (»Anti-ZAD-Einheit«) eingerichtet mit dem erklärten Ziel, jegliche Form von ZAD aufzulösen und in Zukunft zu verhindern. Panik herrscht unter den Vertreter*innen des Status quo in der Republik, genauso wie Hoffnung und Motivation unter Aktivist*innen vom Konzept der ZAD gebündelt werden konnten. Dieses Phänomen erscheint uns aktuell als einmalig in Europa (und weckt am ehesten Assoziationen an die Befreiungskämpfe in Rojava und Chiapas): Ein potentiell revolutionäres Projekt hat allgemeine Bekanntheit in einem Land erreicht und so das Mantra des »There is no alternative« des Status quo ins Wanken gebracht. Noch bedeutet ZAD für die meisten Französ*innen eher so etwas wie »bedrohliches Chaos« und ist (bisher) mit wenig Hoffnung konnotiert. Doch es hat sich bereits ein reicher Korpus an Comics, Graphic Novels, Rap-Songs, Filmen, Büchern und medialer Berichterstattung über die ZAD als positive Transformationsmöglichkeit herausgebildet, der eine kritische Masse und vielleicht sogar noch viel mehr Leute erreichen und potentiell mobilisieren kann. Le futur est une ZAD (»Die Zukunft ist eine zu verteidigende Zone«) ist ein Slogan, der als Gespenst über dem Status quo Frankreichs hängt und – in unserer optimistisch gewagten These – ein Transformations- und Revolutionspotential in sich tragen könnte. Wir möchten in diesem Buch diese These ausformulieren und so dem Projekt des Zadismus, dem Programm ZAD Partout! (»ZAD überall!«) zu mehr Bekanntheit auch außerhalb Frankreichs verhelfen.

Wir waren nicht selbst an den konkreten territorialen Kämpfen um die erste und erfolgreichste ZAD in Notre-Dame-des-Landes im Nordwesten Frankreichs beteiligt und erfuhren erst über aktivistische Kreise und über die diversen Quellen, die wir in diesem Buch heranziehen, von der Existenz und dem Erfolg der ZAD. Inzwischen waren wir dort mehrmals zu Besuch, den Anstoß zu diesem Buch gab jedoch weniger die Auseinandersetzung mit jenem konkreten Ort als die mit dem ökopolitischen Modell der ZAD. Dieses Bild der ZAD speist sich großteils aus positiven Erzählungen und spürbaren Potentialen, wobei wir nicht unterschlagen wollen, dass auf dem Weg ihrer Verwirklichung diverse Akteur*innen abgesprungen sind. Manche von ihnen bezeichnen die heutige ZAD als ein Scheitern oder gar einen Verrat (siehe Kapitel 14) – selbst einige unserer Gesprächspartner*innen, die weiterhin dort leben. Auch gibt es viele Zadist*innen, die unser hier entwickeltes Programm als hoffnungslos naiv und utopisch bezeichnen würden. Wir glauben jedoch, dass in scheinbar naiven Utopien eine wichtige politische Kraft steckt. Denn unseres Erachtens ist die tote Zone der Vorstellungskraft eine der Hauptblockaden für echte Transformation. Es ist immer leicht (und »realistisch«), in die Hoffnungslosigkeit zurückzufallen, und auch uns passiert dies regelmäßig. Unser Buch versucht einen anderen Weg: Es möchte dazu beitragen, einen in der ZAD aufblitzenden utopischen Horizont zu verstärken und aufzuwerten, um der gegenwärtigen Depression zarte Waffen entgegenzustrecken. Wir nennen unsere Vorgehensweise »strategischen Optimismus«, mit dem die potentielle Übersetzbarkeit der utopischen Impulse des Zadismus in eine progressive Politik untersucht werden kann. Primär geht es uns also darum, aus diesem französischen und noch eher lokalen Konzept der ZAD einen Anstoß für jene allgemeine utopische Vorstellungskraft zu entwickeln, welche so schmerzlich fehlt. Dafür, glauben wir, braucht es Modelle und Taktiken, um nicht nur den radikalen, sondern auch manchen gemäßigteren Akteur*innen innerhalb der bestehenden Ordnung ein utopisches Auswegszenario anzudeuten. Wir möchten also das neue Gespenst der ZAD auch auf Deutsch zu fassen versuchen und für ein größeres politisches Projekt der utopischen Handlungshorizonte in einer Zukunft mit katastrophalen Tendenzen fruchtbar machen. Die ZAD dient uns als Prisma, durch das wir die gegenwärtige Lage handlungsermächtigend denken können. Ausgehend von ihr spekulieren wir weit über sie hinaus und formulieren utopische Reformen des Bestehenden, die als erster Schritt eine radikale Transformation begünstigen könnten, indem sie die Alternativen sichtbarer und realistischer erscheinen lassen. Wir denken über die Herausforderungen und Möglichkeiten nach, sich in der aktuell herrschenden Form von Demokratie und angesichts der Krise weiterzuentwickeln, um nicht nur kurzfristige Antworten auf die Krise umzusetzen (was wohl strukturell immer zu spät passieren wird), sondern auch ein besseres, ökologisches Leben in der Zukunft schon heute institutionell zu fördern und in Wert zu setzen. Unser Hauptinteresse ist also, die Ökologie als politisches Projekt aus ihrem bisher herrschenden Kontext des Sparens, Verzichtens, Leisertretens und Hausaufgabenmachens zu befreien und als gesamtgesellschaftliches Utopieprojekt für eine Vielfalt von bunten und gedeihenden Lebensformen zu formulieren. Ökologie kann auch von Freude, Lust und Kampfeswillen für das Bessere getragen werden. Hierbei hat uns die ZAD viel gelehrt: nicht zuletzt, dass die Definition des besseren Lebens mit der Rückeroberung eines spezifischen Territoriums und dem Aushandeln der Lebensweise darauf konkret werden kann.

Für dieses Projekt möchten wir uns der bislang wenig behandelten Frage widmen, inwiefern die aktivistischen Mikropolitiken der ZAD eine Allianz mit progressiven Akteur*innen in der etablierten Politik eingehen könnten, um einen größeren Wandel zu ermöglichen. Gibt es eine Möglichkeit, die ZAD nicht nur gegen »den Staat« und »die Politik« zu denken (wie das in den meisten anarchistischen Kreisen der Fall ist)? Könnte die ZAD eine Art politisches Programm für einen Staat werden, der sich seiner massiven institutionellen Gelähmtheit bewusst ist und der bereit ist, Auswege aus dieser zu suchen? Kann sich so vielleicht eine der Klimakatastrophe gemäße Idee von gesellschaftlichem Fortschritt herausbilden, selbst wenn dies zu einem teilweisen, aber gesunden Aufgeben von Kompetenzen und Machtmonopolen des Staates führt?6 Kann also die herrschende Staatsform dazu gebracht werden, sich selbst zu durchlöchern, indem immer mehr Akteur*innen in ihr erkennen, dass sie, in Verbindung mit dem Kapitalismus, den Planeten erstickt?

Da die großen linken Gesellschaftsmodelle der einen besseren Gesellschaft heutzutage – und vielfach zu Recht – kaum mehr Mobilisierungspotential aufweisen, glauben wir, dass man ausgehend vom Modell der ZAD einen neuen linken Patchwork-Utopismus skizzieren kann. Also die Utopie eines zukünftigen Planeten, der unzählbar viele Welten beherbergt, die sich nicht mehr einer vereinheitlichenden Logik – sei es die des Kapitals oder eine andere – unterwerfen, sondern diverse und in sich widersprüchliche Ordnungsschemata gleichzeitig zulassen. Die Förderung von (Bio-)Diversität würde aber in jedem Fall als menschliches wie planetares Gut politisch an die erste Stelle gesetzt werden. Wir bezeichnen dieses Projekt an späterer Stelle als die »Bolo’boloisierung der Politik« und sehen die ZAD als realpolitischen Ausgangspunkt dieser Möglichkeit.

Mit den diversen Materialien und Stimmen, die wir über die Jahre in intensiven Diskussionen miteinander angesammelt haben, möchten wir so zu einem politisch-philosophischen Austausch über ideologische Gräben innerhalb der Linken hinweg anregen. Dies haben wir über viele Jahre des gemeinsamen und offenen Forschens im künstlerischen Forschungszusammenhang Stoffwechsel – Ökologien der Zusammenarbeit insbesondere mit Jack Hauser, Claudia Heu, Lisa Hinterreithner, Sabina Holzer und Anita Kaya real ausprobiert und nicht nur theoretisch, sondern auch somatisch dem nachgefühlt, wie eine Pluralität Gemeinwesen schaffen kann.

Wie wir im Verlauf des Textes argumentieren werden, glauben wir, dass für eine zukunftsgewandte Politik Widersprüche eher als Potential zur dynamischen (Weiter-)Bewegung denn als Hindernis verstanden werden sollten. Aus dieser Perspektive erscheinen feste und solide Positionen dann als unnötige Starrheit. Uns interessiert primär das, was zwischen widersprüchlichen Polen in Bewegung gesetzt wird, und wir vertrauen darauf, dass diese Bewegungen dann in eine interessante Richtung weitergeführt werden und über unsere jeweiligen Positionen hinausgehen. In diesem Sinne haben auch wir in diesem Textprojekt zueinandergefunden, weil wir eine produktive Differenz zwischen unseren politisch-philosophischen Ansichten und Grundpositionen sehen, die wir gemeinsam erkunden wollen, um die jeweiligen Engstirnigkeiten im Dialog aufzuweichen. Während sich Kilian Jörg der anarchistischen Bewegungslinken verbunden fühlt, steht Michael Hirsch einem eher linksbürgerlichen Projekt eines radikalen Reformismus oder progressiven Etatismus nahe. An manchen Stellen haben wir in diesem Prozess noch keine einheitliche Position gefunden. Eher als diese Widersprüche vorschnell aufzulösen, scheint es uns produktiver und anregender, sie in ihrer Spannung zu belassen. Eine Spannung, die hoffentlich zur Mitarbeit an einer neuen, utopischen Vorstellungskraft einlädt, zu der dieser Text ein kleiner Anstoß sein will.

  3 Für schöne Überblicke über einige solcher Inspirationsquellen unter dem Motto »The solutions are already here!« siehe u. a.: Alexander Behr, Globale Solidarität – Wie wir die imperiale Lebensweise überwinden und die sozial-ökologische Transformation umsetzen (2022), adrienne maree brown, Emergent Strategy: Shaping Change, Changing Worlds (2017), Peter Gelderloos, Tausend widerständige Territorien – Strategien für eine ökologische Revolution von unten (2024), Vanessa Machado de Oliveira, Hospicing Modernity – Facing Humanity’s Wrongs and the Implications for Social Activism (2021), Milo Probst, Für einen Umweltschutz der 99%. Eine historische Spurensuche (2021).

  4 »ZAD oder Zad: (Meist ländlicher) Raum, besetzt von Militanten, die sich einem staatlichen Planungsprojekt entgegenstellen, das sie für unnötig, zu teuer und mit großen Nachteilen für die Umwelt sowie für die lokalen Bevölkerungen verbunden halten. (Dieser Gebrauch des Begriffs ist eine Zweckentfremdung der Abkürzung ZAD [zone d’aménagement différé: Zone aufgeschobener Planung]).«, larousse.fr/dictionnaires/francais/ZAD/188223. Unsere Übersetzung [4.2.2025].

  5 Eine wortwitzige Verbindung aus französisch lutter (»kämpfen«) und terre (»Erde«), die natürlich auch an den Reformator Martin Luther, aber auch an den Bürgerrechtskämpfer Martin Luther King erinnert.

  6 Diese Durchlöcherung der aktuellen staatlichen Ordnung deutet sich auch beim Versuch der Umsetzung der UN-Deklaration über die Rechte indigener Völker an, die von den meisten Staaten bisher zwar noch schmählich ignoriert wird, aber z. B. im kanadischen British Columbia kurz vor ihrer ersten Implementierung steht. Das Resultat deutet auf eine konkrete Aufgabe von staatlichem Macht- und Gewaltmonopol zugunsten diverser indigener Völker und ihrer traditionellen Länder hin (siehe z. B. Kopecky 2024).

3 »Wir verteidigen nicht die Natur, wir sind die Natur, die sich verteidigt!« – Was ist die ZAD?

Das Konzept der zu verteidigenden Zone (ZAD) stammt aus kommunistisch-anarchistischen Kreisen und entstand in seiner heutigen Prägung im weiter unten dargestellten Kampf um Notre-Dame-des-Landes ab 2008. Es benennt den Versuch, ein konkretes Territorium zu besetzen, progressiv ein- bzw. zurückzufordern (»Reclaiming«) und somit von der staatlich-kapitalistischen Ordnung zu befreien. Zumeist erwächst eine solche großangelegte Besetzung aus dem aktiven Widerstand gegen ein ökologisch besonders zerstörerisches Infrastrukturprojekt wie einen Flughafen, eine Autobahn oder eine Kohlemine.