Dürers Geheimnis - Klaus J. Dorsch - E-Book

Dürers Geheimnis E-Book

Klaus J. Dorsch

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Beschreibung

Eigentlich will John Wattsen im niederbayrischen Markt Essing nur ein etwas heruntergekommenen Museum wieder in Schwung bringen. Dabei stößt er jedoch auf einen sensationellen Fund, der allerlei zwielichtige Elemente anlockt, die auch vor Mord nicht zurückschrecken. Doch der junge Mann mit den außergewöhnlichen Fähigkeiten aber auch Handicaps eines Hochsensiblen gerät in einen Strudel dramatischer Ereignisse, deren Ursprünge mehr als ein halbes Jahrtausend zurückliegen und die heutige Welt in eine Katastrophe apokalyptischen Ausmaßes zu stürzen drohen, denn es handelt sich um eine Bedrohung durch ein Genie - um Dürers Geheimnis.

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Seitenzahl: 382

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Klaus J. Dorsch

Dürers Geheimnis

Wattsens erster Fall

 

 

 

Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis

Titel

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Impressum neobooks

Kapitel 1

Sie wunderte sich, dass sie in dem kurzen Moment, bevor ihr der furchtbare Anblick das Bewusstsein raubte, in der Lage war, die Ereignisse noch einmal vor ihrem geistigen Auge vorbeiziehen zu lassen, als müsste sie ein abschließendes Resümee ziehen. War das nicht so, kurz bevor man starb? Doch nicht ein ganzes Leben zog blitzartig an ihr vorüber, sondern nur die letzten Minuten, seit sie zu Tom ins Auto gestiegen war.

„Kannst du denn überhaupt schon wieder fahren?“ hatte sie ihn gefragt.

„Na klar, ich bin fit genug. Sei nicht albern - die paar Kilometer Landstraße. Kein Problem“, hatte er geantwortet und dabei gelacht.

Sie erlebte die Szene wieder, als würde sie erneut geschehen: Wie sie ihn skeptisch betrachtete, aber wusste, dass ihre Einwände ohnehin sinnlos wären. Er ließ niemanden an das Steuer seines heißgeliebten Porsche 911 Carrera S. Auf das „S“ legte er großen Wert.

Der späte Novembermorgen war kalt und es regnete leicht. Die Straßen über Land würden leer, die Sonntagsausflügler, wenn es denn zu dieser Jahreszeit überhaupt welche gab, zuhause geblieben sein und sie hatten es tatsächlich nicht sehr weit bis zu ihrem Haus am Münchner Stadtrand.

Sie war noch todmüde. Die Party gestern hatte bis vier Uhr morgens gedauert und beide waren in den ungewohnt harten Gästebetten kaum zum Schlafen gekommen. Die junge Frau zog die Beine an und kauerte sich tief in das weiche, wohlriechende Leder des Beifahrersitzes, während er den 400 PS-Motor des weißen Cabrios aufheulen ließ und auf 140 Stundenkilometer und mehr beschleunigte.

„Fahr bitte nicht so schnell“, ermahnte sie ihn - ein Automatismus, von dem sie wusste, wie wenig er bewirkte. Sie lächelte matt und legte ihre Hand spielerisch auf seinen muskulösen Oberschenkel, ließ sie langsam immer weiter hinauf wandern.

„He, Baby, was hast du denn vor? Ist es dafür nicht noch ein wenig früh? Und ich bin noch nicht ganz …“

Tom ließ den Wagen in eine Kurve driften. Dann war da nur noch dieses ohrenbetäubende Krachen, furchteinflößend, wie der Schrei eines wilden Urtieres. Er hatte keine Chance gehabt, das Langholzfuhrwerk rechtzeitig zu bemerken, das auf die Landstraße einbog. Die mächtigen Stämme fetzten die Windschutzscheibe des Cabrios weg, als wäre sie aus dünnem Zellophan. Die junge Frau hörte das brachiale Splittern des Glases. Sie hatte ein derartiges Geräusch noch nie zuvor in ihrem Leben gehört. Es schien ihr in diesem Moment eigenartig, dass sie Zeit hatte, so lange über dieses Geräusch nachzudenken, so, als ob diese Zeit für einen Augenblick stillstehen würde. Sie spürte den furchtbaren Aufprall, der sie mit der Wucht einer Titanenfaust in den Sitz presste und gleichzeitig schmerzhaft an jeder Faser ihres Körpers zerrte. Auch dies geschah in quälender Langsamkeit. Dann war da plötzlich dieses Dröhnen in den Ohren, dann eine Art von Taubheit, dann das schreckliche Schwindelgefühl, dann die Orientierungslosigkeit, dann diese unnatürliche Stille.

Und die Kälte. Vor allem aber die Stille.

Als sie sich Ewigkeiten später über den Rand der völlig zerschmetterten Tür fallen ließ, sah sie Toms Kopf im Straßengraben liegen. Sie glaubte, trotz des vielen Blutes das Erstaunen in seinem Gesicht zu erkennen, oder in dem, was davon noch übrig war.

Dieser Anblick brannte sich in ihr Gehirn, wie nie ein Eindruck zuvor. Niemals würde sie dieses Bild vergessen.

Ihr Leben würde von nun an ein anderes sein.

Kapitel 2

Die Hitze setzte ihm wie stets sehr zu, aber das Erlebnis, das er sich hier draußen erhoffte, würde ihn dafür reich entschädigen.

Den Jeep hatte er unten am Fuße des Felsens abgestellt, so dass er ihn von hier oben aus nicht mehr sehen konnte. Dies war ihm wichtig. Er stand alleine auf dem Plateau, das Sand und Wind in Jahrtausenden geformt und glattgeschliffen hatten.

Der junge Mann ließ die Umgebung auf sich wirken. Nur deshalb war er hier. Dies allein war sein Ziel.

Aufgrund seiner angeborenen Hochsensibilität war er in der Lage, die geringsten Sinneseindrücke sehr bewusst wahrzunehmen, was für ihn oft eine Last war. Sein Thalamus im Gehirn funktionierte anders als bei den meisten Menschen – viel mehr Reize wurden als wichtig eingestuft und erreichten sein Bewusstsein. Menschen wie er, welche die Psychologen als HSP - Highly Sensitive Persons - bezeichneten, besaßen sehr hohe Mengen an Neurotransmittern, so dass beim Transport innerhalb der Nervenbahnen geringere Übertragungsverluste auftraten. So erreichten auch sensorische Reize ihr Bewusstsein, die bei anderen Menschen erst gar nicht im Gehirn ankamen.

Hier draußen gab es kaum sensorische Reize.

Er blickte auf den endlosen Sand, der sich in weich fließenden Dünen unbegrenzt auszudehnen schien. Keine Dörfer, keine Berge, kein Baum. Nichts. Der Horizont war eine gerade, ereignislose Linie, die sich wie ein Kreis um ihn herumzog. Wohin er auch blickte: Leere. Nur ein helles, fast nuancenloses Beige, soweit das Auge reichte. Keine Wolke am nahezu farblosen Himmel. Die Sonne stand senkrecht. Sogar sein Schatten war verschwunden.

Es tat ihm trotz der blendenden Helligkeit gut, die Augen zu entspannen und frei davon zu sein, ständig Informationen verarbeiten zu müssen, die von allen Seiten auf ihn einprasselten. Hier gab es keine Informationen. Nicht einmal das kleine Plateau irgendwo in der Wüste des südlichen Marokko hatte einen Namen, über dessen Schreibweise, Aussprache oder Bedeutung er sich hätte Gedanken machen müssen. Es herrschte eine mentale Stille, die er als wohltuend empfand.

Er horchte in die Weite hinaus. Nichts. Soweit er seine auditiven Sinne auch ausdehnte – es blieb absolut still. Die meisten Menschen konnten sich eine solche Stille nicht vorstellen. Für sie war ein plätschernder Bach, leise zwitschernde Vögel oder das sanfte Rauschen der Bäume schon Stille, während ihr Alltag ständig ausgefüllt war mit Stimmen, Musik oder Verkehrslärm.

Hier draußen in der Einsamkeit war die Stille jedoch absolut. Nicht ein Windhauch regte sich. Kein noch so geringes Geräusch drang an sein Ohr. Er genoss diese Ruhe, die er auf der Welt sonst noch nirgendwo gefunden hatte – nur hier.

Er roch nichts. Nur den Sand und den Staub, deren Geruch aber in diesem Land so allgegenwärtig war, dass selbst er ihn nach so langer Zeit nicht mehr bewusst wahrnahm. Es war wunderbar, trotz der Mittagsglut, eine Luft zu atmen, die so absolut frei von olfaktorischen Belästigungen war.

Das völlige Fehlen aufdringlicher sensorischer Eindrücke versetzte ihn in eine Art Rauschzustand, den er nicht zu beschreiben vermocht hätte. In diesem Moment war ihm bewusst, dass er anders war und er hatte nicht oft Gelegenheit, diese Andersartigkeit zu genießen.

Aber jetzt konnte er es. In diesem einzigartigen Moment der Schwebe, in dem die Zeit für ihn inne hielt, in dem sein regelmäßiger Atem und der Schlag seines Herzens die einzigen Anhaltspunkte dafür waren, dass das Universum nicht stillstand.

Er verinnerlichte dieses Gefühl, versuchte, es zu konservieren, um sich später wieder daran erinnern zu können, weil er wusste, dass es solche Augenblicke für ihn nicht mehr geben würde.

Morgen musste er nach Deutschland zurückkehren und ein Studium beginnen. In einer Welt, die zu ertragen für ihn oft schwierig war.

Sein Leben würde von nun an ein anderes sein.

Kapitel 3

Ich versuchte vergeblich, mir Daumenschrauben anzulegen. Zum einen hätte ich einer dritten Hand bedurft, um die große Flügelschraube zu drehen und damit beide Daumen gleichzeitig zu fixieren, zum anderen war das Gewinde des mittelalterlichen Apparates völlig eingerostet und nicht mehr funktionsfähig. Wieder mal Schrott. In diesem Museum ist die Hälfte Schrott. Seufzend legte ich das Instrument auf einen Haufen restaurierungsbedürftiger oder völlig desolater Folterinstrumente, die sich inzwischen auf meinem Schreibtisch häuften wie das skurrile Kunstwerk eines postmodernen Künstlers.

Das Thema Kriminalgeschichte und Rechtsaltertümer interessierte mich eigentlich nur peripher, ich hätte lieber in einer großen Gemäldegalerie in München oder Nürnberg gearbeitet, in der Alten Pinakothek beispielsweise oder am Germanischen Nationalmuseum, wenngleich es mich aus Gründen meiner psychischen Konstitution nicht unbedingt in die Großstadt zog. Die beschauliche Stelle hier auf dem Lande hatte durchaus ihr Gutes.

Natürlich stand auch eine möglichst schnelle finanzielle Absicherung nach dem Studium im Vordergrund. Zu lange hatte ich diesbezüglich schon die Unterstützung meiner Eltern in Anspruch genommen. Nach dem Abitur war ich einige Jahre in der Welt herumgezogen, um mir und vor allem den anderen zu beweisen, dass ich nicht so zart besaitet war, wie viele glaubten. Ich hatte mich längere Zeit in Marokko aufgehalten und dort hauptsächlich an humanitären Projekten mitgearbeitet, die schlecht oder gar nicht bezahlt wurden. Ich hatte damals die karge Landschaft und die einfachen Lebensumstände genossen, die überschaubaren Eindrücke, mit denen mein Geist konfrontiert wurde - Eindrücke von einer Einfachheit und Wahrhaftigkeit, anders als die stetige, banale Flut von Informationsmüll, welche die industrialisierte Welt überflutete und die sie so nötig zu haben glaubte.

Dennoch lag es nicht in meiner Absicht, allzu lange in Markt Essing, der Tausend-Seelen-Gemeinde im Landkreis Kelheim, zu bleiben, und die aktualisierten Bewerbungsmappen lagen weiterhin griffbereit in der einzigen abschließbaren Schublade meines ziemlich schäbigen Dienstschreibtisches.

Jemand klopfte lautstark an die Tür und auf ein zustimmendes Brummen meinerseits erschien Konradin mit einem auffallend strahlenden Lächeln. In der Hand hielt er eine Art Karte versteckt, als wäre sie ein Heiligtum. Ich warf einen kurzen Blick aus dem Fenster und bemerkte einen etwas ungeschickt eingeparkten alten Golf, der mir vorher noch nie aufgefallen war.

„Guten Morgen, Herr Doktor“, grüßte er höflich. Konradin Metzler war letzte Woche achtzehn Jahre alt geworden, ging auf das Gymnasium in Kelheim und stand kurz vor dem Abitur. Die alleinerziehende Mutter des etwas introvertierten, manchmal etwas eigenwilligen jungen Mannes betrieb einen kleinen lukrativen Andenkenladen mit Devotionalienkitsch im Kloster Weltenburg. Dort war er quasi aufgewachsen und hatte schon früh alle Kunstschätze der Kirche und des Klosters erkundet, die ihn sehr beeindruckten. Sein Berufswunsch war es, Kunstgeschichte zu studieren und so hatte er sich, als die Stelle des Museumsleiters durch mich wieder neu besetzt worden war, kurzerhand zu einem kleinen Praktikum im Museum von Markt Essing entschlossen, das er an seinen freien Tagen und nachmittags ableistete. Ich konnte die Hilfe zum jetzigen Zeitpunkt tatsächlich sehr gut gebrauchen und freute mich über sein Interesse, wenngleich es hauptsächlich der Waffensammlung galt. Aber das war eben so ein Teenager-Ding. Und von sakraler Kunst hatte er wahrscheinlich schon genug gesehen.

„Ich wollte fragen, obs mich noch brauchen, Herr Wattsen, weil … weil …“

Während manche Leute (vor allem von nördlich des Weißwurstäquators) tatsächlich meinen Namen mit einem a aussprachen, färbte seine bayrische Mundart ihn ungewollt zum englischen „Wotsen“, was tatsächlich der richtigen Aussprache nahekam.

„Sag doch einfach John zu mir“, bat ich ihn, „ist mir viel lieber. Gratulation zum Führerschein! Na, geh schon, aber ich hoffe, du hast Winterreifen drauf und fährst vorsichtig im Schnee, so ein alter Golf rutscht leicht weg.“

„Oh, … Danke!“ Ein wenig genoss ich sein verdutztes Gesicht. „Ich … woher wissen Sie das nur immer alles? Aber vielen Dank! Ich möchte meine Großeltern in Tübingen besuchen – vielleicht springt ja ein kleines Sponsoring für die Kiste raus. Ich bin bis Montag wieder zurück. In der Schule haben wir drei Tage bewegliche Ferientage.“

Ich hatte nicht damit gerechnet, ihn gerade jetzt mehrere Tage entbehren zu müssen, heute war Mittwoch und bis zur offiziellen Wiedereröffnung des Museums am Samstag würde noch viel Arbeit anfallen. Aber ich wollte ihm den Spaß nicht verderben, zumal er seinen Dienst hier freiwillig und bislang tadellos versehen hatte.

Während ich kurz darauf den Motor des Wagens aufheulen und dann jäh wieder absterben hörte, setzte ich meine Unterschrift auf die letzte Auszahlungsanordnung und betrachtete nachdenklich den schwungvollen, etwas barock wirkenden Anfangsbuchstaben meines Nachnamens, der immer etwas zu groß und irgendwie zu theatralisch ausfiel, wobei der weite Bogen im Auslauf vom W alle nachfolgenden sechs Buchstaben wie eine Brücke überspannte und sogar über diese hinausreichte, vor allem, wenn ich ihn dann noch einmal hakenartig nach oben zog. Manche Leute sahen darin etwas Affektiertes, wie in meinem schmalen, gepflegten Schnurrbart, der mir angeblich einen britischen Touch verleiht, ohne dass ich dies beabsichtigen würde, denn ich bin kein Brite.

Dr. John G. Wattsen. Ich mochte meinen Namen im Moment nicht besonders. Er bereitete mir eher Probleme. In letzter Zeit hatte ich mehrmals ernsthaft über eine Namensänderung nachgedacht, aber das würde meiner Mutter bestimmt nicht gefallen. Und meinem Vater erst recht nicht, schließlich war es sein Name. Unsere Vorfahren kamen aus Schottland. Früher hatte ich nie darüber nachgedacht. Es war eben ein relativ häufiger amerikanischer Name (einige große Firmen heißen so), ein Name, der wie selbstverständlich zu mir gehörte, so wie meine widerspenstigen, kurzen Haare undefinierbarer Farbe, irgendetwas zwischen dunkelblond und hellbraun, oder meine Augen von ebenso unbestimmbarer Färbung, die je nach Lichteinfall zwischen grau und einem wässrigen blau changierten. Und außerdem schreibt man den bekannten „Watson“ ganz anders. In meiner Kindheit spielte mein Nachname kaum eine Rolle, für meine bayrischen Freunde war ich einfach „der Johann“ (ich heiße John nach meinem Großvater), obgleich mein Vater die Bayuwarisierung meines Vornamens, derer sich sogar Mutter oft bediente, nicht so gerne hörte. Aber seit der Promotion in Kunstgeschichte an der Universität München („Adaptionen und Rezeption der Struwwelpeter-Illustrationen von Heinrich Hoffmann in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts“), bei der meinem bis dahin eher unauffälligen Namen ein Doktortitel hinzugefügt wurde, fanden es viele Leute besonders witzig, mich zu fragen, wie es denn meinem Freund Holmes ginge oder ob ich immer noch für den „Strand“ schriebe.

Es war nicht sonderlich erhebend, auf Dauer immer wieder mit dem Sidekick einer berühmten Figur in Verbindung gebracht zu werden. Sicher, Watson wurde als honorig geschildert, als gebildet und manchmal auch mutig, alles positive Eigenschaften. Aber er war eben nur Mittelmaß, nur dazu da, durch seine Beschränktheit den Stern von Holmes umso heller strahlen zu lassen.

Eine neue Dimension gewann diese mir unangenehme Aufmerksamkeit, die man meinem Namen angedeihen ließ, als ich vor einem Monat (um genau zu sein, vor 29 Tagen) das „Museum für regionale Kriminalgeschichte“ in der kleinen Gemeinde im Altmühltal übernahm. Fast überall, wo ich mich mit vollem Namen vorstellte, konnte ich förmlich spüren, wie alle mit sich rangen, etwas besonders Geistreiches von sich zu geben, das ich in allen erdenklichen Varianten nun schon jeweils gefühlte hundert Male gehört hatte und stets mit einer höflichen Bemerkung beantworten musste, wie: „Ja, es ist wirklich ein erstaunlicher Zufall, dass ausgerechnet ich nun ein Museum für Kriminalgeschichte leite“ – oder so ähnlich.

Dabei hatte ich diesen Posten gar nicht aus besonderem Interesse für dieses Fachgebiet angestrebt, sondern mich einfach nach dem Studienabschluss auf die ersten drei geeigneten Stellenausschreibungen unterschiedlichster Art beworben. Doch nur aus Markt Essing hatte ich überhaupt eine Antwort erhalten und ohne langes Überlegen zugegriffen. Vielleicht, überlegte ich irritiert, während ich meinen Füller akkurat neben der etwas abgegriffenen dunkelgrünen Schreibunterlage ausrichtete, hatte ich die Anstellung letztlich sogar meinem Namen zu verdanken, den die Damen und Herren des Marktrates, der aus CSU und der Freien Christlichen Wählergemeinschaft zusammengesetzt war (was aber, glaube ich, nichts damit zu tun hatte), möglicherweise unbewusst mit Expertentum in Sachen Kriminalistik verbanden - oder sie hielten es für einen besonders witzigen Werbe-Gag. Egal.

Ich nahm einen Schluck weißen Tee aus der englischen Spode-Tasse und sah durch das Fenster zum winterlichen Marktplatz mit dem weiß getünchten Rathaus hinüber und weiter hinauf zur Spitze des Bergfriedes der Burgruine Randeck, die auf einer imposanten, pittoresken Felsformation hoch über dem Ort thronte, als wollte sie Neuschwanstein Konkurrenz machen. Na ja, vielleicht nicht ganz so. Ich liebe übrigens weißen Tee mit einem Hauch von Mango-Zitronen-Aroma, natürlich ohne Milch oder Zucker, was für mein hochempfindliches Geschmackssensorium einer gustatorischen Beleidigung gleichgekommen wäre.

Allerdings, überlegte ich, während ich mir dazu ein After Eight aus der schon fast leeren Packung nahm und von dem schokoladenüberzogenen Minzplättchen eine kleine Ecke abbiss, würde das Museum eine gehörige Runderneuerung brauchen, was aber eine durchaus interessante Aufgabe sein könnte. Möglicherweise barg das umfangreiche Archiv im Keller (oder vielleicht war „Lager“ doch der treffendere Ausdruck dafür) einige unentdeckte Schätze. Vielleicht fand ich einen Leonardo da Vinci? Bislang hatte ich aber frustrierenderweise fast nur Müll zutage gefördert.

Die dunkle, bittere Schokolade schmolz und erzeugte einen angenehm herben und doch süßen Geschmackseindruck, den ich als „warm-südamerikanisch“ bezeichnen würde, während die dann hervorquellende, helle Minzcreme eine ganz andere Süße mit einer frischen, stechenden, „kühl-englischen“ Note hinzufügte, die sich mit der vorherigen Empfindung angenehm mischte. Ich liebe es, dazu gleichzeitig einen Schluck heißen Tee zu nehmen, der das Geschmackserlebnis noch intensiviert und um einige weitere Nuancen bereichert. Der Geschmack von Pfefferminz war für mich untrennbar mit seinem Geruch verbunden. Als Kind zerrieb ich oft frische Minzblätter aus unserem Garten zwischen den Fingern und atmete den Duft tief ein. Tatsächlich entsteht Geschmack zu einem großen Teil durch das gleichzeitige Wahrnehmen über die Geruchsorgane. Da Gerüche direkt im Limbischen System entsprechenden Erinnerungen zugeordnet werden und ein Geruch immer die Emotion erzeugt, die er bei uns zum ersten Mal ausgelöst hat, entstand jedesmal vor meinem geistigen Auge das Bild meiner Tante, die mir als kleinem Jungen ein Pfefferminzbonbon schenkt, dessen ungewöhnlicher, für mich damals völlig neuer Geschmack und Geruch sich mir unauslöschlich für mein ganzes Leben in Verbindung mit ihrer Person eingeprägt hatte.

Friedhelm Krebel, mein Vorgänger, ein hiesiger, damals schon pensionierter Schulrat, hatte das Museum etliche Jahre mit großem Eifer (aber wie mir schien, mit wenig Sachverstand) ehrenamtlich betreut und lange erfolgreich verheimlichen können, dass er an zunehmender Demenz litt, bis er sich mit einer Walther PPK aus dem Museumsbestand ins Knie schoss - mit der Konsequenz einer polizeiliche Untersuchung. Man stellte damals fest, dass sich die Waffe im Originalzustand befand und immer noch geladen war. Der mit Krebel befreundete Ortspolizist verfolgte die Sache jedoch nicht weiter. Schließlich wurde wegen seines geistigen Zustandes eine Einweisung in das Pflegeheim St. Hedwig in Kelheim unumgänglich, wo Krebel nach einem leichten Schlaganfall nun in seiner eigenen Welt lebte - wie Fräulein Radispül es so treffend auszudrücken pflegte.

Auf mir lastete jetzt die Bürde, das etwas abgehalfterten Museum mit dem provinziellen Charme aus seinem Dornröschenschlaf erwachen zu lassen und daraus einen „touristischen Anziehungspunkt der Extraklasse“ zu machen. Daran jedenfalls hatte Sebastian Wempertshammer vom Fremdenverkehrsamt, der sich selbst gerne als „Gemeindemarketingkoordinator“ bezeichnete, und dem das Museum amtlicherseits (leider) unterstellt war, beim Einstellungsgespräch keinen Zweifel gelassen. Ich fragte mich, wie ich das anstellen sollte - ich konnte schließlich keinen Mord begehen, um die Aufmerksamkeit der Welt auf Markt Essing und sein Kriminalmuseum zu lenken, obwohl sich mein Chef in seiner jovialen Selbstüberschätzung und oberbayuwarisch-unsensiblen Art manchmal als Opfer geradezu anbot. Aber ein Mord würde in dieser idyllischen Gemeinde, die romantisch-verträumt auf dem schmalen Streifen zwischen dem Fluss und dem Burgfelsen lag, sowieso nicht geschehen.

Zumindest glaubte ich das.

Ich sah erschrocken auf die Uhr. Schon kurz nach zwei. Natürlich hatte ich es wieder mal vergessen. Heute war Mittwoch.Und sie war Frühaufsteherin. Als hätte ich es mit meiner Überlegung heraufbeschworen, dudelte im selben Moment mein Handy leise das Kufstein-Lied. Die Mama! Die Melodie im schunkelnden Dreiviertel-Takt, die ich ihr als Klingelton zugeordnet hatte, erzeugte vor meinem inneren Auge den Ausblick auf eine ferne, schneebedeckte Alpengebirgskette, mit ihr, wie sie vor meinem mit Lüftlmalerei reich verzierten Elternhaus auf der alten Holzbank in der Abendsonne saß (obgleich dies alles mit Kufstein nichts zu tun hatte, sondern mit Bad Tölz und ich genau wusste, dass das Haus am Ortsausgang in der Wackerbergerstraße weitaus weniger romantisch gewesen war, als ich es mir in meiner Fantasie rückblickend immer vorstellte).

Ich ahnte, was nun auf mich zukommen würde und atmete noch einmal tief durch, bevor ich das Feld mit dem grünen Hörersymbol berührte.

„Hallo Mama … ich weiß, du bist schon lange auf … ich konnte wirklich nicht früher …“

„Ah geh, red doch koan Schmoarn doher!“ kam es ohne Gruß oder Anrede, „vergessen host ers, wie ollerweil. Wann i di net selber onrufen dat, kamerten mir doch nie zamm.“

Meine Mutter war eine gebürtige Tölzerin und hatte sich bis heute ihren oberbayrischen Dialekt bewahrt, auch wenn sie nun schon wieder seit einigen Jahren mit meinem Vater in den Vereinigten Staaten lebte, und sie mischte ihr Bayrisch oft unfreiwillig komisch mit englischen Vokabeln.

„Hosts scho auf, dei museum?“ Sie sprach es wie immer „mjusiem“ aus.

„Am Samstagmittag ist meine offizielle Vereidigung mit öffentlicher Amtseinführung im Rathaus. Vorher gibt es den alljährlichen Festumzug, danach den Festgottesdienst und einen Festumtrunk im ‚Roten Ochsen‘, dann komme ich mit meinem Festvortrag und zuletzt meine Fest…, also meine Führung durch das neugestaltete Museum für geladene Gäste mit Sektempfang.“

„Ganz schö viel Festlichs, wos? No schaug, dassd zurecht kimmst, heit is scho Mittwoch, des is fei high noon. Des werd bestimmt a aufregender Sädderdi für di wern. Call me fei, wies woar. Und bind der a nice Krawattl um (ich fragte mich kurz irritiert, ob sie wohl ein hübsches oder ein neues meinte) und nimm dei guates Gwand, herst? Und steck der frische Taschentircherl ei und putz der net ollerweil die Händ mit deine neimodischen feichten Papiertircherl ab, die so greißli stinka, dass die do drom net a ‚Mister Sagrotan‘ zu dir sogn taten, wie on der Uni!“

Niederbayern war für meine Mutter schon immer „drom“ gewesen, also „droben“ (auf hochdeutsch „oberhalb“), weil sie es immer noch von Bad Tölz aus sah, während von droben aus gesehen für die meisten Niederbayern das Oberbayernland „drunt“ ist. Viele Nichtbayern verwirrt die kartographische Lage der beiden Regierungsbezirke, die Oberbayern unten, also südlich auf der Landkarte zeigt, Niederbayern hingegen nördlich, also oben. Erschwerend kommt hinzu, dass die Niederbayern benachbarte Oberpfalz sich kartentechnisch gesehen ordnungsgemäß oberhalb von Niederbayern befindet. Man darf das Ganze aber nicht landkartenmäßig sehen, sondern wohl höhenbezogen. Alles, was Richtung Alpen ansteigt, liegt höher, also „droben“, eine Argumentation, die allerdings für die Oberpfalz nicht gilt. Sie leitet ihren Namen aus der historisch-kartographischen Bezeichnung „Obere Pfalz gen Bayern“ ab, die aus einer Teilung des Hauses Wittelsbach entstanden war, wobei die Pfälzer Linie Teile Nordbayerns erhielt.

Ich war zwischenzeitlich mit meinen Gedanken in Geographie und Historie abgeschweift und hatte nicht mehr auf die mir altbekannten, üblichen Ermahnungen meiner Mutter geachtet, die vor allem stets anständiges Benehmen (was immer das genau heißen mochte), Einhaltung christlicher Tugenden, ordentliche Bekleidung und ausreichenden Schutz vor Erkältungskrankheiten beinhalteten und ich schreckte durch ihre Frage auf.

„Wie is denn des Wetter bei eich?“

„Klirrend kalt“, antwortete ich und bewies damit, dass ich dem Gespräch artig gefolgt war, „aber meist sonnig, manchmal schneit es zwischendurch ein wenig. Auf der Altmühl fahren die Eisbrecher - Januar halt.“

„Bei uns gfrierts fei a. Hobts denn a an show-act?“

„Ja freilich, abends kommt noch der Dings zu einer Lesung... dieser bayrische Kriminalautor, du weißt schon, der mit diesem Kommissar, der genauso heißt wie dieser ...“

Es klopfte leise an der Tür und mir drängte sich dabei stets der Begriff „scheu“ auf. Fräulein Radispüls Kopf spähte vorsichtig und möglichst diskret durch den sich zögerlich öffnenden Türspalt. Ich winkte sie stumm herein.

„Du Mama, ich muss jetzt aufhören, da kommt wer Wichtiges ... Ja, ich ruf dich später nochmal an. Oder besser heut Abend. Ja, Pfiat di! … Nein, ganz sicher … natürlich noch vor Samstag, was denkst du denn … nein, du brauchst wirklich nicht … ja, ich versprechs … wenn ich es doch sage … ganz bestimmt … Pfiat di also!“

Erleichtert unterbrach ich die Verbindung. Üblicherweise dauerten die Gespräche mit meiner Mutter mindestens eine dreiviertel Stunde, in der sie mir hauptsächlich Banalitäten von Leuten aus ihrer Nachbarschaft erzählte, von denen ich noch nie in meinem Leben gehört hatte (und - ehrlich gesagt - auch nie etwas hätte hören wollen). Wir telefonierten regelmäßig jede Woche, und sie konnte diesbezüglich manchmal höchst besitzergreifend und enervierend sein. Besonders unangenehm war es, wenn sie die Zeitverschiebung zwischen Chicago und Essing nicht berücksichtigte und mich mitten in der Nacht aus dem Schlaf riss, den ich so dringend brauchte.

Obwohl sie meine psychische Veranlagung seit vielen Jahren kannte, hatte sie noch nie besondere Rücksicht darauf genommen. „Highly Sensitive Person“ war für sie nur ein Modewort wie „verhaltensoriginell“ oder „Burn-out“. Sie hielt das alles für neumodisches Zeug, faule Ausreden von Schwächlingen für Unzulänglichkeiten, welche man einfach nur ignorieren oder gegen die man angehen musste. Am besten mit Sport. Sport war immer gut (wobei mein Schachspielen nicht dazu zählte). Zu ihrer Zeit hatte es so neumodisches Zeug nicht gegeben, „sensibel“ bedeutete für Buben verweichlicht und Begriffe wie „hochsensibel“ oder gar „hochsensitiv“ hatte es damals überhaupt nicht gegeben, schon gar nicht in Oberbayern. Und als Kind hieß es für mich immer nur: Stell dich nicht so an. Ich habe heute noch den Eindruck, dass sie sich für mich schämte, weil ich als Junge viel zu introvertiert war und nicht wie die meisten Jungs war, die krakeelend und ständig raufend um die Häuser zogen oder sich die Ohren zuhielten und versuchten, immer noch lauter zu schreien als alle anderen.

Von den mit meiner Hochsensibilität verbundenen Fähigkeiten wusste sie nur wenig und wenn, dann bezweifelte sie deren Nutzen. Natürlich war sie stolz, dass ich mein erst mit 30 Jahren begonnenes Studium in Rekordzeit abschließen konnte. Und so ein Doktortitel machte immer was her bei den Nachbarn, hier wie drüben in den Staaten. Aber worin sollte ein Sinn liegen, wenn der Bub mehr riechen konnte als andere und glaubte, dass ihm ein After Eight besser schmecke als den meisten Menschen? Oft betete sie zur Heiligen Muttergottes und warf mir dabei einen vielsagenden Seitenblick zu, den ich sehr wohl bemerkte.

Wie so viele Dinge, die für sie im Leben keine Rolle spielten.

Gut, beruhigte ich mich abschließend, ich würde heute Abend nach Dienstschluss genug Zeit haben, sie anzurufen und mir alle Nachbarschaftsprobleme (besonders die Geschichten vom schwerhörigen Hund der Millers, die sie immer und immer wieder erzählte) in Ruhe anzuhören, auch wenn mir davor schon jetzt ein wenig graute (vor allem vor der Episode, wo der Hund vor das Auto der Rileys läuft, weil er es nicht gehört hat, eine Stelle, die sie jedesmal besonders ausführlich und anschaulich zu berichten wusste).

Ich ahnte nicht, dass die Telefonate mit meiner Mutter in den nächsten drei Tagen mein geringstes Problem darstellen würden.

Kapitel 4

Albrecht Dürer durchschritt langsam den mehr als 30 Meter langen „Riesensaal“ und betrachtete dabei aus den Augenwinkeln die großen Wandgemälde mit den zwölf Aufgaben des Herkules, die dem Raum - abgesehen von seinen Dimensionen - den Namen gaben und mit denen der Hausherr, Kaiser Maximilian I., seine humanistische Bildung unter Beweis stellte. Diese beinhaltete die Bewunderung der antiken Literatur, Kunst und Philosophie, damit verbunden aber auch nicht zuletzt die Vorliebe für die - obwohl heidnische - Darstellung unbekleideter Körper in griechischen und römischen Sagen, wenngleich wiederum, wie man hörte, die Decke der Sixtinischen Kapelle in Rom, die Meister Michelangelo vor drei Jahren fertiggestellt hatte, direkt über den Augen des Heiligen Vaters geradezu eine Orgie nackter Leiber im allerheiligsten Zentrum des christlichen Abendlandes dem Auge des Betrachters darbieten soll. Dürer hätte sie zu gerne einmal gesehen, man berichtete wahre Wunderdinge über ihre Größe und Genialität. Rein dekorativ und provinziell hingegen diese Innsbrucker Herkules-Bilder, dachte der Künstler etwas angewidert, aber ihrem Zweck, nackte Körper in den verschiedensten Posen dem interessierten Betrachter darzubieten, hinreichend genügend, jedoch künstlerisch einfach nur grauenvoll. Man sollte sie wieder übermalen lassen. Dürer selbst hatte die Taten des Herakles, wie er in Humanistenkreisen nach dem griechischen Original hieß, und seinen diversen leicht bekleideten weiblichen Staffagen in zwölf Tondi und einigen Holzschnitten bereits vor vielen Jahren weitaus qualitätsvoller dargestellt. Damals, als er fast gleichzeitig seine Illustrationsfolge der Holzschnitte zur Apokalypse schuf, die ihm europaweite Bewunderung eingetragen und ihn zum bedeutendsten Künstler nördlich der Alpen gemacht hatte. Auch hatte er Bilder mit den Geschichten des muskulösen Halbgottes bereits für das Schloss von Friedrich dem Weisen in Wittenberg angefertigt. Nur wesentlich besser als das hier!

Es war nicht die erste Audienz, die Dürer beim Kaiser genoss, so dass sich seine Aufregung in Grenzen hielt. Er war schon mehrere Male für den Habsburger Herrscher tätig gewesen, derzeit mit dem Auftrag der „Ehrenpforte“, einem Triumphbogen, der den Kaiser als legitimen Nachfolger der römischen Imperatoren ausweisen sollte. Der Triumphbogen sollte aber nicht, wie jene der römischer Kaiser, eine aus Stein gebaute Architektur werden, sondern eine riesige Graphik, die aus über zweihundert Holzschnitten zusammengesetzt werden sollte. Der Kaiser hatte damit vor allem Dürers außerordentliches Talent als Graphiker erkannt und genutzt. Die „Ehrenpforte“ würde der größte Holzschnitt werden, den die Welt je gesehen hatte, auch wenn sich die Ausführung trotz zahlreicher Mitarbeiter wie Wolf Traut, Hans Springinsklee und dem Regensburger Meister Albrecht Altdorfer unter Dürers maßgeblicher Leitung noch über Jahre hinziehen würde und gegenwärtig wieder einmal ins Stocken geraten war.

Der Künstler nahm an, dass der Kaiser ihn in dieser Angelegenheit zu sprechen wünschte, wahrscheinlich ging es ihm wieder einmal nicht schnell genug voran. Oder, fiel Dürer nun ein, wollte der Kaiser die schnellere Fertigstellung der Illustrationen zu seinem persönlichen Gebetbuch anmahnen, mit denen er ebenfalls in Verzug geraten war, weil es Schwierigkeiten mit der Einbeziehung von Heiligen aus dem Haus Habsburg in das Kalendarium gegeben hatte. Oder- noch besser - der Kaiser wollte endlich ein Porträt von sich in Auftrag geben, wie er es schon lange erwogen hatte. Der Künstler war nun doch sehr gespannt, was der Kaiser von ihm wollte.

Maximilian I. saß auf einem vergoldeten Faldistorium, das wiederum auf einem mit rotem Samt bezogenen Podest stand, und der Nürnberger Maler bemühte sich, nicht allzu auffällig auf die Unterlippe des Kaisers zu starren, die, wie bei fast allen Habsburgern, außerordentlich stark nach vorne gewölbt war. Ein weiteres Kennzeichen seiner Familie war die große Adlernase, die ihm ein dominantes Aussehen verlieh und für die kaiserliche Autorität dienlicher war als die Unterlippe. Seine grauen, fast schulterlangen Haare fielen unter einem großen schwarzen Samtbarett hervor. Dazu trug er die Collane des Ordens vom Goldenen Vlies über einem purpurnen Mantel mit großem Pelzkragen, denn es war kalt und auch Dürer fröstelte - er reagierte empfindlicher auf Kälte als die meisten Menschen. Der riesige Saal konnte - wie viele Zimmer der Hofburg - kaum beheizt werden.

Dürer ahnte, wie kostbar die Kleidung des Kaisers sein mochte, denn er wusste, was er für seine eigene bezahlt hatte. Über einem weißen Leinenhemd trug der Maler eine Schaube mit Pelzkragen aus Rückenmarder, die an den Ärmeln modisch geschlitzt und dort mit einem weißen, vertikal geschlitzten Unterfutter hinterlegt war. Die strenge „Luxus- und Kleiderordnung“ der Stadt Nürnberg erlaubte eine solche nur für die „Genannten des Größeren Raths der Stadt“ und sie hatte 23 Gulden gekostet, ein stattlicher Betrag, wenn man bedachte, dass Dürers vierstöckiges Haus unterhalb der Burg bereits für 275 Gulden zu haben gewesen war. Bauern und Arbeiter war das Tragen von Pelzen untersagt. Die Verordnungen waren vielfältig und detailliert und die Geldstrafen bei Missachtung geradezu drakonisch. So durften etwa Männer bei einer Strafe von 20 Gulden keine seidenen oder aufgefüllten Hosengesäße tragen oder solche mit langen, plundernden Schnitten und Unterfuttern, die ihnen über die Knie oder Waden hinabhingen. Wer die modischen Hosen tragen wollte, musste darauf achten, dass die Schnitte und Unterfutter eine gute Handbreit über dem Knie endeten.

Dürers teure Kleidung, seine langen, mit der Brennschere künstlich gelockten Haare und der sorgfältig gestutzte Bart gaben ihm das Aussehen eines selbstbewussten, vielleicht sogar übertrieben modischen Mannes der besseren Gesellschaft, was für einen Maler nicht als selbstverständlich galt, denn noch bis vor kurzem waren diese wie Maurer und andere Handwerker bezahlt worden und hatten kaum hohes gesellschaftliches Ansehen genossen oder großes Selbstbewusstsein entwickelt. Erst seit kurzem war es überhaupt bei einigen Malern Sitte, Gemälde mit ihren Initialen oder gar dem Namen zu signieren.

Dürer blieb in gehörigem Abstand vor dem Kaiser stehen und verneigte sich tief. Ein hoher Beamter des Hofes trat vor und begann: „Wir, Maximilian, von Gottes Gnaden, erwählter römischer Kaiser, zu allen Zeiten Mehrer des Reiches, in Deutschland, Ungarn, Dalmatien, Croatien etc. etc. König, Erzherzog von Österreich, Herzog von Burgund, zu Brabant und Pfalzgraf etc. …“ Nach der ellenlangen Liste der Titel verlas er ein umständlich abgefasstes Dekret, dem zufolge der Künstler ab diesem Jahre, Anno Domini 1515, eine jährliche Rente in Höhe von 100 Gulden vom Kaiser erhalten sollte, eine Summe von außergewöhnlicher Höhe, selbst für die Ansprüche Dürers. Er war sich zwar der Gunst, in der er beim Kaiser stand, durchaus bewusst, konnte sich aber die unvermittelte Großzügigkeit nicht so recht erklären und machte sich darauf gefasst, dass die Sache einen Pferdefuß haben würde.

Der Kaiser schickte mit einer kaum wahrnehmbaren Bewegung seines Zeigefingers die Höflinge und sogar die Wachen weg und wartete, bis er sich mit Dürer allein im Saal wusste. Dies war ein ungewöhnlicher Vorgang und mit der Hofetikette kaum vereinbar. Dann wies er ihn an, noch näher heran zu treten. Der Maler nahm einen angenehmen Sandelholzduft aber auch leichten Angstschweiß in der Nähe des Kaisers wahr. Was mochte dies alles bedeuten? Dürer wurde sichtlich nervöser.

„Hochverehrter Meister Albertus“, hob der Kaiser an und benutzte die latinisierte Namensform, die in Humanistenkreisen üblich war, „Wir haben zu Euch geschickt, weil Uns Euere Kunstfertigkeit in mannigfaltigen Dingen immer wieder in Erstaunen versetzt hat.“

Dürer nahm das Lob mit einer leichten Verbeugung zur Kenntnis, sein Misstrauen wuchs beständig.

„Wir benötigen Euere Fähigkeiten und Eueren Scharfsinn ein weiteres Mal in Unseren Diensten bei einem Problem von außerordentlicher Wichtigkeit und politischer Tragweite. Die Interessen des Reiches, ja sogar der Heiligen Mutter Kirche sind betroffen und die Dinge verlangen Euere … absolute Verschwiegenheit.“

Maximilian ließ eine Kunstpause folgen und fuhr langsam und eindringlich fort: „Durch einen Kurier aus dem fernen Orient, der vor wenigen Tagen die Niederlassung der Fugger in Venedig erreichte, erhielten Wir das Geschenk eines heidnischen Potentaten, welches den friedlichen Beziehungen unserer Reiche als Unterpfand dienen soll. Dieser Gegenstand von außerordentlichem, ja exorbitantem Wert stammt aus dem Besitz der Erben von Khan Tokatamisch, der ihn wiederum von seinen Vorfahren ererbt hatte. Ursprünglicher Besitzer aber war der große Heerführer Temüdschin, der Khan der Mongolen, der Anführer von ‚Altan Ord‘ - der ‚Goldenen Horde‘“, der Kaiser senkte die Stimme noch weiter, „Ihr kennt diesen Mann wahrscheinlich unter dem Namen Dschingis Khan, nicht wahr?“

Noch ehe Dürer seiner Überraschung darüber Ausdruck verleihen konnte, öffnete der Kaiser eine schwarze Schatulle, die auf einem Tischchen stand, das mit Pietra Dura, kunstvollen italienischen Steinintarsien, verziert war. Dürers Überraschung wuchs ins Grenzenlose. Er kannte die Reichskrone des Kaisers, welche mit den Reichskleinodien der Stadt Nürnberg 1428 zur dauerhaften Verwahrung übergeben worden war, aus nächster Nähe, er hatte sie selbst vor kurzem als Studie für sein Gemäldepaar mit Kaiser Karl dem Großen und Kaiser Sigismund für die Heiltumskammer in Nürnberg in allen Einzelheiten abmalen dürfen, und er hatte auch manchen Edelstein an Schmuckstücken aus den Schatzkammern seiner reichen und mächtigen Freunde gesehen, er kannte die prächtigen Reliquiare und edelsteingeschmückten Bucheinbände aus ottonischer und salischer Zeit in den umliegenden bayrischen Klöstern - aber so etwas hatte er noch nie gesehen.

Vor ihm lag ein Rubin von der Größe eines Hühnereies mit einem relativ einfachen Schliff, der jedoch das Licht des Raumes mit einer solch feurigen Glut brach, die alles Rot in den Schatten stellte, das der Künstler je auf dieser Welt gesehen hatte. Kein Maler hätte jemals eine solche Farbe auch nur ansatzweise darstellen, ja nicht einmal ersinnen können. Dürer konnte seine Augen nicht mehr abwenden und das Leuchten des Steines zog ihn hypnotisch in seinen Bann.

„Ihr bemerkt es auch, nicht wahr? Sensibel, wie Ihr als Künstler nun einmal seid. Der Rubin eines Heiden, eines tausendfachen Mörders, einer Ausgeburt der Hölle, deren Feuer er gewiss und deren Unheil er höchstwahrscheinlich in sich birgt.“

Entschieden klappte der Kaiser die Schatulle wieder zu, ohne den Rubin angesehen zu haben.

„Vielleicht, Meister Albertus, soll uns dieser Stein in seinen geheimnisvollen Bann ziehen und uns die christlichen Tugenden unserer Mutter Kirche vergessen lassen – ein Trojanisches Pferd, wenn Ihr so wollt! Ihr versteht, dass ich es mir aus diplomatischen Gründen nicht erlauben kann, ein solch wertvolles Geschenk zurückzuweisen, andererseits steht es mir als allerchristlichem Kaiser des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nationen natürlich nicht an, ein solches Teufelswerk bei mir zu tragen oder öffentlich zur Schau zu stellen. Auch ein Verkauf kommt aus genannten Gründen nicht in Frage, aber in meinem Besitz möchte ich diese mir unheimliche Pretiose um meines Seelenheiles willen auch nicht wissen.“

Dürer hatte sich immer noch nicht geäußert, er war Diplomat und einfühlsam genug, zu wissen, dass er erst zu reden hatte, wenn der Kaiser ihn dazu auffordern würde.

„Ich erteile Euch, Meister Albertus, hiermit den Auftrag, ein Behältnis für diesen Stein zu schaffen. Ich weiß, Ihr habt schon als Kind das Goldschmiedehandwerk von Euerem Vater erlernt, der Goldschmied war, wie sein Vater vor ihm.“

Der Kaiser hielt inne und prüfte mit einem schnellen Blick, ob sie immer noch alleine im Raum waren und senkte seine Stimme erneut.

„Ich denke dabei nicht an ein Behältnis, das den Stein prächtig zur Schau stellt, wie viele Reliquiare dies mit ihrem heilbringenden Inhalt zur frommen Andacht tun, sondern ihn vielmehr verbirgt, ja sogar über seinen Inhalt hinwegtäuscht. Wir müssen diesem wertvollen Artefakt natürlich die Achtung erweisen, die es verdient. Ich denke da also an ein Gefäß aus Silber und Gold, kunstvoll geschmiedet, ähnlich den Nürnberger Pokalen, wie sie gerade in Mode sind …“

Maximilian sah Dürer auffordernd an. Der Meister antwortete in einem Ton, der stets von seinen Gesprächspartnern als angenehm und liebenswürdig empfunden wurde: „Euere allergnädigste christliche Majestät denken aber noch an etwas anderes …“

„Ihr seid ein schlauer Fuchs, Meister Albertus! Ihr werdet Euerem Rufe noch jedes Mal gerecht! Ja, Ihr irrt Euch nicht! Ich denke an eine Art … Sicherung. Der Rubin soll unsichtbar bleiben und vor allem sicher verwahrt werden bis zum Tage des Jüngsten Gerichts, auf dass er niemandem in die Hände falle, der ihn zum Schaden des Reiches oder zum Nachteil unserer Heiligen Mutter Kirche und unseres christlichen Abendlandes anwenden könnte. Nur Ihr seid in den Naturwissenschaften und allen erdenklichen Künsten gleichermaßen bewandert und nur Ihr seid in der Lage, etwas Derartiges zu ersinnen. Hört: Jeder, der das Geheimnis des Gefäßes lüften will, soll einem grausamen Tod anheimfallen, wie er es verdient. Bedenkt jedoch, dass die Sicherung den Stein für alle Zeiten und Ewigkeiten schützen muss. Sie muss ebenso teuflisch sein, wie der Rubin selbst, nur so können seine Kräfte im Zaume gehalten werden, und sie muss einzigartig sein, von einer noch nie gekannten Art und einer gewaltigen Vernichtungskraft apokalyptischen Ausmaßes. Euer eigenes Seelenheil soll bei allem was Ihr dafür tun müsst, von einer Generalabsolution unserer Heiligen Kirche geschützt werden. Alle Projekte, an denen Ihr derzeit arbeitet, könnt Ihr getrost zurückstellen und diesem absoluten Vorrang geben.“

Dürer verneigte sich, es war alles gesagt. Er verließ die Audienz nachdenklich - vor ihm stand eine Aufgabe wie die eines Herkules.

Kapitel 5

Ich saß an meinem Schreibtisch, den ich gleich am ersten Tag gründlich mit einem Desinfektionsmittel gescheuert hatte (wonach er leider immer noch roch) und sah aus dem trotz der Kälte weit geöffneten Fenster vom dritten Stock des Museums hinaus auf den Marktplatz mit seinen weiß umrahmten Parkflächen, die mich in ihrer Regelmäßigkeit an ein riesiges Spielbrett erinnerten. Die Autos kamen mir oft vor wie die zugehörigen Spielsteine, und wenn ich den Platz lange genug beobachtete (wozu ich allerdings meist nur wenig Zeit hatte), konnte ich die Züge erkennen, die das Leben auf dem Brett hinterließ, so, als würden die Figuren darauf von einer höheren Macht bewegt, wenngleich der Sinn dahinter uns mangels ausreichender Einsicht verborgen blieb. Schon nach kurzer Zeit lernte ich, die Autos der Einheimischen zu unterscheiden, die fast jeden Tag auf den gleichen reservierten Plätzen parkten und oft wie Spiegelbilder ihrer Besitzer wirkten: Rechts, möglichst nahe am Rathaus, der alte, beige Mercedes 190 Diesel von Wempertshammer, der einen behäbigen Eindruck zu machen schien und dessen rosa umhäkelte Klopapierrolle auf der Hutablage selbst von hier oben deutlich zu sehen war (er war wohl der einzige, der dieses peinliche Relikt früherer Geschmacksverirrung noch sichtbar auf der Hutablage präsentierte).

Immer daneben, klein und fast etwas verschüchtert wirkend, der weiße Polo von Fräulein Radispül mit einem dezenten Aufkleber am Heck, der einen bunten, stilisierten Fisch darstellte (sie war ehrenamtlich in der Kirchengemeinde tätig). Der Wagen war stets peinlich sauber – außen wie innen – aber bereits merklich in die Jahre gekommen und an den Türkanten leuchtete schon brauner Rost, sehr zum Leidwesen der Besitzerin. Nichts an dem Auto (das, glaube ich, sogar einen Namen hatte), den Aufkleber ausgenommen, ging über die gepflegte, werksmäßige Standardausstattung hinaus, was Rückschlüsse auf ihre doch sehr begrenzte Fantasie zuließ.

Meinen Wagen parkte ich meist vorne an der Museumsseite. Mein Vater, der in Chicago als Im- und Export-Kaufmann tätig war, hatte mir zu meiner Promotion einen gebrauchten, knallroten Ford Mustang V6 einer älteren Baureihe geschenkt, um die amerikanischen Wurzeln in mir wachzuhalten, wie er bei der Übergabe feierlich verkündete. Ich fühlte mich aber seit frühester Kindheit als waschechter Bayer, auch wenn mir das mundartlich kaum anzuhören war. Vater wäre sicher enttäuscht gewesen, hätte er gewusst, dass ich den auffälligen Wagen schon nach zwei Wochen im Autosalon Kogler in München gegen einen schwarzen BMW 320i eingetauscht hatte - schon allein der Farbe wegen. Ich hatte das brüllende Rot des Mustangs stets als brachialen optischen Angriff empfunden, der mich vor jeder Fahrt in ein Gefühl ständiger Alarmbereitschaft versetzt hatte, wie die Signalwirkung eines Feuerwehrautos. Und Chicago war weit.

Der leichte Wind trug wegen der Kälte kaum Gerüche mit sich, nur das Benzin der Autos vom Parkplatz lag deutlich in der Luft, ein zarter Hauch von frischem Weißwurstsud wehte vom nahen Gasthaus „Zum Roten Ochsen“ herüber und beides vermengte sich zu einer eigenartigen Kombination. Ich nahm Gerüche seit frühester Kindheit nicht als Mischung, sondern jeweils einzeln wahr, wie Töne einer Melodie oder Farben eines Bildes. Ich konnte mich auf den einen konzentrieren, den anderen dabei völlig ausblenden, so, wie man sich mit den Augen erst den einen, dann den nächsten Gegenstand ansehen würde.

Leider fehlte unserer Sprache ein ausreichendes Vokabular zur exakten Beschreibung von Düften und Gerüchen, was ich sehr bedauerte, denn die Palette meiner Wahrnehmungen ging bei Weitem über das hinaus, was ich sprachlich auszudrücken vermochte. Der Mensch kann über eine Billion Gerüche unterscheiden (wer auch immer das wie auch immer festgestellt haben mag) – aber nur wenige exakt benennen. Wir entlehnen oft nur Begriffe aus der Geschmacksempfindung wie „süß“ oder „bitter“ und übertragen diese auf olfaktorische Wahrnehmungen. Oder wir behelfen uns mit Vergleichen, etwa: „Das riecht süß wie ein reifer Apfel“. Ein süßlicher Geruch kann von einem Gewürztraminer ausgehen oder von einer Leiche – beides riecht sehr ähnlich (hat mir mal ein befreundeter Arzt erzählt) und es ist außerordentlich schwer, den Grad und die Art eines solchen Geruchs genauer zu beschreiben, ohne sich wiederum eines Vergleiches zu bedienen.

Die wissenschaftlichen Ansätze einer systematischen Klassifizierung sind kaum ins Allgemeinwissen eingedrungen. Wer weiß schon vom System von Amoore, der sieben Gerüche als grundlegend einstufte: kampferartig, moschusartig, blumenduftartig, mentholartig, ätherisch, beißend und faulig? Das Geruchsprisma von Hanning gibt fünf Grundgerüche an, aus denen sich angeblich alle anderen zusammenmischen ließen: blumig, fruchtig, harzig, würzig, faulig, brenzlig. Auch mein Semesterferienjob in der Parfumerie hatte mich hier nicht wirklich weitergebracht, obgleich die Parfumeure natürlich ihren eigenen Fachjargon entwickelt haben. Zwar ist es hilfreich, den zeitlichen Verlauf eines wahrgenommenen komplexen Duftes in Kopfnote, Herznote und Basisnote zu gliedern, aber bei der sprachlichen Definition von Düften sind etablierte Fachbegriffe wie „Ledernote“, „Tabaknote“ oder „jasminig“ auch wieder nur Griffe in die Vergleichskiste. Unsere Sprache versagt allein schon bei der Beschreibung der Intensität, die man höchstens als „schwach“, „stark“ oder „intensiv“ beschreiben kann. Wahrscheinlich ist mehr für unseren Alltag auch nicht nötig. Der Geruchssinn wird allgemein sehr unterschätzt, dabei ist er der einzige unserer Sinne, der nicht vom Großhirn kontrolliert wird, sondern direkt in das Limbische System geht, dem Sitz der Emotionen. Jeder Geruch löst ein Gefühl aus, dem man sich nicht entziehen kann. Die meisten Menschen achten nur nicht darauf.

Bei Geräuschen verhält es sich recht ähnlich: Wie klingt das Rauschen von Wasser? Es ist schwierig, so etwas mit Worten auszudrücken.

Wenn ich meine Augen schloss, konnte ich nicht nur die Autos hören, die den Oberen Markt entlangfuhren oder das Moped, das jetzt lärmend die Altmühlgasse hinunterknatterte, sondern auch die Kinder, die gerade am Brucktor Verstecken spielten, einen Mann, der kurz nach seinem Hund rief oder dessen Gebell, das wie eine bestätigende Antwort klang. Wenn ich mein Hörvermögen ganz weit ausdehnte, konnte ich das leise, stetige Brummen eines großen Verkehrsflugzeugs über den Wolken hören, das harte Geschirrgeklapper aus der Küche vom Ochsen, das helle Tschilpen der Spatzen drüben am Vogelhäuschen neben dem Rathaus, ja sogar das schwache Plätschern des Wassers in den Heizkörpern, den plappernden Fernseher von Fräulein Radispül (obwohl sie ihn ganz leise gedreht hatte - wobei ich mich schon oft gefragt hatte, was ein Fernseher in meinem Sekretariat zu suchen hatte) und das schnelle, kaum wahrnehmbare Klacken der Tasten, wenn sie am Computer tippte - kurz, all jene Geräusche, die den meisten Menschen unhörbar bleiben, die kein Sensorium dafür entwickelt haben und ihr Gehirn sie einfach ausblendet, weil sie unbewusst als nicht bedrohlich oder sonstwie relevant eingestuft werden. Dies war eine sinnvolle Filterung, weil sie so von vielen Sinneseindrücken unbelästigt blieben, während ich alles aufnahm und vieles bewusst verarbeiten musste.

Seit meinem Arbeitsantritt versuchte ich, das Museum aufzupolieren, soweit es die nicht gerade üppigen finanziellen Mittel erlaubten. Es war mit seinen zwölf Ausstellungsräumen und dem umfangreichen, aber ziemlich verwahrlosten Archiv in einem alten, großen Fachwerkhaus an der Südseite des Marktplatzes nahe dem Brucktor untergebracht. Früher war es ein unbedeutendes Heimatmuseum gewesen, wie es tausende seiner Art gab. Einheimische hatten als Ausdruck ihrer Ortsverbundenheit und des Stolzes auf ihre Vergangenheit dem Museum mehr oder weniger (meist weniger) wertvolle Gegenstände geschenkt oder hinterlassen, andere wollten wohl eher ihren ererbten Müll pietätvoll entsorgen und sich dabei gleichzeitig auch noch den Anschein generöser Stifter geben.