156,99 €
Dr. Daniel ist eine echte Erfolgsserie. Sie vereint medizinisch hochaktuelle Fälle und menschliche Schicksale, die uns zutiefst bewegen – und einen Arzt, den man sich in seiner Güte und Herzlichkeit zum Freund wünscht. E Book 51: Ganz der Vater E Book 52: Patientin aus Liebe E Book 53: Gesucht: Traumtyp für Schwester Sophie E Book 54: Warten auf Patrick E Book 55: Einst ein Star - und jetzt vergessen E Book 56: Krank vor Liebe E Book 57: Sag mir die Wahrheit, Mario! E Book 58: Der Schlüssel zu meinem Herzen E Book 59: Abschied für immer? E Book 60: Als ihre Welt noch in Ordnung war E Book 61: Ein Freund, der keiner war E Book 62: Schönheit schützt vor Fehlern nicht E Book 63: Ihr Glück schien vollkommen E Book 64: Romanze in der Waldsee-Klinik E Book 65: Clarissa - die gefährliche Rivalin E Book 66: Von der Sehnsucht getrieben E Book 67: Die Macht der Liebe E Book 68: Das Schweigen der Louisa S. E Book 69: Bitte melden, Dr. Daniel E Book 70: Ärztin mit Vergangenheit E Book 71: Ihr letzter Sommer? E Book 72: Schwester Carola unter Verdacht E Book 73: Wenn das Lächeln vergeht E Book 74: Sie glaubte an die Liebe E Book 75: Maria von den Scherben ihres Glücks E Book 76: Hände weg von Schwester Monika E Book 77: Ich halte zu dir, Maren! E Book 78: Seine größte Herausforderung E Book 79: In Liebe gefangen - in Sünde verstrickt E Book 80: Spiel, Satz und Tod E Book 81: Niemand hörte ihre Schreie E Book 82: Ein Bild aus glückliche Tagen E Book 83: Operation vor laufender Kamera E Book 84: In der Hochzeitsnacht entführt E Book 85: Patientin für eine Nacht E Book 86: Verfolgt - verführt - verstoßen E Book 87: Verhängnisvolle Leidenschaft E Book 88: Gewagtes Spiel E Book 89: Gerüchte um Mats Andersson E Book 90: Rendezvous im Klinikpark E Book 91: Befind positiv - Drillinge! E Book 92: Die Schöne und der Arzt E Book 93: Ihre Tochter - ihre Rivalin E Book 94: Sabrinas Liebster - für immer unerreichbar? E Book 95: Saskia hatte alles erreicht E Book 96: Lebensretterin Nicole E Book 97: Opfer der eigenen Tat E Book 98: Applaus für das OP-Team E Book 99: Wer mit dem Feuer spielt E Book 100: Ein Brüderchen für Tessa! E-Book 1: Ganz der Vater E-Book 2: Patientin aus Liebe E-Book 3: Gesucht: Traumtyp für Schwester Sophie E-Book 4: Warten auf Patrick E-Book 5: Einst ein Star - und jetzt vergessen E-Book 6: Krank vor Liebe E-Book 7: Sag mir die Wahrheit, Mario! E-Book 8: Der Schlüssel zu meinem Herzen E-Book 9: Abschied für immer? E-Book 10: Als ihre Welt noch in Ordnung war E-Book 11: Ein Freund, der keiner war E-Book 12: Schönheit schützt vor Fehlern nicht E-Book 13: Ihr Glück schien vollkommen E-Book 14: Romanze in der Waldsee-Klinik E-Book 15: Clarissa - die gefährliche Rivalin E-Book 16: Von der Sehnsucht getrieben E-Book 17: Die Macht der Liebe E-Book 18: Das Schweigen der Louisa S. E-Book 19: Bitte melden, Dr.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 5600
Veröffentlichungsjahr: 2019
Ganz der Vater
Patientin aus Liebe
Gesucht: Traumtyp für Schwester Sophie
Warten auf Patrick
Einst ein Star - und jetzt vergessen
Krank vor Liebe
Sag mir die Wahrheit, Mario!
Der Schlüssel zu meinem Herzen
Abschied für immer?
Als ihre Welt noch in Ordnung war
Ein Freund, der keiner war
Schönheit schützt vor Fehlern nicht
Ihr Glück schien vollkommen
Romanze in der Waldsee-Klinik
Clarissa - die gefährliche Rivalin
Von der Sehnsucht getrieben
Die Macht der Liebe
Das Schweigen der Louisa S.
Bitte melden, Dr. Daniel
Ärztin mit Vergangenheit
Ihr letzter Sommer?
Schwester Carola unter Verdacht
Wenn das Lächeln vergeht
Sie glaubte an die Liebe
Maria vor den Scherben ihres Glücks
Hände weg von Schwester Monika
Ich halte zu dir, Maren!
Seine größte Herausforderung
In Liebe gefangen - in Sünde verstrickt
Spiel, Satz und Tod
Niemand hörte ihre Schreie
Ein Bild aus glücklichen Tagen
Operation vor laufender Kamera
In der Hochzeitsnacht entführt
Patientin für eine Nacht
Verfolgt - verführt - verstoßen
Verhängnisvolle Leidenschaft
Gewagtes Spiel
Gerüchte um Mats Andersson
Rendezvous im Klinikpark
Befund positiv - Drillinge!
Die Schöne und der Arzt
Ihre Tochter - ihre Rivalin
Sabrinas Liebster - für immer unerreichbar?
Saskia hatte alles erreicht
Lebensretterin Nicole
Opfer der eigenen Tat
Applaus für das OP-Team
Wer mit dem Feuer spielt
Ein Brüderchen für Tessa!
Als Chiara Sandrini das Blut an ihrem Slip sah, brach für sie eine Welt zusammen. Es hatte wieder nicht geklappt, dabei war sie diesmal so sicher gewesen!
Aufschluchzend senkte Chia-ra den Kopf und legte ihre schmalen Hände vor die Augen. Ihr langes tiefschwarzes Haar fiel dabei wie ein Schleier über ihr Gesicht. Eine Weile stand sie so, dann holte sie ein Taschentuch hervor, wischte sich die Tränen ab und verließ schließlich mit langsamen, schleppenden Schritten das kleine Haus am Ortsrand.
Während sie ihr Heimatdorf durchquerte, hatte sie das Gefühl, als seien die Blicke aller Einwohner auf sie gerichtet… sie fühlte sich ausgestoßen… geächtet.
Demütig ließ Chiara den Blick gesenkt. Sie wagte es nicht, irgend jemandem in die Augen zu sehen. Dann hatte sie ihr Ziel erreicht – das Haus, in dem sie geboren war. Bereits an der Tür kam ihr ihre Mutter entgegen.
»Ich weiß schon, weshalb du kommst«, erklärte Concetta Cardello, und der Blick, mit dem sie ihre zweiundzwanzig-jährige Tochter bedachte, war voller Abscheu. »Du hast es wieder nicht geschafft.«
Mit einer Hand bedeckte Chiara ihre Augen und versuchte, ein Aufschluchzen zu unterdrücken.
»Diesmal war ich so sicher«, flüsterte sie. »Seit einer Woche waren meine Tage überfällig, und ich dachte…«
Mit einer energischen Handbewegung brachte Concetta ihre Tochter zum Schweigen.
»Elio wird dich verlassen«, prophezeite sie, und ihre Stimme war ohne Mitgefühl. »Wenn du keine Kinder empfangen kannst, dann verdienst du auch keinen Mann!«
Jetzt war Chiara mit ihrer Beherrschung am Ende. Sie begann zu weinen.
»Hör auf!« herrschte Concetta sie an. »Nimm dir ein Beispiel an deinen Schwestern. Violetta ist seit einem Jahr verheiratet und hat ein zwei Monate altes Baby. Mariella erwartet ihr viertes Kind, und Gianna ist nach eineinhalb Jahren Ehe schon zum zweiten Mal schwanger. Nur du bringst Schande über uns. Vor zwei Jahren hat Elio dich geheiratet, und du warst in der ganzen Zeit nicht fähig, auch nur ein Kind zu gebären.« Sie schob Chiara zur Tür hinaus. »Geh in die Praxis deines Vaters und laß dich untersuchen.«
Erschrocken sah Chiara ihre Mutter an. »Nein, Mama, bitte…, er hat mich schon so oft untersucht…«
»Schweig!« herrschte Concetta ihre Tochter an. »Und jetzt geh!«
Chiara wußte, daß sie gehorchen mußte. So war es in ihrer Familie schon immer gewesen.
Niedergeschlagen überquerte sie den Flur und betrat die Praxis ihres Vaters. Salvatore Cardello war eigentlich Allgemeinmediziner, doch hier in diesem kleinen sardischen Dorf gab es keine Fachärzte, so daß sich der Dottore Cardello auch im gynäkologischen Bereich manche Fähigkeit angeeignet hatte.
Chiara mußte nicht lange warten, bis sie von der jungen Arzthelferin ins Sprechzimmer gerufen wurde. Hier saß Salvatore Cardello und bedachte seine jüngste Tochter mit einem ungnädigen Blick.
»Es ist also wieder soweit«, erklärte er, und sein Blick verriet Abscheu. »Zieh dich aus und leg dich hin.«
Chiara schluckte. Sie hatte Angst vor der Untersuchung. Ihr Vater war immer so entsetzlich grob. Alle Patienten fürchteten ihn, und seine Kinder machten da keine Ausnahme.
»Papa, ich habe meine Tage«, wandte Chiara ein, obwohl sie wußte, daß das für ihren Vater keine Rolle spielte.
»Dann zieh nur den Rock aus«, verlangte Salvatore Cardello, während er sich schon Plastikhandschuhe überstreifte.
Mit zitternden Händen kam Chiara seiner Aufforderung nach, dann legte sie sich auf die schmale Liege und versuchte sich zu entspannen, doch ihre Angst ließ das nicht zu. Zu den starken Unterleibsschmerzen, die sich mit Beginn der Regelblutung wieder eingestellt hatten, kam nun auch noch der Schmerz, den die Untersuchung durch ihren Vater verursachte.
Chiara biß sich die Lippen blutig, um nicht vor Qual aufzuschreien. Ihre Finger krallten sich in das Papier, das auf der Untersuchungsliege lag, und Tränen schossen aus ihren Augen.
»Du wehrst dich dagegen, schwanger zu werden«, urteilte Salvatore und trat endlich von der Liege zurück. »Du wehrst dich dagegen, wie du dich gegen die Untersuchung wehrst.« Er streifte die Handschuhe ab und warf sie in den Abfalleimer. »Ich werde Elio raten, dich zu züchtigen. Vielleicht legst du deinen Widerstand dann ab. Wenn nicht, soll er die Ehe annullieren lassen, und du kommst ins Kloster.«
»Nein!« stieß Chiara entsetzt hervor. »Papa, ich liebe Elio!«
»Dann schenk ihm endlich ein Kind«, verlangte Salvatore Cardello. »Und jetzt verschwinde! Mit Elio werde ich heute noch sprechen.«
In fliegender Hast zog Chiara ihren Rock wieder an, dann verließ sie fast fluchtartig die Praxis ihres Vaters. Blind vor Tränen stolperte sie den Weg zurück, den sie gekommen war. Elio liebte sie zwar, trotzdem hatte Chiara das untrügliche Gefühl, daß er den Rat ihres Vaters befolgen würde. Wer in diesem Dorf würde Salvatore Cardello nicht gehorchen?
*
»Es war eine wunderschöne Hochzeit«, erklärte Margit Sommer, als sie sich auf dem Flughafen von Dr. Robert Daniel verabschiedete.
»Jetzt laß mich auch mal zu meinem besten Freund«, verlangte ihr Mann Georg, dann lächelte er. »Meine bessere Hälfte hat vollkommen recht. Es war eine richtige Märchenhochzeit.« Freundschaftlich klopfte er Dr. Daniel auf die Schulter. »Grüß Manon noch mal herzlich von uns, und erholt euch gut.«
Dr. Daniel nickte lächelnd. »Das machen wir bestimmt, Schorsch.« Dann seufzte er. »Leider wird uns nicht mehr sehr viel Zeit dafür bleiben.
In spätestens zwei Wochen müssen wir wieder nach Steinhausen zurück. Unsere Praxis wartet.«
»Laßt euch nur Zeit«, mischte sich Dr. Daniels Sohn Stefan ein. »In der Waldsee-Klinik kümmert man sich schon um eure Patienten. Flitterwochen sind schließlich ausgesprochen wichtig.«
Dr. Daniel legte einen Arm um seine Schultern und drückte ihn liebevoll an sich. »Das hast du lieb gesagt, Stefan, aber schau mal, so ganz richtige Flitterwochen werden es für Manon und mich ohnehin nicht sein. Dafür wird schon unsere kleine Tessa sorgen.«
»Hätten wir sie nicht doch gleich mit nach Steinhausen nehmen sollen?« fragte Dr. Daniels Tochter Karina. »Schließlich sollte eure Hochzeitsreise ja kein Familienurlaub sein.«
Doch Dr. Daniel schüttelte den Kopf. »Auch wenn die
Adoption noch nicht rechtskräftig ist, betrachten Manon und ich die Kleine schon als unsere Tochter.« Ein zärtliches Lächeln huschte über sein Gesicht. »Wir würden Tessa um keinen Preis der Welt hergeben – nicht einmal für zwei Wochen.«
»Des Menschen Wille ist sein Himmelreich«, urteilte Stefan, dann wurde er ernster. »Aber ich kann euch verstehen. Tessa ist ein richtiger kleiner Sonnenschein, und ich glaube, sie wird mir ganz schrecklich fehlen.«
»Mir auch«, stimmte Karina sofort zu. »Ich glaube, wenn ihr sie nicht adoptiert hättet, hätte ich es getan.«
Die Worte wärmten Dr. Daniels Herz. Er wußte, daß er und Manon die richtige Entscheidung getroffen hatten, als sie sich entschlossen hatten, die fünfjährige Italienerin zu sich zu nehmen.
»Lange müßt ihr auf Tessa bestimmt nicht verzichten«, versprach Dr. Daniel. »Wie gesagt…, in spätestens zwei Wochen werden wir wieder in Steinhausen sein.«
Noch einmal umarmte Karina ihren Vater, bevor sie den anderen zum Zoll folgte. Ein letztes Winken, dann entschwanden sie Dr. Daniels Blicken.
Der Arzt verließ eiligen Schrittes den Flughafen und bestieg sein Auto. Er wußte, daß seine Frau und sein Töchterchen ihn schon sehnsüchtig erwarteten. Tessa hatte ja eigentlich mitfahren wollen, doch im Auto war einfach kein Platz mehr gewesen, und Dr. Daniel stellte fast ein bißchen erstaunt fest, daß er schon nach dieser kurzen Zeit Sehnsucht nach dem lebhaften kleinen Mädchen hatte.
Unwillkürlich mußte er daran denken, wie er und Manon vor drei Wochen hier in Sardinien angekommen waren. Der Monsignore Francesco Antonelli hatte Manon geschrieben, daß ihr verstorbener Mann Angelo hier ein uneheliches Kind hatte. Zuerst war es für Manon ein schrecklicher Schlag gewesen zu erfahren, daß ihr Mann damals fremdgegangen sein mußte. Manon war sich Angelos Liebe immer so sicher gewesen, doch jetzt gab es auf Sardinien dieses fünfjährige Kind, das kurz nach der Geburt auch die Mutter verloren hatte und nun im Haushalt des Monsignore lebte. Er hätte sich auch weiterhin um die kleine Tessa gekümmert, wenn er nicht schon die Siebzig überschritten gehabt hätte. Aus diesem Grund hatte er sich dazu entschlossen, an Angelo Carisis Witwe zu schreiben.
Nach der ersten Erschütterung über diese unerwartete Neuigkeit hatte sich Manon entschlossen, Tessa zu adoptieren, und auch Dr. Daniels Herz hatte die kesse kleine Italienerin auf Anhieb erobert.
Jetzt erreichte Dr. Daniel das kleine Dorf. Kaum hatte er seinen Wagen vor der Pension, wo er mit Manon und Tessa ein geräumiges Zimmer bewohnte, angehalten, da stürzte das kleine Mädchen auch schon heraus. Ihre dichten schwarzen Locken fielen weit über ihren Rücken, und ihre großen dunklen Augen strahlten.
»Papa!« rief sie. »Endlich!«
Stürmisch warf sie sich in Dr. Daniels Arme.
»Du warst so lange weg«, hielt sie ihm vor.
»Ich weiß, Mäuschen«, entgegnete Dr. Daniel bedauernd. »Ich hatte auch schon solche Sehnsucht nach dir.«
Mit kindlichem Ernst sah Tessa ihn an, während sie ihre Arme noch immer um Dr. Daniels Nacken geschlungen hatte.
»Sehe ich Stefano bald wieder?« fragte sie. »Und Karina?«
Dr. Daniel schmunzelte. Tessa hatte die sanfte Karina sofort in ihr Herz geschlossen, doch für ihren großen Stiefbruder hegte sie eine fast abgöttische Sympathie, und obwohl sie fließend Deutsch sprach, benutzte sie bei Stefan grundsätzlich die italienische Form seines Namens.
»In zwei Wochen fahren wir nach Hause, Tessa«, erklärte Dr. Daniel. »Dann siehst du Stefan und Karina wieder.«
»Werden sie mich bis dahin auch nicht vergessen?« fragte Tessa besorgt.
Lachend schüttelte Dr. Daniel den Kopf. »Nein, Tessa, das ganz bestimmt nicht. Vor allem dein großer Bruder ist ganz vernarrt in dich.«
Ein glückliches Lächeln huschte über Tessas Gesicht.
»Ich habe Stefano sehr lieb«, meinte sie, und in ihrem glockenhellen Stimmchen lag dabei ein besonders zärtlicher Unterton. »Karina natürlich auch«, fügte sie dann hinzu.
»Und uns?« wollte Manon wissen, die jetzt ebenfalls aus dem Haus trat.
Da strahlte Tessa. »Euch habe ich doch am allerliebsten.«
*
Starr vor Angst saß Chiara Sandrini da und wartete darauf, daß ihr Mann nach Hause kommen würde. Da drehte sich auch schon der Schlüssel im Schloß, und dann stand Elio Sandrini im Raum. Chiaras Herz begann heftiger zu schlagen, doch das lag nicht nur an ihrer Angst, sondern vor allem an der Liebe, die sie für Elio empfand.
Langsam stand Chiara auf, und als ihr Mann nun auf sie zuging, wich sie unwillkürlich zurück. Sie liebte ihn so sehr, dennoch schaffte sie es nicht, ihre Furcht zu unterdrücken. Elio war so groß und kräftig…
»Dein Vater war bei mir«, erklärte er, dann streckte er eine Hand aus, ergriff Chiara am Arm und zog sie zu sich heran. Die junge Frau konnte ihr Zittern kaum noch unterdrücken.
Zärtlich schloß Elio sie in die Arme.
»Cara mia«, flüsterte er sanft. »Du mußt keine Angst haben. Glaubst du wirklich, ich würde dir jemals weh tun?«
Die Anspannung fiel von
Chiara ab. Mit einem leisen Aufschluchzen ließ sie sich gegen Elios Brust sinken, dann schlang sie ihre Arme ganz fest um ihn.
»Elio, es… es tut mir so leid«, stammelte sie.
Er rückte ein wenig von ihr ab, strich mit einer zarten Geste durch ihr langes schwarzes Haar und suchte dabei ihren Blick.
»Chiara, dein Vater ist ein richtig herrschsüchtiger, brutaler Mann, der seine Familie tyrannisiert«, erklärte er eindringlich. »So wie er möchte ich niemals sein. Ich will nicht, daß du Angst vor mir hast. Du sollst mich doch lieben.«
Verzweifelt vergrub Chiara das Gesicht in den Händen. »Ich liebe dich ja, Elio, aber…, ich kann dir keine Kinder schenken. Dabei war ich diesmal…«
»Cara mia.« Wieder war seine Stimme wie ein sanfter Windhauch. »Es ist völlig unwichtig, ob du mir Kinder schenken kannst oder nicht. Du mußt mir deine Liebe nicht dadurch beweisen, daß du schwanger wirst. Natürlich wünsche ich mir, daß unsere Ehe durch Kinder gekrönt wird, aber wenn nicht, wird das an meiner Liebe zu dir nichts ändern. Chiara, versteh doch, mir ist nur wichtig, daß du bei mir bist.«
Mit tränennassen Augen blickte die junge Frau zu ihm auf.
»Ich muß ins Kloster, wenn ich nicht schwanger werden kann«, prophezeite sie voller Angst. »Papa hat gesagt, daß er mich ins Kloster stecken wird.«
Verärgert schüttelte Elio den Kopf. Er hatte seinen Schwiegereltern niemals wirkliche Liebe entgegenbringen können, aber ihre düstere Einstellung zum Leben irgendwie akzeptiert. Doch jetzt ging der alte Cardello entschieden zu weit!
»Hör zu, Cara, heutzutage werden Frauen nicht mehr in Klöster verbannt«, entgegnete er nachdrücklich. »Und solange du mit mir verheiratet bist, hat dein Vater kein Recht, dich irgendwo hinzuschicken.«
»Er wird dich zwingen, die Ehe annullieren zu lassen«, meinte Chiara, und dabei lag noch immer Angst in ihrer Stimme.
Doch Elio schüttelte den Kopf. »So viel Macht besitzt er nicht. Er kann dir, deiner Mutter und deinen Geschwistern Angst einjagen – bei mir gelingt ihm das nicht. Cara mia, ich liebe dich, und ich sehe nicht länger tatenlos zu, wie sich deine Eltern in unsere Ehe einmischen. Das habe ich schon viel zu lange geduldet.« Er schwieg kurz. »Für dich besteht keine Veranlassung, jedesmal in die Praxis deines Vaters zu gehen, wenn du erkennen mußt, daß du wieder nicht schwanger geworden bist.«
»Aber… er muß mich doch untersuchen, um festzustellen…«
»Chiara, dein Vater untersucht dich nicht, um irgend etwas festzustellen, sondern um dir Schmerzen zuzufügen und dich damit für deine angebliche Unfähigkeit, schwanger zu werden, zu bestrafen. Aber damit ist jetzt Schluß – ein für allemal. Das werde ich bei nächster Gelegenheit auch deinem Vater sagen, und zwar in aller Deutlichkeit.«
Aus weit aufgerissenen Augen sah Chiara ihn an. Sie wußte nicht genau, ob sie ihren Mann bewundern oder sich vor seiner Entschlossenheit fürchten sollte.
»Papa wird toben«, wandte sie leise ein.
Ungerührt zuckte Elio die Schultern. »Von mir aus.« Dann nahm er Chiara bei den Schultern und sah ihr in die Augen. »Ich wollte dich niemals von deinen Eltern entfremden, Cara, nur deshalb habe ich ihr unmögliches Verhalten dir gegenüber so lange geduldet, aber jetzt versuchen sie offenbar allen Ernstes, unsere Ehe zu zerstören, und das lasse ich mir nicht gefallen. Was dein Vater mir heute geraten…, nein, befohlen hat, war der absolute Gipfel.« Er zog einen Lederriemen hervor. »Damit soll ich dich züchtigen.« Angewidert schleuderte er den Riemen in die Ecke. »So würde ich nicht einmal einen Hund behandeln geschweige denn die Frau, die ich liebe.«
Mit einem tiefen Seufzer lehnte sich Chiara an ihn. »Papa war mit uns immer sehr streng, aber es hat uns nicht geschadet.«
Da sah Elio sie sehr ernst an. »Doch, cara mia, es hat euch geschadet. Du und deine Geschwister… ihr steckt alle so voller Angst, daß es einem im Herzen weh tut.« Zärtlich streichelte er ihr Gesicht. »Aber ich werde dafür sorgen, daß du dich von dieser Angst befreien wirst.«
*
Monsignore Francesco Antonelli war gerade auf dem Weg zur Kirche, als eine schwarzgekleidete Frau auf ihn zueilte. Ihr Gesicht war hinter einem dunk-len Schleier verborgen, so daß der Monsignore nicht sehen konnte, wer die Frau war.
»Bitte, Monsignore, darf ich mit Ihnen sprechen?« bat sie leise.
Erstaunt sah Monsignore Antonelli sie an. »Chiara?«
Die Frau zögerte, dann nickte sie hastig, während sie sich angstvoll umschaute. »Meine Eltern dürfen nicht wissen, daß ich bei Ihnen bin. Bitte… Monsignore…«
Francesco Antonelli nickte, dann nahm er Chiara fürsorglich beim Arm. »Komm, mein Kind, wir gehen in die Kirche, da wird uns niemand stören.«
Mit gesenktem Kopf folgte Chiara dem Monsignore. Er bekreuzigte sich vor dem Hochaltar, und Chiara tat es ihm gleich, dann betraten sie die Sakristei.
»Setz dich, mein Kind«, bot der Monsignore an, dann nahm auch er Platz und sah Chiara an.
Mit zitternden Fingern entfernte die junge Frau den Schleier von ihrem Gesicht, und nun konnte Monsignore Antonelli sehen, daß sie geweint hatte. Spontan griff er nach Chiaras Hand.
»Was ist denn passiert, mein Kind?«
»Ich habe Angst, Monsignore«, gestand Chiara, dann schluchzte sie hilflos auf. »Seit zwei Jahren bemühe ich mich, von Elio ein Baby zu empfangen, doch es geht einfach nicht. Alle meine Schwestern haben schon Kinder, nur ich bringe Schande über die Familie.« Mit einer fahrigen Handbewegung wischte sie über ihre Augen. »Elio sagt, das sei nicht schlimm und er würde mich trotzdem lieben, aber… ich spüre, wie sehr er leidet. Und Papa… er sagt, ich müsse ins Kloster, wenn ich nicht schwanger werden kann.«
»Augenblick, mein Kind«, entgegnete Monsignore Antonelli ruhig. »Du bist zweiundzwanzig. Gegen deinen Willen kann dich niemand in ein Kloster stecken. Mag sein, daß dein Vater noch immer dieser Ansicht ist, aber die Realität sieht ein bißchen anders aus.«
Chiara senkte den Kopf. »Ich würde es nie wagen, ihm zu widersprechen.«
Monsignore Antonelli schwieg einen Moment. Natürlich kannte er den herrschsüchtigen Dottore Salvatore Cardello und wußte, wie sehr er seine Kinder tyrannisierte, und seine Frau Concetta stand ihm dabei in nichts nach.
»Papa hat mich schon oft untersucht«, fuhr Chiara leise fort. »Er sagt, ich würde mich gegen eine Schwangerschaft wehren, aber das stimmt nicht. Ich wünsche mir ein Baby…«
Nachdenklich runzelte Monsignore Antonelli die Stirn.
»Seit zwei Jahren versucht ihr es schon«, murmelte er, dann sah er Chiara an. »Zur Zeit hält sich hier im Ort ein richtiger Frauenarzt auf. Wenn ich mit ihm sprechen würde…, er verbringt zwar gerade seinen Urlaub hier, aber ich bin sicher, daß er trotzdem bereit wäre, dich zu untersuchen.«
In Chiaras Gesicht stand Abwehr. »Aber… Papa hat mich doch schon so oft untersucht…«
»Dein Vater ist kein Frauenarzt«, entgegnete Monsignore Antonelli eindringlich. »Hier in diesem kleinen Dorf muß er zwar gelegentlich auch solche Untersuchungen durchführen, aber bei allem Respekt vor seinen Fähigkeiten, glaube ich doch, daß er überfordert ist, wenn er feststellen soll, woran deine Kinderlosigkeit liegt.« Behutsam legte er eine Hand auf Chiaras Arm. Er spürte ihr Zittern. »Du mußt vor diesem Arzt keine Angst haben, mein Kind. Er ist sehr nett, du wirst schon sehen.«
*
»Tessa! Komm jetzt!« rief Manon ihrer kleinen Tochter zu, die noch im Meer plantschte, doch in der vergangenen Stunde waren ihre Bewegungen immer langsamer geworden. »Es wird allmählich Zeit fürs Bett!«
»Och! Jetzt schon?« maulte Tessa. »Bei Monsignore Antonelli durfte ich aufbleiben, bis ich müde war.«
»Du bist müde«, stellte Dr. Daniel schmunzelnd fest. »Das willst du nur noch nicht wahrhaben.«
Tessa schüttelte den Kopf, daß die schwarzen Locken flogen. »Du irrst dich, Papa. Ich bin überhaupt nicht müde.« Dabei konnte sie kaum noch die Augen offenhalten.
Ohne weitere Diskussion wickelte Dr. Daniel die Kleine in ein Badetuch und nahm sie auf den Arm.
»Na, komm, Prinzessin«, meinte er. »Mama hat recht. Für dich ist es nun wirklich Schlafenszeit, und ich bin sicher, daß dir die Äuglein schon zufallen werden, bevor wir in unserem Zimmer sind.«
»Nein«, murmelte Tessa müde. »Ich bin hellwach.«
Sie hatte kaum ausgesprochen, als sie in Dr. Daniels Armen auch schon eingeschlafen war. Er trug sie die Treppe hinauf zu dem Zimmer, das sie gemeinsam bewohnten, dann legte er Tessa vorsichtig, um sie nicht zu wecken, in das Kinderbettchen, das ihnen die Besitzerin der Pension aufgestellt hatte. Fürsorglich deckte Manon ihr Töchterchen zu und blieb noch eine Weile neben dem Bett stehen.
»Ich kann mir ein Leben ohne sie überhaupt nicht mehr vorstellen«, meinte sie.
Zärtlich legte Dr. Daniel einen Arm um ihre Schultern. »Ich auch nicht.« Er küßte Manon. »Und ein Leben ohne dich kann ich mir ebenfalls nicht mehr vorstellen. Es ist…«
Ein zaghaftes Klopfen an der Tür unterbrach ihn. Dr. Daniel öffnete und sah sich Monsignore Antonelli gegenüber.
»Es tut mir leid, daß ich Sie um diese Zeit noch störe«, entschuldigte er sich und fühlte sich etwas unbehaglich, weil er das Gefühl hatte, seine Deutschkenntnisse seien nicht ausreichend für ein längeres Gespräch. Dabei beherrschte der Monsignore diese Sprache ganz ausgezeichnet, was an den vielen deutschen Touristen lag, die Jahr für Jahr hierherkamen.
»Darf ich Sie trotz der späten Stunde einen Augenblick sprechen?« wollte er wissen.
»Selbstverständlich, Monsignore«, stimmte Dr. Daniel zu. »Wir können uns ja unten auf die Bank setzen. Der Abend ist noch so angenehm.«
»Und auf diese Weise wecken wir Tessa nicht«, fügte der Monsignore hinzu, dann lächelte er. »Sie hat mich heute nachmittag kurz besucht…, leider nur sehr kurz, denn dann hat es sie schon wieder zu Mama und Papa hingezogen.« Er schwieg kurz. »Die Kleine liebt Sie über alles, und darüber bin ich sehr froh. Für mich wäre die Verantwortung bald zuviel geworden. Tessa braucht Eltern, und mit Ihnen beiden hat sie die besten gefunden, die man sich denken kann.«
Dr. Daniel war gerührt über die Worte des Monsignore. Sein Blick wanderte zu dem Bettchen, in dem die Kleine selig schlief. »Wir lieben Tessa, als wäre sie unser leibliches Kind.« Dann wandte er sich dem Monsignore wieder zu. »Aber ich denke nicht, daß Sie nur dar-über mit mir sprechen wollten.«
Die beiden Männer verließen den Raum und gingen die Treppe hinunter, dann setzten sie sich draußen auf die Hausbank. Das sanfte Rauschen des Meeres drang an ihre Ohren, und eine leichte Brise sorgte für ein wenig Abkühlung, was nach der Hitze des Tages ausgesprochen guttat.
»Es geht um eine junge Frau«, begann der Monsignore schließlich. »Sie stammt aus einem äußerst streng und hartherzig geführten Elternhaus, und von dort werden ihr ständig Vorwürfe gemacht, weil sie nach zwei Ehejahren noch immer nicht schwanger geworden ist.«
Unwillig runzelte Dr. Daniel die Stirn. Eine solche Einstellung mißfiel ihm sehr.
»Wie verhält sich denn ihr Mann?« wollte er wissen.
»Elio ist ein sympathischer Junge«, urteilte der Monsignore, dann schmunzelte er. »Nun ja, inzwischen ist er schon ein stattlicher Mann, aber ich kenne ihn, seit er zur Welt gekommen ist.« Er wurde wieder ernst. »Er macht seine Liebe zu Chiara nicht von einer Schwangerschaft abhängig, aber die Angst vor ihren Eltern ist in der jungen Frau schon so tief verwurzelt, daß sie sich nicht mehr davon befreien kann. Sie ist überzeugt davon, daß Elio die Ehe annullieren lassen wird und sie danach von ihrem Vater ins Kloster gesteckt wird.«
Dr. Daniel ahnte bereits, worauf der Monsignore hinauswollte.
»Ich nehme an, Sie möchten mich bitten, die junge Frau einmal zu untersuchen«, vermutete er.
Monsignore Antonelli nickte. »Chiaras Vater ist zwar Arzt, aber einer der besonders groben Sorte. Keiner unserer Dorfbewohner reißt sich darum, zu Dottore Cardello zu gehen.«
Dr. Daniel runzelte die Stirn.
»Cardello?« wiederholte er. »Diesen Namen hat Tessa einmal erwähnt. Sie fragte mich damals, ob ich auch ein Monsignore sei, und als ich erwiderte, ich wäre Arzt, da wollte sie wissen, ob ich denn so streng sei wie der Dottore Cardello.«
Monsignore Antonelli nickte. »Der gute Doktor erfreut sich allgemeiner Unbeliebtheit, aber es ist leider kein anderer Arzt da, zu dem man gehen könnte. Das bedeutet, daß er für alle Bereiche zuständig ist – gleichgültig, ob es sich nun um Ohrenschmerzen, Atembeschwerden, Kinderkrankheiten oder Unterleibsgeschichten handelt… Salvatore Cardello behandelt alles, und dabei geht er mit seinen Patienten nicht gerade zartfühlend um.«
»Es ist also anzunehmen, daß er auch seine Tochter untersucht hat«, mutmaßte Dr. Daniel.
»Ja, und dabei war er mit Sicherheit äußerst grob«, meinte Monsignore Antonelli. »Als ich Chiara gegenüber eine Untersuchung lediglich erwähnte, begann sie schon zu zittern.«
»Natürlich werde ich mir die junge Frau gerne einmal ansehen«, stimmte Dr. Daniel bereitwillig zu. »Ich fürchte aber, daß es in einem solchen Fall mit einer normalen gynäkologischen Untersuchung nicht getan sein wird. Um festzustellen, ob eine Frau unfruchtbar ist oder nicht, sind eine ganze Reihe von Tests nötig, und ich denke nicht, daß sich hier die geeigneten Apparate dafür finden werden.«
»In unserem kleinen Dorf sicher nicht«, räumte Monsignore Antonelli ein. »Allerdings gibt es nicht weit von hier ein Kloster, zu dem auch eine kleine Klinik gehört. Vielleicht finden Sie dort, was Sie benötigen.«
Dr. Daniel nickte. »Einen Versuch wäre es jedenfalls wert.« Er schwieg einen Moment. »Unter den gegebenen Umständen würde ich die junge Frau allerdings lieber auf neutralem Boden kennenlernen, um mich mit ihr zu unterhalten. Es könnte sich bei ihr nur nachteilig auswirken, wenn sie mich erst am Tag der Untersuchung kennenlernen würde.«
»Das denke ich auch«, stimmte der Monsignore zu. »Ich werde ein Treffen zwischen Ihnen und Chiara arrangieren.« Er reichte Dr. Daniel die Hand. »Ich danke Ihnen, daß Sie bereit sind, diese Untersuchung durchzuführen, obwohl Sie hier ja eigentlich Urlaub machen.«
»Wenn jemand meine Hilfe braucht, dann ist das wichtiger als mein Urlaub«, entgegnete Dr. Daniel schlicht.
*
Jana Kemmerer war zutiefst enttäuscht, als sie vor Dr. Daniels Praxis stand und erkennen mußte, daß sich der Arzt noch immer im Urlaub befand. Die Gynäkologin der Waldsee-Klinik, Dr. Alena Reintaler, die seine Vertretung übernommen hatte, war zwar sehr nett, trotzdem wäre es Jana lieber gewesen, wenn sie jetzt – so kurz vor der anstehenden Geburt ihres ersten Babys – noch einmal mit Dr. Daniel hätte sprechen können.
Die junge Frau seufzte tief, dann machte sie sich auf den Weg zur Waldsee-Klinik. Hier, auf diesem schattigen Pfad, war es angenehm kühl, und Jana atmete die würzige Waldluft ein. Sie mußte langsam gehen, denn schon die geringste Anstrengung führte jetzt bei ihr zu arger Atemnot.
Dann sah sie den hufeisenförmigen weißen Bau durch die Bäume schimmern. Mit einem sanften Lächeln streichelte sie über ihren Bauch.
»Da drinnen wirst du geboren werden«, flüsterte sie ihrem Baby zu, dann seufzte sie wieder. »Hoffentlich ist Dr. Daniel bis dahin aus dem Urlaub zurück.«
Durch den rückwärtigen Eingang betrat sie die Klinik und wandte sich der Sekretärin Martha Bergmeier zu, die wie immer in ihrem Glashäuschen mit der Aufschrift Information saß und mit Argusaugen darüber wachte, wer die Klinik betrat und verließ.
»Guten Morgen, Frau Bergmeier. Bei mir steht heute ei-
ne Schwangerschafts-Vorsorgeuntersuchung an«, erklärte Jana mit einem freundlichen Lä-cheln. »Dr. Daniel ist leider noch in Urlaub.«
»Ja, Frau Kemmerer, ich weiß«, entgegnete Martha. »Gehen Sie ruhig schon mal in die Gynäkologie hinüber.« Sie lä-chelte. »Mittlerweile kennen Sie sich hier ja gut aus, nicht wahr?«
»Da haben Sie recht«, stimmte Jana zu, zögerte aber noch. »Frau Bergmeier, wissen Sie vielleicht, wann Dr. Daniel wieder hier sein wird?«
Bedauernd schüttelte Martha den Kopf. »Tut mir leid, aber etwas Genaues weiß wohl niemand. Ich habe nur erfahren, daß sich Dr. Daniels Hochzeit auf Sardinien ein bißchen verschoben hat. Angeblich sollen er und Frau Dr. Carisi… ach nein, jetzt ist sie ja seine Frau… na ja, die beiden sollen wohl ein kleines italienisches Mädchen adoptiert haben.« Sie seufzte tief auf. »Aber mir gegenüber hüllt sich ja jeder in Schweigen.«
Jana hatte Mühe, ein Schmunzeln zu unterdrücken. Sie konnte sich sehr gut vorstellen, warum Martha Bergmeier noch nicht genauer informiert war. Sie war zwar eine liebe, nette Frau, aber eben auch überaus gesprächig.
»Zehn Tage habe ich ja noch bis zum errechneten Termin«, erklärte Jana nun. »Vielleicht ist Dr. Daniel bis dahin ja wieder zurück.« Sie nickte Martha freundlich zu, dann ging sie in die Gynäkologie hinüber und setzte sich auf die weiße Kunststoffbank, die auf dem Flur stand.
Es dauerte nur wenige Minuten, bis Stefan, der Sohn von Dr. Daniel, den Flur entlangkam.
»Guten Morgen, Frau Kemmerer«, grüßte er lächelnd. »Frau Bergmeier hat mir gesagt, daß Sie zur Vorsorgeuntersuchung hergekommen sind.«
»Ja, Herr Doktor«, antwortete Jana, während sie sich ein wenig schwerfällig erhob. »Ihr Vater ist ja leider noch in Urlaub, sonst würde ich den Klinikbetrieb nicht so durcheinanderbringen.«
»Davon kann überhaupt keine Rede sein«, entgegnete Stefan nachdrücklich, dann ließ er Jana ins Untersuchungszimmer treten. »Normalerweise wäre Frau Dr. Reintaler für diese Untersuchung zuständig, aber sie ist momentan im Operationssaal, und es ist noch nicht abzusehen, wie lange der Eingriff dauern wird. Sie werden also mit mir vorliebnehmen müssen.«
»Das macht doch nichts«, meinte Jana. »Wenn Sie hier arbeiten dürfen, sind Sie bestimmt auch ein guter Arzt.«
Stefan lächelte. »Das hoffe ich.« Dann wies er auf einen der beiden Stühle, die vor dem Schreibtisch standen. »Bitte, Frau Kemmerer, nehmen Sie Platz.«
Er wartete, bis Jana seiner Aufforderung nachgekommen war, bevor auch er sich setzte und den Mutterpaß entgegennahm, den Jana ihm reichte.
»Ihre Schwangerschaft verlief bisher also problemlos«, stellte Stefan fest, während er die Eintragungen seines Vaters überflog, dann blickte er auf. »Haben Sie irgendwelche Beschwerden?«
Jana lächelte. »Wenn man davon absieht, daß ich ungefähr fünfzigmal am Tag auf die Toilette muß und nachts kaum noch schlafen kann, nicht.«
Stefan mußte lachen. »Ich nehme an, Sie sehnen den Geburtstermin regelrecht herbei.«
»Das kann man wohl sagen.« Sie zögerte. »Bitte, fassen Sie es nicht falsch auf, aber…, glauben Sie, daß Ihr Vater wieder hier sein wird, wenn mein Baby kommt?«
Stefan warf einen Blick auf den errechneten Geburtstermin. »Ich will ehrlich sein, Frau Kemmerer – das könnte knapp werden. Mein Vater wird noch ungefähr zwei Wochen verreist sein. Wenn Ihr Baby also mit etwas Verspätung eintreffen sollte, könnte es klappen.« Impulsiv legte er eine Hand auf Janas Arm. »Aber selbst wenn er nicht dabeisein kann… Sie sind hier in der Klinik in den besten Händen.«
Aufmerksam sah Jana ihn an. »Sie sind Ihrem Vater wirklich sehr ähnlich.«
»Das höre ich gern«, meinte Stefan lächelnd, dann stand er auf. »Ich schicke Ihnen Schwester Bianca herein. Bevor ich Sie untersuche, möchte ich die Ergebnisse von Blutbild und Urinuntersuchung haben. In ein paar Minuten bin ich wieder zu-rück.«
Stefan war kaum draußen, da betrat die Stationsschwester der Gynäkologie, Bianca Behrens, den Untersuchungsraum.
»So, Frau Kemmerer, jetzt muß ich Sie ein bißchen in den Finger pieksen«, erklärte sie.
Jana verzog das Gesicht. »Das mag ich aber gar nicht gern.«
Bianca lächelte und griff nach Janas Hand. »Ich weiß schon, daß das ein bißchen unangenehm ist, aber es geht ja ganz schnell.«
Bianca war so geschickt, daß Jana den Stich in den Finger kaum spürte.
»Wenn Sie bitte Ihre Schuhe ausziehen würden«, bat Bianca, als sie fertig war. »Ich muß Sie noch wiegen.«
»Hoffentlich haben Sie eine Waage, die mein Gewicht tragen kann«, scherzte Jana.
»Ach, ich denke, das kriegen wir schon hin«, entgegnete Bianca grinsend. Sie notierte gewissenhaft das angezeigte Gewicht.
»So, jetzt noch eine Urinprobe, dann sind Sie von mir erlöst«, meinte sie. »Der junge Dr. Daniel wird wieder zu Ihnen kommen, sobald ich mit der Auswertung fertig bin.«
Das dauerte auch wirklich nicht lange.
»Blutbild und Urinprobe sind in Ordnung«, erklärte Stefan, als er die Tür des Untersuchungszimmers hinter sich geschlossen hatte. »Nur das Gewicht könnte ein bißchen problematisch werden.« Er blätterte noch einmal im Mutterpaß. »Mein Vater hat beim letzten Ultraschall ja schon festgestellt, daß Sie ein ziemlich großes Baby erwarten.« Er sah Jana an. »Hat er Ihnen da nicht zum Kaiserschnitt geraten?«
»Doch«, gab Jana errötend zu. »Aber Horst und ich wünschen uns so sehr eine natürliche Geburt.« Sie zögerte. »Wissen Sie, eigentlich wollte ich sogar zu Hause entbinden, aber Ihr Vater hat mich schließlich zur Klinikgeburt überredet – eben weil das Baby ziemlich groß ist. Aber ich möchte unter keinen Umständen mit Kaiserschnitt entbinden.«
Stefan nickte, dann sah er sie ernst an. »In die Klinik müssen Sie aber wirklich auf jeden Fall kommen. Wenn hier Komplikationen auftreten, können wir schnell handeln, aber wenn wir Sie von zu Hause erst in die Klinik schaffen müssen, könnte es zumindest für Ihr Baby rasch zu spät sein.«
Bei diesen Worten fiel Jana wieder auf, wie sehr sich Stefan und sein Vater glichen.
»Genau dasselbe hat Ihr Vater auch gesagt«, erklärte sie. »Und Sie können sicher sein, daß ich diesen Rat beherzigen werde. Wenn die Wehen einsetzen, dann lasse ich mich sofort hierherbringen.«
»Gut«, meinte Stefan. »Machen Sie sich jetzt bitte frei, damit ich Sie untersuchen kann. Auch auf Ultraschall würde ich mir das Baby gern mal anschauen.«
Jana strahlte. »Das ist fein! Obwohl ich selbst meistens nicht viel erkennen kann, finde ich diese Ultraschallaufnahmen immer wahnsinnig aufregend.«
Stefan nickte lächelnd. »Das kann ich gut verstehen, Frau Kemmerer. Sie freuen sich schon sehr auf Ihr Baby, nicht wahr?«
»Und wie!« bekräftigte Jana, dann versuchte sie, auf den gynäkologischen Stuhl zu klettern, doch Stefan mußte ihr dabei behilflich sein.
»Allmählich ist dieser Bauch wirklich überall im Weg«, meinte Jana, doch ihr glückliches Gesicht bewies, daß ihr das eigentlich gar nicht so unangenehm war. Sie war stolz darauf, daß man ihr die Schwangerschaft so deutlich ansehen konnte.
Stefan streifte sich Plastikhandschuhe über, dann trat er zu Jana. »Schön entspannen, Frau Kemmerer.« Sehr vorsichtig, aber dennoch gründlich nahm Stefan die Untersuchung vor. Mittlerweile hatte er schon ein bißchen Erfahrung damit. Seit sein Vater nach Sardinien gefahren war, hatte er bereits des öfteren gynäkologische Untersuchungen durchführen müssen, denn auch Alena Reintaler war hier in der Klinik nicht immer verfügbar gewesen.
»Ich glaube, Sie werden einmal ein ähnlich guter und rücksichtsvoller Arzt wie Ihr Vater«, meinte Jana.
»Ein solches Kompliment höre ich natürlich gern«, entgegnete Stefan, dann trat er zurück. »Soweit ist alles in Ordnung.« Er schaltete den Monitor ein, dann griff er nach einer Tube. »Nicht erschrecken, jetzt wird’s ein bißchen kalt auf Ihrem Bauch.«
»Das kenne ich schon«, erklärte Jana, während Stefan das spezielle Gel, das für die Ultraschallaufnahme nötig war, auf ihrem Bauch verteilte. Dann ließ er den Schallkopf darübergleiten.
»Hier sehen Sie das Herz sehr schön«, erläuterte Stefan, und Jana nickte begeistert.
»Ich finde es immer wieder faszinierend, wie man damit so einfach in den Bauch hineinschauen kann«, erklärte sie und schaute gebannt auf den Bildschirm, um von den hellen und dunklen Schatten möglichst viel zu erkennen.
Stefan nahm nun die Abmessungen vor, und dabei stiegen seine Bedenken noch.
»Ich will ganz ehrlich sein, Frau Kemmerer, ich wäre sehr viel beruhigter, wenn Sie sich doch zu einem Kaiserschnitt entschließen könnten«, betonte er. »Das Baby wiegt bestimmt acht Pfund – wenn nicht sogar noch mehr. Wenn es Ihr zweites oder drittes Kind wäre, hätte ich etwas weniger Bedenken, aber so… Sie sind Erstgebärende, und da können bei einem sehr großen Kind wirklich Komplikationen auftreten.«
»Sie sind so besorgt um mich«, erwiderte Jana und wurde ein bißchen verlegen. »Da habe ich direkt ein schlech-
tes Gewissen, wenn ich einen Kaiserschnitt ablehnte.« Sie schwieg einen Moment. »Wissen Sie, Herr Doktor, ich habe mich die ganze Zeit über auf eine natürliche Geburt eingestellt, und ich freue mich schon so…, dieses Erlebnis möchte ich unter gar keinen Umständen verschlafen.«
»Wenn der Kaiserschnitt geplant ist, muß er nicht zwangsläufig unter Vollnarkose durchgeführt werden«, wandte Stefan ein. »Wir könnten eine Periduralanästhesie machen. Dabei würden Sie in den Rückenmarkskanal eine Spritze bekommen, die das Schmerzempfinden ausschalten würde. Auf diese Weise könnten Sie den Kaiserschnitt wach miterleben und Ihr Baby unmittelbar danach in die Arme nehmen.«
Jana nickte. »Darüber habe ich schon gelesen, aber…, ich glaube, das würde ich nicht verkraften. Wenn ich mir vorstel-
le, daß ich mitbekommen würde, wie Sie mir da den Bauch aufschneiden…« Unwillkürlich schüttelte sie sich. »Nein, Herr Doktor, das wäre nichts für mich. Ich möchte mein Baby auf ganz normalem Wege zur Welt bringen.«
»Also schön«, seufzte Stefan. »Aber ich sage es Ihnen gleich, Frau Kemmerer, es wird eine sehr schwere Geburt werden.«
*
Chiara Sandrini hatte Angst vor der ersten Begegnung mit Dr. Daniel, obwohl Monsignore Antonelli ihr versichert hatte, daß der deutsche Doktor keine Untersuchung vornehmen würde, sondern sich nur mit ihr unterhalten wollte.
Völlig verschüchtert stand sie nun schräg hinter dem Monsignore und wagte kaum, den Arzt anzusehen. Sehr behutsam legte Monsignore Antonelli einen Arm um Chiaras Schultern und schob sie ein wenig nach vorn.
»Herr Doktor, das ist Chiara Sandrini«, stellte er sie dann vor.
Mit einem herzlichen Lächeln ergriff Dr. Daniel die schmale Hand der jungen Frau und suchte ihren Blick, doch Chiara hielt den Kopf weiterhin gesenkt.
»Buon giorno, Signora San-drini«, grüßte er.
Langsam hob Chiara den Kopf und brachte sogar ein kurzes Lächeln zustande.
»Sie müssen sich nicht be-mühen, Herr Doktor«, erklärte sie leise. »Ich spreche Deutsch.«
Dr. Daniel atmete auf. »Da bin ich wirklich erleichtert. Ansonsten hätte sich unsere Unterhaltung sicher schwierig gestaltet.«
Chiaras Lächeln war schon wieder erloschen.
»Kommen Sie, Chiara«, bat Dr. Daniel die junge Italienerin. »Ich darf Sie doch mit dem Vornamen ansprechen, oder?«
Die junge Frau nickte. »Selbstverständlich, Herr Doktor.« Ihre Stimme war kaum mehr als ein Flüstern.
Dr. Daniel begleitete sie in den kleinen Raum, den Monsignore Antonelli ihnen für dieses Gespräch zur Verfügung gestellt hatte. Unwillkürlich blickte sich Chiara um und entspannte sich, als sie sah, daß in dem Zimmer nichts war, wo sich eine Untersuchung hätte durchführen lassen.
Dr. Daniel vermochte ihren ängstlichen Blick gleich richtig zu deuten.
»Sie müssen vor mir keine Angst haben, Chiara«, erklärte er in besonders einfühlsamem Ton. »Der Monsignore hat Ihnen doch sicher gesagt, daß ich mich vorerst nur mit Ihnen unterhalten möchte.«
Chiara nickte, dann brach sie plötzlich in Tränen aus.
»Bitte, Herr Doktor, helfen Sie mir«, schluchzte sie verzweifelt. »Ich möchte so gern ein Baby. Ich will Elio nicht verlieren, und ich will auch nicht ins Kloster.«
»Augenblick, Chiara«, entgegnete Dr. Daniel. »Ich glaube nicht, daß das Kloster überhaupt für Sie zur Debatte steht. Soweit ich informiert bin, denkt Ihr Mann doch gar nicht daran, die Ehe für ungültig erklären zu lassen.«
»Jetzt noch nicht«, gab Chiara zu. »Aber wenn mein Vater ihn erst unter Druck setzt, dann wird Elio gewiß nachgeben. Mein Vater hat noch immer erreicht, was er wollte.«
Bedächtig wiegte Dr. Daniel den Kopf hin und her. »Wenn Ihr Mann Sie wirklich liebt, dann wird er seinen Entschluß niemals ändern – gleichgültig, wie sehr Ihr Vater ihm zusetzen wird. Aber lassen wir das vorerst einmal dahingestellt. Sie haben gesagt, daß Sie sich ein Baby wünschen. Ist das wirklich so, oder wollen Sie nur schwanger werden, um Elio nicht zu verlieren?«
»Macht das denn einen Unterschied?« fragte Chiara zu-rück.
Dr. Daniel nickte. »Einen sehr großen sogar. Wenn Sie tief im Innern nicht bereit sind für ein Kind, dann könnte das durchaus ein Grund sein, weshalb Sie nicht schwanger werden. Vor allen Dingen soll ein Baby die Krönung der Liebe sein, nicht ein Hilfsmittel für eine möglicherweise brüchige Ehe.«
Niedergeschlagen sackte Chiara in sich zusammen.
»Mein Vater hat also recht«, flüsterte sie. »Ich wehre mich gegen die Schwangerschaft.«
Dr. Daniel runzelte die Stirn. »Wollen Sie das Kind denn wirklich nur, weil Sie Angst haben, daß Ihre Ehe sonst annulliert werden könnte?
Chiara zuckte die Schultern. »Ich weiß es selbst nicht.« Sie schwieg einen Moment, dann trat ein zärtlicher Ausdruck in ihre Augen. »Ich habe mir immer ein Kind gewünscht, aber…« Unschlüssig sah sie Dr. Daniel an. »Vielleicht habe ich mir das ja auch nur eingeredet.«
Da lächelte Dr. Daniel. »Nein, Chiara, ich bin sicher, daß Sie sich das nicht nur eingeredet haben. Sie sind inzwischen bloß völlig verunsichert.« Er zögerte, dann fügte er hinzu: »Ich fürchte, man hat Ihnen in den vergangenen Monaten sehr zugesetzt, weil Sie nicht schwanger geworden sind.«
Chiara nickte. »Meine Eltern haben gesagt, ich würde Schande über die Familie bringen. Wissen Sie, meine drei Schwestern haben alle schon Kinder, nur ich…, ich habe es noch nicht geschafft.«
»Das klingt, als würde es sich um einen Wettbewerb handeln«, meinte Dr. Daniel. »Chiara, Sie stellen sich auf diese Weise unter einen unnötigen Zwang. Ich habe in meiner Praxis schon mehrfach Frauen behandelt, die verbissen auf ein Baby hingearbeitet haben – wenn auch aus anderen Gründen als Sie. Geklappt hat es meist erst, wenn sie sich von diesem Zwang befreien konnten.« Er sah das Unverständnis auf Chiaras Gesicht. Daher fuhr er fort: »Sehen Sie, jegliche Streßsituation kann den normalen Zyklus einer Frau durcheinanderbringen. Das bedeutet, daß der Eisprung fast immer ausbleibt, wenn die Frau unter körperlicher oder psychischer Spannung steht. Genauso ist es jetzt auch bei Ihnen, und ich vermute, daß Sie im Augenblick gar keinen Eisprung haben und eben aus diesem Grunde auch nicht schwanger werden können.«
»Aber…, dann ist es ja aussichtslos«, befürchtete Chiara. »Wenn ich nicht schwanger werde, muß ich Angst haben, daß Elio mich verläßt, und solange ich Angst habe, kann ich nicht schwanger werden.«
Dr. Daniel erkannte, daß er anders vorgehen mußte. Es würde notwendig sein, diesen Elio in das Gespräch mit einzubeziehen. Auf diese Weise könnte sich Dr. Daniel auch ein Bild von dem jungen Mann machen
und vielleicht herausfinden, ob
Chiaras Angst tatsächlich berechtigt war.
»Wären Sie einverstanden, wenn ich mich auch mal mit Ihrem Mann unterhalten würde?« fragte er.
Im ersten Moment wollte die junge Frau den Kopf schütteln, überlegte es sich dann aber anders.
»Ja, ich bin einverstanden, Herr Doktor«, stimmte sie zu. »Wenn Elio weiß, daß ich mich wirklich bemühe, ein Kind zu bekommen, wird er mit der Annullierung der Ehe sicher noch warten.«
*
Elio Sandrini war erstaunt, als er nach Hause kam und feststellen mußte, daß Chiara nicht daheim war. Sein erster Gedanke war, daß sie vielleicht wieder zu ihren Eltern gegangen war, doch als er das Haus verlassen wollte, sah er seine Frau mit einem fremden blonden Mann die Straße heraufkommen.
Elios Stirn legte sich in bedrohliche Falten.
»Was hat das zu bedeuten?« wollte er wissen, kaum daß
Chiara in Hörweite war.
»Elio, das ist Dr. Daniel, ein deutscher Arzt, der hier gerade Urlaub macht«, erklärte Chiara sofort. »Monsignore Antonelli hat mich auf ihn aufmerksam gemacht. Dr. Daniel ist Frauenarzt.«
Die Falten auf Elios Stirn glätteten sich wieder. Mit einem freundlichen Lächeln reichte er Dr. Daniel die Hand.
»Buon giorno, dottore«, grüßte er höflich, doch weiter kam er nicht, denn Chiara mischte sich ein. »Dr. Daniel versteht leider kein Italienisch.«
»Ich fürchte, dann wird es schwierig«, meinte Elio. »Durch die deutschen Touristen, mit denen ich gelegentlich zu tun habe, kann ich zwar ein bißchen Deutsch, aber…«
»Sie beherrschen meine Sprache sogar ganz ausgezeichnet«, fiel Dr. Daniel ihm ins Wort. »Ich nehme an, Sie können sich denken, worüber sich Ihre Frau mit mir unterhalten hat.«
Elio nickte. »Natürlich kann ich mir das denken, Herr Doktor.«
Mit einer einladenden Handbewegung ließ er Dr. Daniel eintreten und bot ihm Platz an, dann setzten er und Chiara sich ihm gegenüber, und Dr. Daniel bemerkte, wie sie sich zärtlich bei den Händen hielten. Spätestens in diesem Moment wußte Dr. Daniel, daß Chiaras Angst, von Elio verlassen zu werden, wirklich grundlos war. Überhaupt machte der junge Mann einen äußerst sympathischen Eindruck auf ihn.
»Es kann natürlich eine Menge Gründe geben, weshalb Ihre Frau nicht schwanger wird«, meinte Dr. Daniel. »Genaueres kann ich erst nach einer gründlichen Untersuchung sagen, aber zumindest eines scheint mir jetzt schon bedenklich: Ihre Frau steht unter einem viel zu großen Leistungszwang.«
»Ich weiß«, erklärte Elio, und in seiner Stimme schwang ein ärgerlicher Unterton mit. »Erst heute habe ich mit meinen Schwiegereltern darüber gesprochen. Es geht einfach nicht, daß sie Chiara in dieser Art und Weise zusetzen, aber…« Er zuckte die Schultern. »Mein Schwiegervater ist eine sehr dominierende Persönlichkeit, und er hat seine Familie von Anfang an unterdrückt. Keines seiner Kinder wagt ihm zu widersprechen – nicht einmal sein ältester Sohn, und der ist mittlerweile schon fast dreißig.«
Dr. Daniel nickte. So ähnlich hatte er sich das vorgestellt, obwohl ein solches Verhalten für ihn überhaupt nicht nachzuvollziehen war. Er selbst hätte sich seinen Kindern gegenüber niemals zu einem despotischen Herrscher aufgeschwungen.
»Ich habe es vorhin zu Chiara schon gesagt«, meinte Dr. Daniel. »Der Zyklus einer Frau ist durch äußere Einflüsse sehr leicht durcheinanderzubringen. Das heißt in Ihrem Fall, daß Chiara möglicherweise gar keinen Eisprung hat. Und je massiver die Streßsituation wird, um so schwieriger kann es sein, diesen normalen Zyklus wieder in Gang zu bringen.«
Elio und Chiara tauschten einen Blick.
»Ich werde mich bemühen, für Chiara eine möglichst entspannte Atmosphäre zu schaffen«, versprach Elio, dann sah er Dr. Daniel an. »Werden Sie trotzdem eine Untersuchung vornehmen? Ich meine…, wenn es nur an dieser unglücklichen Situation liegt, dann müßte man Chiara doch nicht noch zusätzlich quälen.«
»Das ist letzten Endes eine Entscheidung, die nur Sie beide treffen können«, entgegnete Dr. Daniel. »Aufgrund des wenigen, was ich weiß, kann ich körperliche Gründe natürlich nicht ausschließen. Eine umfassende Untersuchung ist zum jetzigen Zeitpunkt nicht unbedingt erforderlich. Sie können erst mal versuchen, ob es mit der Schwangerschaft klappt, wenn die störenden Faktoren beseitigt sind – sofern sich das angesichts der Eltern Chiaras überhaupt durchführen läßt.« Er schwieg einen Moment. »Wenn Sie sich dann aber doch zu einer gründlichen Untersuchung entschlie-ßen sollten, würde ich Ihnen dringend empfehlen, einen gu-ten Gynäkologen aufzusuchen.«
Wieder tauschten Elio und Chiara einen langen Blick.
»Ich glaube, ich würde mich lieber von Ihnen untersuchen lassen«, meldete sich Chiara mit leiser Stimme zu Wort.
»Das läßt sich machen«, stimmte Dr. Daniel bereitwillig zu. »Monsignore Antonelli hat gesagt, daß es hier in der Nähe eine Klinik gibt, die zu einem Kloster gehört. Ich weiß zwar nicht, wie gut diese Klinik auf derartige Untersuchungen eingerichtet ist, aber sie wird vielleicht für die ersten Tests genügen, mit denen ich mir einen genaueren Überblick über die Situation verschaffen kann.« Er erhob sich. »Ich werde mich mit dem Monsignore unterhalten und Ihnen dann Bescheid sagen, wann wir die Untersuchung vornehmen können.«
Auch Elio stand auf. »Ich begleite Sie hinaus.«
Dr. Daniel reichte Chiara die Hand, dann legte er impulsiv einen Arm um ihre Schultern und drückte sie einen Augenblick an sich.
»Keine Sorge, Chiara, wir kriegen das schon irgendwie in den Griff«, erklärte er mit dem ihm eigenen sehr warmherzigen Lächeln.
»Danke, Herr Doktor«, flüsterte die junge Frau.
Währenddessen war Elio schon vorangegangen und schloß nun gewissenhaft die Tür hinter sich und Dr. Daniel.
»Vor Chiara wollte ich es nicht sagen«, erklärte er leise. »Sie leidet unter dem Druck, den ihre Eltern ausüben, schon so sehr.« Er seufzte. »Es sind nicht nur die Cardellos, die mir zu schaffen machen, sondern auch meine Eltern. Sie drängen mich schon seit einem Jahr, die Ehe mit Chiara annullieren zu lassen.«
Aufmerksam sah Dr. Daniel ihn an. »Werden Sie es tun?«
Ohne einen Augenblick zu überlegen, schüttelte Elio den Kopf. »Nein, auf gar keinen Fall.« Dann machte er ein bekümmertes Gesicht. »Aber ich fürchte, ich werde es immer schwerer haben, mich mit dieser Einstellung durchzusetzen.« Er schwieg einen Moment. »Wissen Sie, Herr Doktor, ich bin ein Einzelkind. Meine Mutter hatte große Probleme, Kinder auszutragen. Die meisten sind kurz nach der Geburt oder innerhalb des ersten halben Jahres gestorben. Aus diesem Grund bin ich der einzige Erbe. Meinen Eltern gehört die kleine Pizzeria am Ortsrand. Vielleicht sind Sie mal daran vorbeigekommen.« Er senkte den Kopf. »Wenn meine Ehe kinderlos bleiben würde, wäre für die Pizzeria kein Erbe mehr da.« Mit ernstem Blick sah er Dr. Daniel an. »Ich persönlich würde mich nicht scheuen, ein Kind zu
adoptieren, aber für meine Eltern würde damit eine Welt zusammenbrechen. Vor allem mein Vater ist so stolz auf den Namen Sandrini, daß er ein adoptiertes Kind nie wirklich akzeptieren könnte.«
Spontan legte Dr. Daniel ihm eine Hand auf die Schulter. »Machen Sie sich im Moment noch keine zu großen Sorgen darüber, Herr Sandrini. Ich werde versuchen, Ihnen zu helfen.«
*
»Alena, haben Sie einen Augenblick Zeit für mich?« fragte Dr. Stefan Daniel, als ihm die Gynäkologin der Waldsee-Klinik in der Eingangshalle begegnete.
Alena Reintaler lächelte. »Natürlich, Stefan. Worum geht’s denn?«
»Um eine Patientin meines Vaters, die ich vor zwei Tagen untersucht habe«, antwortete der junge Assistenzarzt. »Seitdem läßt mir der Fall keine Ruhe mehr.« Er atmete tief durch, dann schilderte er Alena die Situation der jungen Jana Kemmerer.
»Ich befürchte, daß das Ba-
by bei einer Spontangeburt im Geburtskanal steckenbleiben könnte«, schloß er seinen Bericht.
»So leicht passiert das nun auch wieder nicht«, entgegnete Alena. »Aber ich finde es lobenswert, daß Sie sich darüber so große Gedanken machen. Haben Sie von den Ultraschallaufnahmen eine Kopie gemacht?«
Stefan nickte. »Ich habe die ganze Untersuchung auf Video aufgezeichnet. Wollen Sie sie sich ansehen?«
Alena nickte.
Wenig später saßen sie im Ärztezimmer der Gynäkologie, und Alena betrachtete interessiert die Aufnahmen, die Stefan gemacht hatte.
»Das Baby ist tatsächlich sehr groß«, stellte sie nachdenklich fest.
»Und es ist das erste Kind der Patientin«, fügte Stefan hinzu. »Überdies habe ich bei der gynäkologischen Untersuchung den Eindruck gewonnen, als wäre ihr Becken nicht sehr breit.«
»Aber Ihr Vater hielt eine Spontangeburt doch für unbedenklich«, meinte Alena nach einem Blick in die Krankenakten, die über Jana Kemmerer angelegt worden waren. Sie erinnerte sich dunkel, die Patientin einmal untersucht zu haben, aber in letzter Zeit hatte sie zu sehr im Streß gestanden, als daß sie sich noch an jede Einzelheit hätte erinnern können.
Stefan schüttelte den Kopf. »Nicht ganz. Er hat Frau Kemmerer zu einem Kaiserschnitt geraten, doch sie besteht auf einer natürlichen Geburt. Mein Vater konnte sie immerhin davon überzeugen, daß eine Hausgeburt ein unnötiges Risiko in sich bergen würde. Sie wird also hier in der Klinik entbinden, aber…« Er sah die Akten an. »Ich habe ein ungutes Gefühl bei der Sache.« Er schwieg einen Moment und versuchte sich an die Eintragungen im Mutterpaß zu erinnern. »Im übrigen hat mein Vater die Patientin zum letzten Mal vor sechs Wochen gesehen. In der Zwischenzeit ist das Baby nochmals gewachsen.«
Alena überlegte eine Weile, dann meinte sie: »Wie ich sehe, haben Sie Frau Kemmerer bereits für nächste Woche wieder in die Klinik bestellt.«
Stefan nickte. »Eben aus diesem Grund. Ich will das Kind an diesem Tag noch einmal abmessen.«
»Wenn die Patientin hier ist, benachrichtigen Sie mich bitte. Ich werde versuchen, mit ihr zu sprechen. Vielleicht kann man sie ja doch noch zu einem Kaiserschnitt bewegen.«
*
»Papa, wo warst du denn so lange?« beschwerte sich Tessa und zog dabei einen beleidigten Schmollmund.
Liebevoll nahm Dr. Daniel die Kleine auf den Arm und gab ihr einen zärtlichen Kuß auf die Wange.
»Es gibt hier im Ort eine junge Frau, die meine Hilfe braucht«, erklärte er ihr, dann sah er Manon an. »Ich fürchte, ich werde in dieser Woche noch einmal weg sein.«
Seine Frau schmunzelte. »Wie sollte es auch anders sein.« Sie legte einen Arm um Dr. Daniels Taille, stellte sich auf Zehenspitzen und küßte ihn. »Mein geliebter Robert kann einfach nicht ohne Arbeit sein.«
»Das ist es nicht«, wehrte Dr. Daniel ab, dann lächelte er. »Ich könnte mich an das süße Nichts-tun sehr wohl gewöhnen.« Er wurde wieder ernst. »Diese Frau hat wirklich ernsthafte Probleme.«
Manon küßte ihn noch einmal. »Du mußt dich nicht verteidigen, Robert. Glaubst du, daß ausgerechnet ich dafür kein Verständnis hätte?«
»Ich will aber nicht, daß du wieder weggehst, Papa«, mischte sich nun Tessa ein, dann schlang sie ihre Ärmchen um seinen Nacken. »Ich möchte, daß du immer bei mir bleibst.«
»Das würde ich auch sehr gern, Mäuschen«, gab Dr. Daniel zu. »Leider wird sich das aber auf Dauer nicht ganz einrichten lassen. Schließlich habe ich auch noch einen Beruf.« Er lächelte das kleine Mädchen an. »Aber ich verspreche dir, daß ich mir für dich so viel Zeit nehmen werde wie möglich. Und jetzt im Urlaub sind Mama und ich sowieso nur für dich da.«
»Damit wären wir auch gleich beim Thema«, mischte sich Manon ein. »Nach diesen Flitterwochen wartet in Steinhausen eine Gemeinschaftspraxis auf uns, aber ich fürchte, daß ich mich künftig als Ärztin nicht mehr in dem Maße engagieren kann wie bisher. Ich will für Tessa eine wirkliche Mutter sein und nicht eine, die sich für ihr Kind abends fünf Minuten Zeit nimmt, um es ins Bett zu bringen.«
Dr. Daniel runzelte die Stirn. »Heißt das, daß du deinen Beruf aufgeben willst?«
»Nein, Robert, das nicht«, entgegnete Manon ernst. »Du weißt, daß ich mit Leib und Seele Ärztin bin.« Zärtlich streichelte sie über Tessas schwarze Locken. »Aber ich will auch für mein Kind dasein.« Sie zögerte. »Ich habe mir überlegt, ob man nicht einen Arzt in der Praxis mit aufnehmen könnte, der nur halbtags arbeitet.«
»Ich fürchte, damit würden wir uns schwertun«, meinte Dr. Daniel, dann schüttelte er den Kopf. »Ein weiterer Arzt in unserer Praxis wird auch nicht nötig sein. Zum einen würden wir uns da bloß auf die Füße
treten, denn so groß sind die
Räumlichkeiten ja auch nicht, und zum anderen gibt es immer noch die Waldsee-Klinik.«
Doch Manon war skeptisch. »Wolfgang wird sich herzlich bedanken, wenn wir ihm einen Teil meiner Arbeit auch noch aufhalsen wollen.«
»Davon kann ja überhaupt keine Rede sein«, erwiderte Dr. Daniel. »Vorerst geht es nur darum, deine Sprechzeiten so abzuändern, daß du genügend Zeit für Tessa hast. Und außerhalb der Sprechzeiten ist die Waldsee-Klinik für Notfälle da. Das war schon immer so, und dagegen wird sich auch unser Chefarzt nicht wehren.«
Manon war noch immer unsicher. »Glaubst du das wirklich?«
»Ja.« Liebevoll legte Dr. Daniel einen Arm um ihre Schultern, während er auf dem anderen noch immer seine kleine Tochter trug, dann fuhr er lächelnd fort: »Immerhin bin ich Direktor der Waldsee-Klinik, und da muß auch ein dynamischer Chefarzt wie Wolfgang Metzler klein beigeben.« Er wurde ernst.»Abgesehen davon, daß es in dieser Hinsicht noch nie Probleme gegeben hat. Wolfgang ist selbst Vater, daher weiß er sehr gut, wie dringend eine Mutter zu Hause gebraucht wird.« Er schmunzelte. »Falls er das vergessen haben sollte, werde ich ihn daran erinnern, wie er sich aufgeführt hat, als seine Frau wenigstens halbtags arbeiten wollte.«
Manon lächelte. »So etwas Ähnliches würde mir ja auch vorschweben.«
»Das läßt sich auch ganz bestimmt machen.« Er küßte sie. »Im übrigen bin ich auch noch da. Obwohl ich mich auf die Gynäkologie spezialisiert habe, halte ich mich durchaus für fähig, notfalls eine Erkältung oder einen verstauchten Fuß zu behandeln.«
»Ach, wirklich?« lachte Manon. »Da habe ich ja ein All-
roundgenie geheiratet. Das ist gut zu wissen.«
»Ja, in mir schlummern noch viele verborgene Talente«, spielte Dr. Daniel sich scherzhaft auf.
»Was sind verborgene Talente, Papa?« wollte Tessa wissen, die sich während des Gesprächs zwischen ihren Eltern erstaunlich ruhig verhalten hatte.
»Das sind Dinge, die man kann, ohne es zu wissen«, antwortete Dr. Daniel.
Tessa seufzte abgrundtief. »Das klingt aber schwierig.« Mit etwas schräg geneigtem Kopf sah sie ihren Vater an. »Habe ich so etwas auch?«
Dr. Daniel mußte lachen. »Ja, Tessa, ich denke schon. Deine verborgenen Talente werden sich erst richtig zeigen, wenn du mal zur Schule gehst.«
Tessa verzog das Gesicht. »Muß das sein, Papa? Schule ist langweilig.«
Manon zog die Augenbrauen hoch. »Woher hast du denn diese Weisheit?«
»Von Luigi«, erzählte Tessa bereitwillig, dann fügte sie ernsthaft hinzu: »Der weiß das! Der geht nämlich schon zur Schule.« Sie überlegte angestrengt. »Ungefähr seit einem Jahr.«
Dr. Daniel schmunzelte. »Das ist ja ganz beachtlich. Trotzdem fürchte ich, daß er da noch keine ausreichenden Erfahrungen gesammelt hat.«
»Die Kinder, mit denen ich gespielt habe, wenn sie in den Ferien hier waren, haben auch gesagt, die Schule wäre die blödeste Erfindung des Jahrhunderts«, wandte Tessa energisch ein.
Jetzt mußten Dr. Daniel und Manon herzhaft lachen.
»Also, Tessa, ich kann dir versichern – so schlimm ist die Schule wirklich nicht«, meinte Dr. Daniel. »Wenn wir erst mal in Steinhausen sind, kannst du dich darüber mal mit dem kleinen Rudi Scheibler unterhalten. Das ist der Sohn von unserem Oberarzt, der kommt im September schon in die vierte Klasse, das heißt, er geht bereits seit vier Jahren in die Schule.«
Aus großen Augen sah Tessa ihn an. »Vier Jahre! Dann muß er ja schon fast fertig sein.«
Dr. Daniel schmunzelte. »Na, bis dahin hat er noch ein Weilchen vor sich, aber Rudi geht sehr gern in die Schule, und ich bin sicher, dir wird es dort auch gefallen, Tessa.«
»Mal sehen«, meinte die Kleine, und es war offensichtlich, daß sie in dieser Richtung keine zu großen Eingeständnisse machen wollte. Aber sie liebte ihre Eltern von Herzen.
*
»Ich fahre jetzt los, Papa«, erklärte Elio Sandrini. »Chiara und ich müssen pünktlich in der Klinik sein.« Er warf einen kurzen Blick auf die wenigen Tische, die besetzt waren. »Im Moment ist es ja ziemlich ruhig, und bis zum Abend bin ich bestimmt wieder zurück.«
Paolo Sandrini nickte mit mürrischem Gesicht, was Elio natürlich nicht entging.
»Papa, ich habe dir erklärt…«, begann er, doch sein Vater ließ ihn gar nicht aussprechen.
»Ich weiß schon«, fiel er Elio ins Wort. »Diese Untersuchung ist ja so wichtig.« Seine Stimme triefte dabei vor Sarkasmus, dann sah er seinen Sohn mit funkelnden Augen an. »Ich hätte eine solche Frau längst zum Teufel geschickt, aber du läßt dir von Chiara ja auf der Nase herumtanzen. Nur eine kleine Träne, und schon wirst du in ihren Händen weich wie Wachs, und das weiß dieses Luder ganz genau.«
»Papa! Ich will nicht, daß du in dieser Weise über Chiara sprichst!« erklärte Elio energisch. »Sie ist immerhin deine Schwiegertochter, und als ich sie geheiratet habe, warst du überglücklich…«
»Weil ich dachte, daß ein so schönes Mädchen wundervolle Kinder zur Welt bringen würde«, erwiderte Paolo Sandrini. »Dabei ist sie in Wirklichkeit eine totale Niete!« Er überlegte einen Moment. »Aber wer weiß…, vielleicht ist diese Untersuchung ja gar nicht so schlecht. Ich traue ihr zu, daß sie irgend etwas gemacht hat, um nicht schwanger zu werden. Es gibt da diese komischen Dinger, die sich Frauen heutzutage einsetzen lassen, nur damit sie kein Kind bekommen.«
»Du bist unmöglich, Papa!« erklärte Elio, dann drehte er sich um und verließ die Pizzeria. Diese Diskussionen, bei denen sein Vater immer wieder derartige Verdächtigungen vorbrachte, gingen ihm allmählich auf die Nerven, und dabei merkte Elio gar nicht, wie die Pflänzchen des Mißtrauens, die sein Vater seit Monaten immer wieder gesetzt hatte, langsam ihre Wirkung zeigten.
Rasch stieg Elio in sein Auto und fuhr zu dem kleinen Haus, das er mit Chiara bewohnte. Sie mußten sich beeilen, wenn sie noch pünktlich bei der kleinen Klinik des Klosters eintreffen wollten.
Chiara wartete schon auf ihn, und Elio bemerkte, wie entsetzlich blaß sie war. Unwillkürlich mußte er an die Worte seines Vaters denken, und obwohl er diesen Verdacht weit von sich weisen wollte, blieb doch ein Rest Zweifel in ihm zurück.
Immer wieder ließ Elio einen Blick über seine zierliche Frau gleiten und fragte sich dabei, ob sie ihn wohl tatsächlich betrügen würde…, ob ihre Kinderlosigkeit womöglich tückische Berechnung war. Sein Gefühl lehnte diesen schrecklichen Verdacht kategorisch ab, doch in seinem Kopf hatte er sich festgesetzt und war nicht mehr zu verscheuchen.
»Hast du Angst?« fragte er, doch in seiner Stimme lag dabei nicht so viel Mitgefühl, wie es dieser Situation angemessen gewesen wäre.
Chiara nickte.
»Ja, Elio«, flüsterte sie. »Ich habe sogar schreckliche Angst.«
Elio zögerte. Er spürte, daß Chiara die Wahrheit sagte, und er wußte auch, daß sie nur Angst hatte, weil ihr Vater sie in seiner Praxis so oft mit seiner entsetzlichen Grobheit gequält hatte.
»Und wovor?« hörte er sich trotzdem fragen. »Nur vor der Untersuchung oder etwa auch vor dem Ergebnis?«
Ziemlich erstaunt sah Chiara ihn an. »Du sagst das so komisch, Elio.«
Er zuckte die Schultern. »Bekomme ich dennoch eine Antwort?«
»Natürlich, Elio«, erwiderte Chiara leise. »Ich habe vor beidem Angst… vor der Untersuchung, weil ich glaube, daß sie mir schrecklich weh tun wird… und vor dem Ergebnis, weil…, weil es das Ende unserer Ehe bedeuten kann.«
Wieder wußte Elio, wie ihre Worte gemeint waren, daß sie Angst hatte, unfruchtbar zu sein, doch der Zweifel, den sein Vater geweckt hatte, saß bereits zu tief, als daß Elio sich noch vollständig davon hätte befreien können.
Wenn mein Vater recht hat, dachte er, wenn sie nur kein Kind bekommt, weil sie sich mit Verhütung besser auskennt als ich, dann werde ich die Ehe wirklich annullieren lassen.
*
Dr. Daniel wartete bereits auf Chiara und Elio. Er war absichtlich früher hergefahren, um sich mit den Räumlichkeiten der Klinik vertraut zu machen. Dabei hatte er auf den ersten Blick gesehen, daß eine so detaillierte Untersuchung, wie er sie in der Waldsee-Klinik hätte machen können, hier nicht möglich war. Aber vielleicht würde es ja schon ausreichen, bei Chiara die Durchgängigkeit der Eileiter zu kontrollieren.
Jetzt ging er dem jungen Ehepaar entgegen und ergriff väterlich Chiaras Hände.
